Wohin mit den Mitgliedern? - Helene Wuhrer - E-Book

Wohin mit den Mitgliedern? E-Book

Helene Wuhrer

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Beschreibung

In den letzten Jahren ist das klassische basisdemokratische Vereinsmodell in einer zunehmenden Zahl pfingstlich-charismatischer Gemeinden zugunsten alternativer Organisationsformen in den Hintergrund getreten. Welche Gründe sind dafür verantwortlich? Werden dadurch die Mitwirkungsmöglichkeiten der Zugehörigen eingeschränkt? Die vorliegende Ausgabe von Theologie Heute nimmt zunächst die Frage in den Blick, was das Wesen der Gemeinde vom Neuen Testament her ist. In einem zweiten Schritt fragen wir, welche Zeichen der Kirche gegeben sind, durch die sie Menschen vergewissert, dass sie Teil der ­Ecclesia Gottes sind. In einem dritten Schritt gehen wir der Frage nach, wie sich Mitwirkungsrechte und Mitwirkungsmöglichkeiten der Gemeindeglieder im Laufe der Entwicklung der Gemeinden des Bundes Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) gestaltet und verändert haben.

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Seitenzahl: 129

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Theologie heute

Pfingstkirchliche Beiträge zur Theologie

2025 • Band 6

Wohin mit den Mitgliedern?

Die lokale Gemeinde zwischen Partizipation und Führungsstärke

 

Mit Beiträgen vonHelene Wuhrer, Marc Strunk und Bernhard Olpen

Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden

 

Herausgegeben im Auftrag des Theologischen Ausschussses des Bundes Freikirchlicher Pfingstgemeinden KdöR (TA).

Verantwortlicher Leiter des TA ist Dr. Bernhard Olpen, Düsseldorf.

 

 

 

 

 

 

 

Copyright © 2025 Forum Theologie & Gemeinde (FThG)

im Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden KdöR, Erzhausen

 

 

Abkürzungen von Reihen u. Ä. orientieren sich an: Redaktion der RGG4 (Hg.): Abkürzungen Theologie und Religionswissenschaften nach RGG4. Tübingen: Mohr Siebeck. 2007. 

 

Bibelstellen sind, wenn nicht anders angegeben, der Revidierten Elberfelder Bibel, © 1985/1991/2006 SCM R. Brockhaus, Witten, entnommen.

 

Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigungen in Form von Kopien einzelner Seiten oder Ausdrucken einzelner Abschnitte (digitale Version) sind nur für den privaten Gebrauch bzw. innerhalb einer Ortsgemeinde gestattet. Alle anderen Formen der Vervielfältigung (Mikrofilm, andere Verfahren oder die Verarbeitung durch elektronische Systeme) sind ohne schriftliche Einwilligung durch das Forum Theologie & Gemeinde nicht gestattet. 

 

 

 

Layout u. Umschlaggestaltung: admida-Verlagsservice, Erzhausen

Umschlagbild: Bianca Ackermann on unsplash.com

Realisierung E-Book: admida-Verlagsservice, Erzhausen

Druck: Winterwork, Borsdorf

 

ISBN der Printausgabe: 978-3-942001-44-1

ISBN E-Book: 978-3-942001-45-8

Bestell-Nr. Th006

 

Forum Theologie & Gemeinde (FThG)

Industriestr. 6–8, 64390 Erzhausen

[email protected] • www.forum-thg.de

 

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Inhalt

Vorwort

A Die Kirche als Dienstgemeinschaft der Gläubigen

Dr. Helene Wuhrer

I Das Wesen der Gemeinde

II Die Zeichen der Kirche

III Die Verwirklichung der Gemeinde

IV Zeitlose Prinzipien der Kirche als Dienstgemeinschaft der Gläubigen

B Heilszeichen und Dienstgaben der christlichen Kirche und Kirchenzugehörigkeit

Marc Strunk, M.A.

