4,99 €
Lassen Sie sich entführen in eine nordische Familiensaga über drei Generationen. In eine Welt, in der ein norwegischer Seemann jahrelang nach einer Frau sucht, die er nur aus seinen Träumen kennt. In eine Welt, in der der beste Freund eines Mädchens ein Elch ist, der im selben Moment wie sie auf einer Insel im Oslofjord geboren wird. Lesen Sie die Geschichte eines Mädchens, das so schön ist, dass es drei norwegische Männer in die Tiefen des Oslofjords treibt, und das schließlich den deutschen SS-Richter Helmut Dotzki heiratet, der sie gegen Kriegsende nach Deutschland schicken muss. Ruth Dotzki erlebt die Schrecken dieser Kriegsgeneration, sie wird von einem Russen vergewaltigt und schafft mit eisernem Willen und ihrem Baby die Flucht von Ostdeutschland nach Norwegen. Nach der Freilassung ihres Mannes muss sie jedoch in das verhasste Deutschland zurückkehren und sich diversen Desillusionierungsprozessen stellen. Sie bekommt fünf Kinder. Regina Dotzki, eines dieser Kinder, Jahrgang 1957 und Psychologin, hat sich auf die Suche nach den Wurzeln ihrer Familie gemacht. Dabei stieß sie auch auf einen geheimnisumwitterten Patenonkel... Ich verspreche Ihnen nicht zu viel, wenn ich Ihnen verrate, dass Sie dieses Buch anfangen zu lesen und es Sie nicht mehr loslassen wird, denn man möchte gar nicht mehr aus dieser nordischen Welt voller Sagen und Mythen und unglaublicher Geschichten wieder auftauchen. Sie werden lachen, Sie werden weinen, Sie werden mit offenem Mund dasitzen und staunen, das ist wirklich ein Buch, das unter die Haut geht und keinen kalt lässt. Auf keiner einzigen Seite langweilt man sich, versprochen! Leicht zu lesen und uneingeschränkt empfehlenswert!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 368
Veröffentlichungsjahr: 2015
www.tredition.de
Regina Dotzki
Wurzeln des Wahnsinns
www.tredition.de
© 2015 Regina Dotzki
Umschlaggestaltung, Illustration: Regina Dotzki Lektorat, Korrektorat: Regina Dotzki
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7323-1861-2
Hardcover:
978-3-7323-1862-9
e-Book:
978-3-7323-1863-6
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Regina Dotzki, Jahrgang 1957, Tochter einer Norwegerin und eines Nazirichters, ist Psychologin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Bordelle Südostasiens, sie hat auch Obdachlose resozialisiert und Sexualstraftäter therapiert. Seit 20 Jahren arbeitet sie als freiberufliche Gutachterin und Dozentin. Mittlerweile lebt sie recht beschaulich in einem Backsteinhäuschen an der Ostsee. Mehr wird nicht verraten, sie möchte aus Rücksicht auf ihre Familie gerne anonym bleiben, hat dieses Buch auch unter Pseudonym geschrieben. Sie freut sich aber schon sehr auf eine interessante Mailkorrespondenz mit ihren Lesern unter der Mailadresse:
TEIL I
GRETE
Letztendlich ist die Existenz eines jeden Individuums einer Verkettung unzähliger glücklicher, tragischer oder zufälliger Ereignisse zu verdanken, die Fatalisten Schicksal, Christen Gottes Willen und Buddhisten Karma nennen. Wie sonst wäre der Lebensweg einer Großmutter zu erklären, die heimlich für einen schüchternen Dorfjungen schwärmte, der sich seinerseits fest vorgenommen hatte, ihr auf dem alljährlichen Dorffest endlich seine Liebe zu gestehen, und kurz vor dem Dorffest von einer Grippe niedergeworfen wurde? Hätte die Großmutter, wenn sie all das geahnt hätte, den Großvater geheiratet, der auf diesem Dorffest seine Chance ergriff?
Vielleicht hat die Großmutter 20 Jahre lang in friedlicher Nachbarschaft neben dem ehemals schüchternen Dorfjungen gelebt, der wie sie fünf Kinder großzog und gelegentlich traurig über den Gartenzaun zu seiner alten Liebe schielte. Vielleicht hat auch sie gelegentlich traurig über den Gartenzaun geschielt und sich gefragt, weshalb er wohl nicht sie, sondern seine Ehefrau geheiratet hatte. Und vielleicht haben sie sich nach 30 Jahren friedlicher Nachbarschaft irgendwann einmal ihre damaligen Gefühle füreinander gestanden, herzlich darüber gelacht und sich insgeheim leise gefragt, was wohl aus ihnen geworden wäre, wenn er damals so kurz vor dem Dorffest nicht von einer Grippe niedergeworfen worden wäre.
Wie viele Menschen in Deutschland haben ihre Existenz dem Zweiten Weltkrieg zu verdanken? Keiner hat sie je gezählt. Dieser grausame Zweite Weltkrieg hat so viele Menschenleben vernichtet und gleichzeitig so viele Menschen zusammengebracht, die sich sonst niemals begegnet wären.
Ist es angemessen, eine Urgroßmutter moralisch zu verurteilen, weil sie sich von ihren Eltern dazu zwingen ließ, einen standesgemäßen Mann zu heiraten, obwohl sie den Gärtner liebte? Wenn die Urenkelin ernsthaft darüber nachdenkt, so wird sie ahnen, dass sie kein Recht auf moralische Entrüstung hat, denn sie hätte niemals das Privileg gehabt, moralische Entrüstung zu empfinden, wenn die Urgroßmutter allen Erwartungen zum Trotz mutig den Gärtner geheiratet hätte, weil sie selbst in diesem Falle gar nicht existieren würde.
Manchmal ist das Schicksal weiser als wir selbst.
Auch ich, Regina Dotzki, habe meine Existenz unter anderem dem Zweiten Weltkrieg, einer Reihe glücklicher, tragischer und zufälliger Ereignisse und nicht zuletzt den Eigenarten eines Mannes zu verdanken, den die Menschen für verrückt hielten, weil er mit ungewöhnlichem Starrsinn Jahre seines Lebens damit zubrachte, einem Traum nachzujagen.
Wie viele Norweger war Olaf Olafsen Seemann. Froh, der Enge eines kinderreichen Elternhauses entronnen zu sein, heuerte er bereits im Alter von zehn Jahren als Schiffsjunge auf einem der vielen Handelsschiffe an. Er genoss die Männerkameradschaft auf See, arbeitete 16 Stunden am Tag und freute sich tagtäglich auf die stille Stunde an Deck, wenn alle Männer in ihren schmalen Hängematten schnarchten und er alleine an Deck saß, die Seeluft einatmete und die Sterne betrachtete. Auch schwerste Stürme überstand er ohne nennenswerte Übelkeit und wurde bald von der Mannschaft respektiert, wenn auch nicht unbedingt gemocht, denn Olaf Olafsen war schon als Kind ein wortkarger Einzelgänger, der auch in späteren Jahren eine einsame nächtliche Stunde an Deck unter den Sternen einem geselligen Besäufnis vorzog.
