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Wenn der Zauber der Muscheln dein Herz berührt Mit Muschelketten besiegelten Helena und Fenja vor langer Zeit ihr Versprechen: immer füreinander da sein! Als Konditorin Helena nun den Hilferuf ihrer Kindheitsfreundin erhält, zögert sie keine Sekunde und macht sich auf nach Norderney. Was als kurzer Freundschaftsdienst beginnt, weckt vergessene Träume. Die salzige Brise und Fenjas Bruder Jannik bringen Helenas Herz zum Flattern. Plötzlich steht sie vor einer Entscheidung: dem Traum vom Café auf dem Festland oder einem Neuanfang auf der Insel, die sie verzaubert hat. Doch vielleicht muss Helena gar nicht wählen – manchmal schmeckt das Leben am besten, wenn man alle Zutaten mischt! Der bewegende Auftakt der Muschelkettenversprechen-Serie
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Winterglück im Café am Meer
CHRISTIN-MARIE BELOW, Jahrgang 1993, wohnt in Kassel. Hin und wieder findet man sie aber auch auf Norderney, wo sie vor Ort recherchiert. Als Tochter der Autorin Andrea Russo (Anne Barns) wuchs sie umgeben von Geschichten und Büchern auf.
Von Christin-Marie Below sind bei Ullstein erschienen:Pension Herzschmerz • Café Meerblick • Unser Reetdachhaus am Strand • Das Glück liegt am Strand • Unsere Frühstückspension am Meer
Wenn der Zauber der Muscheln dein Herz berührtMit Muschelketten besiegelten Helena, Mara und Fenja vor langer Zeit ihr Versprechen: immer füreinander da sein!Als Konditorin Helena nun den Hilferuf ihrer Kindheitsfreundin Fenja erhält, zögert sie keine Sekunde und macht sich auf nach Norderney. Was als kurzer Freundschaftsdienst beginnt, weckt vergessene Träume. Die salzige Brise und Fenjas Bruder Jannik bringen Helenas Herz zum Flattern. Plötzlich steht sie vor einer Entscheidung: dem Traum vom Café auf dem Festland oder einem Neuanfang auf der Insel, die sie verzaubert hat.
Der bewegende Auftakt der Muschelkettenversprechen-Serie
Christin-Marie Below
Roman
Ullstein
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Originalausgabe im Ullstein Taschenbuch1. Auflage Oktober 2025© Ullstein Buchverlage GmbH, Friedrichstraße 126, 10117 Berlin 2025Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.Umschlaggestaltung: Sabine Kwauka, MünchenTitelabbildung: © Sabine Kwauka unter Verwendung diverser Vorlagen (siehe Bildnachweis Cover hinten im Buch)Foto der Autorin: © Salvatore Russo
Gedichte: © Christin-Marie BelowE-Book Konvertierung powered by pepyrusISBN 978-3-8437-3676-3
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Das Buch
Titelseite
Impressum
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Rezepte
Social Media
Vorablesen.de
Cover
Titelseite
Inhalt
Prolog
Der Wind trug den Duft von Salz und nassem Sand mit sich, während die Wellen in sanften, aber stetigen Bewegungen den Strand umspülten. Der frühe Winter hatte die Insel fest im Griff. Die Blätter der wenigen Bäume waren längst von den Ästen gerissen und vom Wind aufs Meer getragen worden. Bald würde es schneien. In der Ferne hörte man Möwen kreischen, die sich auf der Suche nach Nahrung in das aufgewühlte Wasser stürzten. Ihr Ruf mischte sich mit dem Rauschen der Wellen.
Helena wickelte ihre Decke enger um sich und nippte an dem dampfenden Tee aus ihrer Thermoskanne. Fenja saß neben ihr, die Knie an den Körper gezogen, den Blick auf den Horizont gerichtet. Ihre sonst so lebendigen blauen Augen wirkten matt, fast als wären sie leer. Helena wusste, dass Fenja litt, auch wenn sie versuchte, es nicht zu zeigen. Mara saß auf der anderen Seite und starrte nachdenklich auf den mitgebrachten Kuchen, den ihre Mutter gebacken hatte. Doch niemand schien heute wirklich Appetit zu haben.
