Womo ؎ Einen Spiegel erwischt es immer - Matthias Kehle - E-Book

Womo ؎ Einen Spiegel erwischt es immer E-Book

Matthias Kehle

4,7

Beschreibung

Mit dem Wohnmobil unternehmen Matthias Kehle und seine Frau Anja eine ungewöhnliche Reise. Eigentlich sind sie Automuffel, doch nun fahren sie drei Wochen lang quer durch Deutschland, um die höchsten Berge aller 16 Bundesländer zu bezwingen. Von ihren Erfahrungen mit dem »Womo«, von ihren Begegnungen mit Menschen, Landschaften und touristischen Glanzlichtern erzählt Kehle in seinem unterhaltsamen, skurrilen und schrägen Reisebericht, der gewürzt ist mit zahlreichen Bildern, Infos und Tipps. Wie holprig die Reise wird und was alles unterwegs passiert - das ist das Überraschungspaket der Tour.

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Matthias Kehle

Womo

Einen Spiegel erwischt es immer

Mit dem Wohnmobil zu den Höhepunkten aller 16 Bundesländer

Impressum

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2018 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95-0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2018

Redaktion/Lektorat: Anja Sandmann

Herstellung/Layout/Satz: Elisabeth Steinbeißer

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: Simone Hölsch

unter Verwendung von Fotos

© Matthias Kehle und Anja Sander

Foto Seite 256: © Duravit

Foto Seite 182: Mit freundlicher Genehmigung der Berliner Müggelturm UG

Die Angaben beziehen sich auf die Seitenzahlen der gedruckten Ausgabe.

ISBN 978-3-8392-5878-1

Für Anja,

möge unsere Liebe auch in der zweiten Hälfte unseres Lebens stets größer werden. Mögen wir zusammen altern und albern.

Vorwort

Gipfelsammeln für Fußlahme 

Für manchen hoch ambitionierten Alpinisten sind die »Seven Summits« ein Lebenstraum – die sieben höchsten Gipfel aller Kontinente zu besteigen, einschließlich der Antarktis. Für Fußlahme, Spaziergänger oder Wanderer ist das freilich nichts. Findige Reisende haben deshalb die »16 Summits« entdeckt – die 16 höchsten Gipfel Deutschlands, genauer: der jeweils höchste natürliche Punkt eines jeden Bundeslandes. Auf einige von ihnen kann man fahren, für andere muss man etwas Beinarbeit aufwenden.

Matthias Kehle ist passionierter Wanderer und Bergsteiger, aber leider ist er gerade 50 geworden. Will heißen, dass ihn eine Sportverletzung nachhaltig lahmgelegt hat. Deshalb kam ihm die Idee, innerhalb von drei Wochen mit dem Wohnmobil alle 16 Bundesländer zu bereisen und dabei deren höchsten Berge zu besuchen. Bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass sich beim Verbinden der 16 Punkte eine traumhafte Reiseroute durch die schönsten Landschaften der Republik ergibt: durch den Hunsrück, die Rhön, den Harz, den Teutoburger Wald, die Mecklenburgische Seenplatte. Sie führt an den Alpen und am Bodensee entlang auf den höchsten »erfahrbaren« Punkt der Reise im Schwarzwald.

Zusammen mit seiner Frau startete er im Juli 2017 seine ungewöhnliche Reise. Das Paar hat vor allem in den Alpen zahllose Gipfel bestiegen und war nun erstmals mit einem kleinen Wohnmobil unterwegs. Matthias Kehle erzählt von ihren Erfahrungen mit diesem für sie ungewöhnlich sperrigen Gefährt, von ihren Begegnungen mit Menschen, Landschaften, touristischen Glanzlichtern und Geheimtipps, er erzählt von den Abgründen, den Mythen und den Besonderheiten der deutschen Geschichte. So entstand ein unterhaltsames, skurriles und schräges Reisetagebuch, gewürzt mit zahlreichen Bildern, Infos und Tipps.

Die Vorgeschichte

Ein lendenlahmer Bergsteiger 

Es traf mich plötzlich und erwartet. Im Februar 2017 wurde ich 50. Fuffzich. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Einen Monat später war ich lendenlahm. Ich konnte kaum noch ein paar Schritte gehen, ohne meine Leisten zu spüren, höhere Stufen gingen ohne Schmerzen gar nicht. Wenn ich mich vom Stuhl erhob, musste ich mich abstützen. Ab in die Röhre, beschloss der Orthopäde meines Vertrauens. Die Diagnose: Sehnenansatzentzündung des Lendenmuskels und Adduktorenzerrung beidseitig. »Da hast du dir wohl zu viel zugemutet«, bekam ich zu hören, von allerlei Abnutzungs-, nein: ­Alterserscheinungen ganz zu schweigen.

Der Sinn des Lebens ist für mich Wandern und Bergsteigen. ­Möglichst intensiv und lange. Während der Bergsaison denke ich mir meine Bücher aus, beim Wandern löse ich meine Probleme. ­Alles Glück der Erde liegt für mich auf den Gipfeln der Berge. Bergwandern ist meine Meditation, mein Weg, ein gutes Leben zu führen, mich gesund und fit zu halten. Schlank, drahtig, durchtrainiert marschierte ich bis jetzt durchs Leben. Und nun das!

