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Jakob Primm ist besessen von Autorin Paula Hogitsch, der erfolgreichen Wiener Königin des Suspense-Romans. Bei der Lesung aus ihrem letzten Werk "Zwischen den Zeilen" traut der unheimlich anmutende Einzelgänger seinen Ohren kaum, als er sich in der Hauptfigur ihres Krimis wiedererkennt. Die Erfolgsautorin schildert detailgetreu die beiden Morde, die er vor Jahren an seinem früheren Wohnort begangen hat. Er fühlt sich in die Enge getrieben. Woher weiß die von ihm so bewunderte Schriftstellerin über die Verbrechen des Jakob Primm Bescheid, und was bezweckt sie mit der Veröffentlichung? Will sie ihren größten Anhänger etwa hinter Gitter bringen oder handelt es sich bei all dem um ein gut geplantes Komplott?
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Veröffentlichungsjahr: 2021
„Honestly, I don’t understand why people get so worked up about a little murder!“Patricia Highsmith, Ripley Under Ground
Der Roman spielt hauptsächlich in bekannten Regionen, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Die Figuren dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.
Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über www.dnb.de© 2021 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hamelnwww.niemeyer-buch.deAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: C. RiethmüllerDer Umschlag verwendet Motiv(e) von 123rf.comEPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbHeISBN 978-3-8271-8415-3
Sabine WolfgangWort für Mord
„We are who we pretend to be.“Joy Fielding
Prolog
Sie sah so friedlich aus, wie sie da lag. Beinahe konnte man meinen, sie machte ein Nickerchen, doch ihre unnatürliche Haltung und der Boden, der sich unter ihrem regungslosen Körper langsam rot färbte, signalisierten etwas anderes. Alles, was in der letzten Stunde von ihm angefasst wurde, säuberte er gewissenhaft mit einem Tuch, das er in seiner Hosentasche aufbewahrte. Ohne zu wissen, wohin ihn der heutige Abend führen würde, hatte er es mit eingepackt. Zwei Mal ging er seine eben vollführte Tat gedanklich durch, marschierte den Weg exakt wie vorhin noch einmal entlang und verwischte gewissenhaft die Spuren seiner Tat, ja seiner Existenz. Immer wieder ertappte er sich dabei, einen Blick auf den leblosen Körper zu werfen und zu überprüfen, ob da nicht doch noch letzte Anzeichen von Leben in ihm schlummerten. Aber da war nichts mehr, was ihn zittern lassen musste.
Mehrmals vergewisserte er sich, nichts Verdächtiges zurückgelassen zu haben, um die Ermittlungen nicht in seine Richtung zu lenken. Doch außer seinem Schlüssel und seinem Tuch hatte er nichts bei sich, was ihm unabsichtlich aus der Tasche hätte gleiten können. Ein letztes Mal speicherte er das Dokument und klappte den Laptop halb zu, ganz wie sie ihn vorhin zurückgelassen hatte – freilich mit seinem Tuch über der Hand. Beim Anziehen seiner Schuhe warf er einen erneuten Blick auf den Leichnam. Er war zu jenem Zeitpunkt der Einzige, der über die Information verfügte, dass sie nicht mehr am Leben war. Das Medienecho, das Wien und das Land ab morgen erreichte, würde enorm sein.
Kurz vor dem Gehen legte er eine letzte Kontrollrunde ein. Seinen Blick für Details und das akribische Vorgehen in Kombination mit präziser Vorausplanung – gerade so, als würde man beim Schachspiel mit einem finalen Zug das Schicksal seines Gegners endgültig besiegeln – hatte er von ihr gelernt. Geradezu zwingen musste er sich dazu, den Ort des Verbrechens nun zu verlassen, bevor er seiner Akribie zum Opfer fiel. War er erst einmal aus ihren eigenen vier Wänden verschwunden, gab es kein Zurück mehr. Nie mehr wieder würde er in ihr Reich eindringen können, um ihre Energie aufzusaugen und Kraft für den ohnehin so farblosen Alltag zu tanken. Dass er sein Leben nun ohne sie bestreiten musste, kam ihm in diesem Moment zum ersten Mal in den Sinn. Doch seine Erkenntnis währte nicht lange und ging nahtlos in Triumph über, den er sich selbst von ihr nicht nehmen ließ.
Ein letzter Blick schweifte über die Bilder an der Wand. Tief atmete er ihre Luft und ihr letztes Lebenselixier ein, pausierte kurz, als seine Lungen prallvoll waren, und stieß dann alles aus, was in ihm steckte, auf dieselbe Weise, wie sie kurz zuvor ihren letzten Atemzug ausgehaucht hatte. Mit seinem Tuch über die rechte Hand gestülpt, öffnete er die Türe so vorsichtig und langsam, wie es in seiner Macht stand. Nachdem sich ein Spalt in die Welt da draußen öffnete, hielt er inne und horchte, ob sich davor etwas regte. Doch alles war friedlich und ruhte in sich. Ein stilles, vornehmes Haus, das ihn in Ruhe seine so wichtige Arbeit verrichten ließ. Genauso bemühte er sich wiederum, so leise wie möglich zu agieren und niemanden zu stören.
Nach einem finalen Blick zurück in ihre Welt, auf alles, was sie hinterlassen sollte, schloss er die Türe hinter sich, verharrte kurz davor und machte sich schließlich auf den Weg. Er bewegte sich behutsam und doch zügig fort, unter Druck, jedoch gefasst und auch weiterhin auf jedes Detail achtgebend. War er in Eile, vergaß er dennoch nicht auf die so wertvolle Genauigkeit, die er in entscheidenden Situationen an den Tag zu legen hatte.
