The Crow Queen 2: Tödliche Flüche - Bianka Behrend - E-Book

The Crow Queen 2: Tödliche Flüche E-Book

Bianka Behrend

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Beschreibung

**Zur Retterin auserwählt** Als angehende Kriegermagierin hat Elainia immer damit gerechnet, eines Tages die Königsfamilie zu beschützen. Doch die dramatischen Ereignisse in Elandria haben dafür gesorgt, dass die bestehende Weltordnung ins Wanken geraten ist: Im Land der Feen ist ein Krieg ausgebrochen und der Mann, der ihr inzwischen mehr bedeutet als ihr eigenes Leben, wird von einem Fluch heimgesucht, der ihn mehr und mehr zu einer Hülle seiner selbst werden lässt. Um ihn und sein Reich vor dem Untergang zu bewahren, macht sich Elainia zusammen mit ihren Freunden auf die Suche nach dem mysteriösen Hexenkristall, denn nur er scheint mächtig genug, den Fluch zu brechen … Endlich die lang ersehnte Fortsetzung der bekannten Buchbloggerin @bibibuecherverliebt, die die Welt seit Jahren mit ihren wunderschönen Bodypaintings verzaubert! High-Fantasy zum Verlieben. Lass dich in eine Welt voller Magie, Flüche und Romantik entführen. Textauszug: »Das vertraute Goldbraun seiner Augen war dunklen Schatten gewichen, die sogar das Weiß um seine Iriden umwölkten. Zum ersten Mal wünschte Elainia von Herzen, seine Gefühle manipulieren zu können, doch der Fluch hinderte sie daran. Er war wie eine Barriere aus schwarzem Diamant, die sein Innerstes vor ihren Kräften schützte. Hass und Wut wanden sich schlangengleich um sein Herz, vergifteten seine Gedanken und schwappten wie brodelndes Wasser auf Elainia über. Sie musste ihre Magie zurückziehen, um nicht darin zu ertrinken. Langsam rappelte sie sich auf. Er war ihre letzte Aufgabe. Ihr Schwert fest umklammert näherte sie sich ihm.« High-Fantasy zum Verlieben. Endlich das Debüt der bekannten Buchbloggerin @bibibuecherverliebt, die die Welt seit Jahren mit ihren wunderschönen Bodypaintings verzaubert! Lass dich in eine Welt voller Magie, Flüche und Romantik entführen. //Dies ist der finale Band der magisch-fantastischen Dilogie »The Crow Queen«. Alle Bände der Fantasy-Liebesgeschichte bei Impress: -- The Crow Queen 1: Magische Gaben -- The Crow Queen 2: Tödliche Flüche Diese Reihe ist abgeschlossen.//

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Bianka Behrend

The Crow Queen 2: Tödliche Flüche

**Zur Retterin auserwählt**Als angehende Kriegermagierin hat Elainia immer damit gerechnet, eines Tages die Königsfamilie zu beschützen. Doch die dramatischen Ereignisse in Elandria haben dafür gesorgt, dass die bestehende Weltordnung ins Wanken geraten ist: Im Land der Feen ist ein Krieg ausgebrochen und der Mann, der ihr inzwischen mehr bedeutet als ihr eigenes Leben, wird von einem Fluch heimgesucht, der ihn mehr und mehr zu einer Hülle seiner selbst werden lässt. Um ihn und sein Reich vor dem Untergang zu bewahren, macht sich Elainia zusammen mit ihren Freunden auf die Suche nach dem mysteriösen Hexenkristall, denn nur er scheint mächtig genug, den Fluch zu brechen …

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Vita

Danksagung

© privat

Bianka Behrend wurde 1999 in Berlin geboren. Schon früh entdeckte sie ihre Liebe zu Büchern, plünderte die Bibliothek und dachte sich Geschichten aus. Wenn sie nicht gerade in fremde Welten abtaucht, Pinsel und Farben in den Händen hält, auf ihrem Instagram Account »bibibuecherverliebt« mit Bodypaintings und Armbemalungen über Bücher bloggt oder hinter ihrem Laptop verschwindet, dann galoppiert sie mit ihrer Stute Pepper über die Felder.

Für alle, die nie aufhören zu träumen.

Kapitel 1

Enthüllte Vergangenheit

Elainia

Nie hätte Elainia damit gerechnet, einmal mitten im königlichen Ballsaal zu stehen und eine Blutlache anzustarren. Doch nun befand sie sich genau hier und konnte sich einfach nicht von dem Anblick der rot schimmernden Flecken lösen, denn das, was sie bedeuteten, hatte sich tief in sie eingebrannt und schnürte ihr die Kehle zu. Erst als eine Bedienstete das Blut von Avis’ Adoptivbruder Silyan vom Marmorboden wischte, erwachte sie aus ihrer Starre und blickte zu den Türen, durch die der Prinz des lichten Feenvolks aus dem Saal gebracht worden war. Palastheilerin Dunia Gira würde sich seiner annehmen.

Silyans unheilverkündende Worte von Krieg und Tod schwebten jedoch weiterhin wie Gewitterwolken über den Köpfen der anwesenden Gäste. Es wurde getuschelt und geflüstert, die Musik war verstummt. Beständig und schwer wie eine Wasserwand drückte die allgemeine Anspannung gegen Elainias Mauern, die sie um ihre Magie errichtet hatte, um nicht von den Emotionen davongeschwemmt zu werden. Langsam ließ sie ihren Blick über die Menge schweifen und begegnete Miras. Die Stirn ihrer Freundin lag in Falten. Sorge ging in Wellen von ihr aus. Elainia fühlte ähnlich. König Kiovar und Königin Naira waren Avis’ Familie gewesen. Seine Adoptiveltern, die ihn wie ihren eigenen Sohn großgezogen hatten. Nun sollten sie tot und sein Volk in einen Krieg verwickelt sein, während er im Kerker des Palastes saß.

Sie griff nach Miras Hand und drückte sie. Im selben Moment ertönten die ersten Takte eines neuen Lieds. Die Musiker spielten wieder.

»Elainia? Miranda?« Alaria war an sie herangetreten. Die Smaragde in ihrer Krone funkelten bei jeder Bewegung ihres Kopfes, doch aus ihren silbergrünen Augen war jeglicher Anflug von Freude und Losgelöstheit verschwunden.

»Ja?« Fragend sah Elainia die frisch gekrönte Königin an. Sie verspürte einen Anflug von Bedauern. Dieser Ball anlässlich Alarias Krönung hätte nach all den schrecklichen Ereignissen der letzten Wochen ein Abend zum Feiern werden sollen. Stattdessen trübte ein neuer Schatten ihr kurzfristiges Glück.

»Ich möchte mit euch reden.« Damit drehte Alaria sich um und bahnte sich einen Weg durch die Anwesenden, die ihr augenblicklich Platz machten. Elainia holte tief Luft, ehe sie ihr folgte. Miras Hand ließ sie dabei keine Sekunde lang los. Sie beobachtete, wie die Königin neben dem Podest, auf dem die Throne standen, anhielt und schnelle Worte mit ihrem Neffen wechselte. Cassian, Kronprinz und Verlobter ihrer Schwester Lariel, nickte ernst und stieg dann die wenigen Stufen des Podiums hinauf. Was er sagte, verstand sie nicht mehr, denn Alaria winkte sie durch den schweren Samtvorhang fort vom Ballsaal.

Im Halbdunkel der Wandlaternen entdeckte Elainia neben Alaria ihre Mutter, Anführerin der Königinnengarde, sowie ihren Vater Lord Larodres. Beide wirkten nicht minder besorgt als die Königin selbst.

»Was jetzt?«, wollte sie wissen.

»Wir müssen herausfinden, ob stimmt, was die Fee gesagt hat«, begann Alaria.

»Erzherzogin Cresendia hat die besten Verbindungen nach Kronda. Sie soll Boten schicken«, meinte Amanda sofort.

Alaria nickte zustimmend.

»Allerdings«, fuhr ihre Mutter fort, »konnte ich mithilfe meiner Magie keine Lüge in seinen Worten erkennen. Er hat die Wahrheit gesagt. Oder zumindest das, was er für die Wahrheit hält.«

Ein müdes Seufzen entwich Alaria. »So habe ich mir diesen Abend nicht vorgestellt.«

»Das hat keiner von uns.« Sanft legte Amanda ihr eine Hand auf den Oberarm.

Dankbar lächelte Alaria sie an, ehe ihre Miene wieder von Ernsthaftigkeit gezeichnet wurde. Ihr Blick richtete sich auf Elainia. »Du kennst die Fee.« Es war eindeutig eine Feststellung, keine Frage.

Elainia versteifte sich, während sie Miras Finger so sehr drückte, dass sie sich nicht gewundert hätte, wenn ihre Freundin sich losgemacht hätte, doch das tat sie nicht.