Ich brauche kein Auto, kein Smartphone, keine Statussymbole. ­Luxus ist für mich: Zeit zu haben. Für meine Frau, für meine Freunde, für meine Mutter. Zeit zu flanieren; Zeit, die Bücher zu schreiben, auf die ich Lust habe; Zeit, über den Sinn des Lebens nachzudenken; Zeit, mit Depressionen oder mit Trauer fertigzuwerden. Und nun sagte mir mein Orthopäde: »Vergiss die Bergsaison, das dauert sehr lange, du brauchst Geduld.«

Apropos Depressionen: Während der ersten Wochen des Frühlings war ich deprimiert. Was sollte ich mit diesem Sommer, überhaupt mit diesem Jahr anfangen? Ich beobachtete, wie die Natur erwachte. ­Die Narzissen blühten, die Amseln sangen, im Juni dufteten die Lindenblüten. Spätestens dann überfällt mich normalerweise das Bergfieber, ich studiere Wetter und Webcams und: Ich verschwinde in die Alpen oder in den Schwarzwald, mal allein, mal mit meiner Frau, mal mit einem Wanderkameraden.

Den Genüssen des Lebens bin ich nicht abgeneigt, ich bin kein Asket. Eines Abends, bei einem guten spanischen Rotwein, kam mir die Idee: Wenn ich schon nicht auf die Berge steigen kann, dann fahren wir auf die Berge. Auf die 16 Summits, die jeweils höchsten Gipfel aller 16 Bundesländer. Mir fielen auf Anhieb Feldberg, Brocken, Zugspitze und Erbeskopf ein. Viel Beinarbeit ist dort nicht nötig. Ein wenig Internetrecherche half mir bei den anderen zwölf Bundesländern auf die Sprünge. Gipfelglück sollte ich in Bremen auf 32,5 Metern über dem Meer finden, in Schleswig-Holstein auf 168 Metern, in Thüringen immerhin auf 983 Metern. Nur: Wie sollte ich, der 30 Jahre lang kein Auto mehr gefahren ist, die Gipfel erreichen? Ganz einfach, sagte meine Frau: »Wir mieten uns einen Caravan, ein Spießermobil!« Es sei schon immer ihr Traum gewesen, durch die Gegend zu gondeln, gerade wie es passt. Hier stoppen und dort rasten. Ein Kaffeepäuschen einlegen, ohne ein Café aufzusuchen, Siesta halten zu können, wenn man müde ist, kuscheln, küssen und noch mehr, wenn einem der Sinn oder anderes danach steht.

Ich schlief über die absurde Idee. Wir sind keine Autofreunde. ­Ich kann einen Mondeo nicht von einem Hyundai unterscheiden. ­Ob ein Porsche oder einBMWvor unserem Haus parkt, nehme ich gar nicht wahr. Ich weiß allenfalls, dass ein Auto mit einem Stern ziemlich viel Geld kostet.

Am nächsten Morgen verband ich die 16 Punkte der 16 Summits, ausgehend von meiner Heimatstadt Karlsruhe zu einer möglichst kurzen Route. Und siehe da: Es ergab sich eine traumhafte Strecke durch viele der schönsten Gegenden unserer Republik. Wir würden durch den Hunsrück reisen, auf dem höchsten Punkt der Rhön den Sonnenaufgang genießen, die Externsteine im Teutoburger Wald besuchen, die grünen Ecken Hamburgs und Bremens, wir würden an der Ostsee rasten, mit der Dampflok auf den Brocken fahren, die Mecklenburgische Seenplatte durchqueren und so weiter. Kurz: Die knapp 3.700 Kilometer, die vor uns lagen, sollten eine Traumstrecke sein, eine fast ideale Linienführung kreuz und quer durch alle Bundesländer, ideal für ein Wohnmobil. »Gebongt«, sagte ich zu meiner Frau.

Wir wollten also den Spieß umdrehen. Normalerweise »shiften« Menschen »down«, gehen zu Fuß, um sich von den Strapazen des Alltags zu erholen oder den Sinn des Lebens zu erwandern. Wir wollten nun etwas unternehmen, das ich mir bisher nicht vorstellen konnte. Wir fahren Auto, und zwar die gewaltige Strecke von mindestens 3.700 Kilometern. Exakt drei Wochen standen uns zur Verfügung – ­das bedeutet durchschnittlich 175 Kilometer pro Tag, also nicht einmal die Strecke von Karlsruhe nach Basel.

Die Vorbereitungen

Ein Ordner voller Infos

Die Drei- und Viertausender der Alpen sind uns vertraut, den Schwarzwald haben wir von Norden bis Süden, von Osten nach Westen durchwandert, aber die Straßen der Republik sind uns mehr oder weniger fremd. GPS? Brauchten wir nicht. Zu den Wanderkarten aus Papier gesellt sich nach Jahrzehnten des Wanderns ein solider Instinkt. Schritt Nummer eins für uns Wohnmobilneulinge war, herauszufinden, wo zum Teufel wir ein solches Gefährt mieten konnten. In jeder größeren Stadt gibt es mindestens einen Wohnmobilverleih. Die Miete ist mit einem Hotelzimmer vergleichbar. Mit etwa 80 Euro pro Tag, in der Hauptsaison 100 Euro, ist man dabei, sofern man sich für die kleinste Variante entscheidet. Am Karlsruher Rheinhafen wurden wir fündig. Also radelten wir in den tiefen Westen der Stadt. Mir, der ich seit meiner frühen Jugend nicht mehr am Steuer eines Autos saß, wurde angesichts der vielen Schlachtrösser blümerant zumute; Anja strahlte. Das kleinste Gefährt wollten wir haben. Ein junger Mann führte uns zwischen dutzenden Fahrzeugen vorbei zu einem wahrhaft schnuckeligen Silberling von sechs Metern Länge. Anja strahlte über alle vier Backen. Genau davon habe sie geträumt. Naja, wiederholte ich, mit Siebzig hätte ich mir das vorstellen können, aber nicht mit Fuffzig. Ueli Steck, der berühmteste Bergsteiger der Welt, war vor wenigen Monaten mit 40 Jahren am Nuptse unweit des Mount Everest ums Leben gekommen. Vielleicht sollte ich mich einfach damit abfinden, dass ich zumindest in diesem Jahr nicht mehr von Felsblock zu Felsblock hüpfen und mir ein paar dekorative Schrammen an den Schienbeinen holen konnte. Bevor ich es mir noch einmal anders überlegte, bestand Anja darauf, den Mietvertrag sofort zu unterschreiben und dazu alle möglichen Versicherungen mit möglichst wenig Selbstbehalt. Sie fuhr zweimal im Jahr mit mir und einem privat geliehenen VW-Golf II in die Berge und über Pässe oder mit einem Mietpanda über die großzügigen Straßen der Kanaren, nicht aber durch enge Straßen und Gässchen der Bundesrepublik mit einem Riesengefährt.