I Warum Heilszeichen wichtig sind

II Taufe und Abendmahl als Heilszeichen der christlichen Kirche

III Charismen und Geistesgaben – Dienstzeichen der Gemeinde Gottes

IV Fazit

C Partizipation und Mitgestaltung in BFP-Gemeinden – ein historischer Rückblick

Dr. Bernhard Olpen

I Die basisdemokratische Wirklichkeit der Anfänge

II Die Entwicklung der Mitbestimmungsmöglichkeiten in der deutschen Pfingstbewegung

III Entfaltung und Nachlassen des kongregationalen Selbstverständnisses

IV Fazit

Anhang

Die Kirche als Dienstgemeinschaft der Gläubigen: Handreichung des Präsidiums des BFP zu Rechten, Pflichten und Verantwortung der Gemeindeglieder – September 2024

Weitere Veröffentlichungen im Forum Theologie & Gemeinde

 

Vorwort

In den letzten Jahren ist das klassische basisdemokratische Vereinsmodell in einer zunehmenden Zahl pfingstlich-charismatischer Gemeinden zugunsten alternativer Organisationsformen in den Hintergrund getreten. Welche Gründe sind dafür verantwortlich? Werden dadurch die Mitwirkungsmöglichkeiten der Zugehörigen eingeschränkt? Geht die Mündigkeit der Gemeinde verloren, wenn nicht mehr alle auch juristische Mitglieder sind? Was sind jenseits ekklesiologischer Organisationsformen unverzichtbare Rahmenbedingungen für eine gesunde Partizipation der Gemeindeglieder?

Die vorliegende Ausgabe von Theologie Heute nimmt zunächst die Frage in den Blick, was das Wesen der Gemeinde vom Neuen Testament her überhaupt ist. Wer gehört dazu und welche Merkmale bestimmen die Gemeinde der Gläubigen? Wodurch äußert sich persönlicher Glaube der Schrift nach und wodurch wird er im Lebensvollzug des Christen und der Gemeinde sichtbar? In welchem Verhältnis stehen Leitung der Kirche und Glieder der Kirche? Wie entwickeln sie gemeinsam die Kirche, zu der sie gehören? Wie finden Abstimmungsprozesse und Partizipation im Neuen Testament statt und was bedeutet das für eine sich auf die Schrift gründende Kirchenform? In einem zweiten Schritt fragen wir, welche Zeichen der Kirche gegeben sind, durch die sie Menschen vergewissert, dass sie Teil der Ecclesia Gottes sind. Kann jeder die Heilszeichen Taufe und Abendmahl empfangen? Gibt es notwendige Voraussetzungen dafür und inwiefern sind sie in der Lage Grenzen und Zuwege zur Gemeinde aufzuzeigen? In einem dritten Schritt, geht diese Ausgabe der Frage nach, wie sich Mitwirkungsrechte und Mitwirkungsmöglichkeiten der Gemeindeglieder im Laufe der Entwicklung der Gemeinden des Bundes Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) gestaltet und verändert haben.

Die einzelnen Artikel führen die Aussagen der Handreichung des Präsidiums über Rechte, Pflichten und Verantwortung der Gemeindeglieder näher aus, die sich im Anhang findet.

 

Dr. Bernhard Olpen

Leiter des Theologischen Ausschusses

 

 

A Die Kirche als Dienstgemeinschaft der Gläubigen

Rechte, Pflichten und Verantwortung der Gemeindeglieder

Dr. Helene Wuhrer

Anlass und Fragestellung

Die meisten Gemeinden des Bundes Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) wurden lange Zeit als Vereine organisiert, deren Organisationsform sowohl klare Bedingungen für die Mitgliedschaft als auch für die Mitwirkung der Einzelnen am Gemeindeleben mit sich brachte. In den letzten Jahren haben viele Gemeinden aus unterschiedlichen Gründen andere Organisationsformen gewählt, mit der Folge, dass sowohl die Frage der Zugehörigkeit als auch der Mitwirkung häufig weniger klar umrissen wurde. Zur Gemeinde „gehört“ dann, wer kommt, wer mitarbeitet oder wer sich einfach nur zugehörig fühlt. Das wirft Fragen bezüglich der „Rechte“ und „Pflichten“ von den Menschen auf, die sich als Teil einer Gemeinde verstehen. Der vorliegende Beitrag will anhand des neutestamentlichen Zeugnisses einen Rahmen aufzeigen, innerhalb dessen geistliches Leben seine Entfaltung finden soll und der Einzelne mit seinen Gaben und seiner Berufung am Gesamtmandat der Kirche teilhat.

