Wolkenbruch - Marlene Weiß - E-Book

Wolkenbruch E-Book

Marlene Weiß

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Beschreibung

Energie brodelt in mir hoch, öffnet sich wie eine frische Knospe. Es beginnt in meinen Handflächen zu kribbeln und strahlt bis in die Fingerspitzen aus. Mir ist, als würde sich ein Teil meines Inneren aufbäumen, angetrieben durch meinen eigenen flammenden Zorn. Als Evelyn erfährt, dass sie Trägerin eines der vier Elemente ist, verändert das alles. Sie muss ihre Gabe, das Wasser zu beherrschen, um jeden Preis geheim halten, denn der dunkle König verfolgt Elementarier, um gewaltsam ihre Fähigkeiten für sich zu beanspruchen. Gegen ihren Willen wird Evelyn jedoch für dessen brutale Soldatenschule rekrutiert, wofür sie ins Schloss reisen muss und somit der Quelle der Gefahr näher ist als je zuvor. Beim Training lernt sie den Sohn des Königs kennen, Prinz Taylor, düster, athletisch, intelligent und ebenfalls ein Elementarier, mit der Gabe des Sturms. Evelyn zweifelt. Kann sie ihm vertrauen und damit jede Vernunft über Bord werfen? Der Auftakt der Wolkenbruch Trilogie

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Playlist

WOLKENBRUCH I

Experience – Ludovico Einaudi

Wonder – Shawn Mendes

Ocean eyes – Billie Eilish

Storm – Mighty Oaks

As the world caves in – Sarah Cothran

Dream – Shawn Mendes

Levitate – Imagine Dragons

Control – Zoe Wees

Lost again – Mighty Oaks

The King – Sarah Kinsley

“Sometimes

it’s the princess who kills the dragon

and saves the prince.”

- Samuel Lowe

Inhaltsverzeichnis

PROLOG

TEIL 1: DIE GABE

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

TEIL 2: KÄMPFERIN

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

KAPITEL 36

TEIL 3: VERTRAUEN

KAPITEL 37

KAPITEL 38

KAPITEL 39

KAPITEL 40

KAPITEL 41

KAPITEL 42

KAPITEL 43

KAPITEL 44

KAPITEL 45

KAPITEL 46

KAPITEL 47

KAPITEL 48

KAPITEL 49

KAPITEL 50

PROLOG

Trübes Mondlicht ergießt sich über den dunklen Fliesenboden und erhellt den kleinen Raum nur spärlich. Eine Tür wird ruckartig aufgerissen und zwei große, gänzlich in schwarz gekleidete Männer platzen hindurch, deren muskulöse Arme eine schmale Frau in ihrer Mitte halten.

Sie hat den Kopf gesenkt, die Augen geschlossen und wird grob über den kalten Fliesenboden geschleift. Hinter ihnen treten zwei weitere Männer ein, weitaus einschüchternder ist der Erste von ihnen.

Seine Augen sind die eines Raubtiers, kalt, dunkel und herzlos.

Ächzend hebt die Frau den erschöpften Blick und entblößt dabei eine frische Schnittwunde über der linken Augenbraue. Dunkle Haarsträhnen kleben ihr verschwitzt in der Stirn und ihr Herzschlag pulsiert unnatürlich schnell in ihrer Brust. Als sie den metallenen Stuhl in der Mitte des Raums entdeckt, flammt eine wilde Entschlossenheit in ihren Augen auf.

Innerhalb eines Wimpernschlags entfaltet sich ein elektrisch aufgeladenes Knistern in der Luft, das von ihrem Körper auszugehen scheint. Eine Druckwelle durchzuckt den Raum und pure Energie lässt die Fensterscheiben erzittern. Die Frau fällt zu Boden, nur um sofort wieder hochzuschießen und einem der verdutzten Männer die geballte Faust ins Gesicht zu schmettern.

Sie weicht seinem Gegenschlag aus und stößt ihren schmalen Kopf gegen den des anderen. Doch sie kann sich nicht gleichzeitig gegen beide zur selben Zeit wehren, denn der andere Mann holt bereits zu einem nächsten Schlag aus. Seine Faust schießt wie ein Pfeil durch die Luft und trifft sie direkt in die Magengrube. Wie eine Puppe wird sie einige Meter weiter gegen eine kahle Wand geschleudert und rutscht daran hinab. Nach Atem ringend krümmt sie sich am Boden zusammen.

Sie würgt und spuckt etwas Dunkles auf den eiskalten Fliesenboden.

Blut.

Doch augenblicklich wird sie wieder hochgezogen und an den schulterlangen braunen Haaren weitergezerrt. Schreiend krallt sie ihre Fingernägel in die muskulösen Arme der beiden Wachen.

Doch es ist aussichtslos.

Die Männer stemmen sich gegen sie, um ihren sich windenden Körper auf den Stuhl zu bekommen, aber sie kämpft weiter. Eine grelle, erblindende Lichtwelle schießt wie eine Klinge durch den Raum und stößt die Männer von ihr. Keuchend springt die Frau wieder auf die Beine, doch sie hält in der Bewegung inne.

Die Haut an ihrem Hals beginnt sich violett zu verfärben, als würde ihr etwas die Luft abschnüren, ohne sie jedoch zu berühren. Sie keucht und ihre Augen treten unnatürlich weit aus den Höhlen hervor. Die Frau würgt und will auf die Knie sinken, doch was auch immer ihren Hals umschlossen hält, lässt nicht locker. Sie taumelt rückwärts und wird zurück auf den Stuhl gestoßen. Ringe aus eiskaltem Metall schließen sich um ihre Gelenke, verbieten ihr, sich zu bewegen.

Sie bebt.

Der Mann mit den kalten Augen, der zuvor nur ruhig dagestanden ist, tritt nun wortlos auf sie zu. In der Hand hält er einen Gehstock, der bei jedem seiner langsamen Schritte ein furchterregendes, klackendes Geräusch auf den Fliesen hinterlässt.

Die stillen Tränen der Frau, die ihr nun in Strömen über die Wangen rinnen, glitzern wie Diamanten auf ihrer Haut. Aber sie kümmert sich nicht darum, ihre Aufmerksamkeit gilt einzig und allein dem Mann vor ihr, auf den sie die hellbraunen Augen geheftet hat.

„Richard…“, wimmert sie voll Verzweiflung, doch ihre Stimme bricht. „Richard, wieso tust du das?“

Erneut wird sie von einem Beben erfasst und heiße Tränen ergießen sich über ihre Wangen.

Richard hält vor ihr inne. Als er herantritt, erhellt ihn für einen Moment das Mondlicht. Sein Gesicht ist kantig und makellos, die Lippen eine gerade feine Linie und die Augen sind so dunkel, dass sie fast schwarz erscheinen.

Kalt, hart und undurchdringlich.

Ohne sie aus den Augen zu lassen, klatscht er zweimal in die Hände und das Geräusch hallt dabei erschreckend laut von den Wänden wider.

Ein schlangenartiges Zischen erfüllt zögerlich den kleinen Raum, in dem es totenstill geworden ist. In der beinahe absoluten Dunkelheit sind sie nahezu unmöglich zu sehen, doch hier und da lassen sich Reflexionen im spärlichen Licht erkennen. Sieben fingerdicke, transparente Schläuche winden sich wie geschmeidige Schlangen von der Decke, an deren Spitze zentimeterlange Nadeln prangen.

Und sie kommen näher.

Ohne Geräusch.

Ohne Warnung.

Ohne Vorahnung auf das, was folgen wird.

Doch die Frau scheint es zu wissen, denn sie schließt die feuchten Augen und schluckt schwer. Als sie sie wieder öffnet, steht Angst darin, Wut und vor allem eine erschütternde Enttäuschung.

„Ich wusste immer …, dass du zu üblen Grausamkeiten im Stande bist, aber das hätte ich selbst dir nicht zugetraut.“ Ihre gebrochene Stimme ist kaum mehr als ein Hauch. Doch Richard reagiert nicht auf sie, im Gegenteil, er zeichnet eine kreiselnde Bewegung mit dem Zeigefinger in der Luft, woraufhin sich die Schläuche in Bewegung setzen, als hätten sie auf seinen Befehl gewartet.

Die Frau reckt stolz das Kinn und strafft die Schultern, blickt Richard genau in die kalten Augen. Sie schluckt, lässt es nicht zu, dass er die Panik in ihrem Inneren bemerkt.

Die Panik, für die allein er verantwortlich ist.

Eine letzte Träne rinnt langsam über ihre Wange.

In diesem Moment bäumt sich der erste Schlauch auf wie eine Kobra kurz vor dem Biss und schnellt blitzschnell vor. Vorerst bleibt die Frau noch stark, zuckt nur kurz zusammen, als sich die erste Nadel tief in ihr Fleisch bohrt. Die Restlichen stechen in einem einzigen Moment alle auf einmal in ihre Haut, in Hals, Nacken und Hinterkopf. Ein unkontrollierbarer Schrei entringt sich ihrer Kehle und sie bohrt mit schmerzverzerrtem Gesicht ihre Fingernägel in die Armlehnen des Stuhls, sucht nach Halt.

Stöhnend reißt sie sich zusammen und richtet ihre glasigen Augen direkt auf Richard.

„Du weißt nicht, was du da tust“, krächzt sie.

Doch er kümmert sich nicht um sie, sondern wendet den Blick ab.

