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Tödliches Blaumachen im bayerischen Idyll – der Madlfinger Krimi- und Handarbeitsclub ermittelt in seinem zweiten Fall!
Macht auch der Tod manchmal blau? Eigentlich wollte der Madlfinger Krimi- und Handarbeitsclub, kurz MKHC, ein entspanntes Wochenende im Moorbad Bad Kohlgrub verbringen. Auf dem Programm: Wellness und Workshops im Färben. Doch schon nach der ersten Nacht im Hotel entdecken die Damen eine Leiche in der Moorwanne und alarmieren Kommissar Wallenstein. Als der Tote aus der zähen Masse geborgen wird, fällt sofort dessen tiefblauer Kopf auf. Er muss in den Eimer mit der Indigoküpe getaucht worden sein. Trotz Wallensteins Unmut stürzt sich der MKHC in die Ermittlungsarbeit. Schließlich muss geklärt werden: War es Mord oder farb… äh, fahrlässige Tötung?
Lesen Sie mehr über die tödlichen Verstrickungen in »Maschenmord« – Fall 1 für den MKHC und Kommissar Wallenstein.
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Seitenzahl: 369
Veröffentlichungsjahr: 2023
Buch
Macht auch der Tod manchmal blau? Eigentlich wollte der Madlfinger Krimi- und Handarbeitsclub, kurz MKHC, ein entspanntes Wochenende im Moorbad Bad Kohlgrub verbringen. Auf dem Programm: Wellness und Workshops im Färben. Doch schon nach ihrer ersten Nacht im Hotel entdecken die Damen eine Leiche in der Moorwanne und alarmieren Kommissar Wallenstein. Als der Tote aus der zähen Masse geborgen wird, fällt sofort dessen tiefblauer Kopf auf. Er muss in den Eimer mit der Indigoküpe getaucht worden sein. Trotz Wallensteins Unmut stürzt sich der MKHC in die Ermittlungsarbeit. Schließlich muss geklärt werden: War es Mord oder farb… äh, fahrlässige Tötung?
Autorin
Leonie Kramer wuchs am Fuß des Wettersteingebirges auf. Alles Wichtige – wie Stricken oder Geschichtenerzählen – brachte ihr ihre Großmutter bei. Sie studierte Volkskunde, arbeitete als Hutmacherin und ist heute Restauratorin und Expertin für ausgefallene Handarbeitstechniken. Mit ihrer Familie wohnt sie in der Nähe von München, träumt jedoch von einem Schreibtisch mit Bergblick im Blauen Land. Leonie Kramer ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Autorin.
Von Leonie Kramer bereits erschienen Maschenmord
LEONIEKRAMER
Der Handarbeitsclub ermittelt
Kriminalroman
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© 2023 by Leonie Kramer
Deutsche Erstausgabe © 2023 by Blanvalet Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München.
Redaktion: René Stein
Umschlaggestaltung und -motiv: www.buerosued.de
BSt · Herstellung: sam
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-28844-0V001
www.blanvalet.de
Für meine Freundin Elke
Irgendwann ist es Zeit, Farbe zu bekennen.
Oranges Rosa umhüllte die Wolken, legte sich leuchtend auf die Straße und auf Wallensteins Zunge. Es schmeckte wehmütig, bittersüß, nach einer Mischung aus Himbeeren und Pampelmuse. Ganz anders dagegen der dunkle Waldrand. Er klang dumpf und drohend und trennte die Häuser vom lichten Nebelmeer. Daraus ragten die Bergspitzen wie blaue Inseln auf. Vorsichtig beugte Wallenstein sich vor, um die vibrierende Luft mit den Fingerspitzen zu berühren.
»Nicht anfassen!«, warnte ihn eine Frauenstimme.
Sofort trat er einen Schritt zurück und murmelte eine Entschuldigung. Das Gemälde hätte auf dem Balkon seiner Ferienwohnung entstanden sein können. Gabriele Münter, Olympiastraße, 1936, stand auf einem kleinen Infoschild. Schlicht, schwarz auf weiß. Das Bild hätte einen poetischeren Titel verdient. Aber vermutlich waren Worte für Maler nicht so wichtig.
Langsam ging er weiter. Die Aufseherin heftete sich an seine Fersen und folgte ihm durch den Ausstellungsraum des Murnauer Schlossmuseums. Wahrscheinlich hielt sie ihn für einen gefährlichen Kunstattentäter. Aber er war nur ein normaler Besucher. Ein fast normaler. Seit Wallenstein zurückdenken konnte, hatten Farben für ihn einen besonderen Reiz. Sie erreichten nicht nur seine Netzhaut, sondern drangen wie Klänge viel tiefer. Nicht umsonst gab es das Wort Farbton, überlegte er, blieb immer wieder stehen und hörte den Bildern zu. Sie waren Musik.
Sie waren aber auch Geschmack und Gefühl. Es war kompliziert, es in Worte zu fassen. Nur gut, dass er nie über seine Synästhesie sprach. Inzwischen wusste er, dass seine Farbwahrnehmung mit anderen Sinneseindrücken verflochten war. Als er seinen Eltern im Kindergartenalter einmal davon erzählt hatte, war sein Vater von einer Behinderung oder psychischen Erkrankung ausgegangen und hatte seinen einzigen Sohn zum Neurologen geschickt, der ihn jedoch nicht hatte heilen können. Im Lauf der Zeit hatte Wallenstein gelernt, sich an der Norm zu orientieren und seine Reaktionen so gut wie möglich zu verbergen. Er versuchte nicht mehr, Farbtöne nachzusingen, geschweige denn dazu zu tanzen, aber berühren wollte er sie immer noch. Meistens konnte er diesen Impuls jedoch gut kontrollieren.
Jahrzehntelang war es auch gut gegangen. Und dann hatte er sich leichtsinnig aus der Großstadt ins Blaue Land versetzen lassen und gehofft, hier Ruhe und Frieden zu finden. Stattdessen war sein Innerstes aufgebrochen. Das Licht, das schon Malerinnen und Künstler angezogen hatte, vertiefte die Farben, brachte die Welt zum Strahlen, zum Klingen, zum Schmecken. Es legte sich auf Haut und Zunge. Als er dann vor sieben Wochen auch noch den Madlfinger Handarbeitsladen Wolllust betreten hatte, war der Farbrausch komplett gewesen. Vielleicht waren dafür aber nicht nur die vielen bunten und flauschigen Knäuel im Wollregal verantwortlich, sondern auch die Ladenbesitzerin Ariadne Schäfer selbst.
Wallenstein blieb vor einem Gemälde stehen und betrachtete ein durchscheinendes Himmelgrau, das ihn an Ariadne erinnerte und nach Freiheit und Meer klang. Seit dem ersten Zusammentreffen war sie ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Anfangs hatte er ihr misstraut, befürchtet, dass sie durch ihre berufliche Vergangenheit mit dem Mordfall in ihrem Laden verwickelt sein könnte. Er hatte sich in diese Theorie und seine unklaren Gefühle zu der rätselhaften Frau verstrickt und erst im letzten Moment die richtigen Schlüsse gezogen. Leider aufgrund der falschen Beobachtungen. Aber immerhin hatte er den Mord in Ariadnes Wollladen aufgeklärt. Trotzdem wusste er jetzt noch weniger als zuvor, wie er mit ihr umgehen sollte. Da hatte auch der sechswöchige Sonderurlaub, den er nach seinem ersten Madlfinger-Fall auf Island verbracht hatte, nicht geholfen. Immer wieder hatte er versucht, Ariadne anzurufen. Doch jedes Mal, bevor er die grüne Hörertaste drücken konnte, verließ ihn der Mut, und er hatte das Handy wieder weggelegt. Wenn er mit ihr sprach, wollte er ihre Augen sehen, deren wandelbares Grau mit den bernsteinfarbigen Sprenkeln geradezu magisch war. Kein Künstler, keine Malerin, kein Pigment würde es einfangen können.