Nicht ohne den Blick in Richtung des sich vorhin dort befindenden Igels zu werfen, marschierte er zum Ausgang. Beinahe fühlte er sich bemüßigt, langsamer zu werden und dem stacheligen Tier größere Aufmerksamkeit einzuräumen, doch er ließ widerwillig davon ab. Stattdessen ging er zum Tor, durch das er wieder in die Welt da draußen gelangen würde. Wahllos drückte er eine Nummer bei der Gegensprechanlage. Nun spürte er zum ersten Mal seinen Puls im Hals pochen und eine kurze letzte Aufregung darüber, ob er die Anlage problemlos würde verlassen können. Der Summerton meldete sich. Erleichtert öffnete er die Tür hinaus in die nebelverhangene Stadt. Er war frei.
Kapitel 1 – Das Porträt
November 2009
Das Bild an der Wand erinnerte ihn an sie, obwohl es sich um das Porträt einer Unbekannten handelte. Einer Dame, der er nie begegnet war und der er sich doch verbunden fühlte. Er hatte das Gemälde im Sommer vor vielen Jahren in einem Antiquitätenladen im 6. Wiener Gemeindebezirk erworben, den ein älterer Herr aus Sammlerleidenschaft betrieb. Per Zufall war er auf das Porträt beim langsamen Vorbeischlendern am Geschäft aufmerksam geworden, kurz nach der Verlegung seines Wohnsitzes nach Wien. Die Augen der Fremden hatten denselben Ausdruck wie ihre, wenn sie konzentriert etwas vorlas, und fesselten ihn schon beim flüchtigen Blick in die Auslage. Die Brauen beschrieben einen harmonischen Bogen und formten den perfekten Rahmen eines in sich stimmigen Bildes. An der Fensterscheibe stehend, hatte er das Porträt theoretisch bereits erworben, ohne den Preis dafür zu kennen. Normalerweise würde er nie etwas kaufen, was er nicht vorher mindestens für ein paar Tage überdachte, doch dieses Mal brauchte er die für ihn übliche Planung nicht. Er stand unter Zwang, das Gemälde zu erwerben, da es ihn an sie erinnerte.
Jakob Primm war ein unauffälliger Mann. Er hatte ein Gesicht, das man leicht wieder vergaß, ohne es überhaupt erst wahrgenommen zu haben. Selbst in seinem Wohnhaus in Wien Margareten kannte man ihn kaum, obwohl er dort seit 13 Jahren lebte. Seine Mutter drängte darauf, nach der Erbschaft jener Wohnung von ihrem verstorbenen Onkel unter allen Umständen hierhin zu ziehen. Für ihn kam der Zeitpunkt des Ortswechsels damals im idealen Moment, da er gezwungen war, Tattendorf so schnell wie möglich zu verlassen. Er fand sich damit ab, Wien als seinen Lebensmittelpunkt zu definieren, und vermisste das Landleben in keiner Sekunde seiner Existenz. Hier genoss er eine Anonymität, die es in der Stadt vorzüglich auszuleben galt. Er vermied es, den Bewohnern desselben Wohnhauses in die Augen zu blicken, um sich weiterhin in seinem Inkognito-Dasein zu suhlen. Er schaffte es, sich nicht in den hausüblichen Klatsch und Tratsch einzumischen, unerkannt durch das Stiegenhaus zu schleichen und auf diese Weise seine Privatsphäre zu wahren. Genauso gelang es den anderen Bewohnern des Hauses, über Jakob Primm hinwegzusehen.
Schon seit vielen Jahren war er nicht mehr im Arbeitsleben tätig und ergötzte sich seither daran, seinen eigenen Tagesablauf zu kreieren, indem er sich intensiv seiner Wohnung und Literatur widmete. Doch was sich genau hinter den Mauern seiner vier Wände zutrug, war niemandem bekannt.
Er lebte in einem Haus in der Bärengasse, die die Amtshausgasse mit dem Hundsturm verband. Nur wenige Menschen passierten diese kleine Gasse, die meist auf die nächstgrößeren Straßen auswichen, um von A nach B zu gelangen. Insofern lebte er stadtzentral, doch in einer absoluten Ruhelage. Supermarkt, Bäcker, Post und Apotheke befanden sich allesamt in kurzer Gehdistanz. Auch ein kleiner Park (Am Hundsturm) war zur Stelle, wenn ihn doch einmal das Gefühl packte, sich ins Freie zu setzen und Menschen zu beobachten, die ihre Hunde Gassi führten. Längst war er nicht mehr imstande, sich vorzustellen, jemals woanders zu wohnen, und dankte seiner Mutter jeden Tag dafür, ihn hierhin gebracht zu haben, wenn er sie am Grab am Friedhof Meidling besuchte.
Dies war nur eines seiner täglichen Rituale. Jakob Primm liebte fixe Gewohnheiten und versuchte, diese nicht zu brechen oder abzuändern. Er benötigte einen organisierten Ablauf und war jeden Abend selbstzufrieden, wieder einen ganzen Tag über die Runden gebracht zu haben, ohne davon abzuweichen. Und er liebte seine Einsamkeit.
Jeden Morgen machte er es sich auf seinem Sofa im Wohnzimmer mit einer Tasse Kaffee gemütlich, nahm die dumpfen Außengeräusche seiner Gegend wahr und ließ seinen Gedanken freien Lauf. Ein Tag nach dem anderen begann identisch. Darauf legte er großen Wert. Kaffeekanne und Tasse stellte er stets am Vorabend bereit, wobei die Farbe des Behältnisses jeweils dem Wochentag entsprach. An diesem Mittwochmorgen genoss er das warme Bohnengetränk aus einem roten Porzellangeschirr. Der Farbton erinnerte ihn an ihre Fingernägel, die ihn immer wieder faszinierten, wenn er sie sah. Dieser Tag sollte herausragend werden.