„Bringt es zu Ende“, befiehlt er den anderen Männern. Diese zögern nicht und machen sich an die Arbeit. Die Wächter tippen etwas auf ihren Geräten ein, was erneut ein zischendes Geräusch im Raum erzeugt. Eine milchige, leuchtend hellblaue Flüssigkeit bahnt sich ihren Weg die durchsichtigen Schläuche hinab in Richtung der Frau, die auf dem Stuhl festgekettet ist.

Sie treten davor zurück.

Richard hat sich inzwischen eines der Geräte genommen und tippt noch einige Kombinationen ein. Sein Finger schwebt über einem letzten Knopf. Für einen langen Moment sieht er aus, als würde er zögern. Gedanken überschlagen sich in seinem Kopf. Gedanken über Entscheidungen, die nicht mehr rückgängig zu machen sind.

Sein Blick zuckt zu der Frau auf dem Stuhl. Sie hat sich zurückgelehnt und die Lider geschlossen. Auch wenn sie versucht, stark zu bleiben, ist deutlich zu sehen, wie sich ihre Brust unruhig hebt und senkt und sie mit der Angst kämpft. Im schwachen Licht sieht man ihren schweißüberzogenen Körper glitzern.

Richard hält inne.

Als hätte sie seinen Blick bemerkt, öffnet die Frau ihre Lider und starrt ihn direkt an. Ihre hellbraunen Augen bohren sich in die kalten, dunklen Augen Richards.

Mit einem Wimpernschlag ist es totenstill im Raum. Es ist, als könnte man die Herzen der beiden laut und haltlos schlagen hören.

„Tu das nicht“, wispert sie mit letzter Kraft.

Doch ihre Worte legen in Richard einen Schalter um. Seine Brauen ziehen sich entschlossen zusammen und seine Augen verlieren den letzten Funken Wärme, der sich vor wenigen Sekunden noch darin befand.

Richard betätigt den Knopf.

Kurz ist alles still, dann durchzucken Krämpfe den Körper der Frau. Sie beginnt erneut zu schreien, zittert und zappelt, drängt sich gegen ihre Fesseln. Ihr Körper bäumt sich auf, versucht den Schlangen in ihrer Haut zu entkommen.

Vergeblich.

Die hellblaue Lösung verschwindet restlos in ihrem Körper und an ihrer Stelle quillt eine hellrote, nebelähnliche Flüssigkeit durch den Schlauch nach oben.

Richards Lippen kräuseln sich zu etwas wie einem Lächeln. Sie hält viel länger aus als die anderen. Dieses Mal wird es funktionieren.

Die Frau kreischt sich die Seele aus dem Leib, bäumt sich auf, drückt den Rücken durch, die Augen nach innen verdreht. Keiner der Anwesenden versucht einzugreifen, bis die Flüssigkeit durchsichtiger und blasser wird.

Einer der Wächter meldet sich nun zum ersten Mal zu Wort: „Das genügt! Ihr tötet sie!“

Er sieht ehrlich aufgebracht aus, doch Richard starrt nur besessen auf den Schlauch. Der Wächter tritt vor, um zu stoppen, was auch immer noch zu stoppen ist, da packt ihn Richard am Arm. Sein Griff ist derart fest, dass das Blut des Beraters ins Stocken gerät und seine Haut augenblicklich weiß anläuft.

Ein letztes Mal stößt die Frau einen markerschütternden Schrei aus. Richard und die Wächter zucken mit den Köpfen in ihre Richtung.

Sie hat aufgehört, sich zu wehren. Wie eine Puppe fällt sie in dem Stuhl zusammen und klappt zur Seite weg.

Dunkle Haarsträhnen hängen ihr verschwitzt in die blasse Stirn.

Ihre verdrehten Augen stehen weit offen.

Aus dem leicht geöffneten Mund sickert Blut heraus.

Sie ist tot.

TEIL 1 DIE GABE

KAPITEL 1

Ich liebe den Geruch von Regen.

Dann duftet die Erde so frisch, nach Leben, nach Neuanfang, als könnte man jetzt mit allem von vorne beginnen.

Erschöpft wische ich mir über die feuchte Stirn. Bis heute haben wir über drei Wochen lang keinen Tropfen Regen gesehen und es war unerträglich heiß. Zwar hat die Luft durch den Regen heute Nacht ein wenig abgekühlt, doch die Feuchtigkeit umhüllt mich dennoch wie ein schwerer Mantel. Nichts Ungewöhnliches für diese Jahreszeit, obwohl es erst Mitte April ist. Letzten Monat hatte es noch eisige Temperaturen unter null Grad.

Wir haben in der Schule gelernt, dass das nicht immer so war, aber unsere Lehrer haben uns erklärt, dass es unsere Vorfahren vor vielen Jahren einfach verbockt haben und wir jetzt damit leben müssen.

Der Acker, auf dem ich stehe, wird von einem gewaltigen Gewächshaus umschlossen.

Ich komme fast jeden Tag hierher. Meine Tante Liz war an der Gründung dieser Organisation, Auxilium, beteiligt, weswegen ich eine bessere Entlohnung für meine Arbeit hier erhalte als die meisten. Doch es genügt dennoch nicht.

Nicht im Geringsten.

Der Glanz unserer neuen Welt ist längst verblasst, unser Reich ein geteiltes. Die meisten Menschen leben hier in Armut.

Vor vielen Jahren, bevor der Krieg ausbrach, ging es den Leuten viel zu gut. Also war das Einzige, das sie noch beschäftigen konnte, ihre Macht auszuweiten. Es muss der schlimmste Krieg in der Geschichte der Menschheit gewesen sein, so sagen unsere Lehrer. Neueste Technologien, ausgeklügelte Waffen, gewaltige Truppen und ein leidendes Volk. Sie haben die Erde in weniger als zwei Jahren zu einem fast unbewohnbaren Klumpen verunstaltet.

Ich kann und will mir nicht vorstellen, wie es damals ausgesehen haben muss.

Ein Jahr später haben die Menschen neue Kraft geschöpft. Jeder, der noch übrig war, hat sich dem Königreich angeschlossen. Man wollte einfach nur noch, dass das ganze Leid vorüber ist und auch vorüber bleibt. Eine Familie, die Davenports, hat die Macht übernommen. Wie der Phönix aus der Asche wurde unser Land neugeboren und zu einem mächtigen Königreich aufgebaut wie durch ein Wunder. Die Davenports waren über mehrere Generationen an der Macht und haben schließlich einen Beraterkreis aufgebaut, mit vom Volk gewählten Helfern der Königsfamilie.

Und es lief nicht nur gut, es lief fantastisch. Schneller, als es irgendwer zu hoffen gewagt hat, hatten alle wieder regelmäßig genug zu Essen, Kleidung und ein festes Dach über dem Kopf. Die Infrastruktur wurde repariert, Dörfer gerettet und neu gegründet. Jedem hing noch der Krieg in den Knochen und niemand wollte dahin zurückkehren.

Doch wie alle Geschichten, hat auch diese einen Haken.

Eines Jahres wurden in der Königsfamilie Zwillinge geboren. Brüder, die fortan gemeinsam regieren sollten. Doch ihre Regentschaft war von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Bereits früh stellte sich heraus, wie grundverschieden die beiden Brüder waren.

Der eine hieß Brix, ein besonnener, gutmütiger Junge mit hellem, fast schnee-weißem Haar. Der andere Sohn, Reagan, war genau gegenteilig. Abenteuerlustig und hitzköpfig. Der Geschichte nach war sein Haar so schwarz wie eine klare Sommernacht. Und nicht nur in ihren Kindertagen sind die Brüder oft aneinandergeraten, sondern auch während der königlichen Entscheidungen, was dem Volk stark geschadet hat.

Ausgerechnet während einer besonders hitzigen Diskussion schlug im Königsgarten ein Meteor ein. Durch den Aufprall ist der Stein zerbrochen und hat der Legende nach eine unglaubliche Macht freigesetzt.

Man nennt sie auch die Gabe.

Nur wenige wurden damit belohnt, obwohl ich der Meinung bin, dass es weniger Segen und mehr ein Fluch ist.

Wenn man Träger der Gabe ist, ist man fähig eines der vier Elemente, Erde, Wasser, Feuer oder Luft zu beherrschen. Die Forscher sind sich nicht einig, ab welchem Zeitpunkt sich die Gabe im Körper befindet, doch sie vermuten, dass sie ab der Geburt fest in einem verwurzelt ist. Die Entfaltung findet jedoch erst nach dem siebzehnten Geburtstag eines Trägers statt. Jemanden, der eine Gabe hat, nennt man auch Elementarier.

Man kann den Weg der Gabe nicht beeinflussen, doch meistens sind Menschen in einflussreichen Positionen ihre Träger. Auch darauf haben die Forscher keine Antwort.

In den Anfängen der Entdeckung dieser überirdischen Macht waren die Menschen ängstlich und vorsichtig. Doch die Angst um ihre eigene Existenz löste einen ungemeinen Zorn in den Herzen der Bürger aus. Die Elementarier wurden wie die Hexen im Mittelalter verstoßen und das Volk war sogar bereit sie zu töten. Sie machten die Elementarier dafür verantwortlich, dass es ihnen immer schlechter ging.