Die Aufseherin räusperte sich. Wallenstein war einem Gemälde, das Gabriele Münter in Skandinavien gemalt hatte, schon wieder verdächtig nahe gekommen. Bedeutend näher als der Wollladenbesitzerin.
Inzwischen wusste er zwar, dass der Wikingerhüne, den er in Ariadnes Küche für ihren Liebhaber gehalten hatte, ihr Bruder Hakon war. Mehr hatte er jedoch nicht in Erfahrung bringen können. Obwohl er Hakon auf Island fast täglich getroffen und ihn sogar auf seinem Fischerboot begleitet hatte, waren alle mehr oder weniger unauffälligen Verhörversuche gescheitert.
»Du wirst sie selbst fragen müssen. Sie würde mir nämlich die Haut über die Ohren ziehen, wenn ich irgendeines ihrer kleinen oder großen Geheimnisse ausplaudern würde. Da ist meine kleine Schwester ziemlich kompliziert.«
Wallenstein hatte es akzeptiert und stattdessen geholfen, die Netze auszuwerfen. Seite an Seite hatten die Männer auf die unruhige See geblickt und der hochspritzenden Gischt getrotzt.
»Weißt du, dass ihr zweiter Name Elin ›die Strahlende‹ bedeutet?«, hatte Hakon ihn nach einer Weile gefragt.
»Nein, wundert mich aber nicht. Sie leuchtet von innen und ist so zauberhaft wie eine Fee.«
Grinsend hatte Hakon ihm auf die Schulter geklopft. »Du zappelst ganz schön am Haken. Aber täusch dich nicht, mein Schwesterchen ist nicht so sanft wie die Feen in euren Märchen. In Island sind die Fabelwesen wild und unberechenbar.«
»Ist das eine Warnung?«
Hakon hatte ihm einen großen Fisch zugeworfen. »Nein, eine Aufforderung. Ich wäre froh, wenn sich endlich mal ein Kerl in ihre Nähe traut und nicht sofort den Schwanz einzieht, wenn’s schwierig wird.«
Nach weiteren tiefgründigen Gedanken zu Ariadne beendete Wallenstein den Rundgang und schlenderte vom Schlossmuseum direkt zum Wohnhaus von Gabriele Münter in der Kottmüllerallee. Danach war sein Kunstbedürfnis gedeckt, und er gönnte sich in der gut besuchten Murnauer Fußgängerzone mit ihren bunten Häusern einen Eiskaffee. Selbst von hier aus konnte man die Berge sehen. Er bewunderte das Panorama und die Auslage eines Blumenladens, der direkt neben der Eisdiele lag. Bei einem Strauß Kornblumen konnte er nicht widerstehen. Er würde ihn Ariadne bringen, zusammen mit den Snúðar, den isländischen Zimtschnecken aus Ariadnes Lieblingsbäckerei in Akureyri, die Hakon ihm mitgegeben hatte. Jetzt gab es keine Ausrede mehr. Morgen würde er nach Madlfing fahren und Farbe bekennen. Sein letzter Anlauf war grandios gescheitert, und die für Ariadne bestimmten Blumen hatte er damals seiner Kollegin Lissi zur Geburt ihres vierten Kindes geschenkt. Diesmal würde es mit dem Neuanfang besser laufen. Er war erholt, wach und voller Energie.
Als das Handy in seiner Anzugtasche vibrierte, stand er gerade an der Kasse einer Buchhandlung. Der Bücherstapel vor ihm war ansehnlich. Zwei Bildbände über die Künstlervereinigung Blauer Reiter, ein bayerisches Kochbuch, eine Biografie über die Malerin Gabriele Münter, die Meisterschule Aquarell: Alle Techniken Schritt für Schritt und sogar ein Regionalkrimi. Bisher hatte Wallenstein um dieses Genre einen Bogen gemacht. Aber das farbenfrohe Cover mit saftigen Wiesen, schneebedeckten Bergen und einer neugierig blickenden Kuh hatte ihn spontan angesprochen. Höchstwahrscheinlich wäre dieser Tote in den kommenden Monaten sein einziger Mordfall, den er zusammen mit dem ermittelnden Almwirt und seiner Kuh Zenzi am See liegend lösen würde. Diese Vorstellung gefiel ihm überaus gut.
»Hi, Chef«, brüllte Arne aus dem Gerät.
»Von wegen Chef. Wie geht’s dir?«, fragte Wallenstein seinen besten Freund und legte drei Fünfzigeuroscheine auf den Tresen.
»Betti hat mich verlassen.«
Wallenstein suchte nach Kleingeld und tröstenden Worten, aber ehrlicherweise wusste er nicht einmal, wer Betti war.
»Halb so wild. Sie hat mich gegen einen Sesselpupser von der IT-Forensik eingetauscht. Aber jetzt sind mit dem holden Glück auch meine kompletten Urlaubspläne geplatzt, und da dachte ich mir, ich könnte dich besuchen und das beschauliche Leben in der Provinz genießen.«
»Immer gerne.«
»Morgen um kurz vor elf?«
Wallenstein war sprachlos, hoffte aber, dass Arne einen seiner bekannten Scherze machte. Sie hatten vereinbart, dass er im August für ein verlängertes Wochenende kommen würde.
»Kannst mich am Bahnhof abholen. Dann können wir mit einem Weißwurstfrühstück starten.«
Wallenstein entspannte sich. Als passionierter VW-Bus-Fahrer würde Arne nie in einen Zug steigen. »Jetzt mal ernst. Wann willst du wirklich kommen?«
»Hab ich doch schon gesagt. Morgen.«
»Echt jetzt?«
»Klar. Ich mache mich stehenden Fußes auf den Weg ins schöne Bayern.«
Die Verkäuferin lächelte Wallenstein mitfühlend an, packte seine Bücher ein und flüsterte: »Das ist normal. Hier will jeder Urlaub machen.«
Arne hörte ausgezeichnet. »Genau! Ich schalte einfach mal ’nen Gang runter.« Er lachte. »Nein, ich geh sogar ganz vom Gas runter und reise klimaneutral.«
Wallensteins Blick blieb an den Lebensratgebern hängen. Es ging um Achtsamkeit, Gelassenheit, Stressreduktion und das innere Kind, das eine Heimat brauchte. Lauter Dinge, die er dringend nötig hatte. Vor allem die Heimat.
»Aber du weißt schon, dass ich gestern erst zurückgekommen bin und immer noch in einer Ferienwohnung lebe?«
Mit einer schweren, aber stabilen Papiertasche verließ er den Buchladen. Den Blumenstrauß hatte er sich unter den Arm geklemmt.
»Kein Ding. Im Gegensatz zu dir habe ich ja wirklich Ferien.«
Bewusst achtsam atmete Wallenstein ein und aus. Dann steckte er das Handy weg und machte sich auf den Rückweg. Vor lauter Überraschung hatte er sogar vergessen zu fragen, wie lange sein Freund bleiben wollte.
Farbbäder taugen nicht zur Abkühlung.
