Wie viel Leben passt in eine Tüte? - Donna Freitas - E-Book

Wie viel Leben passt in eine Tüte? E-Book

Donna Freitas

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Beschreibung

Ein bewegender Roman über den Schmerz des Abschiednehmens und den Zauber eines Neuanfangs, für Mädchen ab 13. 

Eine schlichte braune Papiertüte mit der Aufschrift "Roses Survival Kit". Darin: ein iPod, ein Foto mit Pfingstrosen, ein Kristallherz, Buntstifte, ein Papierstern, ein Papierdrachen. Ein letztes Geschenk ihrer verstorbenen Mutter an Rose – und der Beginn einer Reise. Zögernd lässt Rose sich darauf ein. Jeder Gegenstand scheint sie dabei auf seltsame Art zu Will zu führen, für den sie schon bald mehr empfindet als bloße Freundschaft ...


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Das Buch

Eine schlichte braune Papiertüte mit der Aufschrift »Roses Survival Kit«. Darin: ein iPod, ein Foto mit Pfingstrosen, ein Kristallherz, Buntstifte, ein Papierstern, ein Papierdrachen. Das letzte Geschenk ihrer verstorbenen Mutter an Rose – und der Beginn einer Reise. Zögernd lässt Rose sich darauf ein. Jeder Gegenstand scheint sie dabei auf seltsame Art zu Will zu führen, für den sie schon bald mehr empfindet als bloße Freundschaft ...

»Eine rührende Geschichte über Abschied, Trauer und Neubeginn.« BuchMarkt

Die Autorin

© Allen Murabayashi

Donna Freitas wurde in Rhode Island geboren, studierte Spanisch und Philosophie und hat einen Doktortitel in Theologie. Neben ihrer Tätigkeit als Professorin an der Boston University veröffentlichte sie mehrere Sachbücher zum Thema Jugend und Religion und schreibt für bekannte Zeitungen und Magazine, darunter das Wall Street Journal, die Washington Post und Newsweek.

»Wie viel Leben passt in eine Tüte? « ist ihr erster Jugendroman in deutscher Übersetzung.

Der Verlag

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Viel Spaß beim Lesen!

Dieses Buch ist meiner Mutter gewidmet,deren echte Survival Kitsmich zu dieser Geschichte inspiriert haben.

Und Frances Foster und Miriam Altshuler,die mich in den vergangenen Jahrenunterstützt und ermutigt habenund für mein eigenes Überleben unerlässlich waren.

Juni

DAS NACHTBLAUE KLEID

CAN’T GO BACK NOW

The Weepies

Ich fand es an dem Tag, an dem meine Mutter beerdigt wurde. Sie hatte es an einem Ort verborgen, von dem sie wusste, dass ich dort nachschauen würde. Es hing an ihrem Lieblingskleid, das ich immer so gern hatte anziehen wollen.

»Eines Tages, wenn du alt genug bist«, sagte sie dann jedes Mal.

Ist sechzehn alt genug?

Nachdem die letzten Trauergäste gegangen waren, begannen Dad, mein Bruder Jim und ich, darüber zu streiten, was mit Moms Sachen geschehen sollte. Dad hätte am liebsten alles weggeräumt, ich hingegen wollte, dass alles genau so blieb, wie sie es hinterlassen hatte. Als ich das Geschrei und die beklemmende Stille dazwischen nicht mehr ertrug, lief ich davon. Und dann stand ich plötzlich vor dem Kleiderschrank meiner Mutter, spürte den kühlen, schwarzen Metallgriff unter meinen Fingern und schlüpfte hinein. Ich zog die Tür hinter mir zu, die laut schnappend ins Schloss fiel, und tauchte in die Dunkelheit ein. Ich tastete nach der Schnur, mit der man das Schranklicht anknipsen konnte, und als meine Finger den Knoten am unteren Ende umschlossen, zog ich daran. Vom grellen Licht der Glühbirne schossen mir Tränen in die Augen und mir wurde leicht schwindelig, deshalb ließ ich mich auf den kleinen Schemel sinken, den Mom immer benutzt – nein, benutzt hatte –, um an die Fächer ganz oben im Schrank zu gelangen.

In diesem Augenblick war ich mir sicher, dass ich nicht hätte herkommen sollen.

Alles um mich herum roch nach ihr – nach ihrem Parfum, ihrem Shampoo, ihrer Seife. Mein Blick wanderte nach oben. Ihre Kleider waren einfach da, als wäre auch sie immer noch hier, als könnte sie jeden Moment hereinkommen und sich eine Jeans aus dem Schrank nehmen oder einen ihrer mit Farbklecksen bedeckten Malerkittel für die Schule. Mein Blick streifte Röcke, die nie wieder getragen, Blusen und leichte Baumwollkleider, die wahrscheinlich verschenkt werden würden, und auf einem der unteren Regalfächer den Stapel mit Sonnenhüten, die sie immer bei der Gartenarbeit getragen hatte. Alles strahlte in leuchtenden, fröhlichen Farben wie die Blumen in ihrem Garten und die kunterbunten Collagen an den Wänden ihres Klassenzimmers – bis auf das eine Kleid.

Halt suchend stützte ich mich mit den Händen an den Wänden ab, stand auf, watete durch die Schuhe auf dem Boden und schob alles beiseite, was mir im Weg war, bis ich es sah: das nachtblaue Kleid, dessen dunkler, samtiger Stoff mit Abertausenden golden glitzernden Pünktchen übersät war, die wie Sterne am Nachthimmel funkelten. Meine Mutter hatte es manchmal bei einem Spaziergang an einem lauen Sommerabend getragen oder wenn sie sich auf die zierlichen, weißen Gartenstühle inmitten ihrer Rosen setzte, wo sie mir, als ich klein war, unter dem Blumenhimmel vorlas.

Am Kleiderbügel war ein hellblaues Band mit einer hübschen, kleinen Schleife befestigt, das durch eine fein säuberlich ausgeschnittene, kreisrunde Öffnung in einer braunen Papiertüte gezogen war. Auf der Vorderseite der Tüte stand in blauen Lettern in der großen, geschwungenen Handschrift meiner Mutter:

Roses Survival Kit

Mein Herz schlug schneller. Mom hatte in ihrem Leben so vielen Menschen ihre berühmten Survival Kits geschenkt – aber für mich hatte sie noch nie eines gemacht. Behutsam nahm ich die Papiertüte mitsamt dem Kleid von der Stange und trug sie in den mitternachtsblauen Stoff gebettet aus dem Schrank und durch den Flur bis in mein Zimmer, wo ich sie sanft wie ein schlafendes Kind auf mein Bett legte.

