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Ein Gut auf dem Land und knisternde Momente im Stall: Slow Burn und He Falls First at its best! Willkommen auf dem Lilienhof! Marlene will nur eins: weg. Weg von ihrem toxischen Ex, weg von der Stadt, weg von allem, was ihr Herz gebrochen hat. Überstürzt zieht sie nach Radow, ein winziges Dorf und findet ausgerechnet dort einen Ort, der sich nach Ankommen anfühlt: das Pferdegestüt Lilienhof mit seinem gemütlichen Hofcafé. Zwischen Kaffeeduft, Stallgassen und der Ruhe des Landlebens beginnt Marlene langsam wieder zu atmen. Und dann ist da Henry: aufmerksam, respektvoll, ein Mann, der nicht drängt und der trotzdem gefährlich gut darin ist, Marlene zum Lächeln zu bringen. Eigentlich will Marlene Abstand, aber Stück für Stück öffnet sie sich, und es knistert zwischen ihnen. Bis die Vergangenheit sie einholt und einen Schatten über ihre Liebe wirft. Und Marlene muss entscheiden, ob sie den Mut findet, nicht nur neu anzufangen, sondern auch wieder zu lieben. Wildflower Whispers ist eine cosy New-Adult-Romance zum Wohlfühlen – romantisch, authentisch und prickelnd. Perfekt für alle, die Landleben-Vibes, He Falls First, Found Family und große Gefühle in kleinen Momenten lieben.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
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Cover & Impressum
Contentwarnung
Widmung
Prolog
Marlene
Kapitel 1 – Ein Neuanfang irgendwo im Nirgendwo
Marlene
Kapitel 2 – Ein fast normaler Nachmittag
Henry
Kapitel 3 – Vertraut und doch so anders
Marlene
Kapitel 4 – Hühnchen auf der Flucht
Marlene
Kapitel 5 – Kopf, halt die Klappe
Henry
Kapitel 6 – Job auf Probe
Marlene
Kapitel 7 – Alexandra for the rescue
Marlene
Kapitel 8 – Geburtstagstorte für die Nerven
Henry
Kapitel 9 – Danke, dass ich aus deinem Fenster klettern durfte
Marlene
Kapitel 10 – Reiten ist wie Fahrradfahren
Marlene
Kapitel 11 – Elternbesuch und Pokerabend
Henry
Kapitel 12 – Was ein Teller alles auslösen kann
Marlene
Kapitel 13 – Elfenwald
Marlene
Kapitel 14 – Von High zu Low in fünf Sekunden
Henry
Kapitel 15 – Eifersüchtig auf ein Huhn?
Marlene
Kapitel 16 – Wie man Apfelkuchen backt und über Gefühle redet
Henry
Kapitel 17 – Ich bin geliefert
Marlene
Kapitel 18 – Only one bed
Marlene
Kapitel 19 – Ein halbes Jahr zuvor
Marlene
Kapitel 20 – Manche Leute investieren in Kuckucksuhren
Henry
Kapitel 21 – Umzug 2.0
Marlene
Kapitel 22 – Ein Abend in der Feuerwehr
Marlene
Kapitel 23 – Mehr als nur Freundschaft
Marlene
Kapitel 24 – Sommerfest am Lilienhof
Marlene
Kapitel 25 – Gartenschlauch, Filmeabend und ein paar Tränen
Henry
Kapitel 26 – Von der Vergangenheit eingeholt
Henry
Kapitel 27 – 11 Jahre zuvor
Henry
Kapitel 28 – Das schönste Geschenk
Marlene
Kapitel 29 – Ungebetener Besuch
Marlene
Kapitel 30 – Beinahe-Flucht
Marlene
Kapitel 31 – Funkstille
Henry
Kapitel 32 – Zeit, sich der Realität zu stellen
Marlene
Epilog
Marlene
Danksagung
Contentwarnung
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Liebe Leser:innen,
dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte. Um euch das bestmögliche Leseerlebnis zu ermöglichen, findet ihr deshalb am Ende des Buchs eine Contentwarnung.
Bianka und euer everlove-Team
Für Felina – die wunderbarste Mitbewohnerin und Ersttestleserin, die ich mir wünschen könnte. Weil du das Abenteuer Bauernhof mit mir eingegangen bist und mich zum Lächeln bringst, selbst wenn du es nicht beabsichtigst.
Einige Wochen vorher
Es ist spät, als ich die Wohnungstür aufschließe, meinen Beutel auf die Kommode fallen lasse und meine Schuhe abstreife. Mein Rücken tut weh und ich habe starke Kopfschmerzen. Das Ibuprofen in der Mittagspause hat kaum geholfen. Alles, was ich jetzt will, ist eine heiße Dusche und mein Bett.
Im Wohnzimmer höre ich den Fernseher laufen. Schüsse und Sirenen. Wahrscheinlich schaut Linneas Mann wieder seine Serie. Ich weiß, dass ich ihm kurz Hallo sagen sollte, aber selbst das erscheint mir im Moment zu viel. Also schleiche ich an der angelehnten Tür vorbei weiter in mein Zimmer und bleibe abrupt stehen. Meine große Schwester Linnea lässt das Buch sinken, in dem sie gerade gelesen hat, und richtet sich auf. Die Kuscheldecke rutscht dabei halb von der Couch.
»Du bist spät dran. Hast du wieder Überstunden gemacht?«
»Ja.« Ich marschiere zu meinem Bett und schnappe mir meine Schlafsachen. Seit zwei Wochen arbeite ich für diesen Pizzaladen um die Ecke und liefere fettiges Fast Food per Fahrradkurier aus. Es ist anstrengend und nervig, aber es lenkt mich von meinen Gedanken ab. »Ich bin müde.«
»Das kann ich mir vorstellen, aber wir müssen uns unterhalten.«
»Müssen wir das?«
Linnea ignoriert meinen entnervten Unterton, für den ich mich selbst nicht leiden kann, und klopft mit der flachen Hand neben sich auf das Sofa.
Ich schlucke meinen Widerwillen herunter, lasse mich in die Polster sinken und warte auf das Unausweichliche.
Linnea lässt sich Zeit. Mustert mich eingehend und zupft abwesend an der Ecke der Kuscheldecke herum.
»Wie geht es dir?«, fragt sie schließlich.
Ich zucke mit den Schultern. »Okay. Alles gut.« Lüge.
»Und wie geht es dir wirklich?«
»Was willst du denn hören?«
»Die Wahrheit, Marly. Seit deiner Trennung von Simon habe ich das Gefühl, dich nicht mehr richtig zu kennen. Du gehst uns aus dem Weg, verkriechst dich in diesem Zimmer oder bist ewig lange auf Arbeit. Einer Arbeit, die du, nebenbei bemerkt, in dem Ausmaß nicht machen dürftest, weil du eigentlich noch Studentin bist. Ich habe dich in Ruhe gelassen, weil ich dachte, du kommst irgendwann von selbst auf uns zu. Aber das scheint nicht der Fall zu sein und ich mache mir verdammt noch mal Sorgen um dich. Wir machen uns Sorgen. Es ist schlimmer als vor deiner Trennung. Zumindest kommt es mir so vor. Was ist los?« Die Worte strömen wie ein Wasserfall aus ihrem Mund, bis sie abrupt verstummt. Ich kann nur vermuten, dass da noch mehr ist, was sie loswerden will, es aber nicht tut, um mich nicht zu überfordern. Doch dafür ist es längst zu spät. Ich bin verflucht noch mal überfordert. Mit mir, mit meinen Gefühlen, die ich nicht zulassen kann, weil die Hölle, durch die ich gegangen bin, mich dann erneut überrollt, mit einfach allem.
»Es tut mir leid«, erwidere ich.