»Er ist so ein Idiot!«, platzte es plötzlich aus Mara heraus. Sie ließ eine Handvoll Sand durch ihre Finger rieseln. »Er hat dich echt nicht verdient, Fenja.«
Fenja zuckte die Schultern und ließ den Blick auf ihre Finger sinken. »Er hat gesagt, dass er mich mag, aber dass er einfach nicht so fühlt wie ich …« Ihre Stimme klang brüchig. »Ich hab mir alles nur eingebildet. Ich dachte, er schaut mich so an, weil er mich gernhat. Aber wahrscheinlich war ich einfach nur doof.«
Helena rückte näher und lehnte sanft ihre Schulter an Fenjas. »Du bist nicht doof. Du hast einfach gehofft. Und das ist nichts Schlimmes.«
Fenja seufzte und zog die Ärmel ihres Pullovers über die Hände. »Aber es fühlt sich schrecklich an. Ich will am liebsten gar nicht mehr in die Schule gehen, da muss ich ihn jeden Tag sehen.«
»Stell ihn dir einfach nackt vor!«, sagte Mara entschlossen.
Helena kicherte. »Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist.«
»Auf keinen Fall!«, sagte Fenja. Aber dann zeichnete sich ein kleines Schmunzeln auf ihren Lippen ab.
»War ja nur ein Vorschlag«, sagte Mara. »Du wirst das hinkriegen!«
»Voll! Und wenn er etwas Gemeines sagt, sind wir da«, sagte Helena.
»Danke!«, seufzte Fenja.
»Ich glaube, wir sollten uns ablenken. Tjarek sollte uns nicht den Tag vermiesen«, sagte Mara entschlossen.
»Gute Idee, lasst uns Muscheln sammeln!«, schlug Helena vor.
Fenja zog eine Augenbraue hoch. »Muscheln sammeln?«
»Ja! So wie früher. Und dann machen wir Ketten daraus.«
Fenja schnaubte leise, aber ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht. Also standen sie auf, streiften durch das feuchte, kühle Sandbett und suchten nach kleinen Muscheln mit Löchern darin. Es war eine Tradition aus Kindertagen, die sie nie ganz aufgegeben hatten. Die Mädchen kannten sich, seitdem sie denken konnten.
Helena zog eine Spule mit Kordel aus ihrer Jackentasche, während Fenja die kleine Schere hervorholte, die sie extra eingesteckt hatte. Sorgfältig fädelten die Mädchen die Muscheln, kleine Hühnergötter und Holz auf.
»Guck mal!«, rief Fenja plötzlich und hielt stolz eine ganz besonders schöne Muschel in die Luft.
»Die ist toll! Sieht bestimmt super in der Mitte aus«, rief Mara ihrer Freundin zu.
»Ja!«, sagte Fenja.
Die Mädchen stöberten eine ganze Zeit im Sand. Die Winterstürme machten den Strand zu einer Schatzkiste. Nach einer Weile ließen sie sich zufrieden zurück auf die Decke fallen.
»Ein Versprechen«, sagte Helena plötzlich und betrachtete ihre Kette. »Wir bleiben zusammen, egal was passiert. Niemand von uns geht verloren.«
Fenja nickte ernst. »Und wenn eine von uns Hilfe braucht, dann sind wir füreinander da. Immer.«
Mara strahlte über das ganze Gesicht. »Abgemacht.«
Sie legten ihre Hände übereinander, ihre Muschelketten baumelten leicht im Wind. Ein stiller Pakt wurde geschlossen, ein Versprechen, das über die Jahre hinweg Bestand haben sollte. Sie sahen sich verschwörerisch an, knoteten sich gegenseitig die Ketten um den Hals.
