Worüber müssen wir nachdenken? - John Brockman - E-Book

Worüber müssen wir nachdenken? E-Book

John Brockman

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Beschreibung

Lesen, was in den Köpfen der Genies steckt! John Brockman stellt in seinem legendären »Edge«-Forum führenden Wissenschaftlern der Welt die Frage, über welche Themen sie nachdenken, und meinen, dass andere das dringend auch tun sollten. Entstanden ist ein kurzweiliges, unterhaltsames und inspirierendes Panorama aus allen Bereichen der Wissenschaft; mit Beiträgen u.a. von David Bodanis, Rodney A. Brooks, Nicholas A. Christakis, Mihaly Csikszentmihalyi, Daniel C. Dennett, Rolf Dobelli, George Dyson, Brian Eno, Daniel L. Everett, Arianna Huffington, Andrian Kreye, Hans Ulrich Obrist, Tim O'Reilly, Steven Pinker, Lisa Randall, Martin Rees, Dan Sperber, J. Craig Venter und Anton Zeilinger.

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Seitenzahl: 621

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John Brockman

Worüber müssen wir nachdenken?

Was die führenden Köpfe unserer Zeit umtreibt

Aus dem Amerikanischen von Jürgen Schröder

FISCHER E-Books

Inhalt

DanksagungVorwortDie Edge-FrageDie Edge-Frage 2013 Worüber müssen wir nachdenken?Die wirklichen Risikofaktoren für KriegMADness – wechselseitig garantierte Zerstörung bedeutet WahnsinnWir verdrängen die Risiken von KatastrophenEin paar Wochen ohne Internet lebenEin abgesicherter Modus für das InternetDie Fragilität komplexer SystemeEine synthetische WeltWas hat Bewusstsein?Wird es zu unseren Lebzeiten eine Singularität geben?»Die Singularität«: Dort gibt es kein DaVereinnahmungDer Triumph des VirtuellenDas GedulddefizitDas Teenager-GehirnWer hat Angst vor den großen bösen Wörtern?Der Kampf zwischen Ingenieuren und Druiden»Smart«Das Erlahmen des technischen FortschrittsDer Aufstieg des Antiintellektualismus und das Ende des FortschrittsArmageddonAberglaubeRatten in einer KugelfalleDie Gefahr durch AußerirdischeErweiterte RealitätZu viel KopplungDie Homogenisierung der menschlichen ErfahrungHomogenisieren wir das globale Bild von Normalität?Soziale Medien: Je mehr zusammen, umso mehr alleinInternetgefaselObjekte der BegierdeInkompetente SystemeDie Demokratie ist wie der BlinddarmDer Sein-Sollen-Fehlschluss in Wissenschaft und MoralWas ist ein gutes Leben?Eine Welt ohne Wachstum?Erdbevölkerung, Wohlstandswachstum: Das eine fürchte ich, das andere nichtDie Zeitbombe BevölkerungsmangelDer Verlust der LustNicht genügend RoboterDass wir die Schwelle der Fehlerkatastrophe nicht nutzenEine furchtbare Asymmetrie: Die beunruhigende Welt einer MöchtegernwissenschaftDeplatzierte SorgenEs gibt nichts, worüber man sich Sorgen machen muss, und das gab es auch nieSorgen um das Rätsel der SorgeDie KommunikationslückeWissenschaft in den (sozialen) MedienEine unfreundliche Physik, Ungeheuer aus dem Es und selbstorganisierende kollektive WahnvorstellungenMythen über MännerPaarungskriegeWir machen keine PolitikDas schwarze Loch des FinanzwesensDie Meinungen von SuchmaschinenDurch Technologie erzeugter FaschismusMagieDatenentrechtungGroße Experimente wird es nicht gebenDas Albtraumszenario der GrundlagenphysikKeine Überraschungen vom LHC: Keine Sorgen für die theoretische PhysikEine Grundlagenkrise der PhysikDas Ende der Grundlagenwissenschaft?QuantenmechanikEin einziges UniversumDie gefährliche Faszination der VorstellungskraftWas denn? Ich und mir Sorgen machen?Unser zunehmendes medizinisches Know-howDas Versprechen der KatharsisIch habe es aufgegeben, mir Sorgen zu machenUnsere blinden FleckeDer AnthropoceboeffektDie relative Unbekanntheit der Schriften von Édouard GlissantDie Gefahr des versehentlichen Lobes von JochbögenDer Glaube oder der mangelnde Glaube an die Willensfreiheit ist kein wissenschaftliches ProblemDer natürliche TodDer Verlust des TodesGlobales ErgrauenAll das T in ChinaTechnologien könnten die Demokratie gefährdenDie Vierte KulturDie Unfähigkeit der klassischen Sozialwissenschaften, »moderne« Staaten zu verstehen, die durch Verbrechen geformt werdenIst der neue öffentliche Raum … öffentlich?Verpasste ChancenDie Macht schlechter AnreizeDie Publikationspraxis wissenschaftlicher LiteraturExzellenzVollkommene ArroganzDer Niedergang des wissenschaftlichen HeldenAutoritäre UnterwerfungWerden wir zu sehr miteinander vernetzt?StressDie nützliche Verwendung unserer ÄngsteDie Wissenschaft hat uns einem Verständnis von Krebs nicht nähergebrachtDie riskante Unfähigkeit der Gesellschaft zur adäquaten Reflexion über UngewissheitDie zunehmende Instabilität des GenomsDie gegenwärtigen Sequenzierungsstrategien ignorieren die Rolle von Mikroorganismen bei KrebsDas Versagen der Genomik bei GeistesstörungenÜberzogene ErwartungenDer Verlust unserer HändeKontaktverlustDie Kluft zwischen Mensch und NaturMacht und das InternetNahe an EdgeDas Paradoxon des materiellen FortschrittsGenaue Beobachtung und BeschreibungEinflussDie komplexen, folgenschweren, gar nicht so einfachen Entscheidungen über unsere WasserressourcenDie Kinder Newtons und der ModerneWoher haben Sie diese Tatsache?Droht die Idiokratie?Die fehlende Verbindung zwischen Nachrichten und VerständnisSuper-KIs werden nicht die Welt regieren (solange sie sich keine Kultur aneignen)Posthumane GeographieGesagt bekommen, dass unser Schicksal in den Sternen stehtSchicksalsgemeinschaftenMit anderen zusammenarbeitenDie globale Kooperation funktioniert nicht, und wir wissen nicht, warumDas Verhalten normaler MenschenMetasorgenKrankhafte AngstDer Verlust unseres kollektiven Erkennens und BewusstseinsSorgen um KinderDer Tod der MathematikSollten wir uns Sorgen darüber machen, dass wir nicht in der Lage sind, alles zu verstehen?Der Niedergang des GelehrtenDie Wissenschaft läuft Gefahr, zum Feind der Menschheit zu werdenVerstehensillusionen und der Verlust geistiger DemutDas Ende der Immunisierung durch AbhärtungserfahrungenInternetsilosDas neue Zeitalter der AngstBesitzt die Menschheit den Willen zum Überleben?Das Recht auf die Vertraulichkeit neuronaler DatenKönnen sie mein Gehirn lesen?Der Verlust der GanzheitC.P. Snows zwei Kulturen und die Anlage-Umwelt-DebatteDas unvermeidliche Eindringen gesellschaftspolitischer Kräfte in die WissenschaftDie wachsende Diskrepanz zwischen der wissenschaftlichen Elite und der großen »wissenschaftlich behinderten« MehrheitGegenwart-ismusVerstehen wir die Dynamik unserer entstehenden globalen Kultur?Wir machen uns zu viele Sorgen über fiktionale GewaltEine Welt von in Kaskaden ablaufenden KrisenWer darf im Wissenschaftsstadion mitspielen?Eine explodierende Zahl neuer illegaler DrogenGeschichte und KontingenzUnbekannte UnbekannteDigitale TätowierungenSchnelles WissenSystematische Gedanken über das Verpacken unserer SorgenSich Sorgen über Dummheit machenDie kulturellen und kognitiven Konsequenzen der ElektronikWas wir von Feuerwehrleuten lernen: Wie dick sind die dicken Enden?BelegeDas Fehlen von EigeninteresseLaternenlicht-WahrscheinlichkeitenDie Welt, wie wir sie kennenSich Sorgen machen – die moderne LeidenschaftDas Geschenk der Sorge

Danksagung

Ich möchte Peter Hubbard von HarperCollins für seine Ermunterung danken. Meinem Agenten Max Brockman, der das Potenzial dieses Buches erkannt hat, bin ich gleichfalls zu Dank verpflichtet, und natürlich wieder Sara Lippincott für ihr umsichtiges und sorgfältiges Lektorat.

 

John Brockman

Verleger und Herausgeber, Edge

Vorwort

Die Edge-Frage

1981 gründete ich den Reality Club. Es handelte sich um einen Versuch, jene Leute zusammenzubringen, die die Themen des postindustriellen Zeitalters erforschen. 1997 ging der Reality Club unter dem neuen Namen Edge online. Die auf Edge vorgestellten Ideen sind spekulativ; sie repräsentieren die Grenzen des Wissens auf Gebieten wie zum Beispiel Evolutionsbiologie, Genetik, Informatik, Neurophysiologie, Psychologie, Kosmologie und Physik. Aus diesen Beiträgen entstehen eine neue Naturphilosophie, neue Möglichkeiten des Verstehens physikalischer Systeme, neue Denkweisen, die viele unserer Grundannahmen in Frage stellen.

Für jede der Jahresausgaben von Edge komme ich mit einer Reihe treuer Edge-Anhänger zusammen, darunter Stewart Brand, Kevin Kelly und George Dyson, um die alljährliche Edge-Frage zu planen – meist handelt es sich um eine Frage, die dem einen oder anderen von uns oder unseren Korrespondenten mitten in der Nacht einfällt. Es ist nicht leicht, sich eine Frage auszudenken. (Wie der inzwischen verstorbene James Lee Byars, mein Freund und einstiger Mitarbeiter, zu sagen pflegte: »Ich kann die Frage wohl beantworten, aber bin ich auch intelligent genug, sie zu stellen?«) Wir suchen nach Fragen, die zu unvorhersagbaren Antworten anregen – die Menschen zum Denken von Gedanken provozieren, die sie sonst wahrscheinlich nicht hätten.