»Das muss es nicht.« Sie holt tief Luft. »Ich möchte nur verstehen, was in dir vorgeht. Und wenn du darüber nicht mit mir reden willst, dann sag mir wenigstens, was ich tun kann, um für dich da zu sein. Aber lass mich nicht mitansehen, wie du Tag für Tag stumm leidest. Wie soll ich ignorieren, dass das Essen, das ich dir vorbereite, im Kühlschrank unangerührt bleibt, dass du meinen Concealer benutzt, weil der mehr Deckkraft hat, um deine Augenringe zu verstecken, und dass du kaum noch lächelst.«
Ihre Worte gleichen Nadeln, die sich in meine Haut bohren und die Mauer, die ich so mühselig um mich herum hochgezogen habe, instabil und bröckelig werden lassen. Wenn sie einstürzt, breche ich mit ihr zusammen und das will ich nicht. Tief in mir drin ist mir bewusst, dass das, was ich mir selbst antue, zerstörerisch und ungesund ist, aber wenn ich loslasse, werde ich auseinanderfallen und davor fürchte ich mich am meisten. Den Halt zu verlieren. Die Kontrolle.
»Marly?«
Linneas Finger berühren mein Kinn. Nur ganz sanft. »Ich hab dich lieb, Schwesterchen.« Dann zieht sie mich in ihre Arme. Stockend hole ich Luft. Hinter meinen Schläfen pocht der Schmerz und meine Nase kribbelt, doch ich weine nicht, obwohl ich es gerne würde.
»Weißt du, was ich mir manchmal wünsche?«, flüstert sie an mein Haar. »Ich wünschte, Mama und Papa wären noch hier, könnten uns beide umarmen und uns sagen, dass alles gut wird. Und wir würden ihnen glauben, selbst wenn es nicht die Wahrheit wäre. Ich wünschte, es gäbe jemanden, der so für uns da ist, wie sie es hätten sein sollen. Mama hätte viel besser gewusst, wie sie dir helfen könnte, als ich. Sie hatte immer eine Lösung parat.«
Gott, sie muss aufhören zu reden. Meine Mauer bricht und die Steine fallen. Stück für Stück. Und alles, was ich so sorgfältig dahinter unter Verschluss gehalten habe, quillt heraus. Jedes einzelne Gefühl, jeder Gedanke. Heiße Tränen schießen mir in die Augen und ich schluchze auf. Mist, Mist, Mist.
»O Marly«, murmelt meine Schwester sanft, hält mich noch ein wenig fester und streicht mir übers Haar. Ich will mich beruhigen, aber ich schaffe es nicht. Mein Körper gehorcht mir nicht mehr. Ein einziger Gedanke genügt, um mir die Beherrschung zu entreißen.
***
Meine Nase ist verstopft, meine Augen sind verklebt und meine Wangen fühlen sich heiß an, als ich mich irgendwann aus den Armen meiner Schwester löse. Selten habe ich mich so ausgelaugt gefühlt wie jetzt.
»Tut mir leid«, flüstere ich schniefend.
Linnea läuft zum Nachttisch und greift sich die Packung Taschentücher. Dankbar ziehe ich gleich zwei heraus, um mir die Nase zu putzen und die Tränen von meinen Wangen zu wischen.
»Hör auf, dich ständig zu entschuldigen«, sagt sie.
»Okay, sorry. Also nicht sorry.« Ich hickse, woraufhin sie mir auch noch die Wasserflasche reicht. Gefühlt habe ich gerade zwei Liter Flüssigkeit verloren.
»Darf ich meine Frage vom Anfang noch mal stellen?«, will sie wissen, sobald sie wieder neben mir sitzt und die Kuscheldecke über unseren Beinen ausgebreitet hat. Ihr hellgraues T-Shirt ist übersät mit nassen Flecken. Ich nicke.
»Wie geht es dir, Schwesterchen?«
»Nicht gut«, flüstere ich.
»Warum?«, hakt sie nach, und diesmal erzähle ich ihr alles, obwohl ich so erschöpft bin, dass ich auf der Stelle einschlafen könnte. Lasse kein Detail aus, obgleich es so sehr wehtut und ich mich in Grund und Boden schäme. Sie unterbricht mich nicht ein einziges Mal. Hört einfach nur zu, doch ich bemerke sehr wohl die Wut in ihrem Blick. Nicht auf mich. Auf ihn. Als ich ende, ist auch die Wasserflasche leer.
»Scheiße«, bricht es aus ihr heraus. »Verdammte Scheiße. Dieses verfluchte Arschloch.«
Noch nie in meinem Leben habe ich sie so fluchen gehört.
»Du solltest ihn anzeigen.«
»Nein.« Hastig schüttele ich den Kopf. »Ich will nie wieder etwas mit ihm zu tun haben.«
»Marly …«
»Linnea, nein.« Meine Stimme zittert. Ich kann nicht. Ich kann einfach nicht.
Sie sieht mich eine Weile schweigend an, dann stößt sie ein schweres Seufzen aus.
»Okay. Ich respektiere das, auch wenn es mir nicht gefällt, weil er es verdient hätte. Aber so wie jetzt kann es nicht weitergehen.«
»Deshalb … will ich einen Neuanfang«, flüstere ich. Es ist ein Gedanke, der mir in letzter Zeit immer wieder durch den Kopf gegangen ist. »Ich will weg von hier. Irgendwohin, wo ich nicht Gefahr laufe, ihm oder den Leuten aus seinem Freundeskreis zu begegnen.«
Linnea nickt und drückt mir einen Kuss auf die Stirn. Etwas, das sie seit Jahren nicht mehr gemacht hat.
»Nächstes Mal fahre ich.« Mit diesen Worten klettert Linnea aus dem Transporter, in dem mein altes Leben sorgfältig in Kisten verstaut über- und nebeneinander gestapelt wurde.
»Wegen einer mitgenommenen Bordsteinkante?« Ihr Mann Arian lässt die Tür auf der Fahrerseite lauter als notwendig zufallen.
»Und dem riskanten Überholmanöver, dem bei-Rot-über-die-Ampel-Fahren und der Tatsache, dass du den Transporter offenbar mit einem Rennwagen verwechselt hast.« Die grauen Augen meiner Schwester funkeln verärgert, während sie Arian über die Motorhaube hinweg anstarrt.
Ich rutsche von der Steinmauer, auf der ich die letzten zehn Minuten gesessen und auf die Ankunft der beiden gewartet habe. Mein Auto steht vor dem alten Bauernhaus unter einer Linde im Schatten.
»Sie übertreibt«, kommentiert Arian in meine Richtung. »Die Ampel war noch gelb. Zugegebenermaßen ziemlich kirschgrün.« Ein Schmunzeln zupft an meinen Lippen.
»Da ihr beide quicklebendig seid und der Transporter keinen Kratzer hat, kann es wohl nicht so schlimm gewesen sein.« Meine Schwester öffnet den Mund, um zu protestieren, doch ich komme ihr zuvor. »Diskutiert das gerne aus, wenn wir die Kisten hochgetragen haben.«
»Da gibt es nichts zu diskutieren«, erwidert sie und ich weiß, dass sie recht hat. Auch an Arians lockerem Schulterzucken erkenne ich, dass er sich längst dem Willen seiner Frau gebeugt hat. Es ist nicht seine Art, sich wegen Kleinigkeiten mit Linnea anzulegen. Außerdem ist meine Schwester ein äußerst standhafter Mensch – mitunter unnachgiebig wie Stein – und niemand kann sie von etwas abbringen, das sie sich in den Kopf gesetzt hat. Sei es auch noch so unwichtig.
»Habe ich doch richtig gehört.« Die Stimme eines Mannes lässt mich kurz zusammenzucken, bevor ich mich umdrehe.
