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In 'Winnetou & Old Surehand' entfaltet Karl May einen fesselnden Plot, der die Abenteuer des berühmten Apachenhäuptlings Winnetou und seines unerschütterlichen Freundes Old Surehand in den Weiten des amerikanischen Westens schildert. Mays unverwechselbarer literarischer Stil, der durch eine melodische Sprache und reichhaltige Beschreibungen der Landschaften gekennzeichnet ist, lädt den Leser ein, in eine Welt einzutauchen, in der Freundschaft, Ehre und die Konfrontation zwischen Kulturen im Mittelpunkt stehen. Die komplexe Beziehung zwischen den Charakteren und die tiefgreifenden moralischen Fragestellungen, die ihre Erlebnisse prägen, verankern das Werk im Kontext des späten 19. Jahrhunderts, als das Interesse an der amerikanischen Ureinwohnerschaft und den Erzählungen über den Wilden Westen boomte. Karl May, ein deutscher Schriftsteller, dessen Werke das Bild des amerikanischen Westens in der europäischen Literatur prägten, schöpfte seine Inspiration aus einer Vielzahl von Quellen, darunter seine eigenen Reisen und die zeitgenössische Literatur. Obwohl May selbst nie Amerika besuchte, gelingt es ihm, durch umfangreiche Recherche und seine lebhafte Fantasie eine faszinierende und authentische Welt zu entwerfen. Seine persönlichen Erlebnisse und die Herausforderungen, die er in seinem eigenen Leben bewältigen musste, fließen ein in die tiefgründige Charakterisierung und die spannungsgeladenen Erzählstränge. Dieses Buch ist eine uneingeschränkte Empfehlung für Liebhaber von Abenteuergeschichten, die an der Interaktion zwischen verschiedenen Kulturen interessiert sind. Mays Geschichten bieten nicht nur spannende Unterhaltung, sondern auch wertvolle Einsichten in Freundschaft, Loyalität und die ethischen Herausforderungen, denen sich die Figuren stellen müssen. Tauchen Sie ein in ein epochales Werk, das nicht nur unterhält, sondern auch zum Nachdenken anregt. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Diese Werksammlung mit dem Titel „Winnetou & Old Surehand“ vereint zentrale Romane Karl Mays, die den Wilden Westen als literarischen Erfahrungsraum erschließen. Der Band bietet eine konzentrierte Zusammenstellung maßgeblicher Texte um die Titelfiguren Winnetou und Old Surehand und lädt zu einer zusammenhängenden Lektüre ein. Ziel ist es, die wechselseitigen Bezüge der Stoffe sichtbar zu machen und ein geschlossenes Bild jener Welt zu bieten, die Karl May in seinen Abenteuer- und Reiseerzählungen entwirft. Damit richtet sich die Ausgabe sowohl an Erstleserinnen und Erstleser als auch an Kenner, die die innere Architektur des Zyklus neu entdecken möchten.
Der Umfang der Sammlung umfasst „Winnetou der Rote Gentleman“, die vier Bände „Winnetou I–IV“ sowie die „Old Surehand“-Trilogie in den drei Teilen „Old Surehand I–III“. Es handelt sich um Romane und großangelegte Erzählwerke, die die Reise- und Abenteuerliteratur in prägnanter Weise repräsentieren. Lyrik, Dramen, Essays oder Briefwechsel sind nicht Gegenstand dieser Ausgabe. Im Mittelpunkt stehen epische Prosatexte, in denen Figuren, Landschaften und Konflikte über längere Erzählbögen hinweg entfaltet werden. Die Zusammenstellung legt den Schwerpunkt auf inhaltliche Kontinuitäten und motivische Entwicklungen innerhalb des westlichen Erzählkosmos.
Karl May schrieb diese Werke im Kontext der populären deutschsprachigen Abenteuerliteratur des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Der amerikanische Westen erscheint darin als imaginierter Raum der Begegnung, Erprobung und Selbstvergewisserung. Ohne Dokumentaranspruch formt der Autor eine eigenständige literarische Welt, in der geografische, kulturelle und moralische Orientierung gleichermaßen verhandelt werden. Die vorliegende Sammlung bietet einen kompakten Zugriff auf dieses erzählerische Projekt und macht nachvollziehbar, wie sich Mays Stoffe ausweiten, verzweigen und zugleich in charakteristischen Figuren und Situationen zusammenlaufen.
Die vertretenen Gattungen sind in erster Linie Abenteuerroman und Reiseerzählung. Beide Formen verschränken sich: Bewegungen durch Landschaften strukturieren die Handlung, Begegnungen unterwegs stiften Sinn, und die räumliche Distanz wird zum Prüfstein für Charakter, Loyalität und Urteilskraft. Episodische Abläufe stehen neben sorgfältig verzahnten Handlungssträngen, die in wiederkehrenden Motiven zusammenfinden. Während das Abenteuer Tempo und Bewährungsproben bietet, liefert die Reiseerzählung Beobachtungen, Beschreibungen und Reflexionen, die das Bild des Westens und seiner Bewohner konturieren. So entsteht ein erzählerisches Kontinuum, in dem Weg und Ziel untrennbar ineinander greifen.
Im Zentrum steht das Thema der Verständigung über kulturelle Grenzen hinweg. Freundschaft, Vertrauensbildung und die Suche nach Gerechtigkeit führen Figuren zusammen, die unterschiedlichen Lebenswelten entstammen. Karl May akzentuiert Werte wie Redlichkeit, Mäßigung, Mut und Verantwortungsbewusstsein. Die Romane berühren Fragen von Recht und Unrecht, Gesetz und Gewissen, Zivilisation und Natur. Dabei wird der Westen weniger als bloßes Abenteuerterrain gezeigt denn als moralische Landschaft, in der Handlungen Konsequenzen haben und Entscheidungen Prüfsteine des Charakters sind. Diese Verbindung von Spannung und Ethos verleiht den Texten ihre nachhaltige Wirkung.
Stilistisch verbindet May anschauliche Naturbeschreibungen mit dialogischer Dynamik und pointierter Situationsgestaltung. Häufige Ich-Nähe, genaue Wahrnehmungen von Spuren, Geräuschen und Licht, sowie die rhythmische Abfolge von Ruhe und Gefahr prägen die Lektüre. Szenen werden durch klare Topografie verankert; Wege, Flüsse, Pässe und Ebenen schaffen Orientierung und Symbolik. Wiedererkennbare Erzählmuster – Reisebeginn, Begegnung, Prüfung, Bewährung – werden variantenreich durchgespielt. Gleichzeitig sorgen humorvolle Momente, höfliche Formen der Anrede und ritualisierte Gesten für Tonalität und Charakterzeichnung, ohne die Ernsthaftigkeit der Konflikte zu unterlaufen.
Die Figur Winnetous erscheint als ideal gezeichnete Instanz von Würde, Klugheit und Maß, die den Dialog über Differenzen ermöglicht. Old Surehand steht als erfahrener, eigenständiger Westmann für Präzision, Beharrlichkeit und innere Sammlung. Um sie herum formt sich ein Ensemble von Begleitern, Gegnern und Übergangsfiguren, das von Loyalität und Bewährung bis zu Täuschung und Umkehr ein Spektrum menschlicher Haltungen präsentiert. Diese Figuren sind weniger psychologisch vertieft als archetypisch profiliert; gerade dadurch gewinnen sie erzählerische Strahlkraft und ermöglichen eine klare ethische Orientierung innerhalb der Handlungen.
Die Bände sind durch wiederkehrende Motive verbunden: Weggemeinschaften am Lagerfeuer, Verhandlungen über Grenzen hinweg, Spurenlesen als Kunst der Wahrnehmung, sowie das leise Umschlagen von Misstrauen in Vertrauen. Zwischen den Zyklen lassen sich Korrespondenzen erkennen, die den Eindruck eines größeren Erzählbogens stützen. Die Sammlung begünstigt ein Lesen, das solche Querbezüge sichtbar macht, ohne eine zwingende Reihenfolge vorzuschreiben. Wer chronologisch innerhalb eines Zyklus voranschreitet, erlebt eine stetige Verdichtung; wer wechselseitig liest, entdeckt thematische Spiegelungen und motivische Resonanzen.
Die Romane spiegeln zugleich das zeitgenössische Wissen und die Vorstellungswelt ihres Entstehungskontextes. Aus heutiger Perspektive lädt das zur reflektierten Lektüre ein: Darstellungen des „Westens“ und indigener Völker folgen literarischen Konventionen und populären Mustern ihrer Zeit. Die Sammlung versteht sich deshalb auch als Angebot, historische Lesarten wahrzunehmen, Begriffe zu prüfen und Unterschiede zwischen poetischer Konstruktion und Wirklichkeit zu bedenken. In diesem Spannungsfeld gewinnt das Werk zusätzliche Relevanz als Quelle kultureller Imagination und als Anlass für kritische Gespräche über Perspektiven und Zuschreibungen.
Die anhaltende Bedeutung der Texte gründet in ihrer besonderen Verbindung von Erzählspannung, landschaftlicher Imagination und moralischem Diskurs. Sie haben Generationen von Leserinnen und Lesern eine Welt eröffnet, in der Abenteuer zu einem Nachdenken über Haltung, Maß und Verantwortung führt. Zugleich wirken die Figuren als Identifikationsangebote: Standhaftigkeit ohne Härte, Stärke ohne Überheblichkeit, Klugheit ohne Zynismus. Die Popularität des Stoffs zeigt, dass hier mehr verhandelt wird als Reise und Gefahr: Es geht um die Möglichkeit, trotz Unterschiedlichkeit gemeinsame Grundlagen zu finden.
Die editorische Anlage dieser Ausgabe orientiert sich an Übersichtlichkeit und Zusammenhang. Der Winnetou-Komplex wird durch den ergänzenden Titel „Winnetou der Rote Gentleman“ sowie die vier Bände „Winnetou I–IV“ repräsentiert. Die „Old Surehand“-Erzählung erscheint geschlossen in den drei Bänden „Old Surehand I–III“. Diese Struktur erleichtert den Zugang und ermöglicht gezieltes, themenbezogenes Lesen, ohne die Gesamtsicht zu verlieren. Gleichzeitig bleibt der Charakter der einzelnen Romane als eigenständige Lektüren gewahrt, die jeweils eine vollständige, in sich sinnvolle Erzählbewegung entfalten.
