Wyvern - Veronika Serwotka - E-Book
Beschreibung

»Du hast sicherlich schon von den Reitern gehört?« »Gerüchte, ja. Blutreiter vom Roten Gebirge. Menschen, die ihre Seelen der Wilden Jagd verkauft haben, derer sie nun dienen. Schauermärchen.« »Ganz und gar nicht. Wie so oft versteckt sich die Wahrheit in einer Hülle aus Hirngespinsten und Legenden.« Der unehrenhafte Tod Jergan van Cohens liegt lange zurück. Sein Zögern, einen Blutreiter zu töten, wurde ihm im Kampf gegen dessen Wyvern zum Verhängnis. Tarik verschreibt sein Leben dem Ziel, den Namen seines Vaters reinzuwaschen. Als Jäger will er sich und seinen zehnjährigen Bruder Quirin aus den Armenvierteln Canthars herausbringen – doch obwohl er zu den besten Schülern der Akademie gehört, will ihm die Kommission die Zulassung zur letzten Prüfung erneut verweigern. Sein Mentor Khaled setzt sich für ihn ein, doch da verstößt Quirin gegen eines der strengsten Gesetze der Stadt. Er versteckt das Ei eines Wyvern in einer Grotte. Und die geflügelte Echse schlüpft.

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Inhalt

Die Autorin

Vereinfachtes Schema der Cantharischen Jagd

Prolog

1. Morguns Zelle

2. Der Weg des Jägers

3. Die Tochter Canthars

4. Unzulässige Entscheidung

5. Das Herz eines Kindes

6. Ungeborene Rebellion

7. Gefährliches Potenzial

8. Schlammerstickte Königin

9. Geschöpfe aus eisigen Gefilden

10. Ernüchternde Begründung

11. Der Barde und der Narr

12. Wahre Absichten

13. Neues Leben

14. Schwelende Ungewissheit

15. Schamvolle Lektion

16. Unbarmherzige See

17. Ein Stein kommt ins Rollen

18. Beginnende Festlichkeiten

19. Verdichtende Ereignisse

20. Unwiderrufliche Entscheidungen

21. Ausbruch

Glossar

Dramatis personae

Danksagung

Veronika Servotka
Wyvern
                     Das Streben                          des Jägers

Wyvern 1 – Das Streben des Jägers E-Book-Ausgabe  4/2017 Copyright ©2017 by Eisermann Verlag, Bremen Umschlaggestaltung: Juliane Schneeweiss Illustrationen: Janina Robben Satz: André Piotrowski Lektorat: Christine Hochberger Korrektur: Marie Weißdorn http://www.Eisermann-Verlag.de ISBN: 978-3-946172-99-4

Die Autorin

Veronika Serwotka wurde 1992 geboren. Sie ist ausgebildete medizinisch-technische Analytikerin der Funktionsdiagnostik, hat ein Fernstudium zur Drehbuchautorin abgeschlossen und bereits mehrere Kurzgeschichten und Romane veröffentlicht.

Mehr zur Autorin unter:

Vereinfachtes Schema der Cantharischen Jagd

Primo: Ein Verbund besteht stets aus fünf unterschiedlichen Untergruppen von Jägern.

1. Sucher: Fährtenleser und Architekt ausgeklügelter Fallen, um den Wyvern ausfindig und flugunfähig zu machen. Meist gesondert ausgebildet. Oftmals wird diese Aufgabe aber von den anderen Mitgliedern des Verbundes ergänzt, oder sogar völlig übernommen.

2. Reißer: Waffe ist die Sciss, eine Klinge oder Klaue am Ende eines langen Seiles aus Wyvernsehnen, mit der der Reißer das am Boden gefesselte Echsentier bis zur Weißglut reizt. Meist vier Reißer pro Verbund, für jede Himmelsrichtung, aus der der Wyvern angegriffen wird.

3. Fäller: Waffe ist der Iacter, ähnlich der azunaíschen Armbrust. Größe kann stark variieren. Der Fäller unterstützt die Reißer in ihrer Aufgabe, kann die Jagd im Verlauf durch einen Goldenen Schuss aber auch vorzeitig beenden. Mindestens ein, meist zwei bis drei Fäller pro Verbund.

4. Gnadenbringer: Waffe ist die Trilanze, ein Speer mit drei Klingen, um dem gefesselten und blindwütigen Wyvern an seinen Schwachstellen den Gnadenstoß zu versetzen und ihm endgültig den Garaus zu machen. Meist zwei Gnadenbringer pro Verbund.

5. Schlitzer: Im Volksmund »fleischlicher Gärtner« genannt, erntet die noch im Tod gefährlichen Teile vom Kadaver des Wyvern, so beispielsweise die Säuredrüsen. Macht somit den Transport des Kadavers erst möglich.

Secundo: Die Aufgaben der einzelnen Mitglieder des Verbundes sind klar strukturiert und bauen aufeinander auf. Der Sucher macht die Echse ausfindig und sorgt mit seiner Fallenkonstruktion dafür, dass sie flugunfähig gemacht wird. Anschließend müssen die Reißer die Beute derart zur Wut treiben, dass sie von ihrer gefährlichsten Waffe, dem Speien tödlich ätzender Säure, Gebrauch machen will. Dazu muss das Echsentier seine Flügelkrallen am Boden aufsetzen, den Hals recken und den Rachen öffnen. In diesem Moment kann ein geschickter Fäller es mit dem Goldenen Schuss töten. Gelingt dies nicht, ist es die Aufgabe des oder der Gnadenbringer, dem Ungetüm den Todesstoß zu versetzen. Im Anschluss verrichtet der Schlitzer seine essenzielle Arbeit.

Die Jagd nach einem Wyvern stellt eine Meisterleistung zwischenmenschlicher Zusammenarbeit dar. Das Schema bleibt im Grundsatz gleich, nie aber ist eine Jagd wie die Vorhergehende. Der Tod ist im Angesicht solcher Bestien allgegenwärtig.

Lehrbuch der Jagd Band 1, Auflage 21 Ignis Singer

Prolog

Khaled spähte durch das flache Kronendach zu den weich gezeichneten Wolken eines hellen Himmels hinauf und zog die Brauen zusammen. Eine schmale Gestalt spannte ihre ledernen Schwingen und segelte an der kleinen Baumgruppe vorbei. Heißer Wind trieb ihm den roten Staub der Steppe in die Augen, aber er blinzelte kein einziges Mal. Im Hintergrund hob sich die Silhouette der Stadt Canthar majestätisch vom Horizont ab.

»Es ist das Männchen«, hörte er Gunar sagen. Der Sucher ihrer Gruppe blähte seine Nasenflügel und verzog das Gesicht. »Diesmal kriegen wir das Biest.«

Khaled erlaubte sich ein Grinsen. Er griff nach seiner Trilanze und fuhr mit der Fingerkuppe über die scharfe Spitze. Die Waffe blitzte im Sonnenlicht auf und enthüllte ihren grausamen Blutdurst. Der dreifache Speer hatte schon so vielen Wyvern den Tod gebracht, dass Khaled sich an die meisten gar nicht mehr erinnern konnte.

Sein Hass gegenüber den fliegenden Reptilien war grenzenlos, seine Gier nach deren Ausrottung ebenfalls. Doch es war ein langer Weg dorthin. Er musste vermutlich noch viele Male mit seinem Verbund ausrücken, ehe sie den Hauptbrutplatz der Wyvern ausfindig machen würden.

Angespannt beobachtete er zwischen den dünnen Stämmen hindurch, wie die Gestalt immer kleiner werdende Kreise zog und tiefer herabsank.

Khaled schlich sich an den Rand der Baumansammlung, um besser sehen zu können. Die Trilanze war im Schraubstock seiner Faust gefangen und neigte ihre drei Spitzen in Richtung der Beute, als könne sie das Losstürmen ihres Trägers kaum erwarten.

Jemand trat neben ihn. »Ruhig Blut, Gnadenbringer«, beschwichtigte ihn eine Frau, die ihm gerade bis zum Kinn reichte. Ihr schlanker Körper war bis auf den letzten Flecken Haut mit einer dünnen Schicht Wyvernleder bedeckt. Mit der Maske und den dicken Kristallgläsern der Schutzbrille wirkte sie beinahe wie die Miniatur einer Echse. Ihre grünen Augen, unentwegt auf den Wyvern gerichtet, blitzten auf, und ihre freie Hand schwebte über der Brille, die sie zur Stirn hochgeschoben hatte. In der anderen Hand hielt sie die fingerdicke Sehnenschnur der Sciss, einer Waffe der Reißer. Die Wyvernkrallen an deren Ende neigten sich scheinbar ihrer Beute entgegen, hungrig nach Blut, gierig nach Schmerz. Sie alle hatten ihre eigene Geschichte.

Khaled bemerkte aus den Augenwinkeln, wie die Reißerin die Schutzbrille über die Augen schob und nach vorn schlich. Sie ließ die Sehnenschnur der Sciss durch ihre Finger gleiten und begann sie zu schwingen, während der Wyvern, von dem betörenden Duft eines paarungswilligen Weibchens angelockt, zur Landung ansetzte.

