Beschreibung

Adelina ist endlich an ihrem Ziel angelangt: Sie sitzt auf dem Thron von Kenettra. Ihre Herrschaft als Weiße Wölfin ist grausam. Erbarmungslos rächt sie sich an ihren Widersachern. Als jedoch eine Gefahr auftaucht, die das Leben aller Begabten bedroht, ist Adelina gezwungen, mit ihren Feinden zusammenzuarbeiten. Mit der verhassten Gemeinschaft der Dolche macht sie sich auf eine riskante Reise, um sich selbst, ihre Schwester und ihr Königreich zu retten. Doch die widerwillig geschlossene Allianz und Adelinas stetig zunehmende innere Dunkelheit scheinen die Mission zum Scheitern zu bringen … Im letzten Band ihrer historischen Fantasy-Trilogie führt Spiegel-BestsellerautorinMarie Lu gekonnt alle Fäden zusammen und spinnt ein Finale, das durch Action und Spannung, aber auch romantische und feinfühlige Momente überzeugt. Eine Geschichte, die berührt und zeigt, dass es nie zu spät ist, sich für das Richtige zu entscheiden.

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EPUB

Seitenzahl: 407


INHALT

Widmung

Karte

»Ein einziges Mal …

Tarannen, Dumor – Die Seelande

Adelina Amouteru – Seit einem Monat …

Raffaele Laurent Bessette – Das Rauschen der …

Adelina Amouteru – Eine Woche später …

Maeve Jacqueline Kelly Corrigan – Heute hätte eine …

Adelina Amouteru – Erinnerungen sind doch …

Raffaele Laurent Bessette – Am Tag nach …

Adelina Amouteru – Es ist erst …

Adelina Amouteru – Morgen werden wir …

Adelina Amouteru – Es kommt mir …

Adelina Amouteru – Ich erwache vom …

Adelina Amouteru – Violetta.

Raffaele Laurent Bessette – Als Raffaele am …

Adelina Amouteru – Ich bin allein …

Adelina Amouteru – Als Erstes stelle …

Magiano – In der ersten …

Adelina Amouteru – An den folgenden …

Teren Santoro – In der ersten …

Adelina Amouteru – Als wir mit …

Adelina Amouteru – Die Welt ist …

Adelina Amouteru – Wie sich herausstellt, …

Adelina Amouteru – Später sind die …

Adelina Amouteru – Königin Maeve ist …

Maeve Jacqueline Kelly Corrigan – Maeve hört Lucent …

Adelina Amouteru – Am nächsten Morgen …

Adelina Amouteru – Wenn Violetta in …

Adelina Amouteru – Meine Stiefel sinken …

Adelina Amouteru – Energie durchflutet mich. …

Adelina Amouteru – Ich kann mich …

Violetta Amouteru – Es gibt eine …

Adelina Amouteru – In der Ferne …

Raffaele Laurent Bessette – Ein greller Blitz …

Violetta Amouteru – Mein Name ist …

Die Geschichte ist …

Danksagung – Oft werde ich …

»Ein einziges Mal habe ich sie gesehen.

Sie ist durch unser Dorf geritten, über die mit toten Soldaten übersäten Felder, nachdem ihre Armee das Land Dumor unterworfen hatte. Gleich hinter ihr folgten ihre Begabten und Reihen weiß gekleideter Inquisitoren, die das silber-weiße Banner der Weißen Wölfin schwenkten. Wohin sie auch kamen, überall verdunkelte sich der Himmel und der Boden brach auf – Wolken ballten sich hinter ihnen zusammen wie ein lebendiges Ungetüm, schwarz und geifernd vor Zorn. Als wäre es die Göttin des Todes selbst, die Einzug hielt.

Einmal blieb sie stehen und sah auf einen unserer sterbenden Soldaten herab. Der Mann lag zitternd am Boden, doch er wandte den Blick nicht von ihr. Spie ihr einen Fluch entgegen. Sie starrte bloß zurück. Ich weiß nicht, was er in ihrem Gesicht gesehen haben mag, nur dass plötzlich seine Muskeln zu krampfen begannen und seine Füße sich ins Gras gruben, als er vergeblich versuchte, vor ihr zu fliehen. Dann fing er an zu schreien. Es war ein Laut, den ich mein Lebtag nicht vergessen werde. Sie nickte ihrem Regenmacher zu, der daraufhin vom Pferd stieg und den sterbenden Soldaten mit seinem Schwert durchbohrte. Ihre Miene blieb völlig reglos. Sie ritt einfach weiter.

Ich bin ihr nie wieder begegnet. Doch noch heute, als alter Mann, sehe ich sie so klar, als stünde sie vor mir. Sie war eiskalt. Es hat eine Zeit gegeben, in der ein Schleier aus Finsternis über der Welt lag, und diese Finsternis hatte eine Königin.«

Zeugenbericht zu Königin Adelinas Eroberung des Landes Dumor

TARANNEN, DUMOR

Moritas war von den anderen Göttern in die Unterwelt verbannt worden. Doch Amare, der Gott der Liebe, hatte Erbarmen mit der jungen, kaltherzigen Göttin.

Er brachte ihr Geschenke aus der Welt der Lebenden, Körbe voll gebündelter Sonnenstrahlen, Krüge voll frischen Regens.

Amare verliebte sich in Moritas und die Frucht dieser Verbindung waren die Zwillingsengel Formidite und Caldora.

Studien altertümlicher und moderner Mythenvon Mordove Senia

ADELINA AMOUTERU

Seit einem Monat plagt mich immer wieder derselbe Albtraum.

Nacht für Nacht liege ich im Bett in meinen königlichen Gemächern im Palast von Estenzia, als mich plötzlich ein Knarren weckt. Ich setze mich auf und schaue mich um. Regen peitscht von draußen an die Fenster. Neben mir schläft Violetta, die sich beim ersten Donnergrollen in mein Zimmer geschlichen hat. Unter der Decke schmiegt sie sich dicht an mich. Wieder höre ich das Knarren. Die Tür zu meiner Kammer steht einen Spaltbreit offen und schwingt langsam weiter auf. Dahinter erscheint etwas Grauenhaftes, etwas mit Fangzähnen und Klauen, etwas, was ich niemals sehe, aber von dem ich stets weiß, dass es da ist. Die Seide meines Nachthemds wird unerträglich kalt, als stünde ich bis zum Hals in einem winterkalten Meer. Ich kann das Zittern nicht unterdrücken. Ich rüttele Violetta, doch sie wacht nicht auf.

Dann springe ich aus dem Bett und stürze zur Tür, um sie zu schließen, aber ich kann es nicht – was auch immer auf der anderen Seite lauert, ist zu stark. Ich drehe mich zu meiner Schwester um.

»Hilf mir!«, rufe ich verzweifelt. Sie rührt sich noch immer nicht und erst jetzt wird mir klar, dass sie gar nicht schläft – sie ist tot.

Ich schrecke hoch, im selben Bett, in derselben Kammer, neben mir die schlafende Violetta. Nur ein Albtraum, denke ich. Einen Moment lang bleibe ich zitternd liegen. Dann höre ich wieder das Knarren, sehe, wie die Tür sich öffnet. Wieder springe ich aus dem Bett und eile zur Tür, um sie zu schließen, rufe nach Violetta. Wieder wird mir klar, dass meine Schwester tot ist. Und wieder erwache ich im selben Bett, um zu sehen, wie die Tür sich öffnet.

So fahre ich Hunderte Male aus dem Schlaf hoch, gefangen in den Wirren meines Albtraums, bis schließlich Sonnenlicht zu den Fenstern hereinfällt und die Finsternis vertreibt. Doch selbst jetzt, Stunden später, kann ich nicht sicher sein, ob ich nicht noch immer träume.