Die Könige Brix und Reagan haben nichts gegen das durchdrehende Volk unternommen, sie waren genug damit beschäftigt miteinander auszukommen. Sie haben sich über Monate hinweg gestritten und keine Lösung gefunden, wie sie mit der neuen Situation der Elementarier umgehen sollen. Beide wollten die Gabe anders nutzen als der andere. Während Brix dafür war, die Gabe zunächst einmal sorgfältig zu erforschen, bevor sie etwas überstürzten, wollte Reagan sie dafür nutzen die Instabilitäten im Land zu beheben und die Wogen zu glätten. Doch Brix war der Meinung, es damit nur noch schlimmer zu machen.

Der Streit führte so weit, dass sich die Brüder gegenseitig bekriegten. Das Königreich teilte sich. Die Brüder kehrten sich den Rücken und gingen getrennte Wege in getrennten Königreichen.

Brix wurde König des hellen Königreiches, Reagan König des dunklen Königreiches. Ihre Trennung hat nicht nur in ihrer eigenen Familie ein klaffendes Loch hinterlassen, sondern auch das Königreich von einem auf den anderen Tag gespalten. Nichts war mehr so wie vorher. Die mühsam aufgebauten Felder, Transportwege, Handelsabkommen, alles wurde aufgelöst, damit die Brüder ihren Streit nicht weiter austragen mussten. Und das war schlimmer als die neu entdeckten Elementarier, die dem Volk so viel Angst machten.

Die Verfeindung der Reiche führte so weit, dass beide Könige jeweils eine Soldatenschule aufbauten, um sich ihre eigene kleine Armee aufzubauen, sollte ein Bruder irgendwann versuchen anzugreifen. Jeder ab sechzehn Jahren darf die Schule besuchen, auch wenn er oder sie so arm ist wie ich.

Ich lebe im dunklen Königreich. Bis heute sind wir vom hellen Reich abgeschnitten, erfahren nicht, was dort drüben vor sich geht. Ein Wechsel in das jeweils andere Königreich ist verboten und Verstöße sind reiner Selbstmord.

Die Gabe ist mittlerweile ein Wort, das man nur noch hinter vorgehaltener Hand ausspricht. Nach der Trennung haben Brix und Reagan versucht, so viele Elementarier wie möglich auf ihre eigene Seite zu ziehen, um vor dem anderen mehr Macht zu haben. Die Elementarier wurden gejagt, um sie zu erforschen, um sie zu Kriegern zu machen. Was jetzt mit ihnen passiert, wissen wir nicht.

Beide Könige haben eine Gabe. Unser dunkler König, König Richard hat die Gabe Erde und Gestein zu kontrollieren. Sein Sohn ist ebenfalls einer Gabe mächtig. Prinz Taylor ist achtzehn und seine Fähigkeit ist es, den Sturm zu kontrollieren. Prinzessin Grace ist erst sechzehn, einige Monate jünger als ich, weshalb sich ihre Gabe noch nicht gezeigt hat. An ihrem Geburtstag wird im Schloss ein großes Fest veranstaltet werden, um ihre Gabe zu feiern, sollte sie ebenfalls eine haben. Das einfache Volk ist seit Jahren nicht mehr zu derartigen Veranstaltungen eingeladen worden.

Eine Glocke läutet und ich blicke auf.

Für heute sind wir fertig. Ich greife nach meinem halbvollen Eimer mit Kartoffeln und mache mich auf den Rückweg.

Mit müden Beinen stolpere ich über das stoppelige Feld. Seit einigen Tagen kann ich nicht richtig schlafen. Ich träume eigenartige Dinge, kann mich aber, sobald ich aufwache, nicht mehr daran erinnern. Die Ereignisse in meinen Träumen erscheinen mir immer wieder im realen Leben, fast wie ein Déjà-vu. Aber sobald ich beginne, mich zu erinnern und meine, sie zu fassen zu bekommen, gleiten sie mir durch die Finger.

Endlich komme ich auf dem ovalen Platz an, dessen Boden mit derart krummen Pflastersteinen ausgelegt ist, dass man darauf achten muss, sich nicht die Knöchel zu brechen. Dort werden die geernteten Lebensmittel gesammelt, um weiterverkauft zu werden. Wir nennen ihn den Hof.

Um diesen Platz herum befinden sich die Lagerräume für die Ernte. Es sind hohe Gebäude, von deren Balkonen Arbeiter große Kisten mit Gemüse, Obst oder Getreide hochziehen, um sie zu verstauen.

Ich gehe auf den Teil des großen runden Hauses zu, auf dem in brauner Farbe Kartoffeln geschrieben steht. Die Farbe, mit der es an die Wand gemalt wurde, ist vor dem Trocknen noch ein bisschen heruntergelaufen und der Putz bröckelt an einigen Stellen ab.

In eine der großen Holzkisten, die davor positioniert sind, schütte ich den Inhalt meines Eimers hinein. Die Kartoffeln verteilen sich auf den anderen und ich kann sie kaum mehr voneinander unterscheiden. Form und Farbe sind bei jeder Kartoffel fast gänzlich identisch.

Ich schwenke meinen leeren Eimer vor und zurück, während ich Richtung Ausgang schlendere. Ich komme an Kisten für Karotten, Tomaten, Birnen und anderen Erntekästen vorbei. Weiter vorne entdecke ich den für Äpfel.

Mein Magen meldet sich knurrend zu Wort.

Ich habe heute noch nichts gegessen. Natürlich weiß ich, dass mein Vorhaben verboten ist, aber wenn ich nicht gleich etwas zu Essen bekomme, falle ich in Ohnmacht oder Schlimmeres…

Wenn ich da einen, nur einen einzigen von diesen glänzenden, roten, süßsauren Äpfeln haben könnte, würde Schlimmeres auf jeden Fall nicht passieren. Ich gehe ganz nah an den Kisten vorbei und lasse meine Hand im Vorbeigehen unauffällig in eine hineingleiten. Meine Finger schließen sich um den erstbesten Apfel und blitzschnell stecke ich ihn in die Tasche meiner Latzhose. Noch ein prüfender Blick nach rechts und links genügt, um mir zu zeigen, dass es niemand mitbekommen hat.

Und ich bin einen Apfel reicher.

Von einem Tisch schnappe ich mir meine Tasche und die Strickjacke, die ich bei dieser Hitze nicht gebraucht hätte und stelle den Eimer ab.

Am Ausgang winke ich der Frau im Wachhaus kurz zu. Ich habe sie bei meiner Tante Liz schon öfter beim Kuchen essen gesehen. Ihr Name ist mir jedoch entfallen. Sie winkt zurück und hakt mich auf ihrer Liste ab.

Ich versuche immer eine der Ersten zu sein, die den Hof verlassen, um mir noch einen einigermaßen guten Platz im Bus zu verschaffen, der jetzt wie bestellt um die Ecke rollt. Die Reifen quietschen vor Überlastung und hinterlassen schwarze Streifen auf dem löchrigen, geflickten Teer.

Früher hatte ich immer Angst, in diesem Teil mitzufahren, weil es mir zu gefährlich erschien. Jetzt weiß ich, dass ich keine andere Wahl habe.

Das Gefährt schlittert an mir vorbei und bleibt einige Meter entfernt unter einem erneuten Quietschen stehen.

Die Ersten warten schon ungeduldig vor den geschlossenen Türen des Busses und auch ich eile zu ihnen, um nicht den Nächsten nehmen zu müssen, der erst in einer halben Stunde kommt.

Wir steigen ein.

Der Bus ist schon ohne uns überfüllt gewesen, aber das stört die meisten nicht, außerdem ist es stickig und stinkt nach Schweiß. Das Fahrzeug fährt los, bevor ich richtig eingestiegen bin.

Schließlich bekomme ich einen Stehplatz neben einem großen Jungen.

Sein Aussehen ist das komplette Gegenteil von meinem.

Er ist groß, kräftig und dunkelhäutig. Seine kurzen, schwarzen Haare versteckt er halb unter einer kleinen Mütze und seine Augen sind ebenso dunkel wie sein Haar.

Ich dagegen bin eher kleiner, schmächtig und blass. Mein blondes Haar habe ich zu einem lockeren Zopf geflochten, der mir über die Schulter fällt und meine Augen sind dunkelblau. Wenn man Liz Glauben schenkt, sehen sie aus wie der stürmische Ozean.

Der Bus kommt mit einem Rucken zum Stehen und es schleudert alle nach vorn. Ich kann mich gerade noch an einer Stange festklammern, bevor ich in einen Jungen vor mir gefallen wäre. Das Mädchen neben mir drängelt sich mit den Ellenbogen durch die Gruppe nach vorn und verschwindet hinter den milchigen Scheiben.

Die Türen schließen sich und der Bus fährt weiter.

Während des Rests der Fahrt werden wir immer wieder erneut durchgeschüttelt, wenn der Bus über Schlaglöcher und Hindernisse fährt.

Wir halten noch zweimal an, bis ich aussteigen muss. Ich lasse die Stange los und suche mir meinen Weg durch die Leute. Endlich erreiche ich die Ausgangstür und springe der heißen, dennoch vergleichsweise frischen Luft entgegen.

Die Türen schließen sich.

Ich bin die Einzige, die hier aussteigt.

Es gibt eine Reichensiedlung auf der anderen Seite der Stadt und ein Zentrum genau in der Mitte von Pantergan.

Hier befindet sich das Armenviertel.