Um sie herum machten sich die anderen Mitglieder des Verbundes bereit. Alle beobachteten die geflügelte Bestie, wie sie der Attrappe eines Nestes näher kam, den langen Schwanz hinter sich her peitschend.

Die wichtigste Regel der Jäger war, sich nie auf einen Kampf gegen einen fliegenden Wyvern einzulassen. Aus der Luft waren sie den Menschen um ein Vielfaches überlegen. Deshalb musste jede Jagd sorgfältig geplant werden. Meistens lag es am Sucher, einem erfahrenen Fährtenleser, die Beute ausfindig zu machen.

Sobald die Krallen des Wyvern über die Attrappe schrammten, wurden die Fallen aktiviert. Gunar erwies sich hier stets als wahrer Meister.

Eiserne Fesseln wurden in diesem Augenblick durch Sprungfedern aus der tarnenden Staubschicht geschleudert. Doch das Reptil bewies eine unglaubliche Reaktionsschnelligkeit, nur eine der metallenen Klammern schloss sich um den Hinterlauf des Wyvern.

Ein schrilles, ohrenbetäubendes Brüllen brandete gegen Khaleds Trommelfell. Das Blut in seinen Adern siedete bereits und er musste sich zwingen, nicht gleich loszustürmen und der Echse die Trilanze ins Herz zu rammen.

Die vier Reißer des Verbundes preschten vor und formierten sich blitzartig wie flüssiges Pech um den Wyvern. Der wand sich rasend vor Zorn, brüllte, peitschte den gehörnten Schwanz hin und her, schlug ihn dröhnend auf die Erde, riss an seiner unnachgiebigen Fessel.

Die Reißer schleuderten ihre Waffen gegen die Flanke des mächtigen Wesens. Durch das Sehnenseil konnten sie nur wenig Druck auf die Krallenspitze ausüben, wodurch die meisten Angriffe wirkungslos abprallten. Einige aber, offensichtlich genügend, drangen zwischen die winzigen Kerben der Schuppen und rissen sie brutal heraus. Dunkles Blut sprühte in den Staub der Steppe, klatschte gegen die kristallgläsernen Brillen und ledernen Rüstungen der Reißer.

Gefesselt, umzingelt und rasend vor Wut und Angst, ließ sich das Männchen auf die kleinen Krallen seiner Flügel nieder und fauchte den vorderen Reißer an. Im nächsten Moment ertönte ein Zischen, als winzige Tröpfchen wie Pfeile aus dem Rachen schossen. Sie glitzerten wie Kristalle auf, aber der vorderste Reißer wich ihnen geschickt aus. Die wenigen Tropfen, die ihn berührten, flossen wirkungslos an seinem geschuppten Schutz ab.

Ein Knallen neben Khaled offenbarte den Abschuss des Iacters. Der kurze, gefiederte Bolzen pflügte durch die Luft und schlug dumpf durch den Schuppenpanzer. Der Fäller begann sofort, an seinem Iacter zu kurbeln und ihn erneut zu spannen, bereit, einen zweiten, vielleicht tödlichen Schuss abzugeben.

Khaled aber stürmte vor, angetrieben von seiner Mordlust. Sein Moment war gekommen!

Es war dem Fäller nicht gelungen, den Augenblick zu nutzen, als der Wyvern Säure spie. Nun war es an ihm, dem Gnadenbringer, die Echse auf die Erde zu nageln.

Er hob die Trilanze vor die Brust und flog nur so über den roten Boden. Die Reißer formierten sich neu, um ihm Platz zu machen. Platz, den er benötigte, damit seine Trilanze die Luft und das Fleisch der Beute zerschneiden konnte. Er war berühmt für seine kräftigen Hiebe, die schon so manchen Panzer hatten zerbersten lassen.

»Reiter!«, ertönte plötzlich Gunars gellender Ruf, als Khaled nur noch wenige Meter von dem verletzten Ungetüm trennten.

Er blieb schlitternd stehen und riss den Kopf in die Höhe. Dort! Aus Richtung des Roten Gebirges näherte sich rasch eine kleine Gruppe berittener Wyvern.

Der gefesselte Wyvern hob kreischend den Kopf.

»Nein! Diesmal nicht!«, brüllte Khaled zornig und wollte erneut losstürmen, als er von den Reißern gepackt und weggeschleift wurde.

»Khaled, bist du wahnsinnig? Komm schon!«, rief ihm jemand ins Ohr.

Er versuchte, sich zu befreien und schnaubte wie ein durchgedrehter Wisent. »Lasst mich los! Ich bringe dieses Biest um! Lasst mich los, verdammt noch mal!«

»Krijn, tu etwas!«, waren die letzten Worte, die er vernahm, bevor er einen kurzen, stechenden Schmerz an seiner Schläfe spürte. Die dunklen Punkte der Herannahenden explodierten, bis sie sein gesamtes Gesichtsfeld einnahmen. Er sackte kraftlos in sich zusammen. Etwas in ihm protestierte wild. Er wollte gegen diese Verräter kämpfen. Wollte sie endlich stellen und nicht erneut fliehen wie ein verängstigter Bilgot. Wollte den Mord an seiner Verlobten rächen.

Alles versank in Schwärze.

1. Morguns Zelle

Hass.

Welch’ ungebändigt, mächtig Wort.

Treibt es doch den Geist voran, in eine Richtung nur.

Umso gewaltiger die Kraft der Zerstörung.

Vereinsamt das Geschöpf, das vergiftet durch dies Strohfeuer seines Herzens, welches es erblinden lässt, gegenüber der Wahrheit?

Er ließ die Feder über dem Pergament schweben und starrte auf die Worte. Ein Tropfen bildete sich an der metallenen Spitze, wuchs und löste sich schließlich. Ein kaum hörbarer Laut zitterte durch die schwüle Luft, als die Tinte auf das Pergament fiel, sich in die Fasern fraß und ausbreitete.

Der Fluch der Zweifel lastete auch auf ihm, Tarik van Cohen. Seine Worte waren der Beweis. Er verharrte und verkrampfte seine Finger um den Kiel. Nein. Er konnte sich weder Worte noch Zweifel leisten. Kompromisslos riss er das Pergament entzwei und warf es in die Glut, wo es schon bald zu Asche zerfiel. Die glimmenden Kohlen ätzten in seinen Augen und fraßen sich in seine Iris, ohne dass er den Blick hätte abwenden können.

Er musste seine Unsicherheit endgültig abstreifen, sollte er jemals in den ehrenvollen Orden der Jäger eintreten dürfen. Ganz gleich, was dies auch bedeuten mochte.

»Tarik?«, erklang eine kindliche Stimme hinter ihm. Er seufzte innerlich und wandte den Kopf.

Im Türrahmen stand ein Junge, um dessen dünne Beine ein Nachthemd flatterte. Das kurze braune Haar stand wirr ab. Er machte einen recht zerknautschten Eindruck.

»Wieder ein Albtraum, oder kannst du einfach nicht schlafen, Quiri?«, fragte Tarik sanft.

Der Junge kam näher. Seine nackten Füße tapsten über den Holzboden und Schatten rollten über sein bleiches Gesicht. Er setzte sich auf das Wisentfell vor dem Kamin, zog die Knie an und spannte das Nachthemd darüber. »Ich hab dir gesagt, du sollst mich Quirin nennen«, grummelte der Kleine verärgert.

Tarik musste schmunzeln, als er sich neben seinen Bruder setzte und mit ihm in die glimmenden Kohlen blickte. »Das macht keinen großen Unterschied.«

»Und ob, der Unterschied ist gewaltig! Quiri ist der Kosename für ein Baby. Du musst den letzten Buchstaben von Quirin betonen, dann klingt es ehrenhaft. Und männlich!« Der Kleine funkelte ihn herausfordernd an.

Tarik lächelte und strich Quirin übers Haar. »Du bist aber noch kein Mann, Quiri, und darüber solltest du dich freuen. Geh ins Bett, sonst verschläfst du wieder.«

Das Gesicht seines Bruders glättete sich ein wenig. Abwesend sah er an ihm vorbei. »Ich vermisse Vater.«

Die Worte schwebten schwer im Raum und ein Kloß bildete sich in Tariks Hals. Er zog die Augenbrauen zusammen, als er das Bild des Mannes beschwor, das er sich für immer bewahren wollte. Ein Gesicht, in das sich tiefe Falten der Freude gegraben hatten und dessen Züge von einem ausgelassenen Lachen beherrscht gewesen waren, nicht entstellt von getrocknetem Blut und einem endgültigen Schmerz.

Er hatte seinen Vater verloren und eine Aufgabe erhalten. Seitdem musste er für sich und seinen jüngeren Bruder sorgen. Ein Grund mehr, dieses Mal, nach zwei abgewiesenen Jahren, um die Abschlussprüfung zum Jäger zu kämpfen.

