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Anna und Autor Peter sind ein modernes Paar. Er studiert an der ETH Zürich Agrarwissenschaften und jobbt als Journalist beim regionalen Anzeiger. Sie sorgt mit ihrem Lohn als Primarlehrerin für den Unterhalt. Gemeinsam teilen sie sich die Hausarbeit und die Betreuung des zweijährigen Michaels. Eigentlich ist der Tag gut ausgefüllt, denkt Peter, doch Baldur, der Verleger seines ersten Buches ist da anderer Meinung: "Notfalls hat der Tag 24 Stunden und die Woche sieben Tage." Er verlangt von ihm nach "Vater und sein Bruder" einen zweiten Roman. Dem kann sich Peter nicht entziehen. Während eines verlängerten Wochenendes in Rotschuo am Vierwaldstättersee macht er sich auf die Suche nach seinem Thema und lernt eine geheimnisvolle Frau aus Gabun kennen.
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Seitenzahl: 261
Veröffentlichungsjahr: 2019
textprojekt.ch
Das Buch von der Geschichte, wie dieGeschichte entstand.
Christoph Frommherz
Gabun retour
textprojekt.ch
Alle Rechte vorbehalten
© 2019 Verlag textprojekt.ch
Titelbild: Anna Frommherz
Lektorat: Yannick Frommherz
Herstellung und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN Paperback: 978-3-9525093-0-2
ISBN Hardcover: 978-3-9525093-1-9
ISBN E-Book: 978-3-9525093-2-6
www.textprojekt.ch
Mavas Flucht
Mava, der Name tut hier nichts zur Sache, konnte es nicht fassen. Nie hätte sie an so etwas gedacht. Nun war sie mittendrin und auf der Flucht. Bis vor Kurzem lebte sie in ihrem Heimatland Gabun in wohlhabenden Verhältnissen. Dank ihrem Vater hatte sie direkten Zugang zum Präsidenten des Landes und ihre Ansichten wurden von ihm immer geschätzt. In der Zwischenzeit konnte sie die vielen Menschen besser verstehen, die zurzeit in Afrika, im Nahen-Osten und an den Rändern Europas ihr Schicksal teilten. Ihre Flucht war zwar nichts anderes als eine komfortable Reise nach Frankreich; es blieb aber zu befürchten, dass ihre Widersacher ihr folgten.
Als unabhängige Person hatte sie es sich erlaubt, dem Präsidenten gegenüber auch kritische Dinge zu sagen. Und in ihrem Land war bei weitem nicht alles zum Besten bestellt. Umweltverschmutzung war allgegenwärtig und Korruption war an der Tagesordnung und bei etwas geübtem Blick unschwer zu erkennen. Die viel gerühmte Demokratie bestand auch nur auf dem Papier. Eine intakte Umwelt war ihr ein grosses Anliegen, das oft mit Füssen getreten wurde. Natürlich wusste sie, dass ihre Nachforschungen nicht allen Leuten im Lande passen würden; doch ihr Gerechtigkeitssinn liess nichts Anderes zu. Ermuntert vom Präsidenten fühlte sie sich dazu ermächtigt und glaubte sich in Sicherheit. Wie man sich täuschen kann. Obwohl die Recherchen und Absprachen mit dem Präsidenten nur in absoluter Diskretion erfolgt waren, hatte offenbar jemand Wind davon bekommen.
Heute Morgen, sie war gerade im Arbeitszimmer mit Mail-Korrespondenz beschäftigt, meldete ihre Bedienstete einen Kurier des Präsidenten. Das war ungewöhnlich. Noch ungewöhnlicher war die Nachricht, die er im verschlossenen Couvert überbrachte:
„Verlassen Sie umgehend das Land. Ein Komplott ist gegen ihre Person geplant. Hinterlassen Sie keine Spuren!“ Stand da geschrieben, mehr nicht.
Der Kurier drängte zur Eile. Er gab ihr einen zweiten Umschlag, den sie hastig öffnete. Darin fand sie ein Flugticket, sämtliche nötigen Reisedokumente sowie eine Kreditkarte. Zeit zum Überdenken dieser völlig neuen Situation hatte sie keine. Sie packte die nötigsten Kleider und Schuhe ein. Anschliessend jagte sie mit dem Rollkoffer im Schlepptau durch ihr weitläufiges Haus und sammelte sämtliche unentbehrlichen Reiseutensilien ein: Das Beauty Case, das Necessaire, ein Bild von ihrer Familie, ihr iPad, einige Snacks für unterwegs, den Pass und einige wichtige Dokumente, u.a. belastendes Material, das sie bei ihren Recherchen gesammelt hatte. Die Dokumente entnahm sie dem Safe und legte sie ins Geheimfach des Rollkoffers. Weitere Zeit blieb keine mehr. Draussen wartete der Kurier bei der Limousine. Sie konnte sich nicht einmal von den Bediensteten verabschieden. Kaum hatte sie im Fonds des Wagens Platz genommen, gab der Chauffeur kräftig Gas. Mava wurde ins Polster ihres Sitzes gedrückt und vernahm gleichzeitig einen lauten Knall. Im Rückspiegel sah sie ihr Haus in Flammen aufgehen. Ein einziger Gedanke jagte durch ihr Hirn: Spuren hast du keine hinterlassen. Erst dann machte sie sich Sorgen um ihre Bediensteten.
