Wildstrubel - Christoph Frommherz - E-Book

Wildstrubel E-Book

Christoph Frommherz

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Beschreibung

»Als er sich auf sein Velo schwingt, entdeckt Reto einen Zettel, der auf den Gepäckträger geklemmt ist. Neugierig liest er die Botschaft: ›Lass die Hände weg von Anna! ‹ Er ist perplex. Wer hat das geschrieben? Und was will er damit bezwecken? Reto stützt den Kopf in beide Hände. Er muss Anna warnen - und das möglichst schnell.« Jemand scheint Anna und Reto ihr heimliches Liebesglück zu missgönnen. Doch nachdem Reto einen Drohbrief erhalten und Anna das Simmental verlassen hat, um einige Zeit bei ihrer Tante zu verbringen, wird klar, dass dies nicht der einzige Grund ist, warum der Täter Reto ins Visier genommen hat. Mit seinem Engagement gegen die geplante Verbindungsstraße im Simmental hat er sich Feinde gemacht. Erst als in der Region des Wildstrubels ein Unglück geschieht, offenbart sich das ganze Ausmaß der Intrige.

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Seitenzahl: 272

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Christoph Frommherz

Wildstrubel

Bergkrimi

Zum Buch

Intrigen im Simmental Simmental 1973. Mist!, denkt Reto, als er den Zettel an seinem Fahrrad liest: »Lass die Hände weg von Anna!«, steht da geschrieben. Am vergangenen Samstag hatte sich das heimliche Paar zum Abschied bei den Siebenbrünnen und danach in einem leerstehenden Bergbauernhaus getroffen. Wurden sie etwa beobachtet? Anna, Tochter des Gemeindepräsidenten, ist inzwischen unterwegs ins Welschland zu ihrer Tante. Dort lernt sie nicht nur Französisch, sondern auch das »Savoir-vivre« und die Region um den Genfersee kennen. Bald stellt sie allerdings fest, dass sie schwanger ist. Als auf den Drohbrief weitere Hetze gegen Reto folgt, wird ihm klar, dass Anna nicht der einzige Grund ist, warum der Täter ihn ins Visier genommen hat. Denn mit seinem Engagement gegen die geplante Verbindungsstraße im Simmental durch den Rawil ins Wallis hat er sich Feinde gemacht. Doch erst als in der Region des Wildstrubels ein Unglück geschieht, offenbart sich das ganze Ausmaß der Intrige.

Christoph Frommherz lebt in der Region Basel. Er ist Geograph, arbeitet Teilzeit bei einer national tätigen Stiftung im Bildungsbereich und befasst sich mit Fragen der Vernetzung, Kommunikation und Bereitstellung von Unterrichtsmedien zur nachhaltigen Entwicklung. Neben der Familie beanspruchen sein politisches Engagement, sein Theaterschaffen sowie seine Arbeit als Autor den restlichen Teil seiner verfügbaren Zeit. Über die Jahre sind zahlreiche Theaterstücke entstanden, die er veröffentlicht und in verschiedenen Projekten auf der Bühne umgesetzt hat. »Wildstrubel« ist sein dritter Roman.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Flueseeli, Lenk; Dario Bronnimann / unsplash