Sein Morgenritual nahm zwanzig Minuten in Anspruch, in welchen er sich völlig in seiner Gedankenwelt verlor, wie in Trance kaum zu atmen glaubte und die Stille in seinem Kopf genoss. Gelegentlich glitten seine Augen dabei über ihre Gesichtszüge auf dem Gemälde, die so real schienen, dass er sich manches Mal einbildete, sie wäre als lebendes Wesen stets bei ihm.
Den Maler des Porträts, das er an jenem Tag in der Auslage entdeckt hatte, kannte er nicht. Auf dem rechten unteren Rand des Bildes waren die verblassten Initialen R.B. zu sehen, doch um wen es sich dabei handelte, war ihm unbekannt. Das Geheimnisvolle, das mit dem Antlitz dieser Frau in Verbindung stand, erregte ihn. So hielt er sich bewusst zurück, die Geschichte dahinter zu ergründen.
Schon beim Erwerb des Bildes war er versucht gewesen, den Händler darüber zu befragen und sich nach dem Maler zu erkundigen. Doch sowie er die Frage gedanklich formuliert und den Mund geöffnet hatte, um sie dem Verkäufer zu stellen, zog er sie zurück und klappte die Kiefer wieder zusammen. Man muss nicht alles wissen, rechtfertigte er sich selbst im Geiste nach seinem abrupten Meinungswechsel. An jenen Tag erinnerte er sich genau zurück. Es war 13 Jahre her, dass er ein neues Gemälde sein Eigen nannte.
Jakob Primm hatte eine gewisse Kunstaffinität, jedoch beschränkte sich die darauf, Bilder zu erwerben und dafür an den Wänden seiner Wohnung den passenden Platz zu suchen. Am Tag, als er das Porträt entdeckte, waren in allen Räumen genügend Gemälde vorhanden. Der Tag, an dem er eines von ihnen abnahm und stattdessen das Frauenporträt aufhängte, ging in die Geschichte ein.
Ihre rote Bluse sah aus, als wäre sie aus Seide, und schmiegte sich an ihren unterhalb der Brust abgeschnittenen Oberkörper. Die schwarzen ovalen Knöpfe verliefen entlang der Mitte und hielten den Stoff zusammen, der über ihrem wohlgeformten Busen leicht spannte. Der Kragen enthüllte einen Teil ihres langen, endlos wirkenden Halses. Ihr Mund, im selben Ton, war zu einem geheimnisvollen Lächeln verzogen, so, als wüsste sie etwas, das sie dem Maler nicht zu verraten beabsichtigte. Ihre Lippen glänzten – manchmal sogar mehr als sonst – an diesem Tag außerordentlich intensiv. Ihre Nase wirkte unscheinbar, so als wäre sie gar nicht vorhanden. Ein gutes Zeichen. Sie fiel nicht auf, sondern betonte vielmehr das restliche Gesicht – vor allem Augen und Lippen. Ihr Blick war warm und stechend zugleich. Er hatte sowohl etwas Anziehendes als auch etwas Erniedrigendes an sich. Ein Bild an der Wand schaffte es, ihn in ohnmächtigen Momenten in die Knie zu zwingen. „Ich gehöre dir“, hörte er sich in solchen Augenblicken flüstern.
Das dunkle Braun ihrer Augen sah ihn an und verfolgte ihn, wohin auch immer er sich bewegte. Das Gesicht war umgeben von perfekt geformten, schimmernden Locken, die nicht nur vom Kopf herunterfielen, sondern es umrahmten und ihm eine vollkommene Harmonie und manchmal gespenstische Lebendigkeit verliehen. Er war verleitet, seine Finger durch ihr Haar gleiten zu lassen, als er das Bild an der Wand zwischen Esstisch und Fernsehgerät montierte. Es würde dort für immer hängen. Es erinnerte ihn an sie – jedes Mal, wenn er das Porträt ansah.
Jakob Primm war Einzelgänger. Er zog es vor, nicht zu kommunizieren und nur dann etwas zu sagen, wenn er das Bedürfnis danach verspürte. Er verabscheute den Small Talk und konnte mit leeren Phrasen nichts anfangen. Er besaß kein Mobiltelefon, weil er es unnötig fand, jederzeit erreichbar zu sein – aber auch da es fast niemanden in seinem Leben gab, den er hätte anrufen können. Seine Mutter war vor einiger Zeit verstorben, wobei er sogar imstande war, auf den Tag genau zu sagen, wann er sie verloren hatte. Ihr Tod jährte sich heuer zum 13. Mal. War er glücklich darüber, dass er die Wohnung seither alleine bewohnte, oder vermisste er sie? Das Gefühl, das er empfand, lag dazwischen, auch dann, wenn er in seinem ritualisierten Alltag ihr Grab aufsuchte. Alles, was er nicht zu machen imstande gewesen war, weil seine Mutter es missachtete, unternahm er nun. Es stand ihm frei, seinen Wohnraum zu gestalten, wie er es für richtig hielt. Er durfte sich an seinen von ihm geplanten Tagesablauf halten, und niemand redete dazwischen. Er genoss es.
Er vermisste sie.
Die Tasse in seiner Hand leuchtete an jenem Morgen intensiver als sonst. Lag das an dem Sonnenstrahl, der sich seinen Weg durch die Vorhänge bahnte? Es war nicht zu leugnen, dass er eine gewisse Aufregung verspürte – und er wusste genau warum.