Die Limousine brachte sie auf direktem Weg zum Flugplatz. Der Chauffeur lenkte den schweren Wagen durch die üblicherweise geschlossene Schranke am Rande des Flugfeldes direkt auf die Rollbahn, wo die Maschine von Air Gabun startklar wartete. Hier bremste er abrupt. Der Kurier öffnete die Wagentüre und wünschte ihr einen guten Flug. Eine Hostess nahm Mava in Empfang und geleitete sie an ihren Platz in der VIP-Lounge. „Fasten your seatbelts“, tönte es aus der Lautsprecheranlage und das Flugzeug hob ab.
Wie gelähmt sass Mava an ihrem Platz. Die Hostess musste sie mindestens dreimal ansprechen, um ihren Getränkewunsch zu erfahren. Schliesslich erwiderte sie mit zittriger Stimme:
„Bringen sie mir einen Martini.“
Das Getränk tat ihr gut. Allmählich begann das Hirn wieder zu arbeiten und ihre Gedanken wurden klar. Wer steckte hinter diesem Komplott? Wer wollte sie weghaben? Kandidaten dafür gab es einige. Warum konnte sie der Präsident nur warnen und nicht beschützen? War er so schwach? Oder war diese Geschichte von ihm womöglich selber inszeniert? Weil sie für ihn hätte gefährlich werden können. Ihre Loyalität zum Präsidenten verbot es ihr, diesen Gedanken zu Ende zu denken. Selbst wenn er ihr noch so plausibel erschienen wäre. Oder war der Brand im Haus ein ganz banaler Kurzschluss? Das kam nicht selten vor. Diese Gedanken marterten sie so sehr, dass sie in ihrer Handtasche nach einer Schlaftablette kramte. Nur noch vergessen wollte sie. Die Schlaftablette wirkte jedoch nicht wirklich.
Im Dämmerschlaf huschten die Bilder der vergangenen Stunden in Zeitlupe an ihr vorbei. Sie mischten sich mit Erinnerung an eine unbeschwerte Kinder- und Jugendzeit. Wiederholt sah sie den stolzen Blick ihrer Eltern auf sich ruhen. Ihre Tochter war für sie etwas Besonderes. Obwohl ihre Eltern nicht zur Elite des Landes gehörten, standen Mava dank guter Bildung und ihrer kommunikativen Fähigkeiten standen Mava grosse Türen offen. Als junge Erwachsene machte sie allmählich Bekanntschaft mit den Schattenseiten des Lebens in ihrer Heimat. Zunächst lernte sie einflussreiche Menschen kennen, bei denen sie spürte, dass sie nicht ehrlich waren; danach ihre Gründe dafür. Schliesslich, dass diese Menschen keine Einzelmasken waren, sondern in einem korrupten Netz verbunden die Gesellschaft durchdrangen und beherrschten. Dieses Netz schnürte zusehends auch ihre eigene Lebenskraft ab: Bis zu diesem heftigen Knall, welcher ihre bisherige Existenz in Schutt und Asche legte. Bei diesem Knall und der anschliessenden Feuersbrunst blieb der Film hängen; die Szene wiederholte sich gefühlte tausend Mal. Erst die Ankündigung der Landung in Paris erlöste Mava aus diesem Albtraum:
„Close your tray table, open the window blinds and bring your seat in an upright position“.
Schlagartig wurde Mava bewusst, dass nichts mehr sein würde, wie es einmal war. Sie fühlte sich aus dem Paradies verstossen und wusste, dass sie nun kämpfen musste. Um ihre Existenz, aber auch, damit dieses korrupte Netz für eine breite Öffentlichkeit sichtbar wurde. Auf dem Nachbarsitz bemerkte sie ihren Rollkoffer, welcher interessanterweise nicht im Gepäckraum mitgeflogen war. Er erinnerte sie an die belastenden Dokumente, die sie in allerletzter Sekunde eingepackt hatte. In Paris würden sich bestimmt Menschen finden lassen, die diese Dokumente auf geeignete Weise veröffentlichen konnten. Zuerst musste sie sich allerdings um die sogenannt kleinen Dinge des Lebens kümmern. Mava stutzte, als sie merkte, dass diese Dinge für viele Menschen auf der Welt alles andere als selbstverständlich waren. Insbesondere Flüchtlinge wie sie konnten davon nur träumen. Aber auch in dieser Beziehung war sie äusserst privilegiert. In Paris lebte ihre Schwester mit ihrer Familie.
Dieselbe Hostess begleitete Mava nach der Landung hinunter zur Rollbahn. Dort erwartete sie ein Angestellter des Flughafens. Er führte sie auf direktem Weg durch den Flughafenkomplex zum Taxistand, wo eine Limousine mit getönten Scheiben bereits wartete. Der Angestellte nannte dem Chauffeur eine Adresse. Sie gehörte offensichtlich zu einem Hotel. Eigentlich wollte Mava direkt zu ihrer Schwester fahren. Doch dies wäre kaum die beste Idee gewesen, kam es ihr auf der Fahrt in den Sinn. Denn sie musste äusserste Vorsicht walten lassen. Auf gar keinen Fall wollte sie ihre Schwester und Familie in Gefahr bringen. Zunächst ein paar Tage im Hotel waren da genau das Richtige. Sie musste ohnehin zur Ruhe kommen. Ausserdem nahm sie sich vor, ihre Umgebung genau zu beobachten. Erst wenn sie sicher war, dass sie nicht verfolgt wurde, konnte sie es wagen, ihre Schwester aufzusuchen. Das Hotel war von aussen gesehen eher bescheiden.
