Wir um 2000 -  Band 2 - Heinrich Werner - E-Book

Wir um 2000 - Band 2 E-Book

Heinrich Werner

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Beschreibung

Wenigstens seit dem Ende des zweiten Weltkriegs bin ich, der Autor, ein bewusster Zeitzeuge eines ununterbrochenen gesellschaftlichen Wandels. Das bewog mich, für meine Enkel das aktuell erkennbare Weltbild im Jahr 2000 mit seinem Zeitgeist an der aktuell erkennbaren Wirklichkeit zu reflektieren. Ursprünglich sollte nur für sie die Wirklichkeit durch die Beobachtung des Zusammenhangs von Physik und Transzendenz skizziert und zum Zeitpunkt ihrer Volljährigkeit an sie ausgehändigt werden. Doch, veranlasst durch die lebhafte Nachfrage nach einzelnen Kapiteln, habe ich mich zu einer Veröffentlichung des gesamten Inhalts unter dem Titel „Wir um 2000“ entschlossen. In drei Teilen wird aus der Perspektive der modernen Naturwissenschaft, der Religion und der Philosophie auf die Unvollständigkeit der rein rational erfahrbaren Welt verwiesen. Denn die nichtsichtbare Ordnungsstruktur der ganzheitlichen Welt ist die vollkommene und unveränderbare Wirklichkeit. 1. Teil : „Die Situation um die Jahrtausend-Wende“, beschreibt die komfortable Lage in Mitteleuropa, beeinträchtigt von unseren selbstverursachten Schwierigkeiten. Es werden die gelebten Situationen mit der eigentlichen Wirklichkeit in einen Vergleich gestellt. Eine Wirklichkeit, nach der wir leben könnten, fände die Priorität von Werten angemessene Beachtung. 2. Teil : „Der äußere und der innere Mensch“, schildert die unterschiedlichen bis gegensätzlichen Bedürfnisse des Menschen, von der Zeitlosigkeit vor seiner Geburt bis in den physischen Tod. Teil 2 veranschaulicht die Egostrategie im Gegensatz zu den Interessen für Spiritualität und betont die Nachhaltigkeit eines ganzheitlich gestalteten Lebens. 3. Teil : „Quantenphysik und das Evangelium des Johannes“, verweist auf den engen Zusammenhang von Geist und Struktur sowohl im Evangelium als auch im subatomaren Feld der modernen Physik. In der Konsequenz wird der Einfluss des Denkens auf die Materie – und Mystik als Schritt der menschlichen Evolution angesprochen.

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Seitenzahl: 219

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Bedanken möchte ich mich bei meiner Frau Erika für ihre Anteilnahme. Sie ist leider im Februar 2013 verstorben.

Mit ihr hatte ich bei den meisten hier angeführten Argumenten einen engagierten Gedankenaustausch, der unserem Inneren zu einem Entwicklungsprozess mit nachhaltiger Wirkung verhalf.

Ihr möchte ich diese Darlegungen widmen.

Mein Dank richtet sich auch an die Studiendirektorin Frau Inge Goblirsch, die Korrektur gelesen hat.

Zusätzlich bedanke ich mich noch bei den vielenHelfern, die mir uneigennützig ihre Dienste zukommen ließen.

Sie bleiben mir mit ihrem Beistand in lieber Erinnerung.

Werner M. Heinrich

Inhalt

1.0 Die Situation um die Jahrtausend-Wende

Vorwort

2.0 Der äußere und der innere Mensch

2.1 Der äußere Mensch

2.2 Das Ego, der Stratege des äußeren Menschen

2.3 Der innere Mensch

2.4 Positivismus kontra Ganzheitlichkeit

2.5 Merkmale des inneren - bzw. äußeren Menschen und ihre Wirkungen

2.6 Der innere Mensch, die Quelle des Lebens

2.7 Spirituelle Entwicklung und physischer Tod

Literaturhinweis

3.0 Quantenphysik und das Evangelium des Johannes

Vorwort

Bei wohlwollender Betrachtung könnten die vorliegenden Aufzeichnungen als Aphorismen bezeichnet werden. Sie sind für meine Enkel gedacht und sollen ihnen Lebenserfahrungen auf ca. 300 Seiten DIN A4 en bloc vermitteln. Um sie zu sammeln, benötigte ich etwa 70 Jahre und mehrere Jahre, um sie niederzuschreiben.

Gleichzeitig verbinde ich an meine jungen Leser den Anspruch, sich mit den dargebotenen Themen vertraut zu machen, um ihr Bewusstsein auf einer Ebene zu halten, die es ihnen erlaubt, sich wirklichkeitsnah für die alltäglichen Herausforderungen zu qualifizieren, anstatt aus Ahnungslosigkeit in vermeidbaren Kalamitäten unterzugehen.