Ich habe Angst, dass einmal die Nacht kommen wird, in der ich nicht aufwache. Dass ich dazu verdammt sein werde, immer und immer wieder zur Tür zu stürzen, bis in alle Ewigkeit auf der Flucht vor einem Albtraum, der niemals endet.

Noch vor einem Jahr hätte meine Schwester Violetta mich auf diesem Ritt begleitet. Heute sind es Sergio und meine Inquisition. Jene weiß gekleidete, gnadenlose Armee, die seit jeher Kenettra dient – nur dient sie jetzt natürlich mir. Als ich mich zu ihnen umdrehe, erkenne ich den breiten weißen Strom ihrer makellosen Umhänge, strahlend hell vor dem düsteren Himmel. Dann wende ich mich wieder nach vorn, zurück zu den ausgebrannten Häusern am Wegrand.

Ich sehe nicht mehr aus wie damals, als ich den Thron bestiegen habe. Mein silbern schimmerndes Haar ist wieder nachgewachsen und heute zu einem juwelenverzierten Knoten hochgesteckt. Mein wehender dunkler Umhang reicht bis über das Hinterteil meines Pferdes. Ich trage keine Maske mehr oder verhülle die vernarbte Seite meines Gesichts mithilfe einer Illusion. Nichts verdeckt den Blick auf mein Gesicht.

Das Volk von Dumor soll seine neue Königin sehen, wie sie ist.

Endlich, als wir über den verlassenen Vorplatz eines Tempels reiten, erspähe ich den Mann, nach dem ich die ganze Zeit Ausschau gehalten habe. Magiano hat sich, kurz nach unserer Ankunft in der Stadt Tarannen, von mir und der kenettranischen Armee getrennt, zweifellos, um sich den einen oder anderen Schatz zu sichern, den die fliehenden Bürger in den Häusern zurückgelassen haben. Das hat er sich zur Gewohnheit gemacht, seit ich Königin geworden bin und begonnen habe, meine Fühler nach den Staaten und Gebieten rings um Kenettra auszustrecken.

Nun galoppiert er uns über den leeren Platz entgegen und wendet sein Pferd, sodass es neben meinem trabt. Sergio wirft ihm einen verärgerten Blick zu, sagt jedoch nichts. Magiano zwinkert ihm zu. Seine vielen geflochtenen Zöpfe sind hoch auf dem Kopf zu einem Knoten gebunden und statt der gewohnten, bunt zusammengewürfelten Roben trägt er einen goldenen Brustpanzer unter einem schweren Mantel. Natürlich ist das Metall mit Edelsteinen besetzt und aufwendig verziert. Wer es nicht besser weiß, würde wahrscheinlich vermuten, er wäre der Herrscher. Seine Pupillen sind schmale Schlitze und seine Lider wirken schwer in der Mittagssonne. Kreuz und quer über die Schultern hat er eine Auswahl verschiedener Musikinstrumente geschlungen. Prall gefüllte Satteltaschen klimpern an den Flanken seines Pferdes.

»Ihr seht allesamt fantastisch aus heute Morgen!«, ruft er fröhlich meinen Inquisitoren zu. Diese neigen bloß die Köpfe zum Gruß. Jeder hier weiß, dass die kleinste offen bekundete Respektlosigkeit gegenüber Magiano den sofortigen Tod durch meine Hand bedeutet.

Ich mustere ihn. »Wieder auf Schatzsuche gewesen?«

Er nickt selbstzufrieden. »Ich habe den ganzen Morgen für ein einziges Stadtviertel gebraucht«, erwidert er nonchalant, während seine Finger geistesabwesend über die Saiten der Laute vor seiner Brust streichen. Selbst diese unbewusste Geste entlockt dem Instrument einen perfekten Akkord. »Wenn ich all die zurückgelassenen Kostbarkeiten sammeln wollte, müssten wir Wochen hierbleiben. Sieh dir mal das hier an. Etwas derart fein Gearbeitetes habe ich in Merroutas noch nie gesehen. Du etwa?«

Er lenkt sein Pferd dichter neben meines. Aus einem Stoffbündel vor seinem Sattel lugt eine Sammlung von Pflanzen hervor. Klebdisteln. Bergnelken. Die knorrigen Wurzeln des gelben Enzians. Ich erkenne die Pflanzen sofort und verkneife mir ein kleines Lächeln. Wortlos löse ich meine Feldflasche und reiche sie ihm, ohne dass die anderen es mitbekommen. Nur Sergio blickt zu uns herüber, wendet sich jedoch gleich wieder ab und greift nach seiner eigenen Flasche. Sergio klagt schon seit Wochen über unstillbaren Durst.

»Du hast letzte Nacht nicht gut geschlafen«, murmelt Magiano mir zu, während er sich daranmacht, die Pflanzen zu zerdrücken und in mein Wasser zu mischen.

Ich habe mir an diesem Morgen mit der Illusion, die die dunklen Ringe unter meinen Augen verbergen soll, viel Mühe gegeben. Aber Magiano weiß immer genau, wann ich von meinen Albträumen geplagt wurde. »Damit werde ich besser schlafen«, entgegne ich mit einer Geste auf den Trank, den er mir zubereitet.

»Gelber Enzian«, sagt er, als er mir den Schlauch zurückreicht. »Der wächst hier in Dumor wie Unkraut. Du solltest heute Abend noch eine Ration einnehmen, um … na ja, sie in Schach zu halten.«

Die Stimmen. Ich höre sie nun ununterbrochen. Ihr boshaftes Zischeln, wie eine lärmende Wolke um meine Ohren, immerzu da, niemals still. Ihr Flüstern weckt mich morgens auf und begleitet mich abends, wenn ich zu Bett gehe. Manchmal reden sie völligen Unsinn. Dann wieder erzählen sie mir die grausigsten Geschichten. Jetzt gerade machen sie sich über mich lustig.

Wie rührend, spotten sie, als Magiano sein Pferd ein Stück von mir weglenkt und weiter auf seiner Laute zupft. Er mag uns nicht besonders, was? Stets bemüht, dich vor uns abzuschirmen. Dabei willst du gar nicht, dass wir dich in Ruhe lassen, nicht wahr, Adelina? Wir sind ein Teil von dir, eine Ausgeburt deines eigenen Geistes. Und ohnehin, warum sollte ein so hübscher Junge dich lieben? Verstehst du denn nicht? Er versucht nur, dich zu ändern. Er ist genau wie deine Schwester.

Kannst du dich überhaupt noch an sie erinnern?

Ich beiße die Zähne zusammen und nehme einen Schluck von Magianos Trank. Die Kräuter schmecken bitter, aber das ist mir nur recht. Heute muss ich wie eine siegreiche Königin wirken. Ich kann nicht riskieren, dass meine Illusionen außer Kontrolle geraten, wenn ich zum ersten Mal meinen neuen Untertanen gegenübertrete. Sofort spüre ich die Wirkung der Kräuter – die Stimmen klingen plötzlich gedämpft, wie in den Hintergrund gedrängt – und der Rest der Welt nimmt schärfere Formen an.

Magiano spielt einen weiteren Akkord. »Ich habe nachgedacht, mi Adelinetta«, fährt er in gewohnt unbeschwertem Ton fort, »und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich inzwischen viel zu viele dieser Lauten und Kostbarkeiten und hübschen kleinen Saphirmünzen gesammelt habe.« Er dreht sich halb im Sattel und klaubt eine Handvoll Gold aus einer der schweren neuen Satteltaschen. Dann wählt er ein paar einzelne Münzen aus, in deren Mitte winzige blaue Juwelen eingelassen sind. Jede davon ist zehn kenettranische Goldtalente wert.