Auf Zehenspitzen stehend angelte Ariadne ihren Koffer vom Kleiderschrank und klappte ihn auf. Sofort sprang ihre alte Katze Jola hinein, drehte sich mehrmals im Kreis und legte sich hin. Auffordernd miaute sie, und Ariadne strich ihr struppiges Fell glatt. »Ich stimme dir wie immer voll und ganz zu. Bei der Hitze sollte man zu Hause bleiben und sich möglichst wenig bewegen.« Sie hatte überhaupt keine Lust, ihren Koffer zu packen. Mit dem Unterarm wischte sie sich den Schweiß von der Stirn und sehnte sich nach einem Bad im Staffelsee. Dort stürzte sie sich zurzeit mindestens zweimal am Tag ins Wasser und kühlte sich ab. In den nächsten drei Tagen würde sie ohne ihren Lieblingssee auskommen müssen und sich stattdessen im benachbarten Bad Kohlgrub über kochende Farbbäder beugen.
Aber sie war an der Misere selbst schuld. Sie hatte den Termin vor Monaten festgelegt und das Hotel gebucht. Damals hatten Temperaturen um den Gefrierpunkt geherrscht, und sie hatte nicht ahnen können, dass ein sommerliches Dauerhoch das Blaue Land im Juli fest im Griff haben würde. Ehrlicherweise hatte sie sogar gehofft, dass es während des Seminars trocken und warm sein würde, damit die Wolle schnell trocknen konnte. Aber doch nicht so warm!
Aus einer Schublade holte sie zwei Bikinis, ein paar alte Tops, Unterhemden und abgeschnittene Jeans. Je weniger Stoff, desto weniger konnte beim Färben schmutzig werden. Frieren würde sie bei diesen Temperaturen bestimmt nicht, höchstens einen Sonnenbrand riskieren. Braun wurde sie nämlich nie, sondern bekam einfach noch mehr nervige Sommersprossen. Den hellen Hauttyp hatte sie von ihrer isländischen Mutter geerbt.
Ariadne legte die Sachen auf die Bettdecke. Von wegen Island! Ausgerechnet an diesem Wochenende kam auch noch Tim Wallenstein von seinem spontanen Sonderurlaub zurück. Öfter, als Ariadne lieb war, hatte sie an ihn gedacht und sich ein wenig eingeschnappt gefragt, warum er sich nicht meldete. Wenigstens kurz. Schließlich hatte sie ihm den Tipp mit Island gegeben. Sein beharrliches Schweigen irritierte sie. Trotzdem hatte sie der Versuchung widerstanden, dem Kommissar im Internet nachzustellen, was angesichts ihrer Computerkenntnisse ein Leichtes gewesen wäre. Aber sie hatte eine innere Blockade gespürt. Nein, sie hatte einfach viel um die Ohren und keine Zeit, redete sie sich ein. Bei ihrem Bruder Hakon hatte sie natürlich nachgefragt.
Aber der hatte sie durchschaut und sich köstlich amüsiert. »Seit wann bist du schüchtern? Oder bist du feige, Schwesterchen?«
Wenigstens das Datum von Wallensteins Rückreise hatte Hakon ihr verraten.
Ariadne verfrachtete Jola aus dem Koffer in einen Wäschekorb und ging ins Badezimmer. Dort spritzte sie sich kaltes Wasser ins Gesicht und warf einen kritischen Blick in den Spiegel. Seit wann hatte sie Skrupel? War das eine Alterserscheinung oder ein bedenklicher Anflug von Romantik?
»Der hat für dich gar keine Zeit«, informierte sie ihr Spiegelbild. »Tim muss sich erst mal eine Wohnung suchen.«
Tim, der Name kam ihr immer noch nicht selbstverständlich über die Lippen. Wallenstein passte so viel besser. Egal. Sie warf ihre Zahnbürste, Sonnencreme und Shampoo in den Kulturbeutel und zog den Reißverschluss zu. Es ärgerte sie, dass der Kerl sie offensichtlich mehr beeindruckt hatte als sie ihn. In Krimis las man immer wieder, dass Opfer sonderbare Gefühle gegenüber ihren Rettern entwickelten. Ariadne legte ihre Stirn in Falten und musterte sich streng. Tatsächlich hatte Wallenstein ihr in der Not geholfen. Aber das war sein Job. Sie hingegen war kein Opfer und würde nie eines sein. Energisch teilte sie ihre Haare und flocht sie zu zwei Zöpfen.
Nächste Woche konnte sie ja mal ganz zufällig in Murnau sein und sich bei ihm melden. Ein schneller Kaffee mit ihm, und ihre Gefühlswelt wäre wieder in Ordnung. So der Plan.
Als sie ins Schlafzimmer zurückkehrte, lag Jola schon wieder im Koffer und putzte sich ausgiebig. Ariadne tauschte sie gegen den Kulturbeutel, klappte den Koffer zu, schnappte sich ihren Schlüsselbund und sperrte ab. Ottilie, Tierärztin und Betreiberin der Eichkatzerl-Auffangstation, würde Jola während ihrer Abwesenheit im Garten füttern. Die Katze konnte jederzeit über den Balkon ein- und ausgehen. Blieb nur zu hoffen, dass sie keine Jagdbeute mitbringen würde. Im Gegensatz zum Madlfinger Krimi- und Handarbeitsclub, kurz MKHC, wollte sich Ariadne gar nicht vorstellen, was mit einer toten Maus bei dieser Hitze passieren würde. Die krimibegeisterten Mitglieder würden den Verwesungsprozess bestimmt mit wissenschaftlichem Interesse und fachlicher Expertise verfolgen. Seit sie eine echte Ermittlung hautnah miterlebt hatten, war ihr Eifer kaum noch zu bremsen. Sie lasen Fachliteratur, analysierten Krimis und diskutierten aktuelle Fälle aus den Medien. Der Tod war eines ihrer Hobbys.
Ein paar Straßen weiter beugte sich die Kinderbuchautorin Pauline Galka erst zu ihren fünfjährigen Zwillingen Penelope und Parzival hinunter und streckte sich dann zu ihrem Mann Peter hinauf. Alle drei drückte sie fest an ihr orange-lila gestreiftes T-Shirt. Sie selbst war nicht allzu groß, sehr schlank und trug ihre schwarzen Haare raspelkurz. Neben ihr stand eine erstaunlich einfarbige, sonnengelbe Reisetasche. Und das, obwohl geringelt ihre Lieblingsfarbe war.
»Ihr fehlt mir jetzt schon. Alle.«
»Dann bleib da«, stellte Parzival fest.
Demonstrativ setzte sich das Perlhuhn Polly auf Paulines Fuß. Pippa, das zweite Perlhuhn, pickte hingegen konzentriert und testete, ob Paulines wurmartig schmales Flipflop-Riemchen essbar war.
Peter verscheuchte das Federvieh. »Du wirst bestimmt drei Tage ohne den heimischen Wahnsinn aushalten.«
»Die Tage sind auch kein Problem, sondern die zwei Nächte«, flüsterte sie ihm ins Ohr.
Peter küsste sie zärtlich. »Du freust dich doch schon seit Wochen. Nach dem letzten Abgabestress wird dir ein wenig Wellness mit deinen Freundinnen guttun.«
»Wollness«, verbesserte ihn Pauline.
»Was sonst. Hast du genügend Wolle und Nadeln dabei? Ich seh deinen Projektbeutel gar nicht.«
»Ariadne bringt alles Nötige mit. Ich hab nur eine Häkelnadel, ein paar Baumwollgarn-Reste und meinen Laptop dabei.«
»Aber du willst dich erholen und nicht arbeiten«, erinnerte er sie.