Schließlich wäre es mir eine Freude, wenn meine Nachkommen Familienwissen übernehmen, bewahren und vertiefen, so dass es schließlich zur Basis ihrer Persönlichkeitsentwicklung wird. Die Schere von Bildung und Unkenntnis wird sich künftig in der Bevölkerung noch deutlicher öffnen als bisher, daher ist es von Vorteil sich auf der richtigen Seite zu wissen.

Die von mir dargelegten Gedanken sind Bemerkungen zu Feststellungen und Sichtweisen, so wie sie sich mir um die Jahrtausendwende boten, oft außerhalb von den von der Tagespresse berichteten Ereignissen. Wirklich Interessantes, von dem die Welt voll ist, wie bleibende Werte oder der dynamische „Organismus“ der eigentlichen Wirklichkeit, findet in den Medien selten sachlichen Widerhall.

Wenn ich mich als Ingenieur jetzt mit der Transzendenz beschäftige, so eröffne ich für mich in meinem Denken ein interdisziplinäres Feld, dessen Bedeutung weniger auf einer breiteren – jedoch auf einer höheren, wirklichkeitsnäheren Ebene (n. Cusanus) zu sehen ist. Dort kooperieren Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft im System der Ganzheitlichkeit. Heute halten Ganzheitlichkeit nur wenige für möglich, weil wir das ausschließlich positivistische Weltverständnis immer noch nicht überwunden haben. Bei allem Respekt vor konsequentem Positivismus – wir verdanken ihm unseren technischen Fortschritt – ist zu bedenken, dass Naturwissenschaft allein die tief greifenden Probleme des Menschen nicht löst, sondern eher verschärft.

Dieses Faktum weist darauf hin, dass für den Erfolg ein gebührendes Maß an Religion und Philosophie im Tagtäglichen notwendig und auch bereits vorhanden ist. Niemand muss die Welt und ein stimmiges Leben neu erfinden.

Aus unserer Unkenntnis über die Wirklichkeit beurteilen wir ungezwungen Transzendentes vom Standpunkt der klassischen Physik her oder gemäß der empirischen Erfahrung. Notwendig wäre aber, Alltägliches vom Standpunkt der Transzendenz her zu begreifen.

So leben wir in heiterer Orientierungslosigkeit, ungebremst wider die Natur. Die Funktionen der Quantenmechanik, zusammen mit dem Potential des Neuen Testaments, repräsentieren diese Natur. Wir könnten deren Lehren nutzen.

Bei der Wahrnehmung unseres inneren Menschen, als auch des inneren Menschen anderer Personen, wird ein Netzwerk der Beziehungen deutlich und wirksam. Schließlich verblüfft noch die moderne Physik mit dem Hinweis, dass auch alle Objekte miteinander in Beziehung stehen und wir mit ihnen. Nichts ist so vereinzelt wie es uns erscheint.

Das zwischenmenschliche Beziehungsgeflecht kann durch Bewusstseinsinhalte wie Wohlwollen, Dankbarkeit oder Vergebung aktiviert werden. Diese wirken beispielhaft verbindend zu den Mitmenschen, nonverbal, zeitlos und über deutliche Entfernungen. Das zu wissen ist von unschätzbarem Wert, weil eine derartige Verbindung eine mächtige Funktion ausübt; im Gegensatz zur unnatürlichen Isolation des Individualisten oder Egoisten, der allein nicht wirklich lebensfähig ist.

Liebe Enkelkinder! Persönliche Sichtweisen aus der Erfahrung eines fast gelebten Lebens zu vermitteln, sehe ich als Erziehungsauftrag für Großeltern. Das veranlasste mich unter dem Eindruck der Gesamtsituation zum Jahrtausendwechsel mit der Aufzeichnung von Gedanken für Euch zu beginnen. Ich wünsche mir für Euch zukünftig so viel innere Freiheit, um den Moden Eurer Zeit seltener zu verfallen, und das klare Bewusstsein, dass Eure aktuelle Lebenssituation immer aus Euerm persönlichen Geist heraus geschaffen wurde.

Euer Opa.

2.0 Der äußere und der innere Mensch

Es ist eine unverkennbare Tatsache, dass der Mensch nach dem Überschreiten seiner Lebensmitte immer deutlicher mit der Verminderung seiner physischen Leistungsfähigkeit konfrontiert wird. Sogar Spitzensportler, wie Schwimmer oder Tennisstars sind bereits mit 30 am Ende ihrer Karriere.