»Mom?«, flüsterte ich, zuerst zum Boden, dann zur Decke, dann durch das geöffnete Fenster zur Wiese und zum Himmel und zu den Blumen in ihrem Garten, als sei sie dort irgendwo. Eine sanfte Sommerbrise streifte meinen Rücken und strich mir über die Wange und wieder wallte das Wort Mom in mir auf, während ich nachdenklich die Papiertüte betrachtete. Die Oberkante war so sauber umgefaltet, dass es aussah, als hätte Mom sie gebügelt. Mit zitternden Fingern öffnete ich die Tüte. Das laute Knistern des Papiers in der Stille erschreckte mich und ich hielt inne. Mein Atem stockte und ich begann am ganzen Leib zu zittern. Noch ehe ich einen Blick auf den Inhalt erhascht hatte, nahm ich Kleid und Tüte und trug sie fest an mich gepresst zu meinem Kleiderschrank. Festliche Abschlussballkleider hingen dicht gedrängt neben Stapeln mit zusammengelegten Bluejeans, Pullis und der Collegejacke, die ich niemals getragen hatte. Rasch schob ich das Kleid und die Papiertüte hinein und sperrte den Schrank wieder zu.

Ich schloss die Augen. Eines Tages würde ich bereit sein, mein Survival Kit zu öffnen, aber nicht jetzt. Es war noch zu früh.

»Rose? Wo bist du?« Dads Stimme hallte durch das leere Haus und ich zuckte erschrocken zusammen. Ich hatte ganz vergessen, dass ich nicht allein war, dass mein Vater und mein Bruder – das, was von meiner Familie noch übrig war – unten in der Küche saßen.

»Was ist denn, Dad?«, rief ich zurück und holte tief Luft, um mich wieder zu fangen.

»Wir brauchen dich in der Küche.«

»Ist gut. Ich komme gleich«, rief ich und versuchte, die Gedanken an das Survival Kit aus meinem Kopf zu verbannen.

Zumindest fürs Erste.

September & Oktober

DIE AUSSICHT AUF PFINGSTROSEN

ABOUT A GIRL

The Academy Is . . .

Die Sommerferien waren vorüber. Am vierten September begann die Schule wieder und ich fürchtete mich vor dem Tag. Exakt drei Monate waren seit dem Tod meiner Mutter vergangen und ich hatte bereits gelernt, den vierten jeden Monats zu hassen, die unerbittliche Art, mit der dieses Datum regelmäßig wiederkehrte und alles überschattete. Ich ging nach draußen, um darauf zu warten, zur Schule abgeholt zu werden. Dabei wäre ich beinahe über etwas – oder besser gesagt über jemanden – gestolpert.

Will Doniger stellte gerade den Rasensprenger in unserem Vorgarten auf. Als ich mit der Schuhspitze an seinem Rücken hängen blieb, blickte er unter seiner Lockenmähne zu mir hoch, sagte aber kein Wort.

»Entschuldigung«, murmelte ich und machte einen Schritt zur Seite.

Er nickte unmerklich, mehr nicht.

Will und ich gingen auf dieselbe Schule. Er war eine Klasse über mir in der Zwölften und half uns bei der Gartenarbeit, seit ich denken konnte. Und nun hatten er und ich noch etwas Wesentliches gemeinsam: Sein Vater war an Krebs gestorben, genau wie Mom. Dennoch sprachen wir nie miteinander und so machte ich einen Bogen um ihn und ging weiter.

Ehe meine Mutter starb, hatte Will lediglich den Rasen gemäht, doch nach ihrem Tod kam er jeden Tag zu uns. Er hatte die Firma seines Vaters übernommen – Doniger Garten- und Landschaftsbau stand auf seinem Lieferwagen – und wir brauchten jemanden, der uns bei der Pflege von Moms Garten half. Ohne Wills Hilfe wäre alles verdorrt oder verwildert, auch wenn ich ihm das nie gesagt hätte.

Kurz vor der Straße blickte ich noch einmal zurück. Will kauerte mit angespannten Muskeln in der gleißenden Sonne und hatte den Blick in die Ferne gerichtet. Ich überlegte gerade, ob ich doch noch etwas zu ihm sagen sollte, als ich eine leuchtend rote Gerbera entdeckte, die sämtliche Blumen im Nachbargarten überragte. Ich streckte die Hand aus, pflückte sie und schnupperte an den langen Blütenblättern, die mein Gesicht kitzelten. Das Bild meiner Mutter mit einem üppigen Blumenstrauß im Arm schoss mir durch den Kopf und meine Finger ließen den klebrigen, grünen Stängel so schnell los, als hätte er Dornen. Die Blume fiel zu Boden und ich starrte sie an. Ein Auto hupte. Chris Williams, seit zwei Jahren mein fester Freund, hielt vor unserem Haus am Straßenrand. Ich drehte mich um und lief eilig zu ihm, während die Sohlen meiner Schuhe die roten Blütenblätter der Gerbera auf dem Bürgersteig zertraten.

»Hallo, Schatz, du siehst umwerfend aus«, rief mir Chris über die Musik aus dem Autoradio hinweg zu. »Die offenen Haare stehen dir wirklich gut. Viel besser als dein ewiger Pferdeschwanz!«

Meine Hand lag auf dem Türgriff und ich zögerte einen Augenblick, während ich versuchte, meine Lippen zum Lächeln zu bringen. In letzter Zeit erschreckten mich Komplimente über mein Aussehen, und ich versuchte mir klarzumachen, dass Chris nur nett zu mir sein wollte. »Danke«, sagte ich schließlich, holte tief Luft und stieg ein. Ich war noch nicht angeschnallt, da trat Chris schon aufs Gas und begann ausführlich von seinem gestrigen Footballtraining zu erzählen. Dabei bemerkte er nicht einmal, dass ich das Radio ausstellte, jedenfalls nicht sofort.

»He, warum hast du die Musik ausgemacht?«, protestierte er schließlich.

