Winter des Wahnsinns - Veit Etzold - E-Book

Winter des Wahnsinns E-Book

Veit Etzold

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4,99 €

Beschreibung

HP Lovecraft, der »schwarze Prinz« und eine Wahrheit, der man besser nicht zu nahe kommt:
»Winter des Wahnsinns« ist ein eiskalter Horror-Thriller von Bestseller-Autor Veit Etzold.

Ist es Zufall, der Professor Charles Ward in einer alten Buchhandlung zu einem gebrauchten Reiseführer greifen lässt, der mit seltsamen Notizen kommentiert wurde? Als Fan von HP Lovecraft ist der Professor sofort Feuer und Flamme für die Geister-Geschichte, die die Notizen erzählen:
Auf einem mysteriösen Berg in Schottland soll der Geist des für seine Grausamkeit bekannten »schwarzen Prinzen« umgehen – und wenn man den Berg exakt am 21.12. aufsuche, so würde der Geist des Prinzen Einblick in kosmische Geheimnisse gewähren, die kein Mensch zuvor erfahren hat.
Doch als Professor Ward versucht, mehr über den Mann herauszufinden, der die Notizen verfasst hat, öffnet er damit dem wahren Horror die Tür zu seinem Leben …

Manche Geister lässt man besser ruhen: Mit »Winter des Wahnsinns« hat Veit Etzold (Clara-Vidalis-Thriller) einen echten Horror-Thriller geschrieben, der nicht nur Fans von HP Lovecraft begeistern wird.

»Winter des Wahnsinns« erscheint in der Reihe »Eiskalte Thriller«.

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Seitenzahl: 111

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Veit Etzold

Winter des Wahnsinns

Thriller

Knaur e-books

Über dieses Buch

Der »schwarze Prinz« und eine Wahrheit, der man besser nicht zu nahe kommt

Ist es Zufall, der Professor Charles Ward zu einem alten Reiseführer mit merkwürdigen Notizen führt? Er ist sofort Feuer und Flamme für die Geschichte des grausamen »schwarzen Prinzen«, dessen Geist noch immer in Schottland umgehen soll. Doch als der Professor beginnt, den Notizen nachzugehen, öffnet er damit dem wahren Horror die Tür zu seinem Leben.

Inhaltsübersicht

WidmungMottoPrologKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Statt eines Nachworts
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Für Saskia[1]

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Es war die Zeit des Julfestes, das die Menschen Weihnachten nennen.

Obwohl sie wissen, dass es älter ist als Bethlehem und Babylon. Älter als Memphis und die Menschheit.

H. P. Lovecraft, »Das Fest«

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Prolog

Seamus Douglas Ta’Ghar, den man den schwarzen Prinzen nannte, zog sich den schweren Umhang fester um seine Schultern. Der eiskalte Nordwind, der unbarmherzig über die Ebene fegte, schien seinen Körper all seiner Sinne zu berauben, sodass er sich fühlte wie eine Steinstatue aus alten Zeiten. War es wirklich nur der Sturm, der ihn zittern ließ wie das letzte Blatt an einem sterbenden Baum, oder war es die Angst vor der Dunkelheit und dem Unbekannten, das auf ihn wartete?

In seinen Händen, die fast ebenso kalt waren wie der Wind, lag das Schwert, und es erzitterte nicht vor dem kalten Wind und es zitterte auch nicht vor Angst. Es war noch kälter als der Wind selbst, so kalt und furchtlos, wie es nur lebloser Stahl sein konnte.

Leblos?

Er wusste, dass das Schwert seit mehr als zwanzig Generationen von den Herrschern seiner Familie geführt wurde, und während dieser Zeit hatte es mehr Feinde seines Clans niedergestreckt, als man sich vorstellen konnte. Er erinnerte sich an die Geschichten, die die alten Männer damals, als er noch ein Kind war, am Feuer erzählten, dass es einst aus reinstem Eisen aus dem Herzen der Erde erschaffen wurde, als die Welt noch jung gewesen war. Runen der Macht und der Vergeltung waren in seine Klinge graviert, und schreckliche Flüche schlummerten in der Klinge, bereit, jeden niederzustrecken, der nicht zu seinem Clan gehörte und das Schwert führte.

Mehr als zwanzig Generationen!