Ich lache auf und hinter uns heben ein paar meiner Inquisitoren überrascht die Köpfe. So leicht vermag mich nur Magiano zu erheitern. »Nanu? Fühlt der Prinz der Diebe sich etwa all dem Reichtum nicht mehr gewachsen?«

Magiano zuckt mit den Schultern. »Was soll ich denn mit fünfzig Lauten und zehntausend Saphirmünzen anfangen? Und wenn ich noch mehr Goldschmuck trage, falle ich wahrscheinlich vom Pferd.«

Dann senkt er ein wenig die Stimme. »Ich dachte, du könntest vielleicht einen Teil davon an deine neuen Untertanen verschenken. Es muss ja nicht viel sein. Ein paar Saphirmünzen für jeden, ein paar Handvoll Gold aus deinen Truhen. Die quellen doch ohnehin über, spätestens seit du Merroutas erobert hast.«

Meine gute Laune verpufft und die Stimmen in meinem Kopf werden wieder lauter. Er will, dass du dir die Treue deiner neuen Untertanen erkaufst. Liebe hat nämlich ihren Preis, wie dir bewusst sein dürfte. So hast du dir schließlich auch Magianos Zuneigung gesichert. Das ist der einzige Grund, warum er noch bei dir ist. Was hast du denn gedacht?

Ich nehme einen weiteren Schluck aus meinem Trinkschlauch und die Stimmen ziehen sich wieder zurück. »Du willst, dass ich mich den Dumorianern gegenüber gnädig zeige.«

»Das würde die Häufigkeit der Angriffe auf dich bestimmt ein wenig senken, ja.« Magiano hört auf zu spielen. »Denk nur an den Mordanschlag in Merroutas. Und wir haben doch selbst miterlebt, wie sich diese Rebellengruppe formiert hat – die Saccoristen oder wie sie sich nennen –, als du mit deinem Heer in Domacca gelandet bist.«

»Die sind nie auch nur in meine Nähe gelangt.«

»Aber in einer Nacht ist es ihnen immerhin gelungen, mehrere von deinen Inquisitoren zu töten, deine Zelte niederzubrennen und Waffen zu stehlen. Ohne dass du sie je aufspüren konntest. Und vergiss nicht, was in Nordtamoura war, kurz nachdem du das Gebiet eingenommen hattest.«

»Was genau meinst du?«, entgegne ich und meine Worte sind kühl, knapp. »Diesen Eindringling, der mir in meinem Zelt aufgelauert hat? Die Explosion an Bord meines Schiffes? Den toten Gezeichneten draußen vor unserem Lager?«

»Da siehst du’s!«, antwortet Magiano und breitet die Arme aus. »Aber eigentlich meinte ich, wie du die Briefe des tamourischen Königshauses ignoriert hast, der Goldenen Triade. Sie haben dir ein Friedensangebot gemacht, mi Adelinetta. Ihre nördlichen Gebiete im Austausch für die Freilassung ihrer Soldaten und das Ackerland in der Nähe ihres einzigen großen Flusses. Das war eine sehr großzügige Geste. Und du dankst es ihnen, indem du ihren Boten mit deinem Wappen zurückschickst, das mit dem Blut ihrer gefallenen Männer beschmiert ist.« Er wirft mir einen eindringlichen Blick zu. »Ich meine, mich zu entsinnen, dass ich dir zu einer besonneneren Reaktion geraten habe.«

Ich schüttele den Kopf. Darüber haben wir schon einmal gestritten, kurz nach unserer Ankunft in Tamoura, und ich habe nicht vor, mich erneut auf diese Diskussion einzulassen. »Ich bin nicht hier, um Freunde zu gewinnen. Unsere Armee hat erfolgreich die nördlichen Gebiete erobert, wozu hätte ich da auf ihren Handel eingehen sollen? Und den Rest von Tamoura hole ich mir auch noch.«

»Das stimmt – aber es hat dich ein Drittel deiner Armee gekostet. Wie, denkst du denn, wird es ausgehen, wenn du versuchst, den Rest von Tamoura einzunehmen? Wenn die Belden dich erneut angreifen? Königin Maeve hat ein Auge auf dich, daran besteht keinerlei Zweifel.« Er holt tief Luft. »Adelina, du bist die Königin der Seelande. Du hast Domacca und Nordtamoura in den Sonnenlanden unterworfen. Irgendwann solltest du davon ablassen, weitere Territorien zu erobern, sondern dich darauf konzentrieren, Ordnung in denen zu schaffen, die du bereits besitzt. Und das wirst du nicht erreichen, indem du deine Inquisitoren beorderst, ungezeichnete Menschen auf die Straße zu zerren und sie mit glühenden Eisen zu brandmarken.«

»Du hältst mich für grausam.«

»Nein.« Magiano zögert kurz. »Na ja, vielleicht ein bisschen.«

»Ich brandmarke die Menschen nicht aus Grausamkeit«, entgegne ich leise. »Sondern als Bestrafung für das, was sie uns angetan haben. Den Gezeichneten. Wie kannst du das so schnell vergessen?«

»Ich werde es nie vergessen«, antwortet Magiano. Diesmal klingt seine Stimme schärfer. Seine Hand wandert unwillkürlich an seine Seite, wo ihn noch immer die Wunde aus seiner Kindheit plagt. »Aber indem du ungezeichneten Menschen dein Wappen auf den Körper brennst, machst du keine treuen Untertanen aus ihnen.«

»Ich mache sie zu Untertanen, die mich fürchten.«

»Furcht wirkt am besten in Kombination mit Liebe«, sagt Magiano. »Beweise ihnen, dass du furchterregend sein kannst, aber auch großzügig.« Die Goldringe, die in seine Zöpfe eingeflochten sind, klimpern. »Lass zu, dass dein Volk dich liebt, mi Adelinetta.«

Mein erster Impuls ist Verbitterung. Immerzu geht es bei diesem gottverdammten Dieb um Liebe. Ich muss Macht demonstrieren, um meine Armee unter Kontrolle zu halten, und der Gedanke, Menschen, die einst unseresgleichen auf dem Marktplatz verbrannt haben, mit Gold zu überhäufen, ist mir zutiefst zuwider.

Aber unrecht hat Magiano nicht.

Auf meiner anderen Seite reitet schweigend Sergio, mein Regenmacher. Er wirkt blass und es scheint, als hätte er sich noch immer nicht ganz von dem Husten erholt, der ihn vor einigen Wochen heimgesucht hat. Doch abgesehen von seiner Schweigsamkeit und davon, wie eng er sich selbst bei diesem milden Wetter den Mantel um die Schultern zieht, lässt er sich nichts anmerken.

Ohne zu antworten, wende ich mich von Magiano ab. Auch er blickt geradeaus, aber ein Lächeln umspielt seine Lippen. Er weiß, dass ich über seinen Vorschlag nachdenke. Warum kann er bloß meine Gedanken so gut lesen? Das macht mich nur noch wütender. Vermutlich muss ich ihm dankbar sein, dass er nicht auch noch Violetta erwähnt hat, dass er mich nicht offen auf den wahren Grund angesprochen hat, aus dem ich meinen Inquisitoren befehle, die Ungezeichneten auf die Straße zu zerren. Er weiß, dass ich es tue, weil ich auf der Suche bin. Auf der Suche nach ihr.

Warum willst du sie immer noch finden?, sticheln die Stimmen. Warum? Warum?

Diese Frage stellen sie mir immer wieder. Und meine Antwort lautet immer gleich: Weil ich darüber entscheide, wann sie mich verlassen darf. Nicht sie.

Doch sooft ich den Stimmen auch antworte, sie bohren unablässig weiter. Weil sie mir nicht glauben.

Inzwischen haben wir die zentralen Bezirke von Tarannen erreicht, und obwohl die Straßen wie ausgestorben wirken, wendet Sergio den Blick keine Sekunde von den Gebäuden um uns. Seit einiger Zeit werden unsere Truppen vermehrt von einer Gruppe von Aufständischen angegriffen, die sich den Namen Saccoristen gegeben haben – nach dem domaccanischen Wort für Anarchie. Sergio ist immerfort auf der Jagd nach versteckten Rebellen.