Bis zu seinem 14. Lebensjahr verbrachte Olaf Olafsen sein Leben ohne nennenswerte Höhen und Tiefen. Wortkarg verrichtete er seine Arbeit und freute sich tagtäglich auf die stille Stunde an Deck, bevor er sich in die stickige Kajüte zu den schnarchenden Kameraden legte. Doch kurz vor seinem 14. Geburtstag hatte Olaf Olafsen einen Traum, der sein Leben verändern sollte.
Zum ersten Mal sah er dieses Mädchen mit dem ausdrucksvollen Gesicht, den blonden Locken und den strahlenden blauen Augen so deutlich vor sich, dass er sogar am Tage nach diesem Traum nur die Augen schließen musste, um ihr Gesicht erneut in seine Erinnerung zu rufen. Von nun an träumte Olaf Olafsen in jeder Nacht von diesem Mädchen mit den blonden Locken und den strahlenden blauen Augen und im Laufe der Zeit nahmen seine Träume eine Intensität an, die er vorher nicht einmal ansatzweise empfunden hatte. Erfüllt von stummer Bewunderung betrachtete er dieses Mädchen und hielt es für das schönste Wesen unter der Sonne. Als sie ihm zum ersten Mal ein Lächeln schenkte, erwachte er mit einem Glücksgefühl, das er vorher nicht gekannt hatte. Weiße Zähne blitzten unter ihrem vollen Mund auf und ihre leuchtenden Augen in der Farbe von Vergissmeinnicht versprühten ein Feuerwerk an blauen Blitzen.
Es sollte ein halbes Jahr vergehen, bis Olaf Olafsen es wagte, dieses wunderschöne Mädchen, das ihn Nacht für Nacht in seinen Träumen besuchte und das ihm gelegentlich ein Lächeln schenkte, zu berühren, ihr sanft über die rosigen Wangen zu streichen und eine ihrer goldenen Locken um seinen Finger zu wickeln. Das Mädchen drehte sich nicht etwa um und ging, nein, es lächelte ihn erwartungsvoll an, und schließlich wagte er es, seine zitternden Lippen auf ihre zu drücken.
Am Tag nach diesem Traum war Olaf Olafsen so aufgewühlt und unaufmerksam wie noch nie. Immer wieder glitten seine Augen zum fernen Horizont, bis er einen Boxhieb seines Chefs in den Rippen fühlte und dessen Stimme hörte: “Junge, du sollst hier nicht träumen, du sollst arbeiten!”
Wer war dieses Mädchen? Olaf Olafsen kannte kein Mädchen, das Ähnlichkeit mit dem blondgelockten Engel hatte, der ihn seit einem halben Jahr Nacht für Nacht in seinen Träumen besuchte. Olaf Olafsen konnte nicht ahnen, dass das Mädchen, das ihn so intensiv beschäftigte, erst in jener Nacht geboren wurde, in der er zum ersten Mal von ihr geträumt hatte.
Ein gutes halbes Jahr lang hielt Olaf Olafsen das Geschöpf aus seinen Träumen für seinen persönlichen Schutzengel, bis er feststellte, dass sein persönlicher Schutzengel einen weiblichen Körper hatte und somit kein Engel sein konnte. Nach und nach entdeckte er die zarte, helle Haut, die kleinen, festen Brüste, die blonden Flaumhaare im Nacken und letztendlich den weichen Schoß, in dem er die Grenzen seines Körpers vergessen konnte. Er erwachte und erschrak, als etwas Heißes und Klebriges in seine Hose floss, und wusste nicht, was geschehen war. Er wusste nur, dass diese Nacht, in der er das Mädchen in seinen Armen gehalten hatte, die schönste seines Lebens gewesen war, und dass er diesem anschmiegsamen Wesen mit den leuchtenden blauen Augen, von dem er nicht einmal wusste, wer es war, rettungslos verfallen war.
Feuchte Träume, nannten es seine feixenden Kameraden. Auf einem Schiff blieb nichts verborgen. Sie alle kannten feuchte Träume und jeder Seemann hatte für feuchte Träume Verständnis. Aber keiner hatte Verständnis für einen pubertierenden Jungen, der nicht nur feuchte Träume hatte, sondern mit jeder Faser seines Seins ein Mädchen liebte, das es nur in seinen Träumen gab.
Sie nahmen den verstörten Olaf während eines Landgangs mit zu einer erfahrenen Prostituierten, die ihm diese Flausen austreiben und ihn mit den Realitäten vertraut machen sollte, doch Olaf Olafsen versagte komplett. Niemals wagte er zu erzählen, dass er ratlos und verlegen vor dieser korpulenten, verlebten Prostituierten stand, die mit gespreizten Beinen und schlaffen, großen Brüsten auf einem schmuddeligen, parfümierten Bett lag, dass er ihr wortlos eine Geldmünze in die Hand drückte und ihr Zimmer wieder verließ. Olaf Olafsen konnte nicht mit dieser Frau schlafen, denn er liebte und begehrte nur eine.
Wenn ich wenigstens wüsste, wie sie heißt, dachte er mit Tränen in den Augen, als er das Zimmer der Prostituierten wieder verließ. Wenn ich wenigstens wüsste, welchen Namen ich in ihr Haar flüstern soll, während sie in meinen Armen liegt und während ich das mache, was ich offensichtlich mit keiner anderen Frau machen kann. Aber ich kenne nicht einmal ihren Namen.
Olaf Olafsen verschloss sich immer mehr in sich selbst und ging nicht einmal mehr mit seinen Kameraden zu Landgängen, sondern zog es vor, alleine auf dem Schiff zu bleiben. Nächtelang saß er an Deck, starrte auf die Sterne am Himmel und dachte immer wieder: Wo bist du? Wo auf dieser riesengroßen Welt bist du? Warum gibst du mir kein Zeichen, wo und wie ich dich finden kann?
Aber das Wesen, das er Nacht für Nacht in seine Arme schloss, blieb selbst in seinen Träumen stumm. Auf all seine Fragen schenkte sie ihm nur ein etwas rätselhaftes Lächeln, schmiegte sich an ihn und küsste ihn und spätestens in diesem Moment vergaß er alle Fragen, die er ihr stellen wollte. Und nach jeder Nacht leuchteten seine braunen Augen in seinem harten, verschlossenen Gesicht. Tagsüber arbeitete Olaf Olafsen wie ein Besessener, um sich von seiner Passion abzulenken. Er wollte dieses Mädchen vergessen, aber er konnte es nicht, denn in jeder Nacht schlich sich das blondgelockte Wesen in seine Träume und machte ihn glücklich.