Das Wesen der Gemeinde

Wie so häufig gibt es terminologische Herausforderungen, wenn wir das Neue Testament zu Themen befragen, die sich aus unserer heutigen Praxis ergeben. Wir sind es gewohnt, von Mitgliedern und Mitgliedschaft zu reden und sind in unserem Denken dabei von Organisationsformen geprägt, die sich seit der Aufklärung in der westlichen Welt entwickelt haben. Hier ist für unseren Kontext besonders an das Vereinsrecht zu denken, wie es im 19. Jahrhundert entstanden ist. Ohne Zweifel färbt dies unser Verständnis vom Begriff „Mitglied“. Aus diesem Grund wird dieser Begriff im Folgenden vermieden werden.

Das Neue Testament spricht mit einer Vielfalt von Begriffen über an Jesus Christus Glaubende.1 Viele Bezeichnungen betonen in erster Linie das Verhältnis der Gläubigen zu Gott oder Jesus, setzen aber zugleich eine Gemeinschaft untereinander voraus. So werden die Gläubigen beispielsweise als Brief Christi (2Kor 3,2-3), als Gottes Acker und Gebäude (2Kor 3,9), als Braut Christi (2Kor 11,1-2) oder als Söhne Gottes (Röm 8,14-17) beschrieben. Andere Bezeichnungen rücken stärker die Wirkung der Gemeinde für die Welt in den Vordergrund und implizieren dabei zum Teil eine kollektive Identität. Die Gläubigen sind das Salz der Erde (Mt 5,13) und werden als Menschenfischer (Mk 1,17) bezeichnet, was ihre aktive Verantwortung und Sendung verdeutlicht.

Wieder andere Bilder unterstreichen besonders die Gemeinschaft der Gläubigen untereinander und damit das Wesen der Gemeinde. So formen die Gläubigen als lebendige Steine gemeinsam einen geistlichen Tempel (1Petr 2,5), während sie als Glieder des Leibes Christi zusammenwirken (1Kor 12; Eph 4,12). In jedem dieser Bilder wird deutlich, dass die Gläubigen im Neuen Bund nicht isoliert, sondern in eine Gemeinschaft gerufen sind. Diese Gemeinschaft ist darauf ausgerichtet, Leben und Auftrag miteinander zu teilen und dabei stets zum Herrn der Gemeinde, Jesus Christus, aufzublicken.

Das Neue Testament benutzt verschiedene Begriffe und Bilder, um das Wesen der Gemeinde zu beschreiben

Die vorliegende Fragestellung betrifft einen Teilaspekt der Ekklesiologie, die als Ganzes hier nicht umfassend behandelt werden kann. Was die Rechte und Pflichten von Gemeindegliedern sind, kann jedoch nur im Kontext der Gemeinde als solches betrachtet werden. Deswegen folgt hier eine kurze Übersicht darüber, mit welchen Begriffen und Bildern das NT von der Gemeinde spricht. Dabei kann nicht auf alle Aspekte eingegangen werden2, der Fokus liegt auf der vorliegenden Fragestellung nach der Rolle der zur Gemeinde gehörenden Gläubigen.