»Deine Gefühle im Saal haben eine eindeutige Sprache gesprochen«, fuhr Alaria fort. »Niemand trägt so viele widersprüchliche Emotionen in sich, sobald er eine fremde Person zum ersten Mal sieht.«

Da musste Elainia ihr leider recht geben. Gleichzeitig ärgerte sie sich, dass es Alaria erneut gelungen war, so leicht zu erkennen, was in ihr vorging. Dass sie sich jemals an die starke Magie der Königin gewöhnen würde, wagte sie zu bezweifeln. Mit allen vier Berührungen war Alaria unbestreitbar die mächtigste Frau in ganz Fandoria. Allerdings waren ihre Kräfte auch ein Grund für ihre jahrelange Gefangenschaft im Carasgebirge gewesen. Eigens eingefädelt von ihrer älteren Schwester und ehemaligen Königin Cierra.

»Wer ist er?«, hakte die Königin behutsam nach.

Elainia wand sich unter den erwartungsvollen Blicken ihrer Eltern, ehe sie mit der Sprache herausrückte. »Prinz Silyan Aven. Avis’ Adoptivbruder.« Viel zu deutlich erinnerte sie sich an den Zorn in Avis’ Augen, als er Mira und ihr von dem Feenprinzen erzählt hatte. Silyan und er waren nicht gerade im Guten auseinandergegangen. Da waren Fragen, auf die Avis keine Antworten hatte. Viele Fragen. Angefangen damit, wer bei diesem verhängnisvollen Abendessen mit Silyans geliebter Dunkelfee die Gläser vertauscht und ihm damit diesen furchtbaren Fluch aufgehalst hatte.

Verständnis huschte über Alarias Miene, während sie nachzudenken schien.

»Ist das alles gewesen?«, fragte Elainia.

Die Königin nickte. »Vorerst ja.«

»Dann gehen wir jetzt.« Ohne auf eine Erlaubnis zu warten, dirigierte sie Mira zurück in den Ballsaal. Sofort schlugen ihr Wärme, Essensgerüche und Unmengen an Emotionen entgegen. Die angespannte Stimmung von vorhin hatte sich aufgelöst. Paare tanzten, es wurde gelacht und geplaudert, als wäre nie etwas geschehen.

Elainia sammelte sich und sah Mira an. »Kommst du mit raus?«

»Natürlich.«

Gemeinsam schoben sie sich Richtung Ausgang. Elainia erhaschte einen kurzen Blick auf Miras Mutter Fara und ihren Freund Tarian, die am Rand der Tanzfläche standen und als eine der wenigen noch immer einen sorgenvollen Ausdruck im Gesicht trugen. Da sie durch Mira in die Geschehnisse um Alaria, Cierra und Avis eingeweiht worden waren, würden sie Silyans Worte von Krieg und Tod wahrscheinlich nicht einfach wegtanzen.

Doch bevor Elainia weiter darüber nachdenken konnte, öffnete ihnen ein Diener die schwere Flügeltür und sie schlüpften schweigend in den leeren Gang, um von dort aus zum Garten zu gelangen. Kleine Laternen säumten die sorgfältig angelegten Wege zwischen den Blumenbeeten, Insekten surrten um die Lichter und der Mond tauchte die duftenden Hortensien, Sonnenblumen und Rosen in einen silbrigen Glanz. Der laue Wind trug das plätschernde Geräusch des Springbrunnens heran und hüllte Elainia in eine wohltuende Friedlichkeit, die sie sofort beruhigte. Tief einatmend blieb sie stehen und genoss die frische Luft.

Behutsam legte Mira ihr eine Hand auf die Schulter. »Wenn du reden möchtest, dann höre ich zu«, bot sie sanft an.

Elainia atmete schwer aus, drehte sich herum und massierte sich den Nasenrücken. »Ich muss mit Silyan sprechen.«

»Ich weiß.«

»Er ist Avis Erklärungen schuldig.« Sie stockte. »Meinst du, es wäre ihm recht, wenn ich ohne ihn mit seinem Bruder rede?«

Mira seufzte. »Darauf kann ich dir keine Antwort geben. In seinem jetzigen Zustand kann Avis auch nicht für sich selbst sprechen. Du kennst ihn am besten. Stünde er an meiner Stelle hier, würde er wollen, dass du ihn begleitest? Würde er wollen, dass du die Wahrheit erfährst?«

Elainia dachte eine Weile darüber nach. Avis bedeutete ihr mehr als irgendein Mann zuvor und sie schien ihm ebenso wichtig zu sein. Die Erinnerung an den Kuss im Angornwald ließ ihr Herz ein wenig schneller schlagen. Außerdem hatte sie ihm versprochen, gemeinsam eine Lösung für den Fluch zu finden. Da er selbst nicht in der Lage war zu handeln, würde sie es an seiner Stelle tun und sie bezweifelte nicht eine Sekunde, dass er etwas dagegen haben würde.

»Ja«, sagte sie fest. »Ja, ich denke, er würde es wollen. Und vielleicht helfen uns die Antworten, um ihn von dem Fluch zu befreien.«

Mira lächelte und nickte zustimmend. »Dann statten wir dem Krankentrakt einen Besuch ab?«

»Das werden wir. Dunia dürfte ihn inzwischen wohl einigermaßen zusammengeflickt haben.«

»Geben wir ihr zur Sicherheit noch ein paar Minuten. Na komm.«

Ihre Freundin hakte sich bei ihr unter und obwohl jede Faser ihres Körpers danach schrie, sofort zum Krankensaal zu stürmen, fügte sie sich und schlenderte mit Mira eine Weile durch den Garten. Sie kannte die verschlungenen Wege wie ihre Westentasche, da ihre Mutter sie früher hier hatte spielen lassen, wenn sie Dienst gehabt hatte. Nun versuchte sie sich zurechtzulegen, was sie zu Silyan sagen sollte, verwarf jede Idee aber sogleich wieder. Sie würde es wohl auf den Moment ankommen lassen.

Etliche Abzweigungen später standen sie wieder vor dem Palast und Elainia steuerte auf kürzestem Weg Dunias heilige Hallen an.

»Soll ich hier warten?«, erkundigte Mira sich, kaum dass sie vor der Flügeltür zum Stehen gekommen waren. »Es ist eine Sache, wenn du an Avis’ Stelle mit ihm sprichst, doch eine ganz andere, wenn ich dabei bin. Ich sollte nicht mitkommen.«

»Ob du dabei bist oder ich dir hinterher sowieso alles erzähle, macht keinen Unterschied. Ich weiß das und Avis weiß es auch. Du bist schließlich meine beste Freundin, Mira. Also begleite mich. Bitte.« Mit Mira an ihrer Seite würde sie sich weniger allein fühlen. Sie verdiente die Wahrheit ebenso wie Avis. Über alles, was seit jenem verdammten Abendessen vorgefallen war.

Als Mira nickte, griff sie entschlossen nach dem Türknauf und betrat den Saal. Dunia schaute von einem Buch auf, kaum dass sie über die Schwelle getreten waren. Elainias Blick wanderte über die vielen leeren Betten und blieb an dem einzigen belegten in der hinteren Ecke hängen. Ihr Herzschlag beschleunigte sich.

»Es ist ziemlich spät für einen Besuch«, meinte die Heilerin stirnrunzelnd.

»Das ist uns bewusst«, erwiderte Elainia rasch. »Wie geht es ihm?« Sie deutete auf das Bett, in dem Silyan lag.

»Ich habe seine Wunden geheilt. Er muss jetzt viel schlafen und sich ausruhen. Warum fragst du?« Forschend musterte Dunia erst Elainia, dann Mira.

»Weil wir mit ihm sprechen müssen. Dringend«, antwortete Elainia. »Hat man Euch berichtet, was im Ballsaal vorgefallen ist?«

»Nein. Mir wurde bloß aufgetragen, ihn zu heilen.« Missmut schwang in Dunias Stimme mit. »Die Gardistinnen, die ihn mir gebracht haben, waren schneller wieder weg, als ich gucken konnte.«

»Er ist Avis Landros Bruder«, mischte Mira sich ungeduldig ein. »Adoptivbruder, falls Ihr Euch über die fehlende Ähnlichkeit wundert.«

»Avis Landro? Wer ist das?« Verwirrung huschte über das Gesicht der Heilerin.

Da erinnerte Elainia sich, dass Avis und Dunia einander nie bewusst vorgestellt worden waren. »Avis ist die Fee, die mit uns zusammen Königin Alaria gefunden hat«, erklärte sie rasch. »Und nun im Verlies sitzt, weil der Fluch, mit dem er belegt worden ist, ihn unberechenbar macht.«

»Verstehe.« Dunia nickte. »Und wieso kann ein Gespräch mit meinem Patienten nicht bis morgen warten?«

»Bevor er zusammengebrochen ist, hat er behauptet, seine Eltern seien tot und es herrsche Krieg zwischen den Feenvölkern. Außerdem besteht die Möglichkeit, dass er etwas über Avis’ Fluch weiß. Versteht Ihr? Ich kann nicht einfach ins Bett gehen und ruhig schlafen. Wenn er ansprechbar ist, lasst mich mit ihm reden. Bitte.«

Dunia zögerte. Elainia war sich darüber im Klaren, wie sehr ihr das Wohl ihrer Patienten am Herzen lag, doch schließlich seufzte sie geschlagen.

»Ihr habt eine Viertelstunde.«

»Danke.« Elainia schenkte ihr ein Lächeln, das Dunia mit einem Schnauben quittierte, ehe sie sich wieder ihrem Buch und ihren Kräutern zuwandte.

