Wirbel um Lilofee - Gert Rothberg - E-Book

Wirbel um Lilofee E-Book

Gert Rothberg

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Beschreibung

In diesen warmherzigen Romanen der beliebten, erfolgreichen Sophienlust-Serie ist Denise überall im Einsatz. Denise hat inzwischen aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle geformt, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Doch auf Denise ist Verlass. In der Reihe Sophienlust Extra werden die schönsten Romane dieser wundervollen Erfolgsserie veröffentlicht. Warmherzig, zu Tränen rührend erzählt von der großen Schriftstellerin Patricia Vandenberg. Susanne Paulsen betrachtete sich kritisch in dem runden Spiegel über ihrem winzigen Frisiertisch. Ich sehe blass aus, stellte sie fest. Na ja, kein Wunder bei der anstrengenden Arbeit in der Klinik. Es war ja in jedem Herbst so: Fing erst einmal die kühle Jahreszeit an, gab es eine Menge kleiner Patienten, die betreut werden mussten. Aber Susanne machte die Arbeit auf der Kinderstation der Klinik Spaß. Sie beschwerte sich auch nicht über die häufigen Überstunden. Und wenn die Oberschwester ihr anbot, diese Überstunden fallenzulassen, dann lachte Susanne bloß. »Die Kinder brauchen mich doch«, pflegte sie dann meist zu erwidern. »Und mir macht es wirklich nichts aus, wenn ich am Abend mal ein bisschen länger bleiben muss.« Jetzt nahm Susanne den Lippenstift von ihrem Frisiertisch und fuhr damit den­ geschwungenen Bogen ihrer Lippen nach. Noch ein wenig Make-up, besonders auf die leicht bläulichen Schatten ihrer mandelförmig geschnittenen graugrünen Augen, dann war Susanne mit ihrem Spiegelbild zufrieden. Sie drehte sich um und verließ das kleine Schlafzimmer im Dachgeschoß des Zweifamilienhauses. Es war eine richtige Miniaturwohnung, die sie hier besaß. Aber sie fühlte sich wohl darin. Die zwei Zimmer mit der Kochnische und dem Duschbad genügten ihr. Viel wichtiger war für sie: Hier war sie ihr eigener Herr, hier konnte sie tun und lassen, was ihr gefiel, hier konnte sie empfangen, wen sie wollte. Im Schwesternhaus des Krankenhauses war dies natürlich nicht der Fall. Als es an der Wohnungstür klingelte, zuckte Susanne zusammen. Ob das schon Gunther war?

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Seitenzahl: 163

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Sophienlust Extra – 39 –Wirbel um Lilofee

Wird ihre Welt wieder heil?

Gert Rothberg

Susanne Paulsen betrachtete sich kritisch in dem runden Spiegel über ihrem winzigen Frisiertisch. Ich sehe blass aus, stellte sie fest. Na ja, kein Wunder bei der anstrengenden Arbeit in der Klinik. Es war ja in jedem Herbst so: Fing erst einmal die kühle Jahreszeit an, gab es eine Menge kleiner Patienten, die betreut werden mussten. Aber Susanne machte die Arbeit auf der Kinderstation der Klinik Spaß. Sie beschwerte sich auch nicht über die häufigen Überstunden. Und wenn die Oberschwester ihr anbot, diese Überstunden fallenzulassen, dann lachte Susanne bloß. »Die Kinder brauchen mich doch«, pflegte sie dann meist zu erwidern. »Und mir macht es wirklich nichts aus, wenn ich am Abend mal ein bisschen länger bleiben muss.«

Jetzt nahm Susanne den Lippenstift von ihrem Frisiertisch und fuhr damit den­ geschwungenen Bogen ihrer Lippen nach. Noch ein wenig Make-up, besonders auf die leicht bläulichen Schatten ihrer mandelförmig geschnittenen graugrünen Augen, dann war Susanne mit ihrem Spiegelbild zufrieden.