Die Gemeinde als ἐκκλησία (ekklēsía)

Der im Neuen Testament am häufigsten gebrauchte Begriff für die Gemeinschaft von Christus-Gläubigen ist der Begriff ἐκκλησία (ekklēsía). Im NT wird der Begriff ἐκκλησία 114x verwendet, am häufigsten in der Apostelgeschichte, den paulinischen Briefen und der Offenbarung. Es sind im Lauf der Geschichte verschiedene Hintergründe für die Verwendung des Begriffes vorgeschlagen worden3:

Durch eine Anspielung zur Etymologie des Begriffes kann Kirche als Gemeinschaft der „Herausgerufenen“ bezeichnet werden4. Der Mangel an Hinweisen zu dieser Bedeutung in der pauli­nischen Literatur lässt diese Deutung als weniger wahrscheinlich erscheinen. Ein andeutungsweises Wortspiel, das absichtlich mitklingen könnte, kann jedoch nicht ausgeschlossen werden. Der Begriff lehnt sich an die Bürgerversammlung in der klassischen griechischen „Polis“ (Stadt) an, zu der nicht jeder gehören durfte, sondern nur freie, volljährige und unbescholtene Männer.5

Der wahrscheinlichste Deutungshintergrund ist jedoch:

Der Begriff wird der Selbstidentifizierung Israels als Gemeinde/Versammlung des Herrn (in LXX mit ἐκκλησία wiedergegeben) entlehnt. Damit wird die Kontinuität des Volkes Gottes mit dem alten Bund betont: „In calling themselves ἐκκλησία the Christians were claiming their oneness with the congregation which gathered in the presence of God at Sinai.“6 Der Begriff ἐκκλησία erscheint in der LXX ungefähr 100-mal, als Übersetzung für das hebräische qahal. Es bezeichnet das Volk Gottes als „Gemeinde des Herrn“ (z. B. Dtn 23,1; 23,3), steht in Kombination mit Israel als „die ganze Gemeinde Israel“ (z. B. Jos 9,8; 1Kön 8,55; 1Chr 13,2; 2Chr 6,13) und wird ohne weitere Bestimmung als Begriff für das Volk Gottes als Gemeinde verwendet (z. B. 2Chr 29,28). Der Begriff wurde anscheinend schon vor Paulus für die Gemeinde verwendet, denn jedes Mal, wenn er von sich selbst als ehemaliger Verfolger spricht, dann nennt er sich „Verfolger der Gemeinde Gottes“ (1Kor 15,9; Gal 1,13; Phil 3,6)7.

Über die Aufgaben und Pflichten der Teilhaber dieser Gemeinschaft kann allein von der Verwendung dieses Begriffes wenig abgeleitet werden. Er betont jedoch die Tatsache, dass der Glauben an Jesus die Zugehörigkeit zu einer neuen Gemeinschaft zur Folge hat. Von anderen Gläubigen lose stehendes Christentum kennt das NT nicht. Wer sich im Glauben an den Herrn verbindet, wird nicht nur in eine Beziehung mit dem Herrn aufgenommen, sondern auch in die Gemeinschaft, die wir Kirche oder Gemeinde nennen. Leben im und aus dem Glauben an Jesus Christus hat einen sozialen Rahmen, und das ist die sichtbare Gemeinschaft mit den Glaubensgeschwistern, die sich an verschiedenen geografischen Orten treffen.8 Der Begriff bezeichnet damit primär die sichtbare Gemeinschaft von Christen, was auch dadurch verdeutlicht wird, dass der Begriff im Singular und Plural verwendet wird.9

Die Gemeinde als Leib Christi, dessen Haupt Christus ist (1 Kor 12,12-27; Kol 1,24)

Dies ist das dominante Bild der Ekklesiologie des Paulus, das er nicht stereotypisch, sondern in verschiedenen Variationen verwendet (1Kor 10,16; 12,12; 12,27; 12,5).10 Er betont damit die Einheit der Gemeinde, obwohl sie aus ganz unterschiedlichen Gliedern besteht. Das Volk Gottes des AT kannte ethnische Grenzen, die Gemeinde ist gerade dadurch gekennzeichnet, dass Menschen ganz unterschiedlichen Hintergrundes eine Einheit und Gemeinschaft bilden, weil sie an Jesus glauben. Mit dem Bild vom Leib betont Paulus nicht nur die Unterschiedlichkeit, sondern auch, dass die ganz verschiedenen Glieder aufeinander angewiesen sind. Die Gemeinschaft funktioniert dadurch, dass jeder Teil sich auf seine Art spezifisch einbringt. Das Wohlergehen der Gemeinschaft ist abhängig von der guten Zusammenarbeit zwischen den Gliedern.11 Die Identität der Gemeinde als Leib Christi ist durch die Verbindung zu Jesus Christus als Haupt des Leibes gegeben, nicht durch die unabhängigen Eigenschaften der Glieder. Diese Verbindung zu Christus ist es auch, die aus ganz unterschiedlichen Gliedern eine funktionelle Einheit macht. Paulus betont die Wichtigkeit der gegenseitigen Wertschätzung (1Kor 12,24), gerade auch für anscheinend unscheinbare Glieder.