ISBN 978-3-8392-7326-5

Reto 1

In seiner Schlafkammer war es Ende Mai 1973 um 4 Uhr morgens noch ziemlich frisch. Reto reckte und streckte sich, er hatte heute Großes vor. Er schlüpfte in die Berghose, zog sein Hemd an und ging die knarrende Treppe hinunter in die Küche. Dort war es noch vollkommen ruhig. Aus der Schublade des Küchentisches nahm er eine Schachtel Streichhölzer und zündete eine Kerze an. Elektrisches Licht wollte er keines anmachen. Das grelle Licht der Neonröhre hätte die schöne Morgenstimmung zerstört. Die einfach eingerichtete und gut aufgeräumte Küche wurde spärlich beleuchtet, das Auge gewöhnte sich schnell daran. Dann streckte er den Kopf zur Tür in den Hof hinaus und versicherte sich des guten Wetters. Der Himmel war, wie erwartet, sternenklar und kündigte einen schönen Vorsommertag an, es regte sich kein Lüftchen. Ausgezeichnete Verhältnisse, um den Wildstrubel zu besteigen, dachte er. Dann machte er Feuer im Herd: zerknüllte eine Zeitung, legte sie in die Feuerkammer, schichtete etwas Reisig und fein gespäntes Holz darauf und zündete die herausragenden Zipfel der Zeitung an. Er regelte den Luftabzug am Ofenrohr, und nach kurzer Zeit knisterte und loderte bereits ein lustiges Feuerchen im Herd. Er legte einige größere Scheite nach, schloss die Feuerkammer und setzte Wasser auf. Reto genoss diese Morgenstunden, wenn draußen und im Haus noch alles ruhig war. Er holte aus der Vorratskammer Brot, Butter, Konfitüre, Käse, zwei Äpfel und drei Rübchen, schnitt sieben Tranchen ab und bestrich sämtliche mit Butter. Drei davon zusätzlich mit Konfitüre, und die anderen belegte er mit Käse zu zwei gefüllten Käsebroten. Diese legte er mit den Rübchen in die Brotbüchse und zusammen mit den Äpfeln in den Brotsack. Der Proviant musste für den ganzen Tag reichen. In der Zwischenzeit kochte das Wasser. Er goss sich einen Kaffee auf und füllte den Rest in die Thermosflasche, gab zwei Beutel Hagebuttentee und etwas Zucker dazu. Das war der Gipfeltee, für unterwegs musste Wasser reichen, das er in eine Feldflasche abfüllte. Jetzt setzte er sich an den Tisch und aß seine drei Brote genüsslich. Der Kaffee weckte seine Geister vollends. In Gedanken ging er seinen Plan für den heutigen Tag durch. Nach 7 Uhr würde er bereits beim Flueseeli sein und eine kurze Rast einlegen. Gegen 11 Uhr wollte er, je nachdem, wie gut der Weg bereits war, den Gipfel des Wildstrubels erreichen. Reto hoffte, dass er nicht allzu viele Schneefelder queren musste. Er rechnete damit, dass mindestens beim Aufstieg der Schnee über 3.000 Meter noch hart gefroren sein würde. Bereits am Vorabend hatte er aus diesem Grund die Steigeisen in den Rucksack gepackt und den Pickel angehängt. Beim Abstieg wollte er Anna, seine heimliche Freundin, beim Flueseeli treffen. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Ein Bad im See durfte nicht fehlen. Dann der gemeinsame Abstieg mit der Rast im Bergbeizli und schließlich das Schäferstündchen im Heuschober auf halbem Weg zur Simmenfälle hinunter. Lauter schöne Momente reihten sich vor Retos innerem Auge aneinander. Die Schnitten waren gegessen und der Kaffee getrunken. Reto versorgte den Proviant im Rucksack, zog die Bergschuhe an, nahm die Jacke vom Haken und machte sich auf den Weg. Als er sich aufs Fahrrad schwang, setzte bereits die Dämmerung ein. In flotter Fahrt ging es Richtung Simmenfälle. Reto schaltete in den dritten Gang. Bei den verstreut gelegenen Höfen war bereits Licht im Stall zu sehen. Zum Glück bin ich nicht Bauer geworden, dachte Reto, sonst wäre ich jetzt im Stall und nicht unterwegs zum Wildstrubel. Seine Unabhängigkeit war ihm viel wert. Seinem vor drei Jahren verstorbenen Vater hatte sie bestimmt gefehlt, war Reto überzeugt, damit verbunden sicherlich ein wenig Lebensfreude. Der Talboden an der Lenk war breit und eben. Zuhinterst bildeten der Wildstrubel und seine benachbarten Gipfel als mächtiger Riegel den Talabschluss. Zum Gasthof Simmenfälle stieg die Straße etwas an. Reto schaltete in den zweiten Gang zurück. Dort angekommen, kettete er sein Fahrrad an einen Zaunpfosten und nahm den Wanderweg entlang der Simme unter die Füße hoch zu den Siebenbrünnen. Der Bach stäubte ihm tosend entgegen in seinem künstlich geschaffenen Bett dem Tal zu. Die Wassermenge, die sich hier mehr ins Bachbett zwängte, denn floss, war beträchtlich. Die Schneeschmelze in den höheren Regionen war noch in vollem Gange. Nach 20 Minuten erreichte er bereits die Barbara-Brücke. Sie war keine eigentliche Brücke, sondern mehr ein Steg über die Staumauer, die den über eine Felsplatte herunterstürzenden Bach in sein Bett umleitete. Hier stäubte das Wasser besonders stark, und Reto wurde regelrecht geduscht. Ihm gefielen solche Naturgewalten. Er wartete einen Moment und genoss das prickelnde Nass auf seinem Gesicht. Der Weg entlang der Simme mündete hier in den Fahrweg zu den Siebenbrünnen. Diesem folgte er steil nach oben. Nach weiteren 20 Minuten erreichte er die Siebenbrünnen. Fritz Alleman, der hiesige Wirt und Bauer, schaute, gestützt auf die Mistgabel, zum Stall heraus. »Wohin willst du zu dieser frühen Stunde? Ich mache erst um 10 Uhr auf.«

»Auf dem Rückweg werde ich vorbeischauen. Jetzt muss ich zuerst auf den Berg!«

»Hab ich’s mir doch gedacht.« »Und wie läuft es bei dir?«, wechselte Reto das Thema.

