Wir beide schaffen es, Mami - Patricia Vandenberg - E-Book

Wir beide schaffen es, Mami E-Book

Patricia Vandenberg

0,0

Beschreibung

IM SONNENWINKEL ist eine Familienroman-Serie, bestehend aus 75 in sich abgeschlossenen Romanen. Schauplatz ist der am Sternsee verträumt gelegene SONNENWINKEL. Als weitere Kulisse dient die FELSENBURG, eine beachtliche Ruine von geschichtlicher Bedeutung. Der Sonnenwinkel ist eine Zusammenfassung der kleinen Orte Erlenried und Hohenborn, in denen die Akteure der Serie beheimatet sind. Die einzelnen Folgen behandeln Familienschicksale, deren Personen wechseln, wenn eine Handlung abgeschlossen ist. Im Mittelpunkt, jedoch als Rahmenhandlung, stehen die immer wiederkehrenden Hauptpersonen, die sich langsam weiterentwickeln. So trennt den ersten und letzten Roman in etwa ein Jahrzehnt. Die junge Lehrerin Friederike Fanchon, von allen, die sie gernhatten, Fritzi genannt, schloss die Tür des modernen Schulhauses von Erlenried auf. Einstweilen war sie noch alles in einem: Portier, Verwalterin und einzige Lehrkraft für die sechs- bis zehnjährigen Kinder der Siedlung. Ihr machte es nichts aus, dass eine beträchtliche Verantwortung auf ihren jungen Schultern ruhte, und niemand konnte ihr nachsagen, dass die Kinder bei ihr weniger lernten, als in der Volksschule in Hohenborn, obgleich sie alle in einer Klasse vereint waren. Fritzi bereitete sich immer gründlich vor, und mit ihrem frischen, natürlichen Wesen verstand sie es meisterhaft, ihre Schützlinge zu besten Leistungen anzuspornen. Obgleich sie großes Geschick bewies, die kleine Schar im Zaum zu halten, war sie keine Respektsperson im üblichen Sinne. Die Kinder mochten sie so gern, dass niemand ihr Schwierigkeiten bereitete. Außerhalb des Unterrichts war sie nur die Fritzi, und jedermann in Erlenried wusste, dass sie bald die Frau des jungen Pfarrers Frerichs sein würde. Eben dieser kam jetzt vom Pfarrhaus herübergelaufen, das in unmittelbarer Nähe der Schule lag. Fritzi hielt schnell Ausschau, ob schon Kinder zu sehen wären. Doch diese Sorge war unbegründet. Es war noch recht früh, und sie war zeitiger als sonst gekommen, weil sie wusste, dass Holger Frerichs nach Hohenborn musste, um dort seinen Kollegen zu vertreten, der sich endlich ­einen lang verdienten Urlaub gönnte. »Gut geschlafen, Liebes?«, fragte er zärtlich. »Bestens, Holger«, erwiderte sie fröhlich. »Schön, dass ich dich noch sehe.« »Ich habe extra gewartet. Wer weiß, wie lange es heute dauert.« »Hoffentlich nicht zu lange. Heute haben wir doch unseren Gemeindeabend.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 138

Veröffentlichungsjahr: 2022

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Im Sonnenwinkel – Neue Edition – 12 –Wir beide schaffen es, Mami

Patricia Vandenberg

Die junge Lehrerin Friederike Fanchon, von allen, die sie gernhatten, Fritzi genannt, schloss die Tür des modernen Schulhauses von Erlenried auf.

Einstweilen war sie noch alles in einem: Portier, Verwalterin und einzige Lehrkraft für die sechs- bis zehnjährigen Kinder der Siedlung.

Ihr machte es nichts aus, dass eine beträchtliche Verantwortung auf ihren jungen Schultern ruhte, und niemand konnte ihr nachsagen, dass die Kinder bei ihr weniger lernten, als in der Volksschule in Hohenborn, obgleich sie alle in einer Klasse vereint waren.

Fritzi bereitete sich immer gründlich vor, und mit ihrem frischen, natürlichen Wesen verstand sie es meisterhaft, ihre Schützlinge zu besten Leistungen anzuspornen.