»Als Autorin muss man immer vorbereitet sein. Vielleicht habe ich plötzlich die ultimative Krimi-Idee, ich bin schließlich auf der Suche nach einem genial-grausigen Mordfall. Vielleicht was mit einem hochintelligenten Serientäter.«
»Ziemlich kaltblütige Ziele. Und das bei der Hitze.« Er strubbelte ihr durch die Haare.
»Im Gefrierschrank ist übrigens Eis. Schoko, Erdbeere und Mango. Damit kommt ihr bis zum Winter über die Runden.«
Penelope drängte sich zwischen ihre Eltern. »Bist du so lange weg?«
Pauline drückte ihrer Tochter einen Kuss auf die Wange. »Nein, natürlich nicht. Nur zweimal schlafen. Dann bin ich wieder da.«
»Versprochen?«, hakte Penelope nach.
Pauline legte ihre Hand aufs Herz. »Ehrenwort.«
»Dann kannst du gehen«, erwiderte Parzival und marschierte zum Sandkasten, wo schon ein anderer Junge saß.
»Was macht eigentlich der Toni schon wieder bei uns?«, fragte Pauline ihren Mann.
»Dem gefällt es daheim nicht mehr«, informierte Penelope die Erwachsenen und folgte ihrem Bruder. »Darum geht er woandershin. Ist doch logisch. Machst du ja auch.«
Augenblicklich bekam Pauline ein schlechtes Gewissen, und Peter musste sie förmlich aus dem Gartentürchen schieben. Glücklicherweise kam gerade Sarah Weierling in einem geblümten Sommerkleid vorbei und hakte sich bei ihrer Freundin ein. Auf dem Rücken hatte die Hebamme einen riesigen selbst genähten Rucksack aus alten Jeans, der neben dem Wochenendgepäck vermutlich auch einer Baby-Erstausstattung und einem Erste-Hilfe-Kit Platz bot.
»Auf geht’s. Ich bin total gespannt, was bei unserem Seminar rauskommt«, munterte sie Pauline auf. Auch wenn sie selbst kinderlos war, kannte sie sich berufsbedingt mit verunsicherten Müttern aus.
Pauline nickte mechanisch. Sie hatte immer noch am letzten Satz ihrer Tochter zu knabbern.
»Wolltet ihr nicht einfach blaumachen? Ich dachte, ihr habt ein reines Entspannungswochenende geplant«, wunderte sich Peter.
»Erst schon«, antwortete Sarah. »Dann hat Ariadne das Konzept geändert. Der Kurstitel lautet jetzt nicht mehr Blaumachen für Anfänger und Fortgeschrittene, sondern Wir treiben’s bunt.«
Endlich lächelte Pauline wieder. »Das passt auch viel besser zum MKHC. Bunt ist unsere Farbe.«
Peter zweifelte keine Sekunde, dass der Madlfinger Krimi- und Handarbeitsclub bei diesem Ausflug über die Wollstränge schlagen würde, das konnte Pauline ihm ansehen.
Als sie um die Ecke in die Dorfstraße bogen, wartete dort bereits Irmingard Sonnleitner. Sie war ein weiteres Mitglied des MKHC und die Mesnerin der Madlfinger Kirche. Nun stand sie vor der Garage, die eigentlich dem Pfarrer gehört hätte, aber aufgrund des anhaltenden Priestermangels von Ariadne genutzt wurde. Gegen die stechende Sonne hatte sie ihren schwarzen Regenschirm aufgespannt.
»Rot und blau trägt dem Kasperl seine Frau«, kommentierte Pauline frech Irmingards knallrotes Dirndl und die blaue Schürze.
»Es ist halt schön luftig«, erwiderte die Mesnerin.
Sarah lächelte. »Steht dir total gut. Du kannst ruhig öfter Mut zur Farbe haben.«
Irmingard blickte an sich hinunter. Sie füllte das Dirndl schon lange nicht mehr aus. Locker hing es an ihrem hageren Körper. »Meinst wirklich? Bin ich da nicht schon zu alt?«
»Absolut und auf keinen Fall«, bestätigte jetzt auch Pauline. »Älterwerden ist zwar grauenvoll, aber deswegen muss man sich nicht gleich grau anziehen.«
Irmingard schüttelte den Kopf. »Du und deine Wortspiele. Da müssen die grauen Zellen erst mal mitkommen.«
Blinde Flecken gibt es auch im Dunkelfeld.
»Großer Fehler«, murmelte Ariadne, als sie den Platz vor der Garage und die drei MKHC-Mitglieder sah. »Du lernst es einfach nicht.«
Naiv und unvorsichtig, was sie sonst nie war, hatte sie die Teilnehmerinnen gebeten, für das Wochenende alte Eimer und Töpfe mitzubringen, und sogar angeboten, das gesamte Gepäck zu transportieren. Einige wollten nämlich mit dem Fahrrad anreisen. Aber Ariadne hatte mal wieder das Engagement der Madlfingerinnen unterschätzt. Vor dem Garagentor stapelten sich ehemalige Farb-, Senf- oder Krautsalateimer, eine Babybadewanne, diverse Töpfe, eine Regentonne, ein halbiertes Bierfass, der emaillierte Putzkübel der Kirche, der Glühweinwärmer vom Christkindlmarkt und sogar ein verrußter Gulaschkessel samt Schöpfkelle. Darin und daneben lagerten Taschen voller Wolle in unterschiedlichen Verarbeitungsstadien und ein paar Koffer. Am Flughafen wäre davon keiner als Handgepäck durchgegangen.
»Nur gut, dass dein Auto so groß ist wie ein Leichenwagen«, rief Irmingard Ariadne zu und klappte ihren Schirm ein.
Die Wollladenbesitzerin sog die heiße Luft ein. Seit dem Mord in ihrem Laden gingen ihr die pietätlosen MKHC-Anspielungen schneller als früher auf die Nerven. Deswegen hatte sie auch keinen Krimi-Strick-Abend mehr angeboten, und dieser Wochenendkurs war der erste Termin nach Nicoles gewaltsamem Tod. Wäre das Hotel nicht schon reserviert und teilweise bezahlt gewesen, hätte sie ihn abgesagt.
»Mit dem ganzen Krempel kann ich nicht mal das Tor öffnen«, beschwerte sich Ariadne.
Aber die Madlfingerinnen waren nicht nur unberechenbar, sondern auch überaus tatkräftig. Im Handumdrehen hatten Pauline, Irmingard und Sarah den Weg frei geräumt, alles höchst ökonomisch ineinandergestapelt und im Kofferraum verstaut. Nur das Bierfass und die Regentonne blieben übrig.
Ganz selbstverständlich setzte sich Irmingard neben Ariadne auf den Beifahrersitz und verwies Pauline und Sarah auf die Rückbank.
»Was ist mit Helga?«, fragte Ariadne und startete den Motor. »Sie wollte doch mit uns fahren.«
Sarah suchte nach dem Sicherheitsgurt. »Die muss noch in der Metzgerei arbeiten und kommt später mit Camilla.«
Umständlich entfaltete Irmingard eine Landkarte und verdeckte Ariadnes Sicht.
»Was willst du denn damit? Nach Bad Kohlgrub sind es höchstens fünfzehn Kilometer. Fast nur geradeaus. Das findet Ariadne auch ohne deine Navigationshilfe«, stellte Sarah fest.
»Wer weiß. Sie ist ja nicht von hier.« Mit zusammengekniffenen Augen suchte Irmingard nach Madlfing.
Unwirsch schob Ariadne die Karte zur Seite. Sie betrieb den Handarbeitsladen ihrer verstorbenen Tante Afra seit mehreren Jahren und hatte schon als Kind alle Sommerferien in diesem Ort verbracht. Und trotzdem wurde sie immer noch nicht zu den Einheimischen gezählt.
