Wyvern 3 - Veronika Serwotka - E-Book
Beschreibung

„Nun also zu dir, Reger der Herzen, dessen eigenes Herz einsam ist. Ein Barde ist ein Sammler von Geschichten und Zauberer von Melodien. Welche Intention bringt dich hierher, außer diese?“ „Ich muss den Titel eines Helden nicht tragen, doch ich wüsste gern, ob ich in der Lage bin, ihn zu erringen." Während den Attentätern von Tywlis der Prozess gemacht wird, leitet Canthar die Friedensverhandlungen mit den Reitern ein. Tarik van Cohen fällt es nicht leicht, Fajeth und Quirin in der Stadt zurückzulassen. Doch der Ruf des Königswyvern führt ihn in den eisigen Norden. Gemeinsam mit der Reiterin Aura und den Barden Everard und Fyrndolf macht er sich auf den langen Weg ins Eisgebirge, um seinen Pakt mit Zo’vrax einzuhalten. Dabei stellen die Gefährten fest, dass nicht nur der geheuchelte Frieden Ohaeds in Gefahr ist, sondern auch die Einheit des Bundes der Sieben Länder selbst.

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Seitenzahl:476

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Inhalt

Die Autorin

Chronik

Prolog

1. Rasendes Herz

2. Der beste Freund

3. Wie von Sinnen

4. Krankes Hirn

5. Der einzige Freund

6. Abschied

7. Aufbruch

8. Das Land des Eises

9. Beringsee

10. Der König Azunaís

11. Die Zauberin

12. Piraten

13. Entscheidungsträger

14. Sangeskammer

15. Mirraw Thur

16. Garwena idís Bartok

17. Feuersalven

18. Wächter sind keine Helden

19. Im Eisfuchs

20. Drei Prüfungen

21. Die Magie der Wildnis

22. Schneeverwehungen

23. Die Straße zum Innersten

24. Shal’dun

25. Die Opferung

26. Björklund Pålsson

27. Schmuggler

28. Kriegsrat

29. Der Reiterin Furcht

30. Bombengießerei

31. Kopfgeldjäger

32. Die Farben der Magie

33. Des Barden Lächeln

34. Marsch, Marsch!

35. Die Ruhe vor dem Sturm

36. Verrat

37. Der erste Krieger

38. Gemetzel

39. Die Ohnmacht des Barden

40. Ein Jäger verabschiedet sich

41. Etwas endet

42. Nadelschnecke

43. Etwas beginnt

Epilog

Glossar

Dramatis Personae

Danksagung

Stopp, geh noch nicht!

Veronika Servotka
Wyvern
                     Die Ohnmacht                          des Barden

Wyvern 3 – Die Ohnmacht des Barden E-Book-Ausgabe  09/2018 Copyright ©2018 by Eisermann Verlag, Bremen Umschlaggestaltung: Juliane Schneeweiss Illustrationen: Kier Tockner & Janina Robben Satz: André Piotrowski Lektorat: Christine Hochberger Korrektur: Cara Rogaschewski http://www.Eisermann-Verlag.de ISBN: 978-3-96173-106-0

Die Autorin

Veronika Serwotka wurde 1992 geboren. Sie ist ausgebildete medizinisch-technische Analytikerin der Funktionsdiagnostik, hat ein Fernstudium zur Drehbuchautorin abgeschlossen und bereits mehrere Kurzgeschichten und Romane veröffentlicht.

Mehr zur Autorin unter:

Für Tasmin,meine Merylá.

Chronik

Vierter Tag im Monat des Kühlen Windes

In den letzten Stunden hat das vollständig versammelte Gericht unter Führung des Richters Albion van Ciyran diverse Kommissionsmitglieder des Jägerordens zu dem Anschlag auf den Bürgermeister Gwalhir van Sidahan verhört.

Des Weiteren lautet die Anklage, mit einer abtrünnigen Gruppe Reiter paktiert zu haben, um die Angst vor der sogenannten Wilden Jagd zu schüren, wohingegen das Oberhaupt der Reiter, Murdock – weiterer Name unbekannt –, offenbar nach Frieden strebt.

Der Zeuge Agrand Leodegan, selbst Kommissionsmitglied, wurde aus der Schutzhaft entlassen und belastet Edalired van Eatun, Sirus Alvanson sowie diverse weitere Kommissionsmitglieder, außerdem die Spielmacher der höheren Arenen, allen voran den Spielmacher Valerias Levian Eyla Tarn.

Die genauen Punkte der Anklage werden separat beigefügt. Ebenso die Mitschriften der einzelnen Verhöre.

Richter van Ciyran erklärt die Gerichtsverhandlung vier Stunden nach der Stunde des Feuerhuhns am heutigen Tag für beendet.

Siebter Tag im Monat des Kühlen Windes

Folgende Zeugen wurden zum wiederholten Male befragt: Khaled van Eyran, Tarik van Cohen, Larius van Eyla Tarn, Lydia Famek sowie Ryob Osmaer.

Zu den Anklagepunkten hinzugefügt wurden die Morde an Cynthia van Cohen und Jergan van Cohen, welche je vor zehn und sieben Jahren verstorben sind. Angeklagt werden weiterhin Kommission und Spielmacher, nun jedoch auch die ehemaligen Verbundmitglieder der beiden genannten Personen.

Zwölfter Tag im Monat des Kühlen Windes

Nach mehrtägiger Pause der Gerichtsverhandlungen aufgrund intensiver Beweissuche wurde der ehemalige Ohaedianer und jüngstes Kommissionsmitglied Sirus Alvanson heute für den Mord an Altuin Melerk schuldig gesprochen. Die endgültige Urteilsverkündung wird an veränderte Gegebenheiten angepasst, die der Stadt Canthar in naher Zukunft bevorstehen. Bis dahin wird Sirus Alvanson die Freiheit entzogen. Bis zur Urteilsverkündung darf allerdings höchstens ein Jahr vergehen.

Vierundzwanzigster Tag im Monat des Kühlen Windes

Das ehrbare Gericht um Richter Albion van Ciyran verkündet nach mehrtägiger Beratung das vorübergehende Urteil an allen beteiligten Personen in dieser Sache. Bitte gesondert entnehmen. Ebenso die Liste der Verteidiger jener Verurteilten, die in Berufung gehen wollen.

Prolog

Gi schob sich das Süßholz in den Mundwinkel und rümpfte die Nase. »Hast dich echt nicht getraut, was?«

Stier, der neben ihm an der Wand lehnte und mit ihm durch das dicke Eisengitter in die Zelle blickte, hob die breiten Schultern. »Das Vieh mag dich. Wollte ihm den Spaß eben nicht verderben.«

»Du bist ein fauler Sack, Stier! Kaum bin ich mal ein paar Tage nicht da, stinkt es hier überall wie in einer Jauchegrube!«

»Ach, halt doch dein Maul, für uns wird es bald gar nichts mehr zu tun geben, wenn das alles so weitergeht. Sanderbeerensaft, verteufelter.«

Gi schüttelte den Kopf. Stier war so hohl wie eine ausgetrocknete Wesslanuss. Hatte nur die Skalen im Sinn, die ihnen beiden natürlich abhandenkommen würden, nun, da der oberste Spielmacher Levian Eyla Tarn in einer kalten Zelle unter Osaris verrottete.

Ihm tat es um den arroganten Gockel nicht leid, höchstens um seinen Sohn, den Jäger Larius, den es beim Anschlag auf den Bürgermeister so übel erwischt hatte. Es hieß, der Junge hätte noch immer Schwierigkeit überhaupt zu gehen. Verdammt traurige Sache.

Wobei sich sowieso einiges ändern würde.

Vor zwei Tagen hatte der Bürgermeister verkündet, dass er Friedensverhandlungen mit den Reitern eingeleitet hatte. Wenn das mal keine gute Nachricht war, bei all den dreckigen Dingen, die in letzter Zeit passiert waren.

Er stemmte mit Stier das Tor auf. Gemeinsam traten sie in das schummrige Halbdunkel der Zelle. Hinten drängte sich der gewaltige Körper eines Wyvern an die kühle Wand.

»Erzähl mal, wie wars bei dir so?«, brummte Stier.

Gi griff nach Schaufel und Eimer. Wie konnte der Riese nur Angst haben? Der Wyvern war angekettet. Missmutig begann er, den Dung wegzuräumen. »Im Gericht? Warst doch selbst da. Hab gesagt, was ich sagen sollte und das wars.«

»Die haben dich drei Tage verhört, Mann! Mich gerade mal ’ne Stunde. Was hast du denen erzählt?«

Gi nahm das Süßholz ganz in den Mund und ließ seinen Speichel um die Fasern spülen. Doch der bittere Geschmack blieb. »Du hast es doch auch gesehen, Dicker, oder nicht? Dass Ryob Khaled eiskalt abgeschossen hat.«

»Ich dachte, das war ein Versehen.«

»So ein Sandbeerensaft! Schaltest du dein Hirn auch mal ein?«

»Reg dich ab. Ich hab Morgun immerhin nicht reingelassen.«

Zerknirscht stieß Gi die Schaufel in den Dung. Stier hatte recht, ihm hätte da schon auffallen müssen, dass etwas faul war. Es war noch nie vorgekommen, dass ein Verbund gegen zwei Wyvern kämpfen musste. Aber Levian persönlich war zu ihm gekommen, um ihn davon zu überzeugen.