»Das ist Mr Barnewelth«, raunt Linnea mir zu, ehe sie auf den Mann zugeht. Der Ärger verschwindet aus ihrem Gesicht und macht einem freundlichen Lächeln Platz. Die Nervosität, die mein Herz schon den ganzen Tag flattern lässt, wird intensiver. Das also ist Mr Barnewelth. Mein zukünftiger Vermieter, den ich bis dato noch nie getroffen habe, weil ich krank war, als der Termin für die Wohnungsbesichtigung anstand. Linnea ist damals an meiner Stelle gefahren. Eines der unzähligen Dinge, für die ich ihr auf ewig dankbar sein werde.
Er sieht genauso aus, wie sie ihn mir nach der Besichtigung beschrieben hat. Sein dunkelbraunes Haar, das an den Schläfen bereits ergraut ist, steht in alle Richtungen ab. Er ist einen Kopf kleiner als ich und sein korpulenter Körper steckt in einem weißen Overall. Unter dem Arm klemmt der dazugehörige Imkerhut. Laut Linneas Erzählungen ist er wohl vor über dreißig Jahren aus London hierhergezogen und obgleich sein Deutsch fließend ist, lässt er sich nicht davon abbringen, die englischen Formen der Anrede zu nutzen.
»Das ist meine kleine Schwester Marlene«, stellt Linnea mich in diesem Moment vor. Ich hole rasch Luft, lächle und reiche Mr Barnewelth die Hand.
»Willkommen in Radow, Miss Forstner«, sagt er, während er meine Hand schüttelt und dabei so herzlich lächelt, dass die Falten um seine Augen sich zu kleinen Gräben vertiefen. Augenblicklich entspanne ich mich ein wenig.
»Danke schön.«
»Nun, dann wollen wir doch mal zur Tat schreiten«, beschließt er. »Mir nach.«
Linnea legt ihren Arm um meine Schultern und setzt sich in Bewegung. Nebeneinander erklimmen wir die Steinstufen zur Hauseingangstür des Wohnhauses. Kaum sind wir eingetreten, umgibt mich ein Geruch, der mich unwillkürlich tiefer einatmen lässt. Es ist eine Mischung aus Kaffee, Holzlack, Staub und etwas, das ich nicht beschreiben kann, aber es versetzt mich zurück in mein zwölfjähriges Ich, das in einem ähnlichen Bauernhaus in diesem Dorf Reiterferien gemacht hat.
Ich habe kaum die Möglichkeit, mich genauer umzusehen, denn Mr Barnewelth ist bereits durch die Tür zu meiner linken Seite verschwunden. Meine Schwester lässt mir den Vortritt. Es gibt keinen Flur. Stattdessen stehe ich direkt in einer gemütlichen Wohnküche, die von warmen Holzmöbeln und jeder Menge Vitrinen dominiert wird. Vitrinen voller Teetassen und -kannen sowie kleiner Teller in allen Farben und aus allen Materialien. Von Porzellan über Glas bis hin zu Metall. Er scheint sie zu sammeln wie andere Menschen Briefmarken oder Muscheln. Staub tanzt im hereinfallenden Sonnenlicht.
»Nehmen Sie doch Platz.« Mr Barnewelth deutet auf die Stühle am Esstisch. Sein Imkeranzug raschelt bei jeder Bewegung. »Ich hole nur schnell alle Unterlagen.« Schon huscht er in ein angrenzendes Zimmer. Bedächtig lasse ich mich auf einen der gepolsterten Stühle sinken und klemme die Hände zwischen die Knie. Linnea und Arian nehmen die Plätze neben mir ein. Die Erkenntnis, dass ich in wenigen Minuten einen Mietvertrag unterschreiben und in eine Wohnung über sechzig Kilometer entfernt von meinem ursprünglichen Zuhause in Buch bei Berlin ziehen werde, sickert von Neuem in mein Bewusstsein. Es fühlt sich unwirklich an. Dabei drehen meine Gedanken sich seit Wochen nur um dieses Thema. Besonders seit Linnea mir die Anzeige der Wohnung mit den Worten »Was hältst du von mitten im Nirgendwo von Brandenburg?« unter die Nase gehalten hat. Das hatte an sich schon großartig geklungen, aber als ich dann den Ortsnamen gelesen hatte, hatte ich es kaum glauben können. Ausgerechnet Radow. Dieses kleine Dreihundertseelendorf zwischen Trebbin und Michendorf, in dem ich als Jugendliche drei unvergleichlich glückliche Sommer verbracht habe. Schon nachdem ich mir die Fotos angeschaut hatte, war die Wohnung auf Platz eins meiner Liste gerutscht. Und wenn ich ganz ehrlich sein sollte, hatte es für mein Herz seit diesem Moment nur noch diese eine gegeben. Dramatisch, aber wahr.
Ein metallisches Klappern reißt mich aus meinen Gedanken, doch bevor ich mich über dessen Ursprung wundern kann, kehrt Mr Barnewelth zurück und wedelt triumphierend mit einem dünnen Papierstapel.
»Hier haben wir das gute Stück.« Er platziert den Mietvertrag in doppelter Ausführung auf dem Tisch. »Lesen Sie sich alles in Ruhe durch. Ich mache uns derweil einen Tee. Möchten Sie auch einen?« Erwartungsvoll wandert sein Blick von Linnea zu mir und weiter zu Arian.
»Gerne«, antworte ich automatisch und ernte einen ungläubigen Seitenblick von Arian. Dass ihm ein kaltes Bier lieber wäre als warmer Tee, kann ich mir denken. Dabei sind warme Getränke bei den sommerlichen Temperaturen viel besser für den Kreislauf. Aber in der Hinsicht redet man bei ihm gegen Wände. Dicke Betonwände.
»Hervorragend.« Schwungvoll dreht Mr Barnewelth sich zur Küchenzeile um und beginnt damit, mehrere Tassen herauszusuchen. Ich lehne mich zu Linnea, die sich den Mietvertrag bereits herangezogen hat und konzentriert die Stirn in Falten legt. Für einige Minuten herrscht, bis auf das lauter werdende Rauschen und Blubbern des Wassers im Teekocher, Stille.
»Sieht gut aus«, meint Linnea, schiebt die Zettel zu Arian, der noch weniger Ahnung von solchen Dingen hat als ich. Meine Schwester ist die Immobilienkauffrau, er der Landschaftsgärtner und ich … nun ja, ich habe mein Abitur und ein quasi abgebrochenes Lehramtsstudium vorzuzeigen, das ich mit Sicherheit nicht fortsetzen werde, weil es nie das war, was ich eigentlich machen wollte. Nicht gerade eine Glanzleistung, aber es gibt Dinge, die aktuell mehr Priorität haben als die Frage nach meinem beruflichen Erfolg. Zum Beispiel meine mentale Gesundheit. Oder diesen Mietvertrag zu unterschreiben. Wieder rappelt es, doch diesmal kann ich die Quelle des Geräuschs ausmachen. Es kommt aus der gewaltigen Standuhr, die in der rechten Ecke steht und offenbar nicht funktioniert, denn die Zeiger haben sich keinen Millimeter bewegt, seit wir die Küche betreten haben. Ich sehe zu Linnea, die ratlos mit den Achseln zuckt. Mr Barnewelth verteilt das Teegeschirr vor uns und platziert die Kanne in der Mitte. »Er muss noch etwas ziehen«, erklärt er, ehe er sich setzt. »Gibt es Fragen?«
Ich habe keine. Meine Schwester schüttelt ebenfalls den Kopf.
»Wunderbar.« Sein Blick wandert suchend über den Tisch. »Hat jemand einen Stift? Den habe ich nämlich ganz vergessen.«
Ich unterdrücke ein Lachen.