Ich schwieg und sah stur geradeaus.

»Eines Tages musst du wieder anfangen, Musik zu hören«, sagte er nach einer Weile. »Deine Mutter hätte nicht gewollt, dass du den Rest deines Lebens in vollkommener Stille verbringst.«

»Aber es macht mich so traurig«, flüsterte ich. »Bitte lass uns nicht schon wieder davon anfangen, ja?«

Chris seufzte. »Na schön«, lenkte er ein und konzentrierte sich wieder auf die Straße. Seine Daumen trommelten leise im Takt gegen das Lenkrad, als hörte er noch immer Musik, dann fuhr er mit seiner Geschichte fort. »Also, jedenfalls habe ich den Ball zu Jason gepasst – vierzig Meter weit – und er ist direkt in seinen Armen gelandet, und ich dachte, hoffentlich kriegen wir das bei dem Spiel am Samstag auch noch mal so hin. Echt schade, dass du diesen sagenhaften Wurf nicht gesehen hast.« Er sah mich fragend an. »Hörst du mir überhaupt zu?«

Ich nickte, bemühte mich erneut um ein Lächeln und er redete weiter.

Football spielte an unserer Highschool eine zentrale Rolle. Chris Williams war der Quarterback und damit drehte sich automatisch alles um ihn. Er war der Junge an unserer Schule – Supersportler und Mädchenschwarm, der Typ, mit dem jedes Mädchen zusammen sein wollte. Chris war süß, sah gut aus und stand immer im Mittelpunkt, aber vor allem war er mein Freund. Als er sich in meinem ersten Jahr an der Highschool von allen Mädchen ausgerechnet mich als Freundin ausgesucht hatte, konnte ich mein Glück kaum fassen. Eine Collegejacke mit dem Namen eines Footballspielers auf dem Rücken zu tragen war so ziemlich das Coolste, was sich ein Mädchen in einer Stadt wie der unseren erträumen konnte, und durch die Tatsache, dass ich den Namen Chris Williams auf meiner Jacke trug, wurde ich zu dem Mädchen. Sogar bei den Cheerleadern machte ich mit.

Doch seit dem Tod meiner Mutter war alles anders.

Ich hatte mit allem aufgehört – den Partys, dem Cheerleading und zu Chris’ großem Bedauern auch mit dem Sex. Mein Körper fühlte sich ungeschützt und verletzlich an wie eine große, offene Wunde. Sex wäre falsch, wenn nicht gar unmöglich, und die Mauer, die ich zwischen meinem und seinem Körper errichtet hatte, sorgte in unserer Beziehung für starke Spannungen. Früher hatte ich seine Berührungen gemocht, doch nun konnte ich es kaum ertragen, angefasst zu werden. Das Einzige, was ich aus meinem früheren Leben noch nicht aufgegeben hatte, war mein Titel als Chris Williams Freundin. Wenn ich nicht aufpasste, würde ich auch den bald verlieren.

Als Chris an einer roten Ampel hielt, beugte er sich zu mir und streifte mit seinen Lippen sachte über mein Ohr und meinen Nacken. Ich erschauerte, jedoch nicht vor Wohlbehagen. Ich wusste, dass er mich küssen wollte, aber ich brachte es einfach nicht über mich, ihm mein Gesicht zuzuwenden. Stattdessen sah ich starr geradeaus, als bemerkte ich ihn gar nicht, bis die Ampel auf Grün sprang und er gezwungen war, seine Aufmerksamkeit wieder auf den Verkehr zu richten. Seine Miene war düster und ich fühlte mich schuldig, weil ich so abweisend war, doch dann wurden seine Gesichtszüge weicher.

»Bitte entschuldige, Rose. Ich habe ganz vergessen, dass heute der Vierte ist. Wie geht es dir?«

Die Tatsache, dass Chris an das Datum gedacht hatte, versetzte mir einen Stich. »Ich weiß nicht«, sagte ich schließlich und griff nach seiner Hand, um ihm zu zeigen, wie dankbar ich ihm war. »Ganz gut, glaube ich. Nett, dass du gefragt hast.«

»Vier Monate ist es jetzt her, oder?«

»Drei«, verbesserte ich ihn. Seine Finger verflochten sich mit meinen und drückten meine Hand. Den Rest der Fahrt schwiegen wir und kurze Zeit später bogen wir auf den Schulparkplatz ein. Chris fuhr die lange Reihe parkender Autos in unmittelbarer Nähe des Eingangs entlang und natürlich war der beste Platz noch frei. Der Quarterback der Highschool genoss gewisse Vorrechte, und Chris lenkte den Wagen mit vollkommener Selbstverständlichkeit in die Parklücke. Er stieg sofort aus, doch ich saß nur reglos da, beobachtete, wie ein Sonnenstrahl auf die metallisch glänzende Kühlerhaube seines Geländewagens fiel, und wünschte, ich wäre eines jener Mädchen, die ohne Gewissensbisse die Schule schwänzten.

»Kommst du?«, rief Chris von draußen.

Ich nickte und drehte den Rückspiegel zu mir, um noch einen raschen Blick hineinzuwerfen. Der Schlaf hatte mich auch in dieser Nacht im Stich gelassen und ich hoffte, dass die Augentropfen meine geröteten Augen zumindest so weit in Schach hielten, dass niemand eine Bemerkung darüber machte. Ich fuhr in die Ärmel von Chris’ riesiger Jacke, in der mein schmaler Körper versank und die mich auf wohltuende Weise behütete und verbarg.

Chris klopfte ungeduldig gegen die Windschutzscheibe. Im Sonnenlicht wirkte sein blondes Haar beinahe weiß. Als Paar waren wir wie ein Foto und sein Negativ – er der strahlende, sportliche Blonde mit der goldschimmernden Haut und ich schmal, blass und dunkelhaarig. Als ich aus dem Wagen stieg, legte Chris seinen Arm um meine Schulter und schirmte mich vor den neugierigen und mitfühlenden Blicken der anderen ab. In solchen Momenten genoss ich den Körperkontakt, weil er mich schützte – nur bei einer Annäherung wehrte ich mich dagegen.