Mit „Winnetou & Old Surehand“ liegt eine Sammlung vor, die Abenteuerlust und Besinnung vereint. Sie öffnet den Blick auf ein erzählerisches Universum, das durch Landschaft, Begegnung und Prüfung geprägt ist, und lädt dazu ein, Verbindendes ebenso zu erkennen wie Unterschiede in Ton und Akzent. Wer sich auf diese Lesereise einlässt, wird nicht nur Handlung und Figuren erleben, sondern auch Fragen nach Recht, Maß und Verantwortung mitnehmen. So erschließt die Ausgabe die anhaltende Faszination eines Werks, das die Vorstellungskraft weckt und zugleich zum Nachdenken über Werte und Perspektiven anregt.
Karl May (1842–1912) gilt als einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Erzähler des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Seine Abenteuerromane prägten das Bild des amerikanischen Westens und des „Wilden“ in der bürgerlichen Lesekultur, obwohl sie überwiegend am Schreibtisch entstanden. Zentral sind die in mehreren Bänden erschienenen Winnetou-Erzählungen sowie die Old-Surehand-Romane. Mit erzählerischer Spannung, moralischer Ausrichtung und klaren Figurenkontrasten erreichte May Generationen von Leserinnen und Lesern. Die in dieser Sammlung versammelten Titel – darunter Winnetou I–IV und die Old Surehand-Trilogie – stehen exemplarisch für seinen nachhaltigen Beitrag zur populären Unterhaltungsliteratur. Sie bündelt prägende Motive und Figuren seiner Westernwelt.
May wuchs in Sachsen auf und erhielt eine Lehrerausbildung, bevor er sich der Schriftstellerei zuwandte. Früh beschäftigte er sich intensiv mit populären Reiseberichten, ethnografischen Beschreibungen und zeitgenössischen Abenteuertexten, die sein Vorstellungsspektrum erweiterten. Er schrieb zunächst für Zeitschriften und Verlage der Unterhaltungsliteratur, oft in Fortsetzungen, was sein Gespür für Rhythmus und Spannungsbögen schärfte. Sprachliche Selbstbildung, ausgedehnte Lektüre und sorgfältige Stoffsammlungen prägten sein Handwerk stärker als persönliche Reiserfahrung. Diese Mischung aus Recherche, Imagination und strenger Komposition wurde zum Markenzeichen seiner Erzählweise, auf die er später in den Zyklen um Winnetou und Old Surehand zurückgriff.
Mit dem Erscheinen der Winnetou-Bände erreichte May eine bis dahin unerreichte Popularität. Winnetou I legte Grundmotive von Freundschaft, Gerechtigkeit und interkultureller Verständigung an, die sich in Winnetou II, III und IV zu einem weit gespannten Westernkosmos verdichteten. Verschiedene Ausgaben fassten diesen Kernstoff später auch unter Titeln wie Winnetou der Rote Gentleman zusammen, was die anhaltende Nachfrage belegte. Parallel schärfte May sein Profil als Erzähler großer Fortsetzungsromane, deren Episoden sorgfältig orchestriert sind und auf dramatische Höhepunkte zulaufen. Das Publikum reagierte mit starker Bindung, und Verlage etablierten langlebige Reihen, die die Verbreitung seiner Werke beschleunigten.
Innerhalb dieses Erfolgs entfaltet May eine charakteristische Mischung aus Abenteuerhandlung, moralischer Unterweisung und humanitärem Impuls. Seine Westernstoffe setzen auf eindrückliche Landschaftsbilder, klare Konflikte und eine Ich-Perspektive, die Beobachtung, Urteil und Handlung verbindet. Wiederkehrend sind Versöhnungsgesten zwischen Kulturen und die Kritik an Raubgier, Rassismus und Willkür. In der Abfolge von Winnetou I bis Winnetou IV werden diese Leitideen immer stärker verflochten; auch die Auswahl der Nebenfiguren dient der ethischen Akzentuierung. Mays strategischer Einsatz von Rätseln, Verkleidungen und Enthüllungen hält die Spannung hoch und verbindet episodische Abenteuer mit übergreifenden Erzählbögen. So gewinnt die Serie Kontinuität ohne Einsteiger auszuschließen.
Die Old Surehand-Trilogie erweitert diesen Kosmos um einen weiteren, markant gezeichneten Protagonisten und einen komplexen Familien- und Identitätskonflikt. Old Surehand I, II und III verknüpfen klassische Frontier-Motive mit Spuren- und Geheimniserzählungen, die in Etappen zur Aufklärung drängen, ohne den Reiz des Ungewissen vorschnell aufzulösen. In dramaturgischer Hinsicht bilden die drei Bände einen Bogen, der Einzelabenteuer zulässt und zugleich auf eine größere, innere Ordnung verweist. Damit schärfte May die psychologische Dimension seiner Western noch einmal und bot eine Variation des Erfolgsprinzips, das bereits die Winnetou-Romane getragen hatte. Die Trilogie festigte seinen Rang als Meister langfristiger Spannungsführung.
Später wandte sich May verstärkt einer ausformulierten Friedensidee und humanitärer Verständigung zu, die auch in seinen Western mitschwingt. Reisen unternahm er vergleichsweise spät, was die Leistung seiner phantasiegegründeten Weltbildung umso bemerkenswerter macht. Öffentliche Auftritte und Lesungen trugen zu seiner Sichtbarkeit bei, zugleich sah er sich Diskussionen über Realitätsgehalt und künstlerische Freiheit ausgesetzt. Gleichwohl bekräftigte er den sittlichen Anspruch seines Erzählens und die Absicht, Vorurteile abzubauen. Diese Haltung wird im Ton vieler Szenen der Winnetou-Bände und der Old Surehand-Trilogie greifbar, die auf Verständigung, Rechtssinn und Selbstbeherrschung als übergeordnete Werte zielen. Dabei blieb er einem breiten Lesepublikum verpflichtet.
Karl Mays spätere Jahre endeten vor dem Ersten Weltkrieg; sein Werk wirkte jedoch weit über seinen Tod hinaus. Die Winnetou-Romane und die Old Surehand-Trilogie prägen bis heute populäre Vorstellungen vom Western im deutschsprachigen Raum. Neuauflagen, Lesungen und Bearbeitungen halten die Figuren präsent, während Forschung und Leserschaft seine Erzählstrategien und weltanschaulichen Akzente unterschiedlich bewerten. Ungeachtet wechselnder Moden bleibt die Kombination aus Spannung, Idealismus und erzählerischer Ökonomie wirksam. Gerade die in dieser Sammlung versammelten Titel zeigen, wie May Themen von Freundschaft, Recht und Verantwortung in eingängige, episodisch verzweigte Handlungsbögen übersetzt. Ihr Resonanzraum reicht von Jugendlektüre bis zu kulturgeschichtlicher Debatte.
Karl May (1842–1912) schrieb den Großteil seiner Reiseerzählungen in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, während das Deutsche Kaiserreich politisch konsolidiert und gesellschaftlich tiefgreifend verändert wurde. Die in der Sammlung „Winnetou & Old Surehand“ versammelten Texte verorten sich erzählerisch im nordamerikanischen Westen des 19. Jahrhunderts, einer Epoche der Expansion, technischen Umwälzungen und gewaltsamen Konflikte. „Winnetou I–III“ erschienen in den 1890er Jahren in Buchform, nachdem zuvor Vorstufen in Zeitschriften publiziert worden waren. „Old Surehand I–III“ folgten im selben Jahrzehnt. „Winnetou IV“ und der Sammelbandtitel „Winnetou der Rote Gentleman“ sind redaktionelle bzw. verlegerische Nachordnungen des 20. Jahrhunderts.
Der historische Rahmen von Mays Autorschaft ist die wilhelminische Gesellschaft nach 1871. Nationalstaatliche Konsolidierung, rasche Industrialisierung, Urbanisierung und die Herausbildung einer Massenkultur veränderten die Lese- und Freizeitgewohnheiten. Ein expandierendes Bildungswesen und sinkende Buchpreise vergrößerten das Lesepublikum. Abenteuerromane boten eskapistische Räume und zugleich moralisch codierte Handlungsmuster. Mays Erzählungen stießen auf ein Publikum, das in einer hochdynamischen, von sozialer Frage, Arbeiterbewegung und konservativen Gegenkräften geprägten Zeit nach Orientierung suchte. Der ferne Westen wurde zu einer Projektionsfläche für Wertedebatten, die in der deutschen Gesellschaft intensiv geführt wurden.
Der Buch- und Zeitschriftenmarkt des späten 19. Jahrhunderts war von Serienformaten, Leihbibliotheken und Familienzeitschriften geprägt. Karl May nutzte diese Strukturen: Frühe Fassungen seiner Erzählungen kursierten in Periodika und Kolportageformaten, bevor der Freiburger Verleger Friedrich Ernst Fehsenfeld in den 1890er Jahren die Buchausgaben der „Gesammelten Reiseerzählungen“ etablierte. Die technische Basis bildeten Rotationsmaschinen, billiges Holzschliffpapier und verbesserte Distributionsnetze per Bahn. Dadurch wurden umfangreiche Abenteuerzyklen wie „Winnetou I–III“ und die „Old Surehand“-Trilogie einer breiten Leserschaft dauerhaft verfügbar.
Mays Texte standen in einer deutschsprachigen Traditionslinie des Amerika-Abenteuers. Bereits im 19. Jahrhundert hatten Reiseberichte und Romane von Autoren wie Friedrich Gerstäcker und Balduin Möllhausen deutsche Bilder vom Westen mitgeprägt, während James Fenimore Cooper durch Übersetzungen dauerhaft wirkte. Populärjournalistische Berichte, ethnografische Kompendien und Sensationsmeldungen aus den Grenzregionen bildeten ein Reservoir an Motiven. May griff solche Quellen auf, kombinierte sie mit moralischen Leitideen und ordnete sie in eine kontinuierliche Helden- und Freundschaftserzählung, die seine Zyklen über die 1890er Jahre hinaus kohärent erscheinen ließ.