»Kein Problem«, erwidert meine Schwester und zaubert aus ihrem kleinen Rucksack einen Kugelschreiber. Mr Barnewelth unterschreibt zuerst, übergibt den Stift an mich und lächelt. Die Wärme in seinen dunkelbraunen Augen kann es beinahe mit den sommerlichen Außentemperaturen aufnehmen. Unauffällig wische ich mir meine schweißfeuchten Hände an meiner dünnen Leinenhose ab, nehme den Kugelschreiber entgegen und suche die Linie, auf der ich unterschreiben muss. Mein Herz pocht um einiges schneller, als ich die Spitze aufsetze. Da ist er. Der Neuanfang, den ich so unbedingt wollte. Einen Atemzug später ist es getan. Linnea nimmt mir den Stift ab und stupst mich mit der Schulter an. Ihr Lächeln ist fast so breit wie meines. Obwohl wir gleich noch Umzugskartons schleppen müssen und ich bei dem Gedanken daran Rückenschmerzen und Schweißausbrüche bekomme, ist es, als würde sich eine Last von mir heben. Ich muss nicht mehr zurück. Dieser Gedanke ist so erleichternd, dass meine Nase prompt zu kribbeln beginnt.
In der Standuhr poltert es zum dritten Mal. Diesmal in einer Lautstärke, dass sogar Linnea zusammenzuckt und ich meine aufsteigenden Tränen vergesse. Die Geräusche klingen nicht ab. Stattdessen vibriert die Uhr nun, als bebe der Boden unter ihr. Mr Barnewelth wirkt als Einziger völlig unbeeindruckt. Seelenruhig gießt er dampfenden Tee in seine Tasse.
»Was zur Hölle …?«, flüstere ich, bevor die Tür der Standuhr aufschwingt.
»Jonathan, die Sperrfeder ist hinüber und das Schaltrad wird es auch bald sein, wenn du nicht in sehr naher Zukunft über eine Reparatur nachdenkst.« Perplex starre ich die Frau an, die gebückt aus der Standuhr steigt, sich aufrichtet und eine Strähne ihres hellblonden Haars hinters Ohr schiebt. Sie scheint nicht sonderlich überrascht angesichts der drei fremden Menschen am Küchentisch oder sie kann es einfach gut verbergen.
»Darf ich vorstellen?«, meldet Mr Barnewelth sich zu Wort. »Meine Nachbarin, Miss Alexandra Zimmermann.« Die geschwungenen Brauen der Frau wandern in die Höhe und Mr Barnewelth verdreht die Augen.
»Dr. Alexandra Zimmermann«, korrigiert er.
»Freut mich sehr.« Ein feines Lächeln huscht über ihre Lippen. Ich schätze sie auf Anfang vierzig. »Wenn mich nicht alles täuscht, musst du die neue Mieterin dieses Griesgrams sein, der seine wundervoll antike Standuhr hier gewissenlos verkommen lässt.« Ich nicke bloß, weil ich maximal verwirrt und gleichzeitig sehr fasziniert vom dunklen Blau ihrer Augen bin. Ihr gesamtes Auftreten wirkt mühelos elegant, obgleich sie bisher nicht viel getan hat, als in ihrem schwarzen Overall vor uns zu stehen und zu lächeln.
»Immerhin gehen meine Pflanzen nicht ein, sobald ich in ihre Nähe komme«, kontert Mr Barnewelth.
»Seht nur, wer sich sofort angegriffen fühlt«, spottet sie. Schalk blitzt in ihren Augen.
»Hat jemand etwas gehört? Bei mir kam nur ein Rauschen an.« Mein Vermieter blickt fragend in die Runde, aber seine Mundwinkel zucken und verraten, dass nichts von diesem kleinen Wortgefecht ernst gemeint ist.
»Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würden wir schon mal zum Auto gehen und die ersten Sachen auspacken«, mischt Linnea sich vorsichtig ein. Ihr scheint die Situation nicht zu behagen, während ich mich innerlich ziemlich amüsiere.
»Unbedingt«, stimmt Mr Barnewelth zu. »Die Wohnung ist offen, der Schlüssel steckt von außen.«
Arian springt förmlich von seinem Stuhl. Die beiden verschwinden im Hauseingang und lassen mich allein zurück. Herzlichen Dank auch.
»Ganz unter uns«, raunt Mr Barnewelth mir zu, während Alexandra Zimmermann zum Spülbecken geht, um sich die Hände zu waschen. »Sie denkt, sie ist klüger als ich, weil sie promoviert hat.«
»Das habe ich gehört und es ist falsch. Ich bin klüger als du, weil ich klüger bin als du. Das ist eine Tatsache.« Sie dreht den Kopf, zwinkert mir zu und ich beiße mir auf die Innenseite meiner Wange, um nicht zu lachen.
»Bestechende Argumentation«, grummelt mein Vermieter. »Dann sei doch so gut und zaubere ein paar von deinen berühmten Schokokeksen für deine neue Nachbarin.«
»Sicher. Aber glaub bloß nicht, dass du welche abbekommst. Wenn ich dich so ansehe, würde ich eher eine Saftkur empfehlen.« Mit diesen Worten setzt sie sich in Bewegung und ich nutze die Gelegenheit, ebenfalls aufzustehen.
Mit meinem Mietvertrag in den Händen husche ich hinter ihr in den Flur und hinaus ins strahlende Sonnenlicht. Der Anblick der alten Backsteingebäude inklusive dunkelgrün gestrichener Holztüren und Fensterläden erscheint mir ebenso unwirklich wie das unterschriebene Stück Papier zwischen meinen Fingern. Dieser Ort soll von nun an mein Zuhause sein. Keine Ahnung, wann ich es vollständig begreifen werde, aber die Euphorie kribbelt ungebremst durch meinen Körper. Am liebsten wäre ich die Treppe hinuntergehüpft wie ein kleines Kind, aber ich reiße mich zusammen und tue es nicht. Am Transporter sind Arian und Linnea gerade dabei, die ersten Kisten herauszuheben. Möbel musste ich zum Glück keine anschaffen, da die Wohnung zuvor als Ferienwohnung gedient hat und bereits vollständig eingerichtet ist.
»Benötigt ihr Hilfe beim Tragen?«, erkundigt sich Alexandra Zimmermann bei mir und mustert kritisch Arians Versuch, eine meiner übergroßen Zimmerpflanzen aus dem Wagen zu hieven.
»Nein, ich denke nicht«, erwidere ich. »So viel ist es im Grunde nicht. Das schaffen wir schon. Aber danke für das Angebot. Und Sie müssen sich nicht den Aufwand machen, mir Kekse zu backen. Falls Mr Barnewelth das ernst gemeint hat.«
»Hat er. Aber erstens ist Backen für mich kein Aufwand und zweitens, nenn mich bitte Alexandra.«
Für einen kurzen Moment bin ich überrumpelt, ehe ich hastig nicke und mir einfällt, dass ich mich ihr noch gar nicht vorgestellt habe. »Ich bin übrigens Marlene.«
»Nun denn, willkommen in Radow, Marlene.«
»Danke schön.« Ich erwidere ihr herzliches Lächeln, ehe es scheppert und Arian lautstark flucht.
»Ich denke, ich bringe zu den Keksen gleich einen neuen Übertopf für deine Pflanze mit«, kommentiert Alexandra die Tonscherben auf dem gepflasterten Boden trocken. »Sicher, dass ihr keine Hilfe braucht?«
»Nicht mehr ganz so sicher wie vor dreißig Sekunden«, erwidere ich und verziehe das Gesicht, während ich mich innerlich von dem zertrümmerten Tontopf verabschiede.
»Falls ihr es euch anders überlegt, findest du mich nebenan. Nummer siebzehn«, meint sie, umrundet den Transporter und verschwindet hinter der Hausecke.
Ich hole einmal tief Luft, bevor ich meine kupferrot gefärbten Haare zu einem Zopf binde, aus dem sofort Strähnen rutschen, die zu kurz sind, um sie zu halten, den Mietvertrag in meinem Jutebeutel verstaue und mich ins Kistengetümmel stürze.