Der Mann an der Rezeption, ein älterer Herr, begrüsste sie freundlich und war sehr zuvorkommend. Mava schöpfte frischen Mut. Er nahm ihr den Koffer ab und begleitete sie gleich persönlich auf ihr Zimmer. Sie nahmen den Lift in den vierten Stock, gingen den Gang entlang bis zum einzigen Zimmer, das nicht nummeriert war.
„Diskretion ist alles“, meinte der Rezeptionist und schloss die Türe auf. „Voilà, unser bestes Zimmer. Fühlen Sie sich wie zuhause, solange es Ihnen passt!“
Mava schaute ihn mit fragendem Blick an.
„Unsere Suite ist für Sie auf unbestimmte Zeit reserviert“, meinte er lakonisch. „Wenn Sie einen Wunsch haben, wenden Sie sich vertrauensvoll an mich.“
„Wie heisst das WiFi Passwort?“, rutschte es wie selbstverständlich aus Mava heraus.
„Wohin denken Sie Madame, wir sind im 21. Jahrhundert und alle unsere Zimmer verfügen über einen ultraschnellen Breitbandanschluss“, beruhigte sie der ältere Herr, dann empfahl er sich.
Mava trat ein. Die Suite war ein geräumiges Zimmer, stilvoll eingerichtet, mit eigener Dusche und WC. Mava liess sich auf das Bett fallen. Über sich entdeckte sie eine beeindruckende Gebirgslandschaft, die in den französischen Alpen gemalt worden sein musste. Vom Abendlicht rosa beschienene Gletscher und Berggipfel schauten auf sie herunter. Sie stiegen aus dem bereits dunklen Tal empor. Noch nie hatte sie solch mächtige Berge erlebt. Schnee kannte sie nur vom Hörensagen. Der Anblick faszinierte sie. Der Künstler musste ein Meister seines Faches gewesen sein. Er hatte es verstanden, mit Farbe, Licht und Schatten in unterschiedlichen Intensitäten auf der flachen Leinwand eine starke räumliche Wirkung zu erzielen. Eine Landschaft, die so anders war, wie jene, die sie bisher kannte. Hier wollte Mava hin. Vielleicht hatte ihr erzwungenes Exil auch seine guten Seiten. Zunächst hatte sie allerdings anderes zu tun. Aber auch das musste warten. Mava gähnte. Erschöpft machte sie nun beide Augen wirklich zu und viel in einen tiefen Schlaf. Er dauerte bis in den kommenden Morgen hinein. Gegen acht Uhr drang ein erster Sonnenstrahl in ihr Zimmer und kitzelte sie aus dem Schlaf. Sie öffnete ihre Augen und tastete die fremde Umgebung ab. Als sie wieder beim Bild angelangt war, fühlte sie sich bereits ein wenig zuhause. Hunger machte sich bemerkbar. Sie ging ins Badezimmer, nahm eine Dusche, zog frische Kleider an und machte sich auf den Weg zum Speisesaal.
Als sie die Zimmertüre schliessen wollte, blieb ihr Blick am geöffneten Rollkoffer hängen. Die Dokumente mit dem belastenden Material würde sie wohl besser nicht im Zimmer aufbewahren. Sie öffnete das Geheimfach und brachte das Couvert zur Rezeption.
Anstelle des älteren Herrn versah nun ein jüngerer Herr seinen Dienst. Ohne nach dem Inhalt zu fragen, nahm er das Couvert in Empfang und verschloss es im Safe.
Das reichhaltige Buffet kam Mavas grossem Hunger sehr entgegen. Den Teller füllte sie gleich mehrmals mit Früchten, Croissants, Weichkäse, Wurstwaren, Butter und Konfitüre. Den Kaffee trank sie schwarz. Jetzt musste sie wach sein und einen klaren Kopf haben. Denn sie hatte wichtige Entscheidungen zu treffen. Als sie satt war, lehnte sie sich in den Stuhl zurück und liess die Geschehnisse des vergangenen Tages Revue passieren.
Die gleiche Frage stellte sich von Neuem ein: Wer wollte sie weghaben? Der Präsident konnte es kaum sein. Ihre Loyalität ihm gegenüber war unbestritten. Auch hatte er nie etwas dergleichen verlauten lassen. Einzig ihre Flucht machte sie stutzig. Eigentlich musste sie von langer Hand vorbereitet worden sein, so reibungslos wie sie verlief. Die ganze Geschichte blieb rätselhaft.