In den nächsten Wochen machte ich mich mit Google Maps daran, unsere Route festzulegen und auf Dutzenden Farbausdrucken zu dokumentieren – Landkarten sind mir vertraut. Mir wurde schnell klar, dass es gar nicht so einfach ist, die 16 Summits zu erreichen. Meine Entzündungen waren so weit abgeklungen, dass ich wieder ein bis zwei Stunden spazieren gehen konnte. Ich sollte meinen Haxen wieder ganz vorsichtig Bewegung beibringen, so mein Orthopäde. Besonders schwierig könnte die Besteigung des Hasselbracks werden, mit 116 Metern der höchste Berg Hamburgs, im tiefsten Süden der Stadt, mitten im Wald in den Harburger Bergen gelegen. Ohne Markierung und ohne Beschilderung, aber immerhin mit Gipfelstein und Gipfelbuch. Der höchste Berg Bremens ist eine Müllhalde, die beiden höchsten Berge Berlins, die Arkenberge (121 m) und der Teufelsberg (120 m), sind ebenfalls künstliche Erhebungen. Brandenburg hat einen höchsten Punkt, und zwar die Heidehöhe (201,4 m), was aber eine Flanke und keineswegs ein Gipfel ist. Der findet sich auf dem vier Meter höheren Heideberg, der in Sachsen seinen höchsten Punkt hat und überdies noch künstlich erhöht wurde. Also musste ich erst einmal definieren: Wir wollten auf die höchsten natürlichen Gipfel der jeweiligen Bundesländer. ­Bremen hat keinen Gipfel, den höchsten Punkt des Stadtstaates haben die Landvermesser auf einer Wiese im Friedehorstpark im Norden der Stadt ausgemacht. Der höchste natürliche der Bundeshauptstadt ist der Große Müggelberg (115 m) im Südosten am Rand des Müggelsees. ­Und der höchste Berg Brandenburgs ist der Kutschenberg, mit 201 Metern ein paar Zentimeter niedriger als der höchste Punkt des Bundeslandes. ­Im Laufe der Wochen kam ein stattlicher Ordner mit Infomaterial zusammen. Ein Smartphone wollte ich mir nach wie vor nicht zulegen, und wer weiß, wo ich WLAN für mein Notebook finden würde – mein Ordner war immer verfügbar. Wanderkarten kaufen wollte ich für die etwas komplizierteren Routen nicht extra. Die ausgedruckten Infomaterialien, ein Kompass und mein zwanzig Jahre alter Höhenmesser, der erste digitale überhaupt, mussten ausreichen. Ein GPS kam nicht infrage. Wenn wir schon mit dem Auto den Summits möglichst nahe kommen mussten, dann wollten wir den Rest »by fair means« meistern. Ohne GPS, ohne Sherpa, ohne Sauerstoffmaske.

Der Verbindungsroute zwischen den 16 Summits fügte ich ein paar Ergänzungen hinzu: Der alternde Bergsteiger wollte die höchste Steilwand zwischen Alpen und Skandinavien besteigen bzw. befahren. ­Es handelt sich dabei um die über 200 Meter hohe Wand des Rotenfelses, mit 1.200 Metern Breite ziemlich eindrucksvoll über der Nahe gelegen, zwischen Bad Münster am Stein-Ebernburg und Norheim in der Nähe von Koblenz. Außerdem lagen die sagenumwobenen Externsteine im Teutoburger Wald sowie das kleinste und nördlichste Mittelgebirge Deutschlands auf der Route, der Stemweder Berg, der in der Kollwesshöh mit 181 Metern kulminiert, ein Höhenzug im Naturpark Dümmer mit fantastischem Blick in die norddeutsche Tiefebene. Jeder Wegpunkt war exakt recherchiert, Kartenmaterial war ausgedruckt, so, als wollten wir eine ganze Reihe unwegsamer, einsamer Dreitausender im Engadin besteigen, die mindestens 20 Kilometer abseits jeglicher menschlichen Behausung lagen. Aber im Prinzip hatte ich von dieser Tour weniger Ahnung als von jedem beliebigen Berg in den Alpen, denn Autos und Straßen sind für uns bisher notwendige Übel gewesen, nicht mehr und nicht weniger.

Was benötigen wir auf dieser Reise? Wir waren es gewöhnt, möglichst wenig in den Rucksack zu packen. Die kleinsten Zahnpasta-Tuben, gesponsert von unserem Zahnarzt, ein superschnell trocknendes Handtuch, möglichst wenig Funktionswäsche, bloß nicht mehr als eine Hochtouren- und eine normale Wanderhose, Hüttenschlafsack (300 Gramm), eine Büchse Sardinen und Pumpernickel als Biwak-Notfall-Essen. ­Doch jetzt ging es auf Expedition! Ich hatte die Vorstellung, drei Wochen lang durch Brachland zu fahren, durch eine menschenleere Landschaft, eine Fantasie, die sich wohl automatisch einstellt, bevor man zum ersten Mal mit einem Wohnmobil unterwegs ist. Nein, es gibt nirgends Aldis und Lidls, Edekas und Nettos, keinWLANin den Höhenzügen des Hunsrücks oder im Harz. Wo sollten wir frisches Wasser tanken, der 120-Liter-Tank ist doch nach ein paarmal duschen leer? Wir nehmen vorsichtshalber noch unseren Trangia-Spiritus-Kocher mit, es könnte ja sein, dass der Gasherd nicht funktioniert. Und unsere Solardusche, ein schwarzer 10-Liter-Plastiksack mit Sprenkler. Darin erhitzt man Wasser, indem man den Sack zwei Stunden der prallen Sonne aussetzt. Was ist mit dem Abwasser? Müssen wir immer Camping- oder Stellplätze anfahren? Einige Fragen beantworteten uns Bekannte, die seit Jahren mit einem Wohnmobil unterwegs sind. Ruhige Stellplätze mit Frischwasser und Toiletten? Kein Problem, jedes Kaff hat einen Friedhof!

