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Auf einem verlassenen Zechengelände mitten im Ruhrgebiet stürzt eine junge Frau in den Tod. Die Polizei geht von Suizid aus, doch Psychologiestudentin Liesa Kwatkowiak kannte die Tote und hat Zweifel. Hinweise führen sie zu einer Gruppe von Lost-Places-Fans, die das Gelände unerlaubt erkundet hatten. Liesa ermittelt undercover und stößt dabei auf Geheimnisse und Gewalt. Dabei muss sie sich ihren eigenen Ängsten stellen und gerät bald selbst in Gefahr …
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Seitenzahl: 414
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Sylvia Sabrowski
Zechenhölle
Kriminalroman
Teuflische Gefahr Hat sich die junge Frau, die auf einem verlassenen Zechengelände mitten im Ruhrgebiet tot aufgefunden wurde, tatsächlich das Leben genommen? Das vermutet zumindest die Polizei. Die Psychologiestudentin Liesa Kwatkowiak kannte die Tote und glaubt nicht daran. Sie ermittelt auf eigene Faust und lässt sich in eine Urban-Exploring-Gruppe einschleusen, die riskante Touren in Ruinen unternimmt. Dabei trifft sie auf in die Jahre gekommene Industriefotografen, gesetzlose Lost-Places-Anhänger und Graffiti-Sprayer und merkt bald, dass es innerhalb der Gruppe Spannungen gibt. Gleichzeitig beschäftigt Liesa und ihr Umfeld der konfliktgeladene Strukturwandel der Region: Der Förderturm von Prosper-Haniel soll abgerissen werden. Was bleibt, was vergeht und wer erhebt sich offenbar über Leben und Tod? Auf der Jagd nach dem Täter gerät Liesa selbst in Gefahr. Sie muss sich ihren tiefsten Ängsten stellen – und durch die Hölle gehen.
Sylvia Sabrowski, in Bottrop aufgewachsen und nach dem Studium der Psychologie und Pädagogik als Freiberuflerin tätig, lebt mit Mann, Kindern und anderthalb Katzen im Ruhrgebiet. Einige ihrer Kurzgeschichten und Gedichte wurden in Anthologien veröffentlicht. „Zechenhölle“ ist der dritte Kriminalroman der Autorin im Gmeiner-Verlag.
Mehr Informationen zur Autorin unter: www.sylviasabrowski.de
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
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Alle Rechte vorbehalten
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © TwilightArtPictures / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-7602-0
»Take nothing but pictures. Leave nothing but footprints. And kill nothing but time.«
Nimm nichts mit außer Fotos. Lasse nichts zurück außer Fußspuren. Und schlage nur die Zeit tot.
– Ehrenkodex der Urbexer(-Szene) –
Sie verlor den Halt, ergriff das Geländer und fing sich gerade noch. Vor ihr tat sich der Abgrund auf. Ihre Beine zitterten, sie atmete tief durch. Das war knapp. Sie musste besser aufpassen, die nächste Unaufmerksamkeit könnte sie das Leben kosten. Niemand würde sie suchen, niemand würde sie hier finden. Finstere Nacht umschloss alles, wie unter der Erde, tief im Berg, unter Tage. Stockdunkel war es und totenstill. Weit von allen Lebenden, allem Leben entfernt. Sie horchte auf. War sie wirklich allein? Würde er sie heute kriegen?
*
»Im schlimmsten Fall wird alles abgerissen und dem Erdboden gleichgemacht.« Liesa zeigte auf den Förderturm des Bergwerks Prosper-Haniel in Bottrop. Erhaben ragte der Doppelbock vor ihnen auf. Zwei große R, die Rücken an Rücken standen und vier Seilscheiben trugen. Dahinter erhob sich die Halde Haniel, ein in Stufen angelegter, abgeflachter Berg aus Abraumgestein. Bald würde das herbstliche Braun der Bäume in Schwärze übergehen. »Die Zeche wird für immer verschwinden, restlos. Und niemand wird sehen, was hier einmal war, wenn keiner etwas unternimmt.«
»Und deshalb mussten wir ausgerechnet am Freitagabend hierher pilgern?« Timo lehnte sich an dem am Boden befestigten Teil der breiten Schrankenanlage, die sie von dem Betriebsgelände trennte und ihnen unmissverständlich den Zutritt verwehrte. »Der Förderturm steht morgen auch noch da.« Er rückte seine Brille zurecht. Ein neues Modell, das für Liesa einen ungewohnten Anblick darstellte.
Sie schüttelte den Kopf. »Die können ihn jederzeit abreißen, einfach kurzen Prozess machen. Dem geht keine Presseerklärung voraus, die Öffentlichkeit erfährt vorher nichts.« Sie hatte so etwas schon einmal erlebt. Aktuell war man dabei, mehrere Anlagen abzureißen. In Hamm, Herne, Gelsenkirchen, Kamp-Lintfort, quer durch das ganze Ruhrgebiet fraßen sich Abbruchbagger durch die Schachtgebäude. Es war nur eine Frage der Zeit, bis das Abrisskommando hier ankommen würde.
Timo schaute auf sein Handy.
»Die Zechenanlagen in Grafenwald und Kirchhellen werden komplett abgerissen«, setzte Liesa fort. »Für die beiden Standorte im Bottroper Norden ist das beschlossene Sache. Die Bauern bekommen ihr Land zurück und machen Wiesen oder Äcker daraus. Niemand wird mehr sehen, dass da ein Bergwerk war. Aber der hier«, sie zeigte auf den Doppelbock und atmete einen Moment lang hastig, »der ist etwas Besonderes. Es ist doch wichtig, also … Weißt du …« Sie rang nach Worten. Es war eine Herzensangelegenheit. Er würde ihr einfach fehlen und sie wusste, dass es nicht nur ihr so ging.
Dies war das letzte aktive Steinkohlen-Bergwerk in Deutschland. Am 21. Dezember 2018 hatte hier die offizielle Abschiedsveranstaltung stattgefunden, bei der Bergleute dem Bundespräsidenten symbolisch den letzten Steinkohlebrocken übergeben hatten. Fast ein Jahr war er nun her, der bewegende Abschied von der Kohle. Eine Ära war zu Ende gegangen. Tränenreich und mit großem medialen Rummel war er begangen worden, der Zechentod. International war darüber berichtet worden. Sogar in der New York Times hatten sich die Kumpel samt Doppelbock wiedergefunden. Ganz nebenbei hatte Liesa hier auf dem Zechengelände einen Täter zur Strecke gebracht, was allerdings deutlich weniger mediales Echo hervorgerufen hatte. Inzwischen war der über 1.000 Meter tiefe Schacht unter dem Fördergerüst mit Sand und Zement verfüllt worden. Die Räder, die den Förderkorb an mächtigen Drahtseilen in die Tiefe und wieder hoch bewegt hatten, standen nun still. Die Seile waren abgeschlagen. Die Silos, die für die Verfüllung genutzt worden waren, befanden sich noch davor.
Es dämmerte. Noch stand er da. Breitbeinig und in seinem typischen Grün überragte der Förderturm das Areal. Das Fördergerüst aus Stahlstreben, umgeben von Schachtgebäuden aus Backstein und Stahl, erstrahlte vor der bewaldeten Haldenerhebung mit dem markanten Passions-Kreuz. Der blasse Himmel ließ ihn hervorstechen. Hell erleuchtet würde er auch in der Nacht weithin sichtbar sein. Was würde aus dem Fördergerüst auf dem Zechenareal werden, aus der Halde, dem Kreuz? Jetzt, wo der Förderturm nicht mehr genutzt und gebraucht wurde, wirkte er zur Untätigkeit verdammt und schutzlos.