Als die Wintersonne sich langsam senkte und der Himmel in Pastelltönen leuchtete, legten sie sich hin und schauten in den Himmel.
Fenja seufzte.
»Weißt du, was das Einzige ist, das hilft? Sagt zumindest Mama«, fragte Mara.
»Was denn?«, fragte Fenja.
»Kuchen!« Mara schnitt ein Stück Kuchen ab und reichte es Fenja. »Wenn du schon Liebeskummer hast, dann wenigstens mit Schokoladenkuchen.«
Fenja lachte leise und nahm das Stück. »Danke. Wirklich.«
Gemeinsam und in Stille aßen sie den Kuchen, tranken den warmen Tee und genossen die letzten Sonnenstrahlen, die so selten in dieser Jahreszeit waren.
Helena spürte eine wohlige Wärme in ihrer Brust. Egal, was passieren würde, sie hatten sich. Und das war alles, was zählte.
Als die Sonne langsam am Horizont verschwand, ging Helena nach Hause. Ihr Zimmer war warm und gemütlich, während es draußen zu stürmen begann. Nordwind zog auf und verlieh Norderney einen rauen Charakter. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch, zog die oberste Schublade auf und holte den Bernstein hervor, den ihre Oma ihr einst geschenkt hatte. Er schimmerte warm und golden unter dem Licht ihrer Schreibtischlampe, wie eine kleine Flamme.
Mit ruhigen Bewegungen nahm sie ein Stück Kordel, knotete ihn sorgfältig daran fest und band ihn sich als Armband um ihr Handgelenk. Ein weiteres Versprechen, das sie nur sich selbst gab. Was auch immer geschehen würde – sie würde es nie verlieren, als Erinnerung an diesen Tag, an ihre Großmutter, an Fenja, an Mara und an das Muschelkettenversprechen, das sie miteinander verknüpfte.
Der süß-würzige Duft von gebackenen Äpfeln, Zimt und Vanille liegt schon in der Luft, als sich ein weiteres, sehr weiches Aroma hinzugesellt. Ich rühre mit dem Holzlöffel in der Pfanne und schaue zu, wie die Butter braun wird und Bläschen wirft. Winzige kupferfarbene Körnchen sammeln sich am Pfannenboden, geröstete Milcheiweiße, die der Butter ihren nussigen Geschmack geben. Noch ein Moment, dann ist sie perfekt: nicht zu hell, nicht zu dunkel. Schnell nehme ich die Pfanne vom Herd und schütte die Butter in die bereitstehende Schüssel. Es ist die Geheimzutat, die meinem Apfelkompott seine besondere warme Note gibt.
Zufrieden atme ich kurz durch, bevor ich mich auf den Stuhl setze und meine Werke auf dem Küchentisch begutachte: eine große Schüssel Kompott. Und sechs Laibe Apfelbrote, kleine, goldbraune Kunstwerke, die ich für meine Lieben backe, so wie jedes Jahr. Für meine Mutter, meine Oma, meine Tante Jette, meine Freundin Nicki, Max – und für mich. Kleine kulinarische Geschenke zum ersten Advent.
Ich schaue skeptisch zum Fenster. Es ist viel zu warm für diese Jahreszeit. Gestern ist das Thermometer auf vierzehn Grad geklettert, und heute wird es nicht anders sein. Grauer Nieselregen fällt schon den ganzen Morgen vom Himmel. Schnee wäre mir lieber, aber der lässt wohl noch auf sich warten. Wenn er überhaupt fällt.
Hinter mir knarrt die Tür. Ich höre das Rascheln von Papier, dann Max’ noch verschlafene Stimme. »Morgen.«
»Morgen.« Ich drehe mich um und lächle meinen Mitbewohner an. Er steht gegen den Türrahmen gelehnt. Sein dunkles Haar ist zerzaust, in der einen Hand hält er ein paar Bögen Papier.