Wir könnten uns auch das ganze Mobil voller Lebensmittel packen, aber wir kamen bald überein: Vorräte für drei Tage reichen. Naja, und zwei Packungen Kaffee, dazu zwei Liter Milch. Und noch eine Notfallpackung Nudeln. Und eine Notfallpackung Reis. Vielleicht doch zusätzlich zwei Konservendosen Nasigoreng und zwei mit Linsensuppe, quasi für den absoluten Notfall? Wie halten wir es mit Glas? Wein in einem 5- oder 10-Liter-Schlauch könnten wir mitnehmen. ­Wohin aber mit dem Honig und der Marmelade? Honig ist zähflüssig, der ließ sich in ein Plastikfläschchen umfüllen. Vielleicht noch eine Dose Kondensmilch? Die H-Milch könnte im Kühlschrank schlecht werden oder der Kühlschrank könnte ausfallen. Fragen über Fragen, die wir allmählich beantwortet bekamen. Anjas Vater etwa, ein altgedienter Wohnmobilist, nutzt seine Chemietoilette nur, wenn es gar nicht anders ging. Kleine Geschäfte lassen sich immer outdoor erledigen, bei großen kann man sich mit einer wasserdichten (!) Plastiktüte behelfen, die man im Anschluss verknotet. »Dumm darf man sein«, pflegt meine Mutter zu sagen, »man muss sich nur zu helfen wissen.«

Gattin beim Schleppen – noch nicht genervt

Zum Gebrauch des Buches

Auf die Gipfel by fair means?

Auf den Straßen nur mit Navi!

Grundidee des Buches war, alle 16 Summits Deutschlands mit dem Wohnmobil zu bereisen, und zwar vom Startpunkt Karlsruhe aus. Ein Paar im mittleren Alter, das nie ein eigenes Auto besaß, geht erstmals mit einem »Spießermobil« on Tour!

Die Rundreise lässt sich aber auch von jedem beliebigen Ort Deutschlands beginnen. Ein Hamburger startet in Hamburg, ein Münchner fängt mit der Zugspitze an, ein Kieler in Schleswig-Holstein, ein Lörracher mit dem Feldberg. Im Anhang zu jeder Geschichte, zu jedem Summit, ist genau angegeben, welche Orte wir angesteuert haben. Man könnte unsere Strecke mehr oder weniger exakt nachfahren, also auch jene Orte und Sehenswürdigkeiten besuchen, die sich uns »aufgedrängt« hatten, sei es, weil sie sowieso »auf dem Weg« lagen (etwa die Wartburg oder das Hermanns-Denkmal), sei es, weil wir dem Navi die Erlaubnis entzogen, uns über die Autobahnen zu lotsen, oder weil wir mal aus Versehen, mal absichtlich dem Navi unsere Aufmerksamkeit vorenthielten und uns verfuhren.

Jeder »16-Summits-Reisende« macht individuelle Entdeckungen, wenn er zwischen den 16 Stationen weitere auswählt und das Navi Schicksal spielen lässt. 16 Summits plus Boni also! Welche Bonus-Ziele wir auswählten bzw. vom Schicksal und dem Navi zugespielt bekamen – lassen Sie sich überraschen.

Dass die »16-Summits-Rundtour« eine Idealroute durch Deutschland darstellt, wurde uns erst während der Planung klar: Großstädte und Ballungszentren werden gemieden, denn die 16 »Höhepunkte« finden sich in den schönsten Landschaften der Republik. Und zwischen den Punkten verbergen sich Regionen, die ganz und gar nicht gebirgig, aber nicht weniger attraktiv sind: die Ostsee oder die Seenplatten der fünf neuen Bundesländer. Selbst Städte, die man einmal im Leben besucht haben sollte, lassen sich in die Route integrieren. In unserem Fall war das Lübeck. Weshalb wir Dresden sausen lassen mussten, verraten wir später. Manche schönen Ecken blieben leider außen vor, etwa die Eifel, die Nordsee und ihre Inseln, das Elbsandsteingebirge oder das Berchtesgadener Land mit Königsee und Watzmann. Man kann halt nicht alles haben!

Aufgrund meiner Malaisen wollten wir so wenig Beinarbeit wie möglich aufwenden, um zum jeweils höchsten Punkt zu gelangen. ­Es galt, keine langen Strecken zu gehen und vor allem möglichst wenige Höhenmeter zu »machen«. Der entzündete Iliopsoas ist jener Muskel, der beim Steigen und bei der Außenrotation des Beines eine wichtige Rolle spielt und – nebenbei bemerkt – beim Sex.

Ansonsten gingen wir »by fair means« vor: nur Papierausdrucke bzw. Beschreibungen, kein Smartphone, keinGPS, nur Höhenmesser und Kompass. Das bescherte uns erfahrenen Alpinisten dank etwas Schusseligkeit und Pech einige amüsante Abenteuer und Erlebnisse!