Der Weg zum Grab seiner Mutter bot ihm ausreichend Gelegenheit, darüber nachzudenken, was ihn an jenem Abend erwarten würde. Seine Uhr zeigte 07:37, was bedeutete, dass er ausnehmend früh dran war. Wie war es möglich, dass er sich heute acht Minuten eher fortbegab, obwohl er keinen Programmpunkt gestrichen hatte?
Etwas trieb ihn hinaus. Die kühle, herb duftende Luft ließ trotz wolkenlosem Himmel und Sonnenschein herbstliche Stimmung aufkommen. In Situationen wie diesen kam ihm unweigerlich seine Mutter in den Kopf, die bei so einem Wetter am liebsten den ganzen Tag im Freien verbracht hätte. Er war von ihr jedes Mal regelrecht dazu gezwungen worden, sie zu begleiten. Obwohl ihm das stets missfallen hatte, sehnte er sich doch danach.
Auf dem Fußweg zum Friedhof, der normalerweise 36 Minuten in Anspruch nahm, kamen ihm ein Mann und ein kleiner Bub, offensichtlich Vater und Sohn, entgegen. Der Junge fragte seinen Vater, wer der Fremde sei. „Ein älterer Herr“, entgegnete dieser. Beim aneinander Vorbeigehen grüßten ihn die beiden, während er nur zu Boden sah. Er war davon überzeugt, Leute erfuhren mehr über ihn, wenn er Blickkontakt aufbaute, dabei hatte er vor, seine Gedanken keinesfalls preiszugeben. Niemand durfte je mehr über sein Wesen oder seine Geschichte erfahren.
„Warum grüßt der Mann nicht?“, hörte er das Kind fragen und freute sich stillschweigend darüber, einen geheimnisvollen Eindruck hinterlassen zu haben.
Nach seinem morgendlichen Ritual am Grab, seinen pingeligen Aufräumarbeiten, auch wenn kein Durcheinander entstanden war, und den stillen Gebeten und Gesprächen mit seiner Mutter setzte er zum Weg zurück nach Hause an. Er freute sich auf das Porträt und nahm sich vor, an diesem Tag etwas mehr Zeit mit ihm zu verbringen als sonst.
Um 09:38 Uhr traf er daheim ein und wurde im Schlafzimmer daran erinnert, dass seine Bettdecke gebügelt werden musste. Jeden dritten Tag zog er den Überzug ab, um ihn zu glätten. Er hasste Falten und bügelte stets so lange, bis er keine einzige mehr entdeckte. Für drei weitere Tage konnte er nun in seinem Bett verbleiben. Im Anschluss wurde er gewaschen. Seine Mutter hatte ihm das beigebracht. Auch bei ihr hatte alles seinen Rhythmus gehabt und war genau geplant gewesen. Ihm war damals nichts anderes übrig geblieben, als sich ihren strikten Abläufen zu beugen. Er war sich dessen bewusst, wie viel er ihr – neben einer weiteren wichtigen Frau in seinem Leben – zu verdanken hatte. Hätte er akribische Lektionen wie jene nicht gelernt, wäre er womöglich schon erwischt worden.
Es handelte sich um eine kleine, schmächtige Frau, die sich zeit seines Lebens um ihn herum aufgehalten hatte. Sie war Mutter von Beruf und änderte dies auch nicht, als sich seine runden Geburtstage wiederholten und seine Haare langsam grau wurden, was so unauffällig geschah, dass es perfekt zum Gesamterscheinungsbild des Jakob Primm passte. Sie war da. In der Früh, zu Mittag, am Abend, in der Nacht. Vor der Arbeit, in der Mittagspause, nach der Arbeit. Bei Regen, bei Sonne, bei Schnee, bei Eiseskälte. Er erinnerte sich nicht daran, sie einmal nicht im Hause und später in der Wohnung gespürt zu haben. Die große Menge an Energie, die sie in dieser Zeit hinterlassen hatte, erfüllte auch jetzt alle Räume, Türen, Wände, Einrichtung, Gegenstände. Manchmal rechnete er jeden Moment damit, sie um die Ecke kommen zu sehen, ihre Stimme zu vernehmen oder ihre morschen Knochen knacken zu hören. Das alles war sie.
Sie hatte es geliebt, ihren einzigen Sohn zu dominieren, indem sie Regeln aufstellte, die er befolgen musste. Sie war mit ihrer Erziehung zufrieden und hatte ihren größten Triumph darin gesehen, dass ihr Sohn nur selten widersprach. Er war anders als sein Vater, und das empfand sie als äußerst positiv. Sie hatte sich an jeder einzelnen Abweichung erfreut.
Nachdem sie damals entschieden hatte, Tattendorf den Rücken zu kehren und in die Wohnung ihres verstorbenen Onkels in den 5. Wiener Gemeindebezirk zu ziehen, musste sie nicht lange darum bitten, von Jakob begleitet zu werden. Sie war überzeugt, dass er seine in die Jahre gekommene Mutter nicht im Stich lassen würde. Vielmehr hatte sie das Gefühl, dass er froh darüber war, einen kleinen Ort gegen eine kilometerweit entfernte Großstadt einzutauschen.
Seine Mutter hatte ihren Onkel Joseph nicht gut gekannt, nur in ihren Kinderjahren ab und an Zeit mit ihm verbracht. Doch um ihren elften Geburtstag herum war der damals schon verschrobene Mann verschwunden, ohne je wieder Kontakt mit seinen Verwandten aufzunehmen. Bald war er aus ihrem Gedächtnis entwichen, und ebenso dessen zentral gelegene Wohnung in Wien. Als sie dann völlig unvermittelt zur Haupterbin geworden war, traten die Kindheitserinnerungen von damals wieder in den Vordergrund. Schlagartig kam in ihr der Wunsch auf, in Tattendorf alles zurückzulassen und nach Wien zu ziehen, da sie immer schon von der Großstadt fasziniert war.