Elainia und Mira schoben sich zwischen den Betten hindurch, bis sie vor Avis’ Bruder innehielten. Silyan schien zu schlafen. Zumindest waren seine Augen geschlossen und er atmete gleichmäßig. Im Schein der wenigen Laternen wirkten seine Wangen blass und eingefallen. Er musste tagelang durchgeflogen sein, um hierher zu gelangen. Verletzt und verzweifelt. Mitgefühl stieg in Elainia auf und drängte ihren Ärger ein wenig beiseite.

»Soll ich ihn wecken oder willst du?«, erkundigte sie sich bei Mira.

»Die ehrenvolle Aufgabe überlasse ich gerne dir.« Ihre Freundin trat einen Schritt zurück.

Also übernahm Elainia es, Silyan an den Schultern zu rütteln. Angespannt beobachtete sie, wie er unwillig stöhnend blinzelte, die Lider aufschlug und sie schließlich verwirrt ansah. Falten gruben sich in seine Stirn. Elainia konnte förmlich spüren, wie sein Verstand arbeitete. Wie er versuchte zu rekonstruieren, was passiert war und wen er da vor sich hatte. Plötzlich zuckte er zusammen und die dünne Decke rutschte von seiner Brust, als er sich blitzartig aufsetzte. Elainia reagierte instinktiv und wich beiseite, ehe ihre Köpfe aneinanderschlugen.

»Wo bin ich? Wer bist du?«, krächzte er.

»Es ist alles gut. Du bist in Sicherheit. Kein Grund, sich aufzuregen«, meinte sie ruhig. »Mein Name ist Elainia Larodres und du befindest dich im Krankentrakt des königlichen Palastes von Elandria. Unsere Heilerin hat dich zusammengeflickt, nachdem du im Ballsaal einen erschreckenden Auftritt hingelegt hast. Erinnerst du dich?«

Argwöhnisch blickte Silyan an sich herunter, strich über seine Arme, die keinen Kratzer mehr aufwiesen, über seine Brust und seinen Bauch, die ebenfalls unversehrt waren.

»Natürlich erinnere ich mich.« Langsam hob er den Kopf, sodass Elainia ihm in die Augen schauen konnte.

»Das ist gut. Denn du wirst Königin Alaria einige Fragen beantworten müssen. Aber vorher schuldest du mir ein paar Erklärungen.«

»Ist das so? Ich kenne dich nicht und wüsste nicht, was ich dir zu erklären hätte.«

»Das verstehe ich. Dann stell dir vor, ich wäre Avis.«

Silyans Brauen wanderten erstaunt in die Höhe. »Avis?«

»Hast du noch andere Brüder?«

»Er ist hier? Wo?«

»Das scheint dich zu überraschen«, stellte Elainia fest.

»Ich dachte, er wäre zu Hause. Dort habe ich ihn gesucht, doch es herrschte fürchterliches Chaos und er war nirgends zu finden.«

»Er ist schon seit Monaten nicht mehr zu Hause gewesen, Silyan. Das wüsstest du, wenn du nicht von heute auf morgen ohne ein einziges Wort des Abschieds verschwunden wärst.« Sie hörte die Schärfe, die in ihrer eigenen Stimme mitschwang. Den Groll, den die Erinnerung an Avis’ Geschichte in ihr hervorrief. Darüber, wie Avis verflucht worden war und Silyan ihn im Stich gelassen hatte.

»Ich hatte meine Gründe.« Abwehrend hob Silyan das Kinn, sein Tonfall war deutlich abgekühlt.

»Dieses Feenmädchen vom dunklen Feenvolk, ist es nicht so? Du bist ihr blind vor Liebe hinterhergerannt und hast deine Familie im Stich gelassen. Hast Avis im Stich gelassen.«

»Meine Familie wollte sie verfluchen!«

Elainia stockte. »Du wusstest von dem Fluchtrank?«

Silyan presste die Lippen aufeinander und schwieg. Es war offensichtlich, dass er seiner Ansicht nach zu viel preisgegeben hatte.

»Wie hast du davon erfahren?« Sie wusste von Avis, dass er das Gespräch zwischen seinen Zieheltern damals nur wenige Stunden vor dem verhängnisvollen Abendessen belauscht hatte und aufgehalten worden war, ehe er Silyan hätte warnen können.

»Wenn ich du wäre, würde ich ihre Frage beantworten«, mischte Mira sich ein und musterte den Feenprinzen argwöhnisch.

In Elainias Kopf wirbelten unterdessen die Gedanken wie von einem Sturm herumgeschleudert umher. Avis’ Zieheltern hatten Silyans Geliebte verfluchen wollen. Sie hätten die Gläser nie vertauscht. Vielleicht war es ein Fehler der Dienerschaft gewesen. Ein dummes Missgeschick, doch nun, als sie Silyan in die seeblauen Iriden blickte, konnte sie sich eines anderen Verdachts nicht erwehren.

»Du warst es, oder?«, presste sie hervor.

»Werde deutlicher«, knurrte Silyan.

»Du hast das Glas mit dem Fluchtrank vertauscht. Ist das deutlich genug?«

»Offensichtlich weißt du eine ganze Menge über mich und meinen Bruder. Wo steckt er überhaupt? Hat er dich vorgeschickt? Traut er sich nicht, mir unter die Augen zu treten?« Die Gleichgültigkeit gepaart mit einem provozierenden Unterton in Silyans Stimme entfachte eine brennende Wut in Elainia.

»Warum?«, stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und kniff warnend die Augen zusammen. »Ich kann dich mit Leichtigkeit dazu bringen, mir zu verraten, was ich wissen will. Es würde mich keine große Anstrengung kosten. Entscheide du, ob ich in deinen Emotionen herumwühlen soll oder nicht.«

Ein Muskel an Silyans Kiefer zuckte, seine Finger ballten sich um die Bettdecke, aber er schwieg.

Elainia schob jeglichen Skrupel beiseite und konzentrierte ihre Magie auf den Feenprinzen. Bevor sie allerdings dazu kam, ihm eine Kostprobe ihrer Gabe zu bieten, öffnete er den Mund. »Er hat mich verraten, verdammt! Meiner Geliebten wäre etwas zugestoßen und er hätte das billigend in Kauf genommen. Dabei hätte er mich warnen können, denn ich habe ihn gesehen, als er unsere Eltern belauscht hat. Ich tat es durch Zufall nämlich auch. Daher wusste ich, was sie planten. Bis zum Abendessen habe ich darauf gewartet, dass Avis zu mir kommt. Dass er besser ist als unsere Eltern und nicht zulässt, dass festgefahrener Hass, dumme Vorurteile und veraltete Moralvorstellungen Theara und mich auseinanderbringen. Doch kein Wort kam von ihm. Schlimm genug, von meinen eigenen Eltern hintergangen zu werden. Aber von ihm als meinen Bruder und besten Freund so verraten zu werden … Also habe ich ihm den Fluchtrank zugeschoben.«

Silyan verstummte. Tiefsitzender Zorn schwelte in ihm. Sie spürte ihn in erschreckender Klarheit. Hastig verschloss sie sich dagegen und konnte so nicht mehr herausfinden, was unter der Wut verborgen lag. Ein anderes Gefühl, das sie nicht näher bestimmen konnte.

»Er hat dich nicht verraten«, war das Einzige, was sie hervorbrachte.

»Wer bist du noch gleich, dass du dich in diese Angelegenheit einmischst, die eigentlich bloß meinen Bruder und mich etwas angeht?«, fuhr Silyan sie unfreundlich an.

Neben ihr ballte Mira ärgerlich die Hände zu Fäusten, hielt sich aber zurück.

Langsam beugte Elainia sich über ihn und fixierte ihn mit eisigem Blick. »Ich bin diejenige, die versucht hat diesen grausamen Fluch zu brechen und ich spüre, wenn jemand mich anlügt. Avis wollte dich warnen. Er bekam lediglich keine Gelegenheit dazu. Anstatt dich blind vor Zorn und Liebe an ihm rächen zu wollen, hättest du deinen Verstand nutzen können und es wäre niemals so weit gekommen. Du hättest mit ihm reden können.«

Daraufhin stieß Silyan nur verächtlich Luft aus.

»Gib dir keine Mühe«, meinte Elainia, während sie sich aufrichtete und ihre Magie vorsichtig erneut nach seinen Emotionen tasten ließ. Sie durchdrang den Zorn und die Verachtung, die er ihr gegenüber empfand und erkannte endlich, was sie vorhin schon bemerkt hatte. »Ich kann deine Scham fühlen, als wäre es meine eigene.« Sie stockte, als das Gefühl intensiver und intensiver wurde. »Bei den Seelen der toten Götter, du ertrinkst förmlich in Schuldgefühlen, die nichts mit Avis zu tun haben. Wieso?«

Silyans Kiefermuskeln zuckten, seine Knöchel traten weiß hervor, so sehr krallte er sich in die Decke. »Das geht dich überhaupt nichts an, Magierin.« Er spuckte die Bezeichnung aus, als handelte es sich um Gift.

»Wage es nicht, sie zu beleidigen«, grollte Mira warnend.