Meine Eltern sind damals, als ich gut ein Jahr alt war, ins helle Königreich geflohen. Ich habe nie verstanden, wieso sie das getan haben und werde es wohl nie. Schon der Gedanke daran, dass sie mich schlichtweg nicht wollten, versetzt mir immer wieder aufs Neue einen gewaltigen Stich. Ich weiß, dass sie diese Reise nicht überlebt haben. Ein Wechsel ins andere Königreich ist verboten und man erzählt sich, dass die Grenzen schwer bewacht sind.

Der letzte Rest Familie, der mir geblieben ist, besteht aus meiner Tante Liz, ihrem Sohn Christopher und Liz‘ neuem Ehemann Lawrence. Letzterer hatte von Anfang an nichts für mich übrig und war strikt dagegen, mich bei ihnen aufzunehmen.

Jetzt lebe ich im Waisenhaus unserer Stadt. Wir bekommen nichts geschenkt. Deshalb sind wir abhängig von Auxilium. Als Gegenleistung dafür, dass ich dort arbeite, finanzieren sie uns neben einigen Ernteprodukten auch wöchentliche Essensrationen und ich bekomme ein bisschen zusätzliches Geld, das ich nicht behalten darf.

Das Waisenhaus braucht es.

Bald schon muss ich mein Zuhause verlassen, um mir eine Arbeit zu suchen und alleine zu wohnen. Tatsächlich finde ich die Wahl meiner zukünftigen Beschäftigung nicht besonders schwer. Nachdem ich in den letzten Jahren so gut wie jede verfügbare Möglichkeit in der Gegend ausprobiert habe, habe ich am meisten in der Stadtbäckerei verdient und mich dort auch am wohlsten gefühlt. Wenn ich Glück habe, werde ich dort angestellt und damit einigermaßen über die Runden kommen. In einem Königreich, in dem Hunger, Armut und Arbeitslosigkeit regieren, ist eine sichere Anstellung mehr als man erwarten darf.

Diejenigen, die hier wohnen, sind eigentlich alle zu arm oder zu krank, um zu arbeiten. Die, die aus dem Armenviertel zum Helfen auf den Hof kommen, sind wir Kinder aus dem Waisenhaus.

Ich bin die Älteste und auch momentan die Einzige, die alt genug ist, um zu arbeiten. Alle anderen Kinder gehen in die Schule, bis sie fünfzehn sind, das heißt, sie besuchen acht Klassen. Meinem Geschmack nach hätte die Schule ruhig noch etwas länger dauern können, denn dann hätte ich vielleicht auch Chancen auf einen besseren Job. Aber ich will mich nicht beklagen. Sollte es nicht.

Ich sehe dem Bus nach, bis er um die Ecke verschwunden ist und mache mich anschließend auf den Weg Richtung Waisenhaus.

Meine Schuhe bewegen sich noch einige Meter auf Teer, bis die Strecke in einen Schotterweg mit hellbraunen Steinen mündet.

Aus meiner Tasche ziehe ich den Apfel, den ich gestohlen habe. Er ist in einem satten Rot gereift und reflektiert das Sonnenlicht wie in einem Spiegel. Bei diesem Anblick läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Die Frucht gibt ein sattes Knacken von sich, als ich hineinbeiße. Süßlich saurer Geschmack breitet sich in meinem Mund aus und lässt mich fast aufstöhnen vor Genuss.

Mein Blick schweift über die Häuser des Armenviertels.

Sie sind alle schäbig, klein und zum größten Teil aus Holz gebaut. In den Vorgärten wächst zertrampeltes, verdorrtes Unkraut und in vereinzelten Gärten kahle, ungepflegte Bäume. Die Mülltonnen vor den Gärten wurden wieder nicht geleert. Abfall und Essensreste quellen daraus hervor und stinken bestialisch in der Hitze.

Ich werfe das übrig gebliebene Kernhaus des Apfels neben den Weg. Innerhalb weniger Stunden wird er schon von der Sonne vertrocknet sein. Ich halte diese schwüle Hitze nicht mehr aus. Nach diesem anstrengenden Arbeitstag kommt es mir vor, als würde die Sonne jetzt mit doppelter Intensität auf mich herabbrennen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit komme ich am Ende der Straße an.

Das letzte Haus ist das Waisenhaus.

Auch dieses ist schäbig. Von den einst weißen Außenwänden schält sich die Farbe und die von der Sonne verblichenen Dachziegel lassen ein früheres Dunkelrot nur vermuten.

Ich drücke die verrostete Klinke des Gartentors herunter und trete auf den großen verdorrten Rasen. Hinter dem Haus erstreckt sich ein Waldstück, das im Gegensatz zum Rasen satt grün leuchtet. Ich gehe über den Trampelpfad auf die Veranda zu und stoße das Fliegengitter auf.

Als ich eintrete, lasse ich den Blick kurz durch unser Wohnzimmer schweifen. Rechts stehen drei blassrote Sofas um einen alten Fernseher herum. Die Füllung quillt an einigen Stellen schon hervor, weswegen wir ihnen einige Decken übergeworfen haben. Als mich die paar Kinder, die dort in der Ecke sitzen, bemerken, springen sie sofort auf und mir um den Hals.

„Evelyn! Evelyn! Wie schön, dass du zurück bist!“

Ich versuche alle gleichzeitig in die Arme zu nehmen und drücke sie fest an mich. „Hey ihr Süßen. Wisst ihr, wo Mary ist?“

Mary ist unsere Betreuerin, oder schöner gesagt, unsere Ersatz-Mutter. Ich kenne sie schon, seit ich denken kann und bin ihr unendlich dankbar, dass sie uns nicht verlassen hat, so wie es schon viele andere Betreuerinnen vor ihr gemacht haben.

Ich erfahre, dass Mary in der Küche ist und mache mich dahin auf den Weg.

Durch einen runden Türrahmen trete ich ins Esszimmer und streiche im Vorbeigehen mit den Fingern die Konturen des Holztisches aus Eiche nach.

Ein weiterer Bogen führt auf den Flur. Dem rotbraunen Läufer, der das schäbige Parkett verdeckt, und einem verführerischen Duft nach Eintopf folgend, spaziere ich in die Küche, die sich am rechten Ende des Flurs befindet.

Die Tür steht einen Spalt breit offen und ich schiebe sie mit einem leisen Quietschen vollständig auf. „Mary?“

Die rundliche Frau steht vor dem Herd und rührt in einem großen Topf. Sie trägt ein braunes Kleid mit Schürze, das sie wie eine mittelalterliche Magd aussehen lässt. Die hellbraunen Haare hat sie sich zu einem Knoten nach oben gesteckt, der sich schon allmählich wieder auflöst und kleine Fältchen zieren ihr rundes Gesicht.

Die Küche ist klein, schlicht und eng. Am Ende des länglichen Raums erhellt ein einziges kleines Fenster den spärlichen Kochbereich.

Mary wendet sich erschöpft lächelnd zu mir um. „Hi Schätzchen“, seufzt sie. „Wie war die Arbeit?“

„Wie immer“, antworte ich, lasse meine Tasche auf die Fliesen rutschen und schwinge mich auf die Theke neben dem Herd. „Das riecht göttlich!“

Und das tut es auch. Vor allem, wenn man so hungrig ist, wie ich gerade.

Mein Lob bringt sie zumindest leicht zum Schmunzeln.

Sie lässt noch ein bisschen Salz in das Essen fallen, bevor sie erneut die blubbernde Flüssigkeit umrührt. Salz, Pfeffer und Zucker sind Kostbarkeiten, an die man in Pantergan nur schwer herankommt. Mary hat einen kleinen Beutel Salz einmal von Liz zum Geburtstag bekommen und hütet ihn seitdem wie ihren Augapfel.

Ich sehe in ihre hellbraunen Karamellaugen. „Wie lange braucht das noch?“

„Eine halbe Stunde noch“, antwortet sie. „Felix und ein paar andere arbeiten gerade im Garten. Sie haben heute zwei Eimer Erdbeeren geerntet und wollen sie auf dem Markt verkaufen. Ich dachte, vielleicht könntest du sie ins Zentrum begleiten. Du weißt ja, sie waren noch die dort und du könntest ihnen alles zeigen.“

„Klar doch.“

Ich plaudere noch ein wenig mit Mary, bevor ich die Küche verlasse, um nach den Erdbeeren zu sehen. Am anderen Ende des Flurs befindet sich eine Tür, die direkt in den Garten führt. Ich drücke sie auf und trete auf den verbrannten Rasen hinaus, was die trockenen Grashalme unter meinen Schuhen zum Knistern bringt. Augenblicklich umfängt mich die schwüle Abendhitze und bildet Schweißperlen auf meiner Stirn.

Hinter dem Haus haben wir ein kleines Erdbeerfeld errichtet, das vielleicht zehn Quadratmeter groß ist. Mittags, wenn die Sonne am stärksten brennt, spannen wir ein Sonnensegel über die Früchte, damit sie nicht verbrennen. Wenn sie reif sind, wird geerntet und anschließend graben wir die Erde um und bauen andere Sorten Gemüse oder Obst an. Es ist unsere zusätzliche Einnahmequelle und Erdbeeren sind zurzeit zudem sehr beliebt, besonders bei den wenigen Wohlhabenden in Pantergan.