Beinahe ehrfürchtig setze ich etwas später meinen Fuß durch die Tür zu meiner Wohnung, die in Realität noch tausendmal gemütlicher wirkt als auf den Bildern im Internet. Dunkelbraune Holzbalken heben sich von weißen Wänden ab, helles Laminat bedeckt den Boden. Die Sonnenschutzlamellen der Dachfenster sind zugezogen, sodass Flur und Wohnküche in ein schummriges Licht getaucht werden. Ich stelle den Karton ab und kann es mir nicht nehmen lassen, eine Runde durch die Wohnung zu drehen. Wer auch immer hier eingerichtet hat, hatte entweder Stil oder Pinterest als Vorlage oder auch beides. Die dunkelbraunen und weißen Möbel mit den schwarzen Details harmonieren mit den Balken an der Decke. An einigen Wänden wurde absichtlich nicht tapeziert und die alte Backsteinwand verleiht der Wohnung den Charme, den man von einem Bauernhaus erwartet. Das Sofa ist riesig, das Bett für zwei Personen geeignet, es gibt einen Schreibtisch direkt unter einem der Dachfenster sowie etliche leer geräumte Regale, die Platz für Dekoration bieten. Oder in meinem Fall für Pflanzen und Bücher.
»Marly?« Linneas Ruf hallt durch das Treppenhaus und erinnert mich daran, dass ich den beiden dringend beim Tragen helfen sollte.
»Komme!«
Wir brauchen über eine Stunde, um alle Kisten und vor allem meine Pflanzen auszuladen. Auf meiner Uhr läuft ungefähr genauso lange ein Work-out und der Schrittzähler klettert unaufhörlich in die Höhe.
»Das war der letzte.« Ächzend staple ich den Karton auf einen anderen in der inzwischen sehr zugestellten Wohnküche, wische mir den Schweiß von der Stirn und schüttle meine schmerzenden Arme. Für eine Dachgeschosswohnung ist es hier oben kühler als erwartet und doch deutlich wärmer als in meinem alten Zimmer. Gerade fühlt sich aber alles an wie Sauna.
»Gott sei Dank.« Erleichtert lässt meine Schwester sich inmitten der Kisten auf den Boden sinken. Ihre Wangen sind gerötet, blonde Haarsträhnen kleben an ihren Schläfen.
»Du bleibst jetzt bitte die nächsten Jahre hier. So schnell mache ich das nicht noch mal.«
»Zu Befehl.«
»Wundervoll. Wer bringt mir ein Eis?«
»Wir kaufen uns auf dem Rückweg eins«, meint Arian, der sich im Laufe der Prozedur das T-Shirt ausgezogen hat, um nicht vollständig zu schmelzen, und es nun umfunktioniert, um Linnea etwas Luft zuzufächeln.
»Klingt gut«, murmelt sie mit geschlossenen Augen. Ich nutze die Zeit, um mir in der Küche eine Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen. Eine wahre Wohltat.
»Sollen wir dir noch beim Auspacken helfen?«, erkundigt sich Arian, ohne mit dem Fächeln aufzuhören.
Ich schüttle den Kopf. »Das mache ich nachher ganz in Ruhe. Alles gut.«
Die Erleichterung steht ihm förmlich ins Gesicht geschrieben und ich verstehe ihn. Dabei ist das der Teil, auf den ich mich am meisten gefreut habe.
»Dann sollten wir uns mal auf den Heimweg machen und Ben den Transporter zurückbringen«, meint Linnea schwerfällig. Sie streckt die Hände aus und lässt sich von Arian auf die Beine ziehen. Im Slalom bahnen wir uns unseren Weg durch die gestapelten Kisten zur Treppe. Ich begleite die beiden zum Transporter. Kommentarlos hält Arian meiner Schwester den Autoschlüssel hin.
»Danke für eure Hilfe. Mit einfach allem.« Ich vollführe eine vage Handbewegung, die sowohl den Transporter als auch das Haus einschließt.
»Für dich immer, Marly«, erwidert Linnea sanft, bevor sie mich in eine Umarmung zieht. Es gab eine Zeit, da war sie die Größere von uns beiden, aber inzwischen überrage ich sie um ein paar wenige Zentimeter. Fest schlinge ich die Arme um sie, atme den vertrauten Geruch ihres Zitronenshampoos ein und hoffe, dass sie weiß, wie unendlich dankbar ich ihr für alles bin, was sie je für mich getan hat. Dazu zählt besonders, ihr Leben aufzugeben, um ein elfjähriges Mädchen großzuziehen, nachdem unsere Eltern bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen sind.
Als wir uns voneinander lösen, streicht sie mir meine losen Haarsträhnen hinters Ohr und lächelt. »Ich bin furchtbar stolz auf dich, Schwesterchen. Mama und Papa wären es ebenfalls gewesen. Und ich wünsche mir von Herzen, dass dieser Neuanfang die richtige Entscheidung für dich ist und du endlich keine Angst mehr haben musst, weil er nicht länger in der Nähe ist.« Er. Simon. Mein Ex.
Plötzlich ist da dieser Kloß in meinem Hals, der sich nicht einfach herunterschlucken lässt. Da ich meiner Stimme nicht traue, nicke ich nur.
»Egal, was ist, du kannst uns jederzeit anrufen«, fügt Arian hinzu, während er Linnea einen Arm um die Taille legt. »Wir sind für dich da, auch wenn du jetzt in diesem Kaff am Ende der Welt lebst.«
»Dieses Kaff ist wunderschön«, krächze ich und bedenke ihn mit einem empörten Blick.
»Habe ich nie bezweifelt.«
»Arian hat absolut recht. Versprich mir, anzurufen, wenn irgendetwas ist.« Eindringlich sieht Linnea mir in die Augen. Sie macht sich noch immer Sorgen um mich und ich verstehe sie. Immerhin habe ich ihr in den letzten Wochen genügend Grund zur Sorge geliefert.
»Versprochen«, bringe ich hervor und räuspere mich, weil meine Stimme noch immer kratzt. »Außerdem werde ich mir einen Job suchen. Ihr sollt nicht auf ewig meine Miete zahlen.«
»Du weißt, dass das im Moment egal ist.«
Wieder nicke ich. Trotzdem nehme ich mir fest vor, mich so bald wie möglich auf die Suche nach Arbeit zu machen. Ich möchte den beiden nicht auf der Tasche liegen. Das habe ich bereits lange genug getan. Sie sollen endlich nachholen, was sie verpasst haben, als sie mit neunzehn und dreiundzwanzig dazu verdammt worden waren, Elternersatz zu spielen, während sie sich gleichzeitig durch Ausbildung und Studium kämpften und nebenbei irgendwie Geld verdienen mussten, um uns über die Runden zu bringen. Wir hatten verdammt Glück gehabt, dass unsere Eltern das Haus bereits abbezahlt hatten und es keinen Kredit gegeben hatte, der hätte beglichen werden müssen. Und dass Arian uns beide so sehr liebte, dass er keine kalten Füße bekommen hatte, als seine Freundin auf einmal mit mir allein dagestanden war. Meinen Vater konnte er nicht ersetzen, aber er gab einen wunderbaren besten Freund ab, der in stressigen Momenten ruhig blieb, Linnea erdete und wie ein Fels in der Brandung allem standhielt, das uns zu überrollen drohte.
Sobald sie ins Auto stiegen, würden sie deutlich weiter als nur eine Tür den Flur hinunter entfernt sein und das war der einzige Grund, weswegen ich mein altes Zuhause vermissen würde. Weil ich sie vermissen würde, denn sie sind alles, was ich an Familie habe.
Noch einmal schlinge ich meine Arme um Linnea und Arian zieht uns beide an sich. So verharren wir, bis meine Schwester sich behutsam befreit und sich mit der Hand Luft zufächelt.
»Ich kuschle gerne mit euch, aber mir ist gerade definitiv zu warm, um es noch länger auszuhalten.«
»Na dann, ab mit euch«, erwidere ich schmunzelnd.