»Der muss erhalten bleiben«, beharrte Liesa. »Man sollte ihn unter Denkmalschutz stellen, wie den Malakoffturm in Batenbrock.« Sie schaute Timo von der Seite an. »Findest du nicht?«
»Ohne Fördergelder ist die Erhaltung nicht möglich.«
»Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.«
»Und will man das?«
Liesa seufzte. Da gingen die Meinungen auseinander. Der Abriss wurde in der zuständigen Bezirksvertretung und darüber hinaus kontrovers diskutiert, eine Rettung vonseiten der Kommunalpolitik war nicht in Sicht. In Bottrop waren schon ganz andere geschichtsträchtige Gebäude abgerissen worden, was man heute bereute, aber niemand konnte die Zeit zurückdrehen. Es war also durchaus möglich, dass der Förderturm fallen und zum Opfer einer gewissen pragmatischen Ignoranz werden würde. »Alles hängt doch von dem Einsatz der Leute ab.«
»Wusstest du eigentlich …« Timo sah endlich von seinem Handy auf und steckte es in die Jackentasche. »… dass da, wo sich Fahrzeugwaagen und Rampenheizungen befinden …« Er zeigte mit ausholender Geste auf den Bereich vor der Schranke, auf dem in großen Buchstaben auf dem Asphalt der Schriftzug »WAAGE« aufgebracht war. Ein Pfeil deutete in Fahrtrichtung auf das Bergwerksareal. »… häufig keine Induktionsschleife gelegt werden kann und dann ein Laser-Flächenscanner eingesetzt wird?« Er schaute sich um. »Was bei dieser Schrankenanlage, die vermutlich aus den 1980er-Jahren stammt oder sogar schon älter ist, vermutlich aber nicht der Fall ist.« Er nickte in Richtung des Pförtnerhäuschens. »Oldschool. Und nicht interessant genug für ein Museum.«
Liesa blickte Timo ernst an.
»Der wird doch nun wirklich nicht mehr gebraucht!«
»Für den Bergbau nicht mehr, das ist klar. Aber warum sollte man den Förderturm abreißen? Viele kennen gerade diesen Doppelbock von Prosper-Haniel.« Er war ein Wahrzeichen der Stadt und der ganzen Region, dem Ruhrgebiet, erinnerte an eine Zeit der harten Arbeit, ohne die der wirtschaftliche Aufschwung nicht möglich gewesen wäre. »Der Förderturm ist eine Landmarke –«
»Fördergerüst«, korrigierte Timo. »Ich dachte, du kennst den Unterschied.«
Liesa hob eine Augenbraue. Natürlich kannte sie den Unterschied. Fördergerüste bestanden aus Stahlstreben, meist in R- oder Doppelbockform und mit sichtbaren Seilscheiben. Fördertürme hingegen waren aufrechtstehende, glatt verkleidete Türme, die an Hochhäuser erinnerten. Sie würde es ihm bei Gelegenheit heimzahlen.
*
Staub und Beton in bedrängender Dunkelheit, Schlieren aus Kohlenstaub und Rost auf ihrer Haut. Scherben knirschten unter ihren groben Schuhsohlen, kreischten erschreckend feindselig und verräterisch in der Nacht. Sie war auf der Suche nach etwas, nach Leben vielleicht, wollte auf jeden Fall ihren eigenen Weg gehen, sich spüren. Und endlich befreien. Dieses Mal durfte sie sich nicht verlieren. Es stand zu viel auf dem Spiel. Sie musste an den Förderbändern entlanggehen, über die Treppe aus Stahlblech. An beiden Seiten ging es hinab in die Tiefe.
*
Liesa ertastete den Autoschlüssel in der Jackentasche und ging ihren Gedanken nach. Ihre Angstattacken hatte sie momentan im Griff. Aber wie lange noch? Konnte sie die Angst wirklich jemals unter Kontrolle bekommen? Dünnes Eis. Was sie bisher erreicht hatte, war nicht mehr als ein Etappensieg. Die Panikattacken beim Autofahren waren die Hölle gewesen. Das hatte sie sehr eingeschränkt und ihr Studium hatte auf der Kippe gestanden. Sie fuhr jetzt wieder. Ihr war bewusst, dass sie sich der Angst stellen musste, damit sie nicht wiederkam. Eine weitere Auszeit für eine Therapie konnte sie sich absolut nicht leisten, dafür war das Psychologiestudium zu eng getaktet. Dann würde sie ihren Studienplatz und das, was sie sich mühsam erkämpft hatte, endgültig verlieren.
»Das muss ein Ende haben.« Timo riss Liesa aus ihren Gedanken.
»Was?«
»Das Ding muss Platz schaffen für Neues. Hier soll doch ein Gewerbegebiet entstehen. Die Anbindung ist ideal.« Er zeigte hinter sich in Richtung der A 2, deren Rauschen zu ihnen herüberdrang, und lächelte zufrieden. Timo wirkte mit seinem freudigen Optimismus wie ein großer Junge. Zugegeben, er war ein verdammt kluger und attraktiver großer Junge. Aber heute schien er ungewöhnlich distanziert.
»Gewerbegebiete haben wir schon mehr als genug.« Liesa rollte mit den Augen. So viele Start-ups konnten sich gar nicht gründen, wie die Stadt Bottrop und die Kommunen drum herum schon Flächen und Büroeinheiten bereitgestellt hatten. Es gab so viel Leerstand, auch in der Bottroper Innenstadt, dass bereits Fernsehdokumentationen darüber produziert worden waren. Der Abriss dieses Fördergerüsts würde die wirtschaftlichen Probleme der Stadt, des gesamten Ruhrgebiets und dieser Zeit sicher nicht lösen. »Es ist wichtig, um sich zu erinnern, woher wir kommen, also die ganze Region.«
»Finde den Fehler!« Timo rückte seine Brille zurecht.
Liesa konnte ihren Blick nicht abwenden. Etwas an dem Teil war seltsam.
»Das mit dem Bergbau, also die Zeiten sind doch vorbei. Wir sind schon längst am Ende des Strukturwandels angekommen.«
»Ist das so? Die Geschichte kann man doch nicht einfach wegwischen. Ohne den Bergbau wäre die Region noch immer ein Haufen von Dörfern und Büschen.« Liesa wurde immer wütender. »Über 160 Jahre allein auf Bottroper Gebiet. Überleg mal, wie viele Generationen das sind und welche Tradition damit verbunden ist.« Auch Timos Vater war Bergmann gewesen und eine Zeit lang genau hier eingefahren. Wie konnte ihm das egal sein?
»Tradition hin oder her. Du kannst dich gegen den Fortschritt nicht wehren und alles für immer festhalten.«
Schlumpfblau. Wie konnte man sich eine Brille in dieser Farbe aussuchen?