»Ganz ordentlich, an Pfingsten war mächtig was los.«

»Ist auch ein schöner Ort, du hast es gut.«

»Ja, ja, wir wollen und dürfen nicht klagen. Einen schönen Tag, ich muss weitermachen.«

»Danke, dir auch.«

Mit den Siebenbrünnen waren die sieben Quellen gemeint, aus denen hier die Simme entsprang. Das ganze Gebiet hieß Retzlibergweide. Diese erstreckte sich wie ein dem Wildstrubel vorgelagerter länglicher Brunnentrog, der im Laufe der Jahrtausende zu einer Schwemmebene aufgefüllt worden war. Einen treffenderen Namen könnte man kaum finden, dachte Reto und folgte dem Weg, der hier in engen, in den Felsen geschlagenen Serpentinen die erste Steilstufe überwand. Nichts für ungeübte Flachländer, spottete Reto in Gedanken, die schaffen es sowieso kaum über die Siebenbrünnen hinaus. Nach der ersten Steilstufe folgte etwas flacheres, gerölliges Gelände. Der Weg stieg stetig an, begleitet von den spärlich werdenden Föhren und Lärchen. Reto gewann schnell an Höhe. Vor der zweiten Steilstufe überquerte er einen weiteren Steg am Fuße eines Wasserfalls. Nach oben erspähte er durch den vom Wasser gebildeten Einschnitt viel blauen Himmel und nach unten den Talgrund der Retzlibergweide – so steil und exponiert war hier das Gelände. Reto fühlte sich in seinem Element. Kurz nach diesem Übergang erweiterte sich der Weg auf der rechten Seite zu einer kleinen Kanzel mit herrlichem Tiefblick. Ein zu einer Bank verarbeiteter Baumstamm lud zum Verweilen ein. Er nutzte die Gelegenheit und stärkte sich mit einem Apfel. Wie ein Adler im Horst kam er sich vor. Am liebsten hätte er jetzt gleich seine Schwingen ausgebreitet und wäre übers Tal gesegelt auf der Suche nach günstiger Thermik, die ihn mühelos zum Gipfel heben würde. Auf den Gipfel würden ihn auch seine gut trainierten Beine tragen. Nach kurzer Rast ging er weiter. Reto staunte jedes Mal von Neuem, wie schnell und gut man auf solchen Bergwegen steigen konnte. Die Wegmacher hatten über die Jahrhunderte hinweg ausgezeichnete Arbeit geleistet. Im Grunde genommen waren dieser Weg und viele andere ein kleines Wunder. Gebietsunkundige würden niemals erwarten, dass man hier hochsteigen konnte. Der Weg führte nun in engen Kehren steil dem zerklüfteten Gelände entlang nach oben, bis sich dieses weitete und an Steilheit einbüßte. Urplötzlich stand man am Rande einer breiten Terrasse, welche weitgehend vom Flueseeli eingenommen wurde. Dieser Moment des Übergangs verblüffte Reto jedes Mal. Der See lag ruhig vor ihm da. Unweit des Weges, aber doch ganz gut abgeschirmt, gab es eine gute Bademöglichkeit: Auf einer leicht geneigten Felsplatte, die vom Ufer bis knietief in den See hineinreichte, konnte man bequem einsteigen. Doch das Bad war erst auf dem Rückweg geplant. Reto entnahm seinem Rucksack das große gelbe Badetuch, breitete es am Ufer aus und beschwerte es mit vier Steinen. Allen sollte klar sein, dass dieser Platz bereits besetzt war. Dann machte er sich wieder auf den Weg, vorbei am Fluhseehorn nach oben. Allmählich wurde die Grasnarbe durch Geröll abgelöst. Reto musste ab und zu kleinere Schneefelder traversieren. Steinmännchen traten an die Stelle der weiß-rot-weißen Markierung. Reto wäre auch ohne sie ausgekommen, so gut kannte er sich aus. Da und dort schichtete er ein Steinmännchen wieder auf, das im Winter in Mitleidenschaft gezogen worden war. Er kam vorbei an jenem Couloir, wo er sich bei seiner ersten Besteigung verstiegen hatte. Damals lag noch mehr Schnee darin als heute. Er wollte deshalb über den bereits schneefreien Hang zur linken Seite ausweichen, da er dort Spuren erkennen konnte. Das ging zwar ganz ordentlich, oben angekommen war er allerdings vom Weg abgekommen und brauchte etliche Zeit, um sich zu orientieren. Ein großes Steinmännchen, das er in etlicher Entfernung erspähte, wies ihm damals wieder den richtigen Weg. Er durchstieg den Couloir auf dem direkten Weg und gelangte oben in eine Mulde, die linker Hand in eine lang gezogene Hangpartie überging, die von etlichen Gräben durchschnitten war und sich bis zum westlichen Gipfelgrad hochzog. Letzterer war bereits zum Greifen nah, verlangte aber doch noch etwas Geduld. Reto