Sie drehte sich um und verließ das kleine Schlafzimmer im Dachgeschoß des Zweifamilienhauses. Es war eine richtige Miniaturwohnung, die sie hier besaß. Aber sie fühlte sich wohl darin. Die zwei Zimmer mit der Kochnische und dem Duschbad genügten ihr. Viel wichtiger war für sie: Hier war sie ihr eigener Herr, hier konnte sie tun und lassen, was ihr gefiel, hier konnte sie empfangen, wen sie wollte. Im Schwesternhaus des Krankenhauses war dies natürlich nicht der Fall.

Als es an der Wohnungstür klingelte, zuckte Susanne zusammen. Ob das schon Gunther war? Er hatte doch erst kurz vor neun kommen wollen …

Susanne warf noch einen raschen Blick auf den gedeckten Tisch im Wohnzimmer, auf die appetitlich angerichteten Brote, die Rotweinflasche in ihrer geflochtenen Korbwiege, die schimmernden Gläser und das funkelnde Silber, dann ging sie hinaus, um zu öffnen.

Es war tatsächlich Gunther Martens. Susannes Herz machte einen freudigen kleinen Sprung. »Ich hab erst in einer knappen Stunde mit dir gerechnet«, begrüßte sie ihn ein wenig atemlos. Jedes Mal, wenn sie ihn sah, war es so wie beim ersten Mal. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen, und die Handflächen wurden ihr feucht. Dabei waren schon zwei Jahre vergangen, seit sie ihm zum ersten Mal begegnet war. Damals war Susanne als junge Kinderpflegerin in das Krankenhaus gekommen, in dem Dr. Gunther Martens als Assistenzarzt arbeitete. Bei Susanne war es Liebe auf den ersten Blick gewesen. Und sie zweifelte keinen Augenblick daran, dass es Gunther damals genauso ergangen war wie ihr. Weshalb hätte er sonst sofort von Verlobung und Ehe sprechen sollen? Allerdings hatte er das später kaum noch getan. So waren sie jetzt – nach genau zweijähriger Bekanntschaft – weder verlobt noch verheiratet. Doch Susanne war trotzdem zufrieden. Es lag ja noch eine so lange, gemeinsame Zukunft vor ihnen. Gewiss wollte Gunther erst dann heiraten, wenn er eine eigene Praxis eröffnen konnte. Sie selbst, Susanne, würde ihn dabei natürlich nach Kräften unterstützen.

Gunther beugte sich vor und drückte einen hastigen Kuss auf Susannes Schläfe. »Ich kann nicht lange bleiben, Schäfchen«, sagte er hastig. »Ich muss einen Kollegen vertreten, der heute Nachtdienst machen soll. Der Ärmste hat sich mit seiner Braut verkracht und möchte sich heute Abend unbedingt mit ihr wieder versöhnen. Probleme haben die Leute, man glaubt es manchmal nicht.« Gunther lachte und ließ sich an dem gedeckten Tisch nieder. »Ah – lecker schaut das aus«, sagte er und griff nach der Rotweinflasche.

Wie herzlos er das eben gesagt hat!, schoss es Susanne durch den Kopf. Ich selbst finde das Verhalten dieses Kollegen, der sich mit seiner Braut wieder unbedingt versöhnen möchte, völlig richtig. Gunther dagegen … Ob er nicht zu mir käme, wenn wir beide einmal Krach hätten?

Erst jetzt fiel Susanne auf, dass Gunther sich in der letzten Zeit immer seltener bei ihr hatte blicken lassen. Und meist war er nicht sehr lange geblieben. Jedes Mal hatte er eine andere Ausrede parat gehabt. Einmal hatte er nach seiner Mutter sehen müssen, die sich nicht wohlgefühlt hatte, dann wieder hatte er die Nachtdienstvertretung für einen erkrankten Kollegen übernehmen müssen. Susanne konnte nicht nachkontrollieren, ob er sie belog; denn Gunther arbeitete auf einer anderen Station. Und sie wollte ihm auch nicht nachspionieren.