»Ein Unternehmen muss heutzutage smart sein, um auf dem Markt bestehen zu können. Und lean.« Er war nun offensichtlich ganz in seinem Element. »Lean Management, Liesa. Für ein schlankes Unternehmen. Das ist der Schlüssel. Smart und schlank.«
Liesa musste nicht an sich heruntersehen, um zu erkennen, dass sie vielleicht smart, aber sicherlich nicht schlank war. Vielleicht hätte sie doch einmal ein Fitness-Studio aufsuchen sollen, wie Timo das in letzter Zeit regelmäßig und mit passablem Ergebnis tat, anstatt so viel Zeit mit Lernen und Studieren zu verbringen. Nein, Ersteres war abwegig. Von wegen »Finde den Fehler!« Wie sollte sie das denn verstehen? Wer oder was war hier ein Fehler? Was war falsch an ihr? Sie wurde richtig wütend. Vielleicht sollte etwas anderes Platz schaffen für Neues. Oder jemand. Sie schaute Timo böse von der Seite an. Dabei hatte sie sich so sehr auf das Wiedersehen gefreut. Ihre gemeinsamen Wochenenden waren einige Male wegen ausgiebiger Lerneinheiten ausgefallen. Sie musste hart arbeiten, um den Stoff in diesem Semester aufzuholen. Timo hatte auch mehrmals keine Zeit für sie gehabt. Immerhin war er noch an diesem Freitag den weiten Weg zu ihr gefahren, trotz der Staus auf den Autobahnen. Seine Augen waren schön hinter den Gläsern, von langen Wimpern umrahmt. Sie wirkten weich, müde und für sie unerreichbar.
Gar nichts würde sie ändern wollen, nichts Neues errichten, vor allem aber nichts abreißen. Schließlich war hier Geschichte geschrieben worden. Sie wollte sich das einfach nicht vorstellen. Gleichzeitig konnte sie nicht in Worte fassen, was der Förderturm ihr und vielen Menschen im Ruhrgebiet bedeutete, warum ihr der Gedanke zuwider war, dass der Doppelbock verschwand, man ihm zu Leibe rücken würde. Mussten die Menschen immer erst etwas unwiederbringlich und restlos zerstören, um Neues darauf entstehen zu lassen? Woran würde man sich später erinnern? Wer war man dann noch, wenn ein Bergwerk nach dem anderen komplett abgerissen wurde? Sie zog ihre Jacke enger um sich. Die herbstliche Abendkühle kroch an ihr empor und sie fröstelte. Bald würde es dunkel werden.
»Ach, Liesa.« Timo legte seinen Arm um sie. »Man kann doch nicht immer in der Vergangenheit hängen bleiben. Man muss vorwärts leben und auch mal loslassen.«
»Muss man das, ja?« Liesa löste sich aus seiner Umarmung. Sie kramte ihren Autoschlüssel hervor und sagte leise: »Du verstehst mich nicht.«
»Doch. Ich sehe doch, dass du dich immer mit alten Dingen herumquälst.«
»Zum Beispiel?« Sie hielt den Schlüssel fest in der Hand.
Offenbar merkte er, dass er nun besser schweigen sollte. Er hatte einen wunden Punkt getroffen, sich geradezu komplett in einen hineingestürzt. Vielleicht sollte sie wirklich loslassen und in ihrem Leben Platz schaffen für etwas Neues. Seine Brille gefiel ihr nicht. Zu blau, zu neu. Sie kickte einen lockeren Stein weg. Der sprang über die große Aufschrift »WAAGE«, hüpfte zweimal auf, änderte die Richtung und verschwand im Dunkeln. So konnte es nicht weitergehen.
*
Das Licht ihrer Taschenlampe flatterte umher. Der Geruch von frischer Farbe vermischte sich mit den Ausdünstungen alter Industrie. Sie hörte etwas, hielt den Atem an, konzentrierte sich. Ließ den schmalen Lichtkegel über die Wände huschen, konnte aber nichts erkennen. Zu viele Ecken, Nischen, Mauervorsprünge, wo sich jemand verstecken könnte. Wo ER lauern könnte. Sie schaltete die Lampe aus und lauschte in die Dunkelheit, spannte den Körper völlig an, spürte ihren Puls. Da war jemand. Ihr Herz schlug schnell und hart wie ein Hammer im metallischen Rhythmus der Maschinen. Jeder Schlag unerbittlich, zerstörend, unmenschlich. Jemand war ganz in der Nähe. ER war dicht hinter ihr. Der Leibhaftige. Mächtige der Finsternis. Der Teufel.
Plötzlich stand eine Frau neben ihnen. Sie war größer als Liesa und vermutlich etwas jünger. Ihre langen schwarzen Haare lagen zu einem lockeren Zopf zusammengebunden über einer Schulter. Sie trug eine gefütterte Jeansjacke mit Aufnähern, eine schwarze, an den Knien aufgeschlitzte Hose und helle Turnschuhe. Den Blick durch eine Fotokamera samt eindrucksvollem Objektiv auf das Fördergerüst gerichtet, ließ sie es mehrfach hintereinander klicken. Sie ging in die Knie und schoss weiter. Ihre Ärmel schoben sich dabei hoch und gaben den Blick auf einige Tattoos frei. Dabei fiel ein großes auf dem linken Unterarm besonders auf: ein Vogel, der von Feuer umgeben war und selbst in Flammen stand. Ein Phönix, überlegte Liesa. Aus der Asche auferstehen. Die Frau bemerkte Liesas Blick, lächelte und wies mit dem Kopf in Richtung des Förderturms. »Krasses Teil, ne?«
»Absolut.« Liesa lächelte zurück und fand die Frau auf Anhieb sympathisch. Ihre schwarz umrandeten Augen wirkten geheimnisvoll.
»Hoffentlich lässt man den in Ruhe. Wäre ja echt schade um ihn.«
Liesa nickte und wies auf Timo. »Das findet leider nicht jeder.«
»Hab ich schon mitbekommen.«
Beide lächelten.
»Der ist aber eigentlich auch ein krasser Typ.« Liesa zwinkerte der Frau zu. »Sonst jedenfalls.«
Timo guckte wieder auf sein Handy und tat unbeteiligt, konnte sich aber ein Grinsen nicht verkneifen.
Die Frau mit der Kamera lächelte Liesa zu. Sie kramte aus dem Rucksack, der neben ihr auf dem Boden stand, ein Stativ hervor. An dem Rucksack baumelte ein Anhänger, ein pinkfarbener Totenkopf. Humor hatte sie jedenfalls. Sie begann, die Stativbeine aufzuschrauben und herauszuziehen. Vermutlich keine Pressefotografin, überlegte Liesa. Offenbar fotografierte sie aus privatem Interesse. Zumindest wirkte sie neugierig und abenteuerlustig.
»Mir fehlte diese besondere Stimmung«, sagte die Frau und stellte etwas an der Kamera ein. »Ich habe den schon so oft fotografiert, aber noch nie in der Dämmerung. Das muss man festhalten. Für die Ewigkeit.«
Gerade als Liesa nachfragen wollte, tauchte dieses Licht auf. Sie drehten sich um und verharrten bewegungslos im grellen Scheinwerferlicht eines Fahrzeugs, das im Verborgenen lag. Es fuhr langsam auf sie zu. Vielleicht war es die Security und sie standen im Weg. Hatte der Fahrer vor, die Schranken zu passieren? Liesa kniff die Augen zu und blinzelte. Sie wollte gerade von der Fahrbahn gehen und die Schrankenanlage verlassen. Timo hatte offensichtlich den gleichen Impuls. Aber dann bremste das Fahrzeug einige Meter vor ihnen ab. »Was soll das denn?« Niemand stieg aus, nichts rührte sich. Hier stimmte etwas nicht. Der Wagen stand die ganze Zeit mit laufendem Motor da und blendete sie. Es dauerte unerträglich lange, als lauerte er wie ein wildes Tier auf Beute. »Worauf wartet der denn?« Unvermittelt wurden die Scheinwerfer abgeblendet. Liesa brauchte einen Moment, um sich an die neuen Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Vor ihnen stand ein dunkler Geländewagen mit zusätzlichen Scheinwerfern auf dem Dach. Der Motor lief immer noch. Das war definitiv niemand von der Security.