Als Olaf Olafsen im Alter von 18 Jahren wieder einmal an Deck eines Schiffes saß und in die Sterne sah, die ihm auch keine Antwort auf seine brennenden Fragen geben konnten, kam ihm auf einmal ein Gedanke, der ihn starr machte vor Angst. Bislang hatte er sich nur mit der Frage beschäftigt, wie und wo er das Wesen finden konnte, das er so sehr liebte, aber nun fragte er sich zum ersten Mal, was er eigentlich tun sollte, wenn er das seltene Glück hatte, es tatsächlich zu finden. Irgendwo auf einer belebten Straße in Oslo zum Beispiel. Olaf Olafsen hatte keinerlei Erfahrung mit Mädchen, geschweige denn mit Strategien, sie anzusprechen. Er wusste nur von seinen Schiffskollegen, dass es unanständige Frauen gab, die es für Geld machten, und anständige Frauen, die man vorher heiraten musste. Er hatte keinen Zweifel daran, dass er dieses Mädchen, sollte es ihm jemals begegnen, auf der Stelle heiraten würde, denn er liebte es mit jeder Faser seines Seins. Aber er hatte ebenfalls von seinen Schiffskameraden erfahren, dass kein anständiges Mädchen einen Mann heiratete, der ihm kein anständiges Heim und keine anständige Versorgung bieten konnte. Insofern war das Gros seiner männlichen Kollegen unverheiratet, denn das wenige Geld, das sie verdienten, gaben sie für Schnaps und für die unanständigen Frauen sofort wieder aus.
Olaf Olafsen wollte dem Mädchen aus seinen Träumen ein anständiges Heim und eine anständige Versorgung bieten. In der Folgezeit wurde er so geizig, dass er sich bei seinen Mannschaftskameraden endgültig unbeliebt machte, aber mit 24 Jahren hatte er es geschafft: er besaß so viel Geld, dass er von der norwegischen Regierung eine große, bewaldete und namenlose Insel im Oslofjord kaufte, die nur etwa 200 Meter vom Festland entfernt war. Er hatte sogar noch so viel Geld übrig, dass er sich noch eine Axt, eine Säge und ein altes Ruderboot leisten konnte. Olaf Olafsen hatte in seinem ganzen Leben niemals mehr als einen Seesack besessen. Und während er stolz und glücklich auf seine Insel ruderte, dachte er, dass sein Traum nun zum ersten Mal zumindest ein Minimum an realistischen Dimensionen angenommen hatte. Hier auf seiner Insel würde er sein Haus bauen, in dem das Wesen aus seinen Träumen, sollte er es jemals finden, anständig leben konnte.
Während er die Insel durchstreifte, war ihm, als ob das blondgelockte Mädchen in aufrechter Haltung an seiner Seite schritt.
“Wie wollen wir unsere Insel nennen?” fragte der wortkarge Mann mit den merkwürdigen brennenden Augen, die gar nicht zu seinem harten, verschlossenen Gesicht zu passen schienen, während er alleine durch den dichten Wald seiner Insel streifte. Ein Sonnenstrahl brach auf einmal durch die Wolken und tauchte die Insel in ein goldenes Licht.
“Solöya?” fragte er das Wesen aus seinen Träumen und ihm war, als ob es ein rätselhaftes Lächeln lächelte und leicht nickte.
Olaf Olafsen nannte daraufhin seine Insel Solöya, Sonneninsel.
“Und an welcher Stelle wollen wir unser Haus bauen?” fragte der einsame Mann weiter.
Das Geschöpf an seiner Seite schüttelte immer wieder den Kopf, bis er eine Stelle auf einer Klippe über dem Oslofjord entdeckte. Erst dann nickte sie zustimmend und in ihren Augen brannte ein Feuerwerk an blauen Blitzen. Und noch am gleichen Tag fällte Olaf Olafsen seinen ersten Baum.
Ein halbes Jahr lang baute er mit einer Besessenheit, die an Fanatismus grenzte, an seinem Haus, das für damalige Verhältnisse groß und komfortabel wurde. Er fällte Bäume, zersägte sie und nach und nach entstand ein stabiles, fensterloses Blockhaus, dessen Ritzen er mit Moos und Flechten füllte. Das Dach bedeckte er mit mehreren Schichten Birkenrinde, die kein Regenwasser hindurch ließ, und stach auf einer Waldlichtung Grassoden für ein Grasdach aus. In dieser Zeit ernährte er sich nur von den Fischen, die er fing, und von Beeren und Pilzen. Und als sich der Herbst dem Ende zuneigte, waren seine finanziellen Reserven endgültig aufgebraucht und er heuerte wieder auf einem Schiff an, das ihn in die Ferne trug.
Im nächsten Sommer werde ich den Kamin und die Feuerstelle mauern, und wenn das Haus fertig ist, dann werde ich dich suchen, versprach er dem Mädchen, das ihn nach wie vor Nacht für Nacht anlächelte, sich in seine Arme schmiegte und ihm seine einsamen und kalten Nächte versüßte. Olaf Olafsen war glücklich. Er wusste nun, dass das Mädchen zumindest aus Norwegen stammen musste, denn weshalb sonst hätte sie seinem Vorschlag zugestimmt, ihre Insel Solöya zu nennen?
Im nächsten Jahr war der Hausbau beendet. Zumindest konnte man in diesem Blockhaus auch die Winter verbringen, ohne zu erfrieren, denn ein großer, gemauerter Kamin und ausreichend Brennholz in der näheren Umgebung würden dafür sorgen, dass sie nicht erfroren.
Und im Jahr darauf begann Olaf Olafsen gezielt mit seiner Suche, die drei Jahre dauern sollte. Zuerst suchte er die norwegischen Küstenorte ab. Er nahm gar nicht mehr wahr, dass die Passanten diesen großen, hageren Mann mit den brennenden braunen Augen, der ziellos durch die Straßen lief und alle jungen, blondgelockten Mädchen mit den Augen aufzufressen schien, für verrückt oder gefährlich hielten. Olaf Olafsen suchte, aber so sehr er auch suchte, er fand nicht, was er suchte. Gelegentlich schien ihm, als hätte er das Wesen aus seinen Träumen gefunden, das er unter Tausenden wiedererkannt hätte, aber bei näherer Betrachtung war immer irgendetwas anders: die Wölbung des Halses, die Art des Lächelns, die Augen, die keine Blitze aus blauen Funken versprühten.
Als Olaf Olafsen im Herbst erneut ein Schiff bestieg, war er ein zutiefst verzweifelter Mann geworden. Zum ersten Mal in seinem Leben stellte er sich ernsthaft die Frage, was er tun sollte, wenn er das Mädchen aus seinen Träumen, für das er sein schönes und stabiles Haus gebaut hatte, nicht fand. Sollte er ein anderes Mädchen heiraten? Allmählich kam er in ein Alter, in dem ein Mann heiraten sollte. Die Blicke der Menschen auf den Straßen sagten ihm, dass er anfing, ein wenig wunderlich zu werden. Nein, er konnte kein anderes Mädchen heiraten, denn er liebte nur dieses eine. Vor jedem anderen Mädchen würde er in seiner Hochzeitsnacht genauso ratlos stehen wie seinerzeit vor der Prostituierten. Und er wusste nur, dass sie irgendwo in Norwegen lebte. Aber wo? Norwegen war groß.