Demgegenüber gewinnt die Chance der Selbst-Findung mit der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit immer mehr an Bedeutung. Vorausgesetzt ist ein Bewusstsein, das von einem ganz persönlichen Selbst weiß, das unabhängig von den Ansprüchen der Körperlichkeit ist.

Das persönliche Selbst ist der „Teil“ des Menschen, der von Paulus als der inwendige oder innere Mensch bezeichnet wird (2. Kor. 4/16):

„… und wenn der äußere Mensch aufgerieben wird, der innere wird von Tag zu Tag erneuert.“

Die Existenz des Äußeren und des Inneren, des Körpers und des Geistes, vor allem ihre Verschiedenheit wurde von Rene Descartes zum Beginn der Neuzeit definiert, und dabei mit dem Hinweis versehen, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun habe. Dass Geist und Körper miteinander in Wechselwirkung stehen, wie die Epigenetik das heute erläutert, wurde von ihm seinerzeit nicht anerkannt.

Grundlegende Gegebenheiten der Entwicklungsgeschichte werden im Jahr 2000 von fundamentalistischen Gruppierungen immer noch nicht verstanden, denn sonst würden sich Kreationisten und Darwinisten statt in den Haaren – in den Armen liegen. Denn für den äußeren Menschen gilt die Evolutionstheorie Darwins. Sie beschreibt nachweislich den Wandel der genetischen Strukturen über die Jahrtausende. Deutliche Veränderungen, „Modellüberarbeitungen“ sind nicht zu leugnen. Epigenetiker können die Veränderungen der genetischen Beschaffenheit schon durch Langzeitversuche über zwei Generationen nachweisen.

Der innere Mensch ist von Gott als das Ebenbild Gottes individuell und unwandelbar erschaffen. Die Ebenbildlichkeit liegt in der Geistigkeit der Person, die auch die Vitalität mit beinhaltet, nicht aber die Körperlichkeit. Der innere Mensch bedient sich der materiellen Struktur, mit der er ein körperliches Leben lang Erfahrung sammelt. Er wurde in der Transzendenz, außerhalb der Zeit erschaffen, in die er nach dem Verlassen des Körpers wieder zurückkehrt. Spätestens zum Ende des körperlichen Lebens sollte das Bewusstsein die „Pferde wechseln“ und sein Interesse auf das zeitlose Selbst lenken, um nicht im Todeskampf des äußeren Menschen voll involviert zu sein, weil es nichts anderes kennt.

C. G. Jung unterscheidet zwischen dem Unterbewussten, das für die Seele steht und dem Bewusstsein, das vom Verstand (Gehirn) gebildet wird.

Die Seele oder das Selbst enthält neben dem Leben, das ewig besteht, auch den Geist des Menschen, der wie das Leben von Gott stammt. Hingegen ist der Verstand, die Denkfähigkeit, das Bewusstsein, ein Produkt des Gehirns. Das Gehirn der Menschen wurde im Laufe der schöpferischen Evolution, bis zur heutigen Komplexität entwickelt. Es ist, unter naturwissenschaftlichen Aspekten betrachtet, das Komplizierteste das es auf Erden gibt.

Die unterschiedliche Funktion (Wirkung) von Geist bzw. Verstand, wird auch bei Paulus im 1. Brief an die Korinther in Kap. 2 angesprochen. Dabei wird auf die Ablehnung des Geistes durch den Verstand, aus einem naturwissenschaftlichen, weltlichen Blickwinkel, hingewiesen.

Vers 12: „Wir… haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist der aus Gott stammt, damit wir das erkennen, was uns von Gott geschenkt worden ist.“

Vers 13: „Davon reden wir auch nicht mit Worten, wie menschliche Weisheit sie lehrt, sondern wie der Geist sie lehrt, in dem wir den Geisterfüllten das Wirken des Geistes deuten.“

Vers 14: „Der irdisch gesinnte Mensch aber lässt sich nicht auf das ein, was vom Geist Gottes kommt. Torheit ist es für ihn, und er kann es nicht verstehen, weil es nur mit Hilfe des Geistes beurteilt werden kann.“

Es ist der innere Mensch, der mit dem Geist die Dinge anders beurteilt als der äußere Mensch, der sich mit dem Verstand unter Egoaspekten entscheidet.

Aus Vers 13 und 14 ist zu erkennen, wie unergiebig Diskussionen zwischen weltlichen und spirituellen Positionen verlaufen. Bei Vers 13 klingt auch an, dass demjenigen, der für den Geist aufgeschlossenen ist, bei entsprechender Deutung sich weitere Räume für Erkenntnisse (über die positivistische Betrachtungsebene hinaus) öffnen.