Die Edge-Frage 2013 Worüber müssen wir nachdenken?

Wir machen uns Sorgen, weil wir geschaffen sind, die Zukunft vorwegzunehmen. Nichts kann uns zwar daran hindern, uns Sorgen zu machen, aber die Wissenschaft kann uns lehren, wie wir uns besser Sorgen machen und wann wir damit aufhören sollten. Die Persönlichkeiten, die die diesjährige Frage beantworteten, wurden gebeten, uns zu erzählen, worüber sie sich (aus wissenschaftlichen Gründen) Sorgen machen – insbesondere über solche Dinge, die noch nicht auf dem Radar des breiten Publikums zu sein scheinen – und warum sie Beachtung finden sollten. Oder sie sollten uns von etwas erzählen, worüber sie sich keine Sorgen mehr machen, auch wenn andere das noch tun, und warum es vom Radar verschwinden sollte.

Steven Pinker

Die wirklichen Risikofaktoren für Krieg

Johnstone-Family-Professor am Institut für Psychologie der Harvard University; Autor von Gewalt – eine neue Geschichte der Menschheit

In der heutigen Zeit braucht sich die überwältigende Mehrheit der Menschen auf der Welt keine Sorgen darüber zu machen, im Krieg zu sterben. Seit 1945 sind Kriege zwischen Großmächten und entwickelten Staaten im Wesentlichen von der Bildfläche verschwunden, und seit 1991 sind Kriege in der übrigen Welt seltener und weniger tödlich geworden.

Wie lange wird dieser Trend jedoch andauern? Viele Leute haben mir versichert, dass es sich um eine vorübergehende Atempause handeln muss und dass ein Großereignis hinter der nächsten Ecke wartet.

Vielleicht haben sie recht. In der Welt gibt es viele unbekannte Unbekannte, und vielleicht wird aus heiterem Himmel eine Katastrophe über uns hereinbrechen. Da wir jedoch per definitionem keine Ahnung davon haben, was die unbekannten Unbekannten sind, können wir uns auch keine konstruktiven Sorgen um sie machen.

Wie steht es dann mit den bekannten Unbekannten? Sind unsere Tage eines relativen Friedens aufgrund bestimmter Risikofaktoren gezählt? Meiner Ansicht nach machen sich die meisten Menschen Sorgen um die falschen Faktoren oder machen sich aus den falschen Gründen Sorgen darum.

Ressourcenknappheit. Werden Staaten wegen des letzten Quäntchens Öl, Wasser oder strategischer Mineralien in den Krieg ziehen? Das ist unwahrscheinlich. Erstens begrenzen sich Ressourcenknappheiten selbst: Wenn eine Ressource seltener und damit teurer wird, werden die Techniken zu ihrer Entdeckung und Gewinnung verbessert oder es wird ein Ersatz gefunden. Außerdem werden Kriege selten wegen knapper physischer Ressourcen ausgefochten (es sei denn, Sie hängen der unfalsifizierbaren Theorie an, dass alle Kriege, unabhängig von den behaupteten Motiven, sich in Wirklichkeit auf Ressourcen beziehen: In Vietnam ging es um Wolfram; im Irak ging es um Öl und so weiter). Physische Ressourcen können aufgeteilt oder gegeneinander getauscht werden, daher sind immer Kompromisse möglich; das gilt jedoch nicht für psychologische Motive wie Ruhm, Angst, Rache oder Ideologie.

Klimawandel. Es gibt viele Gründe, sich über den Klimawandel Sorgen zu machen, aber ein größerer Krieg ist wahrscheinlich nicht darunter. Die meisten Untersuchungen konnten keine Korrelation zwischen der Verschlechterung der Umweltbedingungen und Krieg finden; Umweltkrisen können zwar zu lokalen Scharmützeln führen, aber ein größerer Krieg erfordert eine politische Entscheidung, dass ein solcher Krieg vorteilhaft wäre. Die »Staubschüssel« der 1930er Jahre[1] verursachte keinen amerikanischen Bürgerkrieg; als wir einen solchen hatten, waren seine Ursachen ganz andere.

Drohnen. Der ganze Zweck von Drohnen besteht in der Minimierung des Verlusts von Menschenleben im Vergleich zu den breitgestreuten Formen der Zerstörung wie etwa der Artillerie, einer Bombardierung aus der Luft, Panzerschlachten und Missionen des Aufspürens und Zerstörens, die um Größenordnungen mehr Menschen töteten als Drohnenangriffe in Afghanistan und Pakistan.

Cyberkrieg. Zweifellos werden Cyberangriffe auch weiterhin ein Ärgernis sein, und ich bin froh, dass Experten sich darum Sorgen machen. Das Cyber-Pearl-Harbor, das die Zivilisation in die Knie zwingt, ist jedoch wohl ebenso illusorisch wie die Apokalypse aufgrund eines Programmierfehlers zur letzten Jahrtausendwende. Sollten wir wirklich erwarten, dass die vereinten Bemühungen von Regierungen, Universitäten, Unternehmen und Netzwerken von Programmierern über längere Zeit hinweg von ein paar Teenagern in Bulgarien überlistet werden? Oder von Hackern, die in technologisch rückständigen Ländern von ihrer Regierung gesponsert werden? Könnten sie ihrer Entdeckung auf unbestimmte Zeit entgehen, und würden sie Vergeltungsschläge ohne einen strategischen Zweck provozieren? Selbst wenn sie das Internet eine Weile aufmischen würden, könnte der Schaden wirklich damit vergleichbar sein, dass man bombardiert, mit Brandbomben beworfen oder mit Atomwaffen angegriffen wird?

Nukleare Unvermeidlichkeit. Wegen des Ausmaßes der Verwüstung, die Kernwaffen anrichten können, ist es eindeutig wichtig, dass man sich um nukleare Unfälle, Terrorismus und die Verbreitung von Kernwaffen Sorgen macht, und zwar unabhängig von den Wahrscheinlichkeiten. Aber wie hoch sind die Wahrscheinlichkeiten? Die achtundsechzigjährige Geschichte des Nichtgebrauchs von Kernwaffen zieht die weitverbreitete Annahme in Zweifel, dass wir uns immer noch am Rande eines nuklearen Armageddons befinden. Diese Annahme setzt zwei außergewöhnliche Sachverhalte voraus: Erstens, dass politische Führer so spektakulär irrational, waghalsig und selbstmörderisch sind, dass sie die Welt der Gefahr der Massenvernichtung aussetzen, und zweitens, dass wir eine äußerst unwahrscheinliche Glückssträhne genossen haben. Vielleicht. Aber anstatt an zwei frappierende und unwahrscheinliche Sachverhalte zu glauben, sollten wir vielleicht an einen langweiligen, wahrscheinlichen glauben: dass die politischen Führer der Welt, obwohl sie zwar dumm und kurzsichtig sein mögen, nicht so dumm und kurzsichtig sind und Schritte unternommen haben, um die Wahrscheinlichkeit eines Atomkriegs zu minimieren, was der Grund dafür ist, warum kein Atomkrieg stattfand. Was den nuklearen Terrorismus betrifft, so glauben die meisten Experten für nukleare Sicherheit, dass die Anfälligkeit für den Diebstahl von Waffen und spaltbarem Material gesunken ist und bald schon nicht mehr existieren wird, obwohl es nach dem Niedergang der Sowjetunion eine solche Anfälligkeit gab (siehe John Muellers Atomic Obsession).

Die irreführenden Risikofaktoren haben miteinander gemein, dass sie kognitive Auslöser von Angst enthalten, was von Slovic, Kahneman und Tversky dokumentiert wurde: Sie sind anschaulich, neu, nicht nachweisbar, nicht steuerbar, katastrophal und werden ihren Opfern unfreiwillig aufgezwungen.

*

Meines Erachtens gibt es Bedrohungen des Friedens, um die wir uns Sorgen machen sollten, aber die wirklichen Risikofaktoren – diejenigen, die tatsächlich katastrophale Kriege, wie z.B. die Weltkriege und die großen Bürgerkriege, verursachten – lösen nicht unsere Horrorvorstellungen aus:

Narzisstische Führer. Die ultimative Massenvernichtungswaffe ist ein Staat. Wenn in einem Staat die Macht von einem Führer übernommen wird, der die klassische Triade narzisstischer Symptome aufweist – Prunksucht, das Bedürfnis nach Bewunderung und einen Mangel an Empathie –, können imperiale Abenteuer mit enormen menschlichen Kosten die Folge sein.

Gruppendenken. Das Ideal der Menschenrechte – dass das höchste moralische Gut das Wohlergehen des Einzelnen ist, während Gruppen gesellschaftliche Konstruktionen sind, die die Aufgabe haben, dieses Gut zu fördern – ist überraschend jung und unnatürlich. Zumindest in der Öffentlichkeit sind Menschen geneigt, geltend zu machen, dass das höchste moralische Gut der Ruhm der Gruppe ist – des Stammes, der Religion, der Nation, der Klasse oder der Rasse – und dass Einzelpersonen verschlissen werden können wie die Zellen eines Körpers.

Vollkommene Gerechtigkeit. Jede Gruppe hat in ihrer Vergangenheit Verwundungen und Demütigungen erlitten. Wenn sich Gruppendenken mit einem Rachedurst verbindet, kann eine Gruppe sich berechtigt fühlen, einer anderen Gruppe Schaden zuzufügen, was noch durch eine moralistische Gewissheit, die Kompromisse dem Verrat gleichstellt, angefacht werden kann.

Utopische Ideologien. Wenn man eine religiöse oder politische Vision einer Welt besitzt, die auf ewig unendlich gut sein wird, ist jedes Maß an Gewalt gerechtfertigt, um diese Welt zu verwirklichen, und jeder, der im Weg steht, ist unendlich böse und verdient grenzenlose Bestrafung.

Kriegsführung als normale oder notwendige Taktik. Clausewitz charakterisierte den Krieg als »die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln«. Viele politische und religiöse Ideologien gehen einen Schritt weiter und betrachten gewalttätige Auseinandersetzungen als Antrieb dialektischen Fortschritts, revolutionärer Befreiung oder zur Verwirklichung eines messianischen Zeitalters.