Zum ersten Mal kam Susanne jetzt der Verdacht, dass Gunther sie vielleicht betrüge. Krampfhaft zog sich ihr bei diesem Gedanken ihr Herz zusammen. Das durfte nicht sein. Sie liebte ihn doch!

Ihre Blicke glitten über seine schlanke Gestalt, seine blonden Haare, seine lebhaften blauen Augen. Gunther war ein Typ, auf den die Frauen flogen. Und er wusste das auch recht gut.

Ob er … Ob er eine andere hat?, schoss es Susanne durch den Kopf. Sie fühlte, wie sie bei diesem Gedanken unter dem sorgfältig aufgetragenen Make-up totenblass wurde.

»Was ist los mit dir?«, erkundigte er sich nun mit gerunzelter Stirn und schaute zu Susanne auf, die neben seinem Stuhl stand. »Hast du keinen Hunger? Ach ja, da fällt mir ein, Schwester Toni, die mir vorhin auf der Treppe begegnet ist, sagte, dass du schon um vier Uhr gegangen bist. Wegen unerträglicher Kopfschmerzen oder so. Was ist los mit dir, Mädchen? Du wirst doch nicht am Ende wirklich krank werden?«

Susanne dachte, er hat das leichthin gesagt und keineswegs so, als ginge ihm eine mögliche Erkrankung sehr nahe. Er macht sich nichts mehr aus mir! Er kommt nur noch aus reiner Gewohnheit her. Und ausgerechnet heute muss ich das feststellen, heute, wo mir der Arzt gesagt hat …

Susanne ließ sich am Esstisch nieder und räusperte sich. Dann begann sie: »Das mit den Kopfschmerzen, das war nur eine Ausrede.«

Gunther trank sein Glas auf einen Zug leer. Dann sagte er grinsend: »Ich hab es mir gleich gedacht. Wolltest wohl mal ein paar Stunden nichts von der Klinik sehen und hören, wie? Kann ich, weiß Gott, verstehen.« Er griff nach einem belegten Brot und biss herzhaft hinein.

Susanne musste sich abermals räuspern, ehe sie fortfahren konnte: »Ich war heute Mittag beim Arzt, aber ich wollte mit keinem darüber reden. Ich … Ich war nämlich bei einem Frauenarzt, weißt du.« Sie atmete auf. Gott sei Dank, nun war es heraus.

Gunther betrachtete sie unter gerunzelten Brauen. »Was wolltest du denn dort, um Himmels willen? Du hast doch hoffentlich nichts Ansteckendes?« Er betrachtete die schlanke junge Frau in dem hochgeschlossenen dunklen Kleid wie ein ekelhaftes Insekt.

Brennende Röte schoss Susanne ins Gesicht. Mit belegter Stimme fragte sie: »Was denkst du eigentlich von mir? Nein, es ist nichts Ansteckendes. Insofern kann ich dich beruhigen.« Bitter fügte sie hinzu: »Es sei denn, das Kinderkriegen ist neuerdings eine ansteckende Krankheit. Du, als Arzt, musst das ja schließlich wissen.«

Gleich darauf biss Susanne sich auf die Lippen. Sie hatte sich hinreißen lassen. Dabei hatte sie es Gunther ganz anders sagen wollen. In einem zärtlichen Augenblick. Bei einer Flasche Rotwein und leiser Musik. Früher hatte er immer von Kindern gesprochen. Möglichst viele hatte er haben wollen. Am liebsten gleich ein halbes Dutzend.

Gunther Martens zog die Augenbrauen hoch und setzte sein Glas mit einem harten Ruck auf den Tisch zurück. »Was willst du damit sagen?«, herrschte er die junge Frau an.