Linnea parkt den Transporter aus. Brummend rollt der Wagen vom Hof und dann die vor Hitze flimmernde Straße hinunter. Ich stehe vor dem großen Holztor, winke ihnen nach, bis sie außer Sichtweite sind und die Motorengeräusche verstummen. Langsam sinkt mein Arm hinab. Ich starre den Asphalt an und lasse mich von der plötzlich eingekehrten Ruhe einhüllen. Kein Windhauch lässt die Blätter der Akazien rascheln, die die Straße säumen. Nicht einmal ein Hund bellt in der Ferne. Das Dorf scheint in der Nachmittagshitze zu schlafen. Anders als in Berlin, wo stets irgendein Auto vorbeifährt oder ein Nachbar sein Radio laufen lässt.
Die Stille beruhigt mich auf angenehme Weise, bringt mein aufgeregt pochendes Herz in den Gleichtakt und löst auch den letzten Knoten in meiner Brust. Von nun an wird alles besser, denke ich. Und zum ersten Mal seit Monaten fange ich wirklich an, daran zu glauben.
»Du bekommst dann wohl den Erdbeerbecher ohne Sahne.« Die Teenagerin mit den rot gefärbten Haaren nickt lächelnd und legt ihr Handy beiseite, als ich den Eisbecher vor ihr abstelle. »Lasst es euch schmecken«, wünsche ich und ernte dankendes Gemurmel, denn die meisten Anwesenden der kleinen Gruppe in Reitklamotten haben bereits ihren Löffel im Mund. Prüfend lasse ich meinen Blick zu der Familie am Nachbartisch wandern, doch auch sie scheinen noch höchst beschäftigt mit Kuchen und Eiskaffee, sodass ich ruhigen Gewissens die Terrasse verlasse und mich ins Innere des Cafés zurückziehe. Hinter dem Tresen sorgt immerhin ein Ventilator für ein wenig Abkühlung. Wobei Abkühlung weit übertrieben ist. Das Ding wirbelt die heiße Luft durcheinander und trocknet so irgendwie den Schweiß auf meiner Haut.
»Wir brauchen dringend eine Klimaanlage hier drin«, stelle ich fest, während ich das leere Tablett beiseitestelle und mich daranmache, Elena einen Smoothie aus gefrorenen Beeren, Joghurt und Milch zu mixen.
»Was du nicht sagst«, erwidert sie mit einem sehnsüchtigen Blick auf die sechs Eissorten, die es im Gegensatz zu uns schön kühl unter ihrer Glasscheibe haben.
»Du siehst aus, als würdest du gleich da rein kriechen wollen«, spotte ich.
»Du etwa nicht? Ich zerfließe vom Nichtstun.« Wie zum Beweis dreht sie mir den Rücken zu und deutet auf die Flecken, die sich dunkel auf ihrem fliederfarbenen Crop Top abzeichnen, jedoch höchstwahrscheinlich noch von dem geführten Ausritt stammen, den sie eben geleitet hat.
»Vielleicht rettet dich der hier.« Ich schiebe den fertigen Smoothie über die Theke, wische mit einem feuchten Lappen über die Arbeitsfläche und ziehe mir den Hocker heran, der darunter steht und für genau solche kleinen Pausen gedacht ist.
»Himmlisch«, seufzt Elena, das kalte Glas gegen die Wange gedrückt.
»Wie war der Ritt?«, erkundige ich mich und deute durch die Scheibe auf die Terrasse.
»Gut. Für eine Anfängergruppe haben sie sich toll geschlagen. Niemand ist gestürzt, kein Pferd ist durchgegangen, obwohl einmal hinter uns ein Hund aus dem Gebüsch gesprungen ist. Ich verbuche es als Erfolg.« Sie grinst, nimmt einen großen Schluck und verzieht prompt das Gesicht.
»Gehirnfrost?«, frage ich ohne viel Mitleid und klaue ihr den Smoothie, während sie sich die Schläfen massiert.
»Das ist meiner. Mach dir selber einen«, knurrt sie und funkelt mich aus ihren blaugrünen Augen böse an.
»Die Himbeeren sind leer«, erwidere ich. »Und ohne geht nicht.«
»Idiot«, grummelt sie, langt nach ihrem Glas und entzieht es meiner Reichweite.
»Gollum.«
»Vergleichst du mich gerade mit diesem gruseligen Kobold aus Der Herr der Ringe?«
»Hobbit, kein Kobold«, korrigiere ich sie, wohlwissend, wie herzlich wenig sie das interessiert, was im Grunde eine Schande ist. »Aber ja, sieht ganz so aus. Da ist eine gewisse Ähnlichkeit, die ich nicht verleugnen kann. Du weißt schon, mein Schatz und so.«
Empörung glitzert in ihrem Blick, dann trifft ihre Faust meine Schulter. Es ist mehr die Überraschung als der Schmerz, die mich das Gesicht verziehen lässt.
»Nenn mich noch mal Gollum und ich wiederhole das mit mehr Schwung.«
»Drohst du mir?«
»Und wie. Hast du Angst?«
»Ich fürchte mich zu Tode.«
»Gut so.« Wir starren uns für ein paar Sekunden an. Meine Mundwinkel zucken zuerst und auch sie schafft es nicht, länger ernst zu bleiben.
»Was machst du, wenn du mit der Gruppe durch bist?«, wechsle ich das Thema.
»Duschen. Wobei …« Sie schüttelt den Kopf, wodurch die Naturlocken ihrer schwarzen Haare zu wippen beginnen. »Es macht nicht viel Sinn zu duschen, wenn ich um vier noch mit Salt raus will.«
»Nicht wirklich«, stimme ich zu.
»Wenn du willst, kannst du mitkommen«, bietet sie an. »Eine Runde spazieren gehen.«
»Würde ich gerne, aber du vergisst, dass dieses Café chronisch unterbesetzt ist, seit Lina mit Sommergrippe ans Bett gefesselt ist. Vor achtzehn Uhr passiert bei mir nichts.«
»Ach, stimmt. Das habe ich völlig verdrängt.«
»Dann wirst du wohl oder übel auf meine Gesellschaft verzichten müssen.«
»Ob ich das schaffen werde?«
»Gute Frage.«
»Ich denke so lange drüber nach, während du deinen Job erledigst. Ich glaube, da draußen wird dein Typ verlangt.« Elena nickt mit dem Kopf in Richtung Fenster.
Ich folge ihrem Blick zum Tisch der vierköpfigen Familie, deren Teller und Gläser leer geworden sind, und erhebe mich. Kaum bin ich um den Tresen gelaufen und somit außer Reichweite des Ventilators, sehne ich mich nach einer eiskalten Dusche. Ich kassiere die Familie ab, wünsche ihnen noch ein schönes Wochenende und räume den Tisch frei. Bei der Reitgruppe erkundige ich mich, ob alles in Ordnung ist, und verschwinde schnell wieder nach drinnen, als ich in ausschließlich gerötete, aber lächelnde Gesichter blicke.
Das Café gehört zum Lilienhof, der wiederum Eigentum von Silvia Wagner und der größte Reiterhof im nahen Umkreis von Radow ist. Vor allem am Wochenende zieht es neben den Reitgruppen und Pferdebesitzern des Hofs Wandernde, Fahrradfahrende und Familien mit Kindern in unser beschauliches Dorf. Die Terrasse mit Blick auf die Koppeln ist gerade bei den jüngsten Gästen immer ein Highlight. Allerdings haben sich die meisten Vierbeiner aktuell in den Schatten der Bäume am hinteren Ende der Wiese verzogen und sind mit bloßem Auge nur schwer zu erkennen.
»Habe ich schon erwähnt, dass wir eine Klimaanlage brauchen?«
Elena neigt nachdenklich den Kopf. »Möglich. Ich glaube, mich schwach zu erinnern. Es ist ganze zehn Minuten her. Gut, dass du es wiederholst.«
»Dein Sarkasmus ist nicht hilfreich«, brumme ich und wische mir mit dem Saum meines T-Shirts Schweiß von der Stirn.