*

Der relative Frieden, den wir seit 1945 genießen, ist ein Geschenk der Werte und Institutionen, die diesen Risiken entgegenarbeiten. Die Demokratie selektiert verantwortungsvolle Vertreter anstatt charismatische Despoten. Das Ideal der Menschenrechte schützt Menschen davor, als Kanonenfutter, als Kollateralschäden oder Eier, die für ein revolutionäres Omelett aufgeschlagen werden müssen, behandelt zu werden. Die Maximierung von Frieden und Wohlstand wurde über die Berichtigung historischer Ungerechtigkeiten oder die Verwirklichung utopischer Phantasien gestellt. Eroberungen sind als »Aggression« stigmatisiert und gelten als Tabu und nicht als eine natürliche Bestrebung von Staaten oder ein alltägliches Instrument der Politik.

Keiner dieser Schutzmechanismen ist natürlich oder dauerhaft, und die Möglichkeit ihres Zusammenbruchs ist das, was mir Sorgen macht. Vielleicht träumt irgendein charismatischer Politiker, der gerade dabei ist, sich in der chinesischen Nomenklatura hochzuarbeiten, davon, die unerträgliche Beleidigung Taiwans ein für alle Mal auszuwetzen. Vielleicht wird ein alternder Putin nach historischer Unsterblichkeit trachten und die Größe Russlands dadurch wiederherstellen, indem es die eine oder andere frühere Sowjetrepublik schluckt. Vielleicht reift irgendwo eine utopische Ideologie im Geiste eines gerissenen Fanatikers, der die Macht in einem größeren Land übernehmen und versuchen wird, diese Ideologie anderswo durchzusetzen.

Es ist natürlich, sich um materielle Dinge wie Waffen und Ressourcen Sorgen zu machen. Doch worüber wir uns wirklich Sorgen machen sollten, sind psychologische Dinge wie Ideologien und Normen. Wie es die Devise der UNESCO ausdrückt: »Da Kriege im Geist von Menschen anfangen, müssen die Verteidigungsstellungen des Friedens auch im Geist der Menschen errichtet werden.«

Vernor Vinge

MADness – wechselseitig garantierte Zerstörung bedeutet Wahnsinn

Mathematiker; Informatiker; mit dem Hugo Award ausgezeichneter Romanautor von Ein Feuer auf der Tiefe

Es gibt vieles, was wir kennen und worum wir uns Sorgen machen sollten. Ein Teil davon sind sehr wahrscheinliche Ereignisse, die jedoch für sich genommen keine Existenzbedrohungen für die Zivilisation darstellen. Andere könnten leicht die Zivilisation und sogar das Leben auf der Erde zerstören – aber die Chancen dafür, dass solche Katastrophen in der nächsten Zukunft auftreten, scheinen verschwindend gering zu sein.

Es gibt eine bekannte Möglichkeit, die sich dadurch auszeichnet, dass sie sowohl in den nächsten Jahrzehnten wahrscheinlich als auch in der Lage ist, unsere Zivilisation zu zerstören. Sie ist prosaisch und banal, etwas, das von vielen als Gefahr abgetan wird, mit der das 20. Jahrhundert konfrontiert war und die es endgültig zurückgewiesen hat: nämlich den Krieg zwischen großen Nationen, insbesondere, wenn er unter der Doktrin von MAD (Mutually Assured Destruction, wechselseitig garantierte Zerstörung) ausgetragen wird.

Argumente gegen die Plausibilität einer MAD-Kriegsführung sind heutzutage besonders glaubhaft: Ein MAD-Krieg nützt niemandem. Die USA und die UDSSR des 20. Jahrhunderts waren selbst in den tiefsten MAD-Jahren aufrichtig bemüht, ein Abgleiten in die MAD-Kriegsführung zu verhindern. Diese Aufrichtigkeit ist ein wesentlicher Grund dafür, warum die Menschheit das Jahrhundert ohne einen allgemeinen Atomkrieg durchlebte.

Leider ist das 20. Jahrhundert unser einziger Testfall, und die Bedrohung durch einen MAD-Krieg weist Eigenschaften auf, die das Überleben des 20. Jahrhunderts eher zu einer Sache des Glücks als der Weisheit machen.

MAD betrifft sowohl sehr lange Zeitskalen als auch sehr kurze. Langfristig gesehen wird die Bedrohung durch gesellschaftliche und geopolitische Probleme im Wesentlichen ebenso angetrieben wie bei unbeabsichtigten Kriegen der Vergangenheit. Kurzfristig ist MAD mit einer komplexen Automatisierung verbunden, die große Systeme steuert und schneller operiert als jede menschliche Reaktion in Echtzeit und mit viel weniger sorgfältiger Beurteilung.

Zerstörer (Vandalen, Miesmacher) haben mehr Einfluss als Macher (Erbauer, Schöpfer), obwohl die Macher den Zerstörern bei weitem zahlenmäßig überlegen sind. Das ist die Quelle einiger unserer größten Ängste angesichts der Technik – wenn Massenvernichtungswaffen billig genug sind, dass dann der relativ kleine Prozentsatz von Zerstörern ausreichen wird, um die Zivilisation zu zerstören. Wenn diese Möglichkeit beängstigend ist, dann sollte die MAD-Bedrohung schreckenerregend sein. Denn bei der MAD-Planung sind es Hunderttausende kreativer und erfinderischer Leute in den mächtigsten Gesellschaften – viele der besten Macher, die von den Reichtümern des Planeten angetrieben werden –, die daran arbeiten, ein wechselseitiges, nicht zu überlebendes Resultat zu schaffen! In den extremsten Fällen müssen die resultierenden Waffensysteme auf der kürzesten aller Zeitskalen operieren, wodurch die Bedrohung in den Bereich thermodynamischer Unvermeidlichkeit verschoben wird.

Für den Zeitraum (Jahrzehnte?), in dem wir und unsere Interessen ohne Schutz und immer noch beschränkt sind auf einen Raum, der kleiner ist als die Reichweite unserer Waffen, wird die Bedrohung durch einen MAD-Krieg den ersten Platz auf der Rangliste wahrscheinlicher Zerstörungen einnehmen.

Wir können eine Menge tun, um die Bedrohung durch den MAD-Wahnsinn zu entschärfen:

Eine Wiederbelebung voll ausgereifter MAD-Planung wird für die allgemeine Öffentlichkeit wahrscheinlich sichtbar sein. Wir sollten Argumenten widerstehen, die besagen, dass die MAD-Doktrin eine sichere Strategie im Hinblick auf Massenvernichtungswaffen sei.

Wir sollten die Dynamik des Beginns unbeabsichtigter Kriege in der Vergangenheit studieren, insbesondere die des Ersten Weltkrieges. Es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen unserer Zeit und den ersten Jahren des letzten Jahrhunderts. Wir besitzen großen Optimismus, das Gefühl, dass unser Zeitalter anders ist. Und wie steht es mit unseren verschlungenen Allianzen? Gibt es kleine Akteure mit der Fähigkeit, Schwergewichte zum Handeln zu veranlassen? Welchen Einfluss hat die Möglichkeit von n-facher, wechselseitig garantierter Zerstörung auf diese Risiken?

Trotz all dem, worüber wir uns Sorgen machen müssen, gibt es ein überwältigend positives Gegengewicht: Milliarden guter, kluger Leute sowie die Datenbasen und Netzwerke, die ihnen Macht geben. Das ist eine intellektuelle Kraft, die alle Institutionen der Vergangenheit übertrumpft. Die Menschheit ist zusammen mit ihrer Automatisierung durchaus in der Lage, unzählige mögliche Katastrophen zu antizipieren und ihnen entgegenzuwirken. Wenn wir es vermeiden können, uns selbst in die Luft zu sprengen, werden wir Zeit haben, um Dinge zu schaffen, die so wunderbar sind, dass ihr positives Potenzial (beunruhigenderweise!) jenseits unserer Vorstellungskraft liegt.

Martin Rees

Wir verdrängen die Risiken von Katastrophen

Königlicher Astronom; früherer Präsident der Royal Society; Emeritus für Kosmologie und Astrophysik, University of Cambridge; Autor von From Here to Infinity: A Vision for the Future of Science

Diejenigen von uns, die das Glück haben, in der entwickelten Welt zu leben, beunruhigen sich zu sehr über unbedeutendere Risiken des Alltagslebens: unwahrscheinliche Flugzeugabstürze, Karzinogene in der Nahrung und so weiter. Aber wir sind mehr in Gefahr, als wir denken. Wir sollten uns weitaus mehr um Szenarien Sorgen machen, die glücklicherweise noch nicht eingetreten sind – die jedoch, wenn sie eintreten sollten, eine so globale Verwüstung verursachen könnten, dass selbst ein einziges Mal zu viel wäre.

Es wurde viel über mögliche ökologische Erschütterungen geschrieben, ausgelöst vom kollektiven Einfluss einer wachsenden und anspruchsvolleren Weltbevölkerung auf die Biosphäre, und über die gesellschaftlichen und politischen Spannungen, die von der Ressourcenknappheit oder dem Klimawandel herrühren. Noch beunruhigender sind aber die möglichen negativen Folgen leistungsfähiger neuer Technologien: Cyber-, Bio- und Nano-. Wir treten in ein Zeitalter ein, in dem ein paar wenige Personen aus Versehen oder mit Terrorabsichten den Zusammenbruch der Gesellschaft so urplötzlich auslösen könnten, dass mildernde Handlungen von Regierungen nichts mehr ausrichten würden.

Manche würden diese Sorgen als übertriebenes Klagelied abtun: Schließlich haben menschliche Gesellschaften Jahrtausende trotz Stürmen, Erdbeben und Seuchen überlebt. Aber diese von Menschen induzierten Bedrohungen sind anders: Sie sind erst kürzlich aufgetaucht, und daher sind wir ihnen bislang nur über einen begrenzten Zeitraum hinweg ausgesetzt und können nicht so zuversichtlich sein, dass wir sie lange überleben würden. Wir können auch nicht optimistisch auf die Fähigkeit von Regierungen setzen, erfolgreich zu handeln, wenn eine Katastrophe hereinbricht. Und natürlich haben wir keinerlei Gründe für die Zuversicht, dass wir das Schlimmste überleben können, was noch leistungsfähigere zukünftige Technologien anrichten könnten.