Betont ruhig antwortete Susanne: »Ich war heute beim Frauenarzt und habe mich untersuchen lassen. Er konnte es noch nicht mit Bestimmtheit sagen, aber er ist doch ziemlich sicher, dass ich ein Kind erwarte.«

Sie verstummte und ließ den Kopf sinken. Sie ertrug es einfach nicht länger, in Gunthers entgeistertes Gesicht zu blicken. Sie hatte gehofft, dass er sich über diese Nachricht freuen würde. Statt dessen las sie blankes Entsetzen in seinem Blick.

Er macht sich überhaupt nichts mehr aus mir, dachte Susanne benommen. Wo habe ich nur in den letzten Wochen und Monaten meine Augen gehabt? Ich liebte ihn und war so sicher, dass er meine Gefühle erwidere …

Gunther schenkte sich mit zitternden Fingern von neuem das Glas voll und leerte es auf einen Zug. Dann antwortete er mit erzwungener Leichtigkeit: »Wenn mein Herr Kollege noch nicht ganz sicher war, dann bleibt uns ja immerhin noch eine geringe Chance, mit einem blauen Auge davonzukommen. Mensch, hast du mir vielleicht einen Schrecken eingejagt, Mädchen. Hättest du mir das nicht etwas schonender beibringen können?«

Er denkt nur an sich, überlegte Susanne mit zusammengepressten Lippen. Wie mir zumute ist, danach fragt er nicht.

Sie zwang sich abermals zur Ruhe und fragte: »Und wenn er sich nicht getäuscht hat? Wenn ich tatsächlich ein Kind erwarte? Dein Kind, Gunther?«

Er hieb mit der flachen Hand auf den Tisch, dass die Gläser klirrten.

»Dann lässt du es eben abtreiben, zum Donnerwetter noch mal!«, rief er unbeherrscht. »Stell dich doch nicht so an! So etwas passiert schließlich hundertmal am Tag.«

Mit spröden Lippen und weit aufgerissenen Augen fragte Susanne: »Du verlangst tatsächlich von mir, dass ich das Kind abtreiben lasse? Das … Das kann doch nicht dein Ernst sein, Gunther. Bitte, sag, dass es nicht stimmt.«

Der junge Arzt betrachtete sie aus schmalen Augen. »Sag mal, du willst mir doch nicht etwa Schwierigkeiten machen?«

Völlig außer sich rief Susanne: »Wer redet denn von Schwierigkeiten, Gunther? Ich liebe dich doch! Und ich freue mich auf das Kind. Wir haben doch so oft davon gesprochen, dass wir später einmal Kinder haben wollen. Viele Kinder. Und wenn nun das erste ein wenig früher kommt als geplant – das ist doch gar nicht so schlimm, wie du jetzt vielleicht annimmst. Ich kann arbeiten bis sechs Wochen vor der Geburt und …«

»Du wirst dieses Kind nicht bekommen, hörst du?«, unterbrach er sie mit gefährlich leiser Stimme. »Du wirst es abtreiben lassen. Gleich morgen werde ich mich bei den Kollegen nach einem geeigneten Arzt umhören. Notfalls kannst du immer noch nach England fliegen. Zum Glück hast du ja etwas Geld gespart.«

Susanne musste sich am Tisch festhalten. Einen Moment lang war ihr schwarz vor den Augen geworden, aber nun tanzten feurige Ringe vor ihrem Gesicht. Ich muss mich zusammennehmen, ich darf jetzt nicht schlappmachen, hielt sie sich immer wieder vor. So ruhig wie möglich entgegnete sie schließlich: »Ich werde dieses Kind niemals abtreiben lassen. Das ist mein letztes Wort, Gunther. Ich liebe Kinder von ganzem Herzen. Deshalb habe ich ja auch den Beruf der Kinderpflegerin ergriffen. Nun werde ich ein eigenes Kind haben – und das soll ich töten lassen, bevor es auf der Welt ist? Niemals.«

Gunther zuckte die Achseln. Kalt entgegnete er: »Wenn das ein Erpressungsversuch sein soll, dann muss ich dich wirklich enttäuschen, Mädchen. Wenn du nämlich erwartest, dass ich dich nun heirate, dann …«

»Nicht ich habe von Ehe gesprochen, Gunther. Du hast zu Beginn unserer Bekanntschaft immer erklärt, dass du mich heiraten möchtest«, antwortete Susanne gelassen. Sie wunderte sich selbst über die Ruhe, mit der sie plötzlich sprechen konnte.