Genau das hatte er ausgesagt. Ebenso alles, was ihm in der Vergangenheit noch seltsam erschienen war. Da war mehr zusammengekommen, als Gi gedacht hatte. Eigentlich konnte er Stier keinen Vorwurf machen, wenn er selbst zu dämlich gewesen war, um etwas zu merken.

»Also … was denkst du? Wird es noch mal Festspiele geben?«, wollte der Hüne wissen.

Ein Fauchen aus dem Hintergrund ließ Stier zusammenzucken. Wie ein kleines Mädchen sprang er halb hinter Gis Rücken.

»Die sind wohl Geschichte«, gab der mit einem Anflug von Wehmut zurück. Er hatte es nicht gern gesehen, wenn seine Schätzchen niedergemetzelt wurden, aber er hatte sich jahrelang um die Echsenbiester gekümmert, bevor sie in das Todesrund entlassen wurden, um zu sterben.

Wenn der Tag käme, würde er es sein, der die restlichen noch eingesperrten Wyvern in die Freiheit entließ. Ein schöner Gedanke, der ihm ein Lächeln ins Gesicht zauberte.

»Was grinst du denn so dämlich? Bin nur gestolpert!«, murmelte Stier verlegen.

Gi spuckte das zerkaute Süßholz in den Eimer und blickte zu dem Wyvern, der den Kopf gehoben hatte, dass seine Ketten klirrten. »Hübsches Mädchen. Halt nur etwas durch. Zum ersten Mal in der Geschichte dieser Stadt stehen deine Chancen gar nicht mal so schlecht, hier lebend rauszukommen«, sprach er in die Zelle hinein.

Stier starrte ihn an, als wäre er verrückt geworden.

1. Rasendes Herz

Tarik sprintete die Treppen hinauf. Sein Herz raste und vor Aufregung bekam er keine Luft. Er griff nach dem hölzernen Geländer und warf einen Blick hinter sich. Ein schwarzer Schatten näherte sich rasch. Ihm blieb keine Zeit zum Verschnaufen.

Er rannte weiter, obwohl die Muskeln in seinen Oberschenkeln protestierten.

Kurz vor dem Dach des Turmes bog er nach draußen auf einen Balkon ab und stieß im vollen Lauf mit Fajeth zusammen, die von der anderen Seite gekommen war.

Er packte sie an der Hüfte und hielt sich mit der anderen Hand an der Brüstung fest. Im nächsten Moment prallte eine Fellkugel gegen sein Knie.

»Pokey, haha, du hast mich erwischt!« Tarik hob die Hände und lachte. »Du bist schneller als ich, ich gebe es zu!«

Der Grimbald verzog zufrieden die Schnauze.

Fajeth schlang die Arme um Tariks Nacken und kicherte in sein Ohr. »Du bist zu durchschaubar für ihn.«

»Quatsch, er musste sich entscheiden, wen von uns er jagt, und er hat sich den angemesseneren Gegner ausgesucht, das ist alles.«

Sie biss ihm ins Ohr. »Vorsicht, van Cohen!«

»Autsch! Du Kratzbürste …«

Kurzerhand hob er sie auf die Arme und trug sie um den Turm herum, bis sie zum Roten Gebirge blicken konnten.

»Irgendwo da draußen ist Quirin …«

Tarik brachte sie mit einem Kuss zum Schweigen. Er wollte den Augenblick nicht mit Gedanken an das Gebirge zerstören. Denn dort draußen lauerte großes Unheil.

Er stellte sie wieder auf die Beine und blinzelte gegen die Sonne, die über dem Turm hing. Probeweise setzte er seinen Fuß auf einen hervorstehenden Backstein und zog sich am Sims hinauf auf das Ziegeldach.

»Tarik, was machst du denn da?«, fragte Fajeth erschrocken. »Komm sofort wieder runter.«

»Komm du doch hoch. Gib mir deine Hand.«

Er lächelte sie an, und der tadelnde Blick wich einem aufgeregten Leuchten. Tarik wollte sich nicht vorstellen, welche Last auf ihren Schultern lag, die er ihr nicht abnehmen konnte. Doch dieser Augenblick, in dem sie Schabernack trieben wie in den Jahren, als sie fast noch Kinder gewesen waren, verdrängte die Wolken der Gegenwart.

Er hob Fajeth zu sich herauf. Gemeinsam ließen sie die Beine baumeln.

Sie krallte sich an seinem Arm fest. »Oje, das sieht viel höher aus von hier oben.«

»Keine Sorge, ich passe auf dich auf.« Er zwinkerte und konnte den Blick einfach nicht von Fajeth abwenden.

Irgendwann wurde sie rot und schlug ihm spielerisch gegen die Schulter. »Jetzt starr nicht so, ich biete bestimmt kein besseres Panorama als das Gebirge.«

Er nahm ihre Hand in seine und schüttelte bestimmt den Kopf. »Wie unrecht du hast. Ich war dort, ich weiß, was mich erwartet. Aber bei dir …« Er lächelte selig. »Bei dir bin ich zu Hause.«

Fajeth verdrehte die Augen. »Wenn du so redest, erinnerst du mich an diesen Barden, der mir ununterbrochen den Hof gemacht hat.«

Ihre Worte versetzten Tarik einen Stich. »Wer?«

»Fyrndolf von Weihersbrunn. Du weißt schon, der mit …«

»Everard von Feinster unterwegs ist. Ja, den kenne ich.« Voller Unmut verzog er die Lippen. »Hat er sich unrühmlich verhalten? Muss ich ihn mir vornehmen?«

Fajeth begann glockenhell zu lachen und nahm sein Gesicht in ihre Hände, um ihn zu küssen. »Natürlich nicht, du Dummkopf. Selbst wenn ich Pokey nicht hätte, weiß ich mich zu verteidigen.«

Noch immer unzufrieden warf Tarik einen Blick zu dem Grimbald zu ihren Füßen, der mit aufgestellten Ohren darüber wachte, dass sich ihnen niemand unbemerkt näherte. Dabei fiel ihm auf, wie abgenutzt seine Stiefel waren. Am Linken löste sich bereits die Sohle.

Seufzend legte er den Kopf in den Nacken und stützte sich mit den Händen am Rand des Ziegeldaches ab. »Ich werde Gwalhir nochmals dafür danken müssen, dass er mich neu eingekleidet hat.«

»Du weißt, er hält jeden wiederholten Dank für Zeitverschwendung. Ich bin jedenfalls froh, dass du es überhaupt zugelassen hast.«

»Mh. Wann wollte der Schuhmacher fertig sein? War das nicht heute?«

Fajeth strich sich eine blonde Strähne aus den Augen und blinzelte gegen das Licht. »Ja. Ich denke, er wird im Laufe des Tages vorbeikommen.«

Er betrachtete sie von der Seite und ihm wurde ganz warm. Sie schien in den Wochen seiner Abwesenheit noch schöner geworden zu sein. Da waren ein paar neue Sommersprossen auf ihren Wangen, das Haar fiel in langen weichen Wellen ihren Rücken hinab und die fein geschwungene Nase lockte ihn, ihre Konturen nachzufahren.

Sie seufzte wohlig und ließ die Schultern fallen. Es bedurfte keiner Worte. Tarik wusste, dass sie diesen Augenblick absoluter Ruhe genoss. Die letzten Wochen waren anstrengend gewesen. Voller Gerichtsverhandlungen, Angst, vorbelasteter Gespräche und verzweifelter Zweisamkeit. Sie hatten keine Gelegenheit ausgelassen, Zeit miteinander zu verbringen. Doch auch jetzt blieb das dumpfe Gefühl, das es endlich war.

Tarik schwitzte noch aus einem anderen Grund. Seine Kehle war auf einmal schrecklich trocken, während er seine Hand in die Hosentasche gleiten ließ und etwas herausholte. Sanft umschloss er mit Fajeths langen Fingern das kleine Kästchen, damit sie es auch ja festhielt. Dann sprang er zurück auf die Brücke. Ihr überraschter Blick glitt von ihm zu dem Kästchen und ihre Augen weiteten sich.

Tarik ging auf die Knie und war sich sicher, dass kein Heiratsantrag je so tief zu den Füßen der Angebeteten gemacht worden war.

»Fajeth van Sidahan.« Seine Stimme zitterte so sehr, dass er sich räusperte und einen neuen Versuch startete. »Fajeth van Sidahan, ich liebe dich innig und aufrichtig und will keine Sekunde dieses Lebens mehr missen, die ich mit dir verbringen kann.« Schweiß lief ihm den Nacken hinab. Auf diesen Moment hatte er so lange hingearbeitet. »Ich frage dich, willst du meine Frau werden?«

Fajeth landete leichtfüßig neben ihm, sodass ihr hellblaues Kleid sich aufbauschte und kurz den Blick zum Ende ihrer langen Beine freigab. Tarik versuchte verkrampft, seinen Fokus wiederzufinden. »Ich, äh …«

Sie warf sich vor ihm auf die Knie. Tränen brachen aus ihr heraus und sie schlang die Arme um ihn. Mit ihrem Gesicht an seinem schluchzte Fajeth heftig auf.