Obgleich sie großes Geschick bewies, die kleine Schar im Zaum zu halten, war sie keine Respektsperson im üblichen Sinne. Die Kinder mochten sie so gern, dass niemand ihr Schwierigkeiten bereitete.

Außerhalb des Unterrichts war sie nur die Fritzi, und jedermann in Erlenried wusste, dass sie bald die Frau des jungen Pfarrers Frerichs sein würde.

Eben dieser kam jetzt vom Pfarrhaus herübergelaufen, das in unmittelbarer Nähe der Schule lag.

Fritzi hielt schnell Ausschau, ob schon Kinder zu sehen wären. Doch diese Sorge war unbegründet.

Es war noch recht früh, und sie war zeitiger als sonst gekommen, weil sie wusste, dass Holger Frerichs nach Hohenborn musste, um dort seinen Kollegen zu vertreten, der sich endlich ­einen lang verdienten Urlaub gönnte.

»Gut geschlafen, Liebes?«, fragte er zärtlich.

»Bestens, Holger«, erwiderte sie fröhlich. »Schön, dass ich dich noch sehe.«

»Ich habe extra gewartet. Wer weiß, wie lange es heute dauert.«

»Hoffentlich nicht zu lange. Heute haben wir doch unseren Gemeindeabend. Die Einweihung unseres Rathauses kann doch nicht ohne den Herrn Pfarrer stattfinden.«

»Was liegt denn in Hohenborn vor?«

»Eine Beerdigung und eine Trauung.«

»Trauung lasse ich mir gefallen«, lächelte sie. »Verdirb dir nicht den Magen beim Festmahl.«

»Dafür habe ich keine Zeit. Die Leute kommen mit allen möglichen Anliegen in die Sprechstunde. Das weißt du doch.«

»Aber das gefällt dir ja. In Erlenried gibt es so wenig Probleme. Hier sind alle rundherum glücklich.«

Auch sie war rundherum glücklich. Ihre Augen leuchteten, als sie ihm nachblickte. Sie war glücklich, dass Holger sie liebte, wie sie ihn liebte.

Nun kamen die Kinder daher. Keines war mürrisch oder unausgeschlafen. Sie durften schwatzen und lachen, und Fritzi lachte mit ihnen, bis die Schulbücher auf den Pulten lagen.

Dann waren sechzehn Augenpaare erwartungsvoll auf sie gerichtet. Der Unterricht begann.

*

Holger Frerichs fuhr Hohenborn entgegen. Noch waren seine Gedanken bei Fritzi.

Auf der Straße war wenig Verkehr. Holger Frerichs konnte es sich leisten zu träumen.

Als er dann nach Hohenborn einbog, musste er wachsam sein. Hier fuhren viele Autos den Münster-Werken entgegen, und hier strömten auch viele Kinder zur Volksschule und zum Gymnasium.

Wild und unüberlegt rannten sie manchmal über die Straße. Deswegen war er besonders vorsichtig, denn er hatte nicht vergessen, dass er auch einmal ein ungestümer Junge gewesen war.

Vielleicht war es das, dass er im Herzen so jung geblieben war, was ihn so beliebt machte.

Er predigte nicht nur von der Kanzel das Wort Gottes. Er liebte die Menschen und nahm teil an ihren Sorgen und Freuden. Er wurde allen, die ihn suchten, ein Freund.

Nun war er dicht bei der Schule angelangt, und die Kinder stürzten auf die Straße, als sie das erste Läuten vernahmen.

Er bremste. Sein »Schnauferl«, so mitgenommen es aussah, stand.

Da sah er einen Mann, der sich am Laternenpfahl festhielt, schwankte und dann zusammenbrach.

Eine Frau, die ihr Kind an der Hand führte, schrie auf.

Holger Frerichs war sofort aus dem Wagen und war mit ein paar langen Schritten bei dem Bewusstlosen.

Eine Verkäuferin, die ihn kannte, kam aus dem Geschäft gestürzt.

»Was ist, Herr Pfarrer?«, fragte sie entsetzt.

»Bitte, rufen Sie einen Krankenwagen«, brachte er mühsam über die Lippen.

Der Mann, der vor ihm lag, war nicht alt und gut gekleidet. Sein Gesicht war totenbleich. Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn, aber er reagierte nicht auf seine beschwörenden Worte.