Einmal mehr wunderte er sich, wie deutlich sich Quirin an ihren Vater erinnern konnte. Er war damals noch so unglaublich klein gewesen. »Kannst du deshalb nicht schlafen?«

Der Junge sah zu ihm auf. Sein Gesicht wirkte entschlossen. »Edy hat gesagt, er wäre von einem Wyvern getötet worden, weil er gezögert hätte, seinen Reiter zu erschlagen. Ist das wahr? Das hast du mir nie gesagt. Du hast nur gesagt, dass er von einem Reiter der Wilden Jagd getötet worden ist.«

Tarik zögerte, aber es hatte keinen Sinn, es abzustreiten. »Es tut mir leid. Du warst noch ein Kleinkind.« Er hatte Angst davor, was Quirin fragen könnte. Ob ihr Vater zu feige gewesen war, oder zu schwach.

»Mh. Das muss schwer gewesen sein.«

Tarik sah ihn seitlich an. »Wie meinst du das?«

Quirin griff nach seinen Zehen und legte den Kopf auf den Knien ab. »Vater hat keinen Reiter töten wollen. Aber dann wurde er getötet, obwohl er wusste, dass er uns allein lassen würde. Wenigstens war er kein Mörder.«

Tarik schluckte und fühlte sich auf einmal unendlich schwer. Er hasste seinen Vater nicht, aber er machte ihn dennoch dafür verantwortlich, sie für einen Reiter im Stich gelassen zu haben. Quirin dagegen empfand sein Scheiden als etwas Ehrenhaftes.

Er schloss kurz die Augen. Was dachte sich sein Bruder eigentlich? Die Reiter waren Verräter, sie überfielen die jagenden Verbunde, Karawanen und Dörfer. Sie waren diejenigen, die den Kampf begonnen hatten, nicht die Jäger. Und jeder, der den Verrätern half, wurde ausgestoßen. Auch wenn sie für das Handeln ihres Vaters nicht verantwortlich gewesen waren, hatte man ihn und Quirin aus der Siedlung der Jäger, der Kuppelsiedlung, in den unteren Teil der Stadt verbannt, wo sie sich nichts weiter als eine baufällige, kleine Hütte inmitten tausend anderer leisten konnten. Jergan van Cohen hatte seine Söhne entehrt und allein zurückgelassen. Und wofür? Damit Quirin nun sagen konnte, er war kein Mörder? Tarik seufzte. »Er hat es uns jedenfalls sehr schwer gemacht. Ohne Khaled wüsste ich nicht, wo wir heute wären.«

»Khaled ist immer so stur.«

»Wir haben ihm viel zu verdanken. Sei nicht undankbar.«

»Ich bin nicht undankbar. Aber er hat nicht das Recht, über uns zu bestimmen. Vielleicht fühlt er sich ja schuldig und hilft uns deswegen?« Sein Bruder sah ihn trotzig an.

Tarik schubste ihn. »Bestimmt spielt das eine Rolle, aber nicht nur. Seit Cynthia …«, er stockte, als sein Herz bei dem Klang dieses Namens stolperte, »Seit Cynthias Tod ist er uns eigentlich zu gar nichts verpflichtet. Aber er war immer für uns alle da. Und nachdem Vater gestorben ist, hat er …«

»Ich weiß, ich weiß. Ich bin froh, dass Khaled da war. Ich finde nur …« Auch Quirin schien nach Worten zu ringen. »Ich finde, er nimmt einfach alles zu ernst.«

»Die Wyvern haben unsere Schwester getötet. Cynthia war seine Verlobte.«

»Ja doch, Tarik. Er hasst die Wyvern und will sie ausrotten und alles. Aber ich finde, na ja, ich finde, das ist nicht gut, was wir mit ihnen machen. Wir sperren sie ein, züchten sie in engen Käfigen, quälen sie und töten sie in den Arenen. Ich sehe ihnen in die Augen und habe das Gefühl, dass sie Angst haben. Sie flehen. Ich will ihnen eigentlich nur helfen, aber das wäre gegen die Regeln …«

»Quirin!«, zischte Tarik erschrocken und sah sich hastig um. »Bist du verrückt geworden? So etwas darfst du nicht einmal denken! Die Wyvern sind wilde Bestien, die unseren Vater und unsere Schwester ohne zu zögern ermordet haben!«

»Ja, aber sie waren doch beide Jäger …«

»Genug! Ich werde dir morgen beweisen, wie grausam diese Monster sind. Jetzt geh ins Bett, es ist schon spät.« Er drosselte seine Stimme. »Morgen nach dem Unterricht hole ich dich und wir gehen zur Arena.«

Der Junge sprang auf und wollte wütend davonstürmen, blieb aber in der Tür stehen und griff an den Rahmen.

Tarik wartete geduldig, bis sein Bruder sich nach einer Weile umdrehte.

»Tarik … wieso bringt man uns in der Schule eigentlich bei, dass die Reiter Dämonen der Wilden Jagd sind? Das sind sie doch nicht wirklich?«

»Nein, das sind nur Legenden, die sich über die Jahre entwickelt haben. Reiter sind Menschen wie du und ich. Sie haben die Jäger und Canthar verlassen, um mit den Wyvern zu leben. Dass sie Dämonen sind, die aus rotem Nebel entstehen und schwarze Wyvern reiten, um Rache an den Cantharern zu nehmen, sind Gruselgeschichten.«

»Aber wieso erzählt man es uns dann so?«

»Die einen wissen es nicht besser, andere wollen es nicht besser wissen, manche wissen es, bevorzugen aber diese Geschichten. Es ist zum Großteil Tradition, es so an die Kinder weiterzureichen, damit sie Angst vor der offenen Steppe haben. Mach dir nichts draus, Quirin, ich habe auch daran geglaubt.«

Der Junge sah nachdenklich vor sich hin, dann nickte er und ging ohne ein weiteres Wort ins Schlafzimmer.

Tarik erlaubte sich ein leises Seufzen, als er sich wieder einmal bewusst machte, dass die Zweifel seiner Familie vor allem vor dem jüngsten Mitglied nicht haltmachten. Quirin besaß von ihnen allen den größten Starrkopf.

Noch bevor der erste Sonnenstrahl auf die Erde fiel, war Tarik aufgewacht. Er schlug die dünne Stoffdecke zurück und lief barfuß aus dem winzigen Zimmer. Nur zwei schmale Betten fanden darin Platz.

Sein Bruder lag noch in tiefem Schlummer.

Tarik schloss leise die Tür hinter sich und nahm ein Hemd aus der Kommode, streifte es über, schlüpfte in eine dunkle, kniehohe Leinenhose und ein Paar Bundschuhe.

Der Tag versprach, heiß zu werden. Schon jetzt lag die Luft schwer auf seiner Lunge. Mit einem hölzernen Eimer trat er in den anbrechenden Sonnenaufgang hinaus. Die Lehmziegel der umliegenden Häuser glänzten ölig im Licht. Tarik blieb kurz stehen, um dem lodernden Ball am Horizont bei seinem Aufstieg aus dem Reich der Nacht Gesellschaft zu leisten.

Eine kleine Gestalt verschwand rasch hinter einem Regenfass, als er den Weg zum Brunnenplatz entlangschritt. Er lächelte, denn er hatte das zottelige Fell des Grimbalds erkannt. Der kleine Bär von der Größe eines dreijährigen Kindes linste mit seinen schwarzen Knopfaugen treuherzig um die Ecke und beobachtete Tarik.

Viele hielten Grimbalds für niedliche Wesen, Haustiere, doch in Wahrheit waren es äußerst eigensinnige Geschöpfe, die nur einen einzigen Herrn oder eine einzige Herrin anerkannten. Wer sich ihnen auf unrühmliche Weise näherte, bekam die messerscharfen Reißer schneller zu sehen, als ihm lieb war. Vor allem Fremde machten diesen Fehler allzu oft. Grimbalds lebten nur in diesem Teil des Landes und waren eine der unbekannteren Attraktionen. Der wahre Grund für die Heerscharen an Besuchern, die zurzeit Einzug in Canthar hielten, waren die alljährlichen Wyvernfestspiele, die vor der Tür standen.

Fünf Tage Jubel und Trubel in den Arenen. Gladiatorenkämpfe gegen Wyvern. Hinrichtungen von Mördern und Verrätern. So manch ein Jägerverbund würde zu Ruhm kommen, oder diesen mehren. Und er, Tarik, würde hoffentlich einer von ihnen sein. Nur eine letzte Prüfung trennte ihn noch von seiner eigenen Trilanze. Er würde ein Gnadenbringer sein, wie sein Vater und seine Schwester vor ihm.

Er erreichte den Platz mit dem Ziehbrunnen, hängte den Eimer an den Haken und ließ ihn am Seil hinab. Zu dieser frühen Stunde waren noch nicht einmal die Waschweiber am Werkeln. Sobald der Eimer gefüllt war, eilte er die staubige Straße zurück zu seiner Hütte, wobei er zur Silhouette des Hügels blickte, auf dem die Kuppelsiedlung der Jäger thronte. Dort, wo auch er und Quirin einziehen würden, sobald er die Rüstung eines Jägers trug. Noch höher hinauf ragte nur die Weiße Krone der Stadt, die Arena Valeria. Sie war die größte in Canthar; nur die grausamsten Wyvern und die wildesten Jäger erhielten dort die Gelegenheit, unsterblich zu werden.