Er fängt laut an zu singen: »In der Weihnachtsbäckerei … Wie geht das noch gleich weiter?«
»Irgendwas mit Kleckerei«, antworte ich und wundere mich mal wieder darüber, wie gut gelaunt Max von einer Sekunde auf die andere sein kann. Und das, obwohl er anscheinend gerade erst aufgestanden ist. Er trägt die dunkelblau-rot karierte Pyjamahose und dazu ein langärmliges graues Rippshirt. Seine Füße stecken in den Fleece-Pantoffeln, die ich ihm zum Geburtstag geschenkt habe.
Zum Glück singt er nicht weiter. Max hat viele Talente. Er kann einem Ei in einem Rutsch den Kopf abschlagen, ohne dass auch nur ein Tropfen Eigelb danebenläuft. Er kocht die beste Lasagne der Welt, mit selbst gemachter Béchamelsauce, perfekt gewürztem Tofu und einem Hauch Muskat, den er mit der Würde eines Alchemisten über die Soße streut. Er weiß, wo man mitten in der Nacht noch Eis herbekommt, wenn seine Mitbewohnerin vor Liebeskummer nicht schlafen kann. Und: Max hat einen grünen Daumen. Einen richtig grünen. Er bringt sogar Basilikum aus dem Supermarkt dazu, länger als zwei Wochen zu überleben und richtig groß zu werden. Und das ist, wie ich finde, eine botanische Hochleistung.
Aber singen? Nein! Seine Stimme rutscht irgendwo zwischen schief und schräg hin und her, als würde sie selbst nicht genau wissen, welchen Ton sie treffen soll.
Er summt das Lied weiter, aber auch das klingt so schief, dass ich lachen muss.
Max seufzt gespielt beleidigt. »Ich wollte Rockstar werden, als ich klein war.«
»Und ich Seehundjägerin«, antworte ich trocken.
Er sieht mich entsetzt an. »Was bitte?!«
»Keine Sorge, ich wollte sie nicht erschießen. Seehundjäger sind keine Jäger im klassischen Sinn. Das sind Aufseher, die sich um den Schutz und die Betreuung von Seehunden kümmern, besonders um verletzte, kranke oder verwaiste Tiere, die am Strand gefunden werden.«
Max blinzelt. »Also eher Robbenretterin mit Lizenz?«
»Genau. Ich wollte mit Gummistiefeln durchs Watt laufen, Heuler retten, ihnen Namen geben und in die Aufzuchtstation nach Norddeich bringen.«
»Ich vergesse immer, dass du eigentlich ein Inselkind bist«, sagt Max.
»Ja.« Ich seufze. »Das geht mir erschreckenderweise auch so. Aber darüber will ich mir jetzt lieber keine Gedanken machen. Ich bin froh, dass es mir gerade wieder einigermaßen gut geht.« Ich zeige auf die Brote. »Eins ist übrigens für dich.«
Max kommt schnuppernd näher und beugt sich über meine Apfelbrote. »Sind da Rosinen drin?«
»In deinem natürlich nicht, das habe ich mit getrockneten Aprikosen gebacken.«
»Mmh«, macht er. »Können wir es gleich probieren?«
»Klar. Willst du dazu einen Tee? Ich habe grünen in der Thermoskanne.«
Er rümpft die Nase und geht zum Wasserkocher. »Erst mal Kaffee.«
»Ich nehme auch noch einen.«
»Seit wann bist du wach?«, fragt Max.
Prompt muss ich gähnen. »Seit halb sechs.«
Er schüttelt den Kopf. »Du hast freiwillig vor Sonnenaufgang den Ofen angeschmissen? An einem Sonntag?«
»Heute ist der erste Advent, ich will die Brote später noch verschenken. Davon mal ganz abgesehen, hast du deinen Kaktus mal regelmäßig pünktlich um Mitternacht gegossen, weil er sich dann besser fühlt«, kontere ich. »Und dann hast du mit ihm meditiert.«
»Stimmt.« Er grinst. »Aber nur, weil ich in irgendeiner Zeitschrift beim Friseur gelesen habe, dass man nachts ein besserer Kanal für gute Energie ist.« Er zuckt mit den Schultern. »Er hat danach drei neue Triebe bekommen. Zufall? Ich glaube nicht.«
Ich lache leise und schüttle den Kopf. »Du bist der einzige Mensch, den ich kenne, der einem Kaktus emotionale Stabilität schenken will.«
Wir grinsen beide, und für einen Moment ist der graue Nieselregen da draußen vergessen. In der Küche duftet es nach Apfel, Zimt und Butter – und nach ein bisschen erfrischendem Unsinn.