»Ach du Scheiße.« Der Frau mit dem Fotoapparat entglitten förmlich die Gesichtszüge. »Der hat mir gerade noch gefehlt.« Hastig griff sie sich das Stativ. »Programmänderung. Ich verschwinde lieber.« Sie schwang sich ihren Rucksack auf und machte sich in Richtung des abgelegenen Parkplatzes davon, ohne dass Liesa noch etwas hätte sagen können. Die Frau blickte einmal kurz zurück, und was Liesa in ihrem Gesicht sah, ließ sie erschaudern. Als wäre sie gerade dem Leibhaftigen persönlich begegnet. Dann floh sie in Richtung des kleineren Besucherparkplatzes hinter einem flachen Bürogebäude. Sie musste an dem Geländewagen vorbei und beschleunigte ihre Schritte, rannte förmlich los auf dem schlecht beleuchteten Weg und verschwand hinter dem Gebäude in der Dunkelheit. Ausgerechnet. Dort war vermutlich kein Mensch. Der Geländewagen setzte ein Stück zurück, bog dann ebenfalls ab und folgte ihr.
»Da stimmt was nicht.« Liesa überkam ein ungutes Gefühl. »Komm«, trieb sie Timo an. »Wir müssen hinterher.« Die beiden liefen los und Liesa hörte, wie in der Ferne eine Autotür zugeschlagen wurde und der Motor aufheulte. Sie hatten den Flachbau passiert und erreichten gerade die Einmündung zum Parkplatz, als ihnen von dort ein Scheinwerferpaar entgegenkam. Ein heller Kleinwagen fuhr flott an ihnen vorbei, am Steuer die Frau. Der Geländewagen wendete mit quietschenden Reifen auf dem Parkplatz und folgte ihr. Der Kleinwagen beschleunigte, fuhr vom Gelände, bog an der Ampel bei Rot rechts ab in Richtung Fuhlenbrock und der Autobahn. Der um einiges größere Geländewagen folgte ihr mit enormer Geschwindigkeit. Es schien ein ungleicher Kampf. Timo und Liesa schauten ihnen nach. Auf der Heckscheibe des Geländewagens stand etwas geschrieben. Dann waren sie außer Sichtweite. Liesa atmete tief durch. Nichts regte sich mehr auf dem Areal. Der Spuk war vorbei. »Was war das denn?«
Timo hob die Schultern. »Die kriegen wir jedenfalls nicht mehr.«
Sie gingen zu Liesas Auto. Der große frühere Mitarbeiterparkplatz lag gut beleuchtet und recht übersichtlich auf der anderen Seite des öffentlich zugänglichen Geländeanteils. Eine Feuersäule aus rostigem Stahl, Relikt aus der Zeit der Zechenschließung, ließ in einer antiken, eckigen Schrift »Danke Kumpel« vernehmen. Ebenfalls in den Stahl geschnitten leuchteten Schlägel und Eisen glutrot, das traditionelle Zeichen des Bergbaus. Der Beruf war sicher oft rau, schmutzig und gefährlich, die Kumpel kantig, bis zur Schmerzgrenze und darüber hinaus ehrlich, meist mit einem weichen Kern ausgestattet.
Liesa schaute noch einmal zurück in Richtung des dunklen Bereiches, wo sich die Verfolgung abgespielt hatte. Sinnlos, denn dort war niemand mehr. Sie machte sich Vorwürfe. Warum hatte die Frau mit der Kamera aber auch unbedingt auf dem düsteren, einsamen und versteckten Besucher-Parkplatz parken müssen? Was hatte sie da zu suchen gehabt? Hatte sie etwas zu verbergen, wollte sie nicht gesehen werden? Da stimmte etwas ganz gewaltig nicht. »Sie ist ja regelrecht geflohen«, bemerkte sie halb zu sich selbst. »Die hatte eine Scheißangst.«
Sie erreichten Liesas Auto und stiegen ein.
»Und die Typen sind hinter ihr her.« Timo schüttelte den Kopf.
»Die Typen? Waren es mehrere? Hast du was gesehen?«
»Es war zu dunkel. Und die Scheiben waren getönt.«
»Jedenfalls kannte sie den oder die Fahrer und hatte offensichtlich einen Grund, wegzulaufen. Hast du gelesen, was da hinten auf dem Auto stand?« Timos neue Brille musste doch zu etwas gut sein.
»Die Heckscheibe war mit einer Folie beklebt. ›Urbex-Team‹irgendwas. Das Logo konnte ich nicht genau erkennen, etwas Gehörntes. Aber da waren noch drei Buchstaben, da bin ich mir sicher: ›RPD‹.«
»Urbex-Team? Was soll uns das sagen?« Liesa steckte den Schlüssel ins Zündschloss.
»Urbexer. Das sind doch die Leute, die auf verlassenen Industriegeländen herumlaufen. Lost Places.«
»Ist das eigentlich legal?«
»Eher nicht. Da geht es um illegales Eindringen.«
»Und was hatten die hier zu suchen?«
Schulterzucken. »Tatsache ist: Die Frau wurde verfolgt.«
»Von einem Auto mit Urbexer-Logo und fett beklebter Heckscheibe.« Dunkel lackiert, matt, mit extra Lichtern auf dem Dach, ergänzte Liesa in Gedanken. Sie startete den Motor. »Nicht gerade unauffällig. Was hat man hier mit so einem Wagen vor? Offroad in Bottrop-Fuhlenbrock?« Gehörten sie zusammen? Wären sie fast erwischt worden und hatten einander gewarnt? Aber es war keine Polizei oder Security zu sehen. Sie fuhren vom Gelände und ließen den Doppelbock hinter sich. Liesa hatte eine ungute Ahnung. Sie hätte die Fotografin nicht allein losgehen lassen sollen. Hätten sie sie doch aufgehalten oder wären sie nur schneller gewesen. Die Frau war in Gefahr. Warum hatten sie nicht gleich reagiert? »Hast du denn eines der Kennzeichen erkannt?«
»Fehlanzeige.«
»Den Fahrzeugtyp?«
Timo seufzte. »Nada.«
Als Zeugen für »Aktenzeichen XY ungelöst« waren sie also denkbar ungeeignet. In der Sendung hätte man verschwommene Fahrzeugdummies in undefinierbaren Farben zeigen müssen und der Fall wäre ganz sicher ungelöst geblieben. Liesa nahm sich vor, sich ein fotografisches Gedächtnis zuzulegen. Natürlich war ihr nach mehreren Semestern Psychologiestudium klar, dass das unmöglich war. Aber ein Foto sollte sie beim nächsten Mal wenigstens schießen, das war ja wohl nicht zu viel verlangt. Das Smartphone herausholen, mit einem Klick Kennzeichen und Fahrzeugtyp dokumentieren. So einfach ging das. Das war keine Kunst. Dafür musste man weder lean noch smart sein.