Vorsichtig drückte Tarik sie an sich, schloss die Augen. »Ich verspreche dir, ein guter Ehemann zu sein. Ich werde dich ehren, für dich da sein, dich auf Händen tragen, und mögen die Zeiten auch noch so düster erscheinen«, brachte er sich am ganzen Leib schüttelnd hervor.

»Ja«, heulte sie. »Natürlich ja, du großer, großer Idiot.« Sie vergrub ihre Hand in seinem Haar. »Natürlich …«

Tarik spürte, wie auch ihm heiße Tränen entglitten. Sein stolperndes Herz suchte nach einem Rhythmus, an dem es sich orientieren konnte, und fand Fajeths. Er hielt sie an sich gepresst und vergaß dabei vor Glück, zu atmen.

2. Der beste Freund

Die Alarmglocken der Wachtürme am Rand der Stadt standen nun schon seit Monaten still. Doch seit den Ereignissen der Festspiele gab es einen anderen Grund, als den, dass die Reiter sich kaum noch blicken ließen. Im Gegenteil, so oft und so nah hatte man die wilden Wyvern mit ihren Menschen noch nie gesehen.

Die Glocken schwiegen dennoch, weil jene einstigen Verräter zu Verhandlungen nach Canthar kamen.

Tarik stützte die Hände am Geländer des Balkons ab und sah den beiden dunklen Gestalten am Himmel zu, wie sie immer kleiner wurden.

Murdock hatte tagelang mit den Obersten der Stadt im Herrenhaus zusammengesessen und über die Grundlagen eines gemeinsamen Vertrages diskutiert. Gwalhir hatte das Oberhaupt der Reiter direkt nach Beendigung der Gerichtsverhandlungen einladen lassen und Murdock war dem Ruf gemeinsam mit seinem Sohn Zorr gefolgt.

Dieses Ereignis war bereits in die Chroniken eingegangen. Noch nie waren Reiter seit deren Fortgang aus der Stadt lebend in diese zurückgekehrt.

Es war seltsam, daran zu denken, wie er Zorr im Kreuzgang begegnet war. Tarik hatte mit Murdocks Sohn in Vilwarin kein einziges Wort gewechselt. Hier hatte er ihn und Fajeth sogar beim Rundgang durch den Garten begleitet.

Inzwischen konnte Tarik die beiden Wyvern nur noch als kleine schwarze Punkte ausmachen. Sein Blick wanderte von den Wachtürmen zu den Farmen, auf denen emsig gearbeitet wurde. Bald würde die Amberernte eingefahren werden, die ersten Moe-Plantagen waren zu einem roten Meer aus Früchten geworden.

Durch das große Tor in der Stadtmauer wurden Wisente getrieben. Ihre massigen Leiber verschwammen mit der Farbe der Ziegelsteine auf den Dächern im unteren Teil Canthars. Nichts erinnerte mehr an die Festspiele. Sämtliche Überreste waren beseitigt worden, die meisten Besucher abgereist. Es kam Tarik wie ein halbes Leben vor, seit er dort unten mit Fajeth, Quirin und Larius am Straßenrand gestanden und die Verbunde bei ihrem Umzug bestaunt hatte. Verdammt, so viel ist seither geschehen …

»Bitte sehr, der Herr, das gewünschte Wasser«, erklang eine weibliche Stimme hinter ihm. Tarik drehte sich um und nahm das Glas entgegen.

»Lydia … Du sollst mich doch Tarik nennen.«

Die junge Frau machte einen unmotivierten Knicks. »Verzeihung, die Gewohnheit«, sprach sie gelangweilt und warf die schwarzen Haare nach hinten, um sie zu einem Pferdeschwanz zusammenzubinden.

Tarik betrachtete die ehemalige Magd und kam nicht umhin, zuzugeben, dass sie mit der braun gebrannten Haut in dem sandfarbenen Kleid recht hübsch aussah. Die Schürze der Bediensteten hatte ihrer Figur nie besonders geschmeichelt.

Ihrem Gesichtsausdruck zufolge lag ihr eine bissige Bemerkung auf den Lippen, doch sie beherrschte sich.

Er grinste. »Du weißt, du musst mit deiner Meinung nicht mehr hinterm Berg halten. Du arbeitest nicht mehr für Levian.«

Sie hob das Kinn. »Was für ein Freund bist du, dass du Larius direkt wieder im Stich lässt?«

Tarik hob überrascht die Augenbrauen. »Ich wusste nicht, dass er es dir erzählt hat.«

»Warum sollte er es verschweigen? Er ist bitter enttäuscht, wird es aber nicht wagen, dir das unter die Nase zu reiben.«

Er stellte das Glas auf einem Beistelltisch ab und verschränkte die Arme vor der Brust, während er sich mit der Hüfte gegen das Geländer lehnte. »Ich bin beeindruckt von deinem Mundwerk. Wie hast du es geschafft, bei Levian eingestellt zu werden? In meiner Erinnerung hasst er Leute, die zu viel reden.«

Sie warf ihm einen niederschmetternden Blick zu und rauschte davon. Der Vorhang bauschte sich auf, als sie dahinter verschwand.

Beeindruckt leerte Tarik das Glas und stellte es wieder ab.

Im selben Augenblick kämpfte sich sein bester Freund durch die Tür auf den Balkon. »Meine Güte, was ist denn in sie gefahren?«, fragte Larius mit entgeisterter Miene.

Tarik packte dessen Unterarm und presste ihn an sich. Die Haare des Rotschopfes waren kinnlang geworden und wellten sich mehr, als dass sie noch Locken bildeten. Auch der Blick des jungen Mannes war gewachsen. War reifer geworden. Härter. »Du hast dir eine Furie zur Mitbewohnerin erwählt. Wie lebt es sich in der eigenen Unterkunft in Osaris?«

Larius atmete tief durch und ließ sich stöhnend auf einem Sessel nieder. Er packte das rechte Bein und zog es an sich. »Es ist seltsam. Ich bin hier, aber es wird keine Festspiele mehr geben, um den Gang zur Arena anzutreten. Irgendwie bin ich … zu spät, habe ich das Gefühl. Während sich alles verändert hat, lag ich nutzlos im Bett und das hier ist dabei rausgekommen.« Während er sprach, klopfte er auf sein steifes Bein und zuckte mit den Schultern. »Selbst wenn die Jäger weiterhin existieren sollten, ich werde nie ausrücken. Werde nie tun, wofür ich jahrelang gelernt habe. Oder besser gesagt, womit ich meine Zeit vergeudet habe.« Er lachte gequält. »Aber ich soll ja dankbar sein, dass ich überhaupt noch zwei Beine habe, sagt Isgaroth.«

Tarik setzte sich ihm gegenüber. Ein flaues Gefühl hatte sich in seinen Magen geschlichen. Es schmerzte, seinen Freund so leiden zu sehen. »Für die Menschen hier bist du ein Held. Ein van Eyla Tarn.« Er wusste selbst, wie hohl das klang, und bereute seine Worte sofort.

»Das ist keinen einzigen Skalen wert. Wer würde mich Krüppel denn schon zu einer anderen Arbeit einstellen, als irgendwelche Schriften zu kopieren, bei der man sowieso den ganzen Tag auf dem Hintern hockt?«

Larius’ Augen waren noch immer so groß wie damals, als er voller Hoffnung zu Tarik aufgesehen und ihn gefragt hatte, ob er sein Pate während der Ausbildung sein würde. Nur dass die Hoffnung sich in Verzweiflung gewandelt hatte.

Tarik senkte beschämt den Blick. Er wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Stattdessen fuhr er sich mit den Fingern über die verkrustete Wunde an seinem rechten Unterarm. Sie verheilte schlecht, brach immer wieder auf und brannte beständig. Sie war ein allgegenwärtiger Beweis dafür, dass der Königswyvern Zo’vrax keine Einbildung war. »Zumindest bist du nicht den Launen eines Monsters ausgesetzt.«

Larius massierte sich den Oberschenkel. »Irgendwie fällt es mir schwer, zu glauben, dass du dieses Viech getroffen haben sollst. Die dreifache Länge eines ausgewachsenen Wyvern?«

»Mindestens. Und sei versichert, ich saß auf seinem Rücken, habe seinen Atem in meinem Nacken gespürt, seine Zähne in meinem Gesicht, und kann es trotzdem kaum glauben.«

»Puh … Ich habe echt was verpasst.«

»Du hast dich auf deine Genesung konzentriert.«

Sein Freund lachte auf. »Ja, weil mir nichts anderes übrig geblieben ist. Ich konnte schlecht weglaufen, weißt du? Wenn schon nicht wegen meiner Verletzung, dann wegen Lydia, die mir das Fell über die Ohren gezogen hätte.«

»Was läuft da eigentlich zwischen euch?«

Larius wurde knallrot. Fast machten seine Wangen seinen Haaren Konkurrenz.

Tarik stieß ihm einen Ellbogen in die Rippen und lachte. »Ich glaub’s nicht! Nach all den Jahren?«

Verlegen kratzte Larius sich am Kinn, an dem ein beachtlicher Dreitagebart spross. »Man könnte auch sagen, ich war ihr völlig ausgeliefert«, murmelte er verlegen.

Tarik schüttelte den Kopf.