Zur Ablenkung nahm sie eine der Zeitungen, welche für die Gäste abonniert wurden und blätterte ziellos in ihr herum. Über Gabun fand sie selbstverständlich keinen Beitrag. So wichtig war ihr Land nun auch wieder nicht. Dafür blieb sie am Impressum der Zeitung hängen. Hier entnahm sie die Kontaktdaten der Redaktion und notierte sie auf einem Blatt Papier. Mit den übrigen Zeitungen und Zeitschriften verfuhr sie auf dieselbe Weise. Nirgendwo stand etwas über Gabun geschrieben. Ihr Land schien in den heutigen Ausgaben der französischen Presse nicht existent zu sein. Dafür hatte sie nun eine ganze Adressliste von Personen, die Mava bei ihrer Mission helfen konnten. Als nächstes musste ein neues Handy her. Mit ihrer bisherigen Nummer wollte sie auf gar keinen Fall die Kontakte zu diesen Redaktionen herstellen.
Sie erkundigte sich an der Rezeption nach einem Handyshop. Zudem wollte sie sich die Haare schneiden lassen und benötigte neue Kleider. Der junge Mann an der Rezeption nahm mit einem verschmitzten Lächeln einen Pariser Stadtplan hervor und markierte die empfehlenswerten Geschäfte im Umfeld des Hotels mit Grossbuchstaben.
Nicht unsympathisch, dachte Mava, als sie die Erläuterungen des Rezeptionisten entgegennahm. „H“ bedeutete Handyshop, „B“ Boutique, „C“ Coiffeur. Die meisten dieser Geschäfte waren in Gehdistanz zu erreichen.
Bewegung tat gut. Sie verband die Geschäfte mit einer sinnvollen Route und machte sich auf den Weg. Zum Glück hatte sie genügend Bargeld mitgenommen. Die Kreditkarte gedachte sie nur im Notfall zu benutzen. Mit Hilfe der Datenspur würde es ein Leichtes sein, ihren Aufenthaltsort zu bestimmen.
Im Laufe dieses Tages veränderte Mava ihr Äusseres Schritt für Schritt. Im vorletzten Laden kaufte sie sich verschiedene Hüte und im letzten Laden drei Sonnenbrillen. Je nachdem konnte sie nun durch runde, eckige oder ovale Gläser in die Welt blicken. Am Abend, als sie sich im Brillengeschäft im Spiegel betrachtete, fragte sie sich, ob diese markante äusserliche Veränderung auch Spuren in ihrem Inneren hinterlassen würde.
Der Rezeptionist, es war wieder der ältere Herr, war auf jeden Fall sichtlich irritiert bevor er vorsichtig, aber charmant fragte: „Sind Sie es oder sind Sie es nicht; die Dame aus der Suite im 4. Stock?“
Mava nickte, lächelte als Zeichen der Komplizenschaft und bekam den Schlüssel ausgehändigt. Im Zimmer ordnete sie ihre Errungenschaften. Dann bediente sie sich an der Zimmerbar und ass das Sandwich, das sie in einem Take-away auf dem Rückweg zum Hotel erstanden hatte. Müde kleidete sie sich um, besorgte die Toilette, stieg ins Bett, von wo aus sie noch etwas fernsehen wollte. Es dauerte nicht lange und sie schlief vor dem laufenden Bildschirm ein. Irgendwann in der Nacht musste sie ihn ausgeschaltet haben.
Am folgenden Tag wiederholte sich am Morgenbuffet das gleiche Spiel. Mava füllte Teller um Teller von den angebotenen Köstlichkeiten. Nach dem Essen fühlte sie sich träge und schlaff. Eigentlich beabsichtigte sie nun die Kontakte zu den Zeitungsredaktionen herzustellen. Daraus wurde vorerst nichts. Zurück auf dem Zimmer hatte sie plötzlich Sehnsucht nach der Schwester. Allen Vorsichtsmassnahmen zum Trotz wollte sie ihr anrufen. Es stellte sich nur noch die Frage, welches Handy sie benutzen sollte. Mava entschied sich für das alte Handy. Diese Nummer kannte ihre Schwester bereits. Das konnte helfen. Bereits der erste Versuch war erfolgreich.
Mavas Schwester Amélie war perplex, als sie ihre Schwester hörte. Sie konnte es kaum fassen. Von der Polizei war ihr nämlich mitgeteilt worden, dass sie bei einem Brand im eigenen Haus ums Leben gekommen sei. Als Ursache wurde ein Kurzschluss vermutet.
Mava war sprachlos, als sie dies vernahm. Mindestens eine gefühlte, halbe Ewigkeit wartete die Schwester auf ihre gestammelte Antwort: „Ich lebe aber noch und bin in Paris. Kann ich zu dir kommen?“
„Natürlich kannst du das, wann immer du willst. Ich bin zuhause und freue mich riesig, dich lebend zu sehen.“
„Du darfst aber nicht erschrecken. Ich habe mich äusserlich stark verändert, da mich niemand erkennen darf.“
„Nur keine Angst, du bist und bleibst meine Schwester.“
Es verging keine Stunde bis Mava vor dem Hauseingang zur Wohnung ihrer Schwester stand. Sie ging allerdings nicht direkt hinein, sondern umrundete den Häuserblock. Dabei prüfte sie so unauffällig wie möglich, ob ihr jemand folgte. Soviel Vorsicht musste trotzdem sein. Nach zwei Umrundungen fühlte sie sich sicher genug, klingelte bei ihrer Schwester und wartete gespannt auf ihre Stimme in der Gegensprechanlage. Stattdessen knackte der Türöffner. Sie öffnete schnell die Türe und trat in den Flur. Vier Stockwerke musste sie hochsteigen, dann lagen sich die beiden Schwestern in den Armen.