Und als Olaf Olafsen im nächsten Frühjahr zurückkehrte, beschloss er, das Mädchen aus seinen Träumen nicht mehr gezielt zu suchen, sondern seinem Herzen zu folgen. Er packte seine Hängematte und seinen Seesack auf den Rücken und marschierte gegen Norden ins Binnenland Norwegens, ohne Kompass, ohne Karte und ohne konkretes Ziel. Zwei Monate lang war er unterwegs, rastete abends an tosenden Wasserfällen, Fjorden oder Seen, bestieg Berge und kletterte wieder hinab und mit jedem Tag, der verging, wurde die Gegend unwirtlicher und karger. Staunend durchstreifte er die endlosen Weiten der Hardanger Vidda und mied größere Dörfer aus Angst, eingesperrt zu werden. Mittlerweile glich er einem Verrückten mit seinem langen Bart, der zerrissenen Kleidung und den braunen brennenden Augen, das wusste er selbst.
Als er das Hallingdal erreichte, sagte ihm sein Herz, dass das Mädchen aus seinen Träumen in der Nähe sein musste. Ziellos ging er weiter über Berg und Tal und ließ sich auch die letzten Kilometer nur von seinem Herzen führen. Aber gelegentlich fragte er sich selbst, wohin sein Herz ihn bloß führte. Er schlug sich durch einsame, dichte Wälder, die seine Kleidung endgültig in Fetzen rissen, bis er die Baumgrenze hinter sich gelassen hatte und wieder freier atmen konnte. Irgendein Instinkt sagte ihm, dass er sich nun seine letzte intakte Hose und sein letztes intaktes Hemd anziehen und sich waschen und rasieren musste, bevor das Mädchen, das er seit 14 Jahren suchte, bei seinem Anblick schreiend davonlief.
Und dann schritt er die letzten 500 Meter über eine Wiese, auf der sich zehn Kühe den Klee schmecken ließen. Sein Herz klopfte bis zum Halse. Sie war ganz in seiner Nähe, das spürte er. Und als er um die nächste Ecke bog, sah er die kleine Almhütte neben einem türkisgrünen Gebirgssee. Und an diesem See stand ein junges Mädchen, dessen blonde Locken bis zu den Hüften fielen und dessen Augen kleine blaue Blitze versprühten.
Das Mädchen stand barfuß in einem ursprünglich weißen Unterkleid am Ufer des Sees und kühlte seine Arme in dem eiskalten Wasser. Und es lächelte dieses wunderschöne, etwas rätselhafte Lächeln. Olaf Olafsens Suche war beendet.
14 Jahre lang hatte er sich diesen Moment immer wieder in seinen Phantasien ausgemalt. Aber er hatte niemals gewusst, wie er sich verhalten sollte, wenn er das Mädchen aus seinen Träumen tatsächlich einmal finden sollte. Auch jetzt überlegte er nicht, wie man sich am besten einem Mädchen näherte, das sich alleine wähnte, nur ein Unterkleid trug und seine erhitzten Wangen und Arme in einem Gebirgssee kühlte. Er ging auf sie zu und verbeugte sich.
“Guten Tag”, sagte er. Etwas anderes fiel ihm nicht ein. Er war ohnehin nie ein großer Redner gewesen.
Das Mädchen sah ihn glücklicherweise eher überrascht als erschrocken an.
“Wer bist du?”, fragte sie. “Haben meine Brüder dich geschickt zum Käseabholen?”
“Olaf Olafsen”, stellte er sich etwas förmlich vor und verbeugte sich noch einmal vor dem Mädchen im weißen Unterkleid. “Ich bin, nun ja, ich bin der Mann, den du heiraten wirst.”
“Oh!”, wunderte sich das Mädchen. “Hat mein Vater das gesagt und dich deshalb hier auf die Alm hoch geschickt?”
“Nein”, wand sich Olaf Olafsen und wusste nicht mehr, was er sagen sollte.
Das Mädchen warf ihm einen eindringlichen Blick zu. “Hast du denn überhaupt schon mit meinem Vater gesprochen?”
“Nein, aber ich werde das natürlich sofort nachholen”, stotterte Olaf Olafsen und wurde rot. “Sobald ich weiß, wie dein Vater heißt und wo er wohnt.”
“Du weißt nicht, wie mein Vater heißt und wo er wohnt?”, fragte das Mädchen ungläubig.
“Nein.” Olaf Olafsen holte tief Luft. Wie sollte er, der nie ein großer Redner gewesen war, diesem Mädchen in Kürze klarmachen, was er seit 14 Jahren für es empfand?
“Weißt du, ich bin nicht hier aus der Gegend”, fügte er entschuldigend hinzu.
“Und du willst mich heiraten, ohne mich und meine Familie zu kennen?”, staunte das Mädchen und schwieg eine Weile, bevor es fortfuhr: “Weißt du was, Olaf Olafsen, wenn du schon ein Mädchen hier aus der Gegend heiraten willst, warum heiratest du dann nicht meine Schwester? Sie ist schon 18. Ich bin eigentlich noch gar nicht dran mit Heiraten.”
“Nein, nein”, widersprach Olaf Olafsen verlegen, dem das Gespräch völlig aus dem Ruder lief. “Ich will nicht deine Schwester heiraten, ich will dich heiraten. Ich suche dich doch schon seit 14 Jahren.”
Und dann tat das Mädchen in dem Unterkleid etwas, das Olaf Olafsen nicht erwartet hatte: es setzte sich auf einen Felsen am Ufer des Sees, warf seinen Kopf in den Nacken und brach in ein schallendes Gelächter aus, das kein Ende mehr zu nehmen schien. “Na, dann hast du ja Glück gehabt, dass du mich nicht schon vor 14 Jahren gefunden hast”, stellte sie fest, als ihr Lachen allmählich ruhiger wurde. “Ich bin nämlich vor 14 Jahren gerade erst geboren worden. Wenn du mich schon vor 14 Jahren gefunden hättest, dann hättest du nur ein Baby gefunden.”
Olaf Olafsen konnte sich der Heiterkeit und Lebensfreude dieses Mädchens nicht mehr entziehen und brach ebenfalls in ein befreiendes Gelächter aus. All die Anspannung der letzten Jahre fiel von ihm ab. Das Eis war gebrochen. Und zumindest hatte sie nicht nein gesagt. Mehr war für den Anfang nicht zu erwarten.
“Wie heißt du?”, fragte er das Mädchen und sah es so liebevoll an, dass es zurücklächelte.
“Du weißt nicht einmal, wie ich heiße, aber du weißt, dass du mich heiraten willst? Du bist wirklich ein verrückter Mann, Olaf Olafsen.”
“Bitte sage mir, wie du heißt!”
“Ich heiße Grete.”