»Sprich mit meiner Mutter«, schlägt sie vor. Diesmal ohne Sarkasmus in der Stimme. »Heute ist allerdings kein guter Tag. Irgendetwas hat ihr nach dem Frühstück die Laune verdorben. Seitdem ist sie von allem und jedem genervt.«
»Danke für die Warnung.«
»Kein Ding.« Sie lächelt, ehe sie den Rest ihres Smoothies hinunterkippt. »Kann ich dir irgendwie helfen?«
»Klar. Da wären eine Spülmaschine aus- und einzuräumen, der Mixer abzuwaschen und gefrostete Himbeeren aus dem Lager zu holen. Such dir was aus.«
»Spülmaschine klingt machbar.« Mit diesen Worten rutscht Elena von ihrem Hocker und kommt zu mir hinter den Tresen. Ich brauche ihr nicht zu erklären, wo die Sachen hingehören, da sie das Café ebenso gut kennt wie ich. Im Grunde gibt es keine Ecke am Lilienhof, die ihr nicht vertraut ist. Alles andere wäre auch leicht verwunderlich, da sie hier aufgewachsen ist.
Schweigend arbeiten wir nebeneinander. Das Klirren des Geschirrs, das Surren des Ventilators und das Plätschern des Wassers im Spülbecken sind neben dem Ticken der Wanduhr die einzigen Geräusche, die die Stille unterbrechen. Trotz der Arbeit behalte ich die Gruppe draußen im Auge, um reagieren zu können, falls sie noch einen Wunsch haben oder aussehen, als wären sie fertig. Tatsächlich vergeht noch eine weitere halbe Stunde, ehe der letzte Eisbecher leer ist. Elena wischt ein paar Wassertropfen von der Arbeitsplatte und hängt das Geschirrtuch zurück an seinen Haken. Der Tresen glänzt, jegliches Anzeichen von Chaos wurde erfolgreich beseitigt.
»Hervorragend. Dann werde ich jetzt als Nächstes meine Gruppe verabschieden«, meint sie mit in die Hüfte gestemmten Händen.
»Und ich werde abräumen.« Demonstrativ greife ich nach dem Tablett und folge ihr nach draußen.
»Mädels, hört ihr mir noch mal ganz kurz zu?«, verschafft Elena sich Gehör. Sofort verstummen die Gespräche und alle Blicke richten sich auf sie. Ich halte mich bewusst im Hintergrund, während sie die Gruppe mit einer Lockerheit verabschiedet, für die ich sie bewundere, weil sie wirkt, als hätte sie nie etwas anderes gemacht.
Nach und nach erheben die Ersten sich, winken zum Abschied und ich nutze die Gelegenheit, um die leeren Eisbecher einzusammeln. Kurz darauf ist die Terrasse wie leer gefegt.
»Ich mache dann mal los«, meint Elena. »Wir sehen uns?«
»Klar. Viel Spaß beim Spazierengehen.«
»Werde ich haben.« Schon schlendert sie davon und ich mache mich daran, auch dieses restliche Geschirr in die Spülmaschine zu räumen. Dann sinke ich zurück auf meinen Barhocker, stütze die Ellenbogen auf den Tresen und fange an, mich auf meinem Handy durch Social Media zu scrollen. Den Gruppenchat meines Studiengangs ignoriere ich geflissentlich. Die Uni darf mir frühestens am Montag wieder auf die Nerven gehen. Ich like das letzte Bild von Elena, das sie mit ihrem Schimmelwallach Salt am kleinen Waldsee vor leuchtend blauem Himmel zeigt. Sie strahlt von einem Ohr zum anderen und ihre Augen glänzen mit der Sonne um die Wette. Solche Fotos von ihr sind selten. Der Großteil ihres Insta-Accounts besteht aus Turnieraufnahmen – professionell geschossenen Bildern, auf denen sie entweder konzentriert wirkt oder freundlich in die Kamera lächelt. Ich mag die Schnappschüsse am liebsten, denn sie zeigen die Elena, die ich kenne, und nicht die Version, die sie immer dann rausholt, wenn sie in schneeweißen Hosen, blank polierten Stiefeln und Turnierjackett mit dem goldenen Wappen des Lilienhofs auf ein Dressurviereck reitet.
Es dauert nicht lange, ehe ich bei den teuflischen Kurzvideos lande und mich vom viel zu schlauen Algorithmus in die fesselnden Tiefen des Internets ziehen lasse. Auf ein Reel folgt das nächste. Nur selten schaue ich länger als fünf Sekunden zu. Mein Daumen wischt beinahe automatisch über den Bildschirm. Als mein Blick irgendwann zur Uhr rutscht, wird mir klar, dass ich mal wieder wertvolle Lebenszeit an sinnloses Scrollen verschenkt habe. Fantastisch. Ich sollte diese Apps einfach deinstallieren und für ein paar Monate Social-Media-Detox betreiben. Schaden würde es in keinem Fall.
Zum Glück schwingt in dem Moment die Tür zum Café auf und zwingt mich, das Handy auszuschalten. Wobei ich das mit dem Glück schnell revidiere, als ich die Person allein an dem dumpfen Schlag erkenne, der jeden ihrer Schritte begleitet; dem charakteristischen Geräusch eines Gehstocks auf hartem Untergrund. Ich lasse das Handy in meiner Hosentasche verschwinden und richte mich auf.
»Nichts zu tun, hm?«, erkundigt Silvia Wagner – ihres Zeichens Hofbesitzerin und meine Chefin – sich, während sie den Raum durchquert. Der Knauf ihres schwarzen Gehstocks blitzt silbern zwischen ihren Fingern. Die Haare, die sie eins zu eins an Elena vererbt hat, sind zu einem strengen Knoten gebunden, der ihrem Gesicht die Weichheit nimmt. Trotz der Hitze stecken ihre Beine in einer langen Stoffhose, die edel genug aussieht, um sie auf einem Sektempfang irgendwo auf der Dachterrasse eines Nobelhotels zu tragen, aber nicht auf einem staubigen, wenn auch sehr gepflegten Reiterhof. Immerhin hat sie die Ärmel ihrer weißen Bluse hochgekrempelt und die letzten Knöpfe am Kragen offengelassen.
»Gut erkannt«, erwidere ich bedächtig und erinnere mich an Elenas Warnung bezüglich des Gemütszustands ihrer Mutter. Vorsicht ist angebracht, denn Silvia kann schnell ungemütlich werden. Nicht im Sinne eines wütenden Drachen, eher im Sinne einer Eiskönigin, deren Worte scharf und deren Blicke frostig sind. Sie ist die Art von Mensch, in deren Gegenwart man sich nicht traut, heimlich zu flüstern.
»Was kann ich für dich tun?«, frage ich sie.
»Lina hat sich vorhin gemeldet. Es geht ihr noch immer nicht besser und sie lässt am Montag ihre Krankschreibung verlängern. Für wie lange, wird sich zeigen.«
Ich verziehe keine Miene, obwohl die Nachricht mir jeden Grund zum Fluchen gibt. Seit zwei Wochen betreue ich das Café quasi im Alleingang, lasse meine Unikurse ausfallen, nur um dann abends die Folien durchzuarbeiten und mir von meinen Kommilitonen sagen zu lassen, was ich in den Seminaren verpasst habe. Und das so kurz vor den letzten Prüfungen meines Masters. Es geht mir gewaltig gegen den Strich, aber ich hänge zwischen den Stühlen. Dieses Café ist mein ganzer Stolz und ich will Silvia nicht auch noch im Stich lassen, nachdem kürzlich erst Tom und Sarah gekündigt haben. Nun müssen Fred und Anna die Grundversorgung der Pferde allein stemmen, niemand kann spontan frei machen und Linas Grippe war die Kirsche auf der Sahnetorte. Oder eher der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
»Kann jemand einspringen?«, frage ich unnötigerweise. Dabei kenne ich die Antwort bereits, denn sie steht Silvia in Großbuchstaben auf die Stirn geschrieben. Schon schüttelt sie den Kopf.