Das Zeitalter des »Anthropozäns«, in dem die wichtigsten globalen Bedrohungen von Menschen ausgehen und nicht von der Natur, begann mit der massenhaften Stationierung thermonuklearer Waffen. Während des gesamten Kalten Krieges gab es mehrere Anlässe, bei denen die Supermächte durch Verwirrung oder Fehlberechnungen in ein nukleares Armageddon hätten hineinstolpern können. Diejenigen, die voller Angst die Kubakrise durchlebt haben, hätten nicht nur Angst gehabt, sondern wären vor Entsetzen gelähmt gewesen, wenn sie gewusst hätten, wie nahe die Welt damals einer Katastrophe war. Erst später erfuhren wir, dass Präsident Kennedy die Gefahr eines Atomkrieges an einem gewissen Punkt als »irgendwo zwischen dreißig und fünfzig Prozent« einschätzte. Und erst als er schon lange pensioniert war, gab Robert MacNamara offen zu, dass »wir uns auf Haaresbreite einem Atomkrieg genähert hatten, ohne es zu merken. Es ist nicht unser Verdienst, dass wir der Gefahr entronnen sind – Chruschtschow und Kennedy hatten ebensoviel Glück wie Weisheit.«

Nun wird regelmäßig behauptet, dass die atomare Abschreckung funktioniert hat. In einem gewissen Sinne hat sie das auch. Aber das bedeutet nicht, dass sie eine kluge Politik war. Wenn man russisches Roulette mit ein oder zwei Kugeln in der Trommel spielt, ist zwar die Wahrscheinlichkeit größer, dass man überlebt, aber das, was auf dem Spiel steht, müsste überraschend groß – oder der Wert, den man dem eigenen Leben beimisst, extrem gering – sein, damit das als ein sinnvolles Glücksspiel erscheint.

In genau solch ein Glücksspiel wurden wir jedoch während des gesamten Kalten Krieges hineingezogen. Es wäre interessant zu wissen, was andere führende Politiker glaubten, wie hoch das Risiko war, dem sie uns ausgesetzt haben, und welche Chancen die meisten europäischen Bürger akzeptiert haben würden, wenn man sie gebeten hätte, ihre auf Informiertheit beruhende Zustimmung zu geben. Ich für meinen Teil hätte mich nicht entschieden, ein Risiko von eins zu drei – oder auch nicht eins zu sechs – für eine Katastrophe einzugehen, die Hunderte von Millionen getötet und den physischen Bestand all unserer Städte zertrümmert hätte, selbst wenn die Alternative eine sowjetische Invasion Westeuropas gewesen wäre. Außerdem hätten sich die verheerenden Folgen eines Atomkrieges natürlich weit über jene Länder hinaus ausgebreitet, die direkt bedroht waren.

Die Bedrohung einer globalen Vernichtung durch Zehntausende von Wasserstoffbomben ist zum Glück zeitweilig ausgesetzt – obwohl es jetzt mehr Gründe gibt, sich Sorgen zu machen, dass kleinere nukleare Arsenale auf regionaler Ebene oder gar von Terroristen benutzt werden könnten. Wenn wir jedoch die geopolitischen Verwerfungen des letzten Jahrhunderts bedenken – die beiden Weltkriege, der Aufstieg und Niedergang der Sowjetunion und so weiter –, können wir für einen späteren Zeitpunkt in diesem Jahrhundert eine drastische globale Umordnung, die zu einer verfahrenen Situation zwischen neuen Supermächten führt, nicht ausschließen. Eine neue Generation könnte daher mit ihrem eigenen »Kuba« konfrontiert sein – und zwar mit einem solchen, das sich weniger gut oder glücklich handhaben lässt als die Kuba-Krise.

Um Atomwaffen werden wir uns immer Sorgen machen müssen. Aber ein neuer Auslöser für den Zusammenbruch von Gesellschaften werden die Umweltbelastungen sein, die eine Folge des Klimawandels sind. Viele hoffen immer noch, dass unsere Zivilisation ohne Trauma und Katastrophen zu einer Zukunft mit niedrigem Kohlendioxidgehalt übergehen kann. Meine pessimistische Einschätzung ist jedoch, dass die jährlichen globalen CO2-Emissionen in den nächsten zwanzig Jahren keine Kehrtwendung erfahren werden. Aber zu diesem Zeitpunkt werden wir wissen – vielleicht aufgrund von hoch entwickelten Computermodellen, aber auch aufgrund dessen, wie stark die globalen Temperaturen bis dorthin angestiegen sein werden –, ob die Rückkoppelung von Wasserdampf und Wolken die Wirkung von CO2 bei der Erzeugung eines Treibhauseffekts erheblich verstärkt oder nicht.

Wenn diese Rückkoppelungen tatsächlich wesentlich sind und die Welt sich demzufolge schnell zu erwärmen scheint, weil internationale Bemühungen zur Reduktion der Emissionen nicht erfolgreich waren, könnte es einen Druck in Richtung der Ausführung von »Panikmaßnahmen« geben. Diese dürften einen »Plan B« beinhalten – der zwar schicksalsergeben hinsichtlich der fortgesetzten Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen wäre, aber ihre Auswirkungen durch irgendeine Form von Geo-Engineering bekämpfen würde.

Das wäre ein politischer Albtraum: Nicht alle Staaten würden den Thermostaten auf die gleiche Weise regulieren wollen, und die Naturwissenschaft wäre immer noch nicht zuverlässig genug, um vorherzusagen, was tatsächlich geschehen würde. Schlimmer noch, Techniken wie z.B. das Einbringen von Staub in die Stratosphäre oder die »Besamung« der Ozeane könnten so billig werden, dass Plutokraten sie finanzieren und umsetzen könnten. Das ist ein Rezept für gefährliche und möglicherweise unbeabsichtigte Folgen, die außer Kontrolle geraten, insbesondere wenn manche eine wärmere Arktis haben wollen, während andere eine weitere Erwärmung des Landes in niedrigeren Breitengraden vermeiden wollen.

Atomwaffen sind zwar die schlimmste Kehrseite der Wissenschaft des 20. Jahrhunderts. Aber es gibt neue Befürchtungen, die aus den Folgen der sich schnell entwickelnden Technologien des 21. Jahrhunderts erwachsen. Unsere miteinander verschränkte Welt hängt von ausgeklügelten Netzwerken ab, von elektrischen Energieversorgungsnetzen, Luftverkehrssteuerung, dem internationalen Finanzwesen, Just-in-time-Lieferwesen und so weiter. Wenn diese nicht äußerst belastbar sind, könnten ihre offensichtlichen Vorteile durch katastrophale (wenn auch seltene) Pannen aufgewogen werden, die sich durch das ganze System fortsetzen würden.

Darüber hinaus würde sich eine Verseuchung durch gesellschaftliche und wirtschaftliche Pannen weltweit über Computernetzwerke und das »digitale Lauffeuer« ausbreiten – und zwar buchstäblich mit Lichtgeschwindigkeit. Die Bedrohung liegt im Terror sowie in Fehlern. Probleme mit Cyberangriffen von Kriminellen oder feindlichen Nationen nehmen deutlich zu. Die synthetische Biologie bietet ebenfalls ein gewaltiges Potenzial für Medizin und Landwirtschaft – aber sie könnte auch dem Bioterror Vorschub leisten.

Es ist schwierig, eine Wasserstoffbombe im Verborgenen herzustellen, aber Millionen werden die Fähigkeit und die Ressourcen besitzen, diese »dual verwendbaren« Technologien zu missbrauchen. Freeman Dyson blickt einer Zeit entgegen, in der Kinder neue Organismen ebenso routinemäßig entwerfen und schaffen können, wie er in seiner Kindheit mit einem Chemiebaukasten spielte. Wenn das geschehen sollte, würde unsere Ökologie (und auch unsere Spezies) nicht mehr lange unversehrt überleben. Und sollten wir uns nicht auch über ein weiteres Sciencefiction-Szenario Sorgen machen – dass ein Netzwerk aus Computern ein eigenes Bewusstsein entwickeln und uns alle bedrohen könnte?

In einer Medienlandschaft, die mit sensationslüsternen Wissenschaftsstorys, Hollywood-Produktionen zum »Ende der Welt« und apokalyptischen Warnungen der Maya übersättigt ist, mag es schwierig sein, die breite Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass es tatsächlich Dinge gibt, über die man sich Sorgen machen sollte und die genauso unerwartet auf den Plan treten könnten wie die Finanzkrise von 2008 und weit größere Auswirkungen haben könnten. Ich mache mir Sorgen darüber, dass bis zum Jahr 2050 verzweifelte Bemühungen, eine Vielzahl von Risiken mit geringer Wahrscheinlichkeit, aber katastrophalen Konsequenzen zu minimieren oder zu bewältigen, die politische Agenda beherrschen könnten.

Daniel C. Dennett

Ein paar Wochen ohne Internet leben

Philosoph, Universitätsprofessor, Kodirektor des Center for Cognitive Studies an der Tufts University; Autor von Den Bann brechen: Religion als natürliches Phänomen

In den frühen 1980er Jahren machte ich mir Sorgen darüber, dass die Computerrevolution die Spaltung zwischen den (wohlhabenden, westlichen) Technokraten und jenen auf der Welt verstärken und vergrößern würde, die sich Computer und ähnliche Hightechgeräte nicht leisten könnten. Ich befürchtete ein besonders heimtückisches Aussortieren der Besitzenden und der Habenichtse, wobei die Reichen immer reicher werden und die Armen ihrer politischen und wirtschaftlichen Macht durch ihren Mangel an Zugang zur neuen Informationstechnologie immer mehr beraubt werden würden. Ich begann ernstlich, Zeit und Mühe aufzuwenden, um deshalb Alarm zu schlagen, und versuchte, mir Programme auszudenken, die das verhindern oder abmildern könnten. Aber bevor es mir gelang, einen bedeutsamen Fortschritt zu erzielen, wurde dieses Problem durch die Schaffung des Internets zum Glück meinen Händen entzogen. Ich war zwar ein Arpanet-Nutzer, aber das half mir nicht dabei, das Kommende vorherzusehen.

Gewiss haben wir gesehen, dass viele reiche Technokraten noch reicher geworden sind, aber wir haben auch die am stärksten demokratisierende und gleichmachende Technologie-Ausbreitung erlebt, die je stattfand. Mobiltelefone und Laptops und nun auch Smartphones und Tablets legen die weltweite Konnektivität in die Hände von Milliarden und stellen einen Zusatz zu den billigen Transistorradios und Fernsehapparaten dar, die die Richtung wiesen. Unser Planet ist auf eine Weise für Informationen transparent geworden, die sich noch vor vierzig Jahren niemand vorgestellt hat.