Der Grimbald verfolgte ihn auf lautlosen Pfoten. Wie ein schwarzer Schatten huschte er von Hauswand zu Hauswand, verbarg sich hinter Bänken und Blumentöpfen und ließ ihn nicht aus den Augen. Bevor Tarik seine Hütte betrat, lächelte er dem Geschöpf zu. »Mach’s gut, Kleiner. Schenk deiner Herrin einen lieben Gruß.«

Er schloss die Tür hinter sich. Rasch schüttete er den Großteil des Wassers in einen Kessel, der über der Feuerstelle hing. Den Rest stürzte er selbst hinunter und verzog das Gesicht, als der fade Geschmack sich auf seine Zunge legte.

Er entfachte ein kleines Feuer. Quirin sollte abgekochtes Wasser zu trinken bekommen. Anschließend angelte er eine pfirsichähnliche Moe aus der Fruchtschüssel und biss in das süße Fleisch. Noch während er aß, schnappte er sich seinen ledernen Armreif von der Kommode, warf seinen gepackten Rucksack über die Schulter und machte sich auf den Weg.

Die Ausbildung zum Jäger begann erst zu einer späteren Stunde, doch um die Geldbörse für Quirin und sich ein wenig zu füllen, arbeitete er zuvor in den Zwingern Telamons, der nicht gerade für seine Geduld bekannt war. Er musste sich sputen.

Sobald er aus dem Wohnviertel auf die Nebenstraße des gepflasterten Hauptweges getreten war, trennte ihn noch ein kurzer Fußmarsch an einer der vielen kleinen Arenen vorbei vom Tor des Telamons. Hier im unteren Teil der Stadt zwängten sich Wohnsiedlungen neben Zwinger und kleine Händler. Die wahren Attraktionen lagen auf den drei Hügeln der Stadt. Zum einen die Arena Valeria, die als Weiße Krone über Canthar auf dem höchsten Gipfel thronte. Zum anderen die Kuppelsiedlung der Jäger und das imposante Herrenhaus des Bürgermeisters, die sich den doppelhügeligen zweithöchsten Platz der Stadt teilten. Gwalhir van Sidahan, der Bürgermeister, besaß den mit Abstand schönsten Garten im Fürstentum Lyth’ Airyn, wobei die Grünanlage in der Kuppelsiedlung ebenfalls nicht zu verachten war.

Zwei Wachen, die weitkrempige Strohhüte zum Schutz gegen die Sonne trugen, grüßten Tarik am Eingang des Zwingers. Sie saßen auf kleinen, verzierten Hockern und konnten jederzeit nach einer Erfrischung rufen. Telamon mochte aufbrausend sein, aber ein Tyrann war er nicht. Tarik kannte sich damit inzwischen gut aus. Letztes Jahr hatte er in den Zwingern einer mittelgroßen Arena geschuftet, war sich dort allerdings wie ein Sklave vorgekommen. Für den unerheblich höheren Lohn hatte er mit Peitschenhieben bezahlt, die dünne Narben zierten noch immer seinen Rücken.

Im Schatten eines Blätterdaches betrat er den Gang der Bediensteten, der zu einer steinernen Treppe und über diese ins Erdreich führte. Die Luft war voller Staub und wurde zusätzlich von Fackeln erstickt. Tarik überreichte einer alten Frau, die am Fuße der Treppen auf einem Schemel saß und in einem zerfledderten Buch geblättert hatte, seinen Rucksack.

»Guten Morgen, Junge. Die Viecher sind heute ein wenig aufgekratzt. Tut mir leid.«

»Was tut Ihnen leid, Frau Ella?«

Sie deutete mit ihren runzligen Fingern den matt erleuchteten Flur hinunter. »Der Herr hat ausdrücklich verlangt, Morguns Käfig auszumisten.«

Tarik schluckte. Morgun war einer der wenigen Wyvern in Telamons Zwingern, deren Säuredrüsen nicht entfernt worden waren. Bei Hinrichtungen wurden Wyvern eingesetzt, die ihre Opfer nicht so leicht töteten, sondern sich mit ihren Zähnen und Krallen eingehend mit den Mördern und Verrätern beschäftigten. Die Wyvern, die in Gladiatorenkämpfen gegen Jäger geschickt wurden, sollten hingegen noch im Vollbesitz ihrer Fähigkeiten sein. Also schnitt man die Drüsen erst kurz vor dem Kampf heraus, und auch nur, um die Zuschauer zu schützen.

»Bist ein guter Junge, Tarik. Wär schade, dich vom Boden wischen zu müssen. Ich schick dir Bullco runter, der soll dir helfen.« Die Alte zog an einer Schnur. Irgendwo erklang ein glockenhelles Klingeln.

»Danke, Frau Ella.« Tarik ging in einen kleinen Nebenraum, an dessen Wänden Schutzkleidung aus Wyvernleder hing. Er warf sich ein unförmiges Wams über, schlüpfte in eine schwere Hose, deren Latzträger nur aus Stoff bestanden und nachträglich befestigt worden waren, und tauschte seine Bundschuhe gegen viel zu große Stiefel. Über den Kopf zog er eine Haube, deren freien Spalt er mit einer Brille aus Bergkristall verdeckte.

Er war jedes Mal froh, sich nicht selbst sehen zu müssen, denn als Bullco kam, bestätigte dessen brüllendes Gelächter sein lächerliches Aussehen, als er mit Schaufel und Eimer durch den Türrahmen trat.

Der grobschlächtige Hüne eines Wächters schlug ihm glucksend auf die Schultern und wischte sich mit der anderen Hand Tränen aus den Augen. »Van Cohen, du verdammter Kerl! Könntest glatt als hässlicher Wyvern durchgehen!«

»Lass die Witze Bullco, du sollst dem Jungen helfen, Morguns Zelle zu schrubben«, rief Ella von hinten.

Das Grinsen troff von Bullcos Gesicht. »Was? Frau Ella, das …«

»Komm schon Bullco, ich muss noch zur Akademie.« Tarik stapfte schwerfällig den Gang hinunter. Eine Eisentür versperrte den Weg in die Zellen. Bullco musste den Schlüssel dreimal drehen, ehe er die Tür aufstemmen konnte.

Ein beißender Gestank nach den Ausscheidungen der Kreaturen waberte ihnen entgegen.

Der Wächter würgte und presste die flache Hand auf seine Nase.

Tarik verengte die Augen zu Schlitzen und ging voran. Links von ihm befanden sich die einzelnen Zellen. Die Wyvern wurden streng nach Geschlecht getrennt. Selbst in den Zuchtfarmen, in denen die meisten von ihnen geboren und aufgewachsen waren, bevor Telamon sie für die Arena gekauft hatte, durften Wyvern ab einem bestimmten Alter nur zu Paarungszwecken zusammenkommen.

Dicke Eisenstäbe hielten die Bestien in ihren Löchern. Ohne die ätzende Säure aus ihren Rachen hatten sie keine Chance, sich zu befreien und durften sich auf den erbärmlich wenigen Quadratmetern frei bewegen.

Zartes Licht und ein wenig frische Luft flatterten durch winzige Öffnungen in der Decke herein und boten den Schatten Platz zum Tanzen.

Tarik und Bullco ignorierten die Abzweigungen in die Tiefe der Zwinger. Der staubige Flur verjüngte sich und die steinernen Mauern wichen nacktem Lehm. Eine kreisrunde Höhle ergoss sich vor Tarik und seinem Begleiter in das Reich der Erde, geflutet vom Schein eines kleinen Feuers in der Mitte.

Ein greiser Wächter starrte in die Flammen, das dünne Haar rötlich glänzend. »Ich bin informiert. Morgun erwartet euch bereits«, krächzte er heiser, ohne aufzublicken.

Tarik holte tief Luft und steuerte auf einen von etwa einem Dutzend Vorhängen in der Wand zu. Kleine Finger hatten Morgun in den Lehm geritzt.

Der Vorhang bestand aus Wyvernhaut und trug noch die leuchtenden, kleinen Schuppen der Echse. Er sollte das Licht daran hindern, in die Zelle zu dringen, die etwa zweimal so groß war wie die der gestutzten Wyvern.

Bullco befestigte den Vorhang an einem Haken.

Tarik spähte durch eine dicke Kristalltür in das Loch Morguns. Wahrscheinlich hatte das plötzliche Licht das Untier geweckt, denn im Halbdunkeln erkannte er ein Paar rot glühende Augen.

»Nur um das klarzustellen, ich gehe da nicht rein«, brummte Bullco.

»Hätte mich auch sehr gewundert«, gab Tarik gelassen zurück.

»Du kleiner Klugscheißer hältst mal lieber die Klappe! Schwing den Lappen und tu gefälligst deine Arbeit«, grollte der Wächter ärgerlich, wobei er einen Schritt zur Seite trat, um Platz zu machen.