Durch einen hohen Bogengang gelangen wir auf den Marktplatz. Der Stein ist mit aufwendigen Reliefs verziert, die die Monde in ihren verschiedenen Phasen zeigen, von zunehmend bis abnehmend. Flankiert von Sergio und Magiano, reite ich hindurch und halte schließlich vor einer Menge dumorianischer Gefangener. Mein Pferd stampft ungeduldig mit den Hufen auf. Ich straffe den Rücken und hebe das Kinn, fest entschlossen, mir meine Erschöpfung nicht anmerken zu lassen.

Natürlich trägt keiner der Dumorianer hier ein Zeichen – all diese Männer und Frauen, die faules Essen nach mir geworfen und mir schreiend den Tod gewünscht haben. Ich hebe an Sergio und Magiano gewandt die Hand. Sie lenken ihre Hengste von mir weg und nehmen, den Gefangenen zugewandt, zu beiden Enden des Platzes Aufstellung.

Auch meine Inquisitoren schwärmen aus. Bei unserem Anblick weichen die Gefangenen zurück und starren angstvoll zu mir hoch. Es ist so still, dass ich mir, würde ich mein Auge schließen, einreden könnte, ich wäre allein auf dem Platz. Ich spüre die Angst der Menschen und eine Woge aus Abscheu und Unsicherheit brandet durch meinen Körper, tief bis in die Knochen. Die Stimmen in meinem Kopf stürzen sich darauf wie hungrige Schlangen auf eine Schar wild auseinanderstiebender Mäuse, um sich an ihrer Furcht gütlich zu tun.

Ich treibe meinen Hengst ein paar Schritte vorwärts. Mein Blick schweift von den Leuten hoch zu den Dächern. Selbst in diesem Augenblick ertappe ich mich dabei, wie ich instinktiv nach Enzo Ausschau halte, als könnte er irgendwo dort oben hocken wie früher. Das Band, das mich an ihn und ihn an mich bindet, strafft sich, als wüsste er, irgendwo jenseits des Meers, dass Dumor sich meiner Armee geschlagen geben musste. Gut. Ich hoffe, er spürt meinen Triumph.

Dann sehe ich wieder die Gefangenen an. »Volk von Dumor«, – meine Stimme hallt über den Platz –, »ich bin Königin Adelina Amouteru. Ich bin jetzt eure Königin.« Mein Blick wandert von einem Gesicht zum anderen. »Ihr alle seid von nun an ein Teil von Kenettra und könnt euch als seine Bürger betrachten. Seid stolz, denn ihr gehört nun zu einer Nation, die schon bald über allen anderen stehen wird. Unser Reich wächst stetig und ihr könnt mit ihm wachsen. Von heute an sollt ihr dem Gesetz Kenettras gehorchen. Eine gezeichnete Person als Malfetto zu bezeichnen, wird mit dem Tode bestraft. Auf jede Art von Misshandlung, Nötigung oder Unterdrückung eines Gezeichneten, was auch immer der Grund sei, folgt nicht nur eure eigene Exekution, sondern die eurer gesamten Familie. Vergesst nicht: Diese Menschen tragen die Zeichen der Götter. Sie sind euch überlegen und unantastbar. Als Belohnung für eure Loyalität soll jeder von euch ein Geschenk von fünf dumorischen Saffton-Talern und fünfzig kenettranischen Goldtalenten erhalten.«

Überraschtes Gemurmel erhebt sich in der Menge, und als ich mich zur Seite wende, sehe ich, dass Magiano mir anerkennend zunickt.

Sergio schwingt sich vom Pferd und tritt mit einer kleinen Gruppe seiner ehemaligen Söldner vor. Sie drängen sich durch die Menge, wählen hier und da eine Person aus und zerren sie zu mir nach vorn, wo Sergio sie niederknien lässt. Ich lese Furcht in den Gesichtern der Auserwählten. Zu Recht.

Ich blicke auf sie herab. Wie erwartet, haben Sergio und seine Söldner ausnahmslos kräftige, muskulöse Männer und Frauen ausgesucht. Sie halten die Köpfe gesenkt und zittern. »Ihr habt nun die Gelegenheit, euch meiner Armee anzuschließen«, sage ich zu ihnen. »Entschließt ihr euch dazu, werdet ihr von meinen Hauptmännern ausgebildet. Ihr werdet an meiner Seite die Sonnenlande und die Himmellande bereisen. Ihr erhaltet Waffen, Essen und Kleidung und auch eure Familien sollen gut versorgt sein.«

Um meinen Worten Nachdruck zu verleihen, steigt nun auch Magiano von seinem Hengst und nähert sich den Knienden. Vor jedem von ihnen bleibt er kurz stehen, greift mit großer Geste in seine Tasche und wirft schwere Beutel voller kenettranischer Goldtalente auf den Boden. Die Gefangenen starren darauf. Einer von ihnen grapscht so gierig nach dem Beutel, dass ein paar Münzen herausrollen. Sie glänzen in der Sonne.

»Schlagt ihr jedoch mein Angebot aus, werdet ihr mitsamt euren Familien ins Gefängnis geworfen.« Meine Stimme wird schärfer. »Ich dulde keine potenziellen Aufständischen in meiner Nähe. Schwört mir eure Treue und ich werde dafür sorgen, dass ihr es nicht bereut.«

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Sergio unruhig von einem Fuß auf den anderen tritt. Sein Blick wandert rastlos über den Platz. Ich schlucke. Inzwischen bin ich recht geübt darin zu erkennen, wann Sergio Gefahr wittert. Er zischt seinen Männern etwas zu, die gleich darauf losmarschieren und im Schatten hinter einer Tür verschwinden.

»Wollt ihr den Schwur leisten?«, fragt Magiano.

Sie bejahen ohne Zögern, einer nach dem anderen. Ich bedeute ihnen, sich zu erheben, und eine Einheit meiner Inquisitoren geleitet sie davon. Eine neue Gruppe vielversprechender Rekruten wird mir vorgeführt. Wir wiederholen die Prozedur. Dann kommt die nächste Gruppe. So vergeht eine Stunde.

Eine einzige Frau weigert sich. Sie spuckt mir vor die Füße und beschimpft mich auf Dumorianisch, was ich nicht verstehe. Ich starre sie finster an, aber sie gibt nicht klein bei. Stattdessen fletscht sie die Zähne. Widerspenstiges Weib.

»Ihr wollt, dass wir Euch fürchten«, knurrt sie mir in Kenettranisch mit sehr starkem Akzent zu. »Ihr glaubt, Ihr könnt herkommen und unsere Häuser zerstören, unsere Familien töten – und dass wir dann vor Euch niederknien. Ihr erwartet, dass wir Euch für ein paar Goldmünzen unsere Seelen verkaufen.« Sie reckt das Kinn. »Aber ich fürchte mich nicht vor Euch.«

»Nein?« Ich lege den Kopf schief und mustere sie interessiert. »Vielleicht solltest du das aber.«

Sie schenkt mir ein herausforderndes Lächeln. »Ihr bringt es nicht über Euch, selbst das Blut eines Menschen zu vergießen.« Sie nickt in Sergios Richtung, der bereits sein Schwert gezogen hat. »Das lasst Ihr lieber einen Eurer Lakaien für Euch erledigen. Ihr seid eine feige Königin, die sich hinter ihrer Armee versteckt. Aber wir lassen unseren Stolz nicht von den Stiefeln Eurer Begabten niedertrampeln – uns bezwingt Ihr nicht.«

Es gab eine Zeit, da hätte ich mich von Worten wie diesen beeindrucken lassen. Jetzt aber seufze ich bloß. Da hast du es, Magiano. Genau das passiert, wenn ich Milde walten lasse. Also steige ich vom Pferd, während die Frau ihre Tirade fortsetzt. Sergio und Magiano beobachten schweigend das Geschehen – sie ahnen schon, was nun geschehen wird.