»Lass gut sein, Mira. Soll er mich mit Blicken erdolchen, wenn er will. Es ist mir gleich. Solange er nicht vergisst, dass er sich in einem fremden Land weit entfernt von seinem Herrschaftsgebiet befindet und etwas von uns will. Etwas nicht unerheblich Wichtiges. Nicht wahr, Prinz Silyan?« Mit vor der Brust verschränkten Armen starrte sie den jungen Mann nieder, bis dieser tatsächlich die Lider senkte. Silyan war gekommen, um Hilfe für das lichte Feenvolk zu erbitten. In einem Krieg. Darüber entschied man nicht leichtfertig und Königin Alaria war alles andere als jemand, der vorschnell unbedachte Entscheidungen fällte, die über das Schicksal unzähliger Menschenleben bestimmten.

»Was ist mit euren Eltern geschehen?«, fragte sie nach einigen langen Sekunden der Stille. »Wie konnte es zu einem Krieg zwischen euch und dem Dunklen Feenvolk kommen?«

»Unsere Eltern sind tot.«

Entnervt biss Elainia die Zähne zusammen. Er wiederholte bloß, was sie bereits wusste. Ihr Geduldsfaden war kurz davor, vollständig zu reißen, doch in dem Augenblick trat Dunia zu ihnen und tat, als würde sie die aufgeladene Stimmung, die zwischen ihnen in der Luft hing, nicht bemerken.

»Ich bitte euch, jetzt zu gehen«, sagte sie mit einer Bestimmtheit, die keinen Wiederspruch duldete.

Mira nickte knapp und wandte sich zum Gehen. Zähneknirschend schloss Elainia sich ihr an. Silyan würdigte sie keines Blickes mehr

Dunia folgte ihnen. »Ihr zwei solltet schlafen gehen«, meinte sie mit der gutmütigen Miene einer besorgten Heilerin. »Das war ein langer Abend.«

»Werden wir«, erwiderte Elainia, während sie sich bemühte, ihr aufgewühltes Inneres zur Ruhe zu bringen. »Tut Ihr mir einen Gefallen?«

»Was möchtest du?«

»Würdet Ihr Königin Alaria sofort informieren, wenn Silyan stark genug für eine Befragung ist?«

»Aber natürlich. Das hätte ich in jedem Fall getan.«

***

Alaria

»Es ist Zeit.« Amanda schob das Schwert in ihre Scheide und schloss die beiden Schnallen des schwarzen Umhangs der Königinnengarde, den sie gestern Nacht hier in Alarias Gemächern vergessen hatte. Obwohl die Nacht nach dem Auftauchen von Avis’ Bruder für sie beide nur sehr kurz gewesen war, wirkte Elainias Mutter ausgeruht.

Ganz im Gegensatz zu ihr selbst. Noch während des Balls hatte Alaria Erzherzogin Cresendia Korrnes gebeten, ihre Kontakte zu nutzen, um schnellstmöglich herauszufinden, wie schlimm die Lage in den Feenwäldern von Kronda wirklich war. Ausnahmsweise hatte die ältere Fee ohne zu zögern gehorcht und versprochen, ihr Bericht zu erstatten, sobald sie über verlässliche Informationen verfügte. Nach dem Fest, das Alaria nicht mehr hatte genießen können, hatte sie mit Amanda und Zareius zusammengesessen und überlegt, wie nun am sinnvollsten vorzugehen war. Sie waren sich einig gewesen, dass vieles vom Genesungszustand des Feenprinzen abhing und von dem, was er ihnen berichten konnte. Irgendwann waren die beiden schließlich gegangen. Sie selbst hatte versucht noch ein paar wenige Stunden Schlaf zu finden. Mit wenig Erfolg.

Ein Gähnen unterdrückend beobachtete Alaria, wie Amanda ihre Locken mit einer Klammer zu bändigen probierte und es letztendlich aufgab, als immer wieder Haarsträhnen herausrutschten.

»Was?«, fragte diese, als sie ihren Blick bemerkte. Alaria erhob sich von dem gepolsterten Stuhl hinter ihrem Schreibtisch und blieb erst dicht vor Amanda stehen.

»Nichts. Gar nichts.« Behutsam strich sie ihr eine Locke aus dem Gesicht.

»Lügnerin«, entgegnete Amanda mit absoluter Gewissheit in der Stimme. Gespürt haben konnte sie Alarias Schwindelei allerdings nicht, denn ihre Abwehr würde selbst Amanda nicht durchdringen, wenn sie es nicht zuließ. Dennoch kannte die Gardistin sie einfach zu gut und schien sie selbst nach all den Jahren noch lesen zu können.

»Erwischt«, gab sie zu.

»Also?«, hakte Amanda nach.

»Du hast deine Haare schon früher nie richtig zusammengebunden bekommen.« Alaria schmunzelte über Amandas verwirrte Miene. »Worüber ich froh war, weil ich es mag. Dein offenes Haar.«

»Ich weiß.« Nun lächelte Amanda. »Deswegen habe ich es in deiner Nähe immer aufgemacht. Was zum Kämpfen allerdings mehr als unpraktisch war.« Sie lachte leise.

Alaria sog jede Sekunde dieses Lächelns in sich auf, das selbst jetzt – nach fünfundzwanzig Jahren – die gleiche Wirkung auf sie hatte wie damals, als sie sechzehn gewesen war. Nur war inzwischen alles anders. Amanda war verheiratet und Mutter von zwei wundervollen Töchtern. Sie hatte Zareius an ihrer Seite; einen Mann, den sie selbst von Herzen schätzte und den sie niemals verletzen wollte. Nicht nach all der Zeit, die er für Amanda da gewesen war. Und doch fiel es ihr so unglaublich schwer, Amanda nicht näherzukommen.

»Wir müssen jetzt wirklich los«, mahnte Amanda rau und räusperte sich.

»Gleich. Lass mich bloß kurz …« Alaria lehnte sich vor, schob ihre Finger in Amandas Haar und küsste sie sanft auf die Stirn. Zuneigung und kribbelndes Glück erreichten sie, hüllten sie ein und bargen sie wie eine weiche Decke an einem kühlen Winterabend. Diese Geborgenheit war wertvoller als alles Gold, das in diesem Palast lagerte. Endlos lange Jahre hatte sie nur Einsamkeit, Schmerz und Kälte gekannt. Hoffnungslosigkeit und Resignation.

»Ich bin froh, dass du hier bist«, flüsterte sie, ehe sie ihre Hände zurückzog.

»Alaria«, hauchte Amanda.

»Ja?«

Bevor Amanda mehr sagen konnte, klopfte es an der Tür.

Mit einem bedauernden Seufzen ging Alaria auf Abstand und Amanda öffnete.

»Lady Larodres, Meisterin Gira schickt mich.«

Amanda bedeutete dem jungen Mann fortzufahren.

»Die Fee ist wach und wünscht, mit der Königin zu sprechen.«

»Danke, Gero. Richte aus, dass sie ihn in einer halben Stunde im Salon empfängt.«

»Natürlich.«

Amanda schloss die Tür und wandte sich Alaria zu. »Zeit herauszufinden, was in Kronda vor sich geht.«

Alaria nickte, straffte die Schultern und verschränkte die Hände vor dem Körper. Den gesamten Weg durch die hohen Gänge des Palastes konzentrierte sie sich darauf, ihre Nervosität fest in ihrem Inneren zu verschließen und Gelassenheit auszustrahlen. Ihre sorgfältig aufgesetzte Maske aus kühler Ruhe und Gleichmut würde hoffentlich verbergen, dass sie sich nicht so selbstsicher fühlte, wie sie sich gab. Sie mochte hier aufgewachsen sein und sich an vieles erinnern, doch wirkten die Erinnerungen unendlich weit weg. Wie aus einem anderen Leben. Sie hatte gehofft, wenigstens ein bisschen Zeit zu bekommen, um sich an ihre Aufgabe als Königin zu gewöhnen. Um das neue Gewicht der Verantwortung tragen und ausbalancieren zu lernen, aber ihr war nicht einmal ein Tag vergönnt gewesen. Und nun sollte sie entscheiden, ob sie Fandoria in einen Krieg verwickelte.

Kapitel 2

Der Hexenkristall von Kronda

Elainia

Es war erstaunlich, wie rasch sich Informationen im Palast verbreiteten, wenn man nur genau hinhörte. So wusste Elainia noch vor dem Frühstück von Geros Freundin Uria, die in der Küche arbeitete, dass Silyan um ein Treffen mit Alaria gebeten hatte. Gero, der Dunias Lehrling war, musste es mitbekommen und ihr erzählt haben. In Windeseile hatte Elainia ihr Zimtgebäck heruntergeschlungen, das Uria zusammen mit frisch gebackenem Brot sowie Käse ins Gardequartier gebracht hatte, und war aus dem Gemeinschaftssaal gestürmt. Da es gestern so spät geworden war, hatte sie zusammen mit ihren Eltern dort übernachtet, während Mira nach Hause gegangen war, um ihrer Mutter und Tarian keine Sorgen zu bereiten.