Der Philosoph Henry Bergson spricht wie Paulus vom inneren und äußeren Menschen. Und der Gehirnforscher und Nobelpreisträger John Eccles, unterscheidet zwischen dem Gehirn und dem inneren Selbst.

Karlfried Graf Dürkheim erklärt, dass das Innere und das Äußere unterschiedlichen Ursprungs seien, wobei der innere Mensch von Gott geschaffen wurde, und die Körperlichkeit von den Eltern stammt:

„Wir sind doppelten Ursprungs, unendlichen und endlichen, himmlischen und irdischen Ursprungs.… Es gibt die Erfahrung des himmlischen Ursprungs als unserer eigentlichen Heimat, deren wir uns bewusst werden, wenn wir es vermögen, uns von der Herrschaft unseres Welt-Ichs zu befreien und in uns das zulassen von dem es uns trennt.“

Im praktischen Alltag, im Beruf, in der Gesellschaft, wird dem inneren Menschen wenig Bedeutung beigemessen. Für viele ist er nicht existent, denn er kommt in der alles dominierenden Naturwissenschaft überhaupt nicht vor. Der innere Mensch ist mit keinem noch so sensitiven Gerät messbar und in Folge dessen in der Anatomie des Menschen „nachweislich“ nicht vorhanden. Auch C. G. Jung bemerkt (20):

„Selbst die moderne Psychologie hat größte Mühe, der menschlichen Seele ein Existenzrecht zu vindizieren und es glaubhaft zu machen, daß die Seele eine Seinsform mit erforschbaren Eigenschaften ist… Daß sie (die Seinsform) nicht nur an einem Außen hängt, sondern auch ein autonomes Innen besitzt, und daß sie nicht bloß ein Ichbewußtsein, sondern eine im wesentlichen nur indirekt erschließbare Existenz darstellt.“

Gemäß dieser Perspektive ist es von existentieller Bedeutung, sich des inneren Menschen bewusst zu werden, denn er ist die eigentliche Person, das eigentliche Ich-Selbst, der Wesenskern oder das Wesen des Menschen. Dementsprechend kann eine Entwicklung des Menschen nur dadurch initiiert und voran gebracht werden, indem der Seele, dem inneren Menschen, immer mehr an Bedeutung beigemessen wird; ein Prozess der gleichzeitig den Ansprüchen des Ichbewusstseins, dem Ego, dem Welt-Ich, eine verminderte Gewichtung zukommen lässt, und in der Konsequenz dem äußeren Menschen mehr und mehr die Grenzen aufzeigt. Denn das Ego kann die autonome Seele nicht steuern, aber sie in unserem Bewusstsein unterdrücken.

Da unsere Sprache aus der empirisch gebildeten Vernunft, der praktischen Erfahrung heraus, sich an physischrationalem orientiert, ist es schwierig die Wirklichkeit von Nichtgegenständlichem, Geistlichem klar zu benennen, es fehlen die treffenden Worte. Dies führt dazu, dass für den inneren Menschen noch weitere Definitionen gebräuchlich sind, wie z. B. die Mitte der Person, das Herz, das innere Selbst und nicht zuletzt die Definition nach Anton Grabner-Haider (21):

„Die Seele ist im AT zunächst das was den lebenden Menschen vom toten unterscheidet.… In der griech. Philosophie steht die Seele des Menschen, als Träger der Erkenntnis vom Sein… sie ist nicht vom körperlichen Tod betroffen.“

Obwohl der Mensch sein eigentliches Selbst – also seine innere Person – nicht vergegenständlichen kann, so ist es doch möglich es zu erweisen.

Der äußere Mensch kann Hunger haben oder satt sein, der innere Mensch kann Gier nach Ehre oder Erfolg verspüren oder sich seiner Zufriedenheit erfreuen. Der äußere Mensch kann die Temperatur eines Raumes als zu kalt oder als behaglich empfinden. Der innere Mensch jedoch empfindet die Atmosphäre eines Raumes als gemütlich, nüchtern oder gar frostig, je nach der vorherrschenden Stimmung. Der auf Äußeres bedachte Mensch ist beeindruckt vom Aussehen oder Auftreten eines Mitmenschen, aber nur der innere Mensch empfindet die Ausstrahlung seines Wesens.

Für jeden ist das Innere einer Person, durch das Wesen das sie ausdrückt erfahrbar. Der Ausspruch: „Dieser hat ein angenehmes Wesen“, oder „jener hat eine unangenehme Art im Umgang mit anderen“, trifft genau den inneren Menschen der betrachteten Person.