Tarik schwitzte schon jetzt unter dem dicken Leder und umklammerte den Griff der Kristalltür. »Leuchte mir rein, damit ich Ella guten Gewissens sagen kann, dass du mir eine große Hilfe warst«, spöttelte er, bevor er die Tür öffnete, Schaufel und Eimer packte und sich in die Zelle wagte. Langsam tastete er sich voran und schaute angestrengt nach vorn.

Die roten Augen verfolgten jeden seiner Schritte.

Während sich seine eigenen an die spärlichen Lichtverhältnisse gewöhnten, erschienen immer mehr Details.

Der Kopf des Wyvern schwebte etwa einen Meter über dem Boden. Der kräftige Hals und der Rest der Bestie verloren sich in der Dunkelheit. Es stank grauenerregend. Das Stroh, vermischt mit den Ausscheidungen des Reptils, türmte sich zu Tariks linker Seite auf Hüfthöhe.

Aus den kleinen Löchern in den Wänden verspürte er einen leichten Windhauch. Ein leises Grollen brachte ihn zum Stehen. Das Augenpaar fixierte ihn. Er erkannte die schwarzen Schlitze der Pupillen.

Auf einmal wurde die Zelle vom Fackelschein geflutet. Ein jähes Brüllen ließ die Höhle erzittern und Morguns Kopf schoss nach vorn. Tarik stolperte erschrocken zurück, fiel über einen Strohhaufen und prallte auf den Rücken. Nur eine Armlänge trennte ihn von den Nüstern des Wyvern, der zornig an seinen Ketten riss und sich immer wieder aufbäumte.

»Mach die Fackel aus!«, rief Tarik und robbte zurück.

»Hä? Ich hab sie gerade erst geholt«, widersprach Bullco, der ihn überrascht musterte. »Was machste denn da unten?«, fragte er und offenbarte Tarik einmal mehr, was für ein dummer Riese er war.

»Du hast Morgun aufgeschreckt, du Trottel! Ihm direkt ins Gesicht zu leuchten, nachdem er tagelang kein Licht gesehen hat, war das Intelligenteste, was du machen konntest!«, gab er wütend zurück; auch um zu verbergen, wie tief ihm gerade das Herz in die Hose gerutscht war.

Er wusste zwar, dass Morgun und die anderen Wyvern angekettet waren und die Mäuler nur einen Spaltbreit öffnen konnten, um flüssige Nahrung zu sich zu nehmen, doch so oft war er noch nicht hier unten gewesen, um eine solche Attacke mit abgebrühter Fassung zu tragen.

»Na gut, bitteschön der Herr«, grummelte Bullco und wandte sich ab. Es wurde merklich dunkler.

Tarik rappelte sich mit rasendem Herzen auf und spähte durch das Kristall seiner Brille. Er schwamm bereits in seiner eigenen Suppe, ohne nur einen Spatenstich getan zu haben.

»Also Morgun, sei schön brav, damit ich hier ein wenig Platz schaffen kann«, murmelte er, mehr um sich selbst zu beruhigen, als den Wyvern zu beschwichtigen.

Er achtete darauf, der Bestie nicht zu nahe zu kommen.

Bullco erwies sich erstaunlicherweise doch als Hilfe. Er tauschte die mit Mist gefüllten Eimer gegen leere Behälter und lenkte ihn mit seinem sinnlosen Geschwafel ab.

So nah wie Tarik kam kaum einer einem Wyvern. Jedes Mal, wenn sein Blick das Untier streifte, wallte etwas in seiner Brust auf. Er sah Bilder vor seinem inneren Auge aufsteigen, die besser verborgen geblieben wären. Aber sie würden ihn nie mehr loslassen.

Er sollte Angst haben, wie zu Beginn, als er vor Jahren das erste Mal in einem Zwinger gearbeitet hatte. Damals waren er und Quirin in finanzieller Not gewesen und er hatte keinen anderen Ausweg gesehen, als den Dreck der Wyvern zu schaufeln.

Er hatte im Angesicht des Scheusals gestanden und so sehr gezittert, dass er zu keiner Arbeit taugte. Die nächsten Tage hatte er damit verbracht, anderen zuzusehen und sich an die Nähe der Wyvern zu gewöhnen. Zwar hatte es eine Weile gedauert, doch schließlich war er zu der Einsicht gekommen, dass gefangene Wyvern nichts mit den unbändigen wilden Bestien in seiner Erinnerung zu tun hatten. Es waren vielmehr erbärmliche Kreaturen, die die letzten Augenblicke ihres Daseins in winzigen Zellen fristeten und gebrochen und halb tot in die Arenen entlassen wurden. All die Verbrecher, die durch die stumpfen Zähne der Echsen ihre Bestrafung fanden, wurden durch deren jämmerliche Existenz verhöhnt.

Morgun war ein Wyvern, der noch nicht allzu lang im Zwinger saß. Erst vor ein paar Wochen hatten die Jäger vom Verbund Córas Fiach ihn gefangen und Telamon verkauft. Es war ein Auftrag gewesen, der dem Herrn des Zwingers zu viel Ruhm bei den Wettkämpfen in der Arena verhelfen sollte.

Morgun, der rotäugige Drache. Das starke Männchen, das noch all seine Lebensgeister besaß und kämpfen würde, bis auch die letzte seiner Schuppen zerbrochen war.

Tarik schickte Bullco mit einem weiteren Eimer fort und näherte sich dem Wyvern. Er war fast fertig, doch nun musste er in dessen Reichweite.

Seine anfängliche Angst war mit den Jahren verblichen. Die gestutzten Wyvern waren tatsächlich nicht mehr als Haustiere. Allerdings hatte Tarik noch nie das Loch eines Gladiatorenwyvern gesäubert. Er war näher an der Realität, als je zuvor. Mit zusammengezogenen Brauen starrte er Morgun in die Augen. Eine herausfordernde Geste, die der Wyvern aufgrund der Brille aber nicht wahrnehmen konnte. »Du weißt, ich bin nicht dein Feind«, flüsterte er gepresst. »Nicht hier unten. Aber ich freue mich schon auf den Tag, an dem wir uns in der Arena gegenüberstehen werden.«

Seine Worte waren voller Bitterkeit. Die Nähe Morguns erinnerte ihn schmerzhaft daran, was seine Artgenossen ihm angetan hatten. Unterdrückte Wut sickerte heiß durch seine Adern und er wollte gerade die Schaufel heben, als Morgun den Kopf hob und das Maul so weit öffnete, wie es ihm möglich war.

Tarik zwang sich, unbeeindruckt stehen zu bleiben, taumelte aber zurück, als ihn ein Schwall Säure hart an der Schulter traf. Er prallte gegen die Lehmwand und erwartete einen lähmenden Schmerz. Der allerdings blieb aus.

Morgun beließ es knurrend bei seiner Antwort und verzog sich in eine dunkle Ecke, sodass Tarik nur noch seine glühenden Augen sehen konnte. Zornig stützte er sich an der Wand ab und packte die Schaufel. Mit dem ersten Schritt fiel er der Länge nach hin. Ein Prusten trieb ihm das Blut in die Wangen.

»Van Cohen, du Trampel, bist du endlich fertig? Oder macht dich der liebe Morgun fertig?« Bullco lachte und wich dem Eimer aus, den Tarik auf ihn schleuderte.

Die Säure des Wyvern hatte seinen linken Latzträger weggeätzt, sodass ihm die Hose nur so um die Beine schlotterte. Er musste sie festhalten, um nicht wieder zu stolpern. »Sehr witzig. Lass uns gehen«, grollte er. Nachdem er die Kristalltür geschlossen hatte, zog er die Haube vom Kopf und atmete die abgestandene Luft ein. Sein Haar war klatschnass, die Hitze der Höhle tat ihr Übriges.

Ella begrüßte die beiden mit einem markerschütternden Schnarchen.

Bullco verzog das Gesicht und schüttelte sich beim Anblick der alten Frau, deren Kopf an der Wand lehnte. Das Buch war ihr aus den Fingern gerutscht.

»Gruslig«, wisperte er Tarik zu, der wortlos in die kleine Kammer ging, um sich aus dem Gefängnis stinkender Hitze zu befreien. Er machte sich an einem mit Wasser gefüllten Eimer frisch, so gut es ging.

Bullco wartete auf ihn. »Weck du sie«, befahl er ruppig.

Tarik wusste, dass der Wächter gehörigen Respekt vor Ella hatte und grinste.

Bullcos Augen blitzten gefährlich auf.

»Frau Ella, meine Arbeit ist getan«, sagte Tarik laut, ehe die Faust seines Gegenübers die Höhe seines Gesichtes erreichte.

»Wie, was?«, schreckte die Alte hoch. Sie blinzelte einige Male, dann gruben sich Falten eines Lächelns um ihren Mund. »Ah, gut gemacht, Junge. Gestern hat dieser andere Kerl panisch die Flucht ergriffen. Hat sich glatt in die Hosen gemacht! Sehr gut, ja. Nimm deine Sachen und komm morgen wieder«, ordnete sie an. Tarik deutete eine Verbeugung an, nahm den Rucksack entgegen und ging an ihr vorbei zu den Treppen.