Im Laufen leckte sie sich die letzten Zuckerkrümel von den Fingern. Sie konnte nicht genau einschätzen, ob Alaria ihre Anwesenheit dulden würde, doch sie nahm sich vor, standhaft zu bleiben. Immerhin ging es hier um Avis’ Volk. Er hätte jedes Recht der Welt, dabei sein zu dürfen. Und weil er nicht konnte, würde sie der Audienz an seiner statt beiwohnen. Die Erinnerungen an das Gespräch mit seinem Bruder hallten in ihr nach. Zu erfahren, dass Silyan es gewesen war, der ihm diesen dunklen Fluchtrank absichtlich zugeschoben hatte, schockierte sie noch immer.

Vor dem Salon hatten zwei Gardistinnen in ihren blank polierten Uniformen aus schwarzem Leder und hellem Metall Stellung bezogen. Elainia benötigte einige Sekunden, ehe sie den Gesichtern Namen zuordnen konnte. Loraine Lagron und Kerina Damos. Beide Frauen musterten sie eindringlich, doch sie ließ sich nicht beirren, sondern schritt auf die Tür zu, als hätte sie jede Erlaubnis, diesen Raum zu betreten. Den Anflug von Wehmut, der sie bei dem Gedanken daran, dass sie vor einigen Wochen noch geglaubt hatte, bald selbst die Uniform tragen zu können, erfasste, schob sie vehement beiseite. Dafür hatte sie keine Zeit. Allerdings kam sie nicht umhin, sich zu fragen, welche ihrer Mitschülerinnen es in die Garde geschafft hatte. Wenn sie wetten sollte, würde sie auf Kyria setzen. Sie hatte schon im Unterricht zu den Besten gehört. Bei Gelegenheit würde sie sich nach ihr erkundigen. Nun musste sie sich auf die bevorstehende Versammlung konzentrieren.

Sie nickte den zwei Gardistinnen zu, streckte die Hand nach dem vergoldeten Knauf aus und schob die Tür auf. Keine Sekunde später befand sie sich auch schon in dem großen Salon, der durch die bodentiefen Fenster auf der rechten Seite in helles Licht getaucht wurde. Die riesigen Kristalllüster an der Decke funkelten wie Sterne ebenso wie die Krone auf Alarias blondem Haar und die goldenen Stickereien auf ihrem dunkelroten Kleid. Die Königin saß auf einem gepolsterten Sessel in der Mitte des Raumes, der beinahe wie ein Thron wirkte, obwohl er sich nicht von den anderen unterschied, die etwas versetzt parallel zu den Fenstern aufgestellt worden waren.

»Warum bin ich nicht überrascht, dich hier zu sehen?«, fragte ihre Mutter, die sich gerade noch mit Alaria unterhalten hatte. Leichte Belustigung klang in ihrem Tonfall mit.

»Dir auch einen guten Morgen, Mutter«, erwiderte Elainia, ehe sie sich der Königin zuwandte. »Alaria.« Sie neigte grüßend den Kopf. »Ich möchte darum bitten, der Audienz beiwohnen zu dürfen.«

Alaria zögerte nicht lange. »Ich erlaube es. Du hättest hinterher sowieso erfahren, was besprochen wurde. So sparen wir uns dieses Gespräch und du kannst selbst beurteilen, was du hörst.«

»Danke.«

»Stell dich dort vor den Kamin«, meinte ihre Mutter mit einer Handbewegung.

Elainia nickte. Kaum hatte sie ihren Platz bezogen, schwang die Tür erneut auf und ihr Vater erschien auf der Schwelle. Dicht auf seinen Fersen der Beraterstab bestehend aus Erzherzogin Cresendia Korrnes, Herzogin Wylidia Durnes, Herzogin Zalaria Wahnes und Herzog Xandro Orfnes. Ihnen folgten Cassian Orles und Lariel. An dem kurzen Blickwechsel ihrer Eltern erkannte Elainia, dass die Anwesenheit der königlichen Berater kein Zufall war. Ebenso wenig wie die von Alarias Neffen und Elainias Schwester, die gleichzeitig Cassians Verlobte war.

Cresendia Korrnes beugte vor Alaria das Haupt. Steif wie gewöhnlich. »Ich habe leider noch keine Neuigkeiten von meinen Boten.«

»Danke, Erzherzogin. Warten wir die nächsten Stunden ab.«

Obwohl Alaria saß und die adlige Fee sie stehend weit überragte, strahlte sie eine Erhabenheit aus, die Elainia nur bewundern konnte. Sie beobachtete, wie die Berater sich setzten. Zwischendurch zuckte ihr Blick immer wieder zur Tür. Sie spürte die allgemeine Anspannung im Raum, ohne sich großartig anstrengen zu müssen. Ständig schwappte etwas davon auf sie über.

Die Minuten vergingen, aber nichts geschah. Ihre Mutter flankierte Alaria auf der rechten Seite. Cassian links. An seiner Seite Lariel. Der Beraterstab und ihr Vater saßen Elainia gegenüber, die weiterhin stand und sich bemühte, ihre Nervosität hinter einer gleichmütigen Miene zu verstecken. Drückende Stille senkte sich über den Salon.

Dann endlich öffnete sich die Tür ein weiteres Mal. Fria und Pyria geleiteten Silyan herein. Der Feenprinz machte einen deutlich besseren Eindruck als in der Nacht. Einzig die Schatten unter seinen Augen und seine leicht blassen Wangen zeugten von den schweren Verletzungen und der Erschöpfung. Ansonsten wirkte er wie der Feenprinz, der er war. Sein langes, blondes Haar, um das ihn wahrscheinlich viele beneideten, glänzte seidig im Sonnenlicht. Schmale geflochtene Zöpfe verhinderten, dass ihm Strähnen ins Gesicht fielen. Er trug ein weißes Hemd und braune Hosen. Beides hing zu locker um seinen schlanken Körper. Vermutlich hatte Dunia auf die Schnelle nichts Passenderes gefunden, doch gerade der Schlichtheit wegen leuchteten seine türkisgoldenen Flügel umso stärker.

Die beiden Gardistinnen bezogen an der Tür Stellung, während Silyan bedächtig auf Alaria zuging. Sein Unwohlsein angesichts der vielen ihn anstarrenden Anwesenden überlagerte beinahe Elainias eigene Nervosität. Drei Schritte vor der Königin bedeutete ihre Mutter ihm mit einer Geste stehen zu bleiben.

Alaria schaute ihm unverwandt ins Gesicht. Freundlich, aber mit einer gewissen Zurückhaltung.

Silyan räusperte sich. Seine Stimme klang kratzig, als er zu sprechen begann. »Ich danke Euch für die Audienz und die Heilung, die Ihr mir habt zukommen lassen, Hoheit. Mein Name ist Silyan Aven. Ich bin der Sohn von König Kiovar und Königin Naira Aven, Erbe des lichten Feenthrons von Kronda.«

Elainia beobachtete, wie Erstaunen über die Gesichter des Beraterstabes huschte, Lariels Augen groß wurden und sie Cassian etwas ins Ohr flüsterte. Offenbar waren sie bisher nicht eingeweiht worden. Einzig die Miene der Erzherzogin blieb unbewegt.

»Willkommen im Palast Arcandes«, erwiderte Alaria. »Ich möchte gleich zum Punkt kommen. Deine Nachricht von einem Krieg sowie dem Tod des Königspaars ist beunruhigend. Bevor ich jedoch Entscheidungen treffen kann, muss ich wissen, was passiert ist.«

Silyan neigte den Kopf. »Natürlich. Ich werde Euch berichten, was ich weiß.« Er holte tief Luft. »Vor etwas mehr als drei Monaten verließ ich mein Reich, um mit der Fee zusammen sein zu können, die meine Eltern an meiner Seite nicht akzeptierten, da sie aus dem dunklen Volk stammte. Eine Zeit lang waren wir glücklich, doch dann veränderte sie sich. Immer wieder erzählte sie mir von einem uralten Kristall und fragte mich, ob ich etwas darüber wüsste, denn angeblich sei er vor vielen Jahren in die Hände meiner Vorfahren geraten. Ich konnte ihr nicht helfen, da ich nie zuvor von solch einem Stein gehört hatte. Sie wollte mir nicht glauben, beschuldigte mich der Lüge und begann mir zu drohen. Als ich sie verlassen wollte, sperrte sie mich ein.«

Erkenntnis stieg in Elainia auf. Das war also der Grund für Silyans starke Schuldgefühle.

»Fahr fort«, forderte Alaria den Feenprinzen auf.

»Einen Monat lang war ich ihr Gefangener, ehe es mir gelang zu fliehen. Ich kehrte ins Reich meiner Eltern zurück und wurde von Chaos und Tod begrüßt. Vor allem rund um das Schloss wurde gekämpft. Ich erkannte Soldaten meines Vaters und Krieger des dunklen Volks. Ich schaffte es mit Mühe, mich ins Schloss durchzuschlagen. Auch hier bot sich mir ein grausamer Anblick. Tote Feen, Blut, Feuer und Qualm. Im Thronsaal fand ich schließlich meine Eltern …« Silyan geriet ins Stocken. Er brauchte nicht weiter ausführen, was er gesehen hatte. Elainia ahnte es anhand der Trauer, die in dem Moment alles andere überschattete. Sie konnte nicht verhindern, dass Mitleid für diesen jungen Feenprinzen in ihr aufwallte. Er hatte Schreckliches durchgemacht, doch das rechtfertigte seine anderen Taten in keinem Fall.