Zu dieser Zeit kam Horst nur mehr sporadisch zu Besuch, und seine Mutter distanzierte sich zusehends von ihm. Endlich erkannte sie, dass sie diesen Mann nicht brauchte, und verließ ihre alte Heimat, ohne ihn darüber in Kenntnis zu setzen. Wenn auch nur vorübergehend.
Jakob Primm erzählte seiner Mutter damals kein Wort davon, dass es sich bei Margareten um ihren Heimatbezirk handelte. Er amüsierte sich darüber, dass er dorthin ziehen würde, wo er ihr näher war denn je. Auch wenn sie längst nicht mehr dort wohnte, versprühte die Gegend immer noch den Geist der Schriftstellerin.
Wien war eine herausragende Stadt. Eine Metropole, in welcher man Anonymität genießen konnte, doch klein genug, um Ruhe zu finden. Jakob liebte Wien. Er verabscheute es, auf der Straße gegrüßt zu werden und sich beobachtet zu fühlen. Selbst wenn er hier sterben würde, bemerkte es niemand.
Anders in Tattendorf, wo die Nachbarn genau im Bilde darüber waren, was bei ihm zu Hause passierte – nicht nur aufgrund des hohen Geräuschpegels, sondern vorwiegend wegen der häufigen, eindeutig sichtbaren Verletzungen im Gesicht seiner Mutter.
Die Wetterlage änderte sich massiv im Laufe des Nachmittags. Zunächst begann es zu regnen, bis es schneite und stürmte. Ein Unwetter wie dieses ließ er gerne von klassischer Musik begleiten. Seiner Meinung nach passte der Niederschlag perfekt zu den melodiösen Klängen aus dem Radio. Er öffnete dann die Fenster und genoss die beiden völlig unterschiedlichen Rhythmen. Regen hatte für ihn etwas Befreiendes, so als würde sich in diesem Moment die geballte Kraft angestauter Spannung entladen. Was er allerdings nie machte, war, bei so einem Wetter seine eigenen vier Wände zu verlassen. Sein Heim stellte für ihn eine Art Rettungsinsel dar. Egal was passierte, seine Wohnung war sein Zufluchtsort, sein Ein und Alles und seine Rückzugsmöglichkeit.
An jenem Abend sollte es anders sein. Um 18:00 Uhr verließ Jakob Primm sein Wohnhaus und fühlte sich wie getrieben von etwas Unbekanntem auf dem Weg durch die Nacht. Es war dunkel. Das Unwetter verdüsterte die Stimmung zusätzlich, die seiner Vorstellung nach einem Weltuntergang glich. Doch draußen wartete etwas auf ihn, das er nicht verpassen durfte. Die Frau, die seine gesamte Wohnung erfüllte, obwohl sie nie dort gewesen war. Die Person, die auf seinem Porträt im Wohnzimmer verewigt zu sein schien, obwohl sie es vielleicht gar nicht war. Das Bild glich ihr jedoch so detailgetreu, dass es durchaus möglich war, R.B. hatte damals Paula vor sich sitzen gehabt.
Paula Hogitsch. Die Erfolgsautorin. Jakob Primms Angebetete, die er seit vielen Jahren verehrte. Ein Grund mehr, seine Mutter nicht zu vermissen. Sie gewann ihren Romanen nichts ab und scherte „Geschichten wie diese“ alle über einen Kamm. Doch Paulas Bücher waren anders. Er liebte ihre Art des Suspense-Krimis, die geistreicher war als herkömmliche Kriminalgeschichten. Sie schaffte es, ihn mit ihren Werken, seit Kurzem 14 insgesamt, immer wieder zu begeistern. Sie war in der Lage, ihn in Angst zu versetzen und Mitgefühl für den Mörder zu erwecken. Sie blickte tief in die Psyche von Verrückten und charakterisierte ihre fiktiven Figuren, als ob sie reale Menschen beschrieb. Paula Hogitsch war in seinen Augen außergewöhnlich. Er betete sie an und konnte sich ein Leben ohne ihre Werke nicht mehr vorstellen. Er hoffte darauf, sie an diesem Abend in einer roten Bluse bewundern zu dürfen.
Monate zuvor waren ihr neuer Roman und die dazugehörende Lesung in Wien Mariahilf angekündigt worden. Über Ereignisse wie diese informierte man die Bewohner des angrenzenden Bezirkes durch Prospekte, die an jeden Haushalt geschickt wurden. Er hasste beliebige Zusendungen und beabsichtigte schon lange, ein Zustellverbot an alle zu verhängen, die es wagten, ihn über Nichtigkeiten in Kenntnis zu setzen, die keinerlei Relevanz für ihn hatten. Das Einzige, das ihn begeisterte, waren Informationen über die Autorin und wann sie in Wien Lesungen veranstaltete. So unterließ er die Werbemittelbeschränkung und nahm zahlreiche an seinen Haushalt adressierte Zusendungen in Kauf, bis wieder etwas über ihre Person ins Haus flatterte.
Gleich als er das Prospekt erhalten hatte, das ihr Gesicht zeigte und Buchtitel, Ort und Zeit der Lesung sowie die ersten paar Sätze des neuesten Krimis beinhaltete, holte er ihre 13 vergangenen Romane aus seinem Regal. Es stellte ein lieb gewordenes Ritual dar, sich jedes Mal vor einer Lesung in ihre alten Werke einzuarbeiten. Gesetzt den Fall, die Diskussion im Anschluss an den Vortrag führte einmal zurück in ihre früheren Romanwelten, wollte er gerüstet sein und handelnde Personen und den Plot stets abrufbereit im Kopf haben. Er wusste zwar, dass er alles längst memoriert hatte, war aber nicht gewillt, ein Risiko einzugehen.