Pauline beugte sich zwischen den Sitzen nach vorne. Weil sie am liebsten das Kindershampoo ihrer Zwillinge benutzte, dufteten ihre Haare nach Kaugummi. »Wenn du dich so gut auskennst, warum brauchst du dann überhaupt eine Karte?«
»Die ist nur zur Sicherheit. Man weiß ja nie, was passiert.« Die Mesnerin knickte Deutschland und konzentrierte sich auf den Süden.
Ariadne manövrierte ihren Volvo auf die Straße. »Dafür ist die Karte völlig nutzlos. Die ist so alt, dass weder die neuen Bundesländer noch Ortsumgehungen oder Tunnel drauf sind.«
Pauline nickte. »Geschweige denn Madlfing. Bei einem Maßstab von 1:750 000 sind wir nicht einmal ein Fliegenschiss.«
Nun hatte Irmingard die alte Bundesrepublik auf Bayern zusammengestaucht. »Es geht nur um eine grobe Orientierung.«
Ariadne hatte jedoch keine Schwierigkeiten, den Weg zu finden. Da der alte Volvo keine Klimaanlage hatte, brausten sie mit geöffneten Fenstern einen Höhenrücken hinauf. Auf der linken Seite lag das Murnauer Moos, auf der rechten Seite der Staffelsee mit seinen Inseln.
Wie eine Zuschauerin bei einem Tennismatch blickte Irmingard abwechselnd von rechts nach links und wieder zurück. »Manchmal frag ich mich, ob es im Himmel überhaupt schöner sein kann. Wir leben doch jetzt schon im Paradies.«
Sarahs lange Haare wehten im Fahrtwind. »Da hast du recht. Von hier will man nie mehr weg.«
Pauline verschränkte ihre Beine auf der Rückbank zum halben Lotussitz. »Und ich trau dem Himmel nicht über den Weg. Wer weiß, ob man da oben stricken und Krimis lesen kann. Über Mord und Totschlag darf man da wahrscheinlich weder reden noch schreiben.«
Irmingards Blick blieb an Ariadne hängen. »Apropos Mord und Totschlag. Hast du eigentlich was von unserem feschen Kommissar gehört?«
Energisch schüttelte sie den Kopf und verkniff sich jegliche Bemerkung. Von wegen unser Kommissar. Sie alle hatten beim Mord an Nicole Durand die Polizeiarbeit eher erschwert als unterstützt. Wallenstein hatte Madlfing wahrscheinlich nicht in bester Erinnerung und würde sich nicht freiwillig zurückmelden, da musste man schon aktiv werden. Und das hatte sie sich auch fest vorgenommen. Aber das musste sie dem MKHC nicht auf die Nase binden.
»Wir könnten doch mal bei der Polizei anrufen und nachfragen«, schlug Irmingard vor. »Sein Sonderurlaub müsste schon langsam vorbei sein. So schüchtern, wie der ist, traut er sich bestimmt nicht ohne Grund nach Madlfing. Da müssen schon wir die Initiative ergreifen.«
Schon wieder tauchte Paulines Kopf zwischen den Kopfstützen auf. »Du könntest ihn doch mal als Experten zu einem unserer Strickabende einladen.«
»Er strickt nicht«, erwiderte Ariadne kurz angebunden, drückte das Gaspedal durch und überholte einen Traktor. Pauline ließ sich auf die Rückbank zurückfallen. »Er muss auch nicht stricken, es reicht, wenn er uns von seiner Arbeit erzählt. Das wäre bestimmt superspannend und würde mir beim Krimischreiben enorm weiterhelfen.«
»Du hast noch nicht mal angefangen«, erinnerte Sarah sie.
»Ich recherchiere. Das ist der wichtigste Teil der Arbeit.« Pauline schloss kurz die Augen, um sie gleich wieder aufzureißen. »Am besten wäre natürlich ein echter Mord. Aber so viel Glück werden wir wahrscheinlich kein zweites Mal haben. Dafür ist Madlfing zu klein und friedlich.«
Ariadne biss sich auf die Unterlippe und wunderte sich, wie dünnhäutig sie war. Normalerweise mochte sie Paulines schwarz-schrägen Humor.
Irmingard drehte sich zur Kinderbuchautorin um. »Wir könnten einen Mord vortäuschen.«
Pauline strahlte. »Zum Beispiel an der Goschenhoferin. Habt ihr schon mitbekommen, dass die Feuerwehr eine neue, top ausgestattete Küche bekommt, aber der Spielplatz keine Rutsche? Benachteiligung von Kindern wäre doch ein astreines Motiv. Wir müssten die Bürgermeisterin nur ein paar Tage von der Bildfläche verschwinden lassen. Vielleicht mit einem fingierten Preisausschreiben ködern und dann in einen unvergesslichen Luxusurlaub schicken. Ohne Handy, in einem schalldichten Keller. Bei der Anreise müssten wir ihr natürlich die Augen verbinden und uns selbst verkleiden. Sie dürfte uns auf keinen Fall erkennen. Ach, das wäre ein Spaß! Ein Scheinmord ohne Leiche.«
Sarah hielt sich am Deckengriff über dem Fenster fest. »Wenn das rauskäme, hätten wir richtig Ärger. Dafür könnten wir wahrscheinlich sogar ins Gefängnis kommen.«
»Das wäre doch nur Spaß«, warf Pauline ein. »Wer würde zurzeit nicht ein paar Tage in einem angenehm kühlen Keller verbringen wollen? Natürlich mit Fernseher, bequemem Bett und bei gutem Essen.«
Irmingard fächelte sich mit Halb-Deutschland Luft zu. »Das machen wir! Sobald Irene wieder frei ist, feiern wir zusammen mit dem Kommissar unseren Ermittlungserfolg, und die Bürgermeisterin wird uns ewig dankbar sein. Wir planen das am Wochenende!«
Ariadne bekam es bei so viel krimineller Energie mit der Angst zu tun und schlug sich auf Sarahs Seite. »Ich glaube nicht, dass die Polizei Spaß versteht. Und mit der Bürgermeisterin würde ich mich auch nicht anlegen. Die hat Kontakte in gefährliche Kreise. Da wäre Gefängnis noch unser geringstes Problem.«
Sofort bereute sie ihre nebulöse Andeutung. Bis jetzt hatte die Wollladenbesitzerin mit niemandem über ihre heimlichen Nachforschungen zu Goschenhofers Lieblingsinvestor Daniel Durand geredet, dem Exmann der getöteten Nicole. So ganz stimmte das nicht. Der Polizei hatte sie damals eine anonyme Mail mit Hinweisen zur Finanzierung des Madlfinger Neubaugebietes und zu Durands Geschäftspartnern zukommen lassen und hoffte, dass der Kommissar sie inzwischen an die zuständige Stelle beim Landeskriminalamt weitergeleitet hatte. Ariadne war sich nämlich todsicher, dass im beschaulichen Madlfing schmutziges Mafiageld gewaschen wurde. Aber leider fehlten ihr bisher stichhaltige Beweise.
Pauline schnappte hörbar nach Luft. Sie witterte eine Story. Jetzt half nur noch ein schnelles Ablenkungsmanöver.