Dieses Bild betont die eminent wichtige Rolle der Gemeindeglieder. Sie sind keine passiven Nutznießer oder Konsumenten, sondern formen durch ihre Teilhabe und ihren individuellen Einsatz erst die Gemeinschaft. Dabei gibt es unterschiedliche Funktionen, wie das Bild des Leibes veranschaulicht: Hand und Auge sind wichtig, haben aber unterschiedliche Aufgaben.

Andere neutestamentliche Bilder für die Gemeinde sind:

Braut Christi (Eph 5,22-32; Offb 19,7-9),Tempel Gottes (Eph 2,19-22; 1Petr 2,4-5),Herde Gottes (1Petr 5,2),Haus (oder Familie) Gottes (Eph 2,19),Volk Gottes (auserwähltes Volk von königlichen Priestern) (1Petr 2,9).

All diese Bilder definieren die Gemeinde durch ihre Beziehung zum Herrn: Er regiert, leitet und bestimmt. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Gemeinschaft durch enge Beziehungen untereinander oder miteinander gekennzeichnet ist, die Christen formen eine kollektive Identität. Zugleich verdeutlichen sie, dass die Zugehörigkeit an feste Kriterien gebunden und bestimmbar ist. Man gehört entweder dazu oder nicht, es gibt keinen Graubereich.

Die neutestamentliche Gemeinde kennt klare Grenzen

Im Neuen Testament finden sich deutliche Hinweise dafür, dass es von Anfang an ein Bewusstsein dafür gab, wer zur Gemeinde gehörte und wer nicht. Bereits in der Jerusalemer Gemeinde wurde die Gemeinde einberufen, um an Entscheidungen mitzuwirken. Eine Klarheit, wer dazugehörte und wer nicht, wird implizit vorausgesetzt.

Die Leiter der Gemeinde konnten wissen, wer dazugehörte und wer nicht: Die ganze Gemeinde kam zusammen, um Leiter für konkrete Aufgaben vorzuschlagen (Apg 6,2-3) und um an wichtigen theologischen Weichenstellungen teilzuhaben (Apg 15,4).12 Paulus impliziert ebenso, dass die Ältesten in Ephesus wussten, für wen sie konkret verantwortlich waren (Apg 20,28). Leiter konnten also wissen, wer zur Gemeinde gehörte und wer nicht, ansonsten hätte die ganze Gemeinde ja nicht zusammengerufen werden können. Die Glieder der Gemeinde konnten wissen, wer zur Gemeinde gehörte und wer nicht: Die Jünger sollten nach vorgegebenen Kriterien aus „ihrer Mitte“ zukünftige Diakone vorschlagen (Apg 6,2-5).

Es gab unterschiedliche Handlungsanweisungen für den Umgang mit Menschen innerhalb oder ausserhalb der Gemeinde: Im Zusammenhang mit der Gemeindezucht in Korinth (1Kor 5,1-12) unterscheidet Paulus klar zwischen den Menschen, die „drinnen“ und denen, die „draußen“ sind (V. 12). Es gelten unterschiedliche Verhaltensregeln gegenüber der Sünde von Mitmenschen, abhängig davon, ob sie zur Gemeinde gehörten oder nicht.