Die erzählte Zeit der Winnetou- und Old-Surehand-Geschichten fällt in das lange 19. Jahrhundert der US-Expansion. Nach dem Bürgerkrieg beschleunigten Landerschließung, Homestead-Politik und die massive Einwanderung die Verlagerung der Siedlungsgrenze. Der Bau der transkontinentalen Eisenbahn (Vollendung einer ersten Verbindung 1869) und das Telegraphennetz transformierten Mobilität, Kommunikation und Gewaltregime im Westen. Diese Dynamiken bilden den historischen Hintergrund für wiederkehrende Motive wie Reise, Grenzkonflikt, Vermessung von Territorien und die Konfrontation von lokalen Rechtsvorstellungen mit bundesstaatlicher Ordnung.
Die Politik gegenüber indigenen Nationen prägte die Epoche. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etablierten die USA ein Reservatssystem, das mit Verträgen, deren Bruch und militärischer Gewalt einherging. Assimilationspolitik, Missionsarbeit und Gesetze wie der Dawes Act von 1887 zielten auf Landzerschneidung und kulturelle Eingliederung. Ereignisse wie das Massaker von Wounded Knee 1890 markierten Zäsuren. Deutsche Leser erfuhren davon über Zeitungen, populäre Sachtexte und Schauvorstellungen. Mays Darstellung indigener Figuren rezipiert und moralisiert solche Diskurse, ohne dokumentarischen Anspruch, und knüpft teils an europäische Stereotype vom „edlen“ oder „verfemten“ Anderen an.
Spektakelformen prägten die Vorstellungswelt: Buffalo Bills „Wild West“ tourte 1889–1892 und erneut 1905/06 durch Europa, mit Stationen im Deutschen Reich. Diese Shows veranschaulichten Eisenbahnüberfälle, Reiterkunst und inszenierte „Indianerkriege“ und erzeugten standardisierte Bilder vom Westen. Die massenmediale Präsenz solcher Formate wirkte auch auf die Lektürepraxis, indem sie visuelle Klischees bereitstellte, an die literarische Abenteuer anschließen konnten. Mays Leserschaft bewegte sich somit in einem transatlantischen Imaginationsraum, in dem Bühne, Presse und Buch sich gegenseitig verstärkten.
Transatlantische Migration verband Deutschland und die USA eng. Zwischen den 1840er Jahren und dem frühen 20. Jahrhundert wanderten Millionen Deutsche aus; viele erreichten Siedlungsgebiete im Mittleren Westen. Reiseberichte, Briefe und Heimaturlaube transportierten Erfahrungsfragmente zurück. Der Westen erschien als Raum sozialer Mobilität, aber auch als Terrain harter Arbeit und Konflikte. Diese Ambivalenz speiste die Faszination an Grenzsituationen, die in deutschen Abenteuerschriften bearbeitet wurden. Mays Romane trafen damit auf ein Publikum, das biografische oder familiäre Bezüge zur amerikanischen Realität kannte, auch wenn seine Schauplätze literarisch überhöht waren.
Zur Werkgenese gehört, dass May den nordamerikanischen Westen während der Niederschrift nicht bereist hatte. Er arbeitete mit Bibliotheksquellen, Karten, Presseberichten und Vorlagen aus Unterhaltungsliteratur. Erst 1908 unternahm er eine Reise in die Vereinigten Staaten, die nicht in die klassischen Schauplätze seiner Western führte. Diese Distanz führte früh zu Debatten über Authentizität, doch sie minderte die Popularität nicht. Vielmehr erlaubte die Mischung aus vermeintlich dokumentarischem Ton und moralischer Tendenz eine Art exemplarisches Abenteuer, das über exakte Topografie hinaus als charakterliche Bewährungsgeschichte verstanden werden konnte.
Die „Old Surehand“-Trilogie entstand in der Mitte der 1890er Jahre und nutzt technische und soziale Parameter der Epoche: Das dichter werdende Bahnnetz, Telegrafie und der verbreitete Einsatz von Repetierbüchsen, Revolvern und Jagdgewehren strukturierten Mobilität, Gefahr und Macht im Westen. In populären Texten wurden Waffen- und Fährtenlesefähigkeiten als Tugenden einer Grenzgesellschaft herausgestellt. Mays Darstellung dieser Aspekte folgt zeitgenössischen Mustern der Abenteuerliteratur. Sie integriert technisches Wissen, das Lesern aus illustrierten Zeitschriften vertraut war, und bindet es an leitende Vorstellungen von Selbstdisziplin, Gerechtigkeit und Verantwortung.
Ein starkes ethisches Moment speist sich aus religiösen und humanitären Diskursen im deutschsprachigen Raum. Protestantische Frömmigkeitskulturen, bürgerliche Wohltätigkeit und pazifistische Stimmen um 1900 lieferten ein Vokabular der Versöhnung und Selbstveredelung, das May aufgriff. In seinen späten öffentlichen Äußerungen, darunter eine 1912 in Wien gehaltene Friedensrede, betonte er Gewaltüberwindung und Menschlichkeit. Diese Akzente resonieren mit Lesarten, die die Winnetou- und Old-Surehand-Stoffe als Plädoyer für Verständigung interpretieren, auch wenn die narrative Ausgestaltung der 1890er Jahre konventionelle Spannungstechniken der Unterhaltungsliteratur nutzt.
Die Debatte um Kolonialismus im Kaiserreich bildete einen weiteren Resonanzraum. Seit den 1880er Jahren legitimierten politische und publizistische Kreise deutsche Kolonialpolitik mit Zivilisierungsargumenten. Zwar spielen Mays Erzählungen nicht in deutschen Kolonialräumen, doch die Projektion auf den US‑Westen erlaubte das Durchspielen von Fragen nach Recht, Gewalt und kulturellem Umgang mit „Fremden“. Das Abenteuer wurde so zu einem Ort indirekter Stellungnahme, an dem expansive Moderne und moralischer Anspruch miteinander rangen und das Publikum Haltungen zur globalen Ordnung der Zeit einüben konnte.
Die Popularität der Sammlung erklärt sich auch aus der Medienpädagogik und Lesekultur der Zeit. Jugend- und Volksbildungseinrichtungen debattierten über „gute“ und „schlechte“ Lektüre. Reformpädagogen kritisierten sensationelle Stoffe, während Leser und Verleger auf den sittlichen Kern und die sprachliche Zugänglichkeit verwiesen. Mays Bücher kursierten in Leihbibliotheken, Vereinsbibliotheken und privaten Sammlungen; Lesungen und Vorabdrucke steigerten die Sichtbarkeit. So bildete sich eine breite Rezeptionsbasis, in der Abenteuer als moralisch vertretbare Unterhaltung für Familien und Jugendliche gelten konnten, trotz wiederkehrender kulturkritischer Einwände.
Die Editions- und Verlagsgeschichte beeinflusste die Gestalt der Sammlung nachhaltig. Zwischen Zeitschriftenfassungen und Buchausgaben kam es zu Überarbeitungen, Straffungen und Umstellungen. Der Fehsenfeld‑Verlag etablierte die maßgeblichen Buchfassungen der 1890er Jahre; der spätere Karl-May-Verlag ordnete das Werk im 20. Jahrhundert neu und bündelte Stoffe unter eingängigen Reihentiteln. „Winnetou IV“ entstand als spätere Ergänzungskonfiguration; der Bandtitel „Winnetou der Rote Gentleman“ fungiert in Verlagsreihen als Sammelbezeichnung. Seit dem späten 20. Jahrhundert bemühen sich historisch‑kritische Ausgaben um Dokumentation der Textstufen und Quellen.
Die Rezeption überdauerte politische Systeme. In der Weimarer Republik blieben die Bücher verbreitet; nach 1945 trugen Neuauflagen in beiden deutschen Staaten zur Kanonisierung populärer Abenteuerliteratur bei. Ab den 1950er Jahren etablierten sich Freilichtspiele, die die Stoffe in sommerliche Festspielkultur überführten. In den 1960er Jahren folgten erfolgreiche Filmadaptionen, die das Bild der Figuren visuell prägten und internationale Darsteller zu Identifikationsfiguren machten. Diese Medienkonjunkturen stabilisierten die Präsenz der Motive im kollektiven Gedächtnis weit über den ursprünglichen literarischen Kontext hinaus.
Wissenschaftliche Auseinandersetzung seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts problematisierte zugleich Stereotypisierungen. Postkoloniale und kulturwissenschaftliche Ansätze analysierten das „Indianerbild“ als europäische Projektion, in Deutschland teils als „Indianthusiasm“ bezeichnet. Kritisch diskutiert werden Essenzialisierungen, Eurozentrik und die romantisierende Überhöhung. Neuere Ausgaben und pädagogische Vermittlungen versuchen, historische Hintergründe und Perspektiven indigener Stimmen einzubeziehen, ohne den Werkcharakter nachträglich zu verfälschen. So entstand eine doppelte Lektüre: als Zeitdokument der Unterhaltungsmoderne und als Anlass zur Reflexion über Repräsentation und Macht.
Die Sammlung „Winnetou & Old Surehand“ kommentiert ihre Entstehungszeit, indem sie Technikglaube, Rechtsvorstellungen und moralische Selbstbilder des späten 19. Jahrhunderts bündelt. Sie reagiert auf Urbanisierungsängste mit der Utopie eines geregelten Grenzraums, in dem Charakter, Freundschaft und Verständigung zählen. Zugleich transformiert sie reale Konflikte der US‑Expansion in exemplarische Bewährungsdramen, die deutschen Lesern Orientierung boten. Spätere Deutungen verschoben den Akzent: vom Abenteuer zur Erinnerungskultur, vom Eskapismus zur Auseinandersetzung mit kolonialen Blicken. In dieser Spannung liegt die dauerhafte kulturhistorische Relevanz der hier versammelten Werke und Bearbeitungen.