Wer körperlich weniger eingeschränkt ist, kann die Summits und die Bonus-Ziele natürlich anders »angehen«, etwa vom letzten Ort mit Anschluss zu öffentlichen Verkehrsmitteln richtig erwandern. Bei jedem Summit ist deshalb angegeben, inwieweit er barrierefrei erreichbar bzw. welcher körperliche Minimaleinsatz nötig ist. Dazu gibt es noch Tipps für körperlich fitte und wanderlustige Profis, um möglichst viel Bergspaß zu erleben.

Die Rundreise sollte nach unserer Vorplanung etwa 3.700 Kilometer umfassen – die Idealroute laut Google Maps. Wer auf kürzestem Weg nur die 16 Summits aufsuchen möchte, hat etwa 3.125 Kilometer vor sich. Hinzu kamen im Laufe der Reise insgesamt etwas mehr als 500 »Bonuskilometer« Abschweifungen und »Irrwege«. Die Kilometerangaben von Summit zu Summit beinhalten diese Abschweifungen. Der Weg ist jedenfalls nicht das Ziel, sondern die Ziele liegen auf dem Weg, mitunter auch ein paar Kilometer abseits. Viel Spaß bei der Lektüre und beim Nachreisen!

Startschwierigkeiten oder:

Szenen einer Ehe

Eigentlich beginnt man keine Geschichte mit »eigentlich«, aber eigentlich sind wir ein friedliches Ehepaar im mittleren Alter. Doch bevor wir in Urlaub fahren, werden wir nervös. Um nicht zu sagen: aufgeregt. Was daran liegt, dass für mich die Packerei eine Wissenschaft für sich ist, bei der am Ende drei prall gefüllte und wohl sortierte Koffer sowie ein bis zwei randvoll bepackte Klappkisten im Arbeitszimmer stehen. Ich bin Freiberufler, habe also Zeit, weshalb das Packen meine Aufgabe ist. Im Prinzip. Außerdem packe ich strategisch. Im Prinzip. Und ich beginne mit dem Packen drei Tage vor der Reise. Dabei spiele ich in meinem Kopf einen kompletten Urlaubstagesablauf durch. Ein zusätzliches mentales Ordnungsprinzip ist, dass ich trenne zwischen Kleidung, Ausrüstung und Lebensmitteln. Kleidung wird zuletzt gepackt, Ausrüstung zuerst.

Ein Tag, auch ein Reisetag, beginnt mit dem Aufstehen. Man braucht dann Zahnbürste, Zahnpasta und Waschzeug. Also überprüfte ich meinen Kulturbeutel auf Vollständigkeit und deponierte ihn als Erstes im Arbeitszimmer. Dann fiel mir Kaffee ein. Kaffee fällt nicht unter die Rubrik »Lebensmittel«, sondern »Ausrüstung«. Zweimal zwei Becher trinken wir am Morgen. Das Idealmaß hierfür sind 37 Gramm Pulver, so hat es meine Frau einmal ermittelt. Das bedeutet, dass wir zwei Päckchen Kaffee mitnehmen mussten. Im Prinzip, denn eigentlich kann man Kaffee überall in Deutschland kaufen. Supermärkte sollte es sogar in der Uckermark geben. Im Zusammenhang mit Kaffee fielen mir Thermoskanne und Filter ein. Also deponierte ich im Arbeitszimmer einen Vorrat an Kaffee, Filtertüten, eine Thermoskanne sowie den Trangia-Spirituskocher samt Campingkoch­töpfen und -pfannen.

Natürlich hatten wir im Wohnmobil, Baujahr 2016, einen integrierten Gaskocher mit zwei Kochstellen, aber das Gas könnte ausgehen, deshalb nahmen wir noch einen eigenen Kocher und einen Liter Spiritus mit. Streichhölzer kamen mir in den Sinn und zwei Feuerzeuge. Ach ja, vier Kugelschreiber, dazu mein Notizbuch und die ausgedruckten Google-Maps-Pläne mit den Fahrtrouten. Zum Frühstücken brauchen wir Teller, Becher, Besteck, Butter, Marmelade, Honig, Milch. ­Alles außer der Butter konnte ich jetzt schon im Arbeitszimmer lagern. Hätte mich jemand beobachtet, er wäre nie auf die Idee gekommen, dass dieses wuselnde Wesen, das mal aus dem Badezimmer, mal aus der Küche, mal aus dem Keller Gegenstände zusammenträgt, planmäßig agiert. Nach dem Frühstück gehen wir uns Sehenswürdigkeiten anschauen oder unternehmen eine Wanderung. Fernglas, Digitalkamera, Ladegeräte, Sonnenbrille, Regenschutz, mehrere unterschiedliche Taschenmesser sowie ein Swiss-Tool fielen mir ein. Und Kleiderbügel, um nasse Wäsche aufzuhängen. Waschmittel in der Tube, Spülmittel, Geschirrhandtücher. Das Chaos im Arbeitszimmer nahm zu, das in meinem Kopf ab.

Am Abend ergänzte Anja meine Ansammlung um einen Stapel Wäsche, ihren Kulturbeutel und allerhand Kleinkram. Ich fragte sie ab, ob sie alles hatte: Fön? Brauche sie nicht. Genügend Badesachen? Ja, sogar meine habe sie gerichtet. Campingstühle? Habe sie bei ihrer Freundin Monika geordert, hole sie am Donnerstag ab. Außerdem ein Klappfahrrad von Gudrun. »Wir brauchen doch kein Klappfahrrad!« »Doch«, konterte Anja, »angenommen, wir stehen etwas außerhalb einer Ortschaft, dann muss ich zum Bäcker radeln, um frische Brötchen zu holen.« Ich entgegnete, dass ich die Route so weit ausgetüftelt habe, dass das nie vorkommen sollte. Im Prinzip. Sie bestand darauf, das Klappfahrrad mitzunehmen. Aus Prinzip.