Während der Fahrt durch die Straßen Bottrops hielt Liesa nach der Fotografin und den Fahrzeugen Ausschau. Aber vergeblich. Weder auf der Hans-Böckler-Straße in Richtung Stadtmitte noch auf der Horster Straße nach Bottrop-Batenbrock war irgendetwas auffällig. »Ging es vielleicht einfach um Pressefotos?«
»Eine Pressevertreterin würde doch nicht weglaufen.«
»Spionage? Kriminelle Vorgänge?«
Timo schüttelte den Kopf. »Ja, nee, is klar. Überall Verbrechen in unserer kleinen Stadt.«
Hatte die Frau etwas Verbotenes getan? Hatte sie für ein Urbex-Projekt herumspioniert? Konnte man hier so einfach auf die Anlage gelangen? Das würde niemand wagen, weil zu gut bewacht. Obwohl, sie selbst hatte es, dank verschiedener Tricks und eines bestimmten nützlichen Kontaktes, ja auch schon geschafft und sich eingeschmuggelt, als hier die Abschiedsveranstaltung vor Stilllegung der Zeche stattfand. Sie grinste schief. Ja, Liesa Kwatkowiak, besser bekannt als Frau Sherlock Mops, war mit ihrem getreuen Assistenten, Begleiter und Computernerd Timo Goretzka unterwegs, die Verbrechen Bottrops und die der näheren Umgebung aufzuklären. Legt euch nicht mit mir an, ich kann … Hm. Ja, was kann ich eigentlich? Ich bin auf jeden Fall ein psychologischer Psycho. Smart, aber nicht lean. Und irgendwie auch komplett lost. Sie seufzte. Aber jetzt würden sie erst einmal bei Oma Kwatkowiak aufschlagen, denn sie waren verabredet. Konspirativ quasi. Oder zum Essen. Vielleicht beides. Bei ihr wusste man nie.
Als hätte er ihre Gedanken gelesen, fragte Timo unvermittelt: »Hast du es ihr schon gesagt?«
Liesa spürte, wie ihre Wangen heiß wurden.
»Ich meine«, setzte er fort, »es bleibt ja wirklich nicht mehr viel Zeit. Nur noch –«
»Ich weiß.«
»Du hast es ihr wirklich noch nicht gesagt?«
Liesa antwortete nicht.
»Sie wird enttäuscht sein.«
Damit hatte er verdammt recht. Liesa schloss die Augen und sah sich auf eine enorme Grube zusteuern. Ein verlassener Ort mit dem Aktenzeichen RPD, Schlägel und Eisen glühten und zerflossen, sie selbst ging krass unter, der Förderturm stürzte über ihr ein. Dann konzentrierte sie sich wieder auf den Verkehr, um nicht noch einen Zusammenstoß zu verursachen.
*
Irgendwo im Nirgendwo. Ich suche mein Leben, streife umher, vermisse die Toten und kann sie nicht lassen. In diesem Land der toten Zechen.
Sie hörte ihn atmen und wich zurück. Dann sah sie ihn. Oh Gott, was hatte er damit vor?
Der Motor erstarb mit einem Röcheln, er war schließlich nicht mehr der Jüngste. Liesa schälte sich aus dem Sitz. Elegant wie ein Kamuffel, würde Oma sagen, und sie freute sich gerade so sehr auf das Wiedersehen, dass sie nahezu federnd über den Hof den hinteren Eingang des etwa 100 Jahre alten Zechenhauses aus Ziegeln ansteuerte. Timo im Schlepptau, dessen Eltern quer auf der anderen Seite des Hofes in einem benachbarten Zechenhaus wohnten. Sie stieg die grau lackierten Betonstufen hoch, stand vor der Tür aus Drahtglas mit Briefkasten, klingelte, wie sie es in den vergangenen Jahren so oft getan hatte, und lauschte der Dinge. Da Timo eine Stufe tiefer stand, befanden sie sich nun auf Augenhöhe zueinander, und als sie sich gerade näher kamen, wurde in Liesas Rücken die Tür geöffnet.
»Na, seid ihr am Turteln?« Gertrud Kwatkowiak lachte knarzend, wischte sich mit einer schnellen Bewegung den Schweiß von der Stirn und war auch schon wieder verschwunden. »Jetzt muss ich aber schnell an den Herd.« Liesa sah nur eine Kittelschürze mit unglaublich üppigem Blumenmotiv von hinten und folgte der Stimme und dem Blumenmuster in Richtung Küche, wo sie ein verlockender Essensgeruch empfing.
»Wenne nich schnell genug bis, dann haste Briketts inne Pötte.« Oma lachte wieder und begoss etwas in einem enormen Schmortopf. Der Duft, Braten vom Schwein mit krachend knuspriger Kruste und Knoblauch, erfüllte Liesa nun ganz und sie hätte vermutlich gesabbert wie der Pawlowsche Hund, wäre sie sich nicht dessen gewahr geworden, dass aus Höflichkeit kurz kehrtzumachen war. Erst mussten Jacken und Mäntel ausgezogen und im Flur an der Garderobe verstaut werden, um dann offiziell in die Wohnküche einzufallen.
Oma Kwatkowiak, inzwischen 78 Jahre alt und immer noch fitter als ganze Olympiamannschaften, sei es in den Disziplinen Skeleton, Hürdenlauf oder Profi-Schach, hatte sich kein bisschen verändert. Sie konnte es nach wie vor mit allen Geheimdiensten und sogar mit Onkel Willi aufnehmen, den sie selbst nach dessen U-Haft in ihrem Heim aufgenommen hatte, mit dem Ziel, in dieser speziellen Zweckwohngemeinschaft ein gegenseitiges Geben und Nehmen zu pflegen. Um die Rollen in dem alten Zechenhaus gerecht aufzuteilen, wies sie Willi Kotecki, aktuell am Esstisch sitzend, Ex-Schwiegersohn und Ex-Bergmann im Frühruhestand, des Öfteren zurecht, was ihm guttat, denn nur so führte er ein Leben nach dem Gesetz – zumindest vordergründig. Oma spielte auch für Liesa nach dem Tod ihrer Mutter, eigentlich bereits vorher, eine bedeutende Rolle. In Kürze war der erste Jahrestag. Bei dem Gedanken wurde Liesa ganz anders. An das Datum wollte sie nicht einmal denken. Es würde sich materialisieren, übergroß und unkontrollierbar werden, sie zusammenschnüren und verschlingen wie einen Schweinekrustenbraten.
Auf dem Tisch stand ein Körbchen mit geschnittenem frischem Brot. Liesas Onkel Willi kleidete sich heute in Pulli und Hose, ohne Socken, dafür aber mit einem Soßenfleck auf der Brust. Vielleicht waren es auch Überreste vom Frühstück, also nicht vom heutigen. Teigig saß er auf einer Seite der Eckbank, tief über sein großes Smartphone gebeugt, wild darauf herumtippend, ächzend, mit grimmigem Blick. Tippte er einen Text ein? Onkel Willi? Liesa linste auf den Bildschirm. Gleich würde er es mit seinen dicken Zeigefingern zerhacken.