schritt trittsicher und zügig voran. Er wusste, dass er dieses Tempo problemlos bis zum Gipfel durchhalten konnte. In der Zwischenzeit hatte er bereits die Höhe der Plaine-Morte erreicht. Von der Lenk aus gesehen, wirkte dieser Gletscher wie ein horizontaler Balken, der den Wildstrubel auf der linken Seite mit dem halbrunden Gipfel des Gletscherhorns auf der rechten verband. Von Crans Montana im Wallis her hatte man eine Seilbahn bis an den südlichen Rand des Gletschers gebaut. Die Bergstation konnte er bereits schwach erkennen. Dank der Seilbahn irrten auch im Sommer Langläufer auf der Plaine-Morte herum. Reto empfand dies als völlig unnötig. Zum Glück waren heute keine unterwegs. Er hatte bereits den oberen Teil des Hangs erreicht, welcher nur noch aus Geröll zu bestehen schien und am oberen Ende in ein steiles Schneefeld überging. Im Süden zeichneten sich im Wallis die ersten 4.000er ab. Sie erinnerten Reto an den eigentlichen Grund, heute auf den Wildstrubel zu steigen: Er wollte das gesamte südliche Gipfelpanorama in einer Skizze festhalten und sie Anna mit auf den Weg in ihr Welschlandjahr schenken. Eigentlich müsste ich ein Selbstporträt anfertigen, sinnierte er, aber die Berge sind mein Allerheiligstes und ein würdiger Ersatz dafür. Vor lauter Gedanken hatte er beinahe den Übergang vom Geröll in den Firn verpasst. Hier war nämlich größte Vorsicht geboten. Der Schnee war noch hart gefroren, und Trittspuren, die Halt hätten geben können, waren nicht vorhanden. Reto packte die Steigeisen aus dem Rucksack und montierte sie an die Bergschuhe. Zusammen mit dem Pickel in der Hand stieg er bequem und sicher zum Westgrat hoch und diesen entlang zum Gipfel. Obwohl er schon viele Male auf dem Wildstrubel stand, war es auch heute ein erhebendes Gefühl. Das Gipfelkreuz empfing ihn in Würde. Der Ausblick war grandios. Reto genoss ihn mit Andacht. Dann machte er sich an die Skizze des Panoramas. Reto arbeitete konzentriert, setzte Strich um Strich auf das mitgebrachte Leporello im Format A4 quer. Wiederholt glich er das gezeichnete mit dem realen Panorama ab, das er in klarem Licht vor sich hatte. Er war genau darauf bedacht, die in der Realität vorhandenen Verhältnisse exakt auf das Papier zu bringen. Ein 4.000er musste ein 4.000er bleiben und durfte auf gar keinen Fall unter diese magische Grenze fallen. Jene Gipfel, die er benennen konnte, beschriftete er gleich. Wo er unsicher war, setzte er ein Fragezeichen dazu, und wo er den Namen nicht kannte, nur ein Fragezeichen. Die Einträge wollte er später verifizieren und vervollständigen. So arbeitete er sich vom Bietschhorn im Osten über die Mischabel-Gruppe, das Monte-Rosa-Massiv, das Weisshorn, den Grand Combin bis hin zum Mont Blanc. Ein Gipfel reihte sich an den anderen, viele deutete er nur an, nur die wichtigsten zeichnete er aus. Trotzdem ergab sich eine schöne Gesamtsicht. Ihr sah man es an, dass der Zeichner mit seinem Blick schon oft den Konturen der Berge gefolgt war und sich die Gipfelform gut eingeprägt hatte, bevor er sie zu Papier brachte. Als er damit fertig war, waren bereits gute zwei Stunden auf dem Gipfel vergangen. Reto war zufrieden mit seinem Werk und legte das Leporello in einen schützenden Umschlag aus Karton und diesen wiederum in einen Plastiksack. Die Zeit reichte gerade noch, um etwas zu essen und zu trinken. Mit Appetit biss er in sein Käsebrot und aß von einem Rübchen. Der Gipfeltee war jetzt optimal temperiert. Er trank zwei Tassen mit großem Genuss. Dann nahm er das Gipfelbuch und hinterließ den folgenden Eintrag: »Schön, hier oben zu sein, wie immer.« Jetzt musste er aufbrechen. Er versorgte den Proviant im Rucksack, die Steigeisen ebenfalls. In der Zwischenzeit war nämlich der gefrorene Schnee aufgetaut und gab einen guten Trittfirn ab. Den Pickel behielt er in der Hand. Auf demselben Weg ging er wieder runter. Dort, wo der Hang genügend, aber nicht zu steil war, surfte er, auf den bremsenden Schaft des Pickels gestützt, in der Falllinie den Hang hinunter. Das machte großen Spaß. Innert kürzester Zeit fand er sich wieder beim Übergang zur Geröllhalde ein und schnallte den Pickel auf den Rucksack.