Einige Passanten traten heran, während mahnende Stimmen die neugierigen Kinder zur Schule trieben.

Die Erwachsenen verstummten, als er eine abwehrende Handbewegung machte.

»Das ist doch Herr Deuring!«, sagte eine Frau erregt. »Ich kenne ihn. Guter Gott, wird seine Frau sich erschrecken. Es sind so nette Leute.«

Der Krankenwagen kam. Leise sprach Holger mit den Sanitätern und stieg dann selbst in den Wagen, nachdem sie Herrn Deuring auf der Trage hineingeschoben hatten.

Er hielt die kalte Hand des Mannes, der noch einmal zu Bewusstsein kam.

»Franzi …, meine liebe Franzi«, flüsterte er. »Die Kinder …, mein Gott …« Und mit diesem Seufzer erlosch ein Menschenleben.

Holger Frerichs war wie erstarrt. Es war das erste Mal, dass er einen Menschen so schnell hatte sterben sehen.

Wie oft schon hatte er an einem Grab gestanden, manches Mal noch mit einem Sterbenden sprechen können, doch nun war er Zeuge geworden, wie abrupt ein Leben beendet sein konnte.

Ein Mann, der vielleicht noch vor kurzer Zeit heiter von seiner Familie gegangen war!

»Es sind so nette Leute«, klang die Stimme der fremden Frau in seinen Ohren.

Und diesen netten Leuten musste nun jemand die Nachricht, diese schreckliche Nachricht bringen. Er musste es tun!

Eine halbe Stunde später stand er vor einem neuen Einfamilienhaus. Es konnte noch nicht lange fertiggestellt sein.

Im Garten spross eben erst junges Grün, der weiße Verputz war makellos wie die Gardinen an den Fenstern.

Holger Frerichs’ Herz schlug dumpf, als er seinen Finger zögernd auf den Klingelknopf legte.

*

»Vati ist heute sehr früh gegangen«, stellte Carola Deuring fest.

»Du musst dich auch beeilen«, wurde sie von ihrer Mutter ermahnt. »Vati musste noch zur Bank wegen der Hypothek.«

»Gibt es Schwierigkeiten?«, fragte die zwanzigjährige Carola erschrocken. »Warum sagt ihr uns nichts, Mutti?«

»Ihr seid jung. Ihr sollt unbeschwert sein«, erwiderte Franziska Deuring. Da läutete es.

Sie konnte nicht ahnen, dass nun ihren vier Kindern alle Unbeschwertheit genommen werden würde.

Carola eilte zur Tür.

»Ich sage gleich ade, Mutti«, rief sie. Doch da erkannte sie Pfarrer Frerichs, den sie kürzlich während einer Sonntagspredigt in der Kirche gesehen hatte. »Herr Pfarrer?«, fragte sie atemlos. »Was führt Sie zu uns?«

Holger Frerichs blickte in das frische, natürliche Mädchengesicht. Sein Herz schlug dumpf.

Unwillkürlich musste er an Fritzi denken, die beide Eltern früh verloren hatte.

»Kann ich bitte Freu Deuring sprechen?«, fragte er leise.

»Mutti, der Herr Pfarrer«, rief Carola. »Ich muss ins Geschäft.«

»Bitte, bleiben Sie noch«, sagte er gepresst.

Ihre blauen Augen verdunkelten sich.

»Was ist denn?«, fragte sie erregt. »Mein Gott, es ist doch nichts mit Peter, Helga oder Volker? So reden Sie doch!«

Franziska Deuring stand in der kleinen Diele. Alles Blut war aus ihrem Gesicht gewichen.

Sie griff sich mit der rechten Hand an die Kehle, und ihre Augen weiteten sich schreckensvoll.

»Mein Mann!«, ächzte sie. »Was ist mit meinem Mann?«

Carola lehnte an der Tür. Sie zitterte am ganzen Körper. Holger Frerichs griff nach Franziska Deurings Hand.

»Bitte, setzen Sie sich, Frau Deuring«, sagte er stockend. »Ich habe eine …« Er kam nicht weiter.