Wir gingen zum Eingang. Aus den Augenwinkeln sah ich Kecia Alli, eine der Cheerleader, auf dem Kofferraum ihres Wagens sitzen und wurde sofort von Gewissensbissen geplagt. Ich hatte schon seit Monaten – seit meinem Austritt – kein Wort mehr mit ihr gewechselt.

»Hallo, ihr beiden«, rief eine melodische Stimme, und zum ersten Mal an diesem Tag war mein Lächeln echt. Krupa Shakti, meine allerbeste Freundin auf der ganzen Welt, gesellte sich zu uns.

»Hallo, Krupa«, sagte Chris und hielt uns die Tür auf. »Kommst du am Samstag?« Er meinte natürlich sein Footballspiel.

»Ja, aber nur die ersten fünf Minuten, wie immer«, erwiderte sie.

Krupa hatte für Sport nichts übrig. Die Schule bezahlte sie dafür, dass sie vor den Spielen die Nationalhymne sang. Sie sparte für ein Musikstudium in New York und konnte es kaum erwarten, mithilfe ihrer Stimmbänder endlich von hier wegzukommen. Krupa war klein und zierlich, doch sie besaß die größte, kräftigste und unfassbar schönste Stimme, die ich jemals gehört hatte. Es wirkte fast so, als hätte jemand das Stimmvolumen einer Hundertfünfzigkilofrau in den Körper eines Fünfzigkilomädchens verpflanzt.

»Vielleicht kannst du Rose dazu überreden, am Samstag mitzukommen, selbst wenn es nur für ein paar Minuten ist. Das wäre zumindest ein Anfang, nicht wahr, Schatz?«, raunte er mir ins Ohr. »Nur fünf Minuten?«

Mir wurde das Herz schwer. Mein Boykott der Footballspiele war der zweite Grund für die jüngsten Spannungen zwischen Chris und mir. Das Stadion rief schmerzhafte Erinnerungen in mir wach. Als ich erfahren hatte, dass Mom ins Krankenhaus musste und mein Leben nie wieder so werden würde wie früher, war ich gerade beim Cheerleadertraining gewesen.

Krupa schien die Panik in meinem Blick zu bemerken, denn sie antwortete Chris, noch ehe ich etwas sagen konnte. »Wer weiß, vielleicht kommt sie ja ein anderes Mal mit.« Zu mir gewandt fuhr sie fort: »Sehen wir uns beim Mittagessen?«

»Klar«, erwiderte ich und Krupa winkte mir noch einmal zu, bevor sie nach links zu unserem gemeinsamen Schließfach abbog. Chris und ich gingen weiter den Flur entlang, bis wir vor dem Raum standen, in dem ich Spanisch hatte. Er blickte zu mir herunter und lächelte mich an. Obwohl ich mich wirklich bemühte, so zu tun, als sei alles in Ordnung, schien sich mein ganzer Körper zu verkrampfen. Als Chris sich vorbeugte, um mir einen Kuss zu geben, fragte ich mich insgeheim, ob sich meine Lippen für ihn genauso eiskalt anfühlten wie für mich.

MY BEST FRIEND

Weezer

Das riesige, zweistöckige Gebäude der Lewis Highschool bot über dreitausend Schülern Platz. In manchen Teilen der Schule war ich noch nie gewesen und vermutlich gab es Schüler, denen ich während der gesamten Schulzeit nicht ein einziges Mal über den Weg laufen würde. Wenn ich in den Pausen durch den Schulflur zur nächsten Stunde ging, war meistens Chris an meiner Seite, doch heute oblag es Chris’ bestem Freund Tony Greco, einem gut hundert Kilogramm schweren und ein Meter neunzig großen Riesen und Verteidiger aus dem Footballteam, mich zur Cafeteria zu begleiten, wo ich mich mit Krupa zum Mittagessen traf. Ohne seinen treuherzigen Hundeblick und sein goldenes Herz wäre Tony wahrlich zum Fürchten gewesen.

»Hör mal, Rose«, sagte er mit seiner tiefen, dunklen Stimme, während wir jeder ein blaues Plastiktablett vom Stapel nahmen. »Wann legst du bei deiner Freundin endlich ein gutes Wort für mich ein?« Er musste sich tief bücken, um das Tablett über die Metallschienen zu schieben, die ihm gerade einmal bis zu den Knien reichten.

Seit ich mit Chris zusammen war, erkundigte sich Tony regelmäßig nach Krupa. Ich musste jedes Mal schmunzeln, wenn ich mir die beiden als Pärchen vorstellte, da er etwa dreimal so groß war wie sie, doch ich beherrschte mich. »Aber du weißt doch, dass sie sich nicht mit Sportlern abgibt«, rief ich ihm ins Gedächtnis.

»Eines Tages wird sie diese dämliche Regel aufgeben«, erklärte er mit ernster Miene.

»Das hoffe ich für dich«, erwiderte ich. Ehe sich unsere Wege trennten und Tony zu den Burgern und ich zu den Sandwiches ging, wollte ich ihm wenigstens ein klein wenig Hoffnung machen. »Aber weißt du was? Wenn sich Krupa mit Sportlern treffen würde, wärst du bestimmt ihre erste Wahl.«

Tony legte mir seine Pranke auf die Schulter. »Das ist nett von dir«, sagte er, beugte sich zu mir herab und hauchte mir einen Kuss auf mein Haupt, bevor er davontrabte. Die Leute machten ihm automatisch Platz, ohne dass er etwas sagen musste.

In der Cafeteria war es an diesem Tag besonders voll und die Hälfte meiner Mittagspause verbrachte ich damit, für mein Sandwich und meine Cola anzustehen. Während ich mich mit dem Tablett in der Hand zwischen den Schülerscharen hindurchschlängelte und verzweifelt versuchte, nichts zu verschütten, tat ich so, als bemerkte ich nicht, dass die meisten Mädchen am Tisch der Cheerleader zu mir herüberstarrten. Endlich entdeckte ich Krupa, den einzigen Menschen auf der ganzen Welt, bei dem ich mich jetzt, wo es Mom nicht mehr gab, sicher fühlte. Sie erinnerte mich daran, dass noch etwas von der alten Rose in mir steckte und noch nicht für immer verschwunden war. Auf dem Tisch vor ihr türmten sich etliche bunte Plastikdöschen, die wie Puppengeschirr aussahen und das selbst gekochte indische Essen ihrer Mutter enthielten. Krupa spießte gerade ein Blumenkohlröschen mit safrangelber Soße auf ihre Gabel und steckte es sich in den Mund. Der köstliche Duft nach Curry stieg mir in die Nase und ich bereute zutiefst, mir nur ein fades Sandwich gekauft zu haben. Während ich mein Tablett auf dem Tisch abstellte und mich auf den freien Platz setzte, dachte ich voller Sehnsucht an die Zeit zurück, als mir meine Mutter auch so leckere Sachen für die Schule eingepackt hatte.