Erst jetzt konnte Amelie ihr Glück wirklich fassen. Beide weinten hemmungslos. Waren die vergangenen Tage für Mava turbulent gewesen, so waren sie für Amelie nur schrecklich. Und jetzt dieses Happyend. Mava drängte in die Wohnung.
„Komm wir gehen in die Küche, ich habe Kaffee zubereitet“, schlug Amelie vor.
Mava liebte die gemütliche Wohnküche von Amelies Wohnung. Sie nahm am gedeckten Tisch Platz und Amelie goss den Kaffee aus dem Thermoskrug in die vorbereiteten Tassen.
„Leonie ist im Kindergarten. Wir können uns ungestört unterhalten”, meinte Amelie und setzte sich.
Nun berichtete Mava die Geschehnisse der vergangenen Tage in allen Einzelheiten. Amelie hörte staunend zu.
„Du hast dich äusserlich wirklich stark verändert”, bestätigte sie ihre Schwester.
„Ich bin ja so froh, dass ich bei dir bin.”
„Hast du eine Ahnung, wer dir was anhaben will?”
„Diese Frage habe ich mir auch wiederholt gestellt und keine überzeugende Antwort gefunden.”
„Wenn du mich fragst, hat das der Präsident zu deinem Schutz, zu seinem oder zum Schutz von euch beiden arrangiert. Deine Gegner hätten das Feuer gelegt, um dich zu töten”, war Amelie überzeugt.
„Vielleicht sollte es eine Warnung sein”.
„Nein, nein, das war der Präsident.”
„Wie dem auch sei.”
„Was machst du nun?”
„Ich konnte einige belastende Dokumente mitnehmen. Diese möchte ich französischen Zeitungen zuspielen.”
„Mach das bloss nicht!”
„Wieso nicht?”
„Die französischen Zeitungen berichten praktisch gar nicht über Gabun und wenn, dann nur über unverfängliche Dinge. Alles andere ist zu heiss und könnte der Staatsräson widersprechen.”
„Ich muss doch diese Schweinereien in meinem Land an die Öffentlichkeit bringen. Das bin ich ihm schuldig.”
„Wenn du Öffentlichkeit erzielen möchtest, musst du mindestens mit dem Aussenminister ins Bett, alles andere verpufft in diesem Land ohne Wirkung.”
„Ist das wirklich so?”
„Du kannst es versuchen. Ich gebe dir allerdings keine grossen Chancen. Ausserdem solltest du dich nicht unnötig in Gefahr bringen.”
Mava nippte nachdenklich an ihrem Kaffee. „Was soll ich denn tun?”
„Das ist eine gute Frage.” Amelie überlegte: „Von meiner Übersetzungsarbeit her kenne ich einige Verlagshäuser in Belgien und der Schweiz. In diesen Ländern spricht man auch Französisch.”
„Du meinst, die können mir helfen?”
„Diese werden dir sicher eher helfen als die französischen Zeitungen.”
Amelie goss Kaffee nach und Mava überdachte das Gesagte.
„Diese Geschichte ist einfach schrecklich.”
„Sei doch froh, dass du noch am Leben bist!”
„Da hast du allerdings Recht.” Nun war es an der Zeit, das Thema zu wechseln. „Wie geht es Pierre?”
„Was soll ich sagen? Er ist dauernd auf Montage unterwegs und selten zuhause.”
Da frage ich mal besser nicht weiter, dachte Mava und Amelie war froh, dass ihre Schwester sich mit dieser Antwort zufriedengab. Unter anderen Umständen hätten die beiden noch lange weiter getratscht, doch Mava drängte zum Aufbruch. Sie wollte möglichst bald eine Redaktion finden, die ihr helfen konnte. Beim Abschied gab ihr Amelie die nötigen Adressen. Mava versprach, sich regelmässig zu melden.
Die Geschichte nimmt ihren Anfang
Nichtsahnend sass ich allein im grossen Aufenthaltsraum der Jugendherberge und betrachtete das leere Blatt Papier vor mir. Allerlei Gedanken gingen mir durch den Kopf, nur nichts, was ich auf das Blatt bringen konnte.
Genau vor zehn Tagen hatte mich der Verleger meines ersten Buches angerufen und mich gebeten, zu ihm ins Büro zu kommen. Er hätte wichtige Dinge mit mir zu besprechen. Nanu, dachte ich, das sind ja ganz neue Sitten: Bis an hin pflegte vor allem Anna, meine Frau, die Kontakte zum Verlag. Ich vereinbarte mit ihm einen Termin für den nächsten Vormittag um zehn Uhr. Als ich Anna davon berichtete, meinte sie lakonisch:
„Vielleicht will er ein zweites Buch von dir.“
„Dass ich nicht lache, soweit wird es noch kommen!“, erwiderte ich vollen Ernstes, „woher sollte ich mir die Zeit nehmen?“
„Das wäre wirklich ein Problem, aber hingehen musst du auf jeden Fall, man weiss ja nie.“
„Natürlich gehe ich hin! Sehr wahrscheinlich möchte er, dass ich eine Lesung halte, damit das Geschäft ein wenig angekurbelt wird.“
Am kommenden Vormittag, das heisst vor neun Tagen, radelte ich in die Stadt und fand mich pünktlich um 10.00 Uhr beim Verlagshaus ein. Von der rege befahrenen Strasse gelangte man durch die Toreinfahrt in einen Hinterhof. Wer nur die Strassen und Fassaden der Häuser kennt, verpasst die halbe Stadt, ging es mir durch den Kopf. Zahlreiche Gewerbebauten, die dem Verlag als Büroräumlichkeiten für die Druckerei und Spedition dienten, waren hier ineinander verschachtelt angeordnet.