»Er ist tot!«, schrie Frau Deuring auf. »O nein, das kann nicht sein! Sagen Sie, dass es nicht wahr ist! Der Traum, dieser schreckliche Traum kann nicht wahr sein!«

»Mutti, bitte, reg dich nicht auf! Vati war doch gesund und munter, als er ging. Herr Pfarrer, warum sagen Sie nichts?«

Holger senkte den Kopf.

»Es tut mir so unendlich leid«, flüsterte er hilflos. »Ich war dabei. Herr Deuring starb auf dem Transport ins Krankenhaus. Seine letzten Gedanken galten Ihnen, den Kindern. Verzeihen Sie, aber es musste Ihnen jemand die Nachricht bringen.«

Es peinigte ihn, dass er keine anderen Worte fand, keine finden konnte.

Das Leid, das er in diesen Sekunden miterlebte, war so grenzenlos, dass seine Lippen stumm blieben.

»Unser Vati …, es kann nicht wahr sein«, schluchzte Carola auf.

»Warum er? Mutti, es darf nicht wahr sein! Ich kann es nicht glauben!«

Mit leeren Augen blickte Frau Deuring ihre Tochter an.

»Ich habe es so sehr gefürchtet, Roli«, flüsterte sie. »Es war zu viel für ihn. Er wollte uns ein Heim schaffen, er hat zu viel für uns getan.«

Sie richtete sich auf, tränenlos, wie versteinert.

»Bitte, Herr Pfarrer, ich möchte jetzt zu meinem Mann«, sagte sie flehend.

»Mutti!«, schluchzte Carola. Voller Zärtlichkeit nahm Franziska Deuring ihre Älteste in die Arme.

»Wir können ihm nicht mehr helfen, mein Kind. Wir müssen jetzt sehr tapfer sein, Roli. Vati würde es von uns erwarten. Du musst in der Fabrik anrufen.«

»Ich kann nicht, Mutti. Ich kann es nicht sagen«, weinte das Mädchen.

»Ich werde es tun«, erklärte Holger Frerichs. »Ich kann es Herrn Münster persönlich sagen. Wir kennen uns.«

Er fuhr mit Franziska Deuring zum Krankenhaus. Mit gefalteten Händen saß sie neben ihm, still, in sich zusammengesunken.

»Wir haben vier Kinder«, sagte sie monoton. »Vor sechs Wochen haben wir das Haus bezogen. Hilmar hat sich so sehr gewünscht, ein Haus für uns zu bauen. Wir kommen aus Ostpreußen. Es hat lange gedauert, bis wir eine Heimat fanden. Wir waren so glücklich.«

Er konnte es sich vorstellen, das Haus vor Augen, die hübsche, mütterliche Frau, die reizende Tochter.

Die anderen Kinder würden auch nicht anders sein. Eine intakte fleißige Familie, nun ihres Vaters beraubt.

Er fühlte mit Franziska Deuring, die so tapfer erscheinen wollte und so von Schmerz zerrissen war.

Verstohlen wischte sie ein paar Tränen von ihren Wangen, als er vor dem Krankenhaus hielt.

»Ich danke Ihnen, Herr Pfarrer«, sagte sie bebend. »Wir werden uns ja wohl noch sehen.«

»Sie können auf mich zählen, Frau Deuring«, erwiderte er. »Wenn es Ihnen recht ist, werde ich nachmittags vorbeikommen.«

Sie nickte, dann ging sie mit gesenktem Kopf auf den Eingang zu.

Er musste zu einer Beerdigung. Und eine weitere würde ihm bald bevorstehen.

Doch heute Mittag musste er ein junges Paar trauen, das voller Zuversicht den gemeinsamen Lebensweg beschreiten wollte und ganz gewiss nicht an die Unabänderlichkeit des vorgezeichneten Schicksals glaubte.

Jetzt musste er tröstende Worte sprechen, später freudvolle. Es war sein Beruf! Nur ein Beruf?

Nein, es war eine Aufgabe, die er sich selbst gestellt hatte. Doch manchmal fiel es unendlich schwer, alles gottergeben hinzunehmen.

*

Harald Herwig, Abteilungsleiter in den Münster-Werken, ein Cousin des Industriellen, drückte die Sprechtaste.