Erzählungen und Episoden stellen Winnetou als roten Gentleman vor, einen edelmütigen Anführer, der zwischen Kulturen vermittelt. Gemeinsam mit Old Shatterhand begegnet er Konflikten im Westen mit Besonnenheit und strenger Ehrenethik; im Mittelpunkt stehen Würde, Gerechtigkeit und die Möglichkeit der Verständigung. Der Ton ist idealistisch und moralisch akzentuiert, mit Landschaftsschilderungen und ruhigen, dialoggeprägten Szenen.
Die drei Bände zeichnen die Entstehung und Vertiefung der Freundschaft zwischen dem Erzähler Old Shatterhand und dem Apachenhäuptling Winnetou nach. Auf Reisen durch Prärien, Gebirge und Grenzstädte bestehen sie Kämpfe gegen Banditen und skrupellose Glücksritter und ringen zugleich mit Missverständnissen zwischen Siedlern und Indigenen. Die Dramaturgie steigert sich von Initiation und Bewährung zu existenziellen Prüfungen; der Ton verbindet Abenteuer-Spannung mit moralischer Reflexion und einem Appell an Humanität.
Die spätere Fortführung blickt selbstreflexiv auf die früheren Ereignisse und auf die Gestalt Winnetous zurück. Stärker symbolisch und versöhnlich gefärbt, betont sie innere Wandlung, Frieden und die Kraft der Erinnerung über den reinen Abenteuerton hinaus. Die Erzählhaltung ist nachdenklicher und legt mehr Gewicht auf Sinnbilder und Versöhnung als auf Konfrontation.
Im Zentrum steht der geheimnisvolle Schütze Old Surehand, dessen verschlungene Lebensgeschichte nach Herkunft, Verlust und Identität fragt. Gemeinsam mit Winnetou und Old Shatterhand führt die Suche nach Wahrheit durch Prärien, Canyons und Grenzorte, konfrontiert mit Fehden, Irrtümern und Täuschungen. Ton und Aufbau mischen Detektivspannung, melodramatische Enthüllungen und actionreiche Episoden, immer wieder aufgehellt durch humorvolle Nebenfiguren.
Immer wiederkehrend sind Freundschaft über kulturelle Grenzen hinweg, ein Ehrenkodex, der Gewalt begrenzt, sowie Kritik an Habgier, Vorurteilen und Willkür. Die Erzählungen nutzen eine Ich-Perspektive mit heroischer Aura, weite Landschaftsbilder als moralische Bühne und eine Komposition, die Zufälle, Wiedererkennungen und Prüfungen rhythmisch verknüpft. Im Verlauf verschiebt sich der Akzent von reiner Abenteuerlust zu stärkerer Besinnung und Friedensethik, ohne die Sogwirkung des Western-Settings zu verlieren.
Inhaltsverzeichnis
Immer fällt mir, wenn ich an den Indianer denke, der Türke ein; dies hat, so sonderbar es erscheinen mag, doch seine Berechtigung. Mag es zwischen beiden noch so wenig Punkte des Vergleichs geben, sie sind einander ähnlich in dem einen, daß man mit ihnen, allerdings mit dem Einen weniger als mit dem Andern, abgeschlossen hat: Man spricht von dem Türken kaum anders als von dem “kranken Mann”, während Jeder, der die Verhältnisse kennt, den Indianer als den “sterbenden Mann” bezeichnen muß.
Ja, die rote Nation liegt im Sterben! Vom Feuerlande bis weit über die nordamerikanischen Seen hinauf liegt der riesige Patient ausgestreckt, niedergeworfen von einem unerbittlichen Schicksale, welches kein Erbarmen kennt. Er hat sich mit allen Kräften gegen dasselbe gesträubt, doch vergeblich; seine Kräfte sind mehr und mehr geschwunden; er hat nur noch wenige Atemzüge zu tun, und die Zuckungen, die von Zeit zu Zeit seinen nackten Körper bewegen, sind die Konvulsionen, welche die Nähe des Todes verkündigen.
Ist er schuld an diesem seinem frühen Ende? Hat er es verdient?
Wenn es richtig ist, daß alles, was lebt, zum Leben berechtigt ist, und dies sich ebenso auf die Gesamtheit wie auf das Einzelwesen bezieht, so besitzt der Rote das Recht zu existieren, nicht weniger als der Weiße und darf wohl Anspruch erheben auf die Befugnis, sich in sozialer, in staatlicher Beziehung nach seiner Individualität zu entwickeln. Da behauptet man nun freilich, der Indianer besitze nicht die notwendigen staatenbildenden Eigenschaften. Ist das wahr? Ich sage: nein! will aber keine Behauptungen aufstellen, da es nicht meine Absicht ist, eine hierauf bezügliche gelehrte Abhandlung zu schreiben. Der Weiße fand Zeit, sich naturgemäß zu entwickeln; er hat sich nach und nach vom Jäger zum Hirten, von da zum Ackerbauer und Industriellen entwickelt; darüber sind viele Jahrhunderte vergangen; der Rote aber hat diese Zeit nicht gefunden, denn sie wurde ihm nicht gewährt. Er soll von der ersten und untersten Stufe, also als Jäger, einen Riesensprung nach der obersten machen, und man hat, als man dieses Verlangen an ihn stellte, nicht bedacht, daß er da zum Falle kommen und sich lebensgefährlich verletzen muß.
Es ist ein grausames Gesetz, daß der Schwächere dem Stärkeren weichen muß; aber da es durch die ganze Schöpfung geht und in der ganzen irdischen Natur Geltung hat, so müssen wir wohl annehmen, daß diese Grausamkeit entweder eine nur scheinbare oder einer christlichen Milderung fähig ist, weil die ewige Weisheit, welche dieses Gesetz gegeben hat, zugleich die ewige Liebe ist. Dürfen wir nun behaupten, daß in Beziehung auf die aussterbende indianische Rasse eine solche Milderung stattgefunden hat?
Es war nicht nur eine gastliche Aufnahme, sondern eine beinahe göttliche Verehrung, welche die ersten “Bleichgesichter” bei den Indsmen fanden. Welcher Lohn ist den Letzteren dafür geworden? Ganz unstreitig gehörte diesen das Land, welches sie bewohnten; es wurde ihnen genommen. Welche Ströme Blutes dabei geflossen und welche Grausamkeiten vorgekommen sind, das weiß ein Jeder, der die Geschichte der “berühmten” Conquistadores gelesen hat. Nach dem Vorbilde derselben ist dann später weiter verfahren worden. Der Weiße kam mit süßen Worten auf den Lippen, aber zugleich mit dem geschärften Messer im Gürtel und dem geladenen Gewehre in der Hand. Er versprach Liebe und Frieden und gab Haß und Blut. Der Rote mußte weichen, Schritt um Schritt, immer weiter zurück. Von Zeit zu Zeit gewährleistete man ihm “ewige” Rechte auf “sein” Territorium, jagte ihn aber schon nach kurzer Zeit wieder aus demselben hinaus, weiter, immer weiter. Man “kaufte” ihm das Land ab, bezahlte ihn aber entweder gar nicht oder mit wertlosen Tauschwaren, welche er nicht gebrauchen konnte. Aber das schleichende Gift des “Feuerwassers” brachte man ihm desto sorgfältiger bei, dazu die Blattern und andere, noch viel schlimmere und ekelhaftere Krankheiten, welche ganze Stämme lichteten und ganze Dörfer entvölkerten. Wollte der Rote sein gutes Recht geltend machen, so antwortete man ihm mit Pulver und Blei, und er mußte den überlegenen Waffen der Weißen wieder weichen. Darüber erbittert, rächte er sich nun an dem einzelnen Bleichgesichte, welches ihm begegnete, und die Folgen davon waren dann stets förmliche Massacres, welche unter den Roten angerichtet wurden. Dadurch ist er, ursprünglich ein stolzer, kühner, tapferer, wahrheitsliebender, aufrichtiger und seinen Freunden stets treuer Jägersmann, ein heimlich schleichender, mißtrauischer, lügnerischer Mensch geworden, ohne daß er dafür kann, denn nicht er, sondern der Weiße ist schuld daran.
Die wilden Mustangherden, aus deren Mitte er sich einst kühn sein Reitpferd holte, wo sind sie hingekommen? Wo sieht man die Büffel, welche ihn ernährten, als sie zu Millionen die Prairien bevölkerten? Wovon lebt er heut? Von dem Mehle und dem Fleische, welches man ihm liefert? Schau zu, wie viel Gips und andere schöne Dinge sich in diesem Mehl befinden; wer kann es genießen! Und werden einem Stamme einmal hundert “extra fette” Ochsen zugesprochen, so haben diese sich unterwegs in zwei oder drei alte, abgemagerte Kühe verwandelt, von welchen kaum ein Aasgeier einen Bissen herunterreißen kann. Oder soll der Rote vom Ackerbaue leben? Kann er auf seine Ernte rechnen, er, der Rechtslose, den man immer weiter verdrängt, dem man keine bleibende Stätte läßt?
Welch eine stolze, schöne Erscheinung war er früher, als er, von der Mähne seines Mustangs umweht, über die weite Savanne flog, und wie elend und verkommen sieht er jetzt aus in den Fetzen, welche nicht seine Blöße decken können! Er, der in überstrotzender Kraft einst dem schrecklichen grauen Bären mit den Fäusten zu Leibe ging, schleicht jetzt wie ein räudiger Hund in den Winkeln umher, um sich, hungrig, einen Fetzen Fleisch zu betteln oder zu stehlen!
Ja, er ist ein kranker Mann geworden, ein sterbender Mann, und wir stehen mitleidig an seinem elenden Lager, um ihm die Augen zuzudrücken. An einem Sterbebette zu stehen, ist eine ernste Sache, hundertfach ernst aber, wenn dieses Sterbebette dasjenige einer ganzen Rasse ist. Da steigen viele, viele Fragen auf, vor allem die: Was hätte diese Rasse leisten können, wenn man ihr Zeit und Raum gegönnt hätte, ihre inneren und äußeren Kräfte und Begabungen zu entwickeln? Welche eigenartige Kulturformen werden der Menschheit durch den Untergang dieser Nation verloren gehen? Dieser Sterbende ließ sich nicht assimilieren, weil er ein Charakter war; mußte er deshalb getötet, kann er nicht gerettet werden? Gestattet man dem Bison, damit er nicht aussterbe, ein Asyl da oben im Nationalpark von Montana und Wyoming, warum nicht auch dem einstigen, rechtmäßigen Herren des Landes einen Platz, an dem er sicher wohnen und geistig wachsen kann?