»Unglaublich … Da muss ich mich wohl nicht schlecht fühlen, dass ich mit meinen Neuigkeiten nicht direkt ins Haus gefallen bin.« Er blickte auffordernd zu Larius.

Sein Freund kniff die Augenlider zusammen. »Du … bleibst doch hier? Hast einen Weg gefunden, den Pakt mit dem Drachen zu umgehen? Nein? Mh … Quirin kehrt nach Canthar zurück. Auch nicht?«

Auf einmal hellte sich sein Gesicht auf.

»Nein!«

Tarik nickte aufgeregt.

»Nein!«, wiederholte der Rotschopf. »Beim Schwanz der Rotschwadrone, dass ich das noch erleben darf?«

»Tu nicht so, als hättest du längst darauf gewartet«, empörte sich Tarik.

»Und ob, jeder hat das! Warum hätte Gwalhir dir denn sonst den Wink mit dem Zaunpfahl geben sollen?«

»Aber das heißt doch nicht gleich, dass …«

»Tarik, du kannst Khaled fragen, oder Tris. Gwalhir höchstpersönlich von mir aus. Du bist ein verdammter Hohlkopf, weißt du das?«

Tarik kratzte sich an der Stirn. »Tja, da kann ich nicht widersprechen.«

»Ich gratuliere, mein Freund! Darauf sollten wir trinken!«

»Eigentlich … bin ich wegen etwas anderem hier.«

Larius’ Lächeln sickerte davon. »Ah, wirklich? Du hast mir gerade den Tag gerettet, willst du ihn direkt wieder zerstören?«

»Larius, ich werde bald das Land verlassen, weil ich einem Wyvern mein Wort gegeben habe, sein Reich für ihn zurückzuerobern. Dieses Reich sind die Eisberge in Ohaed, so weit im Norden, dass unsere Landkarten dort beinahe zu Ende gehen, und ich habe absolut keinen Schimmer, wie ich das anstellen soll.« Er sah ihn eindringlich an. »Dieser Pakt wird darüber entscheiden, ob ich je lebendig zurückkehre. Ob die Hochzeit mit Fajeth überhaupt stattfindet. Ob ich das Versprechen, das ich Quirin gegeben habe, einhalten kann.« Seine Stimme brach ab und er ließ die Schultern hängen. »Ich habe Angst, Larius«, gestand er. »Das ist nichts, worauf ich mich vorbereiten kann. Ich habe keine Zeit dafür.«

»Und wenn du einfach hierbleibst? Ich meine, wenn du dem Ruf des Wyvern nicht folgst, wenn es so weit ist? Oder noch besser, wir erlegen ihn! Canthar ist voller Jäger und wir gehören jetzt dazu. Zu irgendetwas werden die doch noch gut sein!«

Tarik lächelte traurig. »Du hast ihn nicht gesehen. Du weißt nicht, wozu er fähig ist.«

»Das muss ich auch nicht. Ich bin mir sicher, Khaled würde ganz allein losziehen, um dich zu retten.«

»Zo’vrax kann man nicht finden, wenn man nicht weiß, wo man suchen muss. Außerdem kann er jedes Wort hören, das wir sprechen.«

»Unmöglich!«

»Rebellion beginnt im Kopf, Larius. Ich fange besser nicht damit an. Und ich habe ihm mein Wort gegeben.«

Der junge Jäger rieb sich stöhnend über die Augen. »Du musst nicht immer ein Ehrenmann sein, Tarik. Nicht, wenn du dich dafür in dein sicheres Verderben stürzt!«

Tarik lehnte sich zurück. »Im Gegenteil, gerade dann. Ich habe schreckliche Dinge getan, und das hier ist die einzige Möglichkeit, mein Gewissen reinzuwaschen.«

»Du meinst, ein Abraxenkind zu einem Waisen zu machen ist so schrecklich, dass du dafür bereit bist, dich zu opfern? Ich verstehe dich einfach nicht, du hast nur getan, was nötig war, um zu überleben!«

»Fajeth versteht es.«

»Dann verstehe ich Fajeth ebenso wenig wie dich!«

»Sei’s drum, Larius, ich werde mich nicht verstecken. Wenn Zo’vrax beschließt, mich zu holen und ich nicht freiwillig mitkomme, werden Menschen sterben. Und dafür will ich sicher nicht verantwortlich sein.« Er erinnerte sich daran, was Lydia zuvor gesagt hatte, und sah an Larius vorbei. »Ich will niemanden verlassen … Ich darf nur nicht zulassen, dass mich der Widerwillen packt. Wenn das geschieht, werde ich nicht mehr den Mut dazu haben, mich dieser Aufgabe anzunehmen, verstehst du?«

Larius machte ein Geräusch, das an das Schnauben eines Wisents erinnerte. »Du … Du bist der dümmste und ehrbarste Kerl, der mir je untergekommen ist. Eigentlich ganz erfrischend, nachdem mein eigener Vater mich und die ganze Stadt jahrelang hintergangen hat.«

Larius grinste versöhnlich und Tarik fiel ein Stein vom Herzen. Er ergriff die dargebotene Gelegenheit. »Wie war es?«, fragte er.

»Ach, es gibt sicher Schöneres, als mit seinem Alten durch ein paar Gitterstäbe zu sprechen. Ein schlecht gelaunter Geier, wie immer. Das Einzige, was er zu sagen hatte, war, dass er für eine solide Zukunft für mich gekämpft hat. Und dass er nicht wollte, dass mir etwas geschieht. Aber denkst du, ich hätte eine Entschuldigung von ihm gehört? Oder das Eingeständnis, dass er etwas falsch gemacht hätte? Pah! Ich kann nicht glauben, dass er den Mord an Khaled und Gwalhir befohlen hat. Nur dumm, dass der Bürgermeister durch seinen eigenen Sohn gerettet worden ist und Khaled nicht so dämlich war, in der Arena zu sterben!« Seine Finger hatten sich um die Lehne seines Sessels verkrampft und er spuckte angewidert aus. »Er ist schon immer ein Widerling gewesen, aber so etwas hätte ich ihm nicht zugetraut.«

»Ich hätte es auch keinem Verbund zugetraut, eigene Mitglieder zu ermorden«, sagte Tarik angespannt und dachte dabei an Mirceis erbärmlichen Ausdruck, als sich der Reiter unter den Drohungen der beiden van Cohen Brüder bepisst hatte. Das war der Moment gewesen, in dem Tarik die Tragweite der Korruption in Canthar erst bewusst geworden war.

»Das ist allerdings …« Larius schüttelte den Kopf. »… unfassbar! Ich kann einfach nicht beschreiben, wie schrecklich das ist. Wie dumm wir nur alle waren, dass niemand etwas davon mitbekommen hat! All die Jahre …«

»Tris glaubt, dass auch Cynthias Tod Schuld der Kommission ist«, merkte Tarik an. Seine Augen brannten. »Aber ich wüsste nicht, wie. Ich war doch dabei und vor allem, Khaled auch.« Seine Stimme verlor an Kraft. Er wollte nicht daran denken, doch die Lehrerin hatte ihm diese Vermutung in den Kopf gesetzt und nun war sie da.

»Hast du Khaled mal gefragt?«, fragte Larius vorsichtig.

Tarik verneinte. »Du weißt, man spricht ihn besser nicht darauf an.«

»Wohl nicht … Vielleicht war ihr Tod in all dem Chaos und zwischen all den Intrigen wirklich nur ein schrecklicher Unfall.«

Tarik runzelte die Stirn. Das hatte er sich auch gefragt. Aber da waren so viele Unstimmigkeiten. Und laut Murdock hatte Cynthia als Erste überhaupt eine Einigung mit den Reitern erzielen wollen. Diesen Versuch hatte der Bürgermeister Gwalhir ebenfalls gestartet und war dafür beinahe unter den Trümmern eines Arenadaches begraben worden.

Es war sinnlos, Tarik würde nicht rekapitulieren können, was vor zehn Jahren geschehen war. »Sirus Alvanson ist ein Ekel«, wechselte er deshalb das Thema. »Ich war heute Morgen bei ihm. Eine falsche Schlange …«

»Ach, wir haben also beide bereits unseren Gang zum Gefängnis hinter uns«, witzelte Larius.

Tarik schüttelte sich, als ob er frösteln würde, doch in Wahrheit wurde ihm übel beim Gedanken an das widerliche Grinsen des Ohaedianers. »Er ist so ein Zwerg, glatt wie das Öl in seinen Haaren … Und überzeugt davon, dass er nach der Berufung freigelassen wird.«

»Mh, aber er hat kein Alibi für die Zeit der Tat.«

»Im Zweifel für den Angeklagten«, erinnerte Tarik ihn und zuckte mit den Schultern. »Er hat mir entgegengespien, dass die fehlenden Beweise den Ausschlag geben werden.«

»Das glaube ich nicht. Richter van Ciyran hätte ihn sonst nicht erst einkerkern lassen.«

»Wir werden sehen. Von ihm habe ich jedenfalls keine brauchbaren Informationen erhalten. Ich weiß immer noch so wenig über Ohaed wie zuvor.«

»Wie kann ich dir helfen?«

Tarik stützte die Ellbogen auf den Armlehnen ab und legte sein Kinn auf die angewinkelte Hand. »Überhaupt nicht. Ich hatte einfach nur gehofft, dass wir uns etwas an die Zeiten erinnern könnten, die uns zu diesem Tag gespült haben.«

Als Tarik von Aura zu erzählen begann, gesellte sich Lydia zu ihnen. Ihre bissigen Kommentare erinnerten ihn sehr an Aura, die verbitterte Reiterin, die ihn tatsächlich dazu gebracht hatte zuzustimmen, sie nach Ohaed mitzunehmen. Ihm graute davor, denn sie hatte ihm das Leben in Vilwarin zur Hölle gemacht. Sie war der Grund, weshalb Tarik überhaupt auf Zo’vrax getroffen war, indem sie ihn mitten im Roten Gebirge bei der verschrobenen Einsiedlerin Lirea zurückgelassen hatte. Wenn Tarik jemandem die Schuld dafür geben wollte, dass er sein Zuhause verlassen musste, dann wäre sie seine erste Wahl.