 

Er dachte an Angrin Ta’Ghar, seinen Großvater, wie er Hakon Eisenfaust, den König der Nordmänner, mit dem Schwert im Zweikampf besiegte. Sie standen auf dem Gipfel des Berges von Loch na Gar, unter ihnen die bodenlosen Schluchten des Gebirges, über ihnen der unbekümmerte, unendliche Himmel. Er sah, wie die zwei aufeinander zustürmten, der König der Nordmänner mit der stumpfen Kraft eines Hammerschlages, Angrin mit der Geschmeidigkeit einer Raubkatze.

Lange kämpften sie, während die Armeen von beiden Heeren am Fuße des Berges lagerten und den Ausgang des Kampfes abwarteten. Mann gegen Mann, Stahl gegen Stahl, einer gegen den anderen, um das Schicksal von Nationen und Königreichen zu besiegeln. Und während sich der Himmel mit den Strahlen der untergehenden Sonne rot färbte, färbte sich auch die zertrampelte Erde rot, auf der die beiden Gegner bis zum Tode kämpften.

Es war damals die entscheidende Schlacht gewesen.

Genau wie diese Schlacht.

Diese Schlacht vielleicht noch mehr.

Diese Schlacht, das wusste er, war die wirklich entscheidende.

Denn diese Schlacht konnte er nur mit diesem Schwert gewinnen.

Doch nichts war umsonst.

Seamus Douglas Ta’Ghar hatte das Schwert.

Und das Schwert – hatte ihn.

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Kapitel 1

Oxford University, Bodleian Library, 19. Dezember

Die Oxford Tube, die Busverbindung zwischen London und Oxford, hielt nahe der Bodlein Library, deren Kuppel in der Wintersonne strahlte. Charles Ward nahm seinen kleinen Reisekoffer und seine lederne Aktentasche, in der sich sein Laptop, ein Notizheft und ein Buch von J. R. R. Tolkien über Sir Gawain und den grünen Ritter befanden, und stieg aus dem Bus.

Es lag Schnee, was in England relativ selten war. Ward fragte sich überhaupt, ob man nicht Weihnachten einfach zwei Monate nach hinten schieben sollte, dann wären weiße Weihnachten wahrscheinlicher. Er musste an die Stelle in James Joyce’ Geschichte »Die Toten« denken, in der es auch um Schnee ging, allerdings um Schnee, der über ganz Irland und nicht über Oxford lag. Ebenfalls eine seltene Sache.

Er dachte an besagten Abschnitt bei James Joyce, den er fast auswendig kannte, weil er ihn so schön fand.

 

Ja, die Zeitungen hatten recht. Es fiel Schnee über ganz Irland. Schnee fiel auf jenen Teil der dunklen Ebene, auf die baumlosen Hügel und, noch weiter westlich, auf die tosenden Wellen der See. Er fiel auch auf jenen Teil des einsamen Friedhofs, auf dem Michael Furey begraben lag.

 

Auch hier fielen langsam Schneeflocken hernieder, als er die Bodleian Library links liegen ließ und seinen Koffer mit Mühe durch den pappigen Schnee zog. Für Schnee waren Rollkoffer definitiv nicht gemacht, und Ward, Dozent für englische Literatur am Merton College, war nicht dafür gemacht, sperrige Koffer durch den Schnee zu zerren.

Er würde, nachdem er seine wichtige Besorgung gemacht hatte, gleich noch seinen Doktorvater treffen, der den Lehrstuhl für Kunstgeschichte am Merton College innehatte. Ward hatte sich schon immer für ungewöhnliche fächerübergreifende Themen interessiert und für seine Dissertation über »Versteckte Wahrheiten in der Horrorliteratur unter besonderer Berücksichtigung des Werkes von H. P. Lovecraft«zunächst keinen Gutachter gefunden, bis sich Professor Richard Stokes, der offenbar schon länger von der Symbolik in Lovecrafts Werk fasziniert war, bereit erklärt hatte, die Arbeit zu betreuen. Die Forschung hatte nicht nur Mühe, sondern auch viel Spaß gemacht. Ward hatte mit seiner Frau sechs schöne Wochen an der Brown University in New England zu Lovecraft geforscht und Lovecrafts Städte Marblehead und insbesondere Providence besucht. Providence war nicht nur die Stadt, in der der große Horrorautor geboren war und die er in seinem Leben kaum verlassen hatte. Es war auch die Stadt, mit der er sich derart identifizierte, dass auf seinem Grabstein lediglich Howard Phillips Lovecraft, 20. August 1890 – 15. März 1937 stand und etwas darunter noch I am Providence – Ich bin Providence. Unter Verschwörungstheoretikern, die die fantastischen Horrorstorys von Lovecraft nicht nur faszinierend fanden, sondern auch als Vorboten des Realen ansahen, war dieser Spruch mehr als nur die Bekenntnis der Zugehörigkeit zu einer Stadt. Denn Providence hieß Vorsehung. Kannte man das kosmische Grauen Lovecrafts, war der Ausspruch auf seinem Grabstein Ich bin die Vorsehung gleich eine eher unheimliche Erkenntnis.