»Da guckste, ne?« Willi grinste breit und lehnte sich zurück. »Alle Fehler gefunden. Und so schnell.« Liesa wollte der Quelle des Selbstlobs auf den Grund gehen und machte eine winkende Handbewegung. Willi schob ihr das Smartphone hinüber. Eine einfache Spiele-App rief dazu auf, zehn Unterschiede zu finden. Zwei nahezu identische Fotos waren zu vergleichen und die Unterschiede anzuklicken. Häuser, eingerichtete Räume, Landschaften. Mal fehlte auf dem einen Bild ein Busch, mal auf dem anderen ein Fenster. Eines der Fotos war offensichtlich retuschiert worden. Manche Unterschiede konnten allerdings nicht auf dem ersten Blick entdeckt werden. Liesa schob das Smartphone wieder zurück. Willi drückte alsdann auf einem neuen Bilderpaar herum. »Gar nicht einfach.« Er schaute Liesa und auch Timo stolz an. Eigentlich hätte eine Fehlermeldung ertönen müssen, wenn man nicht zielgenau auf den Unterschied im Bild tippte, aber das Smartphone war wohl auf lautlos gestellt. Typisch. Willi hatte gerade mit seinem Fingerangriff die App betuppt und war auch noch sichtlich stolz darauf. Liesa hob eine Augenbraue.
»Solltest du auch mal machen, ist gut für die Entspannung.« Er wischte sich Schweiß von der Stirn. Liesa überlegte, ob sie ihrem Onkel sagen sollte, dass er sich bei diesem Suchspiel gerade sehr aufgeregt hatte, sein Puls und Blutdruck offensichtlich so angestiegen waren, dass er einen hochroten Kopf und somit eine ungesunde Gesichtsfarbe erhalten hatte, was insgesamt mit einer Erhöhung des Risikos einherging, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung auszubilden, zurzeit immerhin die häufigste Todesursache in seiner Altersklasse und aufwärts. Überhaupt, was mischte er sich in ihre Anti-Stress-Bemühungen ein? Aber grundlegend hatte er es ja nett gemeint. »Finde den Fehler«, sagte sie nur vieldeutig. Wenn es um Entspannung ging, war sie auch wegen des Studiums eigentlich Fachfrau. Im realen Leben etwas davon umzusetzen, fiel ihr allerdings schwer. Sie seufzte.
Willi wischte sich einen Krümel aus dem Gesicht. »Und? Fährt die Kasperkiste noch?«
Liesa nickte und starrte die verbliebenen Krümel in Willis Gesicht an. Es waren etwa 200.
»Hast aber auch Glück mitte Karre. So ’ne Reisschüssel gibt sonst schnell den Geist auf. So schnell kannste gar nicht gucken.«
Liesa nickte abermals. »Fährt noch, danke.« Es waren doch einige Krümel mehr. Man hätte locker einen ganzen Brotlaib daraus formen können. Sie würde es sich merken, für schlechte Zeiten. Falls der Reis knapp werden würde im Ruhrpott, oder die Currywurst.
»Hol dir mal watt Vernünftiges.« Er ließ nicht locker und setzte mit gesenkter Stimme gönnerhaft fort: »Ich kenn da jemanden, weißte …«
Liesa konnte sich schon vorstellen, was ihrem Onkel da vorschwebte. Aber sie hing an dem alten Wagen und Willis dubiosen Kontakten war auch nicht wirklich zu trauen. »Ich komme bei Bedarf darauf zurück.« Sollte sich Bedarf an Kriminellen, Schiebern, Gaunern, Banditen und sonstigen Schurken einstellen. Timo grinste ihr zu. Offenbar hatte er ihre Gedanken gelesen.
Oma legte Besteck auf den Tisch. »Sach mal, Willi, hast du etwa schon watt von dem Brot gegessen? Datt ist doch für später, hab ich dir doch gesagt.«
»Nä«, äußerte der Angesprochene und wischte sich einen zweiten Krümel aus dem Gesicht. Es verblieben mindestens Trillionen. Ein Sack voll Paniermehl. Brot für Millionen. »Aber datt is nur ne Frage der Zeit, dann steht se da mitte kaputte Karre.« Seine Stimme ließ Unmut vernehmen. Er guckte bockig wie ein Kleinkind.
Oma sah ihn an, zog erst eine Augenbraue hoch und dann den Brotkorb außer Reichweite. »Ach, lass sie doch. Weißte, datt ist doch schon prima, datt die Liesa überhaupt wieder mitten Auto fährt.« Oma nickte Liesa ermunternd zu, als wollte sie ein Statement provozieren. »Ne, Liesa-Schätzken?«
Ja, prima, dachte Liesa. Ich fahre wieder. Vielleicht fahre ich bald prima alles an die Wand.
Timo schaute wenig begeistert. War da wirklich Kritik in seinem Blick? Oder bildete sie sich das nur ein?
»Da kannste stolz drauf sein, aber wirklich!« Oma verzichtete offenbar auf Liesas Statement und nahm es selbst in die Hand. »Wie lange hast du dafür die Psychotherapie gemacht?« Sie sprach das Wort wie »Züchotherrapie« aus.
»Ein halbes Jahr ungefähr«, sagte Liesa leise.
»Na, siehste! Wenn man krank ist, ist man krank. Da muss sich keiner für schämen.« Sie stemmte die Hände in die Hüften, um ihre Aussage zu untermauern.
»Soso«, meinte Willi vielsagend.
Na super, dachte Liesa. Jetzt galt sie auch noch als krank. Psychisch krank, ein Psycho. Sie wischte sich einen imaginären Brotkrümel aus dem Gesicht und fühlte sich richtig krank. Onkel Willi guckte sie an, als erwartete er nun ein langes Messer hinter ihrem Rücken oder den Ansatz, rohes Menschenfleisch zu verspeisen, auf den von Oma stibitzten Brotscheiben. Vielleicht hätte ihm das in seiner speziellen Eigenart auf kranke Art und Weise sogar gefallen und sie selbst hatte die gleiche kriminelle Energie wie ihr Onkel. Liesa schob diese Gedanken beiseite. Ja gut, dann hatte sie eben eine Psychotherapie machen müssen, aber krank war sie dennoch nicht. Die Begrifflichkeit passte einfach nicht. »Das war eine Panikstörung.« Jetzt kam sie sich richtig blöd vor. Als wäre der Begriff »Störung« auch nur ansatzweise besser als »krank«. Tatsache war jedoch, dass sie über einen Zeitraum von länger als sechs Wochen mehrere Angstanfälle, schwere Panikattacken mit Herzrasen, Schwindel, Engegefühl bis hin zum Gefühl der Todesangst gehabt hatte. Somit konnte die Diagnose gestellt werden. Musste gestellt werden. Liesa hatte zunächst versucht, mit eigenen Mitteln und Methoden klarzukommen, aber am Ende konnte sie nicht einmal mehr in ihr Auto einsteigen, geschweige denn fahren und selbstständig die Stadt verlassen. Für eine Mittzwanzigerin, die etwa 40 Kilometer entfernt in Bochum-Querenburg studierte, eine fatale Entwicklung und Einschränkung. »Das hat mich ein ganzes Semester gekostet«, konnte sie sich nicht verkneifen und fand den Einwand im selben Moment kleinlich. »Jetzt muss ich wahnsinnig viel aufholen.«
Timo nickte, konnte sich vermutlich bestens vorstellen, unter welchem Druck Liesa nun stand, wie viele Creditpoints sie in kürzester Zeit sammeln, welche Masse an Inhalten sie nacharbeiten und wie viele heftige Klausuren sie nachschreiben musste. Liesa seufzte. Sie hatte kaum Zeit für ihn. Wie lange würde das wohl gutgehen? Sie entfernten sich voneinander. Das alles bereitete ihr enormen Stress. Und was sollte sie vermeiden, um keinen Rückfall zu erleiden? Genau – Stress. Sie befand sich in einer klassischen Zwickmühle. Sozusagen in einem Fleischwolf. Einer Saftpresse. Einem digital gesteuerten Küchengerät, das in Omas Küche niemals Einzug halten würde. Nicht an diesem Freitagabend und überhaupt niemals. Hier herrschten noch Handarbeit, ehrliche Maloche, traditionelles Handwerk, Kennertum. Und Oma.