»Shit«, rutscht es mir ungewollt heraus. Frustriert schlage ich mit der flachen Hand auf den Tresen und beiße die Zähne zusammen.
Silvia lässt meinen Fluch unkommentiert. Seufzend lehnt sie sich gegen einen der Barhocker und starrt auf die vielen Bilder, die hinter mir an der Wand hängen. Aufnahmen von ihr und Elena, von so ziemlich jedem Pferd, das in den letzten zwanzig Jahren hier gestanden hat, von Weihnachtsfeiern, Hofturnieren, Hochzeiten und Feriengruppen. Dazwischen kleine Briefe von Sommergästen, Kinderzeichnungen und bunte Schleifen. Mir entgeht der Anflug von trauriger Sehnsucht nicht, der ihre Züge erweicht und sogleich von Sorge überschattet wird. Etwas beschäftigt sie und mir fallen auf Anhieb ein halbes Dutzend Dinge ein, die Schuld an den sorgfältig abgedeckten Schatten unter ihren blauen Augen sein könnten.
»Schließen können wir nicht, oder?«, durchbreche ich das Schweigen.
Sie blinzelt, ihr Blick klart auf und ihre Miene wird hart. »Auf keinen Fall. Am Montag kommt eine Schulklasse und morgen reisen die Gäste der Ferienwohnungen an.«
»Nachtschicht, here we go again. Wozu schlafen? Ausgeruht sein wird überbewertet.«
»Es tut mir leid, Henry.« Echtes Bedauern schwingt in ihrem Tonfall mit.
»Ja, mir auch.«
Sie seufzt ein zweites Mal, was äußerst ungewöhnlich für sie ist. »Schick mir die Daten deiner Prüfungen. Sollte Lina bis dahin nicht wieder gesund sein, muss ich mir etwas einfallen lassen. Wie auch immer.« Sie versucht sich an einem Lächeln, das wohl zuversichtlich sein soll, verfehlt ihr Ziel aber um Meilen.
Ich nicke. Silvia kann sich auch keine Arbeitskräfte aus der Nase ziehen. So sehr ich dieses Winzdorf mag, von den rund dreihundert Einwohnern sind siebzig Prozent über siebzig und der Rest besteht aus Familien mit Kindern unter zehn. Die wenigsten Leute meines Alters hält es in einem Kaff fernab der Zivilisation, wo der einzige Bus, der fährt, der Schulbus ist – und das bloß zweimal täglich und natürlich nicht während der Ferienzeiten. Ohne Auto ist man aufgeschmissen, die Fahrradwege nach Trebbin und Michendorf sind alles andere als ausgebaut und der nächste Supermarkt ist nicht gerade um die Ecke. Warum ich mit achtzehn freiwillig hierhergezogen bin, versteht, bis auf meinen Onkel und Elena, eigentlich niemand.
Das Klingeln eines Handys reißt mich aus meinen Gedanken. Silvia zieht ihr Telefon aus der Hosentasche und wendet sich ab, ehe sie das Gespräch mit gesenkter Stimme annimmt. Ich versuche, nicht mitzuhören, aber das ist eigentlich unmöglich.
»Ein neues Angebot?«, fragt sie. »Von mir aus. Dann schicken Sie mir die Unterlagen per Mail, damit ich sie mir ansehen kann. Auf Wiederhören.« Sichtlich ungehalten legt sie auf und massiert sich mit Daumen und Zeigefinger den Nasenrücken. »Entschuldige, Henry, aber die Arbeit ruft.« Sie ringt sich ein Lächeln ab und obwohl ich gerne nachhaken würde, belasse ich es bei einem Nicken.
Die alten Holzdielen der Treppe geben ein Knarzen von sich, als ich die Stufen zu meiner Wohnung hinaufsteige. Sich hier anzuschleichen, ist ein Ding der Unmöglichkeit und irgendwie beruhigt mich das sehr. Außerdem trägt es definitiv zum Charme des alten Hauses bei. Behutsam schließe ich die Tür hinter mir, trete zwischen zwei Kisten hindurch in die Küche und lasse meinen Blick über das Chaos schweifen. Für einen kurzen Moment bin ich überfordert und habe keinen blassen Schimmer, wo ich anfangen soll. Es ist unglaublich, wie viel Zeug ich doch besitze und wie der ganze Kram zuvor in mein altes Zimmer gepasst hat.
»Dann wollen wir mal«, murmele ich in die Stille, ziehe mein Handy aus der Hosentasche und starte meine Lieblingsplaylist. Mit Musik oder einem Podcast auf den Ohren lassen sich viele Dinge sehr viel leichter erledigen. Leise summend ziehe ich die nächstbeste Kiste zu mir heran und öffne sie. Kleidung und Bücher. Von der Sorte gibt es mehrere. Es dauert nicht lange, ehe ich völlig darin versinke, die Regale mit Büchern zu bestücken, die Schränke mit Klamotten, Geschirr, Kosmetikartikeln und Schuhen zu befüllen und geeignete Plätze für meine Pflanzen zu suchen. Es ist befriedigend, eine Ordnung zu schaffen, die ganz allein mir gehört. Zu wissen, dass hier niemand ist, der irgendetwas von dem, was ich tue, infrage stellt oder mir seine Meinung aufdrängen will, aka Simon.
Zufrieden schiebe ich das letzte meiner Bücher an seinen neuen Platz und begutachte mein Werk. Schweiß verklebt die Haare in meinem Nacken und meine Leinenhose habe ich längst gegen kurze Sportshorts getauscht. Etwas zu trinken, wäre sicherlich keine schlechte Idee, bevor ich mich daranmachen sollte, die leeren Kartons wegzuräumen, um endlich ungehindert treten zu können. Ein Blick auf die digitale Anzeige der Mikrowellenuhr sagt mir, dass bereits über zwei Stunden vergangen sind, seit meine Schwester und Arian gefahren sind. Es hat sich nach deutlich weniger angefühlt.
Gerade als ich ein Glas unter den Wasserhahn halten will, klopft es. Ich erstarre vor Schreck und mein Atem stockt, weil ich absolut nicht mit Besuch gerechnet habe, ehe ich mich innerlich zur Vernunft rufe, tief Luft hole und zur Wohnungstür gehe. Durch das dicke, gemusterte Glas erkenne ich bloß die Silhouette meines unerwarteten Gasts. Groß und schlank und ein wenig verzerrt. Ich schließe die Finger um die Klinke und öffne. Der süße Duft von Schokolade steigt mir in die Nase. Mein Magen grummelt prompt drauflos und erinnert mich daran, dass ich seit gestern nichts mehr gegessen habe, weil ich heute Morgen vor Nervosität keinen Bissen heruntergebracht habe.
»Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen.« Alexandra mustert mich fragend. In den Händen hält sie einen großen weißen Teller, auf dem sich Kekse stapeln und ihren himmlischen Geruch im Treppenhaus verbreiten. Über ihrer Schulter hängt ein Jutebeutel.
»Nein.« Ich schüttle den Kopf, mehr als erstaunt darüber, dass sie mir ernsthaft Kekse gebacken hat. »Wollen Sie … kurz reinkommen?«
»Wenn es keine Umstände macht?«
»Tut es nicht. Ich war bis eben noch mit Auspacken beschäftigt. Deswegen ist alles ein wenig chaotisch.« Ich trete beiseite und lasse sie vorbei. Anstelle des schwarzen Arbeitsoveralls von vorhin trägt sie nun eine luftige Hose und eine dünne Leinenbluse über einem weißen Top. Die hellblonden Haare hat sie sich mit einer großen Klammer aus dem Gesicht gesteckt.