Ich stellte mein Fahrrad beim Haupteingang ab und betrat den Empfang. Frau Mangold meldete mich beim Verlagsleiter und wies mich an, im Sitzungszimmer Platz zu nehmen.
„Möchten Sie einen Kaffee? Der Chef kommt gleich.“
„Gerne.“
Ich schaute mich im Raum um, welcher bis auf einige Kunstwerke ziemlich nüchtern eingerichtet war. Frau Mangold brachte den Kaffee und meinte, der Chef würde jeden Moment erscheinen. Tatsächlich, nach wenigen Augenblicken erschien Herr Baldur und bat mich ihm zu folgen.
„Nehmen Sie doch den Kaffee mit, ich möchte diese Unterredung in meinem Büro führen.“
Wir durchquerten den Hof, nahmen den Eingang zur Druckerei und stiegen das Treppenhaus hoch in den zweiten Stock, wo sich das Büro befand. Dort angelangt, eröffnete er mir die Verkaufszahlen meines ersten Romans:
„Lieber Herr Lipp“, meinte er, „ihr Roman ist zwar kein Renner, doch immerhin ein Dauerläufer, was für ein Erstlingswerk gar kein schlechtes Zeichen ist.“
„Das freut mich“, erwiderte ich und Baldur fuhr fort:
„Sie haben doch sicher Ideen für einen weiteren Roman“, überraschte er mich trotz meiner Vorbereitung.
Ich war ziemlich perplex und musste zunächst kurz durchatmen, bevor ich ihm meine Situation erklären konnte. Doch was tat ich: Anstatt ihm zu erläutern, dass es nicht an Ideen mangelte, sondern vielmehr an Zeit, weil mit dem Studium, der Familie und dem Nebenerwerb als Journalisten das Zeitbudget bereits mehr als strapaziert war, meinte ich lediglich:
„Na klar, an Ideen soll es nicht mangeln.“
„Dann gilt es ernst!“, meinte er, „Sie müssen unbedingt innert nützlicher Frist ihrem Erstlingswerk einen zweiten Roman von gleicher Qualität folgen lassen. Ich bin überzeugt, Sie haben das nötige Zeugs zum Schriftsteller. Der Verlag wird sich freuen, auch diesen Roman veröffentlichen zu dürfen.“
Peng, ich war von dieser Ankündigung beinahe erschossen und stammelte so etwas wie meinen Dank für das in mich gesetzte Vertrauen. Erklärte ihm, dass ich mir das Thema übernächste Woche in unserem Kurzurlaub in Rotschuo überlegen würde und erkundigte mich noch, was denn eigentlich eine nützliche Frist wäre.
Baldur meinte: „Acht Monate dürften ein adäquater Zeithorizont sein. Am besten Sie machen mir ein kurzes Konzept auf einer Seite, sobald Sie wissen, über was Sie schreiben.“
Nun war die Unterredung bereits beendet und Baldur geleitete mich zum Empfang zurück, wünschte mir alles Gute und bat mich, Anna zu grüssen.
Nachdenklich trat ich den Heimweg an. Jeder andere Autor wäre an meiner Stelle im siebten Himmel, nur ich machte mir Sorgen. Wie sollte ich neben all meinen Verpflichtungen und der journalistischen Arbeit, die mir wichtig erschien, noch einen zweiten Roman fabrizieren?
Draussen war trübes Wetter. Die umliegenden Berge waren wolkenverhangen. Nur wenige Schiffe kreuzten auf dem See. So hatte ich mir unseren Aufenthalt in Rotschuo nicht vorgestellt. Gestern waren wir von Luzern her mit dem Schiff gekommen. Und heute dieses Wetter.
Wenigstens hatte ich Zeit zum Schreiben oder schlimmer gesagt, um meine Schreibblockade zu kultivieren. Denn sonderlich weit war ich noch nicht gekommen. 100 Themen hatte ich bereits erwogen und allesamt verworfen. Wie bei allen meinen Schreibprojekten war der Anfang unheimlich schwierig und aufreibend zugleich. Beim Schreiben bin ich immer wieder von neuem Anfänger, dachte ich. Der befreiende Gedanke wollte und wollte nicht kommen. Nur diffuse Ideen hatten sich bisher ergeben. Ideen, die ebenso schnell verschwanden, wie sie gekommen waren und keinerlei Spuren hinterliessen. Meine Gedankenwelt glich einer luftigen Berghütte bei Durchzug. Dabei wären die Bedingungen optimal gewesen: sämtliche störenden Faktoren waren eliminiert. Anna war mit unserem Sohn Michael beim Einkaufsbummel in Schwyz. Mein Aufenthaltsort war ruhig gelegen, frei von Ablenkung, und das Wetter liess ohnehin nichts Anderes zu (und hielt erst noch weitere potenziell störende Gäste ab). Nur die Inspiration stellte sich nicht ein. Dafür wurden die Zweifel an der Unzulänglichkeit des eigenen Schreibens kräftig genährt. Bereits schlürfte ich den vierten Espresso und sollte eigentlich wirklich wach sein, spürte jedoch nichts davon. Ich ging an die frische Luft und hoffte, dass sie mir guttun würde.