»Na, wie läuft’s?«, erkundigte ich mich.

»Wie immer«, antwortete Krupa und wedelte mit ihrer Gabel wie ein Dirigent durch die Luft. »Schulaufgaben. Tests. Bla, bla, bla.« Sie schob mir eine Dose mit Linsengemüse hin und ich nahm mir einen Löffel davon. Der Geschmack war so intensiv, dass ich mich fragte, ob Mrs Shaktis Kochkünste wohl in der Lage wären, die Erinnerung an die letzten Monate auszulöschen. »Stell dir vor, Miss Halpert hat mich zu sich gerufen und mich gefragt, ob ich dieses Jahr vor den Eishockeyspielen die Nationalhymne singen möchte.«

Ich sah sie überrascht an. »Aber du hasst es doch schon wie die Pest, zu den Footballspielen zu gehen.«

Krupa nahm einen Schluck von ihrem Schokomilchshake, dem einzigen Nahrungsmittel, das sie in der Cafeteria kaufte. »Schon, aber ich bekomme hundert Dollar pro Spiel. Das ist doppelt so viel wie beim Football.«

»Hundert Dollar? Nicht schlecht«, erwiderte ich beeindruckt.

»Ja, der Wahnsinn, oder?« Krupas braune Augen leuchteten in ihrem dunklen Gesicht. »Und es gibt jede Menge Spiele. Praktisch jeden Freitag und Samstag von November bis März.« Sie tunkte ihr Naan-Brot in eine Joghurtsoße, die so stark nach Knoblauch roch, dass ich es beinahe schmecken konnte. »So leicht kann ich sonst nirgendwo Geld verdienen.«

»Na ja, so leicht verdient ist es nun auch wieder nicht, wenn man bedenkt, dass dafür sämtliche Wochenenden verpfuscht sind.«

»Wieso denn? Schließlich kommt ja meine beste Freundin mit«, erklärte Krupa grinsend, riss ihr restliches Brot in zwei Stücke und hielt mir die Hälfte hin.

»Ich lasse mich nicht erpressen«, sagte ich, griff aber trotzdem zu.

»Es ist doch nur Eishockey. Eine völlig harmlose Sportart ohne jeglichen Rose-Ballast, also schnapp dir einen Wollpulli und Handschuhe und – he!«, protestierte sie und hielt schützend die Hand über die Linsen, ehe ich mir den letzten Rest mit dem Löffel nehmen konnte. »Iss gefälligst dein Sandwich. Apropos Rose-Ballast –«

Ich hob abwehrend die Hand. »Ich will nicht darüber reden.«

»Rose«, sagte sie drängend.

»Krupa«, erwiderte ich zwischen zwei Bissen mit vollem Mund.

»Du kannst diesem Thema nicht ewig aus dem Weg gehen.«

»Aber ich will nicht über Chris reden. Es ist alles okay.«

»Wie lange willst du dieses Theater vom perfekten Pärchen eigentlich noch spielen?«

Ich pickte die Rinde von meinem Sandwich. »Das ist kein Theater«, erwiderte ich, tunkte die Kruste in die Schale mit Joghurt und geraspelter Gurke und genoss den kühlen Geschmack des indischen Dips. »Mmm, lecker.«

Krupa funkelte mich an, als hätte ich eine Todsünde begangen.

»Pass auf. Immer wenn du dich ab jetzt darüber ärgerst, dass ich dir dein Mittagessen wegesse, musst du einfach nur Eishockey denken«, sagte ich in der Hoffnung, dass ich sie vom Thema ablenken konnte. »Und zwar jeden Freitag und Samstag im Winter«, fügte ich sicherheitshalber hinzu. Leider vergebens.

»Rose, ich weiß, dass du Chris liebst. Und ich weiß, dass er dich auf seine beschränkte, gut gemeinte Sportlerart ebenfalls liebt und dass ihr schon ewig zusammen seid – wie lange noch mal genau?«

Ich seufzte. »Im Oktober sind es zwei Jahre.«

»Eben. Sagen wir, ungefähr eineinhalb Jahre davon sind ganz gut gelaufen, aber jetzt hat sich etwas verändert. Gib’s zu.«

»Krupa, muss das wirklich sein? Ich habe einfach keine Lust, darüber nachzudenken.«

»Ja, es muss sein. Dieses Gespräch ist schon längst überfällig.« Krupa wischte mit dem letzten Stück Brot eine Schale leer. »Glaub mir, danach geht es dir besser.«

»Von wegen. Es macht mir Angst.«

»Aber es wird dir eine Last von der Seele nehmen.« Krupa betonte jedes einzelne Wort.

Ich verdrehte die Augen. »Na schön. Wenn’s sein muss«, lenkte ich ein. In diesem Moment ertönte ein lauter elektronischer Gong. »Es klingelt«, rief ich erleichtert. »Ich muss jetzt zu Deutsch.« Ich schob mir das restliche Sandwich in den Mund und spülte es rasch mit einem Schluck Cola hinunter.

»Wir reden später weiter«, sagte Krupa und stand auf. Ich stellte mein Tablett zurück, während sie sämtliche Döschen in einer großen Dose verstaute. »Soll ich dich nach der Schule mitnehmen?«

»Ja, gern. Chris hat Training.«

»Wir treffen uns auf dem Parkplatz«, sagte sie.

Wie üblich erwartete mich Chris am Ausgang der Cafeteria, um mich zur nächsten Stunde zu begleiten. Mein Lächeln, das während des gesamten Mittagessens echt gewesen war, erlosch und ich befürchtete, dass Krupa recht behalten und es nicht mehr lange dauern würde, bis Chris und ich der Wahrheit ins Auge sehen mussten.