Sogar Wesenszüge wie Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, Barmherzigkeit, Verständigungsbereitschaft etc. können ganz real wahrgenommen werden, sodass der innere Mensch gar nicht, so als ob nicht vorhanden, abqualifiziert werden kann. Er ist also wirklich, weil er wirkt.

Die Beachtung und schließlich die Harmonisierung des Verstandes mit dem inneren Menschen, ist von fundamentaler Bedeutung, denn es ist die einzige Möglichkeit, der Selbstverlorenheit zu entgehen.

Theresa von Avila schreibt zur Bedeutung der Selbsterkenntnis:

„Erschiene es nicht als eine schreckliche Unwissenheit, wenn jemand keine Antwort wüsste auf die Frage, wer er ist und wer seine Eltern sind und aus welchem Lande er stammt? Wäre dies ein Zeichen viehischen Unverstands, so herrschte in uns ein noch unvergleichlich schlimmerer Stumpfsinn, wenn wir uns nicht darum kümmerten zu erfahren, was wir sind, sondern uns mit diesen Leibern zufrieden gäben und folglich nur so von obenhin, vom Hörensagen, weil es der Glaube uns so lehrt, davon wüssten, daß wir eine Seele haben.“

Bei dem existenznotwendigen Prozess der Selbstfindung und Orientierung des Verstandes am eigenen Selbst wird der Mensch im Laufe der Zeit ein Auseinanderleben des inneren und äußeren Menschen mit Gelassenheit und Genugtuung erkennen, denn Letzterer unterliegt dem allmählichen aber unaufhaltsamen Verfall. Hingegen heißt es im Thomas Evangelium, Vers 111:

„…´Denn´ sagt Jesus, ´wer sein Selbst findet steht über der Welt´“

Über der Welt stehen bedeutet: über sie und über das Gegenständliche hinaus reichen, das dem Organisationsbereich des äußeren Menschen angehört. Es bedeutet, sich der Transzendenz zu nähern. Die Transzendenz liegt außerhalb der sinnlich erkennbaren Welt. Eine Annäherung an sie ist dem inneren Menschen vorbehalten. Hingegen kommt der äußere Mensch über die Erforschung der Natur nicht hinaus.

Transzendenz ist das physikalisch nicht messbare, so definiert es der Physiker Lothar Schäfer (4):

„Als transzendent bezeichne ich alle jene Aspekte, Elemente oder Bedingungen unserer Existenz, die jenseits unserer direkten Kontrolle liegen, jenseits der sichtbaren Oberfläche der Dinge und jenseits aller Begründungen durch unseren Verstand und unserer Sinneserfahrung. Transzendente Wirklichkeit ist z. B. der Teil der physikalischen Wirklichkeit, den wir nicht direkt beobachten können und der von der gewöhnlichen Wirklichkeit der bewussten menschlichen Erfahrung verschieden ist.… Die physikalische Wirklichkeit ist nicht so, wie sie aussieht. Das menschliche Wissen ist nicht so, wie es sich anfühlt. Und die menschliche Natur ist am allerwenigsten verstanden, obwohl sie doch eigentlich uns gehört.“

Die menschliche Natur wurde im Grunde auch bei denen, deren Aufgabe es ist darüber nachzudenken, noch nie zweifelsfrei definiert. Denn das Menschenbild ändert sich durch den fortlaufenden Erkenntniszuwachs und im Wandel der Zeit.

Descartes bestätigte seine Existenz durch die Schlussfolgerung: „Ich denke also bin ich.“

Nur wer oder was da denkt, ist bis heute noch nicht eindeutig geklärt; und wer oder was das Ich ist, ebenso wenig.

Wer oder was der Mensch ist, empfindet jeder subjektiv anders. Der Mensch definiert sich über seine Selbstwahrnehmung. Die Selbstwahrnehmung wird gebildet: durch Faktoren wie den Zeitgeist den er zulässt; von seinem Bildungsstand oder seiner ideologischen Position die er einnimmt; von den Neigungen und Zweckmäßigkeitsbedürfnissen des Betrachters, also den Vorstellungen seines Egos, etc. Deshalb ist die menschliche Natur heute, obwohl sie doch eigentlich zu uns gehört, so unverbindlich und variantenreich beschrieben, wie nie zuvor.

Beginnt man bei der Betrachtung des Menschen mit dem, das sich am augenfälligsten präsentiert, also mit dem Körper, so ist bekannt, dass dieser aus Atomen besteht, die alle aus der Natur kommen, also vom Ackerboden und vom Regen. Kein einziges Atom kommt von wo anders her. Die Atome des Körpers unterscheiden sich auch nicht von denen in der Natur. Dass jemand aber aussieht wie Hans Peter oder Marie Luise, liegt an einem „Bauplan“ der von der Wachstums-Systematik des Körpers als lesbar erkannt wird. Die Art der Anordnung der atomaren Struktur, ist durch die Gene geregelt, die ihre „Informationen“ von den Ahnen übertragen bekamen und diese für den „Bauplan“ bereitstellten.