Grete! Endlich kannte er ihren Namen. Grete! Wie gerne hätte er Grete einfach in seine Arme genommen, ihren Namen geflüstert und sie geliebt wie jede Nacht in den letzten 13 Jahren. Er kannte jeden Quadratzentimeter ihres zarten Körpers, er wusste, welche Berührungen sie schätzte und welche nicht, und er liebte und begehrte sie. Aber er war Grete um 14 Jahre vorausgeeilt. Er erinnerte sich, dass ein halbes Jahr vergangen war, bevor er es gewagt hatte, sie zum ersten Mal zu küssen. Er erinnerte sich, wie glücklich er gewesen war, als er zum ersten Mal Gretes Wange gestreichelt und eine ihrer blonden Locken um seinen Finger gewickelt hatte. Nein, er würde Grete alle Zeit der Welt lassen, bis auch sie bereit war, ihn zu lieben.
Als Grete einfiel, dass sie nur in einem Unterkleid und mit gelösten Haaren vor einem wildfremden Mann stand, eilte sie in ihre Almhütte zurück, zog sich ein Kleid an und flocht ihre Zöpfe wieder zusammen. Was für ein merkwürdiger Fremder, dachte sie. Er kam hier an, wollte sie heiraten und behauptete, sie seit 14 Jahren zu suchen. Zweifellos musste Olaf Olafsen ein Verrückter sein. Aber irgendetwas in seinen Augen sagte ihr, dass sie ihm vertrauen konnte. Grete wusste, dass Menschen durch Kleidung oder durch Worte lügen oder täuschen konnten. Sie hatte gelernt, dass nur die Augen der Spiegel der Seele waren. Olaf Olafsen mochte verrückt sein, aber er war nicht böse und würde ihr nichts zuleide tun, dafür lag zu viel Wärme und zu viel Güte in seinen Augen.
Grete wurde als viertes von zwölf Kindern geboren, die das Glück hatten, die eisigen Winter im Hallingdal zu überleben. Fünf ihrer Geschwister hatten den ersten Winter nicht überstanden. Im Hallingdal überlebten nur die Stärksten. Aus diesem Grunde wurde jedes Neugeborene im Hallingdal gleich nach seiner Geburt in einen Bottich mit Eiswasser getaucht. Und wenn es diese Prozedur überlebte, hatte es relativ gute Chancen, auch den ersten Winter zu überleben.
Gretes Familie lebte auf einem einsamen Hof und betrieb Landwirtschaft. Sie besaßen zehn Kühe, von deren Wohlergehen die Existenz der Familie abhing. Den Sommer verbrachten die Kühe auf der Alm und Grete hatte in diesem Jahr zum zweiten Mal die Arbeit auf der Alm übernommen. Mit Hilfe ihrer Brüder hatte sie die Kühe auf die Alm getrieben und lebte nun alleine auf der Almhütte. Da sie ein Tier- und Naturfreund war, wurde ihr dabei nicht langweilig. Sie liebte es, die Vögel zu beobachten, die frühmorgens in den Büschen zwitscherten, sie liebte die Rehe, die regelmäßig den Klee auf der Wiese fraßen, und gelegentlich sah sie in den Abendstunden sogar einen der scheuen Elche vorbeiziehen. Sie liebte die Weite und Schönheit der Natur um sie herum und die Stille, die sie in ihrem engen, mit Leben und Kindern erfüllten Elternhaus nicht kannte.
Grete hatte keine Angst. Ihr Vater hatte ihr sogar ein Gewehr mitgegeben, damit sie ihre Kühe vor Wölfen und Bären verteidigen konnte, die sich gelegentlich in der Gegend herumtrieben, aber bislang hatte sie es noch nicht laden müssen. Die Wölfe kamen in der Regel erst im Winter und griffen Menschen und Tiere an.
Morgens und abends molk Grete die Kühe, die ihr aus der Hand fraßen, schöpfte die Sahne ab und stellte gewissenhaft die Butter und den Käse her, die die Familie verkaufte und von deren Erlös sie lebte. Einmal in der Woche kamen ihre Brüder, nahmen den Käse und die Butter mit und ließen ihr einen Laib Brot da. Grete hatte ein gutes Händchen für Menschen und für Tiere. Und mit diesem verrückten Olaf Olafsen, der sie angeblich seit 14 Jahren suchte, würde sie es auch aufnehmen können. Bislang war sie mit jedem Menschen und mit jedem Tier gut ausgekommen.
Im Laufe der nächsten Wochen stellte Olaf Olafsen sich als unerwartete Bereicherung ihres Lebens heraus. Als Seemann besaß er zwar nicht die geringste Erfahrung im Melken von Kühen und in der Herstellung von Butter und Käse, aber er lernte schnell und half ihr bei ihren tagtäglichen Aufgaben. Und zu ihrer eigenen Verwunderung stellte Grete fest, dass es angenehm war, nach getaner Arbeit still neben diesem Mann zu sitzen und mit angehaltenem Atem dem Zwitschern der Vögel zu lauschen und die äsenden Rehe oder die vorbeiziehenden Elche zu beobachten. Grete hatte noch nie erlebt, dass sich ein anderer Mensch so sehr für die kleinen und großen Freuden und Sorgen ihres Lebens interessierte.
Nur abends, wenn sie sich in ihre Almhütte zum Schlafen begab, wurde Olaf Olafsen ihr ein wenig unheimlich, wenn er sie mit seinen brennenden Augen ansah und schließlich schweigend in den Wald zu seiner Hängematte ging. In solchen Momenten war er nicht mehr der gute Kamerad, der genauso viel Freude an der Natur hatte wie sie selbst und der ihr bei der Arbeit half. Abends verwandelte sich Olaf Olafsen in einen Mann, der unbestreitbar litt. Grete begriff nicht, worunter er litt. Wie hätte sie es auch begreifen sollen als junges Mädchen von 14 Jahren? In kalten und regnerischen Nächten bot sie ihm an, ebenfalls in der Almhütte zu übernachten, aber er lehnte stets mit einer Heftigkeit ab, die sie beinahe erschreckte.
Grete begriff auch nicht, aus welchem Grund er an den Tagen, an denen ihre Brüder vorbeikamen und den Käse und die Butter abholten, im Wald verschwand und sie inständig darum bat, ihren Brüdern nichts von seiner Anwesenheit zu erzählen. Am späten Nachmittag tauchte er dann in aller Regel wieder auf mitsamt ein paar Fischen, die er gefangen hatte, und sie saßen wieder zusammen, teilten ihr Brot und die Fische, tranken Milch und aßen Käse und Blaubeeren zum Nachtisch.
Grete begriff Einiges nicht, aber sie stellte fest, dass sie sich an diesen seltsamen Mann, den sie am Anfang für verrückt gehalten hatte, zu gewöhnen begann. Er sprach auch nicht mehr vom Heiraten, sondern erzählte ihr gelegentlich wundersame Geschichten über all die fernen Länder, die er bereist hatte. Grete war noch niemals über das Hallingdal hinaus gekommen, sie hatte noch niemals ein Meer gesehen und sie saugte seine Geschichten begierig auf wie ein Schwamm. Ja, sie begann, sich zu freuen, wenn Olaf Olafsen Morgen für Morgen die Alm heraufkam, sich ruhig ins Gras setzte, einen nahezu blinden Spiegel aus seiner Hosentasche zog und sich Rasierschaum ins Gesicht pinselte.