»Mein Beileid«, sagte Alaria weich. Ihre gesamte Miene drückte Mitgefühl aus, aber in ihren Augen schimmerte noch etwas anderes, das Elainia nicht deuten konnte.

»Danke«, brachte Silyan knapp hervor. »Jedenfalls habe ich mich am gleichen Tag auf den Weg hierher gemacht. Mir war klar, dass wir ohne Hilfe nicht gewinnen würden. Unsere Soldaten mögen stark sein, aber ohne meinen Vater an ihrer Seite, ohne eine richtige Führung kämpfen sie ausschließlich um ihr eigenes Überleben und nicht länger um unser Reich und unser Volk. Deswegen bin ich nun hier, Eure Hoheit. Ich erbitte Eure Hilfe, um diesen Krieg beenden und Frieden zwischen meinem und dem dunklen Feenvolk stiften zu können. Außerdem will ich diejenige finden und zur Rechenschaft ziehen, die mich so hinterhältig ausgenutzt hat und die vollkommen wahnhaft auf der Suche nach diesem alten Hexenkristall ist, den sie in unserem Palast vermutet.«

Silyans letzte Worte verklangen in der Stille, die sich über den Salon legte. Gebannt wartete Elainia auf eine Reaktion der Königin, die allerdings erst kam, als ihre Mutter Alaria an der Schulter berührte.

»Ich danke dir für deine Offenheit«, begann sie langsam. »Ich kann mir vorstellen, wie schwer es sein musste, darüber zu reden. Du verstehst sicherlich, dass ich nicht sofort eine Entscheidung fällen kann. Nicht, bevor ich mich nicht mit meinen Beratern darüber verständigt habe. Sei aber versichert, dass diese Angelegenheit oberste Priorität haben wird. In dieser Zeit bist du im Palast willkommen und ich werde dir ein Zimmer zur Verfügung stellen.«

»Das ist alles, was ich mir erhofft habe«, entgegnete Silyan und deutete eine Verbeugung an.

Elainias Mutter nickte Pyria und Fria zu, die den Feenprinzen daraufhin aus dem Raum geleiteten. Mit dem Einrasten des Türschlosses atmete Elainia angespannt aus und lehnte sich gegen den Kaminsims. Eine Dunkelfee, die hinter einem Kristall her war. Ein Krieg, dessen Grund unersichtlich schien. Was würde Alaria nun tun?

***

Amanda

Kaum war die Tür hinter Elainia und den anderen ins Schloss gefallen, erhob Alaria sich mit einem Seufzen von ihrem Sessel, wanderte zum Fenster und starrte mit gefurchter Stirn hinaus.

»Was ist los?«, fragte Amanda. »Was hast du?«

Ihre Königin massierte sich die Schläfen. »Hast du gehört, wie der Feenprinz den Kristall genannt hat?«

»Hexenkristall«, erwiderte sie. »Willst du darauf hinaus?«

»Richtig. Hexenkristall.«

»Weißt du etwas über ihn?«

»Ich weiß, dass ich schon einmal darüber gelesen habe. Bevor Cierra mich in diese Höhle gesperrt hat. Ich kann mich nicht mehr an Details erinnern, aber ich glaube, ich würde das Buch wiedererkennen.« Sie drehte sich eilig um und lief Richtung Ausgang.

»Was hast du vor?«, erkundigte Amanda sich, während sie zu ihr aufschloss.

»Ich muss in die Bibliothek. Dieses Buch finden. Und zwar noch vor der Ratssitzung in drei Stunden.«

»Gut, dann sollten wir uns beeilen. Die Bibliothek ist schließlich nicht gerade klein.«

»Oh, keine Sorge, Amanda. Ich kann unsere Suche auf den abgesperrten Bereich eingrenzen.«

»Beichtest du mir gerade, dass du die einzige Regel gebrochen hast, die deine Eltern dir je auferlegt haben, nachdem sie dich einmal darin erwischt haben?«, mimte Amanda die Ungläubige und entlockte Alaria ein Schmunzeln.

»Sieht so aus, was? Ich war neugierig.«

»Neugierig also. Du warst die vorbildliche Kronprinzessin, die niemals Vorschriften missachtet hat.«

»Bis auf diese eine. Ausnahmen bestätigen die Regel, Amanda.«

Amüsiert schnaubend beschleunigte Amanda ihre Schritte, um mit Alaria mithalten zu können, die inzwischen förmlich durch die Gänge stürmte. Bedienstete und Hofdamen wichen zur Seite, beugten die Köpfe oder verfielen in tiefe Knickse. Alaria schien all das kaum mitzubekommen. Sie verlangsamte ihre Schritte selbst dann nicht, als sie bereits den Eingang der Bibliothek ansteuerte. Stattdessen machte sie eine ungeduldige Handbewegung und die schwere Flügeltür flog von ihrer Magie getroffen auf.

Kopfschüttelnd folgte Amanda ihr durch die hohen Regalreihen voller ledergebundener Bücher, bis sie vor einem unscheinbaren Torbogen ankamen, der in die Wand eingelassen war. In der Nische stand auf einem Sockel die Marmorstatue einer heulenden Wölfin. Zumindest machte es den Anschein. Seit Alaria sie damals in das Geheimnis des verbotenen Bereichs der Bibliothek eingeweiht hatte, wusste Amanda es besser.

»Ich hoffe, Cierra hat den magischen Bann unserer Eltern nicht verändert«, murmelte Alaria, während sie den Dolch entgegennahm, den Amanda ihr bereits hinhielt.

»Cierra hat die Bibliothek fast nie aufgesucht«, erwiderte Amanda. »Sie hat nicht sonderlich gerne gelesen.« Anders als du, fügte sie in Gedanken hinzu und beobachtete, wie Alaria die Spitze des Dolchs in die Kuppe ihres Zeigefingers drückte, bis Blut hervorquoll. Mithilfe ihrer Luftmagie ließ sie die Blutstropfen von ihrer Haut aufsteigen und auf den Torbogen zuschweben. Als er beinahe hindurch war, begann die Luft zwischen den Steinsäulen zu flimmern, als wäre sie plötzlich unglaublich heiß geworden. Das Blut leuchtete auf und verschwand. Amanda hielt den Atem an. Eine Weile geschah nichts, doch dann veränderte sich das Bild der Statue und wurde zu einem Gang. Entzündet von Alarias Magie flammten Fackeln auf und tauchten den Weg in warmes Licht.

»Cierra und ihrer Abneigung für Bücher sei gedankt«, murmelte Alaria erleichtert, während sie ihr den Dolch reichte. »Gehen wir.« Schon hatte sie sich geduckt und war durch das Tor getreten.

Amanda steckte die Klinge weg und tat es ihr gleich. Spinnweben hingen zu Dutzenden an den metallenen Fackelständern, eine dicke Staubschicht bedeckte den Boden und es roch umso muffiger, je weiter sie vorankamen. Nach etwa dreißig Metern machte der Gang einen Knick nach links und öffnete sich in eine Kammer voller alter Regale und eisenbeschlagener Truhen.

»Du bist wirklich sicher, dass wir dieses Buch hier finden?«, vergewisserte sie sich.

»Ohne Zweifel.« Alaria nickte bekräftigend.

»Na schön. Dann lass uns anfangen.«

Als Erstes nahmen sie sich die Truhen vor, deren Schlösser mit der Zeit so porös geworden waren, dass Amanda sie mithilfe ihres Schwerts aufbrechen konnte. Da Alaria sich eindeutig an ein Buch erinnerte, sortierten sie Pergamentrollen und lose Blätter Papier direkt aus. Etliche der Kerzen, die in kleinen Laternen an der Wand hingen, waren bereits zur Hälfte heruntergebrannt, als sie endlich die letzte Kiste schließen konnten.

»Wieder nichts«, seufzte Alaria missmutig und wischte sich den Staub am Rock ihres schönen Kleides ab. Der rote Stoff war inzwischen von einer gräulichen Schicht überzogen.

Amanda drückte den Rücken durch und strich sich die Haare aus dem Gesicht. Ihre Hände fühlten sich rau und trocken von all dem Schmutz an, der an jedem Fleck in diesem Raum zu kleben schien.

»Bleiben wohl nur noch die zwei Regale.«

»Sieht ganz so aus.«

Reihe für Reihe zogen sie ein Buch nach dem anderen heraus, pusteten Staubflusen fort, blätterten durch die teils spröden Seiten und überflogen Titel sowie Inhaltsangaben. Immer wieder musste Alaria husten und auch Amandas Kehle kratzte furchtbar.

Schließlich benötigten sie eine Leiter, um an die obersten Regalbretter zu gelangen. Die Sprossen sahen alles andere als vertrauenswürdig aus. Trotzdem bestand Alaria darauf, selbst hinaufzusteigen. Schließlich sei sie diejenige, die das Buch bereits in den Händen gehalten hatte und es erkennen würde. Widerwillig gab Amanda nach und umklammerte die Leiter von unten. Das Holz knackte bedrohlich, als Alaria sich nach rechts lehnte und mit den Fingerspitzen ein weiteres Werk hervorzog. Unwillkürlich spannte Amanda ihre Muskeln ein wenig stärker an.