Wir schrieben Donnerstag, den 6. Juli 2017, der Abend vor dem Reisestart. Im Arbeitszimmer standen zwei gut gefüllte Koffer, zwei Klappkisten sowie zwei überdimensionierte Tragetaschen, außerdem ein Rucksack, gefüllt mit Konserven aller Art, Reis- und Nudelvorräten.­Es hätte ja sein können, dass Brandenburg so strukturschwach ist, dass wir wirklich keinen Supermarkt fänden, höchstens einen Tante-Emma-Laden, der Rotkäppchen-Sekt und Spreewaldgurken feilböte. ­Zwei Big Packs Wein aus dem Weinladen unserer Freundin Marina hatte ich auch besorgt. Guter Wein ist nördlich von Frankfurt bekannterweise nicht zu bekommen.

Mir fiel nichts mehr ein, mein Kopf war leer, ich sollte alles gepackt haben. Anja fiel ebenfalls nichts mehr ein. Wir fragten uns gegenseitig ab. Pillen? Meine Cortison-Tabletten gegen die Entzündungen in den Leisten hatte ich. Heuschnupfen-Tabletten, Mittel gegen Durchfall, ein Antiallergikum, Anti-Pilz-Salbe, Rasierwasser, Ohrenstäbchen, Wattepads, Pflaster. Dazu das Taschenmesser mit der extrem scharfen und spitzen Schere, um Zecken aus dem Fleisch zu schneiden.

Am Freitag, den 7. Juli, um 11 Uhr sollten wir das Wohnmobil abholen. Im Industriegebiet am Karlsruher Rheinhafen stand es bereit. Ich war zufrieden, dass auch Anja alles gepackt hatte. Verfrüht, wie ich feststellte, ich hätte es eigentlich wissen müssen. Denn neben meinen sorgsam gepackten Koffern, Taschen, Kisten und dem Rucksack landeten noch: Anjas Yogamatte, zwei Klappstühle, ihre Handtasche, ein kleiner Rucksack sowie eine Kühltasche mit verderblichen Lebensmitteln, die ich allerdings schon einkalkuliert hatte. Im Keller außerdem zwei Sixpacks mit Wasser in Plastikflaschen. Eines mit, eines ohne Kohlensäure. »Anja, wir müssen alles schleppen!« Vom fünften Stock zum Taxi vor dem Haus! Am Rheinhafen mussten wir alles wieder ausladen und im Mobil verstauen! »Das ist ein Chaos, kein systematisches Packen.« Wie laut es nun wurde, verschweige ich. Man beginnt mit dem Packen mindestens zwei Tage vor Reisebeginn und steht am Morgen der Abreise völlig entspannt mit gezücktem Wohnungsschlüssel in der Hand da! So meine Idealvorstellung, meine Philosophie, basta! Dass Anja den ganzen Morgen ihren Wohnungsschlüssel suchte, den sie am Abend zuvor verlegt hatte, nachdem sie unbedingt noch mit einer Freundin zum Baggersee radeln musste, verschweige ich besser auch, denn ihre Sucherei machte mich rasend. Ich hatte einen ruhigen Abend verbracht, Deep Purple gehört und nochmal unsere Route studiert, war entspannt zu Bett gegangen, und jetzt das: Sie hatte noch nicht alles gepackt. Sie hatte ihren Schlüssel unauffindbar verlegt. Sie wühlte im Kleiderschrank, und sie zog noch allerhand Tücher und Schals hervor, die unbedingt mit mussten. Und noch eine spezielle Tagescreme für die Haut ab fünfzig. Bei mir tut es Nivea, mein Großvater ließ nichts anderes an seine zarte Haut und stieg mit neunzig faltenlos ins Grab. Völlig irre machte mich, dass sie am Freitagmorgen noch das Klappfahrrad besorgen musste.

Auf 10.30 Uhr bestellten wir ein Taxi »mit extra viel Stauraum«. Um 10.15 Uhr stand es vor der Haustür. Mit einem serbokroatisch-deutsch radebrechenden Fahrer. Wir schleppten alles nach unten, derweil der Taxifahrer eine Zigarette rauchte. Der Fahrer und ich luden ein. Anja kam mit dem Klapprad. »Das nehme ich nicht mit«, sagte der Taxifahrer. »Das nehmen Sie sehr wohl mit«, sagte Anja, »wir haben ein Taxi mit viel Stauraum bestellt.« »Aber keines für Fahrrad.« Anja versuchte das Rad zusammengeklappt ins Taxi zu pressen. Der Taxifahrer rebellierte. Ich rebellierte: »Das Scheiß-Rad bleibt hier!« Nun: Wir waren aufgeregt, wir wurden laut. Ich nannte sie hysterisch. »Dann gehen wir halt nicht in Urlaub«, donnerte ich. Ich setzte mich aufs Mäuerchen des Vorgartens und resignierte. Der Taxifahrer rauchte eine Zigarette, während Anja das Taxi wieder komplett auslud und unser Gepäck so umschichtete, dass auch dieses verfluchte Klappfahrrad unterkam. Derweil lief das Taxameter. Was wohl im Kopf des Taxifahrers vorging? Vermutlich, dass unsere Ehe den Urlaub nicht überstehen würde. Dabei war ich Anja gegenüber in dem knappen Vierteljahrhundert unserer Beziehung vorher nur einmal laut geworden, sehr laut sogar. Ein einziges Mal! Als sie nämlich freudestrahlend auf einer Schneebrücke stand, die von einem reißenden Bach unterspült war.