Die Jugendherberge lag unmittelbar am See. Normalerweise würde ich jeden Tag mindestens zweimal ins Wasser steigen, doch bei diesem trüben Wetter machte nicht einmal Baden Freude. So ging ich dem Ufer entlang von einem Ende der Anlage zum anderen und beobachtete die Möwen über dem See. Ihre Leichtigkeit möchte ich gerne haben, dachte ich, mich mit ihr über meine Blockade hinwegsetzen, um in einem steten Gedankenfluss zu wassern, der meine Geschichte trägt und spannend weiter treibt von einem Wendepunkt zum nächsten.
Wow! Dieser Satz gefiel mir! Ich notierte ihn in mein Büchlein für geistige Einfälle, das ich stets bei mir trug. Aller Anfang ist schwer, dachte ich, deine Geschichte hast du zwar noch nicht gefunden, aber immerhin war die Ausbeute des heutigen Tages nicht mehr gleich null. Etwas zufriedener setzte ich mich auf den betonierten Steg, zog Schuhe und Socken aus und hielt wenigstens die Füsse ins Wasser. Ziemlich kühl für diese Jahreszeit, doch zum Baden würde es knapp reichen.
Anna hatte zu meiner Motivation noch gesagt: „Du musst nur mit Schreiben beginnen, dann läuft es wie von selbst.“ Mit ihren Ratschlägen hatte sie bis jetzt immer Recht und ich hoffte, dass dieses Mal nicht die berühmte Ausnahme war, welche die Regel bestätigte.
Ich streckte den Fuss nochmals ins Wasser und beschloss doch ein Bad zu nehmen. Auch wenn das Bad kalt war, würde es mich erfrischen und noch besser, es würde bestimmt meine Stimmung aufhellen.
Unser Zimmer lag ebenerdig mit direktem Ausgang zum Rasenstreifen, der gleichzeitig das Ufer bildete. Das war für Wasserratten wie mich äusserst praktisch. Schnell zog ich die Badehosen an und stieg beim betonierten Steg ins Wasser. Lange wollte ich nicht im Wasser bleiben, um mich nicht zu unterkühlen. Einige Schwimmzüge mussten es trotzdem sein. Kaum im Wasser, staunte ich, wie schnell ich mich an die kalte Temperatur gewöhnte. Nur der erste Kontakt hatte Überwindung gekostet. Aus den wenigen Schwimmzügen wurden etwas mehr und das Wasser tat seine Wirkung. Wie neu geboren stieg ich aus dem See, wickelte mich in das Badetuch ein, setzte mich im Lotussitz hin, um noch etwas Zeit kontemplativ am See zu verbringen.
„Hallo Papa!” Ausgerechnet jetzt kamen Michael und Anna von ihrem Ausflug zurück. Michael wusste allerhand zu berichten und Anna gönnte sich an meiner Stelle etwas Ruhe. Zum Schluss erzählte er von einer schwarzen Frau, die sie auf der Heimfahrt kennen gelernt hatten. Sie logierte offenbar ebenfalls in der Jugendherberge. Die Zeit verging wie im Flug und bald war es Zeit für das Abendessen.
Für einmal kochten wir nicht selber, sondern liessen uns von der Küchencrew verwöhnen. Das strapazierte zwar unser Budget, musste aber von Zeit zu Zeit auch sein. Nur wenige Gäste waren ausser uns anwesend. Eine Familie mit zwei Kindern, zwei befreundete Paare und eben diese Frau, welche wohl aus Afrika stammte.
Anna lud sie zu uns an den Tisch ein. Sie nahm die Einladung gerne an und stellte sich mit R. vor. R. überraschte mich mit einem klaren, gewinnenden Blick aus schönen, geheimnisvollen Augen, den ich etwas verlegen zu erwidern versuchte.
R. stammte aus Gabun und lebte zurzeit in Frankreich. Von dort aus besuchte sie verschiedene europäische Städte unter anderem auch Genf.
Während Anna mit R. vorwiegend Englisch sprach, versuchte ich mit meinen Französisch-Kenntnissen zu brillieren. Da ich Touristen wie sie eher auf dem Jungfrau-Joch oder in Zermatt erwartete, fragte ich sie, wieso sie ausgerechnet nach Rotschuo gekommen sei.
„Das hat sich so ergeben“, meinte R. „Eigentlich beabsichtigte ich die grösseren Städte Europas zu besuchen, bin aber nur bis nach Genf gekommen“, erklärte sie. „In Genf haben mir nette Leute die Jugendherberge von Rotschuo empfohlen.“
„Und dass bei diesem Wetter“, wandte ich ein.