»Wir sind da!«, rief Ariadne und gab Gas. Mit Schwung schoss sie an zwei lebensgroßen Bronzehirschen vorbei in die Einfahrt, legte vor dem Hotel eine Vollbremsung hin, sprang aus dem Wagen und riss die Kofferraumklappe auf. »Ich melde uns an und hole die Schlüssel. Sucht doch schon mal die anderen. Dann könnt ihr den Krempel zusammen ausladen und in die Badeabteilung bringen. Dort starten wir in dreißig Minuten und setzen die Farben an.«
Jetzt konnte sie nur hoffen, dass die Aufmerksamkeitsspanne von Pauline und Irmingard kürzer war und keine mehr nachfragen würde, was es denn mit Irene Goschenhofer und den gefährlichen Kreisen auf sich habe. Notfalls würde ihr nichts anderes übrig bleiben, als die Bürgermeisterin wieder als Scheinmordopfer ins Spiel zu bringen. Ein makabres, aber bestimmt fantasieanregendes Ablenkungsmanöver.
Eine Fahrt ins Blaue muss kein Vergnügen sein.
Am nächsten Morgen stand Wallenstein mit seiner Frühstücksbanane und nur in Boxershorts auf dem Balkon und wunderte sich, wie sehr sich die Rückkehr trotz gemieteter Ferienwohnung nach Heimkommen anfühlte.
Nach dem Museumsbesuch hatte er gestern Nachmittag noch ein paar Kleinigkeiten eingekauft und Wäsche gewaschen. Jetzt musste er nur noch bügeln und für Arne die Couch beziehen. Er war so tiefenentspannt, dass ihn nicht einmal der überfallartige Besuch seines Kumpels erschüttern konnte. Isländische Seeluft und Wale hatten wirklich wahre Wunder vollbracht. Ihn würde so schnell nichts mehr aus der Ruhe bringen.
Er biss von der Banane ab, kaute und betrachtete das majestätische Panorama. In der Ferne grenzte sich das Bergblau mit klarer Linie vom Himmel ab. Es gab nichts Diffuses, keinen schwammigen Verlauf. Die Welt war exakt zweigeteilt in Festes und Schwebendes.
Wie unfassbar dagegen das Meerblau gewesen war, das am Horizont in den Himmel floss. Immer wieder hatte er sich gefragt, ob die auftauchenden Wale zwischen Nebelbänken und Wolken weiterfliegen konnten. Er hatte sogar versucht, diesen Gedanken zu malen, war aber grandios gescheitert. Wallenstein streckte sich und machte an einem Haken, der eigentlich für einen Hängestuhl gedacht war, einarmige Klimmzüge. Dann wechselte er die Seite.
Der Tag würde schnell heiß werden. Wenn er sich beeilte, konnte er auf dem Weg zum Bahnhof noch einen Abstecher zum See machen und eine Runde schwimmen. Er ging in die Küche, entsorgte die Bananenschale im Biomüll und wechselte das Wasser der Kornblumen. Am Abend wollte er Arne, der bestimmt von der Reise erschöpft sein würde, kurz alleine lassen und den Blumenstrauß nach Madlfing bringen. Bei der Hitze würden die Blüten nicht lange frisch bleiben.
Es klingelte.
Wallenstein öffnete, wurde sogleich gepackt und in den Schwitzkasten genommen.
»Arne«, keuchte er und versuchte, sich aus dem Griff zu drehen. Aber damit hatte sein ehemaliger Kollege gerechnet. Mit seinem ganzen Körpergewicht drückte er ihn gegen die Wand. Wallenstein gab jeglichen Widerstand auf, weil er die überschwängliche Begrüßung möglichst schnell hinter sich bringen wollte.
»Hättest dich wegen mir nicht so hübsch machen müssen.« Arnes T-Shirt war schweißnass. »Aber du weißt ja, ich steh auf halb nackte, verschwitzte Kerle.«
Eine Nachbarin ging vorbei und wünschte dem umschlungenen Männerpaar einen »Guten Morgen«. Arne ließ locker und drehte sich um. »Den wünsche ich Ihnen auch, schöne Frau!«
Die Frau rang sich ein Lächeln ab und verschwand schnell in ihrer Wohnung.
Wallenstein rang kurz um Fassung, tröstete sich aber mit dem Gedanken, dass er bald aus der Ferienwohnung ausziehen würde. Er starrte seinen Freund an. »Was machst du schon hier?«
»Ich hatte Sehnsucht nach deiner Visage und hab einen früheren Zug genommen.« Arne schob sich an dem verblüfften Kommissar vorbei und warf seine Sporttasche auf die gestapelten Umzugskartons im Flur. Dann checkte er die Räumlichkeiten. Bad, Schlafzimmer, Küche und Wohnzimmer. »Schöner Wohnen geht echt anders. Da hast du dich ziemlich verändert.«
»Das ist nur vorübergehend. Ich suche mir so schnell wie möglich eine eigene Wohnung.«
»Nichts hält länger als ein Provisorium. Das hat schon meine Omma immer gesagt. Gott hab sie selig.« Mit einem zufriedenen Grinsen ließ er sich im Wohnzimmer auf die Couch fallen und verschränkte seine Arme hinter dem Kopf. »Ist doch eigentlich ganz gemütlich. Und ich helfe dir natürlich in den nächsten Wochen, die Bude auf Vordermann zu bringen. Für Dekokram habe ich ein Händchen.«
»Wochen?«, wiederholte Wallenstein und spürte, wie seine Tiefenentspannung abflachte. Er war von ein paar Tagen ausgegangen.
»Ja, zwei. Cool, oder? Wir werden richtig viel Spaß haben.«
Wallenstein ging ins Schlafzimmer und starrte auf die in Bauernmalerei gestalteten Türen des Kleiderschrankes. Dann zog er sich an. Arne konnte schließlich nichts dafür, dass er sich noch nicht eingelebt hatte. »Willst du schwimmen gehen?«, rief er Richtung Wohnzimmer. »Von hier können wir zum See laufen. Dort gibt es eine Bucht mit Liegewiese und Kiosk.«
»Guter Plan. Nach der Zugfahrt brauche ich dringend Bewegung.« Arne leerte seine Sporttasche bis auf seine Badehose komplett aus, und Wallenstein packte zusätzlich Handtücher, das bayerische Kochbuch sowie einen MTB-Tourenführer ein.
Kurze Zeit später saßen die beiden Männer mit einem kühlen Weißbier am Ufer des Staffelsees. Arne verdrückte neben vier Weißwürsten noch zwei Brezen und erzählte vom SEK. Wallenstein freute sich, von seinen alten Kollegen zu hören, und amüsierte sich über Arnes lebhaft vorgetragene Anekdoten. Trotz oder wegen der Hitze gönnten sie sich ein zweites Bier, und Wallenstein berichtete kurz von seinem ersten bayerischen Mordfall. Arne wollte jedoch jedes Detail erfahren.
Nachdem sie mehrere Minuten schweigend diverse Wassersportler beobachtet hatten, fragte Wallenstein vorsichtig nach Arnes Exfreundin.
»Betti ist Geschichte«, antwortete er, stand auf und würgte damit jegliche Nachfrage ab. »Und jetzt schauen wir, wer schneller bei der Boje und wieder zurück ist.«
Wider alle Baderegeln rannten beide los, zogen sich unterwegs ihre T-Shirts über den Kopf und stürzten sich in den See. Ein paar Enten schnatterten empört. Als ginge es um ihr Leben, kraulten sie los, und Wallenstein gewann das Wettschwimmen. Außer Atem kehrten sie zu ihrem Liegeplatz zurück und trockneten sich ab. Arnes Bewegungsdrang war jedoch noch nicht gestillt. Er machte Liegestütze und Sit-ups und borgte sich schließlich bei einem Badegast ein SUP-Board. Zu Beginn fiel er einmal ins Wasser, hatte dann aber den Bogen schnell raus und paddelte breitbeinig davon.