Die Gene betreffen aber nur die rein materielle Struktur und die daraus ableitbaren körperlichen Funktionen, aber auch ihre Anfälligkeit, angefangen in etwa beim Kehlkopf und den Stimmbändern, die die Stimmlage und die Klangfarbe der Stimme ergeben, bis zur Form der Fußnägel, die im hohen Alter zum einwachsen neigen oder auch nicht.

Gene haben aber nicht den geringsten Einfluss auf den geistig-seelischen Bereich einer Person, denn Gene bestehen selber nur aus materiellen Atomen. Dass Material keine menschlichen Wesens- oder Charaktermerkmale enthalten kann, ist ein Gedanke, der heute nicht mehr von allen widerspruchslos hingenommen wird, weil Positivisten auch für Geistliches, die Materie als Träger von Informationen benötigen, obwohl die Wissenschaft dafür noch nicht den kleinsten Hinweis geliefert hat.

Das Niveau der charakterlichen Bildung ist die Lebensleistung eines jeden Individuums. Sie betrifft eine der bedeutendsten Sinnfragen unseres Erdendaseins und darf schon deshalb nicht vererbt werden, auch nicht in geringsten Ansätzen. Die vollbrachte charakterliche Bildung ist das „verdiente Kapital“ das ins Jenseits mitgenommen wird.

C. G. Jung berichtet über seine Nahtoderfahrung (35; S. 294):

„… alles… was ich je gelebt oder getan hatte, alles was um mich geschehen war, war nun bei mir… und das war ich. Ich bestand aus meiner Geschichte.… Ich bin dieses Bündel von Vollbrachtem und Gewesenem.“

Die Persönlichkeitsbildung findet nicht „auf“ der sterblichen Materie statt, die schließlich zurückgelassen werden muss, sondern in einem unsterblichen Bereich, dem Geist des Menschen, der mit dem lebendigen Selbst den unsterblichen inneren Menschen bildet.

Das Selbst ist Gottes Schöpfung, es hat keinen irdischen Ursprung. Papst Pius XII hat 1950 anerkannt (48; S.47): „Die Geistseele… sei unmittelbar von Gott erschaffen.“ Sie ist, zusammen mit dem Geist, das lebendige Selbst. Auch der Physiker Paul Davies zitiert (55; S.121) den Nobelpreisträger John Eccles: „Jedes Selbst ist eine göttliche Schöpfung“.

Jede Persönlichkeit ist daher von Geburt an ganz individuell mit seinen Wesensmerkmalen ausgestattet und bildet sie eigenverantwortlich weiter. Weder das Selbst noch das Ego, das mitunter als das „Ich“ bezeichnet wird, kann von den Ahnen übertragen werden, noch familiär geprägt – oder gar ethnisch „eingefärbt“ sein.

Traditionen im Bereich des Geistes gibt es nicht. Familientraditionen sind der Wille des Egos, eines ausgeprägten Familiendünkels, die eigene Gruppe nach außen abzugrenzen. Die Trennung von der Allgemeinheit, u. U. mit einem Wappen besiegelt, ist mittelalterliches Geschlechterdenken. Es widerspricht der christlichen Vorstellung von der brüderlichen Verwobenheit aller, in dem kohärenten System der Schöpfung Gottes. Die Geistseele kommt nicht aus der Familie, nur der Gedanke der Abgrenzung entspringt dem Familiendünkel, einem brunftähnlichen Egoverhalten.

Kinder sind weder das Eigentum der Eltern, noch das Erzeugnis der Familie. Sie erhalten durch die Ahnen nur ihr körperliches Aussehen, so wie sie von den Eltern ihre Versorgung und Bildung bekommen. Das macht die Eltern zu Betreuern, aber nicht zu Besitzern.

Der Philosoph Khalil Gibran lässt den Propheten al-Mustafa sagen (53; S.19):

„… Euere Kinder sind nicht euere Kinder.

Sie sind die Söhne und die Töchter der Sehnsucht nach sichselbst. Sie kommen durch euch, doch nicht aus euch,Und sind sie auch bei euch, gehören sie euch doch nicht.“

„… Ihren Körpern dürft ihr eine Wohnstadt bereiten, doch nicht ihren Seelen;

… Ihr dürft danach streben, ihnen ähnlich zu werden,doch versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen…“

„Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebendige Pfeile abgeschnellt werden. Der Schütze sieht die Zielscheibe auf dem Pfad des Unendlichen, und er beugt euch mit Macht, damit seine Pfeile umso geschwinder und weiter fliegen.