Bullco folgte ihm schweigend. Oben stieß er Tarik zur Seite. »Kein Wort zu irgendwem, sonst bist du tot«, rief er im Vorbeigehen.

Der Wächter tat ihm leid. So groß und kräftig er auch war, wusste er sich nie anders zu helfen, als seine Muskeln spielen zu lassen. Er würde nie einen anderen Beruf ausüben können, als den eines Wächters oder Kriegers. Wahren Ruhm und wirklichen Respekt fand man weder hier noch da. Höchstens als Heerführer, aber Bullco war das Paradebeispiel eines niederen Soldaten, der nur blind Befehle ausführte.

Während Tarik durch den überdachten Hof zum Tor ging, streifte er den ledernen Armreif über die linke Hand. Das Symbol der Jäger war darauf eingebrannt und zeichnete Tarik als Schüler der Akademie aus. Ein Wyvern bildete mit seinem langen Körper einen Kreis, das Maul in scheinbarem Brüllen weit geöffnet. Eine Trilanze durchbohrte ihn von außen, sodass die drei Klingen genau in die Mitte des Kreises stießen.

Die Akademie lag in einem anderen Teil der Stadt. Sie drängte sich auf der Rückseite des Hügels der Kuppelsiedlung an die glatte Stadtmauer und bildete mit der Schule, die Quirin besuchte, einen abgegrenzten Bereich.

Die Sonne war bereits weitergeklettert und bedeutete Tarik, seine Schritte zu beschleunigen. Inzwischen war die Stadt erwacht und die Straßen voll von Besuchern, die die unzähligen Läden und Geschäfte stürmten, stets auf der Jagd nach einer neuen Überraschung, Sonderangeboten, oder Arbeit. Die Zeiten vor, während und nach den Festspielen spülten jedes Jahr viel Geld in die Kassen der Stadt, sicherten aber auch den Familien außerhalb zusätzliche Einkommen.

An einer Straßenecke hatte sich ein Stau gebildet. Ein Farmer trieb mit seinen Gehilfen eine Herde junger Wisentbullen durch die Gasse, wahrscheinlich, um sie zum Schlachthof zu bringen. Die Tiere, deren Fleisch ein Grundnahrungsmittel des Landes darstellte, wurden von Seilen zusammengehalten, schienen aber nicht in der Stimmung, ihrem Schöpfer gegenüberzutreten. Sie bockten und schwärmten in alle Richtungen aus, wobei sie ihre Artgenossen mitrissen und die Gehilfen in die Verzweiflung trieben. Die pelzigen Huftiere sorgten für lautes Gebrüll, heftigen Ärger und grobe Streitereien.

Tarik wich in eine Seitengasse aus. Hier wurde normalerweise der Müll gesammelt, deshalb achtete er darauf, wohin er seine Füße setzte.

Ein Zaun begrenzte die Sackgasse. Mit einem halbherzigen Sprung gelangte er auf die andere Seite. Er legte die Hände um die Träger seines Rucksackes und pfiff eine leise Melodie. Aus einem offenen Fenster folgte ihm der Blick eines neugierigen Malaks. Das Äffchen mit den großen haarigen Ohren hatte die Flügel angelegt und schmatzte laut an einer halbierten Moe. Die purpurfarbene Frucht spritzte ihren süßen Saft auf die staubige Erde. Das Tier leckte sich genüsslich über die Schnauze.

Nach einer Weile erreichte Tarik den Marktplatz. Pflastersteine formten einen großen Kreis, um den sich die Taverne Zur Goldenen Klaue, Gasthäuser, ein Bordell und unzählige Geschäfte drängten. Hier und da standen Gaukler und wirbelten Feuerzungen durch die Luft. Das Publikum war überschaubar und würde sich erst gegen Abend mehren, wenn Händler aus der ganzen Stadt hier zusammenkamen.

Nun war es nicht mehr weit zur Akademie, deren dunkle Ziegel schon zu sehen waren. Es ging sanft bergab. Am Fuße der Anhöhe befand sich das große, reich mit Schnitzereien verzierte Portal der Jägerschule. Eine Mauer, doppelt so hoch wie Tarik, schloss Canthars Herz der Bildung ein.

Eine schmale Tür, eingelassen in das mächtige Portal, führte ihn ins Innere. Es war eine kleine Welt für sich. Mehrstöckige Häuser aus Stein erhoben sich in den Himmel. Zwischen ihnen drängten sich eine breite Straße, kleinere Scheunen, Übungsplätze verschiedenster Arten, ausgelegt auf die vielen unterschiedlichen Aufgaben, die ein Jäger übernehmen konnte. Im Trakt der allgemeinbildenden Schule waren Gärten angelegt, in denen Pflanzen- und Kräuterkunde gelehrt wurde. Zuchttiere wurden in eigenen Gehegen gehalten, um den Schülern die Arbeit eines Farmers zu vermitteln. Werkstätten zeugten von der Vielfalt der Handwerksberufe. In einem Zelt, erbaut auf einer hölzernen Plattform, die auf dem kleinen See der Schule trieb, gewährte der Schamane Isgaroth Einblicke in seine Künste.

Canthar war nicht nur berühmt für seine Jäger und die Festspiele, sondern ebenso für den hohen Wert, der auf Bildung gelegt wurde. Jedem Kind in der Stadt, egal, aus welcher Schicht es stammte, wurde bei seiner Geburt ein Platz in der Schule zugeteilt, um den Grad an hochwertigen Arbeitern zu erhalten. Wer in einer anderen Stadt, in einem anderen Land, sein Glück versuchte, war als ehemaliger Bürger Canthars hoch angesehen.

Tarik war stolz, sich zu dieser Gemeinschaft zählen zu können. Noch mehr würde es ihn aber freuen, wenn er endlich zur Prüfung der Jäger zugelassen würde. Er war einer der ältesten Anwärter, aber nicht, weil er bisher immer durchgefallen war, sondern weil die dafür verantwortliche Kommission ihn bisher nicht zugelassen hatte. Er glaubte zu wissen, woran das lag.

Denn wie ein Jäger Ruhm und Ehre erlangen konnte, war auch die Gefahr, sein Leben bei der Jagd zu verlieren, enorm. Er war das einzige Familienmitglied, das Quirin noch besaß. Sein Bruder war nicht alt genug, um auf sich selbst aufzupassen. Er musste erst die Schule abschließen und sich für eine Spezialisierung, ob als Farmer, Handwerker, Soldat, Händler, oder Jäger, entscheiden, ehe er als vollwertiges Mitglied der Stadt anerkannt würde.

Andererseits war es für Tarik ohne abgeschlossene Ausbildung schwer, genügend Geld aufzutreiben, um sie beide ordentlich zu ernähren. In Notsituationen griff Khaled ihnen unter die Arme, aber der Verlobte ihrer verstorbenen Schwester konnte nicht all ihre Probleme lösen. Schlussendlich würden sie auf eigenen Beinen stehen müssen.

»Tarik!« Auf halbem Weg zum Unterricht holte Larius ihn ein. Sein bester Freund war einige Jahre jünger als er. »Puh, endlich! Ich hab dich schon auf dem Marktplatz gesehen!«

»Dann musst du spät aufgestanden sein.« Tarik betrachtete die Sommersprossen auf Larius’ Gesicht.

Sein Freund machte eine wegwischende Handbewegung. »Ich hab mein Frühstück vergessen und musste noch mal zurück. Warst du heute wieder in den Zwingern?«

»Ja … bei Morgun.«

»Was? Dem rotäugigen Drachen? Ich habe gehört, Telamon darf ihn in Valeria kämpfen lassen!«

Tarik runzelte die Stirn. »In der Weißen Krone? Steht der Verbund schon fest?«

»Córas Fiach, eine doppelte Ehre für den Wurm!« Larius lachte.

Sein Vater war einer der Leiter der Festspiele und für die Hauptarena Valeria zuständig. Die Entscheidung seines Sohnes, Jäger zu werden, hatte zu einer heftigen Kontroverse mit dem Oberhaupt der Familie geführt, der Larius nicht in einer Arena sterben sehen wollte. Tarik war dieser Mann sympathisch. Selbst wenn Jäger sehr angesehen, mancherorts sogar verehrt wurden, war es ein sehr gefährlicher Beruf.

»Morgun ... Wie war er?«, fragte Larius mit leuchtenden Augen.

Tarik zögerte. »Ich war ihm völlig gleichgültig. Er sah in mir keine Bedrohung, nicht einmal einen kleinen Happen für zwischendurch. Seine Augen aber … brannten. Er wird Canthar einen fantastischen Kampf bieten.«

Larius nickte heftig. »Wahnsinn! Ich kann es kaum erwarten!« Er pustete sich eine rote Locke aus dem Gesicht und drehte den Armreif herum, bis das Zeichen der Jäger nach oben zeigte.

Tarik warf ihm einen seitlichen Blick zu. »Bald werden wir in der Arena stehen, in der erbarmungslosen Steppe jagen und unsere Rüstungen mit Trophäen behängen.«

Der Rotschopf nickte erneut. »Ich kann es kaum erwarten«, wiederholte er.