Als ich an der Wassertonne vorbeikomme, die wir mit kostbarem Regenwasser füllen, schnappe ich mir eine Gießkanne, lasse sie mit Wasser volllaufen und spaziere zu den anderen.

Lucy und Jared sind unsere Zwillinge und beide vierzehn. Die dunklen Haare kleben verschwitzt an ihren Köpfen, während sie das Wasser aus ihren Kannen über die trockene Erde gießen. Hazel und Felix machen sich an dem Stroh zu schaffen, das wir zwischen die Pflanzen gesteckt haben. Als sie mich kommen hören, wenden sie sich alle vier zu mir um.

Felix stöhnt, als er sich aufsetzt, und wischt sich über die Stirn. „Hey Evelyn.“

Bei seinen Worten strahlen mich seine kastanienbraunen Augen aufgeweckt an. Felix ist ungefähr so groß wie ich, obwohl er zwei Jahre jünger ist.

Er steckt in ein paar alten Klamotten von den Kindern, die das Haus bereits verlassen haben. Die Kleidung ist ihm einige Größen zu groß und schlackert um seine Beine. Felix‘ Cousine ist auch hier im Waisenhaus. Ihr Name ist Amira und sie ähnelt ihm mit ihren acht Jahren wie ein Ei dem anderen.

„Hey“, antworte ich und wuschle ihm durch das strohblonde Haar. Er wehrt sich nur halbherzig, bevor ich ihn in Ruhe lasse und ihnen dabei helfe, die noch trockenen Stellen der Erde zu gießen. Wir unterhalten uns ein wenig über unseren Tag, bevor Mary zum Abendessen ruft.

„Kinder! Kommt ihr zum Essen, bitte!“ Mary sieht aus dem Küchenfenster zu uns heraus und winkt aufgeregt mit den Händen.

Felix hält mir einige aufeinandergestapelte Eimer hin und wirft noch ein paar Handschuhe hinterher. „Findest du es nicht auch nervig, dass sie uns immer noch Kinder nennt?“

Ich muss grinsen. „Eigentlich ist mir das ziemlich egal. Da gibt es wichtigere Dinge, über die ich mich aufregen kann.“

„Sehr weise Worte.“

Er grinst. Felix ist für mich mehr als nur ein Mitbewohner, er ist mein Freund, fast wie ein Bruder für mich. Außerhalb des Waisenhauses habe ich keine Freunde, was es besonders schön macht, jemanden wie ihn zu haben.

Felix‘ Eltern sind bei einem Autounfall gestorben als er noch sehr jung war. Früher war seine Familie wohlhabend und lebte in der Reichensiedlung. Nun wohnt ihr Sohn hier, im hintersten Viertel der Stadt, wo sich keiner aufhalten will und das Einzige, was ihm geblieben ist, ist seine Cousine Amira.

„Gehen wir“, ruft Felix in die Runde und nimmt noch einen Eimer mit Erde. „Bevor sie uns nochmal mit Kinder ruft.“

Bei dem Wort Kinder versucht er Marys Stimme nachzuahmen und endet viel zu hoch und schrill.

Ich muss lachen und Hazel stimmt mit ein. Hinter ihr trotten Lucy und Jared her, die leere Wasserkannen mitbringen und während des Laufens vor und zurück schwenken. Auch sie können sich ein Lächeln nicht verkneifen.

Mit ihnen allen Zeit zu verbringen, wärmt mir das Herz, obwohl ich mir oft genug wünsche, dass niemand von uns hier leben muss.

Mary hält mir einen Löffel hin, ohne mich wirklich anzusehen.

Mit hochkonzentriertem Gesicht wühlt sie in der Besteckschublade und zieht nach kurzem Suchen einen Schöpflöffel heraus, den sie schnell neben dem blubbernden Eintopf ablegt.

„Schmeckst du bitte die Suppe ab, Herzchen.“ Ihre Stimme klingt gehetzt und angestrengt. Sie benutzt gerne kindliche Spitznamen für uns alle. Aber doch heißen wir alle Schätzchen, Engel oder Herzchen.

Ich nicke, tauche den Löffel, den sie mir in die Hand gedrückt hat, in die kürbisorangene Flüssigkeit und koste. Ich liebe Marys Kochkünste. Sie kann aus primitiven Zutaten ein wahres Wunderwerk zaubern.

„Das schmeckt einfach himmlisch, Mary!“

Trotzdem gebe ich noch etwas von ihrem selbstgemachten Kräuterpulver hinein und rühre mit dem großen Schöpflöffel um. Bei dem Geruch läuft mir das Wasser im Mund zusammen und mein Magen beginnt erneut zu knurren.

Mary rauscht mit Tellern an mir vorbei ins Esszimmer. „Dann ist ja gut.“ Ich kann das Lächeln auf ihren Lippen hören.

Wenige Sekunden später kommt sie erneut in die Küche gerauscht und knallt die Besteckschublade auf, um unter einem unglaublichen Krachen die passenden Löffel zu suchen. „Bringst du den bitte rüber?“

Sie deutet auf den Topf und ist schon wieder aus dem Raum.

„Klar“, sage ich nur noch zu mir selbst und hebe den schweren Topf an. Manchmal kommt mir Mary vor, als gäbe es sie zweimal, da sie so schnell an so vielen unterschiedlichen Plätzen gleichzeitig herumwuselt.

Die Tür schiebe ich mit dem Fuß auf und balanciere den Topf ins Esszimmer, wo ich ihn auf ein Brett stelle. Mary hat derweil ein paar Kinder zusammengetrommelt, die mit ihr den Tisch decken sollen. Jared füllt gerade jedem Wasser in sein Glas und ich entdecke Amira, die einen Korb mit Brötchen auf den Tisch stellt. Mit der Arbeit wechseln wir jeden Tag. Mary möchte, dass wir ein Gespür dafür entwickeln, dass jeder von uns Aufgaben erhält und diese selbstständig und zuverlässig erfüllen soll. Trotz ihrer eingeschränkten Möglichkeiten versucht sie uns Werte wie Disziplin und Eigenverantwortung zu lehren.

Seufzend setze ich mich auf meinen Stuhl und richte das Besteck zurecht.

Von links gibt mir jemand den Korb mit den Brötchen, gerade als sich Felix neben mich auf seinen Stuhl fallen lässt.

Ich nehme mir zwei und gebe ihm den Korb weiter.

Grinsend nimmt er ihn entgegen. „Seit wann sind Sie denn befugt, sich zwei Brote statt einem zu nehmen, wenn ich fragen darf?“

Ich runzle die Stirn. „Seit wann sprichst du so seltsam, Felix?“

„Ich fragte als Erster.“

Ich verdrehe die Augen. „Tatsächlich kleine Nervensäge-“ Ich wedle mit dem Brot vor seiner Nase herum. „-bin ich die Haupteinnahmequelle des Hauses. Ich arbeite, also darf ich auch zwei Brötchen nehmen. Und jetzt du.“

„Was ist mit mir?“

„Ich wollte wissen, warum du so komisch geredet hast.“

„Ach so“, erwidert er und setzt wieder sein Dauergrinsen auf. „Das wüsstest du wohl gern.“

Ich verdrehe erneut genervt die Augen. „Willst du es mir nun sagen oder nicht?“

„Schon gut. Ich muss noch üben für mein Bewerbungsgespräch. Ich soll mir doch eine Arbeit suchen, um die nächste wichtige Einnahmequelle des Waisenhauses zu werden. Mary meinte aus irgendeinem Grund, dass ich den ganzen Tag versuchen sollte, so zu reden, als Übung. Wusstest du, dass du, Hazel und ich übermorgen in die Stadt gehen?“

Ich blicke hinüber zu Hazel, die ungefähr in Felix Alter ist. Das schulterlange rote Haar trägt sie offen und ich habe schon oft bemerkt, wie ihre dunklen Augen leuchten, wenn sie spricht. Ich finde sie sehr hübsch. Seit einigen Monaten habe ich davon gehört, dass sie in Felix verliebt sein soll. Selbst habe ich es nur einmal bemerkt, da hat sie ihn einige Zeit lang angestarrt, aber ob das wirklich etwas heißen soll, weiß ich nicht.

Allerdings kenne ich mich in diesem Bereich ohnehin nicht aus.

„Oh ja, Mary hat mich schon über mein Glück informiert“, antworte ich Felix etwas verspätet auf seine Frage.

Wie aufs Stichwort kommt Mary ins Esszimmer zurück und eilt zu ihrem Platz.

„Wenn man vom Teufel spricht…“, murmelt Felix mir zu und ich muss lächeln. Er stichelt zwar ständig und redet so über Mary, als wäre sie ihm recht gleichgültig, doch ich weiß genau, wie wichtig sie ihm in Wirklichkeit ist.

Mary setzt sich auf ihren Platz am Kopf des Tisches und wir alle werden still.

Sie möchte immer, dass wir gemeinsam beten. Und das tun wir, nachdem wir uns die Hände gegeben und die Augen geschlossen haben.