Oma Kwatkowiak schaute Liesa lange an. Dann nickte sie und sagte mit weicher Stimme: »Du schaffst das schon.« In ihrem Blick lag so viel Wärme, dass Liesa ihr glauben wollte und es ihr einfach nur guttat.
»Jedenfalls kannste dich jetzt mal öfter hier blicken lassen«, ließ Onkel Willi in ungewohnt kritischem Ton vernehmen. Welche Laus war dem denn über die Leber gelaufen? Er hatte doch früher auch keinen großen Wert auf regelmäßige Besuche gelegt.
»Is schon gut«, beschwichtigte Oma gleich. »Sie hat viel umme Ohren mit der Psychologie, also dem Studium.« Oma Kwatkowiak sprach das Wort wie »Züchologie« aus, aber Liesa dachte nicht im Geringsten daran, sie zu korrigieren. Ihre Oma war ganz genau richtig so, wie sie war.
»Und?« Oma wandte sich nun an Timo. »Wie geht es dir jetzt so? Du hast doch gewechselt nach … Wie heißt das noch mal?«
»Lum–« Timo unterbrach sich selbst.
Liesa musste lachen. Sie und Timo bezeichneten seinen Studienort scherzhaft als Lummerland, weil er dort bei der Firma Lummer Consulting GmbH arbeitete und den praktischen Teil des dualen Studiengangs absolvierte, gegründet von den Brüdern Klaus-Peter und Heinz-Uwe Lummer, die je einen Bürotrakt ihr Eigen nannten und das Firmengelände wie eine Insel mit zwei Bergen aussah. Oder wie die zwei Fabriken der Twix-Brüder. Das behauptete Timo jedenfalls.
»Alles schick«, meinte er jetzt nur. Offenbar, um weitere Nachfragen direkt abzuwehren, setzte er gleich hinzu: »Ich hab auch viel zu tun.«
»Du bist das Wochenende über wieder bei deinen Eltern drüben?«
Liesa schrumpfte innerlich zusammen. »Ach, Omma …« Auf das Thema Beziehung zwischen ihr und Timo hatte Oma ein Abo, zielsicher in der offenen Wunde stochernd. Ja, am freien Wochenende war er wieder in sein altes Jugendzimmer eingezogen und übernachtete nicht bei ihr. »Ich brauche eben Ruhe für die Arbeit.«
Oma schaute sie an.
»Außerdem hat er dort die schönere Bettwäsche.« Warum er seine Schlumpfbettwäsche der ihren vorzog, wusste sie auch nicht. Vielleicht lag es an dem, was sich im Bett befand. Es blieb kompliziert.
Timo starrte auf Omas Tischdecke, die ihn zu hypnotisieren schien. Die bunt bedruckte Wachstuchtischdecke war üppig mit Herbstfrüchten überzogen oder dem, was sich ein unterbezahlter Designer irgendwo in der Welt für den europäischen Markt als herbstlich vorstellte. Trauben, Blätter, Pilze. Waren nicht auch welche in Rot mit weißen Punkten dabei? Timo schien jedenfalls das Muster zu studieren. Vermutlich würde er es später in seinem alten Kinderzimmer drüben bei den Goretzkas per Malen nach Zahlen detailgetreu wiedergeben wollen. Vielleicht war der Designer ein unglaublich begabter Schimpanse. Oder ein abgedrehter Bösewicht, der vermeintlich harmlose alte Damen mit seinen psychedelischen Mustern in den Wahnsinn treiben wollte, um die Weltmacht an sich zu reißen. Bei Oma würde er auf Granit beißen. Was hingegen Timo anging, da konnte Liesa für nichts garantieren.
Sie verschlangen Unmengen an Klößen mit Braten und genossen die letzten Tropfen Soße per Brotwischtechnik. Hoffentlich würde Oma nicht auch noch ein ganz bestimmtes Thema ansprechen. Vielleicht kam Liesa heute noch einmal damit durch.
»Ist alles in Ordnung?« Oma schien etwas zu merken.
»Nee, geht schon.«
Timo guckte sie zweifelnd an. Diese Chance hatte Liesa vertan. Sie half schnell dabei, die Teller zusammenzustellen und den Tisch abzudecken. Sie würde es ihrer Oma ein anderes Mal sagen. Oma stoppte plötzlich, hielt sich an einer Stuhllehne fest, atmete mehrfach tief und setzte ihre Arbeit dann fort. Timo und Willi machten sich am Spülstein am Geschirr zu schaffen, da stellte sich Oma neben Liesa. »Für nächste Woche habe ich jetzt auch Tante Hetti Bescheid gesagt. Die hat so Maläste mitte Beine, da machste nix. Aber sie würde wohl trotzdem kommen.«
Omas Frontalangriff hatte gesessen. Liesa wurde ganz heiß.
»Ist dir doch recht, ne?«
Liesa schwieg.
»Oder soll ich se absagen?«
Liesa schwieg noch leiser. Sie erwartete einen Dolch.
Oma schüttelte ein Geschirrtuch aus und kam Liesa näher. »An Allerseelen hat der Pastor eigentlich schon Dienst in Sankt Joseph. Aber der ist ein Netter und hat dann doch für Sankt Michael zugesagt, damit wir das Jahresgedächtnis mit einer schönen Messe feiern können. Watt man so feiern nennt …«
Als Nächstes würde wohl der Stich folgen.
»Aber das ist wichtig, das weißt du ja, dass man den Verstorbenen zum Abschluss von dem Trauerjahr gedenkt. Damit das einen Abschluss macht, ne?«
Trauerjahr, Abschluss.
»Dass das mit dem ersten Todestag von deiner Mutter zusammenfällt, der zweite November, ist ja schon besonders.«
Da war er, der Dolch, der Stich. Zweiter November. Todestag der Mutter. Jahrestag. Liesa fühlte sich wie eine Spinne, die in einem Lampenglas gefangen war, vor der Hitze der Glühbirne davonrannte und doch immer nur im Kreis laufen konnte und sich verbrannte.