Als er zum ersten Mal diese markante Erscheinung mit dem aufgesteckten Haar, den großen Augen, roten Lippen und feingliedrigen Händen mit den dunkelroten Fingernägeln wahrnahm, war ihm bewusst, ihr verfallen zu sein. Paula hatte damals ihre allererste Lesung bei der Buchhandlung Thalia auf der Mariahilfer Straße im 6. Bezirk abgehalten. Er war nur zufällig vor Ort gewesen, aber geblieben, da ihn nie zuvor jemand so gefesselt hatte wie die Schriftstellerin.
Sie gehörte zu jener Sorte von Jungautoren, die nicht lange genötigt waren, um einen Verlag zu kämpfen, sondern im richtigen Augenblick die richtigen Menschen kennenlernte. Paula war begabt, und ihr Potenzial erkannten Verleger sofort. Im Alter von 24 Jahren schaffte sie etwas, wovon andere Autoren ihr Leben lang träumten.
Jakob Primm hatte damals keine Ahnung, wer sie war, beabsichtigte aber, alles über sie herauszufinden. Seit dieser Entscheidung waren 19 Jahre vergangen.
Kapitel 2 – Die Entscheidung
August 2008
Ihr Wecker läutete. Sie musste ihre Tabletten nehmen, das spürte sie im Kopf, im Herzen und in den Beinen. Sie fühlte sich abscheulich und sah auch so aus. Vor dem Einschlafen hatte sie gerade noch ihr Buch weglegen, aber kein Eselsohr mehr auf die letzte gelesene Seite machen können, wie gewöhnlich, bevor sie es auf ihrem Nachtkästchen deponierte. Am Tag zuvor war das unmöglich gewesen. Sie war matt. Jeder Muskel und Knochen in ihrem Körper bestätigte diese Empfindung. Sie kam sich alt und kraftlos vor. Ihre Krankheit war real.
Sie hörte Frank Kaffee kochen und Karola und Jasmin das Haus verlassen. Würde sie es wahrhaftig nicht miterleben, wie die Kinder die Universität absolvierten und einen Beruf ergriffen? Der Gedanke daran trieb ihr Tränen in die Augen, die sie zu ignorieren versuchte. Die Krankheit gab es nicht, solange sie sich nicht mit ihr auseinandersetzte. Sie existierte nicht, wenn sie die Gutgelaunte und Gesunde mimte. Der Krebs war unerwünscht im Hause Hogitsch.
Paula machte sich frisch, so gut es ging, jedes Mal wieder dankbar dafür, das Badezimmer direkt vom Schlafzimmer aus betreten zu können. So war es ihr möglich, ihr desolates Aussehen morgendlich in Ordnung zu bringen, bevor sie ihrer Familie gegenübertrat. Erstaunlich, wie leicht sich Frank und die Kinder täuschen ließen. Ihr Talent, Menschen auferstehen zu lassen, befähigte sie offenbar dazu, sich selbst zu verwandeln und traurige Tatsachen geschickt vor anderen zu verbergen.
„Es duftet wunderbar“, flüsterte sie, während sie ihrem Ehemann von hinten einen Kuss auf den Nacken gab. Frank liebte es, sie mit dem Frühstück zu überraschen, wenn er zu Hause war. Die Tatsache, dass er sich beruflich fast ständig auf Reisen befand, hatte ihr eine jahrelang andauernde Karriere ermöglicht. Sie hätte nie so ertragreich schreiben und publizieren können, wäre er immerfort präsent gewesen. Seine häufige Abwesenheit bewirkte jedoch, dass sie sich nicht so gut kannten, wie das bei einem sich liebenden Ehepaar üblicherweise der Fall war. Er hatte nicht einmal bemerkt, dass sie etwas vor ihm verbarg.
„Ich bin bis elf Uhr noch für dich frei. Dann muss ich zum Flughafen.“
Frank verstand es zwar, seine für sie und die Kinder übrige Zeit so intensiv wie möglich zu gestalten, dennoch kam es ihr häufig so vor, als wäre die Familie nur ein weiterer Termin in seinem prall gefüllten Kalender. Hinzu kam, dass berufliche Treffen meist Vorrang hatten.
„Das ist schön. Wann kommst du zurück?“
„Ich denke, in zehn Tagen bin ich wieder da. Bei diesem Projekt ist leider nichts hundertprozentig fix, aber ich gebe dir Bescheid, sobald ich mehr weiß.“
Mit diesen Worten reichte er ihr den viel zu vollen Brotkorb und zwinkerte ihr zu, als wäre er frisch verliebt. Seine nassen Haare hingen ihm wirr ins Gesicht, was ihn um mindestens fünf Jahre jünger erscheinen ließ. Sie glaubte kaum, dass er demnächst 50 wurde. Lag es daran, dass sie als seine Frau die Veränderung an seinem Äußeren nicht bemerkte, oder sah er wirklich noch genauso aus wie vor zehn Jahren?
„Perfekt. Ich brauche die Zeit ohnehin. In ein paar Tagen soll das Konzept für ‚Zwischen den Zeilen‘ fertig sein.“
Paula war sich dessen bewusst, dass dieses Projekt eine große Herausforderung für sie darstellte. Biber & Benson, ihr Partnerverlag seit 13 Werken, wünschte sich einen Kassenschlager für das Weihnachtsgeschäft 2009, wie ihre Bücher früher bezeichnet werden konnten, bevor ihr Vertrag aufgekündigt wurde.