Aber was nützen solche Fragen angesichts des Todes, der nicht abzuwenden ist! Was können Vorwürfe helfen, wo überhaupt nicht mehr zu helfen ist! Ich kann nur klagen, aber nichts ändern; ich kann nur trauern, doch keinen Toten ins Leben zurückrufen. Ich? Ja, ich! Habe ich doch die Roten kennen gelernt während einer ganzen Reihe von vielen Jahren und unter ihnen einen, der hell, hoch und herrlich in meinem Herzen, in meinen Gedanken wohnt. Er, der beste, treueste und opferwilligste aller meiner Freunde, war ein echter Typus der Rasse, welcher er entstammte, und ganz so, wie sie untergeht, ist auch er untergegangen, ausgelöscht aus dem Leben durch die mörderische Kugel eines Feindes. Ich habe ihn geliebt wie keinen zweiten Menschen und liebe noch heut die hinsterbende Nation, deren edelster Sohn er gewesen ist. Ich hätte mein Leben dahingegeben, um ihm das seinige zu erhalten, so wie er dieses hundertmal für mich wagte. Dies war mir nicht vergönnt; er ist dahingegangen, indem er, wie immer, ein Retter seiner Freunde war; aber er soll nur körperlich gestorben sein und hier in diesen Blättern fortleben, wie er in meiner Seele lebt, er,Winnetou, der große Häuptling der Apachen. Ihm will ich hier das wohlverdiente Denkmal setzen, und wenn der Leser, welcher es mit seinem geistigen Auge schaut, dann ein gerechtes Urteil fällt über das Volk, dessen treues Einzelbild der Häuptling war, so bin ich reich belohnt.
Der Verfasser.
Lieber Leser, weißt du, was das Wort Greenhorn bedeutet? eine höchst ärgerliche und despektierliche Bezeichnung für denjenigen, auf welchen sie angewendet wird.
Green heißt grün, und unter horn ist Fühlhorn gemeint. Ein Greenhorn ist demnach ein Mensch, welcher noch grün, also neu und unerfahren im Lande ist und seine Fühlhörner behutsam ausstrecken muß, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen will, ausgelacht zu werden.
Ein Greenhorn ist ein Mensch, welcher nicht von seinem Stuhle aufsteht, wenn eine Lady sich auf denselben setzen will; welcher den Herrn des Hauses grüßt, ehe er der Mistreß und Miß seine Verbeugungen gemacht hat; welcher beim Laden des Gewehres die Patrone verkehrt in den Lauf schiebt oder erst den Propfen, dann die Kugel und zuletzt das Pulver in den Vorderlader stößt. Ein Greenhorn spricht entweder gar kein oder ein sehr reines und geziertes Englisch; ihm ist das Yankee-Englisch oder gar das Hinterwälder-Idiom ein Greuel; es will ihm nicht in den Kopf und noch viel weniger über die Zunge. Ein Greenhorn hält ein Racoon für ein Opossum und eine leidlich hübsche Mulattin für eine Quadroone. Ein Greenhorn raucht Cigaretten und verabscheut den tabakssaftspeienden Sir. Ein Greenhorn läuft, wenn er von Paddy eine Ohrfeige erhalten hat, mit seiner Klage zum Friedensrichter, anstatt, wie ein richtiger Yankee tun soll, den Kerl einfach und auf der Stelle niederzuschießen. Ein Greenhorn hält die Stapfen eines Turkey für eine Bärenfährte und eine schlanke Sportjacht für einen Mississippisteamer. Ein Greenhorn geniert sich, seine schmutzigen Stiefel auf die Kniee seines Mitpassagiers zu legen und seine Suppe mit dem Schnaufen eines verendenden Büffels hinabzuschlürfen. Ein Greenhorn schleppt der Reinlichkeit wegen einen Waschschwamm von der Größe eines Riesenkürbis und zehn Pfund Seife mit in die Prairie und steckt sich dazu einen Kompaß bei, welcher schon am dritten oder vierten Tag nach allen möglichen andern Richtungen, aber nie mehr nach Norden zeigt. Ein Greenhorn notiert sich achthundert Indianerausdrücke, und wenn er dem ersten Roten begegnet, so bemerkt er, daß er diese Notizen im letzten Couvert nach Hause geschickt und dafür den Brief aufgehoben hat. Ein Greenhorn kauft Schießpulver, und wenn er den ersten Schuß tun will, erkennt er, daß man ihm gemahlene Holzkohle gegeben hat. Ein Greenhorn hat zehn Jahre lang Astronomie studiert, kann aber ebenso lang den gestirnten Himmel angucken, ohne zu wissen, wie viel Uhr es ist. Ein Greenhorn steckt das Bowiemesser so in den Gürtel, daß er, wenn er sich bückt, sich die Klinge in den Schenkel sticht. Ein Greenhorn macht im wilden Westen ein so starkes Lagerfeuer, daß es baumhoch emporlodert, und wundert sich dann, wenn er von den Indianern entdeckt und erschossen worden ist, darüber, daß sie ihn haben finden können. Ein Greenhorn ist eben ein Greenhorn und ein solches Greenhorn war damals auch ich.
Aber man denke ja nicht etwa, daß ich die Überzeugung oder auch nur die Ahnung gehabt hätte, daß diese kränkende Bezeichnung auf mich passe! O nein, denn es ist ja eben die hervorragendste Eigentümlichkeit jedes Greenhorns, eher alle andern Menschen, aber nur nicht sich selbst für “grün” zu halten.
Ich glaubte ganz im Gegenteile, ein außerordentlich kluger und erfahrener Mensch zu sein; hatte ich doch, so was man zu sagen pflegt, studiert und nie vor einem Examen Angst gehabt! Daß dann das Leben die eigentliche und richtige Hochschule ist, deren Schüler täglich und stündlich geprüft werden und vor der Vorsehung zu bestehen haben, daran wollte mein jugendlicher Sinn damals nicht denken. Unerquickliche Verhältnisse in der Heimat und ein, ich möchte sagen, angeborener Tatendrang hatten mich über den Ozean nach den Vereinigten Staaten getrieben, wo die Bedingungen für das Fortkommen eines strebsamen jungen Menschen damals weit bessere und günstigere waren als heutzutage. Ich hätte in den Oststaaten recht wohl ein gutes Unterkommen gefunden, aber es trieb mich nach dem Westen. Bald auf diese und bald auf jene Weise für kurze Zeit tätig, verdiente ich mir so viel, daß ich, äußerlich wohl ausgerüstet und innerlich von frohem Mute erfüllt, in St. Louis ankam. Dort führte mich das Glück in eine deutsche Familie, in welcher ich einen einstweiligen Unterschlupf als Hauslehrer fand. In dieser Familie verkehrte Mr. Henry, ein Original und Büchsenmacher, welcher sein Handwerk mit der Hingebung eines Künstlers betrieb und sich mit altväterischem Stolze Mr. Henry, the Gunsmith nannte.
Dieser Mann war ein außerordentlicher Menschenfreund, obgleich er das Gegenteil zu sein schien, da er außer der erwähnten Familie mit keinem Menschen verkehrte und selbst seine Kunden so kurz und schroff behandelte, daß sie nur der Güte seiner Ware wegen zu ihm kamen. Er hatte seine Frau und Kinder durch ein grausiges Ereignis verloren, über welches er nie sprach, doch vermutete ich infolge einiger seiner Äußerungen, daß sie bei einem Überfalle ermordet worden waren. Das hatte ihn äußerlich rauh gemacht; er wußte es vielleicht gar nicht, daß er eigentlich ein perfekter Grobian war; der Kern aber war mild und gut, und ich habe oft sein Auge feucht gesehen, wenn ich von der Heimat und den Meinen erzählte, an denen ich mit ganzem Herzen hing und auch heut noch hänge.
Warum er, der alte Mann, grad für mich, den jungen, fremden Menschen, eine solche Vorliebe zeigte, das wußte ich nicht, bis er es mir einmal sagte. Seit ich da war, kam er öfters als vorher, hörte dem Unterrichte zu, nahm mich, wenn dieser beendet war, für sich in Beschlag und lud mich schließlich sogar ein, ihn zu besuchen. Ein solcher Vorzug war noch keinem Andern zu teil geworden, und ich hütete mich daher, die mir gewordene Erlaubnis auszubeuten. Diese Zurückhaltung schien ihm aber keineswegs lieb zu sein; ich erinnere mich noch heut des zornigen Gesichtes, welches er mir eines Abends, als ich zu ihm kam, zeigte, und des Tones, in welchem er mich empfing, ohne auf mein “good evening” zu antworten:
»Wo habt Ihr denn gestern gesteckt, Sir?«
»Zu Hause.«
»Und vorgestern?«
»Auch zu Hause.«
»Macht mir doch nichts weis!«
»Es ist wahr, Mr. Henry.«
»Pshaw! Solche grüne Vögel, wie Ihr einer seid, bleiben nicht im Neste hocken; die stecken die Schnäbel überall hin, nur da nicht, wo sie hingehören!«
»Und wo gehöre ich hin, wenn es Euch beliebt, es mir zu sagen?«
»Hierher zu mir, verstanden! Habe Euch schon lange einmal nach etwas fragen wollen.«
»Warum habt Ihr es nicht getan?«
»Weil ich nicht wollte. Hört Ihr es?«
»Und wann wollt Ihr denn?«
»Heute vielleicht.«
»So fragt getrost nur zu,« forderte ich ihn auf, indem ich mich hoch auf die Schraubenbank setzte, an welcher er arbeitete.