Die Frau redet noch immer, selbst als ich direkt vor sie trete. »Der Tag wird kommen, an dem wir Rache nehmen«, prophezeit sie. »Denkt an meine Worte. Wir werden Euer Albtraum sein.«

Ich balle die Fäuste und schleudere ihr eine Schmerzillusion entgegen. »Ich bin dein Albtraum.«

Die Frau reißt die Augen auf. Mit einem erstickten Schrei sackt sie zu Boden und gräbt die Fingernägel in den Schmutz. Hinter ihr geht ein Ruck durch die Menschenmenge – Blicke werden gesenkt, Köpfe abgewendet. Ich sauge die Todesangst der Frau in mich auf, bis die Stimmen in meinem Kopf zu Geschrei anschwellen und meine Ohren mit ihrem Juchzen füllen. Perfekt. Weiter so. Soll ihr Herz bersten vor Schmerz. Ich lausche. Meine Fäuste ballen sich fester – ich denke zurück an die Nacht, in der ich zum ersten Mal getötet habe, an den Moment, in dem Dantes Leiche vor mir lag. Die Frau vor mir windet sich, ihr Blick zuckt wild umher, als sie Ungeheuer sieht, die nur in ihrem Geist existieren. Dunkelrote Tropfen fliegen ihr von den Lippen. Ich trete einen Schritt zurück, damit das Blut nicht den Saum meines Gewands besudelt.

Schließlich wird die Frau bewusstlos und bleibt reglos liegen.

Ruhig wende ich mich wieder dem Rest unserer Gefangenen zu, die wie zu Statuen erstarrt dastehen. Die Furcht hängt so dick in der Luft, dass ich sie mit meinem Dolch zerteilen könnte. »Noch jemand?«, gellt meine Stimme über den Platz. »Nein?« Es herrscht weiter Schweigen.

Ich beuge mich hinunter. Der Beutel mit Münzen, den Magiano der Frau vor die Füße geworfen hat, liegt unberührt da. Mit spitzen Fingern hebe ich ihn auf. Dann gehe ich zu meinem Pferd und steige zurück in den Sattel.

»Wie ihr seht, stehe ich zu meinem Wort«, rufe ich den Menschen zu. »Nutzt meine Großzügigkeit nicht aus, dann nutze ich dafür eure Schwäche nicht aus.« Ich werfe dem nächsten Inquisitor den Münzbeutel der Frau zu. »Legt sie in Ketten. Und dann macht ihre Familie ausfindig.«

Meine Soldaten schleifen die Frau davon und eine neue Gruppe wird mir vorgeführt. Diesmal nehmen alle mit geneigten Köpfen ihr Gold entgegen und ich nicke zufrieden. Der Rest der Prozedur verläuft ohne Zwischenfälle. Wenn mich meine Vergangenheit und die Gegenwart eines gelehrt haben, dann, wie viel Macht einem Furcht verleiht. So viel Großzügigkeit man seinen Untertanen auch zuteilwerden lässt, sie verlangen immer noch mehr. Nur wer Angst hat, widersetzt sich nicht. Das weiß ich inzwischen nur zu gut.

Die Sonne steigt höher und zwei weitere Gruppen geloben mir und meiner Armee die Treue.

Plötzlich schimmert etwas Scharfes im Licht. Ich sehe hoch. Eine Klinge, eine nadelspitze Waffe, fliegt von den Dächern auf mich zu. Reflexartig greife ich nach meiner Energie und hülle mich in eine Unsichtbarkeitsillusion. Aber ich bin nicht schnell genug. Der Dolch streift mich und schlitzt mir tief den Arm auf. Mein Körper prallt unter der Wucht zurück und die Illusion entgleitet mir.

Schreie ertönen unter den Gefangenen, dann das metallische Scharren Hunderter Schwerter, als meine Inquisitoren ihre Waffen ziehen. Sofort ist Magiano an meiner Seite. Er streckt den Arm nach mir aus, als ich im Sattel schwanke, doch ich winke ungeduldig ab. »Nein«, stoße ich hervor. Die Dumorianer dürfen mich nicht schwach sehen. Mehr wird nicht nötig sein, damit sie sich gegen mich wenden.

Ich wappne mich für weitere Dolche und Pfeile, die von den Dächern regnen – aber nichts passiert. Stattdessen tauchen am anderen Ende des Marktplatzes Sergio und seine Männer wieder auf. Zwischen sich führen sie vier, fünf Gefangene. Saccoristen. Sie tragen sandfarbene Kleider, die sie förmlich mit den Mauern der Gebäude verschmelzen lassen.

Wut durchzuckt mich und der Schmerz in meinem blutenden Arm befeuert meine Kraft zusätzlich. Ich warte nicht ab, bis Sergio sie zu mir bringt. Stattdessen gehe ich direkt zum Angriff über, recke mich zum Himmel und greife nach der Furcht der Menschen, während ich gleichzeitig in mir nach meiner Gabe taste. Dann beginne ich zu weben. Der Himmel verfärbt sich zu einem eigentümlichen Violett, dann Rot. Die Leute weichen schreiend vor mir zurück. Ich werfe eine Illusion des Erstickens in Richtung der Rebellen. Noch im Griff von Sergios Männern krümmen sie sich vornüber, dann nach hinten, als sie spüren, wie ihnen die Luft aus den Lungen gesogen wird. Ich beiße die Zähne zusammen und verstärke die Illusion.

Die Luft ist keine Luft mehr, sondern Wasser. Ihr ertrinkt, mitten auf dem Marktplatz, und es gibt keine rettende Oberfläche, zu der ihr euch emporkämpfen könnt.

Sergios Männer lassen die Gefangenen los. Sie fallen auf die Knie, ringen um Atem, winden sich auf dem Boden. Ich erweitere meine Illusion, bis sie auch die restlichen Dumorianer auf dem Platz mit einschließt. Dann schleudere ich meine gesamte Energie nach ihnen.

Ein Netz aus Schmerzen senkt sich über die Gefangenen. Sie schreien, schlagen nach unsichtbaren Brenneisen, die ihnen die Haut versengen, raufen sich die Haare, als fielen Tausende Ameisen über sie her und zerbissen ihnen die Kopfhaut. Eine Weile sehe ich zu, wie sie leiden, übertrage meinen eigenen Schmerz auf sie, bevor ich die Illusion wieder verschwinden lasse.

Schluchzen erschüttert die Menge. Ich wage es nicht, meinen eigenen blutenden Arm zu umklammern – stattdessen richte ich meinen kalten Blick auf die Menschen vor mir. »So«, rufe ich. »Nun habt ihr es am eigenen Leib erfahren. Ich werde mich mit nichts weniger als eurer bedingungslosen Loyalität zufriedengeben.« Mein Herz hämmert. »Verratet ihr mich oder einen der Meinen, werde ich dafür sorgen, dass ihr mich anfleht, euch zu töten.«

Ich bedeute meinen Männern, die weinenden Rebellen wieder zu ergreifen. Erst dann, umringt von weißen Inquisitorenmänteln, wende ich mein Pferd und reite vom Marktplatz. Meine Rosen folgen mir. Endlich außer Sicht, lasse ich erschöpft die Schultern hängen und steige ab.

Magiano steht bereit und ich lehne mich dankbar gegen ihn. »Zurück zu den Zelten«, murmelt er und schlingt mir den Arm um die Schultern. Seine Miene ist angespannt und ich lese Sorge darin. »Deine Wunde muss genäht werden.«

Ich schmiege den Kopf an seine Brust, benommen nach dem plötzlichen Blutverlust und dem Sturm von Illusionen. Schon wieder ein Mordversuch. Eines Tages werde ich vielleicht nicht so viel Glück haben. Gut möglich, dass sie mich schon das nächste Mal, wenn ich eine eroberte Stadt betrete, hinterrücks umbringen, bevor meine Rosen zur Stelle sind. Ich bin nicht Teren – meine Gabe vermag mich nicht vor einer herabsausenden Klinge zu schützen.