“Es riecht nach Schnee”, stellte Grete eines Morgens Mitte August fest und sah besorgt gen Himmel.
Die Nächte waren empfindlich kalt geworden und ohne seine Träume wäre Olaf Olafsen wohl schon längst in seiner Hängematte erfroren. Über die Hängematte hatte er ein Dach aus Stöcken und Reisig gebaut, das aber die Regenschauer nicht ganz abhalten konnte.
“Eigentlich sollte es im August noch nicht schneien”, fuhr Grete trotzig fort und begann, die Kühe zu melken.
Das Ende ihrer Almzeit war gekommen und weder Grete noch Olaf Olafsen verspürten besonders viel Lust, frühzeitig ihre Zelte auf der Alm abzubrechen und die Kühe wieder ins Tal zu treiben.
“Olaf, Olaf!”, hörte er Grete am nächsten Morgen in heller Aufregung rufen, als es gerade hell zu werden begann.
Alarmiert setzte er sich in seiner Hängematte auf. Gretes Stimme klang seltsam gedämpft. Er rieb sich die Augen und dann sah er es. Um ihn herum versank die Welt in tiefem Neuschnee. Olaf Olafsen rannte so schnell er konnte den Hügel zur Almhütte hinauf. Grete lief ihm entgegen.
“Die Kühe! Die Kühe!”, rief sie.
Zum ersten Mal in seinem Leben sah er Grete weinen. Ihre Tränen schnitten ihm tief ins Herz. Hilflos stand er vor ihr und sah zu, wie eine Träne nach der anderen aus ihren großen, Vergissmeinnicht-blauen Augen kullerte.
“Wir müssen die Kühe ins Tal bringen!”, schluchzte sie. “Wenn den Kühen etwas passiert, dann sterben wir alle. Meine ganze Familie!”
Olaf Olafsen konnte nicht anders. Mit großer Zärtlichkeit nahm er die weinende Grete in die Arme und strich ihr sanft die Tränen von den Wangen. So sehr er sie auch liebte, sie war doch noch ein Kind. Ein Kind, das frühzeitig sehr viel Verantwortung tragen musste.
“Mein Mädchen, mein Mädchen”, flüsterte er und hielt sie ganz fest, bis ihre Atemzüge ruhiger wurden. “Zieh deine dicksten Stiefel an! Und alle deine Kleidungsstücke! Wir müssen sofort aufbrechen.”
Grete lief zu der Almhütte und packte mit fliegenden Händen Käse, Butter und ihre Kleidungsstücke zusammen. Olaf Olafsen folgte ihr.
“Lass den Käse und die Butter hier, Grete!”, forderte er sie auf. “Zieh dir nur deine dicksten Stiefel und deinen dicksten Mantel und alle Kleidungsstücke an, die du hast. Wir können die anderen Sachen später holen. Wir brauchen für den Rückweg beide Hände.”
Olaf Olafsen hatte in seinem Leben einige heftige Stürme auf See und sogar einmal einen Schiffbruch überstanden, aber an das abenteuerliche Unterfangen, zehn Kühe durch tiefen Neuschnee ins Tal zu treiben, sollte er sich ein Leben lang erinnern.
Die ersten Kilometer ging er voraus, stampfte einen Weg frei und hinter ihm trotteten erstaunlich friedlich die zehn Kühe, die Grete am Ende der Reihe mit gutem Zureden antrieb.
Doch dann setzte ein Schneesturm ein, bei dem man nicht einmal mehr die Hand vor den Augen erkennen konnte. Immer wieder rutschten die Kühe aus, gerieten in Panik und versuchten auszubrechen. Olaf Olafsen lief stoisch immer geradeaus. Wohin lief er eigentlich, dachte er gerade, als er Grete rufen hörte.
“Olaf! Warte!”
Als Grete mit gerötetem Gesicht und Schneeflocken in ihren blonden Zöpfen auf ihn zukam, stand eine tiefe Verzweiflung in ihren Augen.
“Es hat keinen Sinn mehr”, meinte sie und schluckte tapfer. “Wir haben uns verlaufen. Ich weiß nicht mehr, wo wir sind. Und - ich kann nicht mehr.”
Eine Kuh nach der anderen kam angelaufen und legte sich erschöpft in den Schnee. Der Schneesturm heulte unerbittlich weiter. Nach wenigen Minuten waren die Kühe mit einer dicken Schneeschicht überzogen.
Grete setzte sich erschöpft neben eine Kuh in den Schnee. “Es hat keinen Sinn mehr, Olaf.”
Olaf Olafsen setzte sich neben sie und wärmte sie mit seinem eigenen Mantel und nach kurzem Zögern auch mit seinem Arm.
“Wie viele Kilometer sind es von der Almhütte bis zu deinem Zuhause?”, rief er nach einer Weile in ihr Ohr. Obwohl sie so dicht beieinander saßen, musste er gegen den heulenden Schneesturm anschreien. Grete zitterte vor Kälte und vor Erschöpfung. Die Schneemassen, durch die sie sich gekämpft hatten, waren mittlerweile hüfthoch. Jeder Schritt bedeutete eine unglaubliche Kraftanstrengung.
“Es sind nur sieben Kilometer. Aber ich weiß nicht mehr, wo wir sind. Ich glaube, wir laufen in die falsche Richtung. Ich kann bei diesem Schneetreiben nichts mehr erkennen. Wir müssen abwarten, bis der Sturm sich gelegt hat. Die Kühe können auch nicht mehr.”
“Aber wenn wir hier sitzen bleiben, erfrieren wir”, widersprach Olaf Olafsen. “Wir müssen uns bewegen.”
“Ich kann nicht mehr, Olaf. Ich kann wirklich nicht mehr. Keinen einzigen Schritt mehr.”
Olaf nahm sie in die Arme und wickelte sie fester in seinen eigenen Mantel. Wenn sie schon hier mitsamt den Kühen erfrieren mussten, dann sollte Grete wenigstens in seinen Armen erfrieren. Stumm legten sie sich in den Schnee und hielten sich eng umschlungen. Es gab nichts mehr zu sagen. Der Schneesturm heulte um sie herum und übertönte sogar das Muhen der aufgeregten Kühe. Gretes Atemzüge wurden ruhiger. Sie war vor Erschöpfung eingeschlafen.
Lange betrachtete Olaf Olafsen dieses im Schlaf entspannte Gesicht, das er seit 14 Jahren jede Nacht in seinen Träumen sah, die rosigen Wangen, die blonden Löckchen, die sich an den Schläfen aus den Zöpfen stahlen, den weichen, vollen Mund. Sanft strich er über die vertrauten Züge. Ob er es wagen durfte, sie zu küssen? Im Angesicht des nahen Todes kam es nicht mehr darauf an. Scheu und vorsichtig drückte er seine zitternden Lippen auf ihre und wie in seinen Träumen durchströmte ihn ein tiefes Glücksgefühl. Endlich hatte er das Mädchen gefunden, das er 14 Jahre lang gesucht hatte, und dieses Mädchen lag schlafend in seinen Armen.