Wallenstein machte es sich im Schatten auf seinem Handtuch gemütlich und vertiefte sich in das Kochbuch. Eine halbe Stunde später war Arne zurück und spritzte ihn nass. »So ein Ding brauchst du auch. Super für die Koordination. Durch die ganze Wackelei trainierst du alle Muskeln.«
»Hmm«, antwortete Wallenstein ausweichend und blätterte von der Grießnockerl- zur Leberknödelsuppe.
Sein Freund ließ sich neben ihm in die Wiese fallen und griff nach den Mountainbike-Touren. Nach fünf Minuten Ruhe setzte er sich auf. »Was hältst du von der Tour Nummer 5? Ab Eschenlohe auf die Hohe Kiste. 1300 Höhenmeter in gut drei Stunden. Dann schaffen wir das locker in zwei. Das wäre jetzt genau richtig.«
Wallenstein schüttelte den Kopf. »Bei der Hitze ist es am See perfekt. Wir springen noch ein paarmal ins Wasser und bleiben bis zum Sonnenuntergang. Hab ich gestern Abend auch gemacht.« Er schlug das Nachspeisenkapitel auf und vertiefte sich in die Zutatenliste von Rohrnudeln mit Zwetschgenkompott.
Arne schüttelte fassungslos den Kopf. »Seit wann bist du so ein fauler Sack? Rumliegen! Sonnenuntergang! Du hörst dich schon wie meine Ex an. Die wollte auch ständig sehen, wie die Sonne im Meer versinkt, und das dann am besten fünfzig Mal fotografieren. Ich würde lieber irgendeinen Berg hochstrampeln. Gerne zu einer Hütte mit ordentlichem Kaiserschmarrn.« Er tippte auf das appetitliche Foto der Mehlspeise in Wallensteins Kochbuch.
»Dafür ist es zu heiß.«
Arne schob ihm den Mountainbike-Führer unter die Nase. »Bergauf findet sich bestimmt irgendwo ein schattiges Plätzchen. Und die Temperatur nimmt mit jedem Höhenmeter ab.«
»Ich fürchte, Sonntagnachmittag hat der Radverleih schon geschlossen.« Wallenstein legte die Tourenbeschreibung zur Seite und versuchte, sich auf das Rezept von Apfelkücherl zu konzentrieren.
»Kein Problem. Ich bin mit Mountainbike angereist.«
»Im Zug? Du nimmst mich auf den Arm.«
Arne grinste. »Dafür bist du mir inzwischen zu fett geworden. Ich hab’s am Gartenzaun angeschlossen.«
Wallenstein betrachtete das Bild von Bayerischcreme auf Himbeerspiegel. »Schön für dich. Aber ich habe leider nur mein altes Citybike. Mir hat bisher die Zeit gefehlt, mir ein geländegängiges Rad zu kaufen.«
»Nicht dein Ernst? Kein SUP, kein Mountainbike. Nächste Woche muss ich mich dringend um deine Sportausrüstung und um einen ausgewogenen Trainingsplan kümmern. Sonst gehst du aus dem Leim und züchtest dir einen stattlichen Bierbauch.«
Davon war Wallenstein weit entfernt. Er war in Topform. Auf Island war er jeden Tag draußen gewesen und hatte bei den Schafen, Pferden oder beim Fischen geholfen. Und bei den skandinavischen Alkoholpreisen war die Gefahr sehr gering gewesen, sich einen Bierbauch anzusaufen.
»Dann machen wir heute was Gemütliches für Flachlandtiroler. Vorschlag Nummer 1: Rund um den Staffelsee. Das geht auch mit deinem alten Drahtesel. Nächste Woche machen wir dann nach Dienstschluss richtige Mountainbike-Touren und radeln jeden Abend bis zum Alpenglühen.«
»Wegen mir«, gab Wallenstein nach, klappte das Kochbuch zu und packte seine Badesachen ein.
»Etwas mehr Motivation, bitte.« Arne boxte ihn in die Seite. »Die Tour um den See wird bestimmt super. Vertrau mir. Unterwegs halten wir in diesem Ort mit den wollwütigen Ladys. Wie hieß der noch?«
»Madlfing«, antwortete Wallenstein.
»Genau. Darauf freue ich mich schon ewig. Dort gönnen wir uns zum Abendessen eine zünftige Brotzeit und klingeln bei der Wollfrau.«
»Daraus wird nichts. Der Dorfgasthof ist seit Jahren geschlossen, und der Wollladen hat am Sonntag zu.«
Arne verdrehte die Augen. »Seit wann bist du so negativ? Wir finden schon was. Ich bin auf jeden Fall vorbereitet. Komme was Wolle.«
»Hast du stricken gelernt?«
Arne grinste. »Wenn meine liebe Omma noch am Leben wäre, hätte ich das natürlich gemacht. Aber so …«, er holte einen Stoffbeutel aus dem Schuhfach seiner Sporttasche und faltete ihn auseinander, »… muss ich mir anders helfen. Ich will schließlich gleich einen guten Eindruck hinterlassen.«
Wallenstein traute seinen Augen nicht.
In Druckbuchstaben war die unschuldige Frage aufgedruckt:
WASREIMTSICHAUFSTRICKEN?
»Wer das in Madlfing trägt, ist lebensmüde.«
Arne stopfte sein Handtuch in den Stoffbeutel und hängte ihn sich kokett über die Schulter. »Ich lass es drauf ankommen. Dieses Madlding scheint wirklich ein gefährliches Pflaster zu sein. Ich bin total gespannt.«
Aber auch die folgende Radltour war nicht ganz ungefährlich. Trotz der Hitze brauste Arne in halsbrecherischem Tempo voraus, und Wallenstein hatte Mühe, überhaupt Tritt zu halten.
Von wegen gemütlich! So konnte man nicht einmal die wunderbare Landschaft genießen. Er hätte einfach liegen bleiben sollen. Wie gerne würde er sich jetzt ausstrecken und einfach nur den blauen Himmel betrachten. Sein Wunsch erfüllte sich leider schneller als gedacht.
Der Vorderreifen seines Citybikes verklemmte sich auf dem schmalen Holzweg zwischen zwei Bohlen, sodass er sich überschlug und beim Sturz über den Lenker hart auf seiner rechten Schulter landete. Benommen blieb er im Sumpf liegen.
»Geschieht Ihnen recht. Hier ist Radfahren verboten«, kommentierte ein karohemdtragender Wanderer den spektakulären Salto und ging weiter, ohne seine Hilfe anzubieten.
Wallenstein rappelte sich mühsam auf und lehnte sich gegen einen Birkenstamm. Sein Freund war längst außer Rufweite.
Bis Arne merkte, dass sein Verfolger ausgefallen war, und umdrehte, dauerte es ungefähr eine Viertelstunde. In der Zwischenzeit hatte Wallenstein einen Schluck Wasser getrunken und seine Blessuren begutachtet.
Zum Glück konnte er laufen und das Fahrrad mit der linken Hand schieben. Sein rechter Arm war jedoch wie gelähmt und bereitete ihm heftige Schmerzen. Anders als geplant war der Endpunkt der Tour deshalb nicht Madlfing, sondern die Notaufnahme des Murnauer Unfallkrankenhauses, wo es statt einer zünftigen Brotzeit Schmerzmittel und Röntgenaufnahmen gab.
Wollness ist die bessere Wellness.
Bei den Madlfingerinnen ging es bei kühlem Weißwein, Aperol Spritz, Bier und Eistee wesentlich lustiger zu. Nach getaner Färberei und dreigängigem Abendessen saßen sie mit Stirnlampen und Windlichtern auf der Terrasse zusammen und vertieften sich in unterschiedliche Häkelanleitungen.