Sie betraten ein flaches, halbkreisförmiges Gebäude, in dessen Innern Stufen in die Tiefe führten. Auf einem Podium in der Mitte thronte das Skelett eines ausgewachsenen Wyvern, auf einem langen Tisch daneben lagen einzelne Knochenteile.

Die Treppen dienten gleichzeitig als Sitzplätze, ähnlich wie in den Arenen. Ein Teil des Saals war bereits gefüllt. Nach Tarik und Larius, die sich in die erste Reihe setzten, folgten nur noch ein weiterer Schüler und die hochgewachsene Lehrerin.

Mit zügigem Schritt postierte sich die Frau vor dem Skelett und ließ ihren strengen Blick über die Reihen schweifen. Ihr kurzes Haar hatte die Farbe einer überreifen Moe, was einem dunklen Rot entsprach. Genau dafür wurden die Früchte am Ende ihrer Zeit auch verwendet: als Färbemittel.

»Ihr seid die Abschlussklasse dieses Jahres«, stellte die Frau zur Begrüßung fest. »Ich sollte euch nichts mehr beibringen müssen. Die meisten von euch werden bald in Tywlis zu ihrer Prüfung schreiten. Einige werden anschließend in den größeren Arenen ihr Können als Jäger unter Beweis stellen. Doch wie ihr wisst, wird die Kommission zuvor entscheiden müssen, ob ihr die nötigen Voraussetzungen dafür erfüllt.« Bei diesen Worten musterte sie Tarik, der die Arme vor der Brust verschränkte.

»Nun, als Jäger müsst ihr die Wyvern genau kennen. Nicht nur ihre Bewegungen, ihre Waffen, ihre Eigenheiten während der Brutzeit. Ihre Seelen müssen euch offenliegen. Ihr müsst sie verstehen, um sie zur Strecke zu bringen. Für Echsen sind sie unglaublich intelligent. Deshalb ist jede neue Information über sie ein wertvoller Schatz.«

Sie begann, auf und ab zu gehen. »Stellen wir uns folgende Situation vor: Der erfahrenste Jäger eures Verbundes, der Sucher, hat einen Wyvern aufgespürt. Seine Falle schnappt zu, die Reißer machen ihre Arbeit hervorragend, bringen ihn mit ihren Sciss zur Weißglut, damit eure Beute die Flügelkrallen aufsetzt und Säure speien will. Doch so weit kommt es nicht. Entgegen allen bisherigen Beobachtungen unterlässt der Wyvern den Einsatz seiner normalerweise mächtigsten Waffe und schwingt stattdessen den nicht minder tödlichen, gehörnten Schwanz. Der Reißer, der die Hinterseite übernommen hat, wird von einem Peitschenhieb zur Seite gefegt, die beiden Fäller, die inzwischen herbeigeeilt sind, können die empfindliche Stelle am Hals nicht treffen und verschießen wahllos ihre Bolzen gegen den Panzer der Kreatur. Trotz der Fesseln gelingt es ihr, sich zu drehen und einen zweiten Reißer mit den Krallen aufzuschlitzen. Was soll man als Gnadenbringer in einer solchen Situation tun? Vanja?«

Tarik sah zu der jungen Frau, die aufmerksam gelauscht hatte. Sie trug ihr Haar zu einem langen, dunklen Zopf gebunden und konnte mit einer Sciss umgehen wie keine Zweite. Er war sich sicher, dass sie eine der besten Reißerinnen in der Geschichte Canthars abgeben würde.

»Abgesehen davon, dass der Fehler gleich zu Beginn begangen wurde, würde ich als Gnadenbringer die Bestie ablenken, bis der Sucher den Rückzug organisiert hat, Tris.«

Die Lehrerin sah zu Larius. »Welchen Fehler meint Vanja?«

»Die Falle hat offensichtlich den Schwanz des Wyvern nicht fixiert«, antwortete Larius sofort, als hätte er diese Frage geahnt. »Von daher hätte sich kein Reißer von hinten nähern dürfen. Man nimmt zwar an, dass ein Wyvern von den vorderen drei Reißern so sehr abgelenkt wird, dass er sich nicht mehr auf seinen Schwanz konzentriert, aber die Gefahr besteht dennoch und ist, wie das Beispiel zeigt, viel zu hoch.«

»Mich stören bei dieser Geschichte mehrere Dinge«, warf Tarik nachdenklich ein.

Tris nickte ihm aufmunternd zu.

»Ein Verbund besteht immer aus aufeinander eingespielten Jägern. Und ein erfahrener Sucher ist mit seinem Wissen nie allein. Sollte die Falle erfolgreich zuschnappen, wie es angeblich der Fall war, dürfte der Wyvern seinen Schwanz nicht rühren, geschweige denn, sich noch so bewegen können, dass er sich halb umdreht. Lag der Fehler beim Sucher? Aber selbst wenn es so wäre, müssten die Reißer doch so geistesgegenwärtig sein – immerhin sprechen wir von ausgebildeten Jägern und keinen naseweisen Schülern – dass einer von ihnen von seiner eigentlichen Aufgabe abweicht, um vorn zu helfen. Aber alles wäre trotz der Schlamperei vom Sucher und des Übermuts des Reißers wahrscheinlich glatt verlaufen, wenn der Wyvern keine für seine Art untypische Verhaltensänderung gezeigt hätte. Nämlich die Attacke eines Säureangriffs zu unterbrechen und somit instinktiv den Bolzen der Fäller die nötige Angriffsfläche zu verweigern. Was also, und das ist meine brennendste Frage, hat den Wyvern dazu veranlasst?«

Als seine letzten Worte verhallt waren, legte sich eine drückende Stille auf die Schüler.

Tris bedachte ihn mit einem langen Blick, ehe sich ein sanftes Lächeln ihrer strengen Züge bemächtigte. »Genau das ist die Frage, die wir uns stellen müssen, Tarik van Cohen. Hast du einen Vorschlag?«

Tarik starrte auf den knöchernen Schädel des Skeletts und legte die Stirn in Falten. »Du hast eingangs erwähnt, dass Wyvern intelligente Wesen sind. Das heißt, sie sind fähig, zu lernen. Beachtet man aber, dass Menschen schon seit unzähligen Generationen Wyvern jagen, bezieht man die Tatsache mit ein, dass die Jagdweise von dieser Akademie immer weiter verbessert worden ist, muss man Parallelen zwischen Wyvern und Jägern ziehen. Soweit ich mich erinnern kann, ist die Jagd inzwischen ein relativ sicherer Beruf geworden. Jahrzehntelang haben wir die Wyvern studiert, ihre Schwächen herausgefunden und genutzt. Was sie auch gelernt haben mochten, half ihnen bisher nicht. Sie mögen intelligent sein, aber sie konnten ihre Erfahrungen aus einem verlorenen Kampf nicht an ihre Nachfahren weitergeben. Ich glaube«, er stockte und sah auf, »ich glaube, dieser Fortschritt im Verhaltensmuster des Wyvern ist ein Werk der Reiter.«

Ein wirres Gemurmel erhob sich.

Larius stieß Tarik in die Rippen. »Mensch, wovon redest du?«, zischte er.

Die anderen Schüler unterhielten sich ungehemmt, schüttelten den Kopf und schienen auf eine Reaktion von Tris zu warten.

Die Lehrerin wiegte den Kopf in einem langsamen Nicken. Sie schien nachdenklich und schwieg, kehrte der Klasse den Rücken zu und schritt zu dem großen Skelett. Sie fuhr mit ihren Fingern die Halswirbel entlang, bis hin zum starken Kiefer. »Alles, was du gesagt hast, ist wahr, Tarik.«

Sämtliche Gespräche verstummten augenblicklich.

Tarik sah Tris aufmerksam an. Sie war als Jägerin im gleichen Verbund aktiv gewesen, in dem auch Khaled Mitglied war. Doch sie hatte ihren Beruf aufgegeben, als ihre Mutter krank geworden und seitdem auf ihre Hilfe angewiesen war. Khaled hatte ihm das erzählt, genau wie die Tatsache, dass Tris wohl ein Auge auf den Gnadenbringer geworfen hatte.

»Ein beispielloses Problem hat sich gebildet. Eine neue Aufgabe für uns Jäger. Waren wir früher auf die Rohstoffe der Wyvern aus, darauf bedacht, den Jähzorn und die unerklärliche Angriffslust dieser Bestien zu bekämpfen, so müssen wir heute gegen einen ganz anderen Feind zu Felde ziehen. Die Reiter formieren die Reihen der Wyvern. Sie sind uns seit einigen Jahren ein Dorn im Auge, aber wenn sich ihre Übergriffe auf jagende Verbunde weiterhin vervielfältigen, führen wir bald Krieg.«

»Krieg?« Larius schnappte nach Luft.

Tarik konnte sich vorstellen, dass der gutmütige Junge selten weiter dachte als an den unvorstellbaren Ruhm, den ein Jäger erlangen konnte.