Und in dem Moment, als Olaf Olafsen Grete küsste, geschah das Wunder. Die Welt hielt den Atem an.
“Was ist das?” Grete schlug erstaunt die Augen auf.
Der Schneesturm hatte so abrupt aufgehört, wie er angefangen hatte. Grete setzte sich auf, schüttelte die Schneemassen von ihrer Kleidung und deutete auf ein rotes Holzhaus in der Ferne.
“Olaf!”, jubelte sie. “Schau! Da vorne ist mein Elternhaus. Wir waren gar nicht so weit entfernt davon. Aber in dem Schneesturm konnte ich nichts mehr erkennen. Komm schnell! Hoffentlich schaffen es die Kühe noch!”
Strahlend ging sie zu ihren tief eingeschneiten Kühen, die schlau genug gewesen waren, eng aneinander zu liegen. Mit stumpfen, apathischen Augen ragten nur noch ihre Köpfe aus den Schneemassen heraus.
“Hoch mit euch, hoch mit euch, rührt euch, gleich sind wir zuhause!”, feuerte Grete die Kühe an, aber die Kühe waren nicht dazu zu bewegen, sich zu erheben. Ratlos sah Grete Olaf an.
“Sobald eine läuft, werden alle laufen. Olaf, du musst mir helfen, eine Kuh aus dem Schnee zu ziehen!”
Sie banden einen Strick um den Hals einer Kuh, die noch am muntersten aussah, und zogen sie gemeinsam an dem Strick aus dem Schnee. Alle drei Lebewesen keuchten vor Anstrengung, doch irgendwann hatten sie es geschafft. Die anderen Kühe erhoben sich ebenfalls muhend.
“Gut gemacht, Lise, gleich sind wir zuhause”, lockte Grete und führte sie an ihrem Strick voran.
Und dann geschah das Unglück. Lise kam ins Rutschen, stolperte, stürzte und begrub Grete unter sich.
“Grete!”, rief Olaf Olafsen und rannte zu ihr.
Mit all seiner Kraft zog er Grete unter der Kuh hervor und rechnete mit dem Schlimmsten. Aber Grete hatte überlebt. Sie sah ihn nur mit bleichem, schmerzverzerrtem Gesicht an.
Olaf hob sie aus dem Schnee, aber Grete sank mit einem Schmerzensschrei wieder zurück.
„Mein Fuß!”
Lange und stumm sahen sie sich in die Augen. Jeder von ihnen wusste, dass ein gebrochener Fuß in den verschneiten Bergen des Hallingdals einem Todesurteil gleichkam.
“Lass mich hier liegen und hole meine Brüder und meinen Vater!”, schlug Grete schließlich mit zitternder Stimme vor. “Es ist ja nicht mehr weit.”
“Wenn du hier liegen bleibst, dann bist du erfroren, bis ich zurückkomme”, widersprach Olaf. “Nein, ich lasse dich nicht liegen. Ich werde dich tragen.”
“Aber die Kühe!”, warf Grete ein.
“Kühe kann man ersetzen. Aber dich…”
“Aber mich?”, staunte Grete.
“Dich kann man nicht ersetzen. Dich gibt es auf der ganzen Welt nur einmal.”
Grete setzte sich entrüstet auf. “Wir können die Kühe nicht hierlassen, Olaf. Begreifst du denn nicht, dass ohne die Kühe meine ganze Familie noch vor Jahresbeginn verhungern wird? Glaube mir, es ist besser, wenn du mich hierlässt und versuchst, die Kühe nach Hause zu treiben. Mein Vater würde das auch so sehen. Es ist für eine Familie besser, eine Tochter zu verlieren als zehn Kühe. Die Kühe sind doch unser ganzer Besitz.”
Olaf antwortete nicht und nahm sie auf die Arme. Er war ohnehin nie ein Mann der Worte gewesen. Mit grimmig entschlossenem Gesicht kämpfte er sich Meter für Meter durch den hohen Schnee. Erstaunlicherweise zogen es die Kühe vor, hinter ihm herzutrotten, statt alleine zurückzubleiben.
Als sie an dem einsamen Bauernhof ankamen, war es bereits dunkel geworden. Eine 13-köpfige Familie stürzte aus dem Haus, als sie das Muhen der Kühe vernahm, die restlos erschöpft, aber zielstrebig in ihren Stall trotteten.
“Grete!”, rief eine stattliche Frau und rannte auf Olaf Olafsen zu, der die schlafende Grete immer noch auf den Armen trug. “Um Gottes Willen, Grete! Ist sie tot?”
“Nein”, antwortete Olaf Olafsen.
“Grete! Oh Gott sei Dank!”, meinte der Bauer, Gretes Vater.
“Grete, Grete, Grete, Grete!”, schrien ihre elf Geschwister. “Aber wieso kann Grete denn nicht laufen?”
“Sie schläft”, erklärte Olaf Olafsen. “Und ich fürchte, sie hat sich den Fuß gebrochen.”
13 blond gelockte und blauäugige Hallingdaler standen stumm vor Olaf Olafsen, der am Ende seiner Kräfte und nass bis auf die Haut eine leichenblasse, in seinen Wintermantel eingehüllte Grete auf den Armen trug.
“Wer bist du?”, fragte der Bauer nicht unbedingt freundlich. Im Hallingdal war man gegenüber Fremden vorsichtig.
“Olaf Olafsen.” Olaf Olafsen versuchte sich mit einer Verbeugung, die ihm mit Grete auf den Armen nicht ganz gelang.
“Du bist nicht hier aus der Gegend?”
“Nein, ich bin nicht hier aus der Gegend. Ich habe Grete zufällig getroffen und dachte, es ist vielleicht besser, wenn ich sie und die Kühe nach Hause bringe.”
“Oh, wir danken Ihnen!”, bemerkte die tatkräftig und lebensfroh aussehende Bäuerin mit Tränen in den Augen. “Wir waren halb verrückt vor Sorge um Grete und die Kühe. Mein Mann und meine ältesten Söhne sind losgelaufen, um sie zu holen, aber sie kamen nicht gegen den Schneesturm an. Bitte kommen Sie doch herein zu uns!”
“Ich sehe mal eben nach den Kühen”, meinte der Bauer und wandte sich abrupt gen Kuhstall, um die Tränen der Erleichterung zu verbergen, die ihm über die Wangen liefen.
“Lise hinkt und ich fürchte, wir werden sie schlachten müssen”, verkündete er ernst, als er geraume Zeit später wieder in das mollig warme Bauernhaus trat, in dem seine Familie und der Fremde sich an einem Kaminfeuer wärmten. “Aber die anderen Kühe haben es ohne größeren Schaden überstanden.”
Später am Abend wurde der Bauer allerdings in dem Moment aschfahl, in dem er zu hören bekam, dass Grete mit diesem Fremden wochenlang zusammengelebt hatte. Grete hatte den besten Platz am Kamin bekommen, ihren geschwollenen Fuß hochgelegt, der glücklicherweise nicht gebrochen, sondern nur verstaucht war, und erzählte ihrer staunenden Familie von all den Abenteuern dieses Sommers.