„Der neue Roman?“
Paula seufzte. Gewiss hatte sie ihrem Ehemann von den Anforderungen des Verlags und der Story dahinter erzählt.
„Du weißt doch. Zwei ungeklärte Morde in einer Kleinstadt. Ich wollte es zuerst nicht machen, weil es zu stark an ‚Unverhofft‘ erinnert, habe mich aber überreden lassen.“
Bei Frank dämmerte es. „Tut mir leid. Jetzt weiß ich, was du meinst. Die Geschichte für dein letztes Buch.“
Für Paula war es wie ein Faustschlag in die Magengrube, dies aus seinem Mund zu hören. Ihr definitiv letztes Buch. Der Verlag hatte ihren gemeinsamen Vertrag beendet, obwohl die Verkaufszahlen für die meisten ihrer Werke stets jegliche Erwartungen übertrafen, wobei sich die Nummer zehn als am erfolgreichsten und ihr absolutes Meisterwerk herausstellte. Mit dem darauf folgenden Roman allerdings war ihrer Erfolgskarriere ein jähes Ende bereitet worden. Ausgelöst durch dieses Verkaufstief entschied Peter Biber, den Vertrag mit ihr zu beenden, um „jungen, frischen Autoren Platz zu machen“. Die Aussage hatte sie damals schwer getroffen, vor allem deshalb, weil sie nach ihrem 40. Geburtstag ohnehin schon in ein tiefes Loch gefallen war. Und obwohl nach der Kündigung noch drei weitere Bücher herauskommen sollten und sie dadurch allesamt Zeit gewannen, die Entscheidung einmal mehr zu überdenken, rüttelte Biber nicht an seiner Anordnung und zeigte sich konsequent. Insgeheim hoffte Paula, mit dem zwölften Werk einen so großen Erfolg einzufahren, dass sich alle über die schlechteste Verlagsentscheidung, die je getroffen wurde, die Haare rauften und man die Schriftstellerin anflehen würde, doch wieder an Bord zu kommen. Dann ertappte sie sich bei dem Gedanken, den Verlagsleiter bitten und betteln zu lassen, während sie auf Zeit spielte und seine Verzweiflung auskostete.
Vorübergehend sprach niemand mehr von der Entscheidung des Verlagsleiters, was Paula als mögliche Wendung interpretierte, doch stur wie er war, machte Biber letztendlich Nägel mit Köpfen, ließ seinen Worten Taten folgen und kündigte ihr nächstes Buch bereits überall als letztes Werk an. Und während sie zwischenzeitlich immerhin ein wenig besser mit der Entscheidung des Verlags zurechtkam, befand sie sich nun erneut mitten in einem Tief, ausgelöst durch eine niederschmetternde Hiobsbotschaft, die ihr vor ein paar Wochen mitgeteilt worden war – sie war ernsthaft krank.
Paula strich sich die dunklen Locken aus dem Gesicht und konzentrierte sich auf ihr Marmeladenbrot, um nicht die Beherrschung zu verlieren und aufsteigende Tränen im Keim zu ersticken. Ihre Werke erregten Aufsehen. Nur weil der Verlag das nicht mehr zu schätzen wusste, musste sie nicht ihre kriminalistischen und schriftstellerischen Fähigkeiten infrage stellen. Sie würden sie später einmal anflehen, ihre Serie fortzusetzen, wenn sich kein Erfolg mit ihren „Frischlings-Autoren“ einstellte.
„Du wirst es wieder großartig hinkriegen“, warf Frank seiner Frau mit einem Lächeln zu, als ob er gewusst hätte, dass sie an sich zweifelte. „Ich glaube, wir haben genug Zeit, uns nach dem Frühstück noch einmal hinzulegen.“ Paula nahm endlich sein Schmunzeln an.
„Ruf an, wenn du dort bist!“
Und so war Paula wieder alleine. Sie konnte sich auf „Zwischen den Zeilen“ konzentrieren und würde Biber & Benson beweisen, dass in ihr immer noch Potenzial schlummerte. Wie sie dies trotz ihrer Erschöpfung allerdings anstellen sollte, erschloss sich ihr nicht.
Nach Franks Abreise ließ sie sich auf ihre senffarbene Couch sinken, erschöpft davon, stundenlang eine glückliche, gesunde Frau zu mimen, und schlief auf der Stelle ein. Ihre Träume handelten von Buchseiten, Tatwaffen, Polizeibeamten, Drohbriefen und Gefängniswärtern. In ihrer gegenwärtigen Lage, aber auch sonst, wenn sie an keinem Roman arbeitete, gelang es ihr kaum abzuschalten. Paula Hogitsch war Autorin. In jeder Sekunde ihrer Existenz.
Der nächste Morgen begann besser als der Tag davor. Möglicherweise lag das an Franks Abwesenheit. Weilte er nicht daheim, hatte sie die genialsten Einfälle. Kam er früher als erwartet von einer Dienstreise zurück, brachte sie es nicht fertig, einen sinnvollen Gedanken zu Ende zu führen, und formulierte ihre Sätze wie ein mittelbegabter Siebtklässler. Frank inspirierte sie. Doch nur dann, wenn er nicht physisch anwesend war.
Seit Jahren maßte sich der Verlagsleiter an, Paula Hogitsch Anweisungen für einen „Kassenschlager“ zu geben. Peter Biber überstrapazierte diesen Begriff, und das wusste er, doch er gehörte zu jener Sorte Mensch, die nur Zahlen im Blickfeld hatten. Ob er schon jemals eines der Bücher, die er verlegte, gelesen hatte? Paula schämte sich für diesen Gedanken und verdrängte ihn schnell wieder. Peter war in Ordnung, doch eben ein reiner Geschäftsmann. Wie man einen Roman konzipierte, aufbaute und umsetzte, durchschaute er nicht. Sein Vorgänger Rainer Benson wusste darüber besser Bescheid, doch mit Paulas neuntem Werk hatte er sich in die Rente verabschiedet, und so war sie gezwungen, sich mit ihrem neuen Chef zufriedenzugeben.