»Vater bringt mich um, wenn er davon erfährt«, entschied er sichtlich überzeugt und etwas zu laut.

Tris’ Blick blieb auf dem Jungen ruhen.

»Ist Krieg nicht eine Angelegenheit für Soldaten? Dafür werden sie ausgebildet, dachte ich«, warf ein kräftiger Junge mit schiefer Nase und eng stehenden Augen ein. Cord war ein Waisenjunge, der nicht nur seine Muskeln zu nutzen wusste, sondern auch seinen Verstand. Er hatte sich bewusst gegen den Dienst in einer Kaserne entschieden und war über eine mögliche militärische Auseinandersetzung entsprechend ungehalten.

»Soldaten haben nur eine Grundausbildung in Bezug auf Wyvern genossen. Diese Kreaturen sind unser Spezialgebiet. Schicke zehn von ihnen aus, nicht ein einziger überlebt einen Angriff der Echse. Reiter hingegen sind mit ihnen verschmolzen. Niemand kennt die Wyvern so gut wie sie.« Tris sah durch die Runde. »Ich glaube, dieses Kapitel sollten wir wiederholen. Also Cord, was wissen wir über die Reiter?«

Der Junge umfasste mit den mächtigen Pranken seine Knie und kramte in seinem Gedächtnis. »In der Schule haben wir nur Legenden gehört. Von seelenlosen Menschen, die sich der Wilden Jagd verschrieben haben. Sie können die Wyvern kontrollieren und machen sich die Grausamkeit dieser Wesen zunutze, um uns zu unterjochen.« Er legte eine kurze Pause ein. »In der Akademie wurden diese Legenden schon am ersten Tag zu Rauch. Reiter sind Verräter. Ehemalige Jäger, die verweichlicht waren und sich auf die Seite ihrer Beute gestellt haben.«

»Ihre Begründung?«, wollte die Lehrerin wissen.

»Wyvern seien keine Monster, keine Bedrohung, derer wir uns erwehren müssten, sondern Geschöpfe wie Grimbalds, Bilgots oder Wisents. Sie würden nur ihr Revier verteidigen, und ihre Brut. Anders gesagt, sie hatten Mitleid. Und da sie in Canthar natürlich auf taube Ohren stießen, gingen sie in die Wildnis, vermutlich in die Berge. Sie haben tatsächlich einen Pakt geschlossen, aber nicht mit der Wilden Jagd, sondern mit den Wyvern selbst. Wahrscheinlich haben diese Bestien all ihren menschlichen Verstand geraubt. Warum sonst sollten sie ihre ehemaligen Gefährten, die Jäger, angreifen? Und bis zum Tod gegen sie kämpfen?« Cord lehnte sich zurück.

Tris setzte sich auf die Tischkante und stützte die Hände ab. »Vielleicht haben sie recht. Wir sind grausam zu den Wyvern. Wir knechten sie in den Arenen, rauben ihnen ihren Lebenswillen, morden sie.« Sie ließ den Kopf hängen.

Überrascht starrten die Schüler sie an.

»Kannst du mir sagen, was die Wyvern von Wisents unterscheidet, Lelani?«, fragte sie ein Mädchen, das sein Kinn auf den Handflächen abstützte.

»Sie leben bis zur Gefangenschaft für die Arenen oder ihren schnellen Tod für Rohstoffe in freier Natur. Sie wachsen auf, ohne vom Menschen gemästet, geschoren und geschlachtet zu werden. Eigentlich haben es die Wyvern ziemlich gut.«

»Was ist mit den Zuchtfarmen?«, gab Vanja zu bedenken.

Lelani rümpfte die Nase. »Das ist doch minderwertige Ware. Die besten Preise erzielt man mit wilden Wyvern. Selbst das Leder von ihnen ist besser als dieses weiche Zeug von den Farmen.«

»Reden wir hier gerade wirklich über eine artgerechte Haltung dieser Ungeheuer? Die Wyvern sind voller Mordlust! Sie greifen den Menschen seit jeher grundlos an. Sie zerfleischen Kinder und Frauen, lassen sie sterbend zurück und reißen Ziegen und Wisents! Meine Mutter fiel ihnen zum Opfer, als sie in der Steppe nach Kräutern suchte. Alles, was sie von ihr übrig ließen, waren ihre Haare«, rief ein bleicher Junge. Er war aufgesprungen, zitternd vor Wut, die Hände zu Fäusten geballt. Eine Ader pochte auf seiner Stirn.

Tarik wurde auf einmal klar, dass Tris genau das beabsichtigt hatte.

2. Der Weg des Jägers

Tariks Entschluss, der Gemeinschaft der Jäger beizutreten, war wohlbedacht. Diese Berufung lag in der Familie, wie die Besonnenheit, zukunftsträchtige Schritte nicht voreilig und nur aus einem Gefühl heraus zu beschließen.

Er war mit den Geschichten über diese tapferen Krieger aufgewachsen und hatte seinen Vater immer bewundert. Noch mehr aber hatte er seine ältere Schwester Cynthia geliebt und verehrt, die wie seine Mutter gewesen war, die diese Welt nach Quirins Geburt verlassen hatte.

Cynthia van Cohen hatte sich mit ihrem beeindruckenden Können und unerschütterlichen Willen in die Geschichtsbücher Canthars eingetragen. Als jüngstes Mitglied, das der Jägerorden je anerkannt hatte, hatte sie die Ausbildung als eine der wenigen weiblichen Gnadenbringer abgeschlossen. Ihr Talent war gewaltig und ihr Charme ansteckend gewesen. Noch zu Lebzeiten galt sie als Legende, als strahlender Stern über dem hasserfüllten Schlachtfeld gegen Wyvern und Reiter.

Sie brachte Tariks Familie Ruhm, noch ehe sie ihren ersten Wyvern erlegte. Die Erwartungen, die auf der jungen Frau lagen, waren enorm. Gemeinsam mit dem erfahrenen Vater hätte der Verbund um die van Cohens unsterblich werden können.

Aber es sollte nie so weit kommen. Stattdessen stürzte der mit Ehrfurcht ausgesprochene Name von Tariks Familie in eine schreckliche Tragödie, die er mit seinem kindlichen Verstand kaum zu verstehen vermocht hatte.

Cynthias Ära war nicht von großer Dauer gewesen. Nur zwei glorreiche Jahre nach ihrer frühzeitigen Ernennung zur Jägerin hatte ihr viel zu kurzes Leben ein jähes Ende genommen. Tarik hatte ihren Tod nie überwinden können, zumal sein Vater wenige Jahre später seinem Gewissen und damit der Klinge eines Reiters zum Opfer gefallen war. Wo vorher noch Trauer und tiefes Beileid geherrscht hatten, keimten Entsetzen und Empörung auf. Der Hass gegen Wyvern, Reiter und deren Gönner war tief in den Cantharern verwurzelt. Cynthia van Cohen wurde zur Märtyrerin gegen den Einfluss des Vaters emporgehoben und ihr Name bis zum heutigen Tag mit größtem Respekt ausgesprochen.

Tarik und Quirin van Cohen, die beiden letzten Sprösslinge dieser umstrittenen Familie, hatten es zu keiner Zeit leicht. Mit Misstrauen und Argwohn wurde ihre Entwicklung in der Gesellschaft der Stadt beäugt. Tarik blieb nichts anderes übrig, als zu kämpfen. Gegen Vorurteile und Vorwürfe. Gegen Ungerechtigkeit und die Verbannung aus der Kuppelsiedlung. Nur einer hielt zu ihm und seinem kleinen Bruder: Khaled, der Gnadenbringer. Er war der Verlobte Cynthias gewesen und ihr Tod hatte tiefe Narben in seiner Seele hinterlassen. Seine Treue zu den van Cohens aber war geblieben und so hatte er nach Jergan van Cohens Tod die Vormundschaft für Tarik und Quirin übernommen, bis sie sich selbst versorgen konnten. Ohne ihn wüsste niemand, welches der Gossenkinder den edlen und gleichzeitig beschämenden Namen der van Cohens trüge. Nur durch seine anfängliche Unterstützung war es Tarik möglich gewesen, die Grundausbildung zu beenden und sich für den Weg des Jägers zu entscheiden.

Bis auf seine Mutter waren alle in der Familie Jäger gewesen. Doch niemand hätte es ihm zum Vorwurf machen können, wenn er einen ungefährlicheren Beruf gewählt hätte. Einen, der nicht belastet war, durch Ruhm und Schande gleichermaßen. Immerhin musste er für den Bruder sorgen, der dem Kleinkindalter zum Zeitpunkt des Todes des Vaters kaum entwachsen gewesen war.

Sein Entschluss, denselben und deutlich beschwerlicheren Weg eines Jägers zu gehen, war die Folge langer schlafloser Nächte, Gespräche mit Khaled und Grimbalds – Letztere waren ihm gegenüber nicht besonders aufgeschlossen gewesen, weshalb man eher von Selbstgesprächen reden musste – und tagelangen Wanderungen von Farm zu Farm, Handwerker zu Handwerker und Arena zu Zwinger, um den richtigen Pfad für die Zukunft zu wählen.