Bei welchem Betrag das Taxameter stand, als wir endlich losfuhren, habe ich vergessen. Ich gab dem Taxifahrer aber 5 Euro Trinkgeld. Beim Ausladen zwischen all den Wohnmobilen stellte er die für mich völlig unverständliche, ja groteske Frage: »Ziehen Sie um?«

In den folgenden eineinhalb Stunden zweifelte ich, ob aus unserer Tour noch irgendetwas werden würde. Eine Ehefrau, die sich plötzlich und unerwartet als hysterisch und renitent herausstellte, und ein Wohnmobil mit Macken. Der freundliche Vermieter wies uns in den Gebrauch ein: Während der Fahrt immer alle Fächer verschlossen halten. Der Kühlschrank hat einen Sicherheitsverschluss. Die Badtür wird von einem starken Magneten geschlossen gehalten und darf während der Fahrt keinesfalls offen stehen. Während der Fahrt müssen auch alle Fenster geschlossen sein, vor allem die Dachfenster. Sonst pustet sie der Fahrtwind weg. Er demonstrierte, wie der Kühlschrank zu betreiben war: Während der Fahrt auf Batterie umstellen. Sofern externer Strom vorhanden ist, also auf einem Campingplatz, diesen verwenden, ansonsten die Gaskühlung nutzen: Der nette Vermieter führte vor, wie diese Gaskühlung funktionierte: Temperaturregler reindrücken, Zünder betätigen, Regler noch so lange gedrückt halten, bis die rote Markierung in den grünen Bereich gewandert ist. Außerdem, ganz wichtig: Die Wasserpumpe nur dann anschalten, wenn wirklich fließendes Brauchwasser benötigt wird. Er versuchte uns vorzuführen, wie das funktioniert, doch kein Tropfen Wasser kam aus dem Hahn der Küchenzeile, kein Tröpfchen floss in der Nasszelle. »Sehen Sie, Ihr Vorgänger hat die Wasserpumpe wohl immer laufen lassen, jetzt ist sie kaputt«, versuchte er zu retten, was zu retten war, als ich ihn fragte, ob er das Mobil nicht vorher schon durchgecheckt habe. Gemach, gemach, zügelte ich meine Wut, bring den armen Kerl nicht auch noch auf die Palme.

Er müsse nur geschwind die Pumpe austauschen, wir sollten es uns bequem machen. Er holte einen Werkzeugkasten, nahm den Rücksitz heraus, fluchte und stöhnte. Na prima, dachte ich und sah meinen Zeitplan davonschwimmen. Heute Nachmittag würde es wohl nichts werden mit Summit Nummer 1. Wahrscheinlich ging die Reise mit einem solch desolaten Gefährt total in die Binsen, wir würden irgendwo auf der Autobahn in der Pfalz liegenbleiben und mussten abgeschleppt werden. Wir setzten uns also bei schwülen 34 Grad in den Schatten, tranken Wasser aus einer unserer Plastikflaschen und warteten. Eigentlich wollten wir den vorbereiteten Kartoffelsalat und die Frikadellen auf Burg Trifels oder beim Teufelstisch im kühlen Schatten einer Buche verspeisen und dann eine kleine Siesta halten. Stattdessen saßen wir neben dem Büro-Container der Wohnmobilvermietung mit Blick auf zahlreiche kleine und große Caravans, Wohnmobile, Anhänger, Leitern, Wasserschläuche, Werkzeugkisten, weitere Container und beobachteten, wie sich unser freundlicher Vermieter bemühte, erfolgreich bemühte.

Wir waren satt, das Wasser lief, wir luden ein und wir schalteten zum ersten Mal in unserem Leben ein Navi ein. »Selbsterklärend« seien die meisten, hatten wir uns sagen lassen. Ich war der Beifahrer, ich musste das Navi bedienen und uns nun über die Straßen der Republik führen. Für mindestens 3.700 Kilometer.

Renitente Gattin und defektes Wohnmobil – das kann heiter werden

Burgen in der Südpfalz

Die südwestliche Pfalz ist mit Burgen und Schlössern gesegnet. Zum »Pfälzer Dreigestirn« gehört neben dem Trifels die Burgruine Scharfenberg, deren 20 Meter hoher Bergfried weithin sichtbar ist. Vom Brunnenturm und der Ringmauer sind nur Ruinen erhalten. Erbauen ließ sie Stauferkönig Konrad III. im 12. Jahrhundert. ­Die Burg wurde zeitweise als Gefängnis genutzt. Im Bauernkrieg 1525 wurde sie zerstört. Von der dritten im Bunde, Burg Anebos, existieren nur noch Ruinen. Datiert wurde sie auf Anfang des 12. Jahrhunderts, sie gehörte den Herren von Anebos, die Mitte des 13. Jahrhunderts ausstarben. Sehenswert ist Burg Berwartstein im Dahner Felsenland. Sie ist eine Bilderbuchburg, da anscheinend vollständig erhalten – die Rekonstruktion Ende des 19. Jahrhunderts erfolgte aber nicht originalgetreu. ­Insgesamt jedoch zeugt die Anlage mit ihren vielen baulichen Raffinessen, unterirdischen Gängen und Kasematten von der damaligen Baukunst. Kaiser Barbarossa soll die Burg um 1150 an den Speyerer Bischof Günther von Henneberg als Reichslehen übergeben haben, sie gehörte also zu den salischen und staufischen Festungsanlagen. Ebenfalls in der Südpfalz findet sich die Burgruine Neuscharfeneck. Von der hochstaufischen ursprünglichen Burg sind noch Reste vorhanden (13. Jahrhundert), ausgebaut wurde sie bis zum Jahr 1530 immer wieder. Eine der ältesten und größten Anlagen ist die Madenburg, benannt zu Ehren Marias (»Maidenburg«), erstmals erwähnt 1176. Möglicherweise fand hier die Fürstenversammlung statt, die über die Absetzung des Salierkaisers Heinrich IV. beriet, was genau 100 Jahre zuvor der Fall war. ­Die Burg wurde mehrfach um- und ausgebaut, erobert oder verkauft. Bis sie im pfälzischen Erbfolgekrieg (1688 bis 1697) endgültig zerstört wurde. Die Burgruine Landeck bei Landau, die nach dem Wiener Kongress zeitweise zum Königreich Bayern gehörte, ist ein beliebtes Ausflugsziel. Hier finden alljährlich Mittelaltermärkte statt (»Landeckfest«). Die Rietburg zeichnet sich dadurch aus, dass sie eine Hangburg ist, also nicht auf einem Berggipfel steht. Und: Sie ist mit einer Sesselbahn erreichbar. Erbaut wurde sie Anfang des 13. Jahrhunderts von den Herren von Riet, als Lehen der Benediktinerabtei Weißenburg. Wieder folgte eine wechselhafte Geschichte bis zur Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg. Mit dem Auto erreichbar ist die Kropsburg bei Edenkoben, deren Erbauung ebenfalls auf das Jahr 1200 datiert wurde. Mit einer ganzen Reihe von weiteren Burgen diente sie zur Abschirmung gegenüber dem Trifels und besteht aus einer Ober- und einer Unterburg. Auf den Trümmern der Unterburg steht heute ein Restaurant mit großartiger Aussicht auf die Rheinebene. Das Hambacher Schloss ist eines der wichtigsten Symbole der deutschen Demokratiebewegung, 1832 fand dort das Hambacher Fest statt. Ursprünglich wurde sie als Burg der Salier im 12. Jahrhundert erbaut. Das Hambacher Fest war eine sechstägige Protestveranstaltung mit etwa 30.000 Teilnehmern. Die Pfälzer begehrten auf gegen Repressionsmaßnahmen der bayerischen Verwaltung, etwa eine strenge Zensur oder das Verbot politischer Kundgebungen – weshalb die Organisatoren das Ganze als Volksfest ausgaben. Unabhängig davon bauten die bayerischen Eigentümer das Schloss in neugotischem Stil wieder auf – Vorbild war Schloss Hohenschwangau.