Skeptisch betrachtete Irmingard zwei schwarze Dreiecke. »Ich fürchte, das wird nix. Die sind krumm und schief und taugen höchstens als Topflappen. Ich stricke einfach besser, als ich häkle.«
»Ich finde sie hübsch«, lobte Sarah mit sanfter Stimme. »Angezogen fallen die kleinen Abweichungen bestimmt nicht auf.« Sie wühlte in ihrem Rucksack und suchte nach dem Handy.
Irmingard hielt sich die Dreiecke vor den flachen Oberkörper. »Kann ich mir nicht vorstellen. Vielleicht kannst du sie als Stilleinlagen verwenden. Diese Brustläppchen haben keinerlei Passform.«
»Und im Wasser leiert das Baumwollgarn bestimmt noch zusätzlich aus«, sorgte sich Helga. Die Dreiecke der jungen Metzgereiverkäuferin waren bedeutend größer. »Badebekleidung muss einfach elastisch sein. Sonst sitzt sie nicht.«
Camilla zuckte mit den Schultern. »Ist doch egal. Im Hotel kennt uns keiner. Wir können rumlaufen, wie wir wollen. Und Bikinis sollen grundsätzlich mehr zeigen als verhüllen. Meinen allerersten habe ich mir vor über fünfzig Jahren als junges Mädchen gehäkelt. Von meinen Eltern hätte ich so ein sündiges Kleidungsstück ja nie bekommen. Ach, das waren prüde und verlogene Zeiten!«
Ariadne konnte sich gut vorstellen, dass sich die reiche, attraktive Mehrfachwitwe Camilla Lind noch nie gesorgt hatte, was andere über sie dachten. »Ich fände es auf jeden Fall toll, wenn wir unsere Modelle morgen am Pool tragen«, schlug sie vor und trank einen Schluck Bier aus der Flasche.
»Und wer sich traut, macht sich sogar nass. Wir geizen schließlich nicht mit unseren Reizen«, ergänzte Camilla. »Vielleicht ergibt sich etwas. Ich bin schließlich schon ziemlich lange unbemannt und könnte Abwechslung gebrauchen.«
Sarah verdrehte genervt die Augen. Sie kam mit Camillas männerzentriertem Lebensentwurf nicht klar. Endlich hatte sie ihr Telefon gefunden und entschuldigte sich. Sie wollte ihre Frau Marion anrufen, die in der Murnauer Unfallklinik als Ärztin arbeitete und Nachtschicht hatte.
Pauline lag in einem Liegestuhl und betrachtete die Sterne.
»Bist du schon fertig?«, fragte Helga sie erstaunt.
»Klar. Ich hab mich für die brasilianische Variante entschieden. String und oben ohne. Da reichen ein paar Luftmaschenketten und ein Dreieck.«
Irmingard zog die Augenbrauen hoch. »Klingt unbequem.«
»Ist aber sehr materialsparend und dadurch nachhaltig«, erwiderte Pauline und versorgte die fleißigen Häklerinnen mit Getränken. Sich selbst schenkte sie ein Glas Weißwein ein und legte die Beine hoch. »Uns geht’s so was von gut.«
Sarah kam zurück. »Uns schon. Aber Kommissar Wallenstein leider nicht. Er ist in der Notaufnahme.«
Alle Häkelnadeln standen still.
»Wurde er angeschossen?«, fragte Pauline alarmiert. »Schwebt er in Lebensgefahr?«, rief Camilla.
Irmingard griff nach ihrer Handtasche. »Braucht er die Letzte Ölung? Notfalls kann ich das übernehmen. Ich hab alles dabei. Kerzen, Öl, Weihwasser. Wir können sofort losfahren.«
Alle redeten durcheinander. Nur Ariadne fehlten die Worte. Sie fröstelte.
»Nein. Er ist nicht in Lebensgefahr und braucht auch keine Krankensalbung.« Sarah setzte sich wieder. »Er muss zum Glück nicht einmal stationär bleiben. Mehr kann Marion aber nicht sagen. Schweigepflicht und so. Ihr wisst schon.«
In den Augen des MKHC ein völlig überbewerteter Grundsatz.
»Das werden wir schon noch herausfinden«, stellte Camilla fest.
»Falls er auf Hilfe angewiesen ist, können wir für ihn einkaufen«, schlug Helga vor.
Irmingard nickte. »Oder was er halt sonst so braucht.«
Camilla grinste. »Wir geben alles! In jeglicher Hinsicht.« Sie knüpfte gerade Fransen, die sie besonders sexy fand, an ihr Bikinioberteil. »Einen bettlägerigen Mann werden wir schon wieder aufrichten. Ich habe damit langjährige Erfahrung.«
Bei jedem weiteren nicht gerade jugendfreien Pflegevorschlag prosteten sie sich munter zu. Nur Ariadne häkelte still vor sich hin. Jede dritte Masche stach sie eine Reihe tiefer ein und versuchte dabei, ihre eigenen Gefühle gegenüber Tim Wallenstein zu ergründen. Sarahs Nachricht hatte sie kalt erwischt. Heftiger, als sie erwartet hätte. Und selbst bei Camillas mehrdeutigen Anspielungen hatte sie einen kleinen Stich gespürt. Empfand sie die über dreißig Jahre ältere Frau oder den MKHC wirklich als Konkurrenz? Wie lächerlich.
Leider waren die Frauen so vertieft in mögliche Fürsorge und die Entwicklung wüster, aber immer heldenhafterer Verletzungstheorien, dass sie die verzweifelten Hilferufe ein Stockwerk tiefer aus der Badeabteilung überhörten. Erst gegen zwei Uhr morgens fanden sie den Weg in ihre Betten. Da war der Todeskampf längst vorbei, und jede Hilfe wäre zu spät gekommen.
Manchmal wäre blaumachen eine gute Alternative.
»Aufwachen, mein Lieber. Die Pflicht ruft!« Arne tätschelte Wallenstein die Wange und hielt ihm sein Handy hin.
Stöhnend richtete er sich auf und versuchte, sich zu orientieren. Er konnte sich nicht erinnern, wie er heimgekommen war. »Was machst du in meinem Schlafzimmer, und warum in aller Welt hast du nichts an?«
»Nach unserer aufregenden Nacht wollte ich gerade duschen, als dein Telefon klingelte. Da du aber immer noch im Drogenrausch warst, bin ich aus der Wanne gehüpft und habe das Gespräch angenommen. Ist überhaupt besser, wenn du liegen bleibst. Nicht, dass du mir noch umkippst.«
Langsam dämmerte Wallenstein, dass am anderen Ende der Leitung jemand mithörte.
Er griff nach dem Telefon. »Hallo?«
Der Gesprächspartner schluckte. »Guten Morgen, Kollege. Hier ist der Schmidl Sepp. Ich wollte schon auflegen, weil ich mir gedacht hab, ich hab die falsche Nummer erwischt. Mit wem habe ich denn gerade gesprochen?«
»Das war nur mein Freund.«
Arne war wieder ins Bad verschwunden.
»Ahaaaa.« Schmidl stellte etwas ab, wahrscheinlich seine Kaffeetasse.
Vorsichtig versuchte Wallenstein, seinen rechten Arm zu bewegen. Aber außer dass es höllisch wehtat, passierte nichts.
»Das ist alles ganz anders«, setzte Wallenstein zu einer Erklärung an.
»Kein Stress, Kollege. Jeder liebt, wen und wie er will. Das ist doch nicht mehr der Rede wert. Nur das mit dem Drogenrausch habe ich nicht gehört.«