Anna 1

Die geräumige, helle Küche war mit modernsten Küchengeräten ausgestattet. Das Mobiliar stilvoll in hellem Ahorn gehalten. Nur wenig erinnerte, außer der gut erhaltenen Fassade, an das ehemalige Bauernhaus. Bereits die Großeltern von Anna hatten die Landwirtschaft aufgegeben, das Land verkauft oder verpachtet und den Erlös in die aufkommende Hotellerie und Parahotellerie investiert. »Statt Alpwirtschaft pflege ich jetzt einfach Immobilien«, ließ ihr Großvater von da an salopp verlauten. Er und seine Frau zeigten damit ein gutes Gespür für Geld, das nötige Geschick und genügend Weitblick, um es gewinnbringend anzulegen. Den Empfehlungen seiner Eltern folgend, ließ sich Annas Vater zum Architekten an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich ausbilden und wechselte später allmählich in die Politik. In seinem Beruf unterhielt er mehr die eigenen Gebäude, als dass er neue schuf. Lediglich ein paar Prestigeobjekte trugen seine eher schnörkellose Handschrift als Architekt. Der Wechsel in die Politik war nur konsequent. Den inzwischen beträchtlichen wirtschaftlichen Einfluss der Familie in Dorf und Tal wollte er auch auf dieser Ebene absichern. Zunächst im Gemeinderat, als dessen Präsident er heute wirkte, und seit rund zehn Jahren im Großrat des Kantons Bern. Für die kommenden Wahlen wurde er sogar als möglicher Regierungsrat seiner Partei gehandelt. Selbstverständlich würde Annas Vater seine politischen Beweggründe nie so offen formuliert darlegen, eher vom Einsatz für das Gemeinwohl sprechen, was sicher auch stimmte, aber letztlich ging es ihm um die Wahrung und Förderung des Besitzstandes seiner Familie. Dazu gehörten inzwischen zwei große gut laufende Hotels, drei Restaurants und zahlreiche Ferienhäuser und -wohnungen. Auch an den hiesigen Bergbahnen war die Familie mit beträchtlichen Aktienpaketen beteiligt. Das Geschäft florierte. Durch die beträchtliche Größe des Unternehmens konnten die nötigen Unterhaltsarbeiten sowie die Administration optimal gewährleistet werden. Das ergab beträchtliche Wettbewerbsvorteile gegenüber der ortsansässigen Konkurrenz, die auch nicht untätig war.

Anna schlief noch selig in ihrem Zimmer im zweiten Stock des Elternhauses. Sie hatte am Vorabend bis in die Nacht hinein ihre Abreise ins Welschland vorbereitet. Lange nach Mitternacht war sie mit Vorfreude auf den heutigen Tag zu Bett gegangen. Nun konnte sie getrost ausschlafen, denn sie wurde erst am Nachmittag am Flueseeli erwartet. Anna hatte im vergangenen Herbst als eine von wenigen jungen Frauen des Simmentals die Matura bestanden, nicht einfach so, sondern zum Stolz ihrer Eltern mit Bestnoten in vielen Fächern. Nicht nur in schulischen Dingen bewies sie Reife, sondern wirkte auch als Person etwas älter als ihre ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschüler. Ihre berufliche Zukunft ging sie relativ gelassen an. Den Winter hindurch hatte sie ihrem Vater bei einfachen Arbeiten im Büro geholfen und während der Hochsaison als Hilfsskilehrerin bei der Skischule Lenk gejobbt. Etwas war ihr allerdings bereits jetzt klar: Wie ihre Mutter lediglich als Hausfrau durchs Leben zu gehen, wie es viele ihrer Kolleginnen anstrebten, wollte sie mit Sicherheit nicht. Am ehesten interessierte sie sich für eine Arbeit in der Tourismusbranche. Da waren gute Sprachkenntnisse gefragt. Französisch lernen im Welschland und Englisch als Au-pair in London, waren ihre Pläne für die nähere Zukunft. Auch für ihre Eltern war ihre berufliche Zukunft gar nicht so wichtig, sie übten deswegen keinen Druck aus. Viel mehr interessierte sie, mit wem Anna durchs Leben gehen würde, und spannten bereits erste Fäden. Der Glückliche sollte vor allem das richtige Elternhaus haben, gut ausgebildet sein und seine Fähigkeiten am geeigneten Ort gewinnbringend einsetzen. An der Lenk und im Tal kamen nicht viele infrage, und diese wollten handverlesen sein, waren sie sich einig. Anna hingegen kümmerte das nur wenig. Sie war hübsch, ohne sich darauf etwas einzubilden, von froher Natur und kam mit allen ihren Kolleginnen und Kollegen gut aus. Und sowieso war das eine Angelegenheit des Herzens und keine des Geldbeutels, der Herkunft oder der Ausbildung. Ihre Eltern waren in dieser Hinsicht auf dem Holzweg. Das sagte sie ihnen nicht einfach so, weil dies eine unnütze Diskussion nach sich gezogen hätte, sondern dachte es für sich. Die Anspielungen der Eltern quittierte sie jeweils mit einem selbstbewussten Lächeln. Denn der Richtige war ziemlich sicher bereits da.

Fredy 1

Die berufliche Laufbahn ihres Bruders Fredy war demgegenüber klar vorgezeichnet: Er studierte an der Universität Bern Jurisprudenz und stand kurz vor dem Lizenziat. An den Wochenenden zog es ihn regelmäßig ins Elternhaus. Fredy galt im Familienbetrieb als designierter Nachfolger seines Vaters. Soeben kam er ziemlich verschlafen die Treppe herunter in die Küche, wo ihm die Mutter bereits das Morgenessen zubereitet hatte. »Guten Morgen«, begrüßte er seine Mutter gähnend.