Mit seiner Arbeit hatte Ward dann einen derartigen Erfolg, dass seine Doktorarbeit den Forschungspreis des Merton College gewann, er als Dozent am College mit einer befristeten Stelle und Aussicht auf eine Professur angestellt wurde und seine Arbeit überdies als Hardcover-Ausgabe der Oxford University Press herausgegeben wurde.

Zudem erhielt Ward einen Preis von dreißigtausend Pfund, den er, entgegen den Erwartungen einiger reicher Mäzene der Universität, nicht etwa spendete, sondern behielt. Die Forschungsreisen waren teuer gewesen, als Dozent verdiente man keine Unsummen, und er wollte eine Familie gründen. Ward kannte den Leitspruch aller Geisteswissenschaftler, besonders jener, die philosophisch bewandert waren und sich in englischer Literatur auskannten. Denn schon Chaucer hatte im 14. Jahrhundert in seinen »Canterbury Tales« geschrieben: But al be that he was a philosophre, yet hadde he but litel gold in cofre – Obwohl er Philosoph war, hatte er nicht viel Geld im Koffer. Was heißt hier obwohl, dachte Ward dann immer, es müsste eigentlich gerade deswegen heißen.

Sein Handy piepte. Er schaute auf das Display. Es war Trevor. Eine SMS.

»Melde dich. Die Mysterien warten nicht.«

Knurrend stellte er den Koffer ab und wählte Trevors Nummer.

»Ich bin schon da«, sagte Ward.

»In Oxford?« Trevors Stimme klang, als hätte er bereits einen Whisky getrunken. Es war zwar erst 16 Uhr, aber das war für Trevor kein Hinderungsgrund. Er lebte nach der Devise, nach der im früheren britischen Empire Gin getrunken wurde: Das Commonwealth ist derart groß, da ist immer eine passende Zeitzone, um Gin zu trinken.

»Ja, bin gerade ausgestiegen. Hast du das Buch noch?«

»Hab es für dich reserviert.«

»Perfekt. Ich bezahle es auch. Würde nur gern mal reinschauen.«

Der Grund, warum Ward früher aus London zurückgekommen war, war der Anruf von Trevor gewesen, der den Bodleian Bookshop betrieb, eher ein Antiquariat als eine klassische Buchhandlung.

»Komm her. Die Toten reiten schnell.«

»Das ist aus ›Dracula‹, oder?«

»Richtig. Aber die Toten spielen auch eine Rolle in dem Buch.«

Ward hörte ein Geräusch, als würde Trevor tatsächlich einen Schluck trinken. »Habe auch einen Islay da. Wann kommst du?«

»Fünf Minuten. Ich sehe dein Schild schon am Ende der Straße.«

Ward fragte sich, was für Tote Trevor wohl meinte, die in dem seltenen Buch vorkamen, wegen dem er ihn in London angerufen hatte. Er hatte das Buch endlich bekommen, nachdem gerade diese Ausgabe lange Zeit nahezu unauffindbar gewesen war. Interessant war an dem speziellen Exemplar nämlich nicht primär der Text, sondern die Anmerkungen und Randnotizen darin.

Ward stapfte mit seiner Tasche durch den Schnee, während er den Rollkoffer wie einen störrischen Hund hinter sich herzerrte, und musste wieder an die letzten Sätze aus Joyce’»Die Toten« denken.

 

Der Schnee lag in dicken Schichten auf den steinernen Kreuzen und Grabsteinen, auf den Pfosten des kleinen Tores und auf den Dornenbüschen. Langsam schwand seine Seele, während er den Schnee still durch das All fallen hörte. Und still fiel er, der Herabkunft ihrer letzten Stunde gleich, auf alle Lebenden und Toten.

 

Dann war er beim Bodleian Bookshop angekommen.