Das ist wunderbar, jedenfalls in den meisten Hinsichten. Religiöse Institutionen, die sich in der Vergangenheit immer auf die relative Unwissenheit ihrer Herde verlassen konnten, müssen jetzt ihre Missionierungs- und Indoktrinationspolitik revidieren, um nicht ihren Untergang zu riskieren. Diktatoren sind mit der bitteren Wahl zwischen maximaler Unterdrückung – indem sie ihre Staaten in Gefängnisse verwandeln – oder der Duldung einer informierten und kontaktreichen Opposition konfrontiert. Wissen ist tatsächlich Macht, wie die Menschen auf der ganzen Welt zu merken beginnen.

Diese Nivellierung beschert uns jedoch eine neue Sorge. Wir sind von dieser Technologie so abhängig geworden, dass wir eine schockierende, neue Verletzlichkeit geschaffen haben. Wir brauchen uns wirklich keine Sorgen um einen armen Teenager zu machen, der in seinem Slum eine Atomwaffe herstellt; das würde Millionen Dollar kosten und nur schwer unauffällig zu machen sein, wenn man die exotischen Materialien in Betracht zieht, die dafür gebraucht werden. Aber ein solcher Teenager mit einem Laptop und einer Internetverbindung kann die elektronischen Schwachstellen der Welt jeden Tag stundenlang erforschen, und zwar so, dass er dabei fast nicht entdeckt werden kann, bei fast keinen Kosten und einem sehr geringen Risiko, ertappt und bestraft zu werden. Ja, das Internet hat ein brillantes Design, so dezentralisiert und redundant zu sein, dass es nahezu unverwundbar ist, aber so robust es auch ist, es ist nicht vollkommen.

Goliath ist zwar noch nicht außer Gefecht gesetzt, aber Tausende Davids lernen eifrig, was sie wissen müssen, um einen Trick zu erfinden, der das Spielfeld mit aller Macht einebnen wird. Sie haben vielleicht nicht viel Geld, aber wir werden auch keines mehr haben, wenn das Internet untergeht. Ich glaube, unsere Wahl ist einfach: Wir können warten, bis sie das, was wir haben, vernichten, was mit jedem Tag wahrscheinlicher wird, oder wir können anfangen darüber nachzudenken, wie wir das, was wir haben, mit ihnen teilen können.

In der Zwischenzeit wäre es klug, sich Gedanken darüber zu machen, wie wir die Panik unter Kontrolle halten können, wenn eine langfristige Störung großer Teile des Internets stattfinden sollte. Werden Krankenhäuser und Feuerwachen (und Supermärkte, Tankstellen und Apotheken) weiter funktionieren, und wie werden Menschen in der Lage sein, an Informationen zu kommen, denen sie vertrauen? Kreuzfahrtschiffe verpflichten ihre zahlenden Passagiere, am ersten Tag auf See an einer Rettungsübung teilzunehmen, und obwohl es sich nicht um einen beliebten Teil der Kreuzfahrt handelt, sind die Leute doch so klug, sich zu fügen. Panik kann ansteckend sein, und wenn das geschieht, treffen Menschen verrückte und bedauerliche Entscheidungen. Solange wir darauf bestehen, ein Leben im Hochgeschwindigkeitsmodus zu führen, sollten wir lernen, wie wir in diesen Modus ein- und aus ihm aussteigen können, ohne ein Chaos anzurichten.

Vielleicht sollten wir landesweite Rettungsübungen entwerfen und einrichten, um das Bewusstsein dafür zu schärfen, wie es sich anfühlt, mit einem langfristigen Internetausfall umzugehen. Wenn ich versuche, mir vorzustellen, was die wichtigsten Probleme wären und wie man mit ihnen umgehen könnte, stelle ich fest, dass ich nur ein schwaches Zutrauen zu meinen Einschätzungen habe. Gibt es zu diesem Thema irgendwelche Experten?

George Dyson

Ein abgesicherter Modus für das Internet

Wissenschaftshistoriker; Autor von Turing’s Cathedral: The Origins of the Digital Universe

Früher oder später – absichtlich oder zufällig – werden wir mit einem katastrophalen Ausfall des Internets konfrontiert sein. Doch wir haben keinen Plan B in der Schublade, um ein rudimentäres Notkommunikationsnetzwerk mit geringer Bandbreite zu starten, wenn das System mit hoher Bandbreite, von dem wir abhängig geworden sind, versagt.

Im Falle einer größeren Netzwerkstörung werden die meisten von uns nicht wissen, was sie tun sollen, außer zu versuchen, das Internet um Rat zu fragen. Während das System sich zu erholen beginnt, könnte die daraus resultierende Überlastung diese Erholung stoppen.

Der Urahn des Internets war das Teilstrecken-Telegraphienetzwerk mit gelochtem Papierband. Dieses System mit geringer Bandbreite und hoher Latenz reichte aus, um wichtige Botschaften zu übermitteln, wie z.B. »Schicke Munition« oder »Ankomme New York 12. Dez. Liebe Grüße. Stop.«

Wir brauchen ein Teilstrecken-Nachrichtensystem mit geringer Bandbreite und hoher Latenz, das auf einem kurzfristig einrichtbaren Netzwerk aus Mobiltelefonen und Laptopcomputern im Notmodus laufen kann, wenn die Hauptnetzwerke den Dienst versagen. Wir sollten dieses System in Einsatzbereitschaft halten und es regelmäßig in Betrieb nehmen, zusammen mit einem Netzwerk aus Freiwilligen, die in Erster Hilfe für Netzwerke ausgebildet wurden, so wie wir Lebensretter und Babysitter in der Herz-Lungen-Reanimation ausbilden. Diese Noteinsatzkräfte würden wie die Amateurfunker, die die Kommunikation nach Naturkatastrophen wieder herstellen, wichtigen Mitteilungen den Vorrang geben, den Erholungsprozess einleiten und Anweisungen darüber weitergeben, was als Nächstes zu tun ist.

Die meisten Computer – von der Motorsteuerungseinheit Ihres Autos bis zu Ihrem Desktop – können in einem abgesicherten Modus neu gestartet werden, um Sie nach Hause zu bringen. Aber kein abgesicherter Modus für das Internet? Darüber sollten wir uns Sorgen machen.

Randolph Nesse

Die Fragilität komplexer Systeme

Professor für Psychiatrie und Psychologie an der University of Michigan; Koautor (mit George C. Williams) von Warum wir krank werden: Die Antworten der Evolutionsmedizin

Am Morgen des 31. August 1859 stieß die Sonne eine gewaltige Menge geladener Teilchen aus. Achtzehn Stunden später erreichten sie die Erde und erzeugten so helle Polarlichter, dass um ein Uhr morgens die Vögel sangen und die Menschen dachten, der Morgen dämmere. Elektrische Ströme, die in Telegraphendrähten induziert wurden, verhinderten die Übertragungen, und Funken, die von diesen Drähten ausgingen, entzündeten Papiere. Daten aus Eiskernen zufolge finden Sonneneruptionen mit einer solchen Intensität etwa alle 500 Jahre statt. Ein Bericht der National Academy of Sciences von 2008 kam zu dem Schluss, dass ein ähnliches Ereignis heute »beträchtliche gesellschaftliche und wirtschaftliche Erschütterungen« zur Folge hätte. Stromausfälle würden monatelang andauern, und die GPS-Navigation, die Kommunikation mit Mobiltelefonen oder Flugreisen wären unmöglich.

Geomagnetische Stürme klingen nach einer ziemlich ernsthaften Bedrohung. Aber ich mache mir viel weniger Sorgen um sie als um die Auswirkungen vieler möglicher Ereignisse in den komplexen Systemen, von denen wir abhängig geworden sind. Viele Ereignisse, die einst leicht zu handhaben gewesen wären, werden jetzt katastrophale Folgen haben. Komplexe Systeme wie Märkte, das Transportwesen und das Internet scheinen zwar stabil zu sein, aber ihre Komplexität macht sie notwendig fragil. Da sie effizient sind, wachsen komplexe Systeme wie Unkraut und verdrängen langsame Märkte, Kleinbauern, langsame Kommunikationsmittel und lokale Informationsverarbeitungssysteme. Solange sie funktionieren, sind sie wunderbar, aber wenn sie versagen, werden wir uns die Frage stellen, warum wir die Gefahren unserer Abhängigkeit von ihnen nicht erkannt haben.

Es ist kein geomagnetischer Sturm nötig, um Lastwagen und Flugzeuge vom Transport der Güter abzuhalten, die das moderne Leben ermöglichen; ein Seuchen- oder bioterroristischer Angriff würde ausreichen. Noch vor einigen Jahrzehnten wurde die Nahrung in der Nähe der Bevölkerungszentren produziert. Heute verhindern weltweite Verteilungsnetzwerke Hungersnöte nahezu überall – und erhöhen die Wahrscheinlichkeit für das Verhungern der Massen, wenn sie plötzlich unterbrochen werden. Genaue GPS-Geräte stehen Zivilpersonen seit weniger als zwanzig Jahren zur Verfügung. Wenn sie ausfallen, werden Pendler zwar nur einige Unannehmlichkeiten haben, aber der Großteil des Luft- und Wassertransports wird zum Erliegen kommen. Das Internet wurde entworfen, um alle Arten von Angriffen zu überstehen, aber unsere unbekümmerte Abhängigkeit von ihm ist dennoch verblüffend. Wenn es ausfällt, werden Fabriken und Kraftwerke schließen, Flug- und Zugreisen kommen zum Stillstand, Krankenhäuser und Schulen werden lahmgelegt, und der Handel wird größtenteils eingestellt werden. Was wird geschehen, wenn man keine Lebensmittel kaufen kann? »Soziales Chaos« ist ein blasser Ausdruck für die wahrscheinlichen Szenarien.