»Guten Morgen. Hast du gut geschlafen in deinem Bett?«

»Natürlich habe ich gut geschlafen, wie immer. Ist der Kaffee bereit?«

»Der Thermos steht auf dem Tisch.« Fredy setzte sich an den Tisch und goss sich Kaffee ein. »Hast du eine gute Woche gehabt?«, wollte seine Mutter wissen. Diese rituellen Fragen, die jedes Wochenende von seiner Mutter hervorgebracht wurden, mochte Fredy nicht besonders. Seine Antwort war entsprechend knapp: »Nichts Besonderes, außer lernen für den Abschluss.« Und überhaupt musste er zuerst noch richtig wach werden. Er nahm einen kräftigen Schluck Kaffee und bestrich sich zwei Scheiben Brot mit Butter. Erst jetzt entdeckte er aus seinen noch schmalen Augen den Alpkäse und die selbst gemachte Konfitüre aus Waldbeeren, das Wichtigste überhaupt. Nun war der Tag gerettet, und Fredys Stimmung hellte sich augenblicklich auf. Gleichzeitig drang der erste Sonnenstrahl in die Küche und sorgte als Tüpfchen auf dem i für eine fast perfekte Atmosphäre. Das Haus lag am östlichen Dorfrand gegen den Bühlberg zu und bekam am Morgen erst relativ spät Sonne. Am Abend blieb sie dafür umso länger. Eines musste er seiner Mutter lassen, dachte Fredy, auch wenn sie manchmal dumme Fragen stellte, um sein leibliches Wohl war sie stets bestens besorgt. Nicht nur die Mutter, auch Fredy hatte seine Rituale: Dazu gehörte, dass er das erste Butterbrot stets mit Käse belegte und das zweite mit Konfitüre bestrich. Ein drittes, wahlweise mit Käse oder Konfitüre, gab es nur in Ausnahmefällen. Fredy war von sportlicher Natur und stets darauf bedacht, sein Körpergewicht im optimalen Bereich zu halten. Im Winter gehörte er als Skilangläufer zu den Besseren im Tal und im Sommer absolvierte er regelmäßig Bergläufe. Doch heute fand Fredy, könnte er durchaus eine Ausnahme machen. Am Vorabend hatte er, direkt von Bern kommend, das Nachtessen zu Hause ausgelassen und war bei seinen Kumpels am Stammtisch in der Krone gelandet. Dort war er lange hängen geblieben und hatte Claudia, der hübschen Serviertochter, ziemlich tief in die schönen Augen geblickt. Nun benötigte er dringend Energie und machte geltend, einen Teil des verpassten Nachtessens mit der dritten Schnitte zu kompensieren. »Heute gönnst du dir bestimmt etwas Ruhe«, schien seine Mutter seinen Zustand richtig zu deuten. »Mach dir keine Sorgen um mich«, ärgerte sich Fredy von Neuem und ergänzte lakonisch: »Einfach lernen für die Prüfung.«

»Gönne dir etwas Freizeit bei dem schönen Wetter, mache einen Ausflug mit deinen Freunden. Dann geht das Lernen wieder besser«, insistierte seine Mutter. »Ich habe heute Nachmittag mit Peter auf der Retzlibergweid abgemacht«, erwiderte Fredy dezidiert, in der Hoffnung, das Thema so abgeschlossen zu haben. Vom anschließenden Abstecher über die Langer Matte auf die Iffigenalp zu Regula in die Bergwirtschaft sagte er natürlich nichts. Das musste seine Mutter nicht wissen. Das hätte höchstens die moralische Schelte nach sich gezogen, sich endlich um ein standesgemäßes Mädchen zu bemühen. Wie konventionell seine Eltern doch dachten. »Dort triffst du bestimmt Anna, schau etwas zu ihr.«

»Anna ist genug alt und kann selber auf sich aufpassen«, beendete Fredy nun definitiv das Gespräch und nahm demonstrativ die heutige Zeitung von der Beige auf dem Tisch und blätterte darin. Mütter können ganz schön anstrengend sein, dachte er. Als sich seine Mutter definitiv der Hausarbeit zuwandte, legte er die Zeitung zur Seite und strich sich die wohlverdiente dritte Schnitte mit Konfitüre. Nachdem er die ersten beiden eher heruntergeschlungen hatte, genoss er diese richtig, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Er nahm nochmals die Zeitung hervor und las einen Beitrag im kantonalen Teil, der ihm beim Durchblättern aufgefallen war. Der Artikel warf die Frage auf: »Wer will eigentlich eine Autobahn durchs Simmental?« Die geplante Straßenverbindung durch das Simmental und den Rawil ins Wallis war ein wichtiges Thema, das die Gemüter im Tal erhitzte. Fredy hatte sich in dieser Angelegenheit noch keine definitive Meinung gebildet. Einerseits würde eine schnelle Verbindung ins eher abgelegene Dorf am Ende des Simmentals mit Sicherheit mehr Gäste an die Lenk bringen. So gesehen wäre damit ein beträchtliches wirtschaftliches Potenzial verbunden, das sein Familienunternehmen bestimmt zu nutzen wüsste. Andererseits, wer garantierte, dass die Gäste auch wirklich an der Lenk haltmachten und nicht einfach ins Wallis weiterfahren würden?