Das Gebet beten wir vor jedem Abendessen, seit ich mich erinnern kann. Es geht um Dankbarkeit für das Essen, das wir erneut auf dem Tisch haben, das unsere Mägen füllt und uns Leben spendet. Mary ist sehr gläubig. Sie sagt, dass man früher Gotteshäuser hatte, die man zum Beten betreten konnte, doch im Krieg wurden sie alle zerstört. Mary hat auch erzählt, dass es früher verschiedene Religionen gab, aber da jeder seine eigene Vorstellung hatte, wie und was man glauben sollte und auch, wie andere zu glauben hatten, kamen einige von ihnen nicht sonderlich gut miteinander aus. Kriege entstanden durch diese Unterschiede und so entschieden unsere Gründer, dass man nicht offen über seine Religion oder Glaubensweiße sprechen darf. Hinter verschlossenen Türen ist es in Ordnung, aber nicht in öffentlichen Gebäuden oder Plätzen. Diese Unterschiede haben früher sehr viel Schaden angerichtet, den man nicht in der neuen Welt haben wollte.

Am Ende sagen wir im Chor gemeinsam: „Amen“.

Anschließend dürfen sich die Ältesten zuerst zu Essen nehmen.

Mary schöpft sich in ihren Teller und gibt mir anschließend den Schöpflöffel.

Ich fülle meinen Teller gerade zur Hälfte, bin mir bewusst, dass die anderen Kinder ebenfalls hungrig sind und wir so gerecht teilen müssen, dass es für alle reicht.

Egoismus hat in unserem Haus keinen Platz.

Ich versuche langsam zu essen, wie ich es den anderen Kindern immer wieder einschärfe. Jedoch höre ich selbst nicht auf mich, dafür bin ich eindeutig zu hungrig.

Die Sonne steht bereits hoch am Himmel.

Mittags ist ihr Brennen am unerträglichsten und hat mir schon so manchen Sonnenbrand beschert. Seufzend streiche ich mir das vom Schweiß feuchte Haar aus der Stirn und widme mich wieder meiner Aufgabe.

Heute arbeite ich auf einem Weizenfeld mit einigen anderen, die schon geschäftig mit ihren Sensen am Werk sind.

Aus dem Augenwinkel bemerke ich ein glänzendes Licht, das mir in den Augen blendet, und ich drehe mich neugierig danach um. Zwischen den matten, gelben Stängeln entdecke ich eine glänzende Ähre hervorlugen. Sie sieht aus, als hätte man sie aus feinen, goldenen Fäden gesponnen. Überrascht gehe ich vor ihr auf die Knie, um sie mir genauer ansehen zu können. Langsam strecke ich die Finger nach der Ähre aus, umschließe behutsam den Stängel und breche ihn ab. Kaum habe ich die Ähre zu mir genommen, beginnt sie in meiner Hand zu Wasser zu zerfließen und rinnt meine Finger hinab.

Was um alles in der Welt?

Innerhalb weniger Sekunden schieben sich dunkelgraue Wolken vor die Sonne und verdüstern den Acker.

Ich stehe wieder auf und werfe einen Blick um mich. Ein Windstoß fährt mir durch die Kleider und weht mein Haar zurück. Die Arbeitenden sind verschwunden, das Feld reicht nun bis zum Horizont und darüber hinaus. Und die Ähren… die Ähren sind dabei sich aufzulösen und wie die goldene Ähre in Wasser zu verwandeln. Meine Schuhe sind bereits durchweicht und wenige Sekunden später umspült das Wasser meine Knöchel.

Was geht hier vor sich?

Hektisch sehe ich mich nach allen Seiten um, doch es gibt keine Möglichkeit zu fliehen. Mein Blick bleibt an etwas anderem hängen. Dort, in der Ferne, da kann ich etwas erkennen, das sich über den Ähren erhebt und immer näherkommt. Eine Welle aus wütendem Wasser. Meterhoch und furchteinflößend.

Mein Puls beschleunigt sich. Ich muss hier weg, auf der Stelle!

Doch als ich versuche meine Füße vom Boden zu heben, scheinen sie verwurzelt zu sein. Ich packe ein Bein mit beiden Händen und zerre daran, aber es rührt sich nicht einen Millimeter.

Ein kurzer Blick zurück beweist mir, dass ich keine Zeit mehr habe. Die Welle rollt immer näher und-

Ehe ich den Gedanken zu Ende gedacht habe, rauscht das Wasser über meinem Kopf zusammen. Ich werde vom Boden losgerissen und durch die Luft geschleudert. Mein Körper wird von der gewaltigen Kraft der Wassermassen herumkatapultiert wie eine Puppe.

Plötzlich flammt ein heftiger Schmerz in meinem Rücken auf und schießt mir durch die Wirbelsäule. Mein Rücken wurde mit Wucht gegen den Grund geworfen und alle Luft aus meinen Lungen gepresst.

Das Wasser beruhigt sich jetzt langsam, schlägt noch ein paar Purzelbäume, bevor es über meinem Kopf still wird.

Der Schmerz lässt langsam nach, doch mein Körper ist wie erstarrt, unfähig sich zu bewegen. Mein Herz rast immer noch. Mit schwachen Gliedern sehe ich meinen letzten Luftblasen zu, wie sie gen Oberfläche tanzen.

Ein Schatten nähert sich mir. Ein Mann. Er geht auf dem Grund des Wassers, als wäre er an Land. Als er direkt vor mir zum Stehen kommt, reicht er mir die Hand und ich erhasche einen Blick in sein Gesicht.

Zwei blutrote Augen bohren sich in meine.

Ich schreie.

Schweißnass fahre ich aus dem Schlaf.

Gedanken überschlagen sich, vollführen Purzelbäume in meinem Kopf. Ich zittere am ganzen Körper. Nach Atem ringend schlinge ich die Arme um meine angewinkelten Knie und streiche mir das feuchte Haar aus der Stirn.

Es war nur ein Traum.

Nur ein Traum.

Vollkommen durcheinander knipse ich das Licht an und sehe auf die Uhr. Es ist kurz nach Mitternacht. Seufzend lasse ich mich zurück in die Kissen fallen. Der Traum war so real. Ich kann den Wind noch auf meiner Haut spüren und das Meerwasser in der Luft riechen. Und doch war ich noch nie am Meer.

Beunruhigt zwirble ich die Zipfel meiner Wolldecke um die Finger.

Aber es war nur ein Traum. Ein Gespinst meines Verstands, keine Realität.

Ich steige auf wackligen Beinen aus dem Bett und ziehe mir frische Klamotten über. So verschwitzt werde ich kein Auge mehr zu machen können.

Während ich in ein neues Shirt schlüpfe, fühlt sich mein Mund mit einem Mal unendlich trocken an. Ich greife nach der Flasche auf meinem Nachttisch, doch sie ist restlos ausgetrunken.

So leise wie möglich husche ich aus der Tür und schleiche die Stufen hinunter in die Küche. Der Durst bahnt sich mittlerweile seinen Weg über meine Kehle den Rachen hinunter und ich muss laut husten. Als ich wieder aufsehe, dreht sich die Welt um mich herum, als würde ich in einem Karussell sitzen. Keuchend klammere ich mich im Türrahmen fest und bohre meine Fingernägel in das lackierte Holz.

Verdammt, was ist bloß los?

Ich schlucke einmal, doch die Trockenheit in meinem Mund bleibt bestehen. Ich brauche Wasser. Jetzt.

So schnell es geht, überwinde ich die letzten Meter bis in die Küche und reiße gedankenverloren ein Glas aus dem Schrank, das mir beinahe zu Boden gefallen wäre. Eilig drehe ich den Wasserhahn auf eiskalt und halte mein Glas darunter. Kaum ist es gefüllt, setze ich es an die Lippen und trinke es bis zum letzten Tropfen aus. Doch als ich das Glas absetze, hat der Durst in meiner Kehle noch nicht nachgegeben und ein weiteres Husten erschüttert meinen Körper. Schmerz strahlt über meinen gesamten Hals bis in die Lungen aus.

Ich fülle mein Glas erneut und trinke es restlos aus. Auch ein weiteres Glas. Und noch eines. Beim Letzten verschlucke ich mich so stark, dass ich husten muss. Keuchend und nach Luft ringend stütze ich mich auf dem Tresen ab und kralle meine Fingernägel in die Platte, suche nach Halt.

Mein Atem geht so schnell, als wäre ich gerade einen Sprint gelaufen. Verdammt. Das war seltsam.

Die Sicht verschwimmt mir vor den Augen und ich muss blinzeln, um die Blindheit zu vertreiben. Innerhalb eines Wimpernschlags wird mein Körper von einer unbändigen Müdigkeit niedergedrückt, wie von einer unsichtbaren Hand. Mein Verstand wird neblig und ich muss erneut am Tresen Halt suchen.

„Verdammte Scheiße“, wispere ich und fühle an meine Stirn, die glüht als würde es gerade meine gesamten Gehirnzellen abkochen.

Mit einer zitternden Hand stelle ich das Glas ins Spülbecken. Selbst diese unbedeutend kleine Aktion erfordert derart viel Energie, dass ich vornüber klappe und beinahe mit dem Kopf auf der Tresenplatte aufgeschlagen wäre.

Schwer atmend richte ich mich erneut auf und torkle zurück nach oben.

KAPITEL 2

Warmes Sonnenlicht kitzelt mich im Gesicht und küsst mich sanft wach.

Gähnend strecke ich mich noch einen Moment, bevor ich unter der weichen Decke hervorschlüpfe. Erst als mir die Kleidung, die ich gestern Abend auf die Kommode gelegt habe, auffällt, merke ich, was heute für ein Tag ist.

Mein Geburtstag.