Obwohl im Neuen Testament grundsätzlich bekannt war, wer zur Gemeinde gehörte und wer nicht, konnte es dennoch Fälle geben, in denen die Zugehörigkeit nur scheinbar gegeben war (1 Joh 2,19; Judas 4). Das macht deutlich, dass die Kirche zwar Zeichen der Zugehörigkeit braucht, aber letztlich die geistliche Wirklichkeit nicht immer treffgenau wiedergeben kann. Die lokale Gemeinde kann immer nur die sichtbare Zugehörigkeit zu sich selbst definieren, nicht aber die Zugehörigkeit zur unsichtbaren universalen Gemeinde, die aus Menschen aller Völker, aller Generationen und heute auch aller Konfessionen besteht (Offb 7,9). Nicht alle, die zur sichtbaren Gemeinde gehören, gehören auch zur unsichtbaren Gemeinde (Mt 7,21-23).

Kennzeichen der Zugehörigkeit

Menschen, die zur Gemeinde des Herrn gehören, werden an folgenden Merkmalen erkannt:

Sie lassen sich taufen (Apg 2,41; 8,12; 9,18; 10,48; 16,15,33; 19,5).Sie haben den Heiligen Geist empfangen (1 Kor 12,13)13.Sie nehmen am Gemeindeleben teil (Apg 2,42,46).Sie nehmen am Abendmahl teil (Apg 2,46; 1 Kor 10,14-21; 1Kor 11,17-34).Sie bekennen ihren Glauben durch Wort und Tat (Mt 10,32; Mt 5,13-16; Apg 4,31).Gemeinde als Dienstgemeinschaft

Die Kirche wird im NT durchgängig als Dienstgemeinschaft der gegenseitigen geistlichen Auferbauung und Zurüstung beschrieben. Teilhabe durch alleiniges Konsumieren passt nicht in das Bild. Die Gemeinde ist dadurch gekennzeichnet, dass der Heilige Geist in und durch alle Glieder wirkt – zur Auferbauung der Gemeinde (1Kor 12,7). Dies geschieht, wie in 1Kor 12 ausführlich beschrieben wird, durch unterschiedliche Gaben und Aufgaben. Das regierende Prinzip ist die Teilhabe aller Glieder. Bei den gemeinsamen Veranstaltungen hat jeder einen Beitrag (1Kor 14,26), die unterschiedlicher Art sind, aber alle zur (geistlichen) Auferbauung der Gemeinde dienen sollen. Das ist der Kontext, wo Paulus Leiterschaft in der Gemeinde benennt und einordnet. Leiter sind Gaben Gottes an die Gemeinde mit spezifischen Aufgaben (1Kor 12,28), die in einer Gemeinschaft funktionieren, die dadurch gekennzeichnet ist, dass jeder aktiv teilnimmt (1Kor 12,27). Dabei ist das Ziel der Aktivitäten der von Gott in die Gemeinde gesetzten Leiter die Zurüstung aller zum Dienst am Herrn (Eph 4,12), der wiederum dem Aufbau der Gemeinde dient. Paulus selbst gibt dieses Prinzip zum Ausdruck, wenn er in der Einleitung zum Römerbrief (Röm 1,12) von der gegenseitigen Erbauung spricht, gerade nachdem er seine Berufung und Auserwählung als Apostel betont hatte.

Erwartungen an Mitglieder

Wer zur Gemeinde des Herrn gehört, wird damit auch Repräsentant und Botschafter Gottes.14 Das Wort Gottes kann daher auch durch ein unpassendes Leben „verlästert“ werden (1Tim 6,1; Tit 2, 5; 2Petr 2,2). Die primäre Pflicht von Nachfolgern Jesu ist es, ein Leben zu führen, das dem Herrn würdig ist (Eph 4,1; Kol 1,10; Phil 1,27).

Konkret wird von Jüngern Jesu erwartet:

In Bezug auf Gott

Nachfolger Jesu Christi führen ein Leben zur Ehre Gottes.

Sie nehmen den Herrn an (Joh 1,12). Sie bekennen sich zu ihm (Mk 8,38). Das machen sie in der Taufe öffentlich (Mk 16,16).Sie folgen ihm nach und leben nach seinem Vorbild (Mt 10,38; 1Kor 11,1; 1Petr 2,21).