Just nach Bibers Einstieg in den Verlag schuf Paula mit ihrem zehnten das bisher erfolgreichste Werk ihrer Karriere, was der Neuankömmling ohne zu zögern auf seine Neustrukturierungen, innovativen Ideen und moderne Marketingoffensiven schob. Auch sie zeigte sich begeistert von den Zahlen, doch ebenso rasch klang ihr Enthusiasmus wieder ab, als Biber eine folgenschwere Entscheidung traf.
„Die Idee zu ‚Zwischen den Zeilen‘ ist mir im Urlaub gekommen“, verkaufte ihr der Verlagsleiter damals seine Vorstellung zum Abschluss-Kassenschlager. Bis zu ihrem 13. Werk hatte er sie nicht mit seinen inhaltlichen Ideen belästigt, doch nun bildete er sich offenbar ein, beim letzten Werk unbedingt sein eigenes Konzept umgesetzt sehen zu müssen. Er liebte es, sich in Szene zu setzen. Jeder verstand es, seine Geistesblitze wohlwollend lobend zu kommentieren: Sie waren „brillant“, was immer er sich zusammengereimt hatte.
„Zwei Morde in einer Kleinstadt oder in einem Dorf – ganz wie Sie wollen. Paula, Sie wohnen doch in einem kleinen Ort. Stellen Sie sich dessen Einwohner vor. Die Routine, die dort vorherrscht. Die Gesichter, die jeder kennt. Und dann plötzlich geschieht ein Mord. Niemand kann sich erklären, was dahintersteckt. Wer kann es gewesen sein? Ein Fremder? Ein Stadtbewohner? Der Fall bleibt ungelöst und wird zu den Akten gelegt. Dann, einige Zeit später, Mord Nummer zwei. Steht er in Zusammenhang mit der Tat von damals? Oder haben die beiden Fälle vielleicht gar nichts miteinander zu tun? Wird die Polizei die Verbrechen aufklären und den oder die Täter endlich hinter Gitter bringen?“
Paula stand das Bild vor Augen, wie Peter damals die Idee vor versammelter Mannschaft in seinem Büro präsentiert hatte und es nicht erwarten konnte, Beifallsstürme zu ernten. Als das Team abwartend reagierte, verharrte er in seiner Siegerpose, während sich seine Miene zunehmend verfinsterte. Paula leitete den Beifall ein, um die unangenehme Situation zu retten, woraufhin sich die Mundwinkel des Verlagsleiters nach oben zogen und er sogar eine Verbeugung andeutete.
„Brillant“, flüsterte man durch den Raum.
„Paula, was sagen Sie? Können Sie damit etwas anfangen?“ Peter forderte sie mit seinen direkten Fragen heraus.
„Natürlich. Eine gute Geschichte. Ich möchte nur anmerken, dass sie der in ‚Unverhofft‘ ähnelt.“ Paula hatte sich über all die Jahre ihre vorsichtige Ausdrucksweise bewahrt. Das Thema war nicht neu.
Der Blick von Peter ließ erkennen, dass er mit dem Titel des Buchs nicht viel anfangen konnte. Wie war jemand wie er nur in der Lage, diesen Verlag zu führen, wenn er sein eigenes Programm nicht einmal kannte?
„Mein Neuntes?“, half ihm Paula auf die Sprünge.
„Oh, tut mir leid.“ Seine Entschuldigung klang aufrichtig. „Ich kenne Ihren neunten Roman natürlich. Ähnlichkeiten bestehen, das lässt sich nicht leugnen, aber bestimmt nicht mehr als bei Ihren anderen Geschichten, wenn man sie miteinander vergleicht.“
Das klang wie eine Beleidigung. Deutete er damit etwa an, dass sie aufgrund begrenzter Fantasie immer das Gleiche schrieb?
„Es liegt an Ihnen, die Story abwechslungsreich zu gestalten und clever zu variieren. Was ich Ihnen vorgestellt habe, dient als Grundgerüst. Sie haben alle Freiheiten der Welt. Ich möchte nur, dass der kleine Ort als Location dient und zwei Morde unaufgeklärt bleiben. Die Atmosphäre in dem Kaff authentisch zu schildern dürfte Ihnen nicht schwerfallen. Sie wohnen doch in einem kleinen Ort.“
Peter wiederholte sich, was Paula nicht leiden konnte.
„Frankendorf“, warf sie ihm über den Tisch zu, ahnend, dass er damit nichts anzufangen wusste. Der Ort lag etwa 100 Kilometer von Wien entfernt. Paula war sicher, dass er nie etwas davon gehört hatte.
All das ging ihr an diesem Morgen durch den Kopf, bevor sie ihren Computer in Betrieb nahm. In einer Woche sollte das Exposé vorliegen. Auch hierin unterschied sich der neue Verlagsleiter von Rainer Benson: Er verlangte detaillierte Konzepte mit einer Länge von etwa 20 Seiten.
Rainer hatte ihr mehr vertraut und sie in Ruhe arbeiten lassen, sobald er nach einem kurzen Gespräch wusste, worüber sie schreiben wollte. „Klingt hervorragend“, lautete sein Standardkommentar zu ihren Ideen. Danach war sie ungestört in ihr Werk eingetaucht, ohne Kontrolle, ohne Druck. Paula seufzte. Wie sehr wünschte sie sich in solchen Momenten Peters Vorgänger zurück.