Gunther lachte ironisch auf. »Sag, Mädchen, hast du das tatsächlich geglaubt?«, erkundigte er sich amüsiert. »Schau, das musste ich doch tun. Sonst wärst du doch nicht mit mir ins Bett gegangen. Aber ich wollte dich unbedingt haben. Deine Figur … Na ja, sie ist genau das, was man sich bereits als Junge in seinen Wachträumen ausmalt. Auch heute finde ich dich noch außerordentlich attraktiv.« Er streckte die Hand nach ihr aus.

Jetzt war es Susanne, die wie vor einem ekelhaften Reptil zurückzuckte. Fest gegen die Lehne ihres Stuhles gepresst, fragte sie: »Du hast also niemals im Ernst daran gedacht, mich zu heiraten? Alles, was du damals erklärt hast, war erlogen? Die geplante Verlobung, die Ehe, die sechs Kinder?«

Er zuckte abermals die Achseln. »Wenn du es unbedingt hören willst, ja, ich habe dich bewusst angelogen. Ich hatte niemals vor, dich zu heiraten.« Als er Susannes starren Blick bemerkte, fuhr er hastig fort: »Versuch mich doch zu verstehen, Susanne. Ich bin ein armer Assistenzarzt, aber ich möchte nicht bis ans Ende meiner Tage arm bleiben. Ich möchte mir aber eine eigene Praxis aufbauen. Wie teuer die nötigen Geräte sind, das weißt du selbst am besten. Ich kann es mir wohl ersparen, dir die Rechnung darüber aufzustellen. Es bleibt mir also gar nichts anderes übrig, als ein wohlhabendes Mädchen zu heiraten oder in eine Praxis einzuheiraten. Kannst du mich nicht verstehen?«

Mit erloschener Stimme entgegnete sie: »Ich hätte dich unterstützt, so gut es nur geht. Ich hätte dir in der Praxis geholfen. Zusammen hätten wir es bestimmt geschafft, Gunther.«

Er sprang auf und baute sich vor Susanne auf. »Aber ich will es nicht so schaffen. Verstehst du mich nicht? Ich will mich nicht aus dem Nichts emporarbeiten! Ich will gleich oben anfangen. Und dazu brauche ich eine reiche Frau!«

»Ich verstehe«, murmelte Susanne erschöpft.

Ein hoffnungsvoller Funke glomm in den Augen des jungen Arztes auf. »Du wirst also endlich vernünftig, Mädchen? Du bist damit einverstanden, das Kind abtreiben zu lassen?«

Mit einem Ruck hob Susanne den Kopf. »Nein, damit bin ich nicht einverstanden«, antwortete sie fest. »Ich werde dieses Kind austragen. Ob dir das recht ist oder nicht.«

»Von mir hast du nichts zu erwarten. Ich werde abstreiten, dass das Kind überhaupt von mir ist. Zum Glück haben wir in der Klinik unser Verhältnis immer geheimgehalten. Ich werde alles ableugnen.«

Müde antwortete sie: »Du brauchst keine Angst vor mir zu haben, Gunther. Ich habe nicht vor, dir irgendwelche Schwierigkeiten zu machen. Weder in der Klinik noch anderswo. Suche dir eine reiche Frau und werde glücklich mit ihr.«

»Ich will dir ja gern helfen«, versuchte er, sie noch einmal umzustimmen. »Ich finde bestimmt einen Kollegen, der dir hilft …«

Susanne stand auf und sagte mit erschöpftem Gesicht: »Ich wäre dir sehr dankbar, wenn du meine Wohnung jetzt verlassen würdest, Gunther. Und lass dich nie mehr hier blicken.«