HOW TO SAVE A LIFE

The Fray

Es dauerte zehn Minuten, bis Krupas Wagen endlich ansprang. Als wir losfuhren, fragte ich mich angespannt, ob wir es bis zu uns schaffen würden, ohne liegen zu bleiben, und ihr ging es wohl ebenso, denn sie setzte mich zu Hause ab, ohne auch nur ein Wort über unser begonnenes Gespräch in der Cafeteria zu verlieren.

»Bis später!«, rief sie mir durch das heruntergekurbelte Fenster zu und brauste in einer Abgaswolke davon.

Auf dem Weg zur Haustür tauchte das Bild der roten Gerbera in meinem Kopf auf und der Gedanke daran versetzte mir einen Stich. Mein Blick glitt suchend über den Bürgersteig und ich stellte erleichtert fest, dass ihre kläglichen Überreste verschwunden waren, als hätte sie niemals existiert. Ein tiefes Dröhnen kam langsam näher und bog um unsere Hausecke. Da war er wieder – Will Doniger, nur dieses Mal hinter dem Rasenmäher. Er schob den Mäher bis zum Rand der Wiese, machte kehrt und mähte die nächste Reihe. Ich sah ihm stumm dabei zu, bis er hinter einer Gruppe von Bäumen verschwand. Als ich gerade hineingehen wollte, fiel mir auf, dass Dads Wagen neben Wills Lieferwagen parkte. Ich blieb abrupt stehen, schloss die Augen und musste mich beherrschen, um nicht laut loszuschreien. So früh kam mein Vater normalerweise nie von der Arbeit, und das konnte nur eines bedeuten. Mein Magen verkrampfte sich und ich presste meine Schultasche an mich, als könnte ich damit verhindern, dass die Welt um mich herum auseinanderbrach. Seit dem Sommer hatte mein Vater angefangen zu trinken. Er hatte zwar schon immer ab und zu etwas getrunken, aber in den letzten Monaten war sein Alkoholkonsum drastisch gestiegen und das machte mir Angst. Seit jenem Tag, an dem er zum ersten Mal sturzbetrunken nach Hause gekommen und auf dem Sofa zusammengeklappt war, hatte ich das Gefühl, auch ihn jeden Moment verlieren zu können.

»Weiteratmen, Rose. Du musst weiteratmen«, ermahnte ich mich und stützte mich auf den Knien ab, um nicht umzufallen.

Es war, gelinde ausgedrückt, eine echte Herausforderung, mich um alles zu kümmern – den Haushalt, das Essen und all die anderen Dinge. Erst jetzt, wo ich die alleinige Verantwortung für diese Aufgaben trug, wurde mir bewusst, wie viel meine Mutter geleistet hatte. Das Einzige, worum ich mich nicht kümmern musste, war mein Bruder Jim. Er studierte in einer anderen Stadt und ich vermisste ihn schrecklich, vor allem an den Tagen, an denen es Dad nicht gut ging.

In den vergangenen Monaten hatte sich alles verändert. Mein Vater war zerbrechlich wie das Glas eines Bilderrahmens geworden und ich war sein stabiler Ständer, der dafür sorgte, dass er nicht umfiel und in tausend Stücke zerschellte. Ich hatte eine neue Routine für uns entwickelt, die ihm helfen sollte, durch den Tag zu kommen. Schon am frühen Morgen mahlte ich den Kaffee in dieser irrsinnig lauten Kaffeemühle, deren unüberhörbares Knirschen das Haus zum Leben erweckte. Sie markierte den Beginn jedes neuen Tages, an dem wir uns nicht hängen ließen und es uns gelang, aufzustehen. Falls der Kaffeegeruch Dad nicht aus seinem Zimmer lockte, warf ich ihn eigenhändig aus dem Bett. Ich stellte Frühstücksflocken, Milch und Obst auf die Theke, damit er sich, wenn er in die Küche geschlurft kam, etwas zum Frühstück machen konnte, und während er seine Cornflakes kaute, ging ich in sein Zimmer und legte ihm ein sauberes Hemd und eine Krawatte samt passender Hose für die Arbeit heraus. Schließlich schob ich Dad mit einem Becher heißen Kaffee für unterwegs durch die Haustür und sah ihm nach, wie er die Straße entlangfuhr, um sicherzugehen, dass er auch wirklich nach rechts zum Büro abbog und nicht nach links zu seiner Stammkneipe.

Es war in etwa so, als würde man ein Kind zur Schule schicken.

Als wir nach dem Begräbnis versucht hatten, zu einer Art normalem Leben zurückzukehren, hatte Dad Jim und mir gesagt, er ginge arbeiten, dabei war er in Wirklichkeit in die nächste Kneipe gefahren. Ende Juni hatte Dads Büro bei uns angerufen und gefragt, wann und ob er überhaupt noch einmal zurückkommen werde, und so hatten Jim und ich herausgefunden, dass er uns belog. Wir riefen in sämtlichen Bars und Kneipen der Umgebung an, bis wir Dad gefunden hatten. Als wir hinfuhren, um ihn abzuholen, war er nicht nur sturzbetrunken, sondern auch aufgebracht, dass seine halbwüchsige Tochter und sein Sohn ihm vorschreiben wollten, was er zu tun habe. Zugleich schämte er sich zutiefst, dass wir sein Geheimnis entdeckt hatten. Am nächsten Tag kehrte er ohne Widerrede zu seinem Arbeitsplatz zurück und wir taten, als sei nichts geschehen.

Dads Arbeitsplatz glich nun einer Tagesstätte, die tagsüber ein Auge auf ihn hatte, während ich die restliche Zeit auf ihn aufpasste. Trotzdem konnten wir nicht verhindern, dass er zwischendurch schwach wurde und in der Mittagspause in eine Bar ging, um seinen Kummer in Alkohol zu ertränken. Das letzte Mal hatte mein Vater seine wahren Gefühle bei Moms Totenwache gezeigt. Ehe die ersten Trauergäste kamen, hatte er seine Arme um den Sarg geschlungen, als könnte er Mom auf diese Weise ein letztes Mal umarmen. Dabei schluchzte er so bitterlich, dass ich glaubte, er würde nie wieder aufhören.

Es brach mir das Herz, Dad so zu sehen.