»Frau Deuring, bitte zum Diktat«, sagte er ruhig.

Sekunden später tat sich die Tür auf. Ein junges, supermodern gekleidetes Mädchen erschien.

»Die Deuring fehlt«, erklärte es schnippisch. »Unentschuldigt.«

Die Narben in seinem Gesicht, die von einem schweren Autounfall herrührten, färbten sich dunkel.

»Danke«, erwiderte er scharf. »Sie können gehen, Frau Berg.«

Sie schürzte die Lippen, wagte aber nichts zu sagen, als sein eisiger Blick sie traf. Gekränkt zog sie sich zurück.

»Die Deuring ist Favoritin«, sagte sie gehässig zu ihrer Kollegin. »Sie kann es sich leisten, unentschuldigt zu fehlen.«

»Sie hat bisher nicht eine Stunde gefehlt«, erklärte die andere gerechterweise. »Überleg mal, wie oft du schon zu spät gekommen bist, Hanni.«

Es muss etwas pasiert sein, dachte Harald Herwig beklommen. Das gibt es doch gar nicht, dass Carola unentschuldigt fehlt.

Anrufen konnte er nicht. Sie hatten noch kein Telefon. Er überlegte ein paar Minuten.

Dann erhob er sich von seinem Schreibtisch und ging rasch durch das Vorzimmer, wo Hanni Berg und ihre ältere Kollegin saßen.

»Wetten, dass er ihr nachrennt?«, bemerkte Hanni Berg gehässig. »Die mit ihrem scheinheiligen Getue reißt sich den Junior unter den Nagel.«

»Spinn dich aus«, sagte die andere, die verheiratet war und mehr Sympathie für Carola Deuring hegte als für die kesse Hanni.

»Carola ist ein solides Mädchen. Man kann’s nicht allein mit Miniröckchen machen.«

Harald Herwig hörte das nicht, und er hätte solchem Gerede auch keine Beachtung geschenkt. Er mochte Carola Deuring, wenngleich er sich dies bis zum heutigen Tag auch nicht eingestanden hatte.

Sie war eine sehr zuverlässige Stenotypistin, trotz ihrer Jugend. Sie war gewissenhaft und fleißig und scheute auch keine Überstunden. Und sie war immer pünktlich auf die Minute.

Es muss etwas passiert sein, ging es ihm wieder durch den Sinn. Es wurde ihm heiß und kalt bei diesem Gedanken.

Schneller, als er es sonst tat seit seinem Unfall, steuerte er die schwere Limousine durch die engen Straßen von Hohenborn.

Es war nicht leicht, das Haus zu finden, das die Deurings seit ein paar Wochen bewohnten. Es lag außerhalb, und nur drei Häuser standen hier.

Würde es Felix eigentlich billigen, dass er sich persönlich nach dem Befinden einer Angestellten erkundigte? Augenblicklich war ihm das jedoch gleich. Er stieg aus und läutete.

Niemand öffnete. Sie lebt doch bei ihren Eltern, dachte er. Jemand müsste doch da sein!

Er läutete wieder und noch einmal. Dann wurde die Tür zaghaft geöffnet.

Carolas verweintes Gesicht erschien. Er sah nur ihr Gesicht und eilte die Treppe empor.

»Herr Herwig«, flüsterte sie. »Pfarrer Frerichs wollte Bescheid sagen …« Wieder erstarb ihre Stimme in einem Schluchzen. »Mein Vati, unser Vati …, er ist gestorben«, fügte sie dann erstickt hinzu.

»Nein!«, rief er unwillkürlich aus und griff nach ihrer Hand.

»Heute Morgen …, es kam ganz plötzlich … Er ist auf der Straße zusammengebrochen«, brachte sie mühsam hervor. »Ich wollte gerade gehen, als Pfarrer Frerichs kam. Werde ich nun meine Stellung verlieren?«

»Wie können Sie so etwas denken«, murmelte er. »Es tut mir entsetzlich leid. Ich hatte gefürchtet, dass Ihnen etwas passiert sein könnte. Was kann ich für Sie tun?«

»Ich weiß gar nicht, wie es weitergehen soll ohne Vati. Er war so gut. Meine Geschwister …, sie wissen es noch gar nicht. Sie sind in der Schule. Volker ist doch erst elf. Aber ich will Sie nicht aufhalten, Herr Herwig. Vielen Dank, dass Sie gekommen sind. Wir müssen uns jetzt erst zurechtfinden. Es kam zu plötzlich.«

Er umschloss ihre bebende Hand mit festem Griff.