Freut euch der Beugung, die euch die Hand des Bogenschützen aufzwingt; Denn so wie er den flüchtigen Pfeil liebt, liebt er auch den verharrenden Bogen.“

Die Persönlichkeit des Neugeborenen stammt aus dem Bereich der Transzendenz, sein Körper hingegen wurde aus dem Stoff der Umgebung gebildet, lediglich die „Hinweise“ wie der Stoff strukturiert werden kann, kommen von Ahnen, die z. T. nicht mehr unter den Lebendigen weilen. Von den Eltern kommt auf direktem Wege wenig, ausgenommen die Intension.

Talente, Kreativität oder Genialität die immer geistig sind, können deshalb weder von den Eltern oder Ahnen stammen, noch sind sie erlernbar. Jeder kann Musik studieren und dann ein Musiker sein. Aber keiner kann die Genialität von Beethoven lernen und dann wie Beethoven sein. Es ist der innere Mensch der „Sensoren“ in den Bereich der Transzendenz hat, aber auch mit dem äußeren Menschen in Kontakt steht, wenn dieser auf ihn „hört“.

Weil die Geistseele als Gottes Schöpfung, als das Kind Gottes, nicht beim körperlichen Anfang entstanden ist, stirbt sie auch nicht beim körperlichen Ende. Neurologen mit positivistischer Einstellung, können dem nicht zustimmen. Für sie existiert der Geist als Wirkung im Gehirn, das seine Ursache ist, und sonst nirgends; weil für sie nur im aktiven Gehirn Ströme messbar – und Reaktionen feststellbar sind. Außerhalb des Gehirnmaterials kann niemand etwas messen. Für Positivisten existiert nichts, was nicht durch messen, zählen oder wiegen erfassbar ist. Für sie ist die Geistseele darum reine Spekulation.

Auch für viele Biologen kommt Leben nicht aus dem Geist Gottes, sondern aus dem Stoff. Etwas anders können auch sie, bei ihrem naturwissenschaftlichen Weltbild, das immer positivistisch bleiben muss, nicht herleiten. Wo bleibt aber die, für Positivisten unabdingbare Verifikation, dass aus totem Material Leben entstanden ist?

Eine weitere Änderung erfährt das Menschenbild, wenn die moderne Physik ins Spiel gebracht wird. Auf der Ebene der Transzendenz, als auch in der modernen Physik, wird die Verbundenheit von Allem erfahren, auch die Einheit von Körper und Geist, sowie die von Gott und seiner Schöpfung. Die Materie der Newtonschen Mechanik, eine Anhäufung von kleinsten aber getrennten Objekten, wird dann nicht mehr als wirklich empfunden. Laut L. Schäfer ist die physikalische Wirklichkeit nicht so wie sie aussieht. Wenn sie aber so wäre wie sie aussieht, also eine positivistische Wirklichkeit, hätte Jesus seiner Zeit keine Wunder vollbringen können. Jesus demonstrierte seine geistige Macht auf der Grundlage der geistigen Wirklichkeit. Die geistige Wirklichkeit ist eben das Bewusstsein, dass es der Geist ist der lebendig macht und das Fleisch nichts nützt (Joh. 6/63). Viele Psychotherapeuten demonstrieren heute ihren Einfluss bei Patienten auf der Grundlage einer verbesserten Psyche und erzielen damit, bei psychosomatischen Störungen, eine Verbesserung des erkrankten materiellen Zustands.

Wunder bedürfen der Bewusstseinsänderung und der Erkenntnis von den geistigen Zusammenhängen aller „Dinge“. Wunder werden in der eigentlichen Wirklichkeit generiert.

Vor allem gilt die Materie nicht mehr als konkret. Sie ist ein durch Denken beeinflussbarer Prozess und verliert dadurch ihre starre Unveränderbarkeit.

John Horgan schreibt über die elementaren Teilchen der Materie (11; S. 130 u. 132):

Photonen, Neutronen und selbst ganze Atome verhalten sich manchmal wie Wellen manchmal wie Teilchen.…sie haben überhaupt keine bestimmte Form, solange man sie nicht wirklich mit Hilfe eines Messvorganges beobachtet.

Die meisten Physiker sind sehr naiv; sie Glauben immer noch an wirkliche Wellen oder Teilchen. (A. Zeilinger Uni. Innsbruck).