»Komm schon, Rose. Du schaffst das«, sagte ich zu mir selbst, richtete mich auf und versuchte, mich wieder zu fangen. Dads Wagen war leer, das hieß zumindest, dass er nicht auf dem Rücksitz weggedämmert war. Ich ging durch die Garage zur Haustür und fragte mich nervös, in welchem Zustand ich ihn wohl vorfinden würde. Dann trat ich entschlossen ein und warf die Tür mit einem lauten Knall ins Schloss. Ich stapfte mit den Stiefeln durch den Flur in die Küche und Richtung Wohnzimmer, um Dad durch mein unüberhörbares Hereinkommen die Chance zu geben, sich zusammenzureißen.

Dann sah ich ihn.

»Dad?«, rief ich.

Er sah nicht auf.

»Daddy?« Meine Stimme überschlug sich und ein Schwall kalter Angst durchfuhr mich, während ich zu ihm hastete. Er lag zusammengekrümmt in einem der großen, gemütlichen Sessel und wirkte plötzlich klein und hilflos zwischen all den weichen Sofakissen. Zitternd stützte ich mich an den Armlehnen ab und beugte mich zu ihm hinunter. »Daddy? Ich hab dich lieb«, flüsterte ich, als würde das etwas nutzen. Dabei wusste ich längst, dass alle Liebesbekundungen der Welt nichts halfen, wenn etwas derart schief lief. Ich strich ihm mit der Hand übers Gesicht auf der Suche nach irgendeinem Lebenszeichen und versuchte ihn aufzurichten. »Dad, schläfst du?«

War er ohnmächtig? Oder tot?

»Dad!«, brüllte ich verzweifelt. Meine Angst wurde immer größer.

Langsam schlug er die Augen auf und stöhnte. »Rose«, murmelte er mit brüchiger Stimme und blinzelte zu mir hoch, als könnte er mich nicht richtig erkennen. »Wie war’s in der Schule?«, lallte er, als wäre alles in bester Ordnung.

Der säuerliche Geruch nach Alkohol in seinem Atem ließ mich angewidert zurückweichen. »Du musst unbedingt etwas essen«, sagte ich gereizt. Es machte mich wütend, dass er sich immer noch am helllichten Tag betrank, anstatt zur Arbeit zu gehen, und dass weder ich noch Jim ihn dazu bewegen konnten, damit aufzuhören, ganz egal, wie sehr wir ihn auch anflehten oder beschimpften, argumentierten oder drohten. Aber ich war auch erleichtert, weil er jetzt, in diesem Moment, noch am Leben war. Er hatte nur zu viel getrunken und damit kam ich klar, denn mit diesem Zustand hatte ich mittlerweile ausreichend Erfahrung. Betrunken war immer noch besser als die Horrorszenarien, die sich regelmäßig in meinem Kopf abspielten.

Dad versuchte unsicher, sich aufzusetzen. »Ist es nicht noch ein bisschen früh fürs Abendessen? Wie viel Uhr ist es denn?«

Alles an ihm schien alt und zerbrechlich zu sein und ich hasste diesen Anblick. Es tat mir in der Seele weh und ich fasste mir an die Brust, als könnte dies meine Schmerzen lindern.

»Es ist völlig egal, wie viel Uhr es ist, Hauptsache, dein Körper bekommt was zu essen«, gab ich zornig zurück und marschierte entschlossen in die Küche. Bestimmt verursachte ihm das Geräusch meiner lauten Schritte Kopfschmerzen, aber das kümmerte mich nicht. »Und literweise Wasser«, rief ich, nahm ein großes Glas aus dem Geschirrschrank über dem Spülbecken und füllte es. Als ich ins Wohnzimmer zurückkehrte, lag Dad noch immer im Sessel und hatte den Kopf auf die Hand gestützt. Er blinzelte bei jedem Klacken, das meine Absätze auf dem Fußboden erzeugten. »Hier. Trink das aus«, befahl ich ihm. »Dann bring ich dir noch eins.« Er seufzte mit halb geschlossenen Lidern, bewegte sich aber nicht. Ich hielt ihm das Glas vor die Nase. »Dad. Ich gehe erst wieder weg, wenn du das hier getrunken hast.« Schließlich nahm er es und nippte daran. »Alles«, knurrte ich.

Als er endlich richtig trank, kauerte ich mich auf den Hocker am Fußende und wartete. Das gedämpfte Brummen des Rasenmähers, das von draußen hereindrang, war das einzige Geräusch im Raum. Sämtliche Anzeichen, die darauf hindeuteten, dass Mom mit ihrer fröhlichen Stimme und ihrem lauten Lachen einst in diesem Haus gelebt hatte, waren verschwunden. Alles war von Staub bedeckt. Keiner von uns wagte es, irgendetwas anzurühren, so als würde man beim Abstauben der Regale auch noch die letzten Spuren wegwischen, die sie zurückgelassen hatte. Dad hatte sogar die Fotos von Mom aus den Bilderrahmen genommen, sodass nur die trostlosen, braunen Papprückseiten zurückblieben. Voller Gewissensbisse dachte ich an das Survival Kit. Ich hatte es seit dem Tag, als ich es in meinem Schrank verstaut hatte, nicht mehr angerührt. Mein Blick wanderte zu meinem Vater zurück, der in der einen Hand noch immer das Glas und mit der anderen die Sessellehne umklammerte und mit leerem, glasigem Blick vor sich hinstarrte. Vielleicht würde mir das, was Mom mir in ihrem Survival Kit hinterlassen hatte, einen Hinweis darauf geben, wie ich unser Familienleben wieder in vernünftige oder zumindest weniger schmerzhafte und trostlose Bahnen lenken konnte.

»Trink weiter. Das Glas ist gleich leer. Komm schon«, sagte ich. »Dann geht’s dir besser.«

Dad setzte das Glas erneut an die Lippen und trank den Rest aus. Als er fertig war, stand ich auf, nahm ihm das Glas aus der Hand und füllte es von Neuem. Dieses Mal blieb ich nicht bei ihm, während er es austrank, sondern begann, das Abendessen vorzubereiten. Ich nahm eine Aubergine, Eier und Milch aus dem Kühlschrank und Semmelbrösel sowie Olivenöl aus dem Küchenschrank. Dann stellte ich die große Bratpfanne auf den Herd, goss etwas Olivenöl hinein und drehte die Platte an. Oma Madison, Dads schrullige Mutter, hatte mir das Kochen beigebracht und Dad liebte gebratene Auberginen, wenn er zu viel getrunken hatte – das in Öl gebratene Gemüse schien den Alkohol aufzusaugen. Ich konzentrierte mich ganz auf das Schneiden, Eintauchen und Wenden der Auberginenscheiben, genoss das leise Brutzeln des heißen Öls in der Pfanne und einige Minuten lang vergaß ich all meine Sorgen und Pflichten samt Dads jämmerlichem Zustand im Wohnzimmer. Kochen bewirkte bei mir das Gleiche wie Gartenarbeit bei Mom – es beruhigte mich.