»Bitte, verzweifeln Sie nicht, Carola«, erklärte er leise. »Betrachten Sie mich nicht als Ihren Chef, sondern als Freund, der Ihnen helfen möchte. Das möchte ich sehr gern. Wenn Sie Sorgen haben, sagen Sie es mir.«

Sorgen hatte ihr Vater heute Morgen anscheinend auch gehabt, wegen der Hypothek. Aber von den Geldangelegenheiten wussten sie nicht viel, und augenblicklich erschien ihr das auch nebensächlich.

»Ich kann doch keine Sonderrechte in Anspruch nehmen«, flüsterte sie.

»Sonderurlaub steht Ihnen jedenfalls zu. Ihre Mutter wird Sie jetzt brauchen. Wir werden zu anderer Stunde ausführlicher alles besprechen.«

Als er dann gegangen war, erschien es ihr wie ein Traum.

Harald Herwig war zu ihr gekommen. Er hatte sich um sie gesorgt.

Ein Staunen war in ihr. Er war ein vorbildlicher Chef, immer höflich und ohne Launen, aber doch sehr reserviert und wortkarg.

Sie konnte es noch gar nicht begreifen, dass er hierhergekommen war und so liebe und mitfühlende Worte gefunden hatte. Als Freund sollte sie ihn betrachten.

Wie hatte Vati doch immer gesagt? Freunde in der Not gehen hundert auf ein Lot.

Aber nun war er tot. Nie wieder würde er zurückkommen. Sein Platz am Tisch würde leer bleiben. Es war unvorstellbar.

Doch sie war die Älteste. Sie musste sich zusammennehmen, damit es für ihre Mutter nicht noch schwerer wurde.

*

Als Harald zum Werk zurückfuhr, kam ihm der Gedanke, dass es Carolas jüngeren Geschwistern schonend beigebracht werden müsste, was geschehen war, damit sie nicht ganz unvorbereitet mit der grausamen Tatsache konfrontiert wurden.

Vielleicht konnte er Dr. Fabian Rückert erreichen, den jungen Studienrat, mit dem er gut Freund war.

Der Hausmeister erklärte ihm mürrisch, dass die zweite Schulstunde bereits begonnen hätte und er den Unterricht nicht stören dürfte.

»Es handelt sich um einen Todesfall«, entgegnete Harald Herwig.

»Ach, Sie meinen Herrn Deuring? Das haben wir schon erfahren.«

»Die Kinder auch?«, fragte Harald erschrocken.

»Sie sind gerade beim Direktor. Er wird es ihnen mitteilen. Dann werden sie nach Hause geschickt.«

Sie werden nach Hause geschickt. Drei Kinder, die sich am Morgen noch fröhlich von ihrem Vater verabschiedet hatten, sollten allein einen kummervollen Heimweg antreten.

Er wartete. Der Hausmeister sah ihn forschend an.

»Das geht schon in Ordnung. Oder sind Sie ein Verwandter?«, fragte er.

»Ein Freund der Familie«, erwiderte er. »Ich werde die Kinder heimbringen.«

Da kamen sie schon langsam die Treppe herunter. Ein hochaufgeschossener blonder Junge, der an der rechten Hand den Jüngsten hielt und seinen anderen Arm um die Schultern eines zierlichen Mädchens gelegt hatte, das wie eine Marionette neben ihm ging. Sie sah Carola sehr ähnlich.

Harald Herwig hatte Hemmungen. Die Kinder kannten ihn nicht. Wie würden sie es auffassen, wenn er sie ansprach?

Er überwand seine Scheu, trat einen Schritt näher, als sie die Halle erreicht hatten, und sagte schlicht: »Ich bringe euch heim. Mein Name ist Herwig von den Münster-Werken.«

»Carolas Chef?«, fragte der kleine Volker leise.

Harald nickte.