Tatsächlich… so sagt Wheeler, sind Quantenphänomene an sich undefiniert, bis zu dem Moment, in dem sie gemessen werden.

Man sagt, ein unbeobachtetes Quantengebilde existiere in einer „kohärenten Überlagerung“ aller möglicher Zustände,… aber sobald ein Beobachter eine Messung durchführt, die zwischen diesen Zuständen unterscheiden kann, „kollabiere“ die Wellenfunktion, und das Gebilde sei dann gezwungen einen einzigen Zustand anzunehmen.“

Diesen Aspekten und Vorgängen unterliegt auch der menschliche Körper. Seine Wirklichkeit ist aus der Sicht der klassischen Naturwissenschaft nicht mehr erklärbar. Auf dem Gebiet der Geisteswissenschaft ist das der Bereich der Mystik, weil die Quantenphänomene außerhalb der klassischen Erfahrung mit der Natur liegen.

Der innere Mensch der sich auf dieser Denkebene befindet, ist für mystische Erfahrungen vorbereitet. Er existiert in einem Zustand der Gnade. Daraus kann der heutige verweltlichte Mensch Lehren ziehen und Einsichten gewinnen, die sein Leben auf einer höheren Ebene ordnen. Sich hineindenken in den Bereich der Transzendenz ist eine sichere Methode einer nachhaltigen Weiterentwicklung.

Für den Psychologen K. Wapnik ist ein Problem, ein Problem der Wahrnehmung und nicht der Situation (54; S.99):

„… die einzig wahre Ursache in dieser Welt ist der Geist, und alle Aspekte der materiellen Welt sind die Wirkung des Geistes. Dieses Prinzip gestattet keine Ausnahme, denn der Geist ist die einzige schöpferische Kraft.“

Die Auferstehung Jesu nach seinem physischen Tod ist der Beweis für die Unsterblichkeit von Seele und Geist und ihre Unantastbarkeit, selbst bei krassen Zerstörungsorgien. Doch hauptsächlich war die Auferstehung eine Demonstration der Bedeutungslosigkeit der Materie für das Leben, nach dem die materiellen Funktionen definitiv drei Tage „ausgeschaltet“ und der Verwesung preisgegeben waren. Die Meinung: Jesus ist körperlich auferstanden und wieder in seinen Leib zurückgekehrt, wertet die Materie unangemessen als lebensnotwendig auf und schafft eine lebensnotwendige Abhängigkeit vom materiellen Zustand, dessen Bedeutungslosigkeit Jesus durch die Auferstehung anschaulich demonstrieren wollte. Gerade für uns ist die Demonstration ein Beispiel für die Unsterblichkeit des inneren Menschen, bei gleichzeitigem „Totalschaden“ am äußeren Menschen.

Viele empfinden heute derartige Vorstellungen noch als absolut befremdend. Sie weigern sich hartnäckig eine sichtbare Lebendigkeit ohne Substanz anzuerkennen und sprechen auch den Marien-Erscheinungen alle Wirklichkeit ab. Selbst fromme Menschen weigern sich oft, Gedanken über Phänomene außerhalb der positivistischen Verifizierbarkeit anzunehmen, die ihnen aber Erlösung bringen könnten. Lieber leiden sie Mangels geistigem Verständnis unter falschen Ansichten an die sie seit jeher gewöhnt sind, anstatt ihr Bewusstsein zu qualifizieren.

Willigis Jäger sieht die mystische Erfahrung als eine Herausforderung für unsere Zukunft (22):

„Die Rettung unserer Spezies liegt auf der nächsten Bewusstseinsebene, die offensichtlich von der Evolution für uns bereitgehalten wird. Voraussetzung dafür ist die Erkenntnis, dass in uns weit umfassendere Erfahrungsebenen angelegt sind, als unsere Ratio sie uns lehrt. Wir nennen sie die transpersonalen Stufen. Das setzt die Akzeptanz der Mystik als entscheidende Erkenntnisstufe voraus.… Eine mystische Erfahrung ist eine Erfahrung der Non-Dualität. Das Ich tritt zurück und die Einheit des alles verbindenden Leben hervor.“

Der äußere Mensch kann von sich aus, auf dieser Ebene nur wenig nützliche Dienste leisten. Er wird von der Ichbezogenheit des Egos gestützt und gleichzeitig eingegrenzt. Das Ego analysiert und trennt und sieht keine übergeordneten Beziehungen. Nur der innere Mensch kann die Voraussetzungen durch die Erfahrung der Ganzheitlichkeit der non-dualen Welt, für die nächste Bewusstseinsebene schaffen. Der Verstand muss sich aber dafür entscheiden.

2.1 Der äußere Mensch