Anna und Reto 1

Reto erspähte von weit oben, dass sich zu seinem Badetuch noch ein weiteres gesellt hatte, auf dem jemand lag. Retos Herz klopfte heftig, und seine Vorfreude ließ ihn geistige Sprünge machen. Mit den Füßen versuchte er allerdings, am Boden zu bleiben, denn die Stolpergefahr war in der steilen Geröllhalde beträchtlich. Er beschleunigte unwillkürlich seine Schritte und flog förmlich den schmalen Weg hinunter, der oberhalb des Sees in zwei oder gar drei schmalen, tiefen Furchen verlief. Als er keine 100 Meter vom Badeplatz entfernt war, hielt er inne. Dazwischen lag nur noch ein kleiner Hügel, der die direkte Sicht versperrte. Reto duckte sich so weit wie möglich, schlich um den Hügel herum und kroch schließlich auf allen vieren. Anna lag im Bikini auf dem Bauch, schien zu dösen oder zu schlafen oder tat vielleicht nur so. Geschmeidig wie eine Katze nahm er die letzten Meter und küsste sie zärtlich zwischen Schulterblätter und Hals. Augenblicklich drehte sie sich zu ihm mit einem strahlenden Lächeln: »Hallo, wer kommt denn da geschlichen, bist du mein Märchenprinz?« Reto erwiderte diese freudige Begrüßung mit einem zärtlichen Kuss, und beide schlangen sich ineinander. Als sie den ersten Liebeshunger gestillt hatten, löste sich Anna etwas von Reto und schaute ihn fragend an: »Bist du sicher, dass uns niemand sehen kann? Mich einfach so zu überfallen«, mimte sie die Empörte.

»Mach dir keine Sorgen: Von da oben hat man einen guten Überblick. Außer uns beiden ist garantiert niemand am See.«

»Dann bin ich froh.« Sie gab ihm einen Kuss und fuhr beschwichtigend fort: »Weißt du, auch wenn es uns schwerfällt, wir müssen vorsichtig sein. Lange geht es zum Glück nicht mehr.« Reto erwiderte ihren Kuss und es folgten noch weitere Zärtlichkeiten, dann löste er sich von ihr: »Es ist höchste Zeit, dass ich aus den verschwitzten Klamotten komme.« Er zog sich schnell bis auf die Unterhosen aus. »Kommst du auch ins Wasser?«

»Wie kalt ist es denn?«

Statt zu antworten, machte er zwei Schritte ins Wasser, drehte sich zu ihr und spritzte sie mit einer Handvoll Wasser an. »Brr«, machte Anna, und Reto erwiderte lakonisch: »So kalt ist das Wasser.«

»Du, lass das!«

»Kommst du oder kommst du nicht? Bist du ein Gfrörli oder nicht?«

Diese Provokation genügte: Anna lief spritzend an Reto vorbei und tauchte gleich mit dem ganzen Körper ins Wasser und schwamm so weit, bis sie noch knapp im Wasser stehen konnte. Sie fühlte sich wonnig. Die Temperatur war zwar frisch, aber keineswegs kalt, sodass sie es auch länger aushalten konnte. Sie drehte sich zu Reto und grinste ihn frech an: »Na, wer ist hier der Gfrörli?« Das konnte nun Reto nicht auf sich sitzen lassen. Er machte zwei Schritte vorwärts, gefolgt von einem eleganten Hecht, sodass er eigentlich genau bei Anna auftauchen sollte. Sie trat aber etwas zur Seite. Als er den Kopf aus dem Wasser streckte, musste er sich erst einmal orientieren. »Hallo, hier bin ich.« Gleichzeitig hielt Anna ihm die Hände entgegen, die Reto gerne ergriff und sie zu sich heranzog. Da das Wasser hier etwas tiefer war, konnte nur noch Reto sicher stehen. Anna klammerte ihre Beine um Retos Hüfte. Sie pressten ihre Oberkörper eng zueinander und küssten einander unendlich zärtlich. Ihre innere Glut ließ sie das kühle Nass vergessen. Wenn nur diese dumme Unterhose nicht gewesen wäre, die Reto allmählich die Beine herunterrutschte und ganz verloren zu gehen drohte. Reto löste sich aus der Umarmung: »Anna ich muss auf meine Unterhose aufpassen. Sie ist mir heruntergerutscht und hängt nur noch an der großen Zehe.«

»Aha, da ist tatsächlich keine Unterhose.« Anna zupfte neckisch an Retos Glied. »He du, das ist nicht lustig. Wenn ich sie ganz verliere, bin ich verloren. Ohne Unterhose in die kratzende Berghose, das geht wirklich nicht.« Im letzten Augenblick erwischte er die Unterhose mit der Hand, ging etwas mit Anna, die sich immer noch an ihn klammerte, zum Ufer hin und stellte sie dort ab. Dann zog er die Unterhose wieder hoch. »Bist du jetzt beleidigt?«, fragte Anna etwas unsicher, als er sie nach erfolgter Aktion wieder ansah. »Wo denkst du hin, aber das wäre wirklich eine dumme Situation gewesen. Komm, wir gehen ans Land.«