Max gießt heißes Wasser auf das Pulver in der French Press. Kurz darauf sitzen wir uns gegenüber am Tisch. Ich schneide zwei dicke Scheiben ab und schmiere Butter darauf. Sie schmilzt langsam und zieht goldene Spuren in das noch lauwarme Apfelbrot.
»Mmh«, macht Max noch einmal. Dann genießen wir einen Moment schweigend und kauend.
Es schmeckt, wie es duftet: süß und würzig, nach Zimt, Apfel, Aprikosen und ein bisschen nach Kindheit. Für einen Moment fühlt sich alles einfach richtig an.
»Wow«, nuschelt Max schließlich mit vollem Mund. »Das ist nicht nur Essen. Das ist … Nahrung für die Seele.«
Nachdem wir jeweils eine zweite Scheibe verputzt haben, zeige ich auf die Papiere, die Max auf den Tisch gelegt hat. »Für die Uni?«
Er nickt und seufzt im nächsten Moment theatralisch. »Ich arbeite gerade an einem Essay über emotionale Arbeit und soziale Rollen. Und ich komme einfach nicht weiter. Alles, was ich schreibe, klingt unprofessionell. Ich fühle überhaupt nichts dabei.« Max rauft sich die Haare. »Vielleicht habe ich mich doch für den falschen Studiengang entschieden.«
Ich nippe an meinem Kaffee. Max verliert sich manchmal zwischen den Theorien und Begriffen, den Fußnoten und Fragezeichen. Aber wenn er zweifelt, dann nicht, weil ihm etwas egal ist, sondern weil es ihm nicht egal ist.
Ich stelle meine Tasse ab und sehe ihn an. »Vielleicht brauchst du keinen anderen Studiengang, sondern einfach nur einen anderen Blickwinkel.«
»Du meinst, es ist wie beim Basilikum? Wenn man von unten gießt, wächst er plötzlich?«
»Genau«, sage ich. »An der Wurzel, da wo die Frage steckt, nicht da, wo du dich in den Antworten verlierst.«
Max zieht eine Augenbraue hoch. »Tiefgründig. Und das um neun Uhr morgens und obwohl du schon seit dreieinhalb Stunden wach bist.«
»Seit vier«, korrigiere ich ihn. »Ich habe noch ein wenig gelesen, bevor ich aufgestanden bin.«
»Wie machst du das nur? Ich kenne keinen Menschen, der so wenig Schlaf braucht wie du.«
Ich zucke mit den Schultern. »Keine Ahnung, da ist wohl irgendeine innere Uhr in mir.« Sie weckt mich immer um die etwa gleiche Uhrzeit.
Während ich aufstehe, um Tee zu holen, spüre ich ein leises, angenehmes Ziehen im Bauch. Wie ein Faden, der sich langsam wieder aufrollt, nachdem er lang und wirr am Boden lag. Nachdem mein Freund mich vor vier Monaten verlassen hat, war da nur Leere. Nicht nur das Wetter war dunkel. Doch jetzt habe ich das Gefühl, dass es endlich wieder hell wird in mir. Auch wenn da noch immer ein kleiner Knoten in meiner Brust ist, weil ich Julius trotz allem manchmal noch sehr vermisse. Kurz blitzt er in meinen Gedanken auf. Sein ernster Blick, als er mir gesagt hat, er könne das nicht mehr mit uns. Dass er mich noch liebe, aber eben nicht mehr als Frau. Die gemeinsame Arbeit im Restaurant habe uns als Paar entzweit. Mein Vorschlag, ich könne mir einen anderen Job suchen, um unsere Beziehung zu retten, hat er nur mit einem »Zu spät« und einem müden Lächeln abgetan und mir damit den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich konnte einfach nicht verstehen, warum er, wenn er doch noch Gefühle für mich hat, nicht um uns kämpft, uns keine Chance gibt, etwas zu ändern.