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Kapitel 2

Oxford University, Bodleian Bookshop, 19. Dezember

Trevor hatte nicht nur das Aussehen, sondern auch die Beweglichkeit einer Schildkröte. Er schaute Charles Ward über seine fettigen Brillengläser hinweg an und strich sich mit einer Hand durch die ebenfalls fettigen graubraunen Haare, während er in der anderen Hand eine Flasche trug und mit langsamen Schritten näher kam.

»Da kommt er ja endlich«, sagte Trevor.

»Ja, da kommt er.« Charles sah sich um. »Kann ich den Koffer hier irgendwo abstellen?«

»Natürlich. Trinkst du einen Islay?«

»Aber nur einen kleinen.«

»Versteht sich.« Trevor schenkte zwei Gläser ein und trank von seinem mehr als die Hälfte in einem Schluck.

»So«, sagte Charles, nachdem er den Geschmack des torfigen Whiskys genossen und sich umgeschaut hatte. Riesige Regale voller alter Folianten erhoben sich um ihn herum wie Festungsmauern. »Wo ist denn nun das Buch?«

»Richtig«, sagte Trevor, »da war doch was.« Er stand umständlich auf und kam kurz darauf mit einem in Leder gebundenen, leicht zerfledderten Buch wieder.

»Das ist der Reisebericht?«, fragte Charles.

»Das ist er.«

»Darf ich?«

»Wenn du es auch kaufst …« Er gluckste kurz, trank aus und schenkte sich nach.

Charles blätterte durch die Seiten und las halblaut vor: »›Eine Reise zum schwarzen Berg von Bannockburn‹.« Er blickte auf. »Ich wusste nicht, dass es da einen schwarzen Berg gibt.«

»Es ist nicht unbedingt ein Berg«, erklärte Trevor, »sondern eher ein Hügel, ähnlich wie der Dumyat.« Trevor nahm einen weiteren Schluck.

»Das Interessante an dem Buch ist aber nicht nur der Text an sich, sondern die Anmerkungen und Randnotizen.«

»Sagtest du. Es hat also einer reingeschrieben?«

»Nicht nur einer. Hier.«

In dem Buch waren an vielen Stellen Randnotizen ergänzt. Mit Tinte, mit Feder und mit einer Art dünnem Filzstift.

»Unterschiedliche Stifte und Schriften«, sagte Charles.

»Drei«, sagte Trevor. »Ich habe schon gezählt.«

»Insgesamt drei? Sie haben in das Buch geschrieben und es dann immer weiterverkauft?«

»Oder verschenkt. Wer weiß.«

»Von wann ist das Buch?«

»1776. Es beschreibt die Natur rund um Bannockburn.«

»War da nicht eine dieser großen Schlachten?«

»Richtig. Schotten gegen die Engländer. Sieht man auch bei Braveheart. Und viele glauben, dass dort noch immer die Geister der Erschlagenen herumspuken.«

»Besonders die, die hier in den Laden kommen, oder?«

Trevor nickte. »Die ganz besonders.«

Charles Ward wusste, dass oft seltsame Typen in Trevors Laden kamen, da der Buchhändler auch ein großes Arsenal an magischen Büchern hatte. Die Schriften von Éliphas Lévi und die »Occulta Philosophia« von Agrippa von Nettesheim, die magischen Werke von Trithemius und auch gelegentlich das »Grand Grimoire«, in dem ein fürchterliches Ritual beschrieben wird, mit dem man die Toten beschwören konnte. Charles hatte mehrere dieser Bücher gelesen. In einem der Rituale musste man einen Hund an einer Alraunenwurzel befestigen und dann den Hund erschlagen. Durch den Todeskampf des Hundes wurde die Wurzel aus der Erde gezogen – und lebte ab dann als lebende Alraunenwurzel weiter. Charles wusste nie so recht, was er davon halten sollte. Einerseits war dieses Thema durch seine Dissertation zu H. P. Lovecraft sein Forschungsgebiet, andererseits hatte er als Wissenschaftler eine gesunde Skepsis gegenüber all diesen okkulten Themen, die sich nicht einwandfrei belegen ließen. Obwohl er sie zweifellos faszinierend fand. Er war, wie er selbst immer zu sagen pflegte, nahe genug dran, aber weit genug weg.

»Du erinnerst dich an unsere Gespräche über das Grand Grimoire?«, fragte Trevor und zündete sich einen Zigarillo an, dessen Qualm er an den Regalen entlang nach oben paffte.

»Ja. Ein eher unerfreuliches Thema.«