Ich muss diese Aufständischen ausschalten, bevor sie zu einer echten Bedrohung werden. Ich muss mit ihren Hinrichtungen ein noch unerbittlicheres Exempel statuieren. Ich muss noch kaltblütiger werden.

Denn so ist nun mein Leben.

RAFFAELE LAURENT BESSETTE

Das Rauschen der Brandung vor dem Fenster ruft Raffaele die stürmischen Abende im Hafen von Estenzia in Erinnerung und das Heimweh ergreift ihn. Hier in Tamoura, in den Sonnenlanden, gibt es keine Kanäle, keine losgerissenen Gondeln, die herrenlos entlang der Steinmauern treiben. Hier gibt es nur Strände aus rotgoldenem Sand, niedrige Sträucher und vereinzelt über die Landschaft verstreute Bäume. Auf einem Hügel hoch über dem Ozean thront der Königspalast, das herrschaftliche Tor von Laternen erleuchtet.

An diesem Abend weht eine frühlingshaft milde Brise zu den Fenstern herein und die Kerzen sind beinahe heruntergebrannt. Enzo Valenciano sitzt vornübergebeugt in einem goldverzierten Sessel, die Ellbogen auf die Knie gestützt. Das dunkle wellige Haar fällt ihm ins angespannt wirkende Gesicht. Er hat vor Schmerzen die Augen geschlossen und seine Wangen sind nass vor Tränen.

Raffaele kniet vor ihm und entfernt behutsam die weißen Leinenverbände von den Armen des Prinzen, die ihm bis zu den Ellenbogen hinaufreichen. Der Geruch nach verbranntem Fleisch und erdrückend süßlicher Wundsalbe erfüllt den Raum. Jedes Mal wenn Raffaele ein neues Stück Haut freilegt und der Verband sich nur widerstrebend von der Wunde löst, verzieht Enzo das Gesicht. Die Schnürung seines Hemds ist geöffnet, der Stoff schweißdurchtränkt. Raffaele wickelt das Leinen zu einer Rolle zusammen. Er spürt die Qualen, die der Prinz leidet, und es versengt ihm das Herz, als trüge er selbst diese Wunden.

Unter den Verbänden sind Enzos Arme von Brandwunden übersät, die niemals zu heilen scheinen. Die Narben und Brandmale, die schon zuvor die Hände des Prinzen überzogen, haben sich bis über seine Arme ausgebreitet und nach dem erbitterten Kampf gegen Adelina im Hafen von Estenzia noch verschlimmert. Der erzwungene Einsatz seiner Feuergabe, bei dem Königin Maeves Armee fast gänzlich vernichtet wurde, hat seinen Tribut gefordert. Ein Stück Haut löst sich mit dem Verband. Enzo stöhnt leise auf.

Raffaele zieht eine Grimasse beim Anblick des verkohlten Fleisches. »Sollen wir einen Moment Pause machen?«, fragt er.

»Nein«, presst Enzo hervor.

Raffaele gehorcht. Langsam und sorgfältig entfernt er den restlichen Verband, bis schließlich beide Arme des Prinzen entblößt sind.

Seufzend greift Raffaele nach der Schale mit kühlem, klarem Wasser neben sich und stellt sie Enzo auf den Schoß. »Hier«, sagt er. »Bade deine Arme darin.«

Enzo taucht vorsichtig die Arme ins Wasser. Er atmet tief aus. Eine Weile sitzen sie schweigend beieinander, lassen die Minuten dahinziehen. Raffaele mustert Enzo prüfend. Der Prinz hat sich von Tag zu Tag mehr in sich zurückgezogen und immer öfter wandert sein Blick sehnsüchtig zum Meer. Er strahlt eine neue Art von Energie aus, die Raffaele nicht ganz einordnen kann.

»Spürst du noch immer ihre Anziehungskraft?«, fragt Raffaele schließlich.

Enzo nickt. Unwillkürlich wendet er sich zum Fenster und blickt hinaus auf den Ozean. Es vergeht ein langer Moment der Stille, bevor er antwortet. »An manchen Tagen spüre ich sie kaum«, sagt er. »Aber heute schon.«

Raffaele wartet darauf, dass er fortfährt, doch Enzo verfällt abermals in tiefes Schweigen, den Blick weiter aufs Meer gerichtet. Ob er gerade an sie denkt?, fragt sich Raffaele. Nicht an Adelina, sondern an ein anderes Mädchen, das längst nicht mehr am Leben ist, an glücklichere Tage.

Nach einer Weile stellt Raffaele die Schale beiseite und tupft vorsichtig Enzos Arme trocken. Dann reibt er behutsam eine Schicht Wundsalbe auf die verbrannte Haut. Es ist eine alte Rezeptur aus Raffaeles Zeiten am Fortunata-Hof, denn schon damals hat Enzo ihn abends zum Verbandswechsel aufgesucht. Nun gibt es den Fortunata-Hof nicht mehr. Königin Maeve ist nach Beldain zurückgekehrt, um ihre Wunden zu lecken und eine neue Armee aufzubauen. Und die Dolche sind hierhergekommen, nach Tamoura – oder dem, was davon übrig ist. Das Hügelland im Norden ist fest in der Hand von Adelinas Inquisitoren.

»Gibt es Neuigkeiten von Adelina?«, fragt Enzo, als Raffaele nach frischen Binden greift.

»Ihre Armee hat die Hauptstadt von Dumor eingenommen«, antwortet Raffaele. »Sie herrscht jetzt über die gesamten Seelande.«

Enzo sieht wieder aufs Meer hinaus, als suche er nach der unzerstörbaren Verbindung zwischen sich und der Weißen Wölfin, und sein Blick schweift in weite Ferne. »Es wird nicht lange dauern, bis sie zurückkommt, um sich den Rest von Tamoura zu holen.«

»Es würde mich nicht wundern, wenn jeden Moment ihre Schiffe am Horizont auftauchten«, stimmt Raffaele ihm zu.

»Empfängt die Goldene Triade uns morgen?«

»Ja.« Raffaele sieht den Prinzen an. »Die Könige lassen vermelden, die tamourische Armee sei noch geschwächt von Adelinas letztem Angriff. Sie wollen versuchen, erneut mit ihr zu verhandeln.«

Enzo bewegt probeweise die Finger seiner Linken und zuckt zusammen. »Und, was denkst du darüber?«

»Reine Zeitverschwendung.« Raffaele schüttelt den Kopf. »Adelina hat das letzte Angebot ausgeschlagen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Die Könige haben nichts in der Hand – was sollten sie ihr bieten, das sie sich nicht einfach mit Gewalt nehmen kann?«

Wieder breitet sich Schweigen zwischen ihnen aus, vielleicht die einzige Antwort auf Raffaeles Frage. Während er Enzos Arme mit sauberem Leinen umwickelt, versucht er, das Meeresrauschen draußen zu verdrängen.

Die Brandung vor dem Fenster. Flackernde Kerzen in der Dunkelheit. Ein Klopfen an der Tür. Die Erinnerung kommt ungebeten und reißt erbarmungslos die Mauern nieder, die Raffaele nach Enzos Tod und Wiederauferstehung um sein Herz errichtet hat. Im Geiste versorgt er nicht mehr die Wunden des Prinzen, sondern reist zurück in den großen Salon des Fortunata-Hofs, wo er einst voller Angst einem Meer maskierter Menschen entgegenblickte.

Es schien, als hätte sich die ganze Stadt eingefunden, um Raffaeles Debüt beizuwohnen. Adlige in Gewändern aus tamourischer Seide stolzierten durch den Saal, ihre Gesichter halb hinter bunten Masken verborgen. Gelächter vermischte sich mit dem Klirren aneinandergestoßener Gläser und dem leisen Schlurfen von Pantoffeln. Kurtisanen bewegten sich durch die Menge, lautlos und elegant, um den Gästen Getränke oder Schalen mit geeisten Trauben zu reichen.