Es hat drei Tage gedauert, bis ich endlich eingesehen habe, dass das so nicht stimmen kann. Denn was bleibt von Liebe, wenn man sich nicht mehr füreinander entscheidet? Also habe ich kurzerhand meine nötigsten Sachen gepackt und bin zu Max gezogen, der sofort sein Arbeitszimmer für mich ausgeräumt hat, als ich ihm von meiner Situation erzählt habe. Es ist nicht der Verlust allein, der so schmerzt. Es ist die Art und Weise, wie Julius mich einfach so abserviert hat. Und das ohne Vorwarnung. Ich hatte keine Ahnung, denn er hat nie mit mir darüber gesprochen, dass für ihn etwas nicht stimmt zwischen uns. Alles war wie immer gewesen. Und nun ist alles weg: Julius, mein Job in seinem Restaurant, mein Alltag.
Aber wo ein Ende ist, ist bekanntlich immer auch wieder ein Anfang. »Danke, Max«, sage ich. »Dass du mich aufgenommen hast und für mich da bist.«
Er lächelt mich aufmunternd an. »Hättest du auch für mich gemacht.«
»Das stimmt! Und ich hoffe, ich kann dir das irgendwann zurückgeben.«
Er zeigt auf die Apfelbrote. »Also, ich hätte nichts gegen eine Dauerversorgung damit.«
»Kannst du haben. Aber vielleicht variieren wir hin und wieder. Du kennst meine Croissants noch nicht. Und auch nicht meine Brioche. Oder die Zimtschnecken mit Pekannüssen.«
»Willst du nicht doch für immer bleiben?«, fragt er mit einem schelmischen Grinsen.
»Klara würde mich irgendwann vor die Tür setzen«, sage ich und stoße ihm spielerisch gegen die Schulter.
»Ach, sie mag dich«, meint er. »Und sie ist nicht der Typ Frau, die sich von selbst gemachten Zimtschnecken bedroht fühlt.«
Ich nicke. »Weil sie weiß, dass ich nicht hier bin, um zu bleiben.«
»Und so lange gibt’s Frühstück Deluxe.«
»Deal«, sage ich.
»So lang, wie du willst, ein paar Wochen, ein paar Monate … Bis du wieder allein klarkommst«, hat Max damals gesagt. »Notfalls auch für immer.«
Letzteres kommt für mich nicht infrage. So dankbar ich ihm auch bin, weiß ich doch, dass ich bald wieder auf eigenen Beinen stehen will. Und außerdem ist es mir etwas unangenehm, wenn seine Freundin hier ist. Im Gegensatz zu Max habe ich nicht das Gefühl, dass sie besonders begeistert von meiner Anwesenheit ist. Ihr Lächeln wirkt aufgesetzt, wenn sie mich sieht. Nicht, dass sie eifersüchtig ist, aber definitiv störe ich ihre Zweisamkeit. Mir hätte es wohl auch nicht besonders gefallen, wenn Julius eine seiner Freundinnen bei sich aufgenommen hätte. Die WG mit Max ist also eine Lösung auf Zeit.
Wie auf Kommando summt mein Handy auf der Arbeitsplatte. Ich habe eine Erinnerung bekommen.
Besichtigung – Ladenlokal – 11:00 Uhr.
Mein Herz macht einen kleinen Sprung vor Freude. Noch eineinhalb Stunden!