Mit wütendem Gesicht verließ Gunther Martens den Raum und nahm seinen Mantel vom Haken. Während er in die Ärmel schlüpfte, sagte er: »Was wirst du nun anfangen? Du wirst nicht mehr lange arbeiten können in der Klinik. Sie werden dir außerdem Schwierigkeiten machen, wenn sie von der Schwangerschaft erfahren. Und vor allem werden sie herauskriegen wollen, wer der Vater ist.«

»Ich weiß selbst noch nicht, was ich tun werde«, antwortete Susanne wahrheitsgemäß. »Ich hab mir noch keine Gedanken darüber gemacht. Aber ich werde es schon schaffen, mein Kind allein großzuziehen. Auch ohne Vater.«

*

Ohne noch einmal zu ihm aufzublicken, schloss Susanne die Wohnungstür hinter ihm. Dann ließ sie sich auf ihr Bett fallen und brach in haltloses Schluchzen aus. So lange war es ihr gelungen, die Ruhige und Gefasste zu spielen, doch jetzt brach alle Verzweiflung aus ihr heraus. Was sollte nun aus ihr werden? fragte sie sich. Aus ihr und ihrem Kind? Denn Gunther hatte recht, wenn er meinte, in der Klinik würde sie einen schweren Stand haben, sobald ihre Schwangerschaft sichtbar wurde.

Ich muss weg von hier, überlegte Susanne, nachdem sie endlich ihre Fassung wiedererlangte. Ich muss fort aus der Klinik. Zum Glück werden Kinderpflegerinnen ja überall gesucht. Aber ich muss in dem neuen Krankenhaus sofort sagen, dass ich ein Kind erwarte. Sonst können sie mich später fristlos entlassen. Aber ob sie mich überhaupt einstellen werden, wenn sie erfahren, dass ich schon nach wenigen Monaten wieder für eine Weile pausieren muss?

Susanne wurde sich ihrer verzweifelten Lage immer deutlicher bewusst. Wenn sie wenigstens noch Eltern gehabt hätte, zu denen sie für eine Weile hätte gehen können. Aber sie war schon früh Vollwaise geworden und von einer ältlichen, verbitterten Tante aufgezogen worden. Zu ihr wollte Susanne auf keinen Fall gehen. Aber was sollte später aus ihrem Kind werden? Auf gar keinen Fall wollte sie sich von ihm trennen. Aber sie konnte es auch nicht jeden Morgen mit ins Krankenhaus nehmen und den Tag über bei sich behalten! Es in ein Heim geben? Auch das wollte Susanne nicht. Wieder fiel ihr die ältliche, verbitterte Tante ein. Doch nein, eine Kindheit wie die eigene wollte sie ihrem Kind auf gar keinen Fall zumuten.

Erst nach und nach wurde Susanne die ganze Trostlosigkeit ihres Schicksals klar: Sie musste die Klinik verlassen und sich eine neue Arbeitsstelle suchen. Sie musste ihre kleine Wohnung hier aufgeben und – was am schlimmsten war – sie würde keine Bleibe für sich und das Kind haben.

Wieder fiel ihr Gunthers Vorschlag ein: »Ich finde schon einen Arzt, der dir hilft …« Doch auch jetzt wurde Susanne keine Sekunde in ihrem Entschluss, ihr Kind auf gar keinen Fall abtreiben zu lassen, wankend. Sie würde das Kind zur Welt bringen – und irgendwie würden sie sich schon durchs Leben schlagen, sie selbst und ihr Kind.

Müde erhob sich Susanne vom Bett. Sie ging hinüber in den kleinen Wohnraum, räumte den Esstisch ab und trug alles hinaus in die Küche. Anschließend kehrte sie in ihr Schlafzimmer zurück und begann sich auszukleiden.