»Wir treffen uns am besten um kurz vor 18 Uhr vor der Kirche. Sollen wir vorher noch zum Grab, eine Kerze anzünden und ein paar Blümchen mitnehmen?« Oma wandte sich Liesa zu. »Am besten noch am Donnerstag vor den Feiertagen. Dann können wir das Grab etwas herrichten.«
Liesa rannte und rannte und verbrannte sich immer mehr. In ihr war es auch finster. Irgendwann musste sie reagieren. »Ich …« Sie wollte Oma von ihren Plänen berichten, die nichts anderes als Ausflüchte waren, wollte zu einer weitschweifenden Erklärung ansetzen, dass sie eigentlich alles für richtig hielt, den Pastor auch mochte, Sankt Michael ihr recht war, die Idee eines Gedenkgottesdienstes mit der Familie vernünftig war für den Trauerprozess, denn das wusste sie durchaus, sie eigentlich alles gern angenommen und umgesetzt hätte, aber beim besten Willen nicht, wirklich nicht und ganz sicher nicht, zu dieser Zeit an diesem Ort sein könnte. Stattdessen nickte sie nur.
Oma nickte auch.
Timo legte seine Hand auf Liesas Arm. Sie bewegte sich nicht. Das Gerenne hörte auf. Eingeschlossen war sie immer noch. Sie musste irgendwann Farbe bekennen und mit der Wahrheit rausrücken, und zwar bald. Sie würde ihre Oma enttäuschen. Es tat ihr jetzt schon leid.
*
Niemand hatte gesagt, dass es so kalt sein würde. Dass ich hier liegen, so enden würde, in Dunkelheit und Schmutz, unter Stahl und Rost, zwischen Vergangenem und Vergessenem. Wo früher die tausend Feuer brannten. Ich kann mich nicht bewegen. Lange halte ich es nicht mehr aus. Brennender Durst. Ich sehe es nicht, spüre es nicht. Aber ich rieche es. Das viele Blut.
Obwohl es schon etwas spät war, konnte keiner dem Angebot, noch einen Kaffee zu trinken, widerstehen. Oma stellte einen Wasserkessel auf den Herd und machte sich daran, einen perfekten, von Hand aufgebrühten Filterkaffee zuzubereiten. Bald zog ein betörender Kaffeeduft durch die Küche in Bottrop-Batenbrock, der jede Barista-Rösterei um Längen schlug.
Währenddessen gab Timo etwas in sein Smartphone ein und murmelte: »RPD.« Er scrollte, tippte wieder und blickte dann auf. »Teufel noch mal, das sind sie. Unser freundliches Urbex-Team.« Er reichte das Gerät Liesa herüber. »Guck mal, das Bild passt auch zu der Heckscheibe.«
Liesa betrachtete den kleinen Bildschirm. Das Logo erkannte sie sofort. Die Buchstaben RPD in verschnörkelter Form, angeordnet in einem dunkelroten Kreis mit rot-schwarzen Teufelshörnern. »Satan, der Gehörnte. Hübsch gruselig.«
»RPD steht für Urbex-Team RuhrPottDevils.«
»Die Ruhrpott-Teufel. Wie mysteriös. Und wer soll das genau sein?«
»Ihre echten Namen stehen nicht im Impressum. Aus Gründen.« Timo zählte einige typische Aktivitäten von Urbexern auf. Zäune durchtrennen, trotz Videoüberwachung und Warnschilder Gelände und Gebäude betreten. »Es geht um Land- und Hausfriedensbruch, Minimum.«
»Okay, das sind Gründe. Die laufen also nicht auf dem Marktplatz oder in Oppas Garten rum.«
»Negativ.« Timo nannte konkrete Betätigungsfelder der RuhrPottDevils, die er an Vorschaubildern von ins Netz gestellten Videos ablas. »Da hätten wir Bunkeranlagen, verfallene Fabrikgebäude, baufällige Hallen und das hier.« Er verengte die Augen. »Das sieht doch verdächtig nach einem Zechengelände aus.«
Er zeigte es Liesa.
»Da ist ein Hinweis, dass ein bestimmtes Video nicht mehr verfügbar ist.«
»Ach, da war doch mal was!« Liesa erinnerte sich an ein Vorkommnis, das hohe Wellen geschlagen hatte, sowohl unter den Bergleuten als auch in der überregionalen Presse. »Echt? Die sind das, die Förderberg-Einbrecher? Die sind doch geschnappt worden und das dazugehörige Video mussten sie löschen.«
»Offiziell ja.« Timo griff sich sein Handy, murmelte, dass er etwas holen müsse, und verließ flott und ohne Jacke das Haus. Die Haustür ließ er offen.
Oma wunderte sich nur kurz und stellte Tassen auf den Tisch, auch an Timos Platz. Sie goss allen Kaffee ein und platzierte ein Glasschälchen mit einer Gebäckmischung dazu, aus dem sich Willi umgehend bediente. Sie setzte sich ebenfalls, bedeutete Willi, dass sie ihn im Blick hatte, und konnte sich nun dem widmen, was ihr offenbar unter den Nägeln brannte. »Was für eine Gruppe ist denn das, die mit den Teufeln? Wem seid ihr da auf der Spur?«
Liesa erzählte Oma und Willi von ihrer seltsamen Begegnung mit der Förderturm-Fotografin und dem noch merkwürdigeren Urbexer-Fahrzeug, von dem sie verfolgt worden war. »Sie sah total ängstlich und geschockt aus.«
»Habt ihr die Frau einfach allein gelassen?« Oma guckte vorwurfsvoll.
»Es ging alles so schnell. Und gesehen haben wir auch nicht viel.« Sie hätte die Frau ansprechen sollen, sie zurückhalten, ihr Begleitschutz anbieten, zumindest bis zu ihrem Auto. Vor Ärger über sich selbst war ihr der Appetit auf Plätzchen und Co. vergangen.
Timo kam mit seinem Notebook unter dem Arm zurück, das offenbar drüben bei seinen Eltern gewesen war, klappte es auf, nippte kurz an der Kaffeetasse und ließ die Finger über die Tasten fliegen. »Werden wir doch mal sehen, ob wir das Video wirklich nicht ansehen können.« Er wirkte wie ein Jagdhund, der Witterung aufgenommen hatte. »Mit der passenden technischen Ausstattung könnte es gehen.«
Liesa war skeptisch. »Ist das Video nicht komplett gelöscht?«
»Offiziell ja«, wiederholte Timo und tippte konzentriert weiter. Vermutlich hackte er sich gerade in Sicherheitsbereiche ein und durchstöberte streng geheime Pentagon-Dokumente. Bald erhellte sich seine Miene. »Hab dich!«
Wow, da war es. »Wie hast du das denn geschafft?« Der Hackerhäcksler. Liesa war immer wieder beeindruckt davon, was aus Timo herausfloss, also aus seinen Fingern in die Tasten und in die weltweiten Niederungen des Internets. Oder umgekehrt. Vielleicht war Timo auch ein Cyborg, eine Menschmaschine. Sie fand ihn klasse. Im Moment jedenfalls. Trotz der schlumpffarbenen Brille. Dann zog das Video, das eigentlich von niemandem mehr gesehen werden sollte, ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich.
In wackeligen Bildern war zu sehen, wie jemand auf einem Bergwerksgelände ankam und dies lebhaft kommentierte. Schnitt. Mehrere Personen mit Rucksäcken liefen über die Bandanlage. Schnitt.
Liesa erfüllte eine Mischung aus Faszination und Abscheu. Diese Aktion hatte unter den Bergleuten einen gewaltigen Shitstorm ausgelöst. Und nicht nur das.