Max hebt eine Braue. »Ladenbesichtigung?«
»Ja!« Ich lächle. »Vielleicht mein Café. Vielleicht der Neuanfang.«
Pünktlich um halb elf höre ich das sonore Brummen von Nickis kleinem roten Flitzer, bevor sie um die Ecke biegt und direkt vor dem Haus anhält. Wie immer parkt sie schwungvoll, aber zentimetergenau, und winkt fröhlich durch die Windschutzscheibe, als wäre das hier kein grauer Dezembermorgen, sondern ein Sommerbesuch an der Côte d’Azur.
Ich renne durch den Regen, öffne die Tür und steige ein, beuge mich zu ihr rüber, und wir drücken uns. »Danke.«
»Na klar«, sagt sie. »Ich lass dich doch nicht allein auf Besichtigungstour gehen. Wer weiß, in was für eine Absteige du dich sonst Hals über Kopf verliebst.«
Ich lache und merke, dass ich ein bisschen nervös bin. »Danke, Nicki. Echt. Dass du dir Zeit nimmst …«
»Ach was«, winkt sie ab. »Vier Augen sehen mehr als zwei. Und außerdem muss ja irgendwer auf dich aufpassen, damit du keinen Pachtvertrag unterschreibst, nur weil die Bodenfliesen süß sind.«
»Die sind allerdings echt süß«, gebe ich zurück, während ich mich anschnalle und meine feuchten Haare aus dem Gesicht streiche. In Gedanken sehe ich sie wieder vor mir: blaugraue Zementfliesen mit feinen, weißen Ornamenten, die aussehen wie zarte Spitzenmuster. Ein bisschen abgenutzt, mit kleinen Rissen an den Rändern. Nicht mehr ganz perfekt, aber genau deshalb so schön.
»Aha«, sagt Nicki, während sie das Auto wendet. »Süß wie Instagram-tauglich, aber sonst eher Katastrophe?«
Ich lache leise. »Eher wie: Hier könnte es anfangen.«
Meine Freundin sieht mich kurz von der Seite an. »Na dann, auf zur Besichtigung. Und vielleicht auf einen richtig guten Cappuccino. Die haben doch hoffentlich Hafermilch?«
»Das weiß ich nicht, im Moment ist es ja mehr oder weniger ein Imbiss. Aber der Raum hat Potenzial. Große Fenster, hohe Decken, eine Theke, die man retten könnte. Und diese Fliesen eben.«
»Na gut«, sagt sie. »Dann schauen wir mal, ob wir zwischen Frikadellen und Fettgeruch deinen Neuanfang finden.«
Ich lehne mich zurück, sehe den Tropfen zu, die über die Scheibe rinnen, und spüre, wie sich Vorfreude mit einem Hauch von Skepsis vermischt. Vielleicht ist es genau das Richtige. Vielleicht aber auch nicht.
Wir fahren durch Kaufungen, vorbei an kahlen Feldern und Bäumen, die sich im Wind wiegen, dann hinein in die Kasseler Außenbezirke. Der Regen hat nachgelassen, aber die Straßen glänzen noch feucht, als würden sie das Licht der Ampeln nicht loslassen wollen. Und dann, ganz plötzlich, beginnt er, der Vordere Westen Kassels.
Die Gründerzeithäuser, die kleinen Boutiquen mit handgeschriebenen Schildern, die Biobäckerei, in der ich früher Nussbrot geholt habe.
Und da taucht vor uns auch das Haus mit den hellgrauen Fensterläden auf, im zweiten Stock links der kleine Balkon, auf dem verwelkte Kräuter in den Töpfen stehen. Graubraun und durstig, weil sie niemand gegossen hat, seit ich weg bin. Unser altes Zuhause. Oder besser gesagt: das, was es mal war.
Ich spüre, wie mein Magen sich leicht zusammenzieht durch die Erinnerungen, die zu nah kommen. Der Balkon war früher mein Lieblingsplatz. Ich hatte dort einen alten Korbstuhl stehen, ein Kissen mit Zitronenmuster und eine Lichterkette, die Julius nie mochte, weil sie »zu verspielt« war. Jetzt hängt nichts mehr da. Kein Licht, kein Leben. Nur vertrocknete Pflanzen, die niemand mehr beachtet.