Er sah mir ganz verwundert in das Gesicht, schüttelte mißbilligend den Kopf und rief aus:
»Getrost! Als ob ich so ein Greenhorn, wie Ihr seid, erst um Erlaubnis fragen müßte, wenn ich mit ihm reden will!«
»Greenhorn?« antwortete ich, die Stirn in Falten ziehend, denn ich fühlte mich bedeutend verletzt. »Ich will annehmen, Mr. Henry, daß dieses Wort Euch ohne Absicht und nur so herausgefahren ist!«
»Bildet Euch doch nichts ein, Sir! Ich habe mit vollem Bedacht gesprochen; Ihr seid ein Greenhorn, und was für eins! Den Inhalt Eurer Bücher habt Ihr gut im Kopfe, das ist wahr. Es ist ganz erstaunlich, was ihr Leute da drüben lernen müßt! Dieser junge Mensch weiß genau, wie weit die Sterne von hier entfernt sind, was der König Nebukadnezar auf Ziegelsteine geschrieben hat und wie schwer die Luft wiegt, die er doch nicht sehen kann! Und weil er dies weiß, bildet er sich ein, ein gescheiter Kerl zu sein! Aber steckt die Nase ins Leben, versteht Ihr mich, so ungefähr fünfzig Jahre ins Leben hinein; dann werdet Ihr, aber auch nur vielleicht, erfahren, worin die richtige Klugheit besteht! Was Ihr bis jetzt wißt, ist nichts ist gar nichts. Und was Ihr bis jetzt könnt, ist noch viel weniger. Ihr könnt ja nicht einmal schießen!«
Er sagte dies in einem außerordentlich verächtlichen Tone und mit einer solchen Bestimmtheit, als ob er seiner Sache förmlich sicher sei.
»Nicht schießen? Hm!« antwortete ich lächelnd. »Ist dies vielleicht die Frage, welche Ihr mir vorlegen wolltet?«
»Ja, die ist es. Nun antwortet doch einmal!«
»Gebt mir ein gutes Gewehr in die Hand, so will ich antworten, eher nicht.«
Da legte er den Büchsenlauf, an welchem er schraubte, weg, stand auf, trat nahe an mich heran, fixierte mich mit verwunderten Augen und rief aus:
»Ein Gewehr in die Hand, Sir? Wird mir nicht einfallen, ganz und gar nicht! Meine Gewehre kommen nur in solche Hände, in denen ich mit ihnen Ehre einlegen kann!«
»Solche hab ich,« nickte ich ihm zu.
Er sah mich noch einmal, und zwar von der Seite an, setzte sich wieder nieder, begann wieder an dem Laufe zu arbeiten und brummte vor sich hin:
»So ein Greenhorn! Könnte mich wirklich wild machen mit seiner Dreistigkeit!«
Ich ließ ihn gewähren, denn ich kannte ihn, zog eine Zigarre hervor und brannte sie an. Dann blieb es wohl eine Viertelstunde lang still zwischen uns. Länger aber konnte er es nicht aushalten; er hielt den Lauf gegen das Licht, sah hindurch und bemerkte dabei:
»Schießen ist nämlich schwerer als nach den Sternen gucken oder alte Ziegelsteine von Nebukadnezar lesen. Verstanden? Habt Ihr denn jemals ein Gewehr in der Hand gehabt?«
»Ich denke.«
»Wann?«
»Schon längst und oft.«
»Auch angelegt und abgedrückt?«
»Ja.«
»Und getroffen?«
»Natürlich!«
Da ließ er den Lauf, den er geprüft hatte, rasch sinken, sah mich wieder an und meinte:
»Ja, getroffen, natürlich, aber was?«
»Das Ziel, ganz selbstverständlich.«
»Was? Wollt Ihr mir das im Ernste aufbinden?«
»Behaupten, aber nicht aufbinden; es ist wahr.«
»Hol Euch der Teufel, Sir! Aus Euch wird man nicht klug. Ich bin überzeugt, daß Ihr an einer Mauer vorbeischießen würdet, und wenn sie zwanzig Ellen hoch und fünfzig Ellen lang wäre, und doch macht Ihr bei Eurer Behauptung ein so ernstes und zuversichtliches Gesicht, daß einem darüber die Galle überlaufen könnte. Ich bin kein Knabe, dem Ihr Stunde gebt, verstanden! So ein Greenhorn und Bücherwurm, wie Ihr seid, will schießen können! Hat sogar in türkischen, arabischen und andern dummen Scharteken herumgestöbert und will dabei Zeit zum Schießen gefunden haben! Nehmt doch einmal das alte Gun da hinten vom Nagel, und legt es an, als ob Ihr zielen wolltet! Es ist ein Bärentöter, der beste, den ich jemals in den Händen gehabt habe.«
Ich ging hin, langte die Büchse herab und legte sie an.
»Halloo!« rief er aus, indem er aufsprang. »Was ist denn das? Ihr geht ja mit diesem Gun wie mit einem leichten Spazierstocke um, und doch ist es das schwerste Gewehr, welches ich kenne! Besitzt Ihr denn eine solche Körperkraft?«
Anstatt der Antwort nahm ich ihn unten bei der zugeknöpften Jacke und bei dem Hosenbund und hob ihn mit dem rechten Arm empor.
»Thunder-storm!« schrie er auf. »Laßt mich los! Ihr seid ja noch weit kräftiger als mein Bill.«
»Euer Bill? Wer ist das?«
»Er war mein Sohn, der lassen wir das! Er ist tot, wie die Andern auch. Er versprach, ein tüchtiger Kerl zu werden, wurde aber während meiner Abwesenheit mit ihnen ausgelöscht. Ihr seid ihm ähnlich von Gestalt, habt beinahe dieselben Augen und auch denselben Zug um den Mund; darum bin ich Euch na, das geht Euch ja doch nichts an!«
Der Ausdruck tiefer Trauer hatte sich über sein Gesicht gebreitet; er fuhr mit der Hand über dasselbe und fuhr dann in munterem Tone fort:
»Aber, Sir, bei Eurer Muskelkraft ist es wirklich jammerschade, daß Ihr Euch so auf die Bücher geworfen habt. Hättet Euch körperlich üben sollen!«
»Habe ich auch.«
»Wirklich?«
»Ja.«
»Boxen?«
»Wird drüben bei uns nicht getrieben. Aber im Turnen und Ringen mache ich mit.«
»Reiten?«
»Ja.«
»Fechten?«
»Habe ich Unterricht erteilt.«
»Mann, schneidet nicht auf!«
»Wollt Ihr es versuchen?«
»Danke; habe genug von vorhin! Muß überhaupt arbeiten. Setzt Euch wieder nieder!«
Er kehrte zu seiner Schraubenbank zurück, und ich tat dasselbe. Die nun folgende Unterhaltung war eine höchst einsilbige; Henry schien sich in Gedanken mit irgend etwas Wichtigem zu beschäftigen. Plötzlich sah er von der Arbeit auf und fragte:
»Habt Ihr Mathematik getrieben?«
»War eine meiner Lieblingswissenschaften.«
»Arithmetik, Geometrie?«
»Natürlich.«
»Feldmesserei?«
»Sogar außerordentlich gern. Bin sehr oft, ohne daß ich es notwendig hatte, mit dem Theodolit draußen herumgelaufen.«
»Und könnt messen, wirklich messen?«
»Ja. Ich habe mich sowohl an Horizontal-, als auch an Höhenmessungen oft beteiligt, obgleich ich nicht behaupten will, daß ich mich als ausgelernten Geodäten betrachte.«
»Well sehr gut, sehr gut!«
»Warum fragt Ihr danach, Mr. Henry?«
»Weil ich eine Ursache dazu habe. Verstanden! Braucht es jetzt nicht zu wissen; werdet es schon noch erfahren. Muß vorher wissen hm, ja, muß vorher wissen, ob Ihr schießen könnt.«
»So stellt mich auf die Probe!«
»Werde es auch tun; ja, werde es tun; darauf könnt Ihr Euch verlassen. Wann beginnt Ihr morgen früh den Unterricht?«
»Um acht Uhr.«
»So kommt um sechs zu mir. Wollen hinauf auf den Schießstand gehen, wo ich meine Gewehre einschieße.«
»Warum so früh?«
»Weil ich nicht länger warten will. Bin ganz begierig darauf, Euch zu zeigen, daß Ihr ein Greenhorn seid. Jetzt genug davon, habe Anderes zu tun, was weit, weit wichtiger ist.«
Er schien mit dem Gewehrlaufe fertig zu sein und nahm aus einem Kasten ein polygones Eisenstück, dessen Ecken er abzufeilen begann. Ich sah, daß jede Fläche desselben ein Loch hatte.
Er war mit solcher Aufmerksamkeit bei dieser Arbeit, daß er meine Gegenwart ganz vergessen zu haben schien. Seine Augen funkelten, und wenn er sein Werk von Zeit zu Zeit betrachtete, so sah ich, daß es, ich möchte beinahe sagen, mit einem Ausdrucke von Liebe geschah. Dieses Eisenstück mußte einen großen Wert für ihn haben. Ich war neugierig, zu erfahren, warum; darum fragte ich ihn:
»Soll das auch ein Gewehrteil werden, Mr. Henry?«
»Ja,« antwortete er, als ob er sich besinne, daß ich noch da sei.