„Ça ne fait rien, les montagnes sont toujours magnifiques“, korrigierte sie mich umgehend. „Von Genf aus habe ich den Zug nach Montreux und von dort über Gstaad an den Thunersee bis nach Interlaken genommen, wo ich ebenfalls in einer Jugendherberge übernachtet habe. Dort lernt man stets interessante Leute kennen und erhält gute Tipps“, erklärte sie und beeindruckte mich mit ihrer Begeisterungsfähigkeit: „Die Aare-Schlucht, diese Wassergewalten und der schmale Pfad tief unten im Felsen, wunderbar! Die Berge, wisst ihr, noch nie habe ich so hohe Berge gesehen“, sprudelte es aus R. heraus.
„Von Interlaken bist du sicher über den Brünig nach Luzern und von dort hierhergekommen?“, stellte ich meine Geographie-Kenntnisse unter Beweis.
„Wo ist Interlaken?“, getraute sich Michael, der von unserem Gespräch nur wenig verstand, eine Frage zu stellen.
„Da haben wir im vorigen Jahr auf dem Weg nach Grindelwald den Zug verpasst“, versuchte Anna zu erklären, aber Michael konnte sich darauf keinen Reim machen.
„Nein, ich habe noch einen Tagesausflug auf die Kleine Scheidegg gemacht, bevor ich nach Rotschuo gekommen bin“, nahm R. den Faden wieder auf.
„Warum nicht gleich auf das Jungfrau-Joch?“, wollte ich wissen, „Da hast du etwas verpasst.“
„Peter zieht es stets auf die höchsten Gipfel“, stellte Anna klar.
„Da gehen viel zu viele Touristen hin“, wurde ich Lügen gestraft. „Die Bahn ist sehr teuer und ich ziehe viel lieber die unberührten Orte vor“, begründete R. ihre Wahl.
„Die sind leider nicht mehr so häufig“, meldete sich der Skeptiker in mir zu Wort.
R. schwärmte von ihren bisherigen Stationen durch die Schweiz und beschrieb alles bis ins letzte Detail. Die Bauernhäuser mit ihren ausladenden Dächern, den Geranienkistchen vor den Fenstern, den Aussentreppen und den Verzierungen an den Frontseiten gefielen ihr besonders gut. Aber auch die Bäche, Wasserfälle und schliesslich die grossen Seen, denen sie auf dem Weg nach Rotschuo begegnet war, taten es ihr an.
„Bei mir zu Hause in Gabun gibt es auch viel Wasser, das kommt aber sehr massig daher. Bei euch tritt es viel abwechslungsreicher, kleinräumiger, filigraner und lebendiger in Erscheinung“, meinte sie.
Ihre Freude über die Entdeckungen, die sie auf der bisherigen Reise gemacht hatte, erinnerte mich an meine letzte grosse Reise durch Südfrankreich und Spanien. Damals zog ich die mir fremden Landschaften förmlich in mich hinein und war von einer Entdeckungslust getrieben, die ich sonst nicht kannte.
„Wie lange lebst du bereits in Frankreich?“, wollte Anna wissen, die ebenfalls an unsere Reise erinnert wurde: „Vielleicht sind wir uns vor fünf Jahren in Marseille begegnet: Peter und ich haben uns nämlich in der Provence kennen gelernt, wo wir während drei Monaten in einer Kooperative auf einem Bauernhof gelebt haben.“
„Ah, ihr kennt Marseille! Da bin ich oft anzutreffen.“
Wir hüpften von einem Thema zum anderen und gegen Ende des Abends hatte ich den Eindruck, dass wir bereits alte Bekannte waren. Beim Abschied dachte ich, für einmal ist ein attraktives Äusseres mit einem unkomplizierten, offenen Charakter verbunden. Und ein weiterer Gedanke, den ich lange nicht zu deuten vermochte, kam mir in den Sinn: Sie weiss mindestens so gut wie du, was sie will.
Am folgenden Tag liess sich endlich die Sonne etwas blicken. Wir beschlossen den geplanten Ausflug zu machen und packten unsere Siebensachen: Getränk in die Feldflasche, Picknick, warmer Pullover plus Regenschutz in den Rucksack, den ich zu tragen hatte. Die Badehose durfte auch nicht fehlen, denn baden konnte man bei jedem Wetter. Als Optimisten nahmen wir auch Sonnenhut und - crème mit. Man konnte ja wirklich nie wissen: Plötzlich war es trotz unbeständiger Wettervorhersage schönstes Wetter.
Pünktlich auf die Minute trafen wir bei der Rezeption ein, wo R. bereits auf uns wartete. Sie wollte ebenfalls mit uns kommen. Mit dem Bus ging es nach Gersau zur Schiffshaltestelle, wo wir einen kurzen Aufenthalt hatten, bis uns schliesslich ein Linienschiff über den See nach Treib mitnahm.
Auf dem Schiff fühlte sich Michael gleich als Pirat auf hoher See und machte alle Decks gleichzeitig unsicher. Das ging nur gut, wenn ich mich an seine Fersen heftete. So begann die Überfahrt, die gemütlich hätte sein können, ziemlich stressig. Der Stress endete