Völlig unvermittelt fiel ihr Frau Dr. Karsten ein, die junge Ärztin, die einmal in der Klinik gearbeitet hatte. Bis ein Kollege sie beschuldigt hatte, einem Patienten eine falsche Spritze gegeben zu haben. Frau Dr. Karsten hatte damals das Krankenhaus verlassen und war eine ganze Weile für sie alle verschollen gewesen. Später war sie dann rehabilitiert worden. Man hatte herausgefunden, dass ihr Kollege vor Gericht schamlos gelogen hatte. Frau Dr. Karsten hätte sofort an die Klinik zurückkehren können. Doch das hatte sie lächelnd abgelehnt. Sie war in dem Kinderheim geblieben, das sie in ihrer schlimmsten Zeit aufgenommen hatte.

Wie hatte doch dieses Kinderheim geheißen? Völlig reglos stand Susanne in ihrem langen Nachthemd mitten im Zimmer und überlegte. Irgendein Frauenname war es gewesen, wusste sie noch. Aber mehr wollte ihr einfach nicht einfallen. Dabei wäre es jetzt so wichtig für sie, zu wissen, wo Frau Dr. Karsten damals hingegangen war.

Ein winziger Hoffnungsschimmer glomm in Susanne auf. Wenn man damals in jenem Kinderheim so liebevoll und nett zu der verleumdeten jungen Ärztin gewesen war, dann würde man vielleicht auch ihr helfen. Sie würde jede Arbeit annehmen, die man ihr anbot. Wenn man sie nur später nicht von ihrem Kind trennte.

Aber der Name des Kinderheims wollte Susanne einfach nicht einfallen. Stundenlang warf sie sich in ihrem Bett hin und her und grübelte. Kurz nach Mitternacht stand sie dann noch einmal auf und schluckte zwei Schlaftabletten. Kurz bevor sie in einen bleischweren Schlaf hinüberglitt, stand der Name des Kinderheims plötzlich ganz deutlich vor ihr: Sophienlust hatte das Haus geheißen. Gleich morgen früh würde sie sich erkundigen, wie man dorthin gelangte. Es musste irgendwo in der Nähe von Frankfurt liegen. Daran erinnerte sie sich jetzt auch noch.

*

Am nächsten Morgen suchte Susanne zunächst einmal die Oberschwester auf und erklärte ihr, dass sie kündigen wolle.

Die weißhaarige Dame betrachtete das junge Mädchen bestürzt.

»Aber weshalb denn, liebes Kind?«, rief sie erschrocken aus. »Wir waren außerordentlich zufrieden mit Ihnen. Ganz zu schweigen von ­Ihren kleinen Patienten, die Sie geradezu vergöttert haben. Haben Sie sich diesen Entschluss auch reiflich überlegt, Schwester Susanne?«

Mit verschlossenem Gesicht erwiderte Susanne: »Ja, das habe ich. Es sind persönliche Gründe, die mich veranlassen, von hier wegzugehen. Ich … Ich möchte nicht darüber sprechen. Bitte, verstehen Sie mich.« Sie biss sich auf die Lippen.

Die weißhaarige Oberschwester betrachtete das junge Mädchen voller Mitleid: »Ich möchte natürlich nicht in Sie dringen, liebes Kind. Außerdem geht mich Ihr Privatleben nichts an. Aber wenn ich Ihnen vielleicht irgendwie helfen oder Ihnen auch nur einen Rat geben kann, dann lassen Sie es mich bitte wissen. Ich tue gern alles für Sie. Nicht nur wegen des heutigen Schwesternmangels. Sondern weil ich Sie als Mensch schätze, Schwester Susanne.«

Das junge Mädchen hatte die Hände im Schoß verkrampft und blickte starr darauf nieder. Nun hob Susanne den Kopf und schaute der alten Frau gerade ins Gesicht. Mit belegter Stimme antwortete sie: »Das ist sehr lieb von Ihnen. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen. Aber … Mir kann leider niemand helfen. Auch Sie nicht. Es ist so – ich muss einfach weg von hier. Möglichst weit weg.«