Die modernen Märkte veranschaulichen die Gefahren der Abhängigkeit von komplexen Systemen. Ein wirtschaftliches Chaos aufgrund der Ausfälle von Wetten, die mit einem massiven Hebel versehen sind, lässt sich vorhersagen. Die Tatsache, dass Regierungen nicht in der Lage waren, Kontrollen einzuführen, ist erstaunlich vor dem Hintergrund, dass das Weltwirtschaftssystem erst vor fünf Jahren einem Zusammenbruch ganz nahe kam. Komplexe Handelssysteme versagen aus Gründen, die nur schwer zu verstehen sind, auch wenn man hinterher Nachforschungen anstellt. Der Flash-Crash vom 6. Mai 2010 löschte in Minutenschnelle über eine Billion Dollar an Werten aus, und zwar aufgrund von Hochfrequenz-Handelsalgorithmen, die miteinander auf unvorhersagbare Weise interagierten. Man könnte meinen, dass dies zu Regulierungen geführt hätte, um jede Möglichkeit einer Wiederholung auszuschließen, aber Mini-Flash-Crashes gibt es auch weiterhin, und das größere System bleibt verwundbar.

Das sind Beispiele, die bereits geschehen sind. Die größeren Gefahren ergeben sich aus der verborgenen Fragilität komplexer Systeme. James Crutchfield vom Complexity Sciences Center an der University of California in Davis hat zwar deutlich über die Risiken geschrieben, aber, soweit ich es beurteilen kann, achten nur wenige darauf. Das sollten wir aber. Der Schutz vor Katastrophen, die sich aus unserer Abhängigkeit von fragilen komplexen Systemen ergeben, ist etwas, das Regierungen leisten können und sollten. Wir müssen den Brennpunkt unserer Aufmerksamkeit von dieser oder jener Bedrohung auf die Verwundbarkeiten moderner komplexer Systeme und die daraus resultierende große Anzahl von Bedrohungen lenken. Unser politisches System ist wie ein Patient mit einem geschwächten Immunsystem, der Gefahr läuft, aufgrund der zahlreichen Krankheitserreger zu kollabieren. Anstatt bloß die Bedrohungen zu studieren, brauchen wir Wissenschaftler, die die verschiedenen Möglichkeiten eines Versagens der komplexen Systeme untersuchen und herausfinden, wie man diejenigen identifiziert, die uns am verwundbarsten machen, und durch welche Handlungen ansonsten unvermeidliche Katastrophen verhindert werden können.

Seirian Sumner

Eine synthetische Welt

Dozentin an der School of Biological Sciences der University of Bristol

Die synthetische Biologie ist das Legoland für Naturwissenschaftler. Wir nehmen die Bausteine der Natur auseinander und setzen sie wieder so zusammen, dass es uns besser passt. Wir können genetische Funktionen miteinander verknüpfen, um neue biologische Reaktionspfade mit vorhersagbaren Verhaltensweisen zu programmieren. Das letzte Jahrzehnt haben wir damit verbracht, uns vorzustellen, wie dadurch die Gesellschaft und die Umwelt verbessert werden können. Jetzt verwirklichen wir diese Träume. Wir können Joghurt herstellen, der Cholera wegwischt; wir können Hefe produzieren, um damit unsere Autos anzutreiben; wir können Mikroorganismen entwerfen, die unsere Umwelt säubern. Bald schon werden wir lebende Organismen einsetzen, um elektrotechnische Lösungen nachzuahmen – Biocomputer, die darauf programmiert sind, genauso wie Computer Logikpfade zu befolgen. Wir werden Materialien haben, die härter als Stahl sind und aus tierischen Produkten hergestellt werden. Könnte das das Ende der Mülldeponien sein? Es besteht kein Zweifel, dass die synthetische Biologie unser Leben im 21. Jahrhundert revolutionieren wird.

Ich mache mir Sorgen darüber, wohin die synthetische Biologie als Nächstes geht, und insbesondere darüber, was geschieht, wenn sie aus dem Labor in die Welt der Natur und in den öffentlichen Bereich eintritt.

Die Biotechnologie nahm außerhalb des Labors ihren Anfang; seit dem Aufkommen der Landwirtschaft vor etwa 12000 Jahren haben wir Pflanzen und Tiere durch Züchtung und künstliche Auslese zum Zwecke der Domestikation modifiziert. Wir haben Hefen und Bakterien zur Bier-, Wein- und Käseherstellung verwendet; wir haben Wölfe gezähmt, damit sie des Menschen bester Freund werden; wir haben Gras dazu gebracht, eine Ressource mit hohem Nährstoffanteil zu werden. Die synthetische Biologie ist eine neue Verpackung, die beschreibt, welche riesigen Fortschritte wir bei der Manipulation natürlicher Systeme gemacht haben, um sie unseren Launen anzupassen. Es wird gerade ein Plug-and-Play-Ansatz entwickelt (z.B. BioBricks), um Manipulationen auf der Molekularebene zu begünstigen. In der Zukunft könnten erprobte genetische Module von Nichtexperten zusammengesteckt werden, um ihr eigenes biotechnologisches Produkt zu erzeugen. Unsere Enkel könnten Bio-Lego zu Weihnachten geschenkt bekommen, damit sie ihre eigenen synthetischen Haustiere bauen können!

Die synthetische Biologie hat ein gewaltiges kommerzielles Potenzial (über Lego hinaus), und es wird geschätzt, dass sie bis zum Jahr 2016 einen Wert von über zehn Milliarden Dollar hat. Gegenwärtig konzentriert sich der Fortschritt auf kleine Dinge wie einzelne Gennetzwerke oder Mikroorganismen. Es gibt aber auch ein Potenzial für die größeren, charismatischeren Organismen, besonders für die flauschigen oder gefährdeten. Diese Arten fesseln das Interesse der Öffentlichkeit, der Geschäftswelt und der Unternehmer. Darum mache ich mir Sorgen.

Wir können einen neuen, ganzen Organismus aus einer einzigen Stammzelle herstellen (z.B. Dolly und Co.). Wir können innerhalb weniger Wochen die Sequenz des Genoms für praktisch jeden heute existierenden Organismus entschlüsseln sowie die epigenetischen Programmanweisungen. Mit diesem Werkzeugkasten könnten wir potenziell jeden lebendigen Organismus auf der Erde neu erschaffen; Tierpopulationen, die sich am Rande der Auslöschung befinden, könnten durch bessere, abgehärtetere Formen aufgefüllt werden. Wir sind nur einen Steinwurf weit entfernt von der Neuerschaffung ausgestorbener Organismen.

Das Genom des Wollhaarmammuts wurde 2008 sequenziert, und japanische Forscher machen jetzt angeblich Klone davon, indem sie heute existierende Elefantenverwandte als Ersatzmütter verwenden. Die synthetische Biologie rückt die Wiederauferstehung ausgestorbener Tiere in viel größere Nähe, weil jegliche fehlende genomische Information durch ein genetisches Plug-and-Play-Modul ersetzt werden kann. Ein Zoo mit einer Sammlung wieder zum Leben erweckter Tiere ist gewiss ein Sensationsfaktor und könnte dazu beitragen, ihr verborgenes Leben zu enthüllen und zu erklären, warum sie ausgestorben sind. Aber wie Hollywood uns schon gezeigt hat, kann nicht einmal ein Jurassic Park lange kontrolliert werden.

Es gibt bereits Versuche, frühere Ökosysteme durch die Wiedereinführung der Nachkommen einer ausgestorbenen Megafauna neu zu schaffen (z.B. der Pleistozän-Park in Russland), und synthetische Wollhaarmammuts könnten die Szenerie vervollständigen. Könnte die synthetische Biologie auch dazu verwendet werden, Arten wiederzuerwecken, die »besser« an Menschen angepasst sind oder sie weniger bedrohen? Ein freundliches Mammut vielleicht? Ob ausgestorben, gegenwärtig existierend, freundlich oder grimmig, ich mache mir Sorgen um die Folgen davon, dass biosynthetische Aliens in eine ahnungslose und verwundbare Umwelt eingeführt werden und zu invasiven und verheerenden einheimischen Ökosystemen werden. Ich mache mir Sorgen über die Frage, warum wir uns damit aufhalten sollten, Tiere überhaupt zu erhalten, wenn wir jedes beliebige neu erschaffen können.

Die synthetische Biologie wird gegenwärtig streng reguliert, gemäß denselben Richtlinien wie genetisch modifizierte Organismen (GMOs). Aber wenn biosynthetische Produkte in das Reich der Natur einfließen, wird es schwieriger, die Kontrolle aufrechtzuerhalten. Betrachten wir das auf der molekularen Ebene, über die wir wohl mehr Kontrolle haben als über die Ebene der Organismen oder die Ebene von Ökosystemen. Wir können Gene oder ganze Genome mischen, um etwas zu erzeugen, zu dessen Erzeugung die Natur nicht kam. Aber eine biologische Einheit existiert nicht isoliert: Gene, Proteinkomplexe und Zellen funktionieren alle in Modulen – in einer Verbundstruktur, die von der Evolution in einer veränderlichen Umgebung zur Kooperation feineingestellt wurde.

Module können zwar ausgetauscht werden und gestatten dadurch einem System Plastizität. Aber es gibt Regeln für die »Neuverdrahtung«. Die synthetische Biologie beruht auf einem angemessenen Verständnis dieser Regeln. Verstehen wir wirklich die molekularen Regeln hinreichend, um es zu wagen, unsere synthetischen Geschöpfe in natürliche Ökosysteme zu entlassen? Wir verstehen kaum die epigenetischen Prozesse, die die Zelldifferenzierung in Modellorganismen unter kontrollierten Laborbedingungen regulieren. Wie gehen wir mit dem Epigenom in einem synthetischen Genom um, insbesondere mit einem solchen, das dazu bestimmt ist, in einer Umgebung zu existieren, die sich von ihrer ursprünglichen vor 10000 Jahren stark unterscheidet?

Die Ökologie ist die Knetmasse der Evolution: Bestandteile von Ökosystemen werden umhergestoßen, verändern ihre Form, Funktion und Beziehungen. Wir könnten zwar in der Lage sein, eine Bioeinheit zu erschaffen, die vollkommen aussieht und sich im Labor auch auf vollkommene Weise verhält, aber wir können nicht kontrollieren, auf welche Weise die Ökologie und Evolution unsere synthetische Einheit in einem Ökosystem neu verdrahten mag, und wir können ebenso wenig vorhersagen, wie diese synthetische Einheit das Ökosystem und seine Bewohner neu verdrahten mag. Molekulare Kontrollmechanismen werden in Mikroorganismen eingebaut, die wir benutzen, um toxische Umweltverunreinigungen zu beseitigen. Diese Mechanismen hindern sie daran, sich zu entwickeln und zu verbreiten. Können wir auch einen »Evolutionsstopp«-Schalter in einen komplexeren Organismus einbauen? Woher wissen wir, dass er sich nicht um einen solchen Schalter herum entwickeln würde? Und was geschieht, falls (wenn) solche Organismen sich mit einheimischen Arten paaren? Wozu der Ausfall der technischen Module oder ihr Transfer auf andere Organismen führen könnte, ist unvorstellbar.