Andererseits hätte er mit Aura jemanden an seiner Seite, der kein gigantischer, verfressener und übel gelaunter Königswyvern war. So seltsam Aura auch war, gegen Zo’vrax schnitt sie erstaunlich gut ab.

»Ihr erratet außerdem nie, wer mich um eine … wie soll ich das nur sagen … Mitfluggelegenheit gebeten hat«, schloss Tarik seine Erzählung mürrisch.

»Der Barde«, riet Lydia. Sie hatte sich ganz ungeniert halb auf einer Armlehne von Larius’ Sessel und halb auf dessen Schoß niedergelassen und zwirbelte ihre Haarspitzen.

Tarik starrte sie entgeistert an. »Woher …«

»Du bist eben zu durchschaubar, van Cohen.« Sie grinste diebisch.

Das hörte er nun schon zum zweiten Mal.

Larius wirkte ziemlich verunsichert. »Keine Ahnung, Tarik, ehrlich. Lydia hat einfach einen Riecher dafür.«

Tarik winkte ab. Er wollte nicht zugeben, wie enttäuscht er darüber war, seinen Freund nicht überraschen zu können.

»Ja, Everard. Und damit natürlich auch Fyrndolf.« Weiß er, wer die beiden wirklich sind?

»Ich wünsche dir viel Vergnügen mit den beiden. Fajeth hat mir erzählt, wie anstrengend sie sein können. Vor allem dieser Everard.«

»Er hat mir Hilfe für meine Mission angeboten. Sagte, er kenne viele geeignete Leute dafür.«

»Natürlich, er ist ein Barde, und ein berühmter noch dazu. Wenn der nicht rumgekommen ist, wer dann?«

Offensichtlich nicht, schloss Tarik seine Überlegung. Besser also, er erzählte Larius nichts von den Wächtern. »Das denke ich auch. Das Problem wird nur sein, Zo’vrax davon zu überzeugen, dass sich die zusätzliche Last zu tragen lohnt.«

Lydia sah ihn schief an. »Wie kann man diesen hässlichen Viechern nur Namen geben?«

Tarik zuckte mit den Schultern. »Vermutlich ist Zo’vrax intelligenter als wir alle zusammen. Er wird seinen Namen nicht von uns Menschen bekommen haben.«

»Und dein Bruder? Kommt der irgendwann zurück?«, wollte sie wissen. Tarik war ihre direkte Art mehr als nur unangenehm.

»Nicht in nächster Zeit.« Er blickte zu Larius. »Aber ihr könntet ihn vielleicht besuchen? Wer weiß, vielleicht eignest du dich eher zum Reiter als zum Jäger?«, gluckste er und fand seine Idee gar nicht so schlecht.

Larius lachte auf. »Ja, klar.«

Schweigen legte sich über sie. Eine Weile sahen sie den Malaks zu, wie sie sich gegenseitig jagten, während sich die Sonne langsam dem Horizont entgegenneigte und ihnen direkt in die Gesichter schien. Der Monat des Kühlen Windes machte seinem Namen alle Ehre, denn es war deutlich erträglicher als in den vergangenen Wochen. Bald würden wieder vermehrt Regenfälle einsetzen und sämtliche Wasservorräte der Stadt auffüllen.

»Ihr kommt doch morgen?«, fragte Tarik schließlich.

Lydia verdrehte die Augen, Larius aber nickte wild. »Natürlich! Verflucht, ich muss wenigstens einmal mit dir saufen, bevor du vielleicht für immer abhaust!«

Tarik lächelte abwesend. Wieso klang sein Freund nur so endgültig?

3. Wie von Sinnen

Obwohl Gwalhir versprochen hatte, den Rahmen so klein wie möglich zu halten, war der freigeräumte Speisesaal des Herrenhauses brechend voll. Tarik konnte unter den Gästen Vertreter jeglicher Zünfte entdecken, seien es Farmer, Kaufleute, Jäger, Züchter, Akademiker oder Künstler. Ihm war schrecklich heiß und er fühlte sich in seinem Aufzug absolut lächerlich, auch wenn er anerkannte, dass sein enges Festwams und die feine Hose aus dunkelblauem Satin zwischen den grellen Farben der Gäste beinahe untergingen.

Er hielt Fajeths Hand fester als beabsichtigt. Sie gab ihm die nötige Willenskraft, all die Gratulationen höflich anzunehmen und sich für die Präsente mit einem breiten Lächeln zu bedanken.

Hinter Fajeths Ausstrahlung aber verschwand er völlig, wofür er nahezu dankbar war. Ihr Lachen war nicht aufgesetzt, ihre Stimmung ausgelassen, ihre freundlichen Worte so offen wie das Haar, das ihr über die Schultern wallte und den Ausschnitt ihres grasgrünen Kleides einrahmte.

Der Saal war in den letzten Tagen von emsigen Bediensteten bis ins letzte Detail geschmückt worden. Fajeth hatte es sich nicht nehmen lassen, die Dekoration auszusuchen. Lampions in Moegröße hingen in ununterbrochenen Ketten von der Decke. Wie die Streben eines Bootes senkten sie sich zur Mitte hin herab. Der Kronleuchter im Zentrum des Saales war gegen ein Dutzend kleinere ausgetauscht worden, die man in einem Kreis angeordnet hatte. Lange Tafeln drängten sich mit exquisiten Speisen an die Wände, nur zum Balkon hin war eine Tanzfläche freigeräumt worden, die bisher noch von Häppchen verspeisenden, höchst wichtigen Stadtbewohnern belagert wurde.

Für Everard von Feinster und Fyrndolf von Weihersbrunn war eigens eine kleine Bühne aufgebaut worden, auf der die beiden ihre Lieder darboten. Sie bespaßten das Publikum mit begleitenden Klängen, um die Gespräche nicht zu stören.

Die Barden waren erst kürzlich aus Vilwarin zurückgekehrt. Everards Aufgabe dort war offensichtlich erfüllt. Die Friedensverhandlungen hatten begonnen, für den Wächter gab es in Lyth’ Airyn nichts mehr zu erledigen. Auch sein Vorschlag, Tarik könne in dieser Sache als Diplomat fungieren, hatte sich schnell verflüchtigt, sobald er von seinem Pakt mit dem Königswyvern erzählt hatte. Auch wenn es nicht dazu beigetragen hatte, dass Everard das Interesse an ihm verlor. Nein, Tarik schien die Neugier des Barden nur weiter angefacht zu haben. Und er traute ihm einfach nicht.

»Tarik?«

Er wandte rasch den Kopf. »Verzeihung?«

Fajeth bedachte ihn mit einem tadelnden Blick und hob ihr Glas. »Richter van Ciyran, Liebster.«

Er blickte in das vom Alter zerfurchte Gesicht eines ergrauten, gebückt stehenden Mannes, in dessen Augen sich eine ganze Welt widerzuspiegeln schien. Er ergriff die dargebotene Hand und senkte den Kopf. »Es ist mir eine Ehre, Richter.«

»Tarik van Cohen. Ich würde dir mein Beileid aussprechen für die grausamen Taten, die ans Licht gekommen sind, doch das würde sich dem Anlass nicht ziemen. Deshalb musst du wohl mit meinen Glückwünschen vorliebnehmen. Ein feines Weib hast du dir da erwählt, Junge.« Schalk blitzte in den Augen, die schon so vieles gesehen hatten.

Tarik lachte auf. Er hatte den Richter nicht als derart humorvoll eingeschätzt. »Ich danke Euch aufrichtig, Richter. Fajeth hat wohl eher mich erwählt.«

»Unsinn, sie hätte jeden Burschen der Stadt haben können. Du musst ganz schön überzeugend gewesen sein.«

Der Alte zwinkerte ihm tatsächlich zu. Tarik wurde warm und er lachte beschämt auf.

»Euer Urteil ist wie stets voller Weisheit, Richter van Ciyran«, schaltete sich Fajeth ein, ehe Tarik etwas erwidern konnte.

»Nun, ich habe sonst nichts mehr zu tun, als zu urteilen, was? Ich freue mich für euch beide, wirklich. Diese Stadt muss mal auf andere Gedanken kommen. Und nun muss ich weiter, die Bilgotpastetchen rufen nach mir.«

Tarik sah dem Alten verblüfft nach. Als er sich wieder den anstehenden Gästen zuwandte, blickte er in das verhärmte Gesicht des Kommissionsmitgliedes Agrand Leodegan, dem Erzfeind Khaleds und dennoch ehrlichsten Jägers, der in den letzten Jahren in der Kommission gesessen hatte.