Sonst ziehe ich nicht so ein schönes fröhliches Blumenmuster auf zartem Stoff vor und keine derart eng sitzenden dunkelblauen Jeans. Wenn ich allerdings in der farblosen Kleidung unten auftauchen würde, die ich sonst immer trage, würde Mary einen Aufstand machen.

Ich seufze. Sie werden bestimmt wieder wegen meines Geburtstags einen riesigen Trubel machen. Ich bilde mir ein, unten Mary Anweisungen geben und Geschirr klappern zu hören. Eigentlich habe ich angeboten, heute wie an jedem anderen Tag auch schon früh auf dem Hof zu arbeiten, aber Mary hat es mir verboten.

Später werde ich meine Tante besuchen und ihren schrecklichen Ehemann Lawrence. Wäre er nicht im Weg gestanden, hätte ich bei ihnen wohnen können. Ich weiß nicht, was Liz bei ihm hält, doch ich habe mir darüber schon oft genug den Kopf zerbrochen. Also schiebe ich den Gedanken beiseite, während ich mich anziehe.

Was gestern Nacht passiert ist, kann ich mir nicht erklären. Es war seltsam, das bestreite ich nicht, aber ich beschließe mir keine Gedanken mehr darüber zu machen. Es hat sicher rationale Gründe.

Auf leisen Sohlen schleiche ich die Treppen hinunter und an das Wohnzimmer heran. Darin laufen die Vorbereitungen bereits auf Hochtouren. Mary macht sich immer viel zu viel Arbeit. Eine Girlande baumelt von der Decke, auf der Alles Gute, Evelyn! geschrieben steht. Auf dem Tisch prangt eine etwas krumme Sahnetorte mit Erdbeeren, die von Marmelade, Honig, Brot und Butter umringt wird. Selbst das beste Porzellangeschirr und Silberbesteck haben sie hervorgeholt und die von Mary heiliggesprochene Vase mit den blauen eingelassenen Farbfenstern steht neben einer großen Teekanne. Der verstrubbelte Strauß schneeweißer Margeriten darin vollendet das Gesamtbild. Mir wird innerlich warm. Obwohl ich es ihnen eigentlich verboten habe, sich zu sehr in diesen Tag hineinzusteigern, freut es mich, dass sie es dennoch getan haben.

„Sie ist da“, höre ich jemanden flüstern.

Verräter.

Alle halten inne und sehen zum Türrahmen, in dem ich stehen geblieben bin. Auf jedem einzelnen Gesicht breitet sich ein Lächeln aus. Ich kann nicht anders und muss auch lächeln. Sie sind so rührend.

Die Kinder singen mir ein Geburtstagsständchen nach dem anderen. Als das letzte Lied zu Ende ist, klatschen sie alle kräftig in die Hände und jubeln mir ihre Glückwünsche zu. Auch ich stimme in ihr Klatschen mit ein.

Zuerst gratuliert mir Mary. Mit einem Seufzen nimmt sie mich in die Arme und drückt mich fest an sich. „Alles Gute zum Geburtstag, mein Herzchen!“

„Danke Mary. Das war doch bestimmt wieder viel Arbeit.“

„Ach“, sie löst sich von mir und macht eine wegwerfende Handbewegung. „Das war doch ein Kinderspiel!“

Ich verdrehe mit gespieltem Ernst die Augen und widme mich den anderen Kindern. Alle wünschen mir natürlich nur Gutes und ich bin jetzt einen Schwung selbstgemalter Bilder oder mit Moos und Steinen dekorierter Bilderrahmen reicher.

„Ich danke euch“, sage ich nach einer Weile und auch wenn es nicht viel ist, das sie mir geschenkt haben, liegt ein strahlendes Lächeln auf meinen Lippen. „Das wäre alles nicht nötig gewesen.“

Nachdem ich mich noch einmal ausgiebig bei allen bedankt habe, setzen wir uns an den reich gedeckten Tisch. Heute kann jeder einmal satt werden. Mary stellt den schiefen Sahnetortenturm direkt vor mir ab und zündet die siebzehn Kerzen darauf an. Alle warten geduldig, bis Marys zittrige Finger alle Dochte entflammt haben.

Als sie schließlich fertig ist, setzt sie sich wieder auf ihren Stuhl. „Na los, wünsch‘ dir was.“

Die Kinder übernehmen ihre Aufforderung. „Wunsch! Wunsch! Wunsch!“, rufen sie von allen Seiten über den Tisch und klopfen mit den Fäusten darauf.

Ich lächle und konzentriere mich schließlich mit geschlossenen Augen auf meinen Wunsch. Damit er auch in Erfüllung geht, wie Mary immer sagt.

Klar.

Ich wünsche mir, dass unser aller Leben irgendwann besser sein wird, denke ich schließlich in mich hinein, und wir jeden Tag satt werden können.

Mit einem Lächeln auf dem Gesicht puste ich mit diesem einen Atemzug alle siebzehn Kerzen aus.

Ich atme einmal tief durch, bevor ich die Klingel betätige.

Auf dem edlen Türschild steht der Name der Familie, die ich besuchen will: Lowell. Ich freue mich darauf meine Tante Liz und meinen Cousin zu besuchen, der ein Jahr älter ist als ich, aber auf meinen Onkel habe ich überhaupt keine Lust. Er kann einzig und allein durch seine bloße Anwesenheit das schönste Fest zerstören. Er ist nicht der leibliche Vater von Christopher, denn dieser ist schon seit langer Zeit verstorben und im Gegensatz zu ihm ist Lawrence ein Schwein. Doch er ist auch der Bürgermeister unserer kleinen Stadt und viele Bürger himmeln ihn regelrecht an.

Während ich warte, sehe ich mich um.

Die Reichensiedlung ist stets schön und gepflegt. Sie stellt das komplette Gegenteil des Armenviertels dar. Hier ist das Gras frisch und dunkelgrün, da alle Leute diverse Rasensprenger angebracht haben, um es vor der brennenden Sonne zu schützen. Die Bäume blühen und die Hauser sind groß, luxuriös und alle in frischem Weiß gestrichen. Einige haben sogar große Apfelgärten, riesige Poollandschaften, Garagen mit protzigen Autos, die sie ohnehin wegen der Straßen nicht benutzen können, oder die Häuser wurden mit Marmorböden, goldenen Wasserhähnen oder Stuck an jeder Zimmerdecke ausgestattet.

Das ist widerlich, wenn man sieht, wie die Armen leiden und sie leben im vollen Luxus und scheren sich nicht um uns. Gegenüber diesen Häusern wirkt die Bürgermeistervilla, auf deren Veranda ich gerade stehe, recht einfach. Das einzig Ausgefallene ist die Allee, die den Weg bis zur Haustür säumt. Die duftenden, zartrosa Kirschblüten lösen sich bereits von den Ästen und bedecken den Boden wie Schneeflocken.

Die Tür wird geöffnet und reißt mich damit aus meinen Gedanken. Im Türrahmen steht ein großer, junger Mann. Sein hellbraunes Haar hat er zurecht gekämmt und die haselnussbraunen Augen strahlen mich direkt an. „Guten Morgen, Cousinchen.“

Ich muss lächeln. „Morgen, Chris.“

Er schlingt seine kräftigen Arme um meinen Körper und drückt mich fest an sich.

„Alles Gute zum Geburtstag, Kleine“, flüstert er mir ins Ohr. Ich schmiege mich an ihn und genieße die Geborgenheit, in die mich diese Umarmung hüllt. Ich sehe ihn definitiv zu wenig.

„Vergessen? Ich bin jetzt nicht mehr klein“, sage ich und schiebe ihn ein Stück von mir, um ihn ansehen zu können.

Mit siebzehn ist man in unserem Königreich offiziell erwachsen. Ich habe mich als Kind immer darauf gefreut und schrecklich geängstigt zugleich. Ich werde zwar endlich frei und ungebunden sein, aber man muss das Waisenhaus verlassen. Davor fürchte ich mich am meisten.

Dass ich meine Familie verlassen muss.

„Nein, das bist du wirklich nicht mehr“, höre ich eine Stimme weiter im Haus. Ich drehe mich danach um und bemerke Liz, die uns bestimmt schon länger beobachtet. Sie besitzt eine fast schon unnatürliche Ähnlichkeit mit Chris. Neben den hellbraunen Haaren und den haselnussbraunen Augen, hat sie ihm auch sein verschmitztes Lächeln vererbt. Ich gehe zu ihr und schließe sie in die Arme.

„Alles Gute zum Geburtstag, Evelyn“, flüstert sie in mein Haar und streicht mir über den Rücken.

Ich drücke sie fest an mich. „Ich habe euch vermisst.“

Schon seit gut einer Woche haben wir uns nicht mehr gesehen. Sie sind mir wichtig, aber leider haben wir immer weniger Zeit füreinander. Liz organisiert Auxilium, Chris steht unter Lawrence‘ Dauerüberwachung und ich habe viel zu viel mit der Arbeit auf dem Feld zu tun, um das Geld für unser Überleben aufzutreiben.

Da bleibt einfach nicht viel Zeit übrig.

Liz streicht mir über das blonde Haar und strahlt. „Wir dich auch … Wir haben übrigens ein Geschenk für dich.“

Ich seufze. „Habe ich Geschenke nicht ausdrücklich verboten?“

„Ach was. Wir haben nicht einmal etwas dafür bezahlt.“

Ich sehe sie ungläubig an.