»Aber ich kenne kein Gewehrsystem, das einen derartigen Teil besitzt.«
»Glaube es. Soll erst noch werden. Wird wohl System Henry werden.«
»Ah, eine neue Erfindung?«
»Yes.«
»Dann bitte ich um Entschuldigung, daß ich gefragt habe! Es ist natürlich Geheimnis.«
Er guckte eine längere Zeit in alle die Löcher hinein, drehte das Eisen nach verschiedenen Richtungen, hielt es einige Male an das hintere Ende des Laufes, den er vorhin fortgelegt hatte, und sagte endlich:
»Ja, es ist ein Geheimnis; aber ich traue Euch, denn ich weiß, daß Ihr Verschwiegenheit besitzt, obgleich Ihr ein ausgemachtes, richtiges Greenhorn seid; darum will ich Euch sagen, was es werden soll. Es wird ein Stutzen, ein Repetierstutzen mit fünfundzwanzig Schüssen.«
»Unmöglich!«
»Haltet Euren Schnabel! Ich bin nicht so dumm, mir etwas Unmögliches vorzunehmen.«
»Aber da müßtet Ihr doch Kammern zur Aufnahme der Munition für fünfundzwanzig Schüsse haben!«
»Habe ich auch!«
»Die würden aber so groß und unhandlich sein, daß sie genierten.«
»Nur eine Kammer; ist ganz handlich und geniert gar nicht. Dieses Eisen ist die Kammer.«
»Hm! Ich verstehe mich auf Euer Fach ja gar nicht; aber wie steht es mit der Hitze? Wird der Lauf zu heiß?«
»Fällt ihm nicht ein. Material und Behandlung des Laufes sind mein Geheimnis. Übrigens, ist es denn immer nötig, die fünfundzwanzig Schüsse alle gleich hintereinander abzugeben?«
»Schwerlich.«
»Also! Dieses Eisen wird eine Kugel, welche sich exzentrisch bewegt; fünfundzwanzig Löcher darin enthalten ebensoviele Patronen. Bei jedem Schusse rückt die Kugel weiter, die nächste Patrone an den Lauf. Habe mich lange Jahre mit dieser Idee getragen; wollte nicht gelingen; jetzt aber scheint es zu klappen. Habe schon jetzt als Gunsmith einen guten Namen, werde dann aber berühmt, sehr berühmt werden und viel, sehr viel Geld verdienen.«
»Und ein böses Gewissen dazu!«
Er sah mir eine Weile ganz erstaunt in das Gesicht und fragte dann:
»Ein böses Gewissen? Wie so?«
»Meint Ihr, daß ein Mörder kein böses Gewissen zu haben braucht?«
»Zounds! Wollt Ihr etwa sagen, daß ich ein Mörder bin?«
»Jetzt noch nicht.«
»Oder ein Mörder werde?«
»Ja, denn die Beihilfe zum Morde ist grad so schlimm wie der Mord selbst.«
»Hole Euch der Teufel! Ich werde mich hüten, Beihilfe zu einem Morde zu leisten.«
»Zu einem einzelnen freilich nicht, aber sogar zum Massenmorde.«
»Wie so? Ich verstehe Euch nicht.«
»Wenn Ihr ein Gewehr fertigt, welches fünfundzwanzigmal schießt, und es in die Hände jedes beliebigen Strolches gebt, so wird drüben auf den Prairien, in den Urwäldern und den Schluchten des Gebirges sich bald ein grausiges Morden erheben; man wird die armen Indianer niederschießen wie Cojoten, und in einigen Jahren wird es keinen Indsman mehr geben. Wollt Ihr das auf Euer Gewissen laden?«
Er starrte mich an und antwortete nicht.
»Und,« fuhr ich fort, »wenn jedermann dieses gefährliche Gewehr für Geld bekommen kann, so werdet Ihr allerdings in kurzer Zeit tausende absetzen, aber die Mustangs und die Büffel werden ausgerottet werden und mit ihnen jede Art von Wild, dessen Fleisch die Roten zum Leben brauchen. Es werden hundert und tausend Aasjäger sich mit Eurem Stutzen bewaffnen und nach dem Westen gehen. Das Blut von Menschen und Tieren wird in Strömen fließen, und sehr bald werden die Gegenden diesseits und jenseits der Felsenberge von jedem lebenden Wesen entvölkert sein.«
»‘sdeath!« rief er jetzt aus. »Seid Ihr wirklich erst vor kurzem aus Germany herübergekommen?«
»Ja.«
»Und vorher noch nie hier gewesen?«
»Nein.«
»Und im wilden Westen erst recht noch nicht?«
»Nein.«
»Also ein vollständiges Greenhorn. Und doch nimmt dieses Greenhorn den Mund so voll, als ob es der Urgroßvater aller Indianer wäre und schon seit tausend Jahren hier gelebt hätte und heute noch lebte! Männchen, bildet Euch ja nicht ein, mir warm zu machen! Und selbst wenn alles so wäre, wie Ihr sagt, so wird es mir niemals in den Sinn kommen, eine Gewehrfabrik anzulegen. Ich bin ein einsamer Mann und will einsam bleiben; ich habe keine Lust, mich mit hundert oder gar noch mehr Arbeitern herumzuärgern.«
»Aber Ihr könntet doch, um Geld zu verdienen, Patent auf Eure Erfindung nehmen und dies verkaufen?«
»Das wartet ruhig ab, Sir! Bis jetzt habe ich stets gehabt, was ich brauche, und ich denke, daß ich auch fernerhin und ohne Patent keine Not leiden werde. Und nun schert Euch für heut nach Hause! Ich habe keine Lust, einen Vogel piepen zu hören, der erst flügge werden muß, ehe er pfeifen oder singen kann.«
Es fiel mir gar nicht ein, ihm diese derben Ausdrücke übel zu nehmen; er war nun einmal so, und ich wußte recht gut, wie er es meinte. Er hatte mich liebgewonnen und war ganz gewiß gewillt, mir in jeder Beziehung, so weit er es vermochte, förderlich und dienlich zu sein. Ich gab ihm die Hand und ging, nachdem er mir dieselbe kräftig gedrückt und geschüttelt hatte.
Ich ahnte nicht, wie wichtig dieser Abend für mich werden sollte, und ebensowenig kam es mir in den Sinn, daß dieser schwere Bärentöter, den Henry ein altes Gun nannte, und der noch unfertige Henrystutzen in meinem späteren Leben eine so große Rolle spielen würden. Aber auf den nächsten Morgen freute ich mich, denn ich hatte wirklich schon viel und gut geschossen und war vollständig überzeugt, daß ich vor den Augen meines alten, sonderbaren Freundes gut bestehen würde.
Ich fand mich pünktlich morgens sechs Uhr bei ihm ein. Er wartete schon auf mich, gab mir die Hand und sagte, indem ein ironisches Lächeln über seine alten, guten, derben Züge glitt:
»Welkome [Welcome], Sir! Ihr macht doch ein recht siegesgewisses Gesicht? Meint Ihr, daß Ihr die Mauer, von der ich gestern abend sprach, treffen würdet?«
»Ich hoffe es.«
»Well, so wollen wir gleich sehen. Ich nehme ein leichteres Gewehr mit, und Ihr tragt den Bärentöter; ich mag mich mit so einer Last nicht schleppen.«
Er hing sich eine leichte, doppelläufige Rifle um, und ich nahm das “alte Gun”, welches er nicht tragen wollte. Auf seinem Schießstande angekommen, lud er beide Gewehre und tat zunächst aus der Rifle selbst zwei Schüsse. Dann kam ich an die Reihe mit dem Bärentöter. Ich kannte dieses Gewehr noch nicht und traf infolgedessen beim ersten Schusse nur grad den Rand des Schwarzen in der Scheibe; der zweite Schuß saß besser; der dritte nahm die genaue Mitte des Schwarzen, und die nächsten Kugeln gingen alle durch das Loch, welches die dritte durchgeschlagen hatte. Das Erstaunen Henrys wuchs von Schuß zu Schuß; ich mußte auch die Rifle probieren, und als dies ganz denselben Erfolg hatte, rief er schließlich aus:
»Entweder Ihr habt den Teufel, Sir, oder Ihr seid zum Westmann rein geboren. So habe ich noch kein Greenhorn schießen sehen!«
»Den Teufel habe ich nicht, Mr. Henry,« lachte ich. »Von einem solchen Bündnisse möchte ich nichts wissen.«
»So ist es Eure Aufgabe und sogar Eure Pflicht, Westmann zu werden. Habt Ihr keine Lust dazu?«
»Warum nicht!«
»Well, werden sehen, was sich aus dem Greenhorn machen läßt. Also reiten könnt Ihr auch?«
»Zur Not.«
»Zur Not? Hm! Also doch nicht so gut, wie Ihr schießt?«
»Pshaw! Was ist das Reiten weiter! Das Aufsteigen ist das Schwierigste. Wenn ich dann erst oben sitze, bringt mich wohl kein Pferd herunter.«
Er sah mich forschend an, ob ich im Ernste oder im Scherze gesprochen hatte; ich machte ein höchst unbefangenes Gesicht, und so meinte er:
»Denkt Ihr wirklich? Wollt Euch wohl an der Mähne anhalten? Da seid Ihr im Irrtum. Ihr habt ganz richtig gesagt: Das Hinaufkommen ist das Schwierigste, denn das muß man selber machen; das Herabkommen ist viel leichter: das besorgt der Gaul, und darum geht es viel, viel schneller.«
»Bei mir besorgt es der Gaul aber nicht!«
»So? Wollen sehen! Habt Ihr Lust, eine Probe zu zeigen?«
»Gern.«
»So kommt! Es ist erst sieben Uhr, und Ihr habt noch eine Stunde Zeit. Wir gehen zu Jim Korner, dem Pferdehändler; der hat einen Rotschimmel, der es Euch schon besorgen wird.«
Wir kehrten in die Stadt zurück und suchten den Pferdehändler auf, bei dem es einen weiten Reithof gab, welcher rings von Stallungen umgeben war. Korner kam selbst herbei und fragte nach unserm Begehr.