“Er hat gesagt, er sucht mich seit 14 Jahren”, lächelte sie mit leuchtenden Augen und geröteten Wangen. “Stellt euch das vor! Seit 14 Jahren hat er jede Nacht von mir geträumt. Und er ist so lange durch Norwegen gewandert, bis er ins Hallingdal kam und mich gefunden hat.”
Olaf Olafsen wand sich vor Verlegenheit. Mit offenen Mündern starrten ihn elf blondgelockte, blauäugige, kräftige Kinder im Alter von zwei bis 18 Jahren und zwei zutiefst erschrockene Erwachsene an.
Mit besorgtem Blick stellte die Bäuerin ein Schnapsglas vor ihren Mann auf den Tisch, das dieser stumm in einem Zug leerte. Als sich kurz darauf der Bauer erhob, fiel sein Stuhl krachend zu Boden. Mit gerötetem Gesicht packte er Olaf Olafsen am Kragen, zog ihn wortlos aus dem Haus und schlug ihm mit der Faust gegen das Kinn. Olaf Olafsen hatte nach diesem Tag nicht mehr allzu viele Widerstandskräfte. Er taumelte nach hinten in den Schnee und hatte nicht einmal mehr Zeit, das Bewusstsein zu verlieren, denn der Bauer zog ihn sofort am Kragen wieder hoch.
“Hast du sie angerührt?”, brüllte er.
“Nein”, antwortete Olaf Olafsen schwach.
“Du hast wochenlang mit meiner Tochter auf der Almhütte zusammengelebt und hast sie nicht angerührt?” Der Bauer schüttelte ihn hin und her.
“Nein, ich schwöre es.”
“Du lügst!”
“Nein, ich lüge nicht!”
Die Bäuerin kam aus dem Haus geeilt. “Nun beruhige dich doch, Thor! Dass ihr Männer euch auch immer schlagen müsst! Kommt herein und trinkt einen Schnaps und dann besprechen wir die ganze Angelegenheit in Ruhe.”
„Nun gut!” Der rasende Bauer zwang sich zur Ruhe und sah Olaf Olafsen drohend an. “Wir werden Grete fragen. Grete lügt nicht. Und ich schwöre dir, wenn du sie angerührt hast, dann werde ich dir jeden Knochen einzeln brechen.”
“Nun ist aber gut, Thor!”, meinte die Bäuerin resolut und drängte die beiden Männer wieder ins Haus. “Egal, was er gemacht hat, immerhin hat er Gretes Leben und das der Kühe gerettet, das dürfen wir nicht vergessen.”
Olaf Olafsen sank wieder in seinen Stuhl. Nach all den Aufregungen dieses Tages wollte er nur noch schlafen und von Grete träumen. Aber er ahnte, dass ihm ein erholsamer Schlaf noch lange nicht vergönnt sein sollte.
“Grete, sieh mir in die Augen, antworte mir und lüge nicht!”, forderte der Bauer seine Tochter auf und wartete, bis Grete ihn mit ihren Vergissmeinnicht-blauen Augen voll ansah. “Hat er dich angerührt? Ja oder nein?”
“Natürlich hat er mich angerührt, Vater”, erwiderte Grete erstaunt und nach diesen Worten sprang der Bauer erneut auf. Zornesröte lag in seinem Gesicht. “Er hat mich doch hierher getragen. Wie hätte er das machen sollen, ohne mich anzurühren?”
Schwer atmend setzte der Bauer sich wieder auf seinen Stuhl. “So meine ich das nicht. Ich meine, äh, ich meine, hat er das mit dir gemacht, was die Bullen mit den Kühen machen?”
Alle elf Kinder verfolgten mit Spannung und angehaltenem Atem die Szene. Stumm blickten sie zuerst auf Grete und dann auf Olaf Olafsen. Jeder von ihnen wusste, was die Bullen mit den Kühen machten, bevor die Kühe sieben Monate später Kälbchen bekamen, aber nicht einmal mit der allergrößten Phantasie konnten sie sich vorstellen, dass dieser hagere, wortkarge Mann so etwas mit ihrer Schwester tun sollte.
Grete bedachte ihren Vater mit einem ernsthaft erstaunten Blick. “Warum sollte er das tun, Vater? Er ist doch kein Bulle.”
Erleichtert setzte der Bauer sich wieder auf seinen Platz, kippte seinen nächsten Schnaps herunter und verlangte, dass Olaf Olafsen auch ein Glas bekommen sollte. Aber Olaf Olafsen lehnte ab. Ein Schnaps am Ende dieses Tages hätte ihm endgültig den Rest gegeben.
“Du hast also 14 Jahre lang meine Tochter Grete gesucht?”, fragte der Bauer ungläubig nach dem fünften Glas Schnaps und lachte schallend los. “Was wolltest du denn mit ihr machen, wenn du sie gefunden hast?”
“Ich möchte Grete heiraten”, erwiderte Olaf Olafsen würdevoll.
“Heiraten? Grete?” Der Bauer krümmte sich vor Lachen. “Aber Grete ist doch noch ein Kind! Sie ist gerade 14 Jahre alt. Sie ist noch gar nicht dran mit Heiraten.”
“Thor, du musst bedenken, dass er Gretes Leben und das der Kühe gerettet hat”, warf die Bäuerin ein. “Wir sind ihm etwas schuldig.”
“Gut, wir sind ihm etwas schuldig”, gab der Bauer zu. “Wenn du willst, dann kannst du Britt heiraten. Britt ist schon 18 und sie kommt allmählich in ein Alter, in dem ein Mädchen heiraten sollte.”
Die 18-jährige Britt, ein blondes Mädchen mit langen Zöpfen und großen blauen Augen wurde ein wenig rot und lächelte. Olaf Olafsen warf Britt einen kurzen Blick zu. Britt war ein hübsches, gesundes Mädchen und sie hatte sogar Ähnlichkeit mit Grete, aber sie war nun einmal nicht Grete.
“Nein, ich möchte Grete heiraten. Grete oder gar keine, verstehst du?”
“Herrgott, Grete ist doch noch ein Kind!”, brüllte der Bauer und kippte seinen nächsten Schnaps herunter.
“Er hat recht, Olaf Olafsen”, meinte die Bäuerin beschwichtigend. “Grete ist wirklich noch zu jung zum Heiraten. Sie kann noch nicht einmal Kinder bekommen.”
“Doch, Mama”, lächelte Grete, die sich bis dahin aus der Diskussion herausgehalten hatte. “Seit diesem Sommer.”
“Möchtest du denn wirklich Olaf Olafsen heiraten, von hier wegziehen und auf irgendeiner Insel weit weg von uns leben?”, fragte die Bäuerin ungläubig.
“Doch, ich könnte es mir vorstellen”, lächelte Grete ihr rätselhaftes Lächeln und Olaf Olafsen war nach diesen Worten der glücklichste Mann der Welt.
“Sie ist viel zu jung, um die Tragweite einer solchen Entscheidung schon begreifen zu können!”, rief der Bauer aus und leerte in einem Zug das nächste Schnapsglas.