Kurz, ich mache mir Sorgen darüber, dass das Reich der Natur auf natürliche Weise unnatürlich wird.

Timo Hannay

Was hat Bewusstsein?

Geschäftsführer von Digital Science; ehemaliger Leiter von Nature.com; Mitveranstalter von Sci Foo

In einer Episode der britischen Fernsehserie Die unglaublichen Geschichten von Roald Dahl aus den 1980er Jahren entdeckt ein Amateurbotaniker, dass Pflanzen gequälte Schreie ausstoßen, wenn sie gestutzt werden, allerdings bei Frequenzen, die weit jenseits des menschlichen Hörvermögens liegen. So überwältigt ist er vom Mitgefühl für diese leidende Vegetation und so augenscheinlich bizarr sind seine Forderungen, ein ortsansässiger Arzt solle seinen Bäumen medizinische Versorgung zukommen lassen, dass er unverzüglich in eine Anstalt weggesperrt wird.

Handelt es sich dabei um einen grotesken Höhenflug von Roald Dahls ständig fruchtbarer Vorstellungskraft? Zweifelsohne. Aber diese Phantasie wirft auch ein zutiefst ernstzunehmendes Problem auf: Wir haben so gut wie keine Ahnung, welche Dinge in der Welt um uns herum Bewusstsein haben und welche nicht.

Das mag zwar als abstrakte philosophische Frage erscheinen, ist aber das Gegenteil, denn Bewusstsein ist das Substrat allen Leidens und Vergnügens und somit der Vermittler von allem, was für uns wahrhaft wichtig ist. Wenn es keine subjektive Erfahrung gäbe, gäbe es auch so etwas wie Liebenswürdigkeit, Liebe oder Freude nicht. Wie erhaben unser Universum auch sein mag, ohne ein Bewusstsein, das es wahrnimmt, wäre es belanglos. In einer Welt ohne subjektives Erleben gäbe es zwar auch keine Grausamkeit, keine Schmerzen oder Sorgen (einschließlich solcher, die ich mir jetzt gerade mache). Aber das ist genau der Punkt: Wie können wir Glück maximieren und Leiden minimieren, wenn wir nicht zuverlässig wissen, wo und wann beides existieren kann?

Unsere übliche Faustregel für das Vorhandensein von Bewusstsein besteht darin, anhand von oberflächlichen Hinweisen zu beurteilen, wie ähnlich uns etwas sein mag. So hat ein Hund mehr Bewusstsein als eine Ente, die ihrerseits mehr Bewusstsein als eine Narzisse hat. Aber unsere Intuitionen über so viele Dinge – von den Bewegungen der Himmelskörper bis zur Wahrscheinlichkeit eines Lottogewinns – sind so häufig falsch, dass wir töricht sind, uns auf sie für etwas so Wichtiges wie die letztliche Quelle aller Freude und Zwietracht zu verlassen.

Bekanntlich und ironischerweise ist das Einzige, dessen wir uns wirklich sicher sein können, die Existenz unseres eigenen subjektiven Erlebens, und wir sehen die physikalische Welt nur durch diese getönte Brille. Doch die wissenschaftliche Methode hat sich als bemerkenswertes Werkzeug zur Klärung unserer Sicht erwiesen und uns in die Lage versetzt, einen durchdachten, anscheinend objektiven Konsens darüber zu entwickeln, wie die Welt funktioniert. Unglücklicherweise lässt uns die Wissenschaft, nachdem sie uns mit einem Fluchtweg aus unserer eigenen Subjektivität ausgestattet hat, nahezu völlig im Stich bei der Erforschung der Natur und der Ursprünge des subjektiven Erlebens selbst. Die Wahrheit ist, dass wir keine Ahnung haben, welche Dinge Bewusstsein besitzen, woher es kommt oder auch nur, was es ist. Alles, was wir wirklich wissen, ist, wie es sich anfühlt.

Aus dem Munde eines ehemaligen Neurowissenschaftlers mag sich das seltsam anhören. Sicherlich verstehen wir beeindruckend viel von der Funktion des Gehirns als physikalisches System und auch davon, wie verschiedene Gehirnzustände verschiedenen berichteten subjektiven Erlebnissen entsprechen. Aber das ist weit entfernt von einem hinreichend guten Verständnis des Bewusstseins, um das tun zu können, worauf es wirklich ankommt: mit einiger Sicherheit zu bestimmen, was Bewusstsein besitzt und was nicht und in welchem Grad.

Das ist eine außergewöhnlich schwierige Aufgabe. Daniel Dennetts hervorragendes Buch Philosophie des menschlichen Bewusstseins wird trotz seiner beträchtlichen Eloquenz und Gelehrsamkeit dem Anspruch des Titels der Originalausgabe, Bewusstsein zu erklären, bei weitem nicht gerecht. Tatsächlich haben wir uns über das Bewusstsein in solchen intellektuellen Knoten verstrickt, dass es schwierig ist, mehr als nur einen schrittweisen Fortschritt seit Descartes zu erkennen.

Als ein Beispiel für die dabei auftretenden Schwierigkeiten betrachte man John Searles berühmtes Gedankenexperiment mit dem Chinesischen Zimmer, das – im Gegensatz zu Alan Turings Behauptungen – zu beweisen trachtet, dass Input-Output-Charakteristiken alleine nicht ausreichen, um das Vorhandensein eines bewussten Geistes zu bestimmen. Intuitiv betrachtet, scheint diese Schlussfolgerung richtig zu sein: Eine schlafende, unbewegliche und unaufmerksame Person kann dennoch lebhafte Träume haben. Umgekehrt kann ich eine mir vertraute Strecke fahren, ohne irgendeine bewusste Dokumentation der Fahrt, die mich zu meinem Bestimmungsort brachte, zu erstellen. Aber das Chinesische Zimmer beweist diese These keineswegs, denn es ist ein Gedankenexperiment, und das Problem mit Gedankenexperimenten ist, dass der Forscher nicht nur die Experimentalbedingungen wählt, sondern auch die Ergebnisse. Sie erweisen sich zwar als nützlich für die Überprüfung der Widerspruchsfreiheit von Ideen, aber als nahezu nutzlos bei der Erforschung rätselhafter, scheinbar emergenter Phänomene wie Bewusstsein. (Um das zu sehen, führe man dasselbe Gedankenexperiment mit dem 1,4 Kilo schweren Brocken elektrophysiologischer Schlabbermasse durch, der als menschliches Gehirn bezeichnet wird, und wenn man konsistent ist, wird man zu demselben Ergebnis gelangen: Nirgendwo da drinnen scheint es so etwas wie bewusstes Verstehen zu geben.)

Im Laufe der letzten ein oder zwei Jahrzehnte haben die Neurowissenschaftler schließlich ihre Skrupel im Hinblick auf die Erforschung des rätselhaften und transzendenten Phänomens Bewusstsein beiseitegesetzt und sind zu einigen interessanten Ergebnissen gekommen. Unsere beste Vermutung ist heutzutage, dass Bewusstsein sich dann einstellt, wenn bestimmte Arten und Mengen von Informationen im Gehirn auf bestimmte Weise integriert werden. Aber das ist immer noch ziemlich vage, und zwar nicht nur, weil die Parameter so schlecht definiert sind, sondern auch, weil wir nicht einmal genau wissen, was wir mit »Information« meinen. Schließlich enthält jedes physikalische System Informationen der einen oder anderen Art und »berechnet« sein eigenes Verhalten. Daher ist das Gehirn in dieser Hinsicht keineswegs einzigartig.

Hinzu kommt: Selbst wenn wir genau verstehen würden, welche Art von Informationen in genau welchen Kombinationen und Mengen zusammengebracht werden müssen, um einen Funken von Bewusstsein zu entzünden, würden wir immer noch nicht wissen, ob es sich um ein emergentes oder ein fundamentales Phänomen handelt und warum dieses physikalische Universum überhaupt subjektives Erleben gestattet. Diese Rätsel bleiben genauso dunkel für uns wie die Natur des Seins selbst.

Ende 2012 fingen Ärzte die erste Botschaft (über einen Gehirnscan) von einem Patienten in einem dauerhaft vegetativen Zustand auf. Aber wenn man den Input-Output-Charakteristiken nicht trauen kann – und wahrscheinlich kann man es nicht –, dann haben wir wirklich keine Möglichkeit der Bestätigung, ob es sich hierbei um einen Bewusstseinsakt oder eine empfindungslose physikalische Reaktion handelte. In einem ähnlichen Sinne lässt sich die Frage stellen, wie es mit Patienten unter Narkose steht. Soweit wir wissen, könnten sie während ihrer Operation Höllenqualen ausstehen, auch wenn sie sich hinterher nicht daran erinnern. Und so weiter, von menschlichen Embryos zu Vögeln, Insekten und in der Tat sogar auch Pflanzen. Ganz zu schweigen von all den Computern, die wir herstellen: Könnten auch sie ein Innenleben haben?

Es ist möglich, dass wir seltene, flüchtige Körnchen von Bewusstsein in einer nicht fühlenden kosmischen Wüste sind, die einzigen Zeugen seines wunderbaren Wesens. Es ist auch möglich, dass wir in einem universellen Meer von Empfindungen leben, umgeben von Ekstase und Zwietracht, die unserem Einfluss offenstehen. Als empfindende Wesen, die wir sind, sollten wir uns über beide Möglichkeiten Sorgen machen.

Max Tegmark

Wird es zu unseren Lebzeiten eine Singularität geben?

Physiker am MIT; Präzisionskosmologe; wissenschaftlicher Leiter von FQXi (Foundational Questions Institute)

Obwohl das Leben, wie wir es kennen, scharf unter Beschuss steht, mache ich mir Sorgen darüber, dass wir es nicht genug würdigen und dass wir angesichts seines möglichen Verlusts zu selbstgefällig sind.