»Dieser junge Sir behauptet, daß ihn kein Pferd aus dem Sattel bringe,« antwortete Henry. »Was meint Ihr dazu, Mr. Korner? Wollt Ihr ihn einmal auf Euern Rotschimmel klettern lassen?«
Der Händler maß mich mit prüfendem Blicke, nickte dann befriedigt vor sich hin und antwortete:
»Das Knochengestell scheint gut und elastisch zu sein; übrigens brechen junge Menschen den Hals nicht so leicht wie ältere Leute. Wenn der Gentleman den Schimmel versuchen will, so habe ich nichts dagegen.«
Er gab den betreffenden Befehl, und nach einiger Zeit brachten zwei Knechte das gesattelte Pferd aus dem Stall geführt. Es war höchst unruhig und strebte, sich loszureißen. Meinem alten Mr. Henry wurde Angst um mich; er bat mich, von dem Versuche abzustehen; aber erstens war mir gar nicht bange, und zweitens betrachtete ich die Angelegenheit nun als Ehrensache. Ich ließ mir eine Peitsche geben und Sporen anschnallen; dann schwang ich mich, allerdings nach einigen vergeblichen Versuchen, gegen welche das Pferd sich wehrte, in den Sattel. Kaum saß ich oben, so sprangen die Knechte eilends fort, und der Schimmel tat einen Satz mit allen Vieren in die Luft und einen zweiten zur Seite. Ich behielt den Sattel, obgleich ich noch nicht in den Bügeln war, beeilte mich aber, hineinzukommen. Kaum war dies geschehen, so begann der Gaul, zu bocken; als dies nichts fruchtete, ging er zur Wand, um mich an derselben abzustreifen; die Peitsche aber brachte ihn rasch von derselben fort. Hierauf gab es einen bösen, beinahe für mich gefährlichen Kampf zwischen Reiter und Pferd. Ich bot alles auf, das wenige Geschick und die unzureichende Uebung, welche ich damals nur besaß, und die Kraft der Schenkel, die mich schließlich doch zum Sieger machte. Als ich abstieg, zitterten mir die Beine vor Anstrengung; aber das Pferd triefte vor Schweiß und schäumte große, schwere Flocken; es gehorchte nun jedem Drucke und Rucke.
Dem Händler war Angst um sein Pferd geworden; er ließ es in Decken wickeln und langsam hin und her führen; dann wendete er sich an mich:
»Das hätte ich nicht gedacht, junger Mann; ich glaubte, Ihr würdet schon beim ersten Sprunge unten liegen. Ihr habt natürlich nichts zu bezahlen, und wenn Ihr mir einen Gefallen tun wollt, so kommt wieder und bringt mir die Bestie vollends zu Verstand. Es soll mir auf zehn Dollars nicht ankommen, denn es ist kein billiges Pferd, und wenn es gehorchen lernt, so mache ich ein Geschäft.«
»Wenn es Euch recht ist, soll es mir ein Vergnügen sein,« antwortete ich.
Henry hatte, seit ich abgestiegen war, noch nichts gesagt, sondern mich nur immer kopfschüttelnd angesehen. Jetzt schlug er die Hände zusammen und rief aus:
»Dieses Greenhorn ist wirklich ein ganz außerordentliches oder vielmehr ungewöhnliches Greenhorn! Hat das Pferd halb tot gedrückt, anstatt sich in den Sand werfen zu lassen! Wer hat Euch das gelehrt, Sir?«
»Der Zufall, der mir einen halbwilden, ungarischen Pußtenhengst, der niemand aufsitzen lassen wollte, zwischen die Beine gab. Ich habe ihn nach und nach bezwungen, dabei aber fast das Leben riskiert.«
»Danke für solche Kreaturen! Da lobe ich mir meinen alten Polsterstuhl, der nichts dagegen hat, wenn ich mich auf ihn setze. Kommt, wir wollen gehen. Es ist mir ganz schwindelig geworden. Aber umsonst habe ich Euch nicht schießen und reiten sehen; darauf könnt Ihr Euch verlassen.«
Wir gingen nach Hause, er zu sich und ich in meine Wohnung. Während dieses und der beiden nächsten Tage ließ er sich nicht sehen, und ich hatte auch keine Gelegenheit, ihn aufzusuchen; aber am darauffolgenden Tage kam er des Nachmittags zu mir; er wußte, daß ich da frei hatte.
»Habt Ihr Lust, einen Spaziergang mit mir zu machen?« fragte er.
»Wohin?«
»Zu einem Gentleman, der Euch gern kennen lernen will.«
»Warum mich?«
»Das könnt Ihr Euch doch denken: weil er noch kein Greenhorn gesehen hat.«
»So gehe ich mit; er soll uns kennen lernen.«
Henry machte heut so ein pfiffiges, unternehmendes Gesicht, und wie ich ihn kannte, hatte er irgend eine Überraschung vor. Wir schlenderten durch einige Straßen und dann führte er mich in ein Bureau, in welches von der Straße aus eine breite Glastür führte. Er nahm den Zutritt so schnell, daß ich die goldenen Lettern, welche auf den Glasscheiben standen, nicht mehr lesen konnte, doch glaubte ich, die beiden Worte Office und surveying gesehen zu haben. Bald stellte es sich heraus, daß ich mich nicht geirrt hatte.
Es saßen drei Herren da, welche ihn sehr freundlich und mich höflich und mit nicht zu verbergender Neugierde empfingen. Karten und Pläne lagen auf den Tischen; dazwischen gab es allerlei Meßinstrumente. Wir befanden uns in einem geodätischen Bureau.
Welchen Zweck mein Freund mit diesem Besuche verfolgte, war mir unklar; er hatte keine Bestellung, keine Erkundigung vorzubringen; er schien nur der freundschaftlichen Unterhaltung wegen gekommen zu sein. Diese kam allerdings sehr bald in einen lebhaften Gang, und es konnte nicht auffallen, daß sie sich schließlich auch auf die Gegenstände, welche sich hier befanden, erstreckte; dies war mir lieb, denn da konnte ich mich besser beteiligen, als wenn von amerikanischen Dingen oder Verhältnissen gesprochen worden wäre, die ich noch nicht kannte.
Henry schien sich heut außerordentlich für die Feldmeßkunst zu interessieren; er wollte alles wissen, und ich ließ mich gern so tief in das Gespräch ziehen, daß ich endlich immer nur Fragen zu beantworten, den Gebrauch der verschiedenen Instrumente zu erklären und das Zeichnen von Karten und Plänen zu beschreiben hatte. Ich war wirklich ein tüchtiges Greenhorn, denn ich merkte nicht die Absicht heraus. Erst als ich mich über das Wesen und die Unterschiede der Aufnahme durch Koordinaten, der Polar-und Diagonalmethode, der Perimetermessung, des Repetitionsverfahrens, der trigonometrischen Triangulation ausgesprochen hatte und die Bemerkung machte, daß die drei Herren dem Büchsenmacher heimlich zuwinkten, wurde mir die Sache auffällig, und ich stand von meinem Sitz auf, um Henry anzudeuten, daß ich zu gehen wünsche. Er weigerte sich nicht, und wir wurden jetzt auch ich noch freundlicher entlassen, als der Empfang gewesen war.
Als wir dann so weit gegangen waren, daß man uns von dem Bureau aus nicht mehr sehen konnte, blieb Henry stehen, legte mir die Hand auf die Schulter und sagte, indem sein Gesicht in heller Genugtuung leuchtete:
»Sir, Mann, Mensch, Jüngling, Greenhorn, aber habt Ihr mir eine Freude gemacht! Ich bin ja förmlich stolz auf Euch!«
»Warum?«
»Weil Ihr meine Empfehlung und die Erwartung dieser Leute noch übertroffen habt!«
»Empfehlung? Erwartung? Ich verstehe Euch nicht.«
»Ist auch nicht nötig. Die Sache ist aber sehr einfach. Ihr behauptetet kürzlich, etwas von der Feldmesserei zu verstehen, und um zu erfahren, ob dies etwa nur Flunkerei gewesen sei, habe ich Euch zu diesen Gentlemen, die gute Bekannte von mir sind, geführt und Euch von ihnen auf den Zahn fühlen lassen. Es ist ein sehr gesunder Zahn, denn Ihr habt Euch höchst ehrenvoll herausgebissen.«
»Flunkerei? Mr. Henry, wenn Ihr mich solcher Dinge für fähig haltet, werde ich Euch nicht mehr besuchen!«
»Laßt Euch nicht auslachen! Ihr werdet mich alten Kerl doch nicht der Freude berauben, die mir Euer Anblick macht. Wißt schon, wegen der Ähnlichkeit mit meinem Sohne! Seid Ihr vielleicht einmal beim Pferdehändler gewesen?«
»Täglich des Morgens.«
»Und habt den Rotschimmel geritten?«
»Ja.«
»Wird etwas aus dem Pferde?«
»Will es meinen. Nur bezweifle ich, daß der, welcher es kauft, so gut mit ihm auskommen wird wie ich. Es hat sich nur an mich gewöhnt und wirft jeden Andern ab.«
»Freut mich, freut mich ungeheuer; es will also, wie es scheint, nur Greenhorns tragen. Kommt einmal mit durch diese Seitenstraße! Weiß da drüben ein famoses dining-house, in welchem man sehr gut speist und noch besser trinkt. Das Examen, welches Ihr heut so vortrefflich bestanden habt, muß gefeiert werden.«
Ich konnte Henry nicht begreifen; er war wie umgetauscht. Er, der einsame, zurückhaltende Mann, wollte in einem dining-house essen! Auch sein Gesicht war ein anderes als gewöhnlich, und seine Stimme klang heller und froher als sonst. Examen hatte er gesagt. Das Wort fiel mir auf, konnte hier aber ein ganz bedeutungsloser Ausdruck sein.
Von diesem Tage an besuchte er mich täglich und behandelte mich wie einen lieben Freund, den man bald zu verlieren befürchtet. Aber einen Stolz über diese Bevorzugung ließ er in mir nicht aufkommen; er hatte stets einen Dämpfer bereit, welcher in dem fatalen Wort Greenhorn bestand.
Sonderbarerweise hatte sich zu derselben Zeit auch das Verhalten der Familie, in der ich wirkte, verändert. Die Eltern hatten sichtlich mehr Aufmerksamkeit für mich, und die Kinder waren zärtlicher geworden. Ich überraschte sie bei heimlichen Blicken auf mich, die ich nicht verstehen konnte; ich hätte sie liebevoll und auch bedauernd nennen mögen.
Ungefähr drei Wochen nach unserm sonderbaren Besuche im Bureau bat mich die Lady, am Abend, der heut für mich ein freier war, nicht auszugehen, sondern das supper mit der Familie zu nehmen. Als Grund dieser Einladung gab sie an, daß Mr. Henry kommen werde, und außerdem habe sie zwei Gentlemen geladen, von denen der eine Sam Hawkens heiße und ein berühmter Westmann sei. Ich als Greenhorn hatte diesen Namen noch nicht gehört, freute mich aber doch darauf, den ersten wirklichen und sogar berühmten Westmann kennen zu lernen.