»Ich glaube, das ist es«, stieß Alaria plötzlich hervor.

»Dann komm runt-« Es gelang Amanda nicht mehr, ihren Satz zu beenden, denn sie musste niesen. Gleichzeitig vernahm sie ein Knacken, ehe ein Ruck durch ihre Arme ging und Alaria erschrocken aufschrie. Die Sprosse, auf der ihre Königin gerade gestanden hatte, war durchgebrochen. Nun hing sie mit einem Arm am Regal, in der anderen Hand hielt sie das Buch, ihr Kleid hatte sich in der Leiter verfangen.

Bevor Amanda reagieren konnte, knirschte der gesamte Schrank und gab unter Alarias Gewicht nach. Der Fluch erstarb Amanda auf den Lippen. Sie ließ die Leiter los, sprang vor, sodass sie direkt unter Alaria stand und rief: »Lass dich fallen!«

Alaria zögerte nur eine Sekunde, dann löste sie ihre Finger von dem in sich zusammensackenden Regal. Ihr Gewicht riss Amanda zu Boden, doch es gelang ihr, Alaria abzufangen. Gemeinsam fielen sie auf die harten Steine. Im nächsten Moment krachte es und der gesamte Schrank brach dröhnend zusammen. Instinktiv rollte Amanda sich über ihre Königin und schirmte deren Körper mit ihrem eigenen ab. Immerhin trug sie ihre Rüstung, die sie vor grobem Schaden bewahren würde. Bücher regneten auf sie nieder und polterten zu Boden, Holzsplitter sowie Massen an Staub wirbelten durch die Luft. Sekunden später war der Spuk vorüber und Stille senkte sich über den Raum.

Langsam hob Amanda den Kopf. Ihr Hinterkopf schmerzte dort, wo einige der Bücher sie getroffen hatten. Der kleine Raum um sie herum war in eine dichte Staubwolke gehüllt, doch ihre Aufmerksamkeit galt allein Alaria, die nun blinzelnd die Augen aufschlug.

»Alles in Ordnung?«, erkundigte sie sich besorgt.

»Ja.« Alaria räusperte sich. »Ja, ich denke schon. Danke.«

»Gern geschehen.« Unwillkürlich glitt Amandas Blick zu ihren Lippen. Sofort fühlte sie sich an den letzten Abend zurückversetzt, den sie miteinander gehabt hatten, ehe die Welt explodiert war und sie geglaubt hatte, Alaria für immer verloren zu haben. Damals hatte ihr Herz mindestens genauso wild geschlagen wie jetzt. Mit aller Willenskraft, die sie aufbringen konnte, riss sie sich von der Vergangenheit los und richtete ihre Aufmerksamkeit auf Alarias Augen. Die Sehnsucht darin spiegelte ihre eigenen Emotionen wider und machte ihr umso deutlicher klar, dass sie nie aufgehört hatte, mehr als Freundschaft für diese schöne Frau zu empfinden.

»Verdammt«, flüsterte sie und stützte sich auf Hände und Knie, um wenigstens ein bisschen Abstand zu gewinnen. Dennoch war ihrem Körper deutlich bewusst, über wem sie gerade gelegen hatte. Was nichts, aber auch gar nichts leichter machte.

»Geht es dir gut?«, fragte Alaria behutsam.

Amanda bemühte sich, ihrer Stimme einen festen Klang zu geben, doch es gelang ihr nicht vollständig. »Ja … nein, ach verflucht, ich bin …«

»Durcheinander?«, vervollständigte Alaria und Amanda ahnte, dass die Königin ihre Gefühle gelesen hatte. Ob unabsichtlich oder nicht, sie konnte vor ihr nicht verbergen, was sie empfand. Außerdem ging es hier längst nicht mehr um das zusammengebrochene Bücherregal oder diesen Hexenkristall.

»Ja, durcheinander trifft es ziemlich gut.«

»Das ist dann wohl meine Schuld«, erwiderte Alaria.

Vorsichtig rappelte Amanda sich auf, reichte ihrer Königin die Hand und zog sie auf die Beine.

»Zum Teil«, meinte sie, während sie ihren Blick über das Chaos schweifen ließ, das sie angerichtet hatten. »Aber es gehören immer zwei dazu.«

»Also ist es vermutlich besser, solche Situationen in Zukunft nicht wieder aufkommen zu lassen. Es tut mir leid, Amanda. Das war nicht meine Absicht.«

Bestürzt beobachtete sie, wie Alaria einen Schritt zurücktrat, das kleine Buch fest umklammert hielt und ihre Miene nicht länger verriet, was sie dachte. Obwohl ihre Kehle sich wie zugeschnürt anfühlte und eine Stimme in ihrem Kopf sie anschrie zu protestieren, nickte sie steif. »Wir sollten uns beeilen, wenn wir nicht völlig verdreckt zur Ratssitzung kommen wollen und du noch etwas über den Kristall herausfinden möchtest.«

***

Elainia

Vom Salon aus begab Elainia sich auf direktem Weg zu den Kerkern des Palastes. Langsam entwickelte sie eine regelrechte Abneigung gegen diese dunklen Gänge, den modrigen Geruch und die kaltfeuchte Luft. Dennoch stieg sie, ohne zu zögern, die steile Treppe hinunter und steuerte die Zelle an, in der Avis eingesperrt worden war. Zumindest behandelten ihn die Soldaten auf Alarias Anweisung hin nicht wie einen Gefangenen. Dreimal täglich bekam er frisches Wasser und warme Mahlzeiten. Allerdings bloß mit einem Löffel. Außerdem hatte ihre Mutter eine Pritsche samt Decke und Kissen herunterbringen lassen und Elainia hatte ihm bei ihrem ersten Besuch einige Bücher mitgebracht. Ob er sie inzwischen gelesen hatte, konnte sie nicht sagen, denn die letzten Male hatte er sie einfach ignoriert und mit diesen schwarz verschleierten Augen gegen die Wand gestiert. Der Anblick hatte ihr einen Stich nach dem anderen versetzt, doch das hatte sie nicht daran gehindert wiederzukommen. Jeden einzelnen Tag.

Sie hasste den Fluch und das, was er ihm antat, mit jeder Faser ihres Körpers. Dass er ihn die Kontrolle verlieren ließ, sobald er auch nur entfernt Zeuge eines Gewaltakts wurde. Ihn nach und nach in jemanden verwandelte, der nichts anderes mehr wollte, als zu töten.

Mit aller Macht drängte sie düsteren Gedanken beiseite und trat an das Gitter heran. »Hallo, Avis.« Vorsichtig legte sie ihre Hand auf das kühle Metall. Sie entdeckte seine Gestalt im Halbdunkel auf der Pritsche. Er hatte ihr den Rücken zugedreht, seine Flügel hingen schlaff herunter. Die filigranen Spitzen schleiften über den Stein.

»Du hast eine Menge verpasst.« Sie ließ sich zu Boden sinken und lehnte ihre Stirn gegen das Gitter. »Alaria ist nun offiziell Königin von Fandoria. Du hättest sie gestern Abend sehen sollen. Sie war umwerfend. Der Ball im Anschluss hätte dir gefallen. Du hättest mich zum Tanzen überreden können, ich hätte protestiert und irgendwann Ja gesagt. Und dann wäre ich dir sicher ein Dutzend Mal auf die Füße getreten. Du hast mir dort oben gefehlt, Avis.« Sie verstummte und wartete auf eine Reaktion. Vergebens.

Wehmütig schloss sie die Augen und schwieg eine Weile. Irgendwo tropfte Wasser und die Fackeln an den Wänden knisterten. Ansonsten herrschte Stille. »Weißt du, was du noch verpasst hast?« Sie schlug die Lider wieder auf. »Den Auftritt deines Bruders. Blutverschmiert und vollkommen außer sich ist er im Ballsaal aufgetaucht. Ich habe ihn durch deine Zeichnungen wiedererkannt. Sonderlich beeindruckend war er allerdings nicht.«

Avis’ Flügel zuckten und Elainia hielt erwartungsvoll den Atem an. Erneut umsonst.

»Verdammt, Avis«, stieß sie hervor und schlug mit der Faust gegen das Gitter. Zeit, unsensibel zu werden, denn offensichtlich kam sie so nicht weiter. »Deine Eltern sind tot. Dein Volk führt Krieg gegen das dunkle Volk und dein Bruder trägt die Schuld an deinem Fluch. Er hat die Becher absichtlich vertauscht.« Sie hatte den Satz gerade beendet, da fuhr Avis grollend von der Pritsche auf und stürmte mit solcher Gewalt gegen die Zellentür, dass Elainia mit einem Keuchen zurückzuckte. Hastig rappelte sie sich hoch. Sie verspürte Furcht und ärgerte sich selbst darüber.

»Es tut mir leid«, sagte sie behutsam und verbannte jegliche Unsicherheit aus ihrer Stimme. »Du hättest es anders erfahren sollen. Nicht so.«

»Ist das wahr?«, knurrte Avis. Er klang verändert. Abgehackt und rau, als wäre seine Kehle zu lange giftigem Qualm ausgesetzt gewesen.