Raffaele stand in der Mitte des Saals, ein schüchterner, aufs Feinste herausgeputzter Junge, in weiß-goldene Gewänder gehüllt, sein Haar ein Vorhang aus dunklem Satin, die Edelsteinaugen mit schwarzem Puder umrandet, und musterte die neugierigen Gesichter seiner Interessenten. Noch heute erinnert er sich daran, wie seine Hände zitterten, wie er sie zusammenpresste, um sie ruhig zu halten. Man hatte ihn gelehrt, unzählige Ausdrücke auf sein Gesicht zu zaubern, tausend verschiedene Arten des Zusammenspiels von Lippen, Brauen und Blick, unabhängig davon, ob er die jeweilige Emotion empfand oder nicht. Und so zeugte seine Miene in diesem Moment von unbeschwerter Ruhe, von Sittsamkeit und verhaltener Freude, von der Schweigsamkeit fallenden Schnees, ohne seine Furcht preiszugeben.

Hin und wieder schien die Energie im Raum zu schwanken. Raffaele drehte wie mechanisch den Kopf, um ihr zu folgen, nicht sicher, was genau er da spürte. Zuerst dachte er, seine Sinne spielten ihm einen Streich – bis er erkannte, dass die Energie von einem jungen Mann ausging, der durch den Saal schlenderte. Raffaele beobachtete ihn, wie hypnotisiert von der Kraft, die den Fremden zu umgeben schien.

Die Gebote begannen hoch und wurden schnell nach oben getrieben. Schossen in ungeahnte Höhen, bis Raffaele den Zahlen kaum mehr folgen konnte und alle Bilder und Geräusche um ihn herum miteinander zu verschwimmen begannen. Die anderen Kurtisanen fingen an zu tuscheln. Er hatte noch nie eine Auktion erlebt, bei der es um derartige Summen ging; sein Herz schlug immer schneller und seine Hände zitterten noch stärker. Zu diesem Preis würde er niemals den Erwartungen des Siegers gerecht werden.

Dann, als nur noch wenige Bieter übrig waren, verdoppelte ein junger Diener, der sich in der Menge verbarg, das Höchstgebot.

Zum ersten Mal an diesem Abend entglitten Raffaele seine Gesichtszüge, während sich gleichzeitig Gemurmel im Saal erhob. Die Madame rief erneut dazu auf, die Summe zu überbieten, doch niemand meldete sich. Raffaele wartete schweigend ab und zwang sich zur Ruhe, als der Diener zum Gewinner der Auktion erklärt wurde.

Später an diesem Abend entzündete Raffaele mit bebenden Händen die Kerzen in seiner Kammer und setzte sich allein auf die Bettkante. Die seidenen Laken waren mit goldenen Stickereien und Spitze verziert, in der Luft lag der Duft von Nachtlilien. Die Minuten zogen sich endlos hin. Während er auf Schritte lauschte, die sich seiner Kammer näherten, wiederholte er im Stillen all die Ratschläge, die ihm die älteren Kurtisanen über die Jahre gegeben hatten.

Schließlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, regte sich auf dem Flur etwas. Kurz darauf klopfte es leise an der Tür.

Es wird alles gut werden, dachte Raffaele, ohne selbst so recht daran zu glauben. Er erhob sich und rief: »Herein, bitte.«

Ein Dienstmädchen öffnete die Tür. Hinter ihm betrat ein maskierter junger Mann die Kammer, elegant und auf der Hut wie ein Raubtier. Als sich die Tür hinter ihm schloss, hob er die Hand, um die Maske abzunehmen.

Raffaele riss erstaunt die Augen auf. Es war der Fremde, den er zuvor in der Menge ausgemacht hatte. Mit einem Anflug von Verlegenheit stellte er fest, dass er zudem äußerst gut aussehend war – dunkle, im Nacken zum Zopf gebundene Locken, lange dunkle Wimpern, die schwarzen Augen von dunkelroten Schlieren durchzogen. Kerzengerade stand er da, ohne zu lächeln. Die Energie, die Raffaele während der Versteigerung gespürt hatte, schien den Fremden wie in mehreren Schichten zu umhüllen. Feuer. Flammen. Ehrgeiz. Raffaele errötete. Er wusste, dass er den jungen Mann einladen sollte, näher zu kommen, auf dem Bett Platz zu nehmen. Doch momentan konnte er keinen klaren Gedanken fassen.

Der Fremde trat auf ihn zu. Kurz vor Raffaele blieb er stehen, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und nickte knapp. Wieder spürte Raffaele, wie sich die Energie wandelte, ihn lockte, und er konnte nicht anders, als den Blick des jungen Mannes zu erwidern. Er zwang sich zu einem Lächeln, wie er es jahrelang eingeübt hatte.

Der Fremde ergriff als Erster das Wort. »Du hast mich im Salon gesehen«, sagte er. »Ich habe bemerkt, wie dein Blick mir gefolgt ist. Warum?«

»Vermutlich habe ich mich zu Euch hingezogen gefühlt«, antwortete Raffaele, bevor er den Blick senkte und abermals zuließ, dass ihm die Röte in die Wangen stieg. »Wie ist Ihr Name, Sir?«

»Enzo Valenciano.« Die Stimme des Fremden war sanft und unergründlich, wie Seide, die Stahl verhüllt.

Unwillkürlich starrte Raffaele zu ihm hoch. Enzo Valenciano. War das nicht der Name des in Ungnade gefallenen Prinzen von Kenettra? Erst jetzt, im schummrigen Kerzenschein, fiel Raffaele auf, dass das Haar des jungen Mannes einen leichten Rotschimmer hatte, so dunkel, dass es beinahe schwarz wirkte. Ein Zeichen.

Der ehemalige Kronprinz.

»Eure Hoheit?«, flüsterte Raffaele und vergaß vor lauter Verblüffung, sich zu verneigen.

Der junge Mann nickte. »Ich muss dir gestehen, dass ich nicht die Absicht habe, deine Dienste einzufordern.«

Die Szene verblasst, als es an der Tür klopft. Raffaele und Enzo drehen sich gleichzeitig um. Raffaele atmet stoßartig aus und lässt die Bandagen sinken, während er die Erinnerung zurück in den hintersten Teil seines Bewusstseins verbannt. »Ja?«, ruft er.

»Raffaele?«, ertönt eine zaghafte Stimme. »Ich bin es.«

Er schiebt die Hände in seine Ärmel. »Komm herein.«

Die Tür geht auf und Violetta betritt zögernd die Kammer. Sie blickt zuerst Raffaele an, dann Enzo, der noch immer dasitzt, die Ellbogen auf die Knie gestützt. »Verzeiht, wenn ich störe«, sagt sie. »Raffaele, unten an der Küste ist etwas Seltsames im Gange. Ich dachte, das solltest du dir vielleicht ansehen.«

Raffaele runzelt die Stirn. Also hat Violetta auch etwas Ungewöhnliches gespürt. Ihre sonst bronzene Haut hat einen bleichen aschgrauen Ton angenommen. Die vollen Lippen hat sie zu einer schmalen Linie zusammengepresst, ihr Haar unter einem tamourischen Turban verborgen. Vor fast einem Jahr ist es ihr gelungen, die Dolche mithilfe ihrer Gabe ausfindig zu machen, ganz allein. Es dauerte eine Woche, bis sie in der Lage war, Raffaele zu erzählen, was sich zwischen ihr und ihrer Schwester ereignet hatte, und eine weitere, bis sie ihn und die anderen unter Tränen anflehte, einen Weg zu finden, Adelina zu helfen. Seitdem ist sie Raffaele kaum mehr von der Seite gewichen, während er die Verbindungen ihrer Energie prüfte und sie lehrte, ihre Gabe zu bündeln, um die Kräfte anderer zu erspüren. Sie war eine gute Schülerin. Eine fantastische Schülerin.