Während unser Raumschiff Erde durch den kalten und unwirtlichen Raum rast, erhält und beschützt es uns. Es ist ausgerüstet mit großen, aber begrenzten Wasser-, Nahrungs- und Treibstoffvorräten. Seine Atmosphäre hält uns warm und schirmt uns von den schädlichen Ultraviolettstrahlen der Sonne ab. Sein Magnetfeld schützt uns vor tödlichen kosmischen Strahlen. Gewiss würde jeder verantwortungsbewusste Raumschiffkapitän es zu einer obersten Priorität machen, die zukünftige Existenz seines Schiffes sicherzustellen, indem er Kollisionen mit Asteroiden, Explosionen an Bord, Überhitzung, die Zerstörung des Ultraviolettschirms und das vorzeitige Schwinden der Schiffsvorräte vermeidet. Doch die Besatzung unseres Raumschiffs hat keinen dieser Punkte zu einer obersten Priorität gemacht und wendet (nach meiner Schätzung) weniger als ein Millionstel seiner Ressourcen für sie auf. Tatsächlich hat unser Raumschiff nicht einmal einen Kapitän!

Viele haben dieses trübe Ergebnis dem Leben, wie wir es kennen, angelastet und geltend gemacht, dass aufgrund der Veränderung unserer Umgebung wir Menschen uns mit ihr ändern müssen: Wir müssen technisch verbessert werden, etwa durch Smartphones, Smartglasses, Gehirnimplantate und letztlich durch die Verschmelzung mit superintelligenten Computern. Erscheint Ihnen die Vorstellung, dass das Leben, wie wir es kennen, durch ein höher entwickeltes Leben ersetzt wird, attraktiv oder entsetzlich? Das hängt wahrscheinlich von den Umständen ab – und insbesondere davon, ob Sie die Lebewesen der Zukunft als unsere Nachkommen oder unsere Eroberer ansehen.

Wenn Eltern ein Kind haben, das intelligenter ist als sie selbst, das von ihnen lernt und dann auszieht und vollbringt, wovon sie nur träumen konnten, fühlen sie sich wahrscheinlich glücklich und stolz, auch wenn sie wissen, dass sie nicht so lange leben werden, um alles zu sehen. Eltern eines hochintelligenten Massenmörders empfinden dagegen anders. Wir könnten der Auffassung sein, dass wir eine ähnliche Eltern-Kind-Beziehung zu künftigen KIs haben, indem wir sie als die Erben unserer Werte betrachten. Deshalb wird es von äußerster Wichtigkeit sein, ob zukünftiges hochentwickeltes Leben unsere am meisten in Ehren gehaltenen Ziele beibehält oder nicht.

Ein weiterer Schlüsselfaktor ist, ob der Übergang graduell oder plötzlich stattfindet. Ich vermute, dass nur wenige von der Aussicht beunruhigt werden, dass sich die Menschheit über Tausende von Jahren allmählich entwickelt, um intelligenter zu werden und sich unserer veränderlichen Umwelt besser anzupassen, wobei sie vielleicht auch ihr physisches Erscheinungsbild modifiziert. Andererseits hätten viele Eltern gemischte Gefühle im Hinblick auf ihr Traumkind, wenn sie wüssten, dass es sie ihr Leben kostete. Wenn eine hochentwickelte Technik der Zukunft uns nicht plötzlich ersetzt, sondern eher allmählich modernisiert und verbessert und schließlich mit uns verschmilzt, könnte das sowohl für die Beibehaltung der Ziele als auch für die erforderliche Allmählichkeit sorgen, damit wir zukünftige Lebensformen als unsere Nachkommen betrachten.

Was wird also wirklich geschehen? Darüber sollten wir uns wirklich Sorgen machen. Die industrielle Revolution hat uns Maschinen beschert, die stärker sind als wir. Die Informationsrevolution hat uns Maschinen beschert, die in gewissen Grenzen klüger sind als wir, die uns 2006 im Schach geschlagen haben, 2011 bei der Quizshow Jeopardy! und 2012 beim Autofahren, als ein Computer die Erlaubnis erhielt, in Nevada Auto zu fahren, nachdem ihm bescheinigt wurde, sicherer zu fahren als ein Mensch. Werden Computer uns am Ende bei allen Aufgaben schlagen und eine übermenschliche Intelligenz entwickeln?

Ich habe wenig Zweifel, dass das geschehen kann: Unser Gehirn ist eine Menge von Teilchen, die den Gesetzen der Physik gehorchen, und es gibt kein physikalisches Gesetz, das den Teilchen verbietet, so angeordnet zu werden, dass sie noch fortgeschrittenere Berechnungen vollziehen können.

Aber wird das in der nahen Zukunft geschehen? Viele Experten sind skeptisch, während andere, wie etwa Ray Kurzweil, vorhersagen, dass es bis 2030 geschehen wird. Was ich jedoch für sonnenklar halte, ist, dass die Folgen explosionsartig sein werden, wenn es geschieht. Wie der verstorbene Oxford-Mathematiker Irving J. Good 1965 bemerkte (»Spekulationen über die erste ultraintelligente Maschine«), könnten Maschinen mit einer übermenschlichen Intelligenz alsbald noch bessere Maschinen entwerfen. 1993 bezeichnete der Mathematiker und Sciencefiction-Autor Vernor Vinge die sich daraus ergebende Explosion von Intelligenz als »Die Singularität« und machte geltend, dass es sich dabei um einen Punkt handelte, jenseits dessen es für uns unmöglich sei, zuverlässige Vorhersagen zu machen. Danach würde das Leben auf der Erde nicht mehr dasselbe sein, weder objektiv noch subjektiv.

Objektiv betrachtet würde, wer oder was auch immer diese Technik kontrolliert, schnell zum reichsten und mächtigsten Wesen der Welt werden, alle Finanzmärkte überlisten, bessere Erfindungen und bessere Patente als alle menschlichen Forscher hervorbringen und alle menschlichen Führer austricksen. Selbst wenn wir Menschen nominell mit solchen Maschinen verschmelzen würden, könnte es sein, dass wir keine Sicherheiten für das Endergebnis hätten, wodurch es sich weniger wie eine Verschmelzung und mehr wie eine feindliche Übernahme anfühlen würde.

Subjektiv betrachtet, würden diese Maschinen nicht so empfinden wie wir. Würden sie überhaupt etwas empfinden? Ich glaube, dass Bewusstsein die Art und Weise ist, wie sich Informationen anfühlen, wenn sie verarbeitet werden. Daher glaube ich, dass es wahrscheinlich ist, dass sie ebenfalls ein Selbstbewusstsein haben und nicht bloß als leblose Maschinen betrachtet werden sollten, sondern als bewusste Wesen wie wir – aber mit einem Bewusstsein, das sich subjektiv ganz anders als unseres anfühlt.

Beispielsweise würde ihnen wahrscheinlich unsere menschliche Angst vor dem Tod fehlen. Solange sie ihre Dateien gesichert haben, ist alles, was sie verlieren können, die Gedächtnisinhalte, die sie seit ihrer letzten Datensicherung angesammelt haben. Die Fähigkeit, ohne weiteres Informationen und Software zwischen künstlichen Intelligenzen zu kopieren, würde wahrscheinlich das starke Gefühl von Individualität reduzieren, das für das menschliche Bewusstsein so charakteristisch ist: Es gäbe einen geringeren Unterschied zwischen Ihnen und mir, wenn wir einfach alle unsere Gedächtnisinhalte und Fähigkeiten teilen und kopieren könnten. Eine Gruppe von einander nahen künstlichen Intelligenzen könnte sich daher eher wie ein einzelner Organismus mit einem Schwarmgeist fühlen.

Kurz, wird es noch zu unseren Lebzeiten eine Singularität geben? Und sollten wir dafür oder dagegen arbeiten? Einerseits könnte sie die meisten unserer Probleme lösen, sogar die Sterblichkeit. Sie könnte auch den Weltraum, die letzte Grenze, aufschließen. Frei von den Beschränkungen unserer menschlichen Körper könnte ein solch fortgeschrittenes Leben sich erheben und schließlich den Großteil unseres beobachtbaren Universums mit Leben beseelen. Andererseits könnte sie das Leben, wie wir es kennen, und alles, was uns wichtig ist, zerstören.

Zu keiner dieser beiden Fragen haben wir auch nur annähernd einen Konsens, aber das bedeutet nicht, dass es vernünftig ist, hier untätig zu bleiben. Es könnte das Beste oder Schlimmste sein, was dem Leben, wie wir es kennen, je zustoßen mag. Wenn es auch nur eine einprozentige Chance für eine Singularität während unserer Lebzeiten gibt, wäre eine vernünftige Vorsichtsmaßnahme, mindestens ein Prozent unseres Bruttosozialprodukts auf die Erforschung der Frage zu verwenden und zu entscheiden, was hier zu tun ist. Doch wir ignorieren das Problem weitgehend und sind merkwürdig selbstzufrieden angesichts der Transformation des Lebens, wie wir es kennen. Worüber wir uns Sorgen machen sollten, ist, dass wir so sorglos sind.

Bruce Sterling

»Die Singularität«: Dort gibt es kein Da

Futurologe, Sciencefiction-Autor, Journalist, Kritiker; Autor von Love Is Strange (A Paranormal Romance)

Zwanzig Jahre sind vergangen, seit Vernor Vinge seinen bemerkenswert interessanten Essay über die Singularität geschrieben hat.

Diese in die Jahre gekommene Sciencefiction-Vorstellung hat ihren begrifflichen Biss verloren. Zudem bekam ihr oberster Evangelist, der Visionär Ray Kurzweil, vor kurzem einen ordentlichen Ingenieursjob bei Google. Trotz seiner eigenartigen Vorliebe für Datenbrillen und automatisch gesteuerte Autos wird Google keinerlei eschatologische Umwälzung finanzieren, in der eine übermenschliche Intelligenz das Zeitalter des Menschen plötzlich beendet. Google ist ein strikt kommerzielles Unternehmen.

Es geschieht einfach nicht. Alle Symptome fehlen. Die Computerhardware beschleunigt nicht auf irgendeiner exponentiellen Piste jenseits aller Hoffnung auf Kontrolle. Wir sind selbstbewussten Maschinen nicht näher gerückt als in den fernen 1960er Jahren. Moderne drahtlose Geräte in einer modernen Wolke sind ein ganz anderes Cyberparadigma als die imaginäre Vorstellung eines »Geistes auf nichtbiologischen Substraten« der 1990