»Agrand Leodegan, wir freuen uns, dass du hier bist«, übernahm Fajeth das Wort, ehe einer der beiden Männer etwas sagen konnte. Stattdessen musterten sie einander abwägend.

Schließlich wandte Agrand den Kopf und verbeugte sich vor Fajeth. »Es ist mir eine Ehre.«

Tarik hingegen reichte er den Arm. In dieser Geste lag mehr, als Worte je zu sagen vermocht hätten.

Agrand hatte Tarik gehasst, weil er dessen Vater gehasst hatte. Das junge Kommissionsmitglied war sich mit Khaled in einer Sache stets einig gewesen. Wyvern galt es auszurotten. Dass ausgerechnet er es gewesen war, der als einziger Zeuge die ausschlaggebende Anklage gegen die korrupten Mitglieder der Kommission und der Spielmacher erhoben hatte, hatte Tarik am meisten überrascht. Offenbar hatte er Agrand stets falsch eingeschätzt. Dem Fäller lag an der Ehre der Jäger. Und wahre Ehre fand man nicht im hinterhältigen Morden. Oder darin, einen Fortschritt aufhalten zu wollen, der unvermeidlich war.

»Meinen Glückwunsch«, fügte der Mann seinen wenigen Worten an und ging davon.

»Eine Seltenheit, weder seiner Arroganz noch seinem Redefluss ausgesetzt zu sein«, bemerkte Tarik leise, jedoch ohne Spott.

Fajeth kniff ihn in die Seite.

Da trat der Schamane Isgaroth in seiner besten, purpurfarbenen Robe vor. Das schiefe Lächeln war Tarik so sehr ans Herz gewachsen, dass er den alten Kauz in eine herzliche Umarmung schloss.

»Ihr stinkt mal wieder nach Wisentdung, Meister.« Er lachte und Isgaroth stimmte mit ein.

»Herrje, ich bekomme es einfach nicht aus den Klamotten.« Er schielte zu Fajeth und nahm deren Hände in seine. »Kind, du kannst doch nicht mit jedem Tag schöner werden! Mein armes Herz macht das nicht mit!«

»Ihr seid ein alter Schmeichler, Meister«, schalt Fajeth ihn schmunzelnd.

»I wo, das ist mein ganzer Ernst!«

»Euer ganzer Ernst? Wo habt Ihr den Rest gelassen?«

Der Alte winkte ab, wobei er sich in seinem langen Bart verfing. »Ach, ich habe ihn nicht mehr gebraucht. Überhaupt niemand kann ihn gebrauchen, diesen Ernst. Macht einem nur trübe Gedanken.« Er zog einen abgewetzten Lederbeutel aus der tiefen Robentasche und reichte ihn Tarik. »Ein Präsent für den Herrn, damit er heil zur Herrin zurückkehrt. Und für die Herrin«, er zauberte von irgendwoher eine rot gefärbte Glasrose hervor und zeigte breit grinsend seine Zahnlücken, »ein ganz besonderes Kleinod. Keine Sorge, meine Gichtfinger sind längst nicht mehr zu solch filigraner Schönheit fähig. Es ist ein Import.«

Fajeth hatte es die Sprache verschlagen. Tarik konnte nicht anders, er musste sie an sich ziehen und küssen. Ihre Lippen waren kühler als seine, doch ihre Hände hielten sich bestimmt in seinem Nacken fest.

»Hach ja, die Liebe. Da geht mir das Herz auf, wenn ich euch beiden Turteltäubchen so zusehen«, kommentierte Isgaroth. Der Schamane versuchte, sich unauffällig eine Hühnerfeder vom Gewand zu klauben.

»Ihr seid ein großartiger Lehrer, Meister. Und ein noch besserer Freund.«

»Nun gut, ich sollte besser gehen. Hier warten noch jede Menge Speichellecker darauf, euch den letzten Nerv zu rauben. Ich bin weg«, murmelte der Alte belustigt und huschte davon.

Der Strom an Menschen, die Tarik und Fajeth zur Verlobung beglückwünschen wollten, schien nicht abzureißen. Als ihm irgendwann dermaßen laut der Magen knurrte, dass Khaled zu ihm kam und ihm ein Rindenbier in die Hand drückte, ließ Tarik sich wahrhaftig dankbar von dem Gnadenbringer abführen.

Dabei hielt er Fajeths Hand eisern fest. Ja, es war ein offizieller Auftritt, aber es war vor allem der Abend, den er mit seinen Freunden feiernd verbringen wollte.

Er hatte es endlich getan! Hatte seine Panik überwunden und Fajeth zu seiner Verlobten gemacht. Das Hochgefühl, das von dem erzwungenen Lächeln während der unzähligen Begrüßungen hoher Tiere der Stadt etwas gedämpft worden war, kehrte mit voller Macht zurück. Inmitten all der Jäger aus Khaleds Verbund, Larius und Lydia und natürlich Pokey, der sich in nervenzehrender Zurückhaltung üben musste, wurde Tarik schwindlig vor Glück.

Die ersten Gäste gingen nach Sonnenuntergang, während die Straßen noch vom golden flutenden Licht erhellt waren. Hier und da konnte man sogar den Boden der späteren Tanzfläche erhaschen, der für den Anlass sorgfältig poliert worden war.

Die Sohlen seiner neuen Stiefel erwiesen sich als wahre Glückstreffer, denn Tarik war in der Vergangenheit des Öfteren auf dem Untergrund ausgerutscht. Im Laufe des Abends knöpfte er sich das Wams auf, erhielt von Fajeth aber nicht die Erlaubnis, sich bis auf das Hemd darunter auszuziehen.

Nach dem dritten Rindenbier stellte er fest, dass er seine Verlobte verloren hatte. Die Musik war lauter geworden, verspielter, die ersten Tanzbeine wurden geschwungen. Tarik entdeckte Fajeth inmitten der weiblichen Mitglieder von Corás Fiach und Lydia, zwischen denen sie wie eine Königin herausstach. Allein ihre Bewegungen …

»He, du verträumter Gockel, trink endlich aus! Ich will den Wurzelschnaps probieren!«, rief ihm Larius ins Ohr, als würde er ihn dadurch besser hören.

Tarik zuckte zusammen und sah sich um. »Verdammt, Larius, was macht Khaled da am Tisch?«

Sein bester Freund blickte sich gefährlich schwankend um. »Hä? Ist der wieder schlecht drauf?« Er stöhnte. »Kann man den überhaupt noch vor sich selbst retten?«

»Meine Freunde, eure Zungen sind bereits schwer, also lasst nicht auch eure Gedanken schwer werden!«, schaltete sich Kaith ein, der gut aussehende Reißer aus Corás Fiach. Er verteilte Wurzelschnaps unter den Jägern und ließ seinen Schnurrbart wellenartig tanzen. »Die Zeiten sind so stürmisch wie die See, die wir nie gesehen haben. Nur Legenden berichten davon, so wie auch wir Legenden sind.«

»Halt’s Maul, Kaith, bist du schon wieder besoffen?«, murrte der glatzköpfige Sucher Gunar schnaubend.

»Warum denn nicht? Ich mache morgen blau!« Kaith lachte laut und schlug Tarik gegen die Schulter. »Weil wir ohnehin nicht mehr auf die Jagd gehen werden, du verstehst?«

»Und was ist daran so witzig?«, hakte Gunar mit verengtem Blick nach.

»Es ist witzig, weil es fantastisch ist! Wir können auf ewig blaumachen!« Kaith hob seinen Schnaps und schluckte ihn in einem Zug hinunter. Ein unfeines Rülpsen drang aus seiner Kehle. Oder eher, donnerte.

Larius hob ebenfalls das Glas. »Auf die verdammte Zukunft!«

Tarik ließ sich zurückfallen. Ja, die verdammte Zukunft. Wir sind alle verdammt. Khaled ist seiner Existenz beraubt, Larius ein Krüppel und ich … Er konnte den Gedanken nicht zu Ende verfolgen, denn er war weit genug vom Rest abgetrieben worden, um von Khaled gepackt und neben sich auf einen Stuhl gezogen zu werden.

»Iss, Junge, du siehst mager aus«, knurrte der Gnadenbringer mit roten Augen. Vor ihm schäumte das Bier über den Tisch. Glasierte Wesslanüsse im Ambermantel stapelten sich vor Khaled, dem der Honig bereits im Bart hing.