Sie erinnert ihn so sehr an Adelina. Ohne große Mühe kann er sich einbilden, eine jüngere Version der Königin der Seelande vor sich zu haben, bevor diese sich von ihm abgewendet hat. Bevor sie nicht mehr zu retten war. Der Gedanke macht ihn traurig. Es ist meine Schuld, was aus Adelina geworden ist. Meine Schuld, dass es nun zu spät ist.

Er nickt Violetta zu. »Ich komme gleich. Warte draußen auf mich.«

Nachdem Violetta den Raum verlassen hat, bandagiert Raffaele Enzos Arme zu Ende und reibt sich erschöpft den Nacken. Er hat zu viele Nächte auf diese Art verbracht, Wochen, die zu Monaten wurden, während er alles versuchte, um Enzos Wunden zu heilen. Doch jedes Mal wenn es aussah, als gäbe es Anlass zur Hoffnung, verschlechterte sich Enzos Zustand kurz darauf wieder. »Vielleicht solltest du ein wenig schlafen«, sagt Raffaele nun zu ihm.

Enzo antwortet nicht. Sein Gesicht ist angespannt und fahl vor Schmerz. Er ist hier und gleichzeitig nicht.

Wie viel Zeit ist vergangen, seit sie ihn in der Arena verloren haben? Zwei Jahre? Es scheint eine Ewigkeit her zu sein, dass Raffaele seinen Prinzen wirklich lebendig gesehen hat, dass das Feuer in ihm hell und dunkelrot brannte. Er will Enzo nicht noch mehr Kummer bereiten, ihm nicht sagen, wie sehr die Menschen, die ihn lieben, unter seiner Existenz – halb in der Welt der Lebenden, halb in der Unterwelt – leiden. Also verlässt er leise die Kammer.

Die Nacht ist warm, ein Vorgeschmack auf den sonnenländischen Sommer, und die Korridore sind noch von der Hitze des vergangenen Tages erfüllt. Schweigend gehen Raffaele und Violetta den spärlich beleuchteten Flur entlang. Durch die Türen nimmt Raffaele die Energie jedes einzelnen seiner Dolche in ihren Kammern wahr. Michel, der sich nach Gemmas Tod tagelang eingeschlossen und seinen Bildern gewidmet hat. Lucent, deren Kraft rastlos wirkt. Raffaele spürt, dass sie noch wach ist und vielleicht aus dem Fenster hinunter zur Küste sieht.

Lucents Knochen sind stetig hohler geworden und sie hat permanent Schmerzen, was sie reizbar und aufbrausend macht. Maeve, die nach ihrer Niederlage noch eine Weile bei ihr geblieben ist, hat Lucent angefleht, mit ihr zurück nach Beldain zu kommen – sie hat versucht, sie zu bestechen, es ihr zu befehlen, aber Lucent hat abgelehnt. Sie sagte, sie wolle bei den Dolchen bleiben und an ihrer Seite kämpfen, bis zum letzten Atemzug. Bald blieb Maeve nichts anderes mehr übrig, als ihre Armee nach Hause zu führen. Doch noch immer treffen Woche für Woche Briefe der beldischen Königin ein, in denen sie sich nach Lucents Gesundheit erkundigt oder Heilkräuter und andere Medizin schickt. Bislang hat nichts geholfen. Und Raffaele weiß, dass nie etwas helfen wird, weil Lucents Krankheit von etwas verursacht wird, was tief in ihrer Gabe verwurzelt ist.

Die letzte Kammer hat einmal Leo gehört, dem kahlköpfigen Jungen, den Raffaele erst vor Kurzem für die Dolche rekrutiert hatte und dessen Gabe darin bestanden hatte, Gift zu erzeugen. Jetzt jedoch ist sie unbewohnt. Leo ist vor einem Monat gestorben. Der Arzt hat zu Raffaele gesagt, eine hartnäckige Lungenentzündung habe ihn getötet. Doch Raffaele wird den Gedanken nicht los, dass in Wirklichkeit etwas anderes dahintersteckte – dass Leos Energie sich gegen seinen eigenen Körper gerichtet und ihn von innen vergiftet hat.

Welche Schwäche wird ihn selbst bald befallen?

»Ich habe von Adelinas jüngstem Triumph gehört«, sagt Violetta, als sie die Treppe erreichen, die aus dem Palast führt.

Raffaele nickt bloß.

Violetta wirft ihm einen verstohlenen Blick zu. »Glaubst du …«

Wie sehr sie es sich wünscht. Raffaele spürt, wie sein Herz sich weit öffnet, will sie trösten, doch alles, was er tun kann, ist, ihre Hand zu nehmen und sie vorübergehend zu beruhigen, indem er die Saiten ihres Herzens zum Schwingen bringt. Er schüttelt den Kopf.

»Aber – ich habe gehört, dass sie jedem Bürger von Dumor eine großzügige Summe schenkt«, entgegnet Violetta. »Sie zeigt sich mildtätiger. Vielleicht – wenn wir nur einen Weg finden könnten, sie –«

»Sie ist nicht mehr zu retten«, unterbricht Raffaele sie sanft. Eine Antwort, die er schon oft gegeben hat. Er weiß nicht, ob er selbst daran glaubt, nicht ganz, aber er bringt es einfach nicht über sich, Violetta Hoffnungen zu machen, nur um sie anschließend zerplatzen zu sehen. »Es tut mir leid. Wir müssen uns jetzt darauf konzentrieren, Tamoura gegen Adelinas nächsten Schlag zu verteidigen. Wir müssen uns gegen sie zur Wehr setzen.«

Violetta wendet sich kurz zum Meer und nickt. »Ja«, sagt sie, wie um sich selbst zu überzeugen.

Sie ist nicht wie die anderen. Natürlich spricht auch sie auf verschiedene Edelsteine an – mit einer Neigung zu Furcht, Mitleid und Freude –, allerdings hat sie nicht die Spur eines Zeichens. Und ihre Fähigkeit, anderen ihre Kräfte zu nehmen, bereitet ihm Sorgen. Dennoch, Raffaele fühlt sich auf gewisse Weise mit ihr verbunden, beinahe getröstet durch die Vorstellung, dass auch sie die Welt um sich spürt.

Heute Nacht sind weder die Sterne noch einer der drei Monde zu sehen. Der Himmel ist vollkommen wolkenverhangen. Raffaele bietet Violetta seinen Arm an, als sie sich vorsichtig auf den Weg über den dunklen Steinpfad machen. Der laue Wind trägt etwas mit sich, was seine Haut zum Kribbeln bringt. Als sie um die Außenmauer des Gebäudes biegen, kommt die Küste in Sicht, ein Streifen weiß schäumender Brandung, die sich rauschend ins Schwarz ergießt.

Nun erkennt auch Raffaele, was Violetta beunruhigt. Unten am Wasser, wo der Sand kalt und feucht ist, wird das Gefühl unfassbar stark, so als wären sämtliche Energiefäden der Welt zum Zerreißen gespannt. Die Wellen hüllen ihn in einen Schleier aus salziger Gischt. Es ist so dunkel, dass ringsum kaum etwas anderes zu erkennen ist. Nicht weit vor ihnen ragen die Silhouetten massiger Felsen empor. Raffaele starrt zu ihnen herüber und mit einem Mal überkommt ihn Furcht. In der Luft liegt ein beißender Gestank.

Irgendetwas stimmt nicht.

»Hier ist etwas Totes«, flüstert Violetta und ihre Hand in Raffaeles Armbeuge zittert. Als er sich ihr zuwendet, sieht er Entsetzen in ihrem Blick, dasselbe Entsetzen wie jedes Mal wenn sie von Adelina spricht.