„Chris hat mir gestern geholfen den Speicher endlich einmal aufzuräumen, deswegen war er gestern auch nicht mit dir auf dem Hof.“

Dass Chris nicht da war, ist mir durchaus aufgefallen, aber in letzter Zeit kommt er auch immer weniger. Eigentlich will er nur seine Mutter stolz machen und mich begleiten, damit ich nicht so allein bin. Das Geld brauchen sie nicht.

„Dabei haben wir das hier gefunden“, plappert sie weiter und hält mir eine staubige Holzkiste entgegen. Das dunkle Holz wird von einer großen, purpurrot glänzenden Schleife umschlungen.

„Die Schleife ist von uns“, erklärt Chris und grinst. „Ohne sie sah es so … traurig aus.“

„Na los, mach es schon auf!“, fordert Liz ungeduldig.

Ich ziehe das rote Band auf und lasse es zu Boden segeln. Es gibt zwei in schwungvoller Schrift eingravierte Worte frei: für Evelyn.

Ich sehe mit gerunzelter Stirn auf und ernte nur erwartungsvolle Blicke, aber keine Erklärungen. Mit einem eigenartigen Gefühl im Magen hebe ich den Deckel der Kiste an. Auf einem Bett aus purpurrotem Samt glitzert mir eine zarte Halskette entgegen. Ein schlichter, silberner Anhänger, eine Welle umrundet von einem Kreis, hängt an einer zarten Metallkette.

Einem inneren Gefühl folgend, strecke ich die Hand danach aus. Mit zitternden Fingern streiche ich über das kühle Metall und verspüre augenblicklich ein Kribbeln, das sich warm in meiner Brust ausbreitet.

„Das ist das Geschenk, das dein Vater deiner Mutter zur Verlobung gemacht hat. Wir dachten - und natürlich auch, weil das die Kiste so vorschreibt - du sollst sie haben“, meint Liz mit einer bedrückten Schwere in der Stimme und ich kann Tränen in ihren Augenwinkeln glitzern sehen. Ich verstehe, dass die Erinnerung an sie Liz traurig stimmt, schließlich war meine Mutter ihre Schwester.

Die Erwähnung meiner Eltern macht auch mich traurig. Immer tut es das, wenn jemand von ihnen redet.

Ich schlucke schwer.

Chris legt mir behutsam einen Arm um die Schulter. „Hey, heute wird nicht Trübsal geblasen, schließlich hast du heute Geburtstag! Da sollte man nicht mit einem traurigen Gesicht herumlaufen.“

Um seinem Rat zu folgen, klappe ich die Kiste zu und ringe um ein Lächeln.

„Siehst du, geht doch.“

„Ich habe übrigens Limettenkuchen gebacken. Mit extra viel Sahne und Streusel“, verkündet Liz jetzt wieder lächelnd und wischt sich über das Gesicht.

„Den sollten wir auf keinen Fall warten lassen!“, ruft Chris mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht.

Ich seufze und reiße mich zusammen.

„Also der Kuchen schmeckt köstlich!“, murmelt Chris gerade mit vollem Mund und kleine Krümel fallen ihm bei jedem seiner Worte auf den Teller.

„Ja, das ist er wirklich“, stimme ich zu.

Wir sitzen beisammen, erzählen von den letzten Tagen, trinken Tee und essen Kuchen. Und für einen schönen Moment vergesse ich meine Probleme.

„Chris?!“, höre ich die entnervte Stimme meines Onkels Lawrence von oben dröhnen. „Chris, bist du da?“ Er kommt mit stampfenden Schritten die Treppe von oben ins Wohnzimmer hinunter.

„Ich bin hier, Dad“, ruft Chris zurück. Das Lächeln, das sich während des Gesprächs auf seinem Gesicht ausgebreitet hatte, ist jetzt wie weggewischt.

Genau wie meines.

„Ich brauche deine Hilfe, Sohn!“, sagt er und kommt, ohne mich zu beachten, in die Küche gepoltert. Er trägt ein weites Shirt, um seinen Bauchansatz zu kaschieren, doch das Oberteil spannt dennoch über seiner Brust. Die Beine stecken in einer karottenfarbenen Cordhose, die dieselbe Farbe hat wie sein fettiges Haar.

„Letzte Nacht sind beim Sturm im Garten zwei Apfelbäume umgeknickt und sind auf dem Gartenhaus gelandet. Ich brauche deine Hilfe, um sie beiseite zu räumen.“

Wie wäre es mit einem Bitte? Oder einem guten Morgen? Für mich sieht er nämlich aus, als wäre er gerade erst aus dem Bett gestiegen. Aber sobald Mister Lowell die Augen aufschlägt, müssen alle nach seiner Pfeife tanzen.

Ich zähle innerlich bis zehn, um ihn nicht anzufahren.

„Sicher“, antwortet Chris.

Ich sehe zu Liz hinüber, die sich sichtlich unwohl fühlt. Wie kann diese liebevolle Person nur mit so einem Idioten verheiratet sein? „Lawrence, wusstest du, dass Evelyn heute Geburtstag hat?“

Lawrence dreht sich noch einmal um und sieht mich aus seinen wässrigen Augen mit einem herablassenden Blick an. „Hmpf…“, macht er und schon ist er bei der Tür hinaus. Chris sieht mich entschuldigend an, folgt dann aber seinem Vater nach draußen.

Ich hasse Lawrence. Er hat diesen wunderbaren idyllischen Moment einfach zerplatzen lassen wie eine Seifenblase.

Nach ein paar Sekunden bricht Liz mein ärgerliches Schweigen mit einem Räuspern. „Möchtest du noch ein Stück Kuchen?“

„Nein, danke.“ Mir ist der Appetit vergangen. „Ich muss jetzt leider gehen. In einer Stunde muss ich in der Bäckerei sein.“

Sie nickt. Wortlos räumen wir das Geschirr zusammen und stellen es in die Spülmaschine. Ich bedanke mich noch einmal für den Kuchen, nehme mein Geschenk und gehe.

Als die Tür der Bürgermeistervilla hinter mir ins Schloss fällt, entweicht mir ein Seufzen.

Der Geruch von verdorbenem Kohl und verfaulten Eiern umfängt mich, als ich eine Stunde später den Marktplatz der Stadt betrete. Hühner springen über schmutzige Pfützen und Händler bieten ihre Waren in einfachen Holzkisten an. Das beste Wort, um ihre Gesichtsausdrücke zu beschreiben, ist zermürbt, denn trotz der harten Arbeit auf ihren Feldern werden sie nur mit wenig Einkommen belohnt und die Enttäuschung darüber sieht man in jedem müden Blick und jeder langsamen Bewegung.

Gegenüber den schmutzigen Läden und Marktständen, die den Platz säumen, sieht die Bäckerei wie ein strahlender Diamant aus. Durch den schneeweißen Anstrich leuchtet sie wortwörtlich zwischen den anderen Häusern hervor.

Als ich die Tür zur Bäckerei aufdrücke, klingelt ein kleines Glöckchen, das meine Ankunft ankündigt. Ich liebe den wunderbaren Duft von frischem Brot, der einen hier begrüßt. Verhalten nicke ich der Frau hinter der Theke kurz zu, bevor ich im Arbeitsraum verschwinde.

Im Licht der tief stehenden Sonne, die gedämpft durch die schmalen Fenster dringt, tanzt feiner Mehlstaub in der Luft und dreht Pirouetten.

Bevor ich beginne, wasche ich meine Hände und ziehe mir eine Schürze über. Nachdem ich meine aschblonden Haare unter einem Haarnetz verstaut habe, geselle ich mich zu den anderen an einen Tisch und mache mich an die Arbeit.

Mit geübten Handgriffen knete ich den Teig und schiebe die fertigen Brote in den Ofen. Als nach und nach alle die Backstube verlassen haben, ziehe auch ich die letzten Brote aus dem Ofen und bringe sie zur Theke.

Gerade als ich mich umdrehen will, höre ich hinter mir eine tiefe Stimme. „Miss Helder.“

Der Besitzer der Bäckerei steht hinter mir und lächelt so freundlich, dass sich die Fältchen um seine Augen vertiefen. Sein gesamtes Auftreten und seine Stimme erinnern mich jedes Mal aufs Neue an warmes Brot.

„Guten Abend“, begrüßt er mich.

„Guten Abend.“

Er greift sich aus der Theke eines der Brote und beginnt es in eine Papiertüte zu packen.

„Mir ist zu Ohren gekommen, dass sie heute Geburtstag haben“, sagt er und streckt mir das Brot hin.

Überrascht über das freundliche Geschenk, greife ich danach. „Dankeschön.“

„Keine Ursache. Alle meine festangestellten Mitarbeiter bekommen Geschenke zum Geburtstag.“

Ich sehe ihn noch verdutzter an. Festangestellte Mitarbeiter? „Bedeutet das, dass sie mich festanstellen wollen?“

„Ganz genau. Das ist es doch, worum Sie mich seit Monaten anbetteln oder etwa nicht?“

Ich bekomme keinen Ton heraus, obwohl in mir ein Feuerwerk an Gefühlen explodiert. Ich möchte ihm um den Hals fallen, auf die Knie sinken und seine Füße küssen, ihm so oft danken, wie es möglich ist, denn er hat mir die brutale Armut erspart, die so viele in unserer Stadt niederringt.

„Ja“, stottere ich. „Vielen, vielen Dank.“