»Wusstest du, dass sie morgen alle Wyvern freilassen? Jedes einzelne hässliche Viech, das wir so mühsam hergeschleppt haben.« Er lachte kehlig. »Das hat Murdock aus Gwalhir rauspressen können, natürlich.« Seine Faust schlug auf den Tisch. »Aber die billigen Jungtiere in den Farmen, die werden aufgebraucht. Ist gnädig und grausam zugleich, was meinst du?«

Aufgebraucht? Tarik fand, dass dieses Wort schrecklich klang. »Ich weiß nicht, Khaled. Irgendwo muss der Frieden beginnen.«

Der Gnadenbringer spuckte ihm neben die Füße. Sein Blick war nicht mehr klar. »Frieden«, spie er aus. »Was ist das nur für ein Wort. Alle Kämpfe werden in seinem Namen gefochten, ha! Am Ende ist das doch nur wieder so ein scheinheiliges Versprechen, um uns den Willen der Oberen aufzuzwingen. Ein einfacher Mann darf in diesem Leben nicht einmal mehr seiner Bestimmung folgen, ohne irgendwelche Regeln zu brechen.«

Bestürzt beobachtete Tarik, wie sein Freund und beinahe großer Bruder den Krug leerte und sich den Schaum aus den Mundwinkeln wischte.

Auf einmal wirkten die so verhärteten Züge des Gnadenbringers butterweich. »Ach … Es hilft ja nicht. Ich kann nichts daran ändern, dass sich alles ändern wird. Aber ich muss es mir ganz sicher nicht ansehen.«

»Was meinst du damit?«

Der Gnadenbringer hob die mächtigen Schultern. »Vielleicht gehe ich ans Meer. Wir hören hier ja immer nur Geschichten davon. Es ist die erste Gelegenheit für mich, es mal mit eigenen Augen zu sehen.«

»Du willst fortgehen?«

»Ich muss. Es bricht mir das Herz mitzuerleben, was aus dieser Stadt wird.«

Tarik konnte kaum verbergen, wie sehr ihn die Worte des Jägers trafen. »Aber Khaled … Canthar wird zu der Stadt, die Cynthia immer wollte!«

»Woher willst du schon wissen, was sie wollte? Woher will irgendjemand das wissen? Habt ihr sie mal gefragt?« Khaled starrte auf die Häppchen und legte dann das Gesicht in die Hände.

Tarik musste sich vorbeugen, um zu verstehen, was Khaled von sich gab.

»Die Wahrheit ist, dass ich es nicht ertrage, in der Welt zu leben, die Cynthia sich gewünscht hatte. Nicht ohne sie. Für mich gibt es nur den Hass auf die Wyvern, den Willen, sie auszurotten. Das war es, was mich am Leben und hier gehalten hat. Die Erinnerung daran, etwas zu haben, das nur mir gehört. Aber das ist nun vorbei. Ich mache das keinem zum Vorwurf, aber Junge … Tarik … Auf dich wäre sie stolz gewesen.«

So viele Jahre ist es her und ihre Abwesenheit betrifft immer noch uns alle, dachte Tarik traurig. Würde er jemals nur mit einem Lachen an Cynthia denken können? Khaled konnte es nicht. Der Gnadenbringer fand den Weg aus seinem selbst gebauten Gefängnis der Gefühle nicht mehr.

»Schau nicht so, als müsste man mich in eine Kiste voller Mungowelpen stecken.«

»Was sagt Tris zu deiner Idee?«

»Überhaupt nichts, ich habe ihr nämlich nichts davon erzählt. Bis sie wieder hier ist, bin ich längst weg.«

Die Lehrerin war nach Vilwarin gegangen, um ihren totgeglaubten Bruder Mircei zur Rede zu stellen. Tarik hätte ihr geraten, ihn nicht aufzusuchen, aber Tris hatte nicht nach seiner Meinung gefragt. Sie hatte ihre Reise nach Vilwarin mit dem Mantel der eingeleiteten Friedensverhandlungen getarnt, aber Tarik wusste, dass Mircei der Hauptgrund war.

»Sie wird nicht glücklich sein«, bemerkte er und brachte Khaled zum Lachen.

»Haha, nein, wird sie nicht. Sie hängt immer noch an mir, wie eine Klette.«

Tarik bedachte ihn mit einem unzufriedenen Blick. »Ich spreche nicht von dir. Mircei ist ein ausgekochter Bastard. Und Tris als Klette zu bezeichnen, findest du das nicht etwas hart?«

»Es interessiert mich einfach nicht.«

»Du bist ein Arschloch, Khaled. Du weißt, wie viel du ihr bedeutest, aber du willst nur deine Ruhe. Tris leidet wie wir alle!«

»Ich wäre nicht ich, wenn ich nicht ehrlich sein darf.«

Tarik starrte Khaled wütend an, da spürte er einen beruhigenden Griff an seinem Oberarm.

»Alles in Ordnung bei euch?«, fragte Fajeth, mit Pokey an ihrer Seite.

»Klar, Schätzchen. Wir unterhalten uns nur, richtig, Tarik? Zwei Männer unter sich.«

Tarik ging ohne ein Wort davon. In ihm brodelte es. Warum musste Khaled nur dermaßen egoistisch sein? Dachte er jemals an jemand anderen, außer an sich? Ja, täglich. Besonders, als er seinen eigenen Tod vorgetäuschte hatte, um dem Fäller Ryob zu helfen.

Die Stadt war beinahe wieder in Festtagsstimmung ausgebrochen, als klar geworden war, dass der Gnadenbringer noch lebte. Warum reagierte Tarik dann nur so auf seinen Freund? Er kannte ihn doch schon so lange. Vielleicht, weil mir Tris leidtut.

Fajeth holte ihn auf der Terrasse ein.

Die kühle Luft der angebrochenen Nacht half seiner Wut, sich zu verflüchtigen. »Warum muss es immer einen tragischen Helden in jeder Geschichte geben?«, fragte er leise. »Wieso können diese Geschichten nicht entweder gut oder schlecht ausgehen?«

Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter und umschlang seinen Arm mit ihren. »Sprichst du von Khaled oder von dir selbst?«

Verdutzt blickte er zu ihr hinab. »Wieso sollte ich von mir sprechen?«

Im fahlen Licht, das aus dem Saal nach draußen fiel, wirkten ihre Augen unergründlich tief. Aber sie blieb ihm eine Antwort schuldig.

Tarik hielt kurz den Atem an und ließ ihn dann langsam aus seinen Lungen strömen.

Ein Blitz jagte durch seinen Schädel. Er zuckte zusammen, auch wenn der Schmerz nur so kurz gewesen war, dass er ihn für Einbildung hielt.

»Tarik?«

»Nichts, alles gut.« Doch im selben Moment, als er dies sagte, legte sich ein Schleier über Fajeth. Er brauchte eine Weile, bis er die hellen Punkte als Lichtflecken in einer Höhle wahrnehmen konnte. Das Herz zog sich ihm zusammen. »Nein …«, hauchte er.

Ich habe dir genug Zeit gelassen, Menschlein. Wenn die Sonne in zwei Tagen über dem Gebirge steht, werde ich dich holen. Und wir werden in den Norden fliegen. Keine Umwege, Menschlein. Ich habe Jahrhunderte geschlafen, doch nun wohnt die Ungeduld in meinem Gedärm. Dieses Gefühl muss mit dem zusammenhängen, das ihr Hoffnung nennt. Ein seltsames Wort, dessen Bedeutung ich nie ganz verstanden habe. Womöglich ist es auch nur Aufregung. Entweder ich werde König der Eisberge, oder wir sterben bei dem Versuch, meinen Thron zurückzuerobern. Das einzig Wichtige ist, ich werde meine Heimat wiedersehen.

Tarik erkannte den Druck auf seiner Brust als Fajeths Hand. In ihrem Blick lag pure Angst.

»Tarik …«

Er zog sie in eine innige Umarmung und sog den Duft ihrer Haare tief in sich ein.

»Lass uns tanzen Fajeth«, flüsterte er. »Lass uns tanzen, bis nur noch wir übrig sind.«

Diese Nacht wurde zu der schönsten und verzweifeltsten seines ganzen Lebens. Fajeth und er konnten kaum stehen, als die letzten Gäste gingen, doch an Schlaf war nicht zu denken. Sie liebten sich unter Tränen, wild, innig, von einer fast schon wütenden Leidenschaft getrieben. Sie versuchten, die Ungerechtigkeit durch Gefühle zu vertreiben. Was aber am Ende blieb, waren salzige Haut und Schmerz. Schmerz, der alles zu umfassen schien und gleichzeitig zu kurz war, um ihn völlig in sich aufzunehmen.

Der Tag des Abschieds kam zu schnell. Er war nicht unerwartet, nicht plötzlich, aber alle Zeit der Welt hätte nicht ausgereicht, um genug von dem anderen zu bekommen.

4. Krankes Hirn

Quirin schob sich nach vorn, bis er sich nicht mehr weitertraute. Hinter ihm fauchten sich Vyr und Ronda an. Mirceis Wyvern war unglaublich schlecht gelaunt und sowieso noch nie besonders gut auf Quirin zu sprechen gewesen.

Können Wyvern grausam sein?, fragte er sich zum wohl hundertsten Mal. Der schlammbraune Wyvern des Verräters musste ja irgendetwas an Mircei finden. Und um an Mircei etwas zu finden, musste man entweder bekloppt oder genauso fies sein wie der Reiter.

Quirin schielte über den Rand der winzigen Einbuchtung im Felsen. Zu sehen war nichts, dafür drangen die Stimmen aus der Höhle unter ihm erstaunlich klar herauf.