Das Klingeln meines Handys unterbrach die Stille und ich wischte mir die Hände an einem Geschirrtuch ab. Das Gesicht meines Bruders lächelte mir auf dem Display entgegen und ich drückte auf die Annahmetaste. »Hallo, Jim, es ist gerade ungünstig, kann ich dich später zurückrufen?«

»Rosey, endlich! Ich versuche schon seit einer Stunde, dich zu erreichen.« Jim nannte mich immer Rosey.

»Lass uns später telefonieren«, erwiderte ich. »Ich muss mich um Dad kümmern.«

»Du musst dich um ihn kümmern?« Er schwieg einen Moment, während er die Bedeutung meiner Worte erfasste. Kümmern war unser Codewort, wenn Dad mal wieder zu tief ins Glas geschaut hatte. »Verdammt. Hat er es schon wieder getan?«

»Ja, er hat.«

Mein Bruder seufzte in den Hörer. »Ich dachte, es geht ihm besser …«

»Immerhin ist es schon eine Weile her seit dem letzten Mal, aber ich muss jetzt wirklich Schluss machen. Ich bin mitten im Kochen.«

»Aber –«

»Nichts aber. Jim, bitte.«

»Ich hasse es, dass du ganz allein bist –«

»Ich weiß.«

»Vielleicht sollte ich nächstes Semester einfach –«

»Vergiss es. Du brichst auf keinen Fall dein Studium ab«, fiel ich ihm ins Wort. »Das haben wir doch schon besprochen.«

»Aber Rosey, es wäre ja nicht für immer, sondern nur für ein paar –«

»Nicht nötig. Ich komm schon klar«, warf ich ein. Das Brutzeln der Auberginen wurde lauter und ich befürchtete, sie könnten mir anbrennen. »Ich hab jetzt wirklich keine Zeit mehr, Jimmy. Sonst brennt mir das Essen an. Ich ruf dich später zurück, ja? Tschüss!«, sagte ich hastig, drückte auf den Hörer, noch ehe er etwas erwidern konnte, und trat rasch mit einer Grillzange an den Herd, um die Scheiben zu wenden, bevor sie verkohlten. Als die Auberginen von beiden Seiten kross gebraten waren, drehte ich die Platte aus und das laute Knistern verebbte. Das Brummen des Rasenmähers war ebenfalls verstummt und eine unheimliche Stille senkte sich auf das Haus. Während die Auberginen auf dem Küchenpapier abtropften, räumte ich die Küche auf, stellte die Pfanne in die Geschirrspülmaschine und wischte die Arbeitsplatte sauber. Als ich schließlich ins Wohnzimmer zurückkehrte, musste ich mich stark zusammenreißen. »Hier, iss auf«, befahl ich knapp und reichte Dad den Teller mit seinem Kater-Essen. Dann marschierte ich schnurstracks aus dem Raum und ließ ihn allein zurück.

Ich hatte es so satt, ihn immer wieder aufzufangen.

PRECIOUS THINGS

Tori Amos

Der samtblaue Stoff des Kleides meiner Mutter schimmerte in meinem Kleiderschrank und am Rand lugte ein winziger Streifen des hellblauen Bandes hervor, mit dem das Survival Kit verschnürt war. Eine Weile lang starrte ich es einfach nur an, dann nahm ich all meinen Mut zusammen. Ich musste das tun. Mom hatte es so gewollt, sie hatte es für mich gemacht – extra für mich –, und es war unmöglich, ihr diesen letzten Wunsch nicht zu erfüllen. Meine Fingerspitzen strichen behutsam über den weichen Stoff, dann nahm ich das Kleid von der Stange und trug es langsam zu meinem Bett, wobei ich darauf achtete, dass der Stoff nicht den Boden berührte. Die Papiertüte knisterte leise. Bevor ich es mir noch einmal anders überlegen konnte, löste ich blitzschnell die Schleife, drehte die Tüte um und kippte den Inhalt auf meine Bettdecke. Plötzlich, endlich, lag alles vor mir.

Forschend betrachtete ich die Dinge, die Mom mir eingepackt hatte: Ein Foto mit Pfingstrosen. Ein glänzender Stern aus gefaltetem Silberpapier. Ein hellblauer iPod. Ein kleines Kristallherz an einer Halskette. Eine Schachtel mit Buntstiften. Und ein Gegenstand, von dem ich bereits gewusst hatte, dass ich ihn vorfinden würde: Ein leuchtend grüner, rautenförmiger Papierdrachen.

»Rose, bastelst du wieder die Drachen?«, hatte Mom im August letzten Jahres gefragt. Dabei war die Frage eigentlich überflüssig. Wie jedes Jahr freute ich mich schon auf die neuen Survival Kits, und seit jeher war ich für die Papierdrachen zuständig.

»Selbstverständlich, Mom, warum fragst du?«, erwiderte ich und sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.

»Na ja, wer weiß? Vielleicht bist du ja inzwischen zu alt dafür. Oder du hast schon was mit Chris vor.« Sein Name hing noch für eine Weile in der Luft. Mom konnte es einfach nicht glauben, dass ich schon einen festen Freund hatte, obwohl ich erst in die zehnte Klasse ging. Sie befürchtete, ich könnte mich zu früh binden.

»Natürlich bastel ich sie«, sagte ich.

»Schön. Ich wollte nur sichergehen«, erwiderte sie lächelnd. »Macht Chris auch mit?«

»Mom«, protestierte ich.

»Schon gut, war nur eine Frage«, sagte sie und fuhr damit fort, die Utensilien aus dem Bastelladen, dem Schreibwarengeschäft und den anderen Läden, in denen sie eingekauft hatte, auszupacken, damit wir anfangen konnten.