»Ja.«

»Sie sind tot?«

Elainia nickte. Avis’ Finger schlossen sich so fest um die Eisenstäbe, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Er kniff die Lider zusammen und senkte den Kopf.

Mit klopfendem Herzen streckte Elainia ihren Arm aus und berührte seine Hand mit ihrer. Seine Haut fühlte sich kühl an. Vor allem aber entzog er sich ihrer Berührung nicht.

»Ich habe mich nicht einmal verabschiedet.« Er sah auf und Elainia blickte in warmes Braun statt in kaltes Schwarz. Tränen stiegen ihr in die Augen.

»Avis«, wisperte sie.

»Ich habe mich nicht verabschiedet.« Trauer verzerrte seine feinen Züge.

»Schon gut«, flüsterte sie erstickt. »Schon gut. Ich bin da.« Sie schob ihre Hand durch das Gitter und legte sie auf seine Wange. Er schmiegte sich gegen sie, während stumme Tränen aus seinen Augenwinkeln rannen. Sie wischte sie mit dem Daumen fort. Eine nach der anderen und bemerkte dabei kaum, dass sie ebenfalls weinte.

Irgendwann beruhigte Avis sich ein wenig und schien erst jetzt zu begreifen, wo er war.

»Erinnerst du dich, was passiert ist?«, erkundigte sie sich belegt. »Nachdem Cierra ihre Soldaten auf uns gehetzt hat?«

»Verschwommen«, murmelte er. »Wir haben gekämpft. Ich wollte töten. Einfach nur töten.«

»Das hast du. Wir konnten Cierra und die Männer von Herzog Rolar Jarnes dank dir besiegen. Alaria hat Cassian und Lariel geheilt. Deinen Fluch konnte sie nicht brechen, denn ihr fehlt, was ich für dich empfinde. Und Cierra ist tot.«

»Habe ich euch wehgetan?«

Elainia zögerte.

»Sag es mir, Ela. Bitte. Ich muss es wissen.« Das Flehen in seiner Stimme berührte sie tief. Nichtsdestoweniger wollte sie ihm diesen zusätzlichen Schmerz nicht antun.

»Uns nicht«, antwortete sie ausweichend.

»Aber?«

»Avis, das ist nicht wichtig. Du warst nicht du selbst. Der Fluch hat deine Hand gelenkt.«

»Das ist mir bewusst. Trotzdem will ich es wissen.«

»Ondina Jarna. Du hast einen Dolch auf Magistra Sharla geworfen und meine Direktorin hat sich vor sie gedreht. Es ging alles so schnell. Ich konnte es nicht mehr verhindern.«

Avis sagte nichts. Stattdessen fasste er zwischen den Eisenstangen hindurch und vergrub seine Finger in ihren Haaren. Stirn an Stirn, die Wangen gegen das kalte Metall gedrückt, standen sie da. Elainia sog seine Nähe auf wie ein Stück Moos Regenwasser.

»Silyan hat den Fluchtrank vertauscht?«, wollte er nach einer Weile wissen.

»Er hat es selbst zugegeben.«

»Wieso?«

»Weil er geglaubt hat, du würdest ihn verraten und zulassen, dass eure Eltern seine Geliebte verfluchen. Zufällig habt ihr beide das Gespräch mitbekommen, aber nur er hat dich bemerkt. Als du nicht zu ihm gekommen bist, fühlte er sich hintergangen. Mehr noch als durch eure Eltern.«

»Ich glaube das einfach nicht.« Fassungslos schloss Avis die Augen. »Wie blind muss er gewesen sein, dass er das Vertrauen in mich derart schnell verloren hat? Nach all den Jahren, die wir zusammen aufgewachsen sind.«

»So ist das mit der Liebe«, erwiderte Elainia schwermütig. »Man tut vieles, das man hinterher vielleicht bereut.«

»Dann bitte ich dich, nicht den gleichen Fehler zu begehen, wenn du versuchst mich zu retten. Ich weiß, du hast mich nicht aufgegeben.«

»Keine Sorge. Das wird nicht passieren. Solange du dich selbst nicht aufgibst, verstanden?« Eindringlich blickte sie ihm in die Augen. »Noch hat der Fluch nicht die vollständige Kontrolle über dich.«

Avis lächelte sacht. »Ich verspreche dir, dass ich kämpfen werde, solange ich kann.«

»Gut. Ich werde dich beizeiten daran erinnern.«

»Das hoffe ich.«

Elainia erwiderte sein Lächeln und diesmal kostete es sie nicht die geringste Mühe.

»Gibt es etwas, das ich für dich tun kann?«, fragte sie. »Brauchst du etwas?«

»Über ein Bad wäre ich nicht traurig.«

»Ich befürchte, sie werden dich nicht herauslassen, aber ich schaue, was sich machen lässt. Du riechst wirklich nicht besonders anziehend.«

Sein leises Lachen war Balsam für ihre Seele. So lange, wie es ging, blieb sie bei ihm, doch letztendlich vernahm sie von weit her das Schlagen der Mittagsglocke.

»Ich muss gehen«, murmelte sie. »Alaria hat eine Sitzung des Rats anberaumt, um zu beraten, wie wir auf den Feenkrieg reagieren.«

»Dann will ich dich nicht aufhalten.« Er strich ihr über die Wange. »Ich vertraue deiner neuen Königin, dass sie zum Wohl meines gesamten Volkes entscheidet. Nicht nur zum Wohl der Lichtfeen. Wir sind nicht die Guten, bloß weil wir das Licht in unserem Namen tragen.«

»Wenn jemand das weiß, dann Alaria. Und ich bin schließlich auch noch da, um sie gegebenenfalls daran zu erinnern.« Sie schenkte ihm ein letztes Lächeln, prägte sich den liebevollen Ausdruck in seinen Augen ein und wandte sich schweren Herzens ab. Ihn hier unten zurückzulassen, war ihr bereits die Male davor nicht leichtgefallen, aber heute war es umso schwerer. Gleichzeitig glomm die Hoffnung ein wenig stärker, dass nicht alles verloren war.

Eilig lief sie die Treppe hinauf, über den sonnenbeschienenen Schlosshof und durch das Gardequartier auf direktem Weg zum Ratszimmer. Alle Anwesenden saßen bereits um die lange Tafel herum, auf der Wassergläser und Teller voller kleiner Küchlein standen. Cassian und Lariel begrüßten sie mit einem Lächeln, ihr Vater drückte kurz ihren Arm und die Ratsmitglieder nickten ihr zu. Von Alaria und ihrer Mutter fehlte noch jede Spur. Also ließ sie sich auf den freien Stuhl neben ihrer Schwester sinken und schob sich eine der schokoladenüberzogenen Leckereien in den Mund. Der Zeiger der großen Standuhr in der Ecke rückte Minute um Minute vor, aber die beiden tauchten nicht auf. Während ihr Vater und Cassian ihr Bestes gaben, um die ungeduldigen Ratsmitglieder zu besänftigen, spielte Elainia mit einer Strähne ihrer schwarzen Locken und starrte auf die Tür, als würde sie sich allein durch ihre Willenskraft öffnen lassen. Als sie dann tatsächlich aufschwang, zuckte sie zusammen.

»Vergebt die Verspätung. Lady Larodres und ich sind einem Hinweis nachgegangen.« Mit diesen Worten marschierte Alaria ans Kopfende des Tisches und ließ sich auf ihren Stuhl sinken.

Ihre Mutter sagte nichts, sondern setzte sich bloß stumm neben sie. Eine Mischung aus Kummer, Schuld und Ärger ging von ihr aus, die Elainia so nicht von ihr kannte. Sie versuchte ihren Blick einzufangen, doch ihre Mutter starrte stur quer über den Tisch auf die gegenüberliegende Wand.

»Nun denn, fangen wir an«, erhob Alaria die Stimme. »Cresendia, gibt es Neuigkeiten Eurer Boten aus den Feenwäldern von Kronda?«

Kapitel 3

Über Fluchhexen und die Vergangenheit

Elainia

Alaria nahm das Kopfschütteln der Herzogin mit unbewegter Miene und einem Nicken zur Kenntnis, doch Elainia schloss aus dem enttäuschten Aufblitzen in ihren Augen, dass sie sich mehr erhofft hatte. Ohne konkretere Informationen zur derzeitigen Lage kamen sie nicht wirklich weiter.

»Bevor wir nichts Genaueres wissen, müssen wir abwarten, ehe wir Entscheidungen treffen können«, erklärte Alaria in dem Moment. »Es gibt allerdings etwas, das ich ansprechen möchte und das mir zusätzlich Sorgen bereitet. Prinz Silyan erwähnte vorhin einen Kristall. Genauer einen Hexenkristall. Die Bezeichnung hat mich stutzig werden lassen, denn ich habe schon einmal über solch einen Kristall gelesen. In diesem Buch.« Sie hielt ein schmales Büchlein in die Höhe, das in braunes Leder gebunden und mit einem Band umwickelt worden war. Es wirkte vollkommen unscheinbar.

»Lady Larodres und ich haben die letzten Stunden damit verbracht, es zu suchen. Mit Erfolg.«