»… natürlich. Du solltest wissen, Schwesterherz, dass dir der große Khaled nie etwas anderes entgegenbringen wird als die Wut darauf, dass du ihn immer wieder daran erinnerst, was er verloren hat.«

»Erstaunlich weise Worte für einen Vergewaltiger.«

Quirin erkannte Tris’ Stimme. Er versuchte herauszufinden, ob irgendeine Wertung darin lag, aber die Art, wie sie die Worte ausgesprochen hatte, war seltsam leer.

»Mein ganzes Leben lang wollte ich immer nur gut genug sein«, sagte Mircei nach einer Weile des Schweigens. »Gut genug für die Akademie, gut genug für dich, für Mutter und Vater. Für die Kommission. Ja, selbst für die Reiter. Aber jeden Erfolg musste ich mir erschwindeln. Nie hat man mir auch nur ein klein wenig Respekt für meine Bemühungen entgegengebracht. Die Welt hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Nenn mich hinterhältig, gewissenlos, einen Vergewaltiger. Aber genau genommen habe ich niemanden vergewaltigt. Immerhin hat Aura sich nicht gewehrt. Außerdem …«

Ein heftiger Schlag ertönte und Mirceis Worte gingen in gequältes Stöhnen über.

Sehr gut, Tris! Hau ihn windelweich!

»Du bist widerlich, Mircei«, zischte die Lehrerin, und diesmal troff ihre Stimme vor Verachtung. »Du hast einer wehrlosen Frau Gewalt angetan und erkennst nicht einmal die Schuld daran. Jetzt sag mir noch, dass du es auch nicht verdient hast, dass man dir den Schwanz abgeschnitten hat, und du siehst mich nie wieder!«

Quirins Augen weiteten sich. Oh, dachte er, weil er erst jetzt vollständig begriff, was Murdocks Strafe an Mircei gewesen war.

Mirceis kehliges Lachen versetzte ihm den Stich der Wut. »Genau das meine ich, geliebte Schwester. Niemand macht sich die Mühe, meine Sicht der Dinge zu verstehen. Jeder ist vorschnell mit seinem Urteil. Dabei bin ich das Opfer. Vielleicht bin ich sogar krank. Statt mich zu bestrafen, sollte man mir helfen. So wie dieser Schlampe Aura. Haha, aber eine Irre reicht! Murdock hatte offenbar keine Geduld für zwei … Tris! Runter mit der Faust! Von allen Menschen in dieser Welt hatte ich gehofft, dass du mir zuhören würdest!«

Einen Moment lang geschah nichts. Oder besser, konnte Quirin nichts hören.

»Ich bin mir sicher, dass Murdock sich auch ganz gern mal an seiner kleinen Verrückten bespaßt hat«, fuhr Mircei kurz darauf fort. »Dieser Kerl … Er tut nur so scheinheilig. Wenn mich jemand fragen würde, könnte ich guten Gewissens sagen, dass er der Grausamste hier ist. Aber niemand spricht mehr mit mir. Man hat mich vergessen und duldet mich allein deswegen, weil ich noch nicht auf Ronda fliegen kann, ohne mir da unten … du weißt schon. Der Tag wird kommen, an dem es überhaupt keinen Platz mehr für mich gibt.«

»Und was wirst du dann tun?«

»Haha, das willst du gar nicht wissen, Schwester. Dich hat es noch nie interessiert, was mit mir geschieht. Du warst der Liebling unserer Eltern. Ich nur ein Schemen, dem man unglücklicherweise Essen vor die Nase stellen musste.«

»Du hast recht, Mircei. Du bist krank. Alles, was du mir erzählt hast, entspringt einem kranken Hirn ohne jeglichen Sinn für die Realität. Mir ging es besser, als ich dich tot glaubte.«

»Wo gehst du hin?«

»Fort, Mircei. Und ich rate dir, das Land zu verlassen, wenn es so weit ist. Hier gibt es nichts mehr für dich. Vielleicht erbarmt man sich deiner irgendwo, wo man dich nicht kennt. Ich wünsche dir einen Neuanfang. Lass am besten alles hinter dir.«

»Tris …«

Quirin lehnte sich zurück, als der rote Schopf der Lehrerin aus der Höhle zum Vorschein kam. Er war froh, ihr Gesicht nicht sehen zu können, denn der fast schon spürbare Schmerz der Frau grub sich auch in seinen Magen.

Er wurde durch den markerschütternden Schrei eines Wyvern geweckt, der so laut durch den Bergkessel hallte, dass die Wände der Höhle vibrierten.

Erschrocken sprang Quirin auf die Beine und rannte hinaus. Ein riesiger Stein fiel vom Himmel herab.

Als der Brocken auf der kleinen Brücke vor dem Gryphion aufklatschte, wusste Quirin jedoch, dass es etwas anderes war.

Er blinzelte gegen die Morgensonne. Ein Wyvern kreiste hoch oben, brüllte immer wieder und ließ sich herabsinken, um seinen gehörnten Schwanz gegen die Felsen zu schlagen.

»Wer ist das?«, fragte Eamon von hinten. Quirin schirmte seine Augen ab.

»Ich glaube … das muss Ronda sein.« Noch während er das sagte, schnürte ihm Angst die Kehle zu. Er warf einen zweiten Blick zu dem Körper, der vor dem Gryphion zerschellt war, und die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht. »Mircei …«, hauchte er und verstand nicht, weshalb die Angst kleben blieb. Seine Knie wurden weich und er keuchte. »Eamon, Mircei ist …«

»Hab’s gesehen, Junge. Bleib hier, das willst du nicht sehen.«

Quirin hatte überhaupt nicht vor, zum Gryphion zu gehen. Ihm wurde augenblicklich übel.

»Schau doch, die anderen … Sie gehen einfach an ihm vorbei!«

»Die Reiter haben Mircei vergessen. Sie haben geschworen, nie wieder seinen Namen auszusprechen. Verflucht, ich sollte dasselbe tun.«

»Aber Eamon, werden sie ihn liegen lassen? Vielleicht lebt er noch.«

»Quatsch, der ist mausetot. Mh … Wenn sie ihr Gesetz ernst nehmen, müssen sie ihn dalassen. Was für ein gerissener letzter Schachzug von dem Bastard. Mircei wusste, wie man Menschen manipuliert. Ich meine, was? Wovon reden wir hier eigentlich? Ich weiß gar nicht, was du meinst.«

Quirin sah Eamon wütend an. »Du bist ein Feigling! Soll Tris ihren Bruder etwa allein vom Boden kratzen?«

Beschämt verschwand der ehemalige Züchter in seiner Höhle.

Quirin konnte es nicht fassen!

Am Himmel brüllte Ronda noch immer. Sie war inzwischen sogar dazu übergegangen, ihren Schädel gegen die Steine zu werfen, als Nibara auftauchte und ihre Reißzähne in den Hals des kleineren Wyvern schlug.

Quirin musste sich vor Schreck am Felsen festhalten. Was tat Nibara da? Ronda konnte doch überhaupt nichts dafür, was Mircei getan hatte!

Mit angstgeweiteten Augen erkannte er weitere Wyvern, die an dem Gemetzel teilhaben wollten. Ronda hatte nicht die geringste Chance. Blut sprühte wie Regen in den Bergkessel, gemischt mit Fleischfetzen und schlammbraunen Schuppen. Quirin wollte fortsehen, doch er konnte den Blick nicht davon abwenden, als die geflügelte Echse in Stücke gerissen wurde, bis das jämmerliche Kreischen mit dem Aufkommen des gewaltigen Körpers irgendwo über ihnen auf den Felsen endlich verstummte.

Er fand Tris vor Mirceis Höhle, wo sie die Beine in den Abgrund hängen ließ und sich mit den Händen neben dem Körper abstützte.

Sie war blass. Sogar ihre Lippen hatten die Farbe verloren. Vermutlich hatte sie einfach vergessen, den Lippenstift aus Moekonzentrat nachzuziehen.

Quirin ließ sich schwerfällig neben ihr nieder und presste seinen Körper an ihren. Die Lehrerin schien ihn erst jetzt zu bemerken.

»Quirin …«

Er legte seinen Kopf an ihre Brust und starrte hinab. Wieso musste man von überall das Gryphion sehen?

Eine Hand fuhr ihm durch das wirre Haar. Lächerlicherweise fragte er sich, wann er sie zum letzten Mal gewaschen hatte. Hier, in Vilwarin, interessierte das keinen, aber Tris erinnerte ihn daran, wie man in Canthar lebte.

Er hätte gern etwas gesagt. Mircei war widerlich gewesen, aber das wusste Tris selbst. Und etwas anderes fiel ihm nicht ein.

Und Beileidsbekundungen … Was brachten die schon? Er hatte noch nie verstanden, warum sich die Erwachsenen mit solchen Floskeln aufhielten.

Sollte er Tris sagen, dass es ihm leidtat? Das wäre gelogen. Es tat ihm nicht leid. Dieses Es, was sollte das überhaupt sein? Die Erwachsenen benutzen dieses Wort, um etwas auszudrücken, was sie selbst nicht verstanden. Es sagte nichts aus, außer dass man zu feige war, erkennen zu wollen, was einem eigentlich leidtat.

Die einzige Wahrheit war, dass Tris ihm leidtat. Und das wollte sie bestimmt nicht hören. Mitleid war nämlich auch so eine Sache, die man nicht aussprechen konnte, ohne dass sie falsch klang.

Deshalb schwieg er.