»Ich bin extra keinen Umweg gefahren«, sagt Nicki trocken. »Du musst dich daran gewöhnen, dass du das Café in der Nähe von Captain Ich-zuerst haben wirst.«
Ich lache kurz und weiß selbst, dass es nicht ganz echt klingt. Nicki taufte Julius so, nachdem ich wieder einmal spätabends völlig gerädert und zerknittert in der Restaurantküche saß, während er bei den Gästen am Tisch das Lob für das hervorragende Dessert einheimste – das ich gezaubert hatte.
Nach der Trennung hat Nicki gleich ein ganzes Repertoire wenig schmeichelhafter Namen für ihn erfunden, die sie je nach Tagesform oder Anlass aus dem Ärmel schüttelt. Neben Captain Ich-zuerst nennt sie ihn nun auch: Lord Selbstverwirklichung, Sir Liebeslüge, Julius von und zu Immer-Ich, Emotionaler Schmarotzer und Trennung-auf-Raten-Typ.
Sie ist überzeugt, dass da längst eine andere war, bevor er überhaupt den Mut aufbrachte, mit mir Schluss zu machen. Und sie hat es mir natürlich gesagt. Mehr als einmal. Schließlich ist sie meine beste Freundin. Am Anfang hat sie sogar geschafft, mich zu überreden, mich mit ihr auf die Lauer zu legen. Einmal saßen wir mitten in der Nacht zwei Stunden lang in ihrem Auto und beobachteten seinen Hauseingang, als wäre es ein Tatort. Ein anderes Mal sind wir ihm, dezent unauffällig, wie Nicki es nannte, ein paar Straßen weit gefolgt, bis er vor einem Altbau stehen blieb, in dem ein alter Schulfreund wohnte, wie sich herausstellte.
Beim dritten Versuch hat Julius uns gesehen. Er kam direkt ans Autofenster, klopfte ans Glas und fragte trocken, ob wir Kaffee wollen. Ich hätte im Boden versinken können, Nicki nicht. Sie hat ganz frech ein paar Donuts dazu verlangt.
Danach war Schluss mit dem Privatdetektivspiel und ehrlich gesagt, hat es sich auch nicht richtig angefühlt.
»Ich weiß nicht, ob ich das kann«, sage ich leise, mehr zu mir selbst. »Mit dieser Nähe.« Max’ Wohnung ist in Kaufungen, knapp zwölf Kilometer weit weg von Kassel. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich Julius dort über den Weg laufe, ist gering, was gut ist für den Heilungsprozess, wie ich online in Trennungsratgeber-Portalen gelesen habe: räumlicher Abstand, Kontaktabbruch, soziale Unterstützung und neue Routinen. So stand es da. Möglichst wenig Trigger, möglichst viel Selbstfürsorge. Keine gemeinsamen Orte, keine zufälligen Begegnungen, keine Gespräche, die wieder aufreißen, was man gerade notdürftig verbunden hat.
Aber ein Café im Vorderen Westen, nur ein paar Straßenecken von ihm entfernt, ist alles andere als Abstand. Es ist Nähe mit Ansage.
Nicki sieht mich nur kurz an und legt ihre Hand auf meinen Unterarm. »Natürlich kannst du das«, sagt sie. »Du willst dir doch von der Sabberlippe nicht deine Zukunft bestimmen lassen.«
Jetzt muss ich wirklich lachen. »Der Name ist neu.«
Nicki grinst zufrieden. »Du hättest dich gar nicht erst auf ihn einlassen sollen. Das wusste ich schon, nachdem du mir erzählt hast, dass er dich beim ersten Kuss fast ertränkt hätte.« Sie schüttelt sich. »Ist mir gerade wieder eingefallen.«