Summit 1

Dollberg (695 m, Saarland)

Morgenstern und Teufelstisch

Burg Trifels – erstes Bonus-Ziel: Hier war Richard Löwenherz eingesperrt.

Wir lagen im Zeitplan. Spätestens um 14 Uhr hätten wir losfahren müssen, um noch am ersten Tag Summit Nummer 1 zu schaffen. Nun war es 13.30 Uhr. Unser Vorhaben war ehrgeizig. An Tag eins Summit eins, am Abend von Tag zwei wollten wir Summit zwei, den Erbeskopf, und drei erreicht haben, also auf der Wasserkuppe in Hessen angelangt sein. Warum diese Eile, wir hatten doch für 16 Summits drei Wochen Zeit? Am Anfang ist man euphorisch, später lässt die Begeisterung nach – das glaubten wir jedenfalls. Außerdem wollten wir gleich zu Beginn auf Nummer sicher gehen – bloß keinen Stress am Ende! Bei durchschnittlich 175 Kilometern Fahrstrecke pro Tag sollte das zwar locker zu packen sein, aber ich bin Pessimist. Wenn auch ein fröhlicher Pessimist. Und dann sind da ja noch die Zwischenziele, schließlich ist es einigermaßen idiotisch, 16 »Höhepunkte« abzuklatschen und weiterzufahren. Zumal die meisten der Summits ergreifend uninteressant sind – glaubte ich zumindest. Wir betrieben eine Spezialform des Geocachings, indem wir die Summits »sammelten« plus einige Bonus-Ziele. Auf dem Weg ins Saarland gab es in Rheinland-Pfalz zwei solcher Bonus-Ziele, nämlich Burg Trifels bei Annweiler sowie die Felsformation Teufelstisch im Dahner Felsenland. Burg Trifels war die erste Burg meiner Kindheit, den Teufelstisch wollte ich schon immer einmal in Augenschein nehmen.

Doch zunächst kamen wir nicht weit. Nicht einmal über die Landesgrenze zu Rheinland-Pfalz in nicht einmal fünf Kilometer Entfernung von unserem Startplatz Rheinhafen Karlsruhe. Beim Bremsen an der ersten Ampel schoss eine Schublade heraus. Die unterste mit den Wurst- und Fischkonserven. Anja fuhr vorsichtiger, wir steuerten den nächsten Rastplatz an. Ich stieg nach hinten und überprüfte noch einmal alle Schubladen und Klappen. Nun war alles dicht. »Ist der Kühlschrank eigentlich an oder aus?«, fragte ich Anja vorsichtshalber. »Der Vermieter hat ihn doch angeschaltet«, gab sie zur Antwort. Richtig, ich erinnerte mich. Ich rekapitulierte noch einmal seine Anweisungen, doch ich bekam partout nicht zusammen, wie der Kühlschrank funktionierte. Am Trifels wollte ich ihn überprüfen.

Von Annweiler zum Trifels führt eine relativ schmale Straße. ­»Relativ schmal« hieß für uns »extrem schmal«. Jedes Mal bei Gegenverkehr klammerte ich mich an die Armlehnen. Wir hatten zwar eine Vollkaskoversicherung mit 250 Euro Selbstbehalt, doch ein Papierkrieg mit einer Versicherung musste nicht sein. Der Autovermieter war außerdem sehr pingelig. Keinen noch so kleinen Lackkratzer werde man akzeptieren, kein noch so winziges Ästchen durfte das Mobil streifen. Jeder hartnäckige Fliegenschiss galt als Beschädigung. Die Deutschen und ihr heilig’s Blechle! Ein Auto ist ein Gebrauchsgegenstand, Messer werden bei Benutzung schließlich auch nicht schärfer. Die PKW-Verleiher auf den Kanaren sehen das lockerer, genauer gesagt: realistischer. Kratzer unter fünf Zentimetern Länge registrieren sie gar nicht.