»Ja, ich muss noch etwas Sonne baden.« Sie wateten an Land und trockneten sich ab. »Du mit deiner Unterhose. Das nächste Mal nimmst du die Badehose mit.« Sie machte es sich auf dem Badetuch bequem. Reto hingegen zog sich gleich wieder an. Ihm war die Situation etwas peinlich. Dann setzte er sich ebenfalls aufs Badetuch und packte die Skizzen aus. »Schau, was ich dir vom Gipfel mitgebracht habe.« Er entfaltete das Leporello Blatt für Blatt. Anna machte große Augen: »Du, sag einmal: Sind das die Walliser Alpen?«

»Bingo, du hast es auf Anhieb erraten.«

»Das spricht für die Qualität deiner Zeichnungen, die sind wunderschön.«

»Vielen Dank für das Kompliment. Wir müssen unbedingt einmal gemeinsam hochsteigen, damit du diese Pracht in Natura sehen kannst.«

»Du zeichnest wirklich gut. Mit meinem Vater war ich vor drei Jahren auf dem Wildhorn, darum kann ich deine Skizzen auch beurteilen.«

»Dein Vater geht auch zu Berg?«

»Und überschätzt sich gerne dabei. Als wir auf dem Wildhorn waren, kam es zu einem plötzlichen Wettersturz. Zum Glück war gleichzeitig ein Bergführer mit seinem Gast auf dem Gipfel. Sonst wäre ich womöglich nicht hier.«

»Zum Glück bist du hier.« Reto betrachtete Anna vertraut, verliebt, und sie gab ihm einen Kuss. »Hast du übrigens gehört, dass am Flueseeli eine Schutzhütte gebaut werden soll?«, wollte Anna wissen.

»Von wem?«

»Von der Gruppe, die am 1. August hier oben weit sichtbar leuchtend den Namen Lenk schreibt.«

»Gute Idee«, erwiderte Reto, »ich brauche zwar kein Dach über dem Kopf, wenn ich hier übernachten möchte, aber bei schlechtem Wetter …«

»Letztes Jahr hat es ziemlich fest geregnet und da wären sie sicher froh gewesen.«

»Solang sie keine Bergbahn hier hinauf bauen, kann es mir recht sein.« Nun begann sich auch Anna anzukleiden. Reto schaute ihr verstohlen zu. »Übrigens, du bringst mich auf eine gute Idee: Könnte man die Gruppe nicht dazu gewinnen, statt ›Lenk‹, ›Rawil nein!‹ oder noch besser ›Lenk ja, Rawil nein‹ an den Berg zu schreiben?«

»Meinst du, das wäre wirklich nötig? Im Dorf will doch niemand diese Autobahn, außer dem Betschard und seinen Anhängern.«

»Es gibt aber viele Lenker mit Einfluss, die sich noch nicht öffentlich geäußert haben. Was meint zum Beispiel dein Vater?«

»Der hält sich bedeckt. Da ist er ganz Politiker. Er will doch Regierungsrat werden. Da braucht er die Stimmen aus dem ganzen Tal. Und die Untersimmentaler sind eher für die Rawil-Autobahn, weil sie hoffen, dass ihre Dörfer vom lästigen Autoverkehr befreit werden.«

»Eben.«

»Aber dein Schriftzug würde nicht so weit leuchten.«

»Für die Zeitungen wäre das bestimmt ein gefundenes Fressen und dazu ein starkes Zeichen. Ist nicht dein Bruder bei dieser Clique? Er könnte doch ein gutes Wort einlegen. Das wird er für seine Schwester bestimmt tun.«

»Der denkt doch wie sein Vater und wird sicher nicht vorpreschen und sich auf die Äste hinauslassen.«

»Wäre bestimmt eine gute Idee«, erwiderte Reto mit Bedauern.

»Müssen wir uns nicht allmählich auf den Rückweg machen?«

»Stimmt, du darfst ja nicht zu spät nach Hause kommen.«

»Ha, ha, ha.« Sie packten ihre Sachen zusammen. »Das Leporello musst du einpacken.«

»Ist das wirklich für mich?« Reto nickte, und Anna flog ihm an den Hals und küsste ihn. »Die noch fehlenden Namen werde ich später ergänzen». Dann machten sie sich auf den Weg: nicht etwa Hand in Hand oder Arm in Arm, sondern in gebührendem Abstand. Falls ihnen jemand begegnete, sollte es auf gar keinen Fall so aussehen, dass sie gemeinsam unterwegs waren. Für Anna war es eine Notwendigkeit: Nur so konnte sie diese Beziehung leben. Reto fügte sich, nicht besonders glücklich darüber, in sein Schicksal. Für ihn stand Liebe über den gesellschaftlichen Normen. Beide trösteten sich mit dem Gedanken, dass es nicht mehr lange bis zu Annas 20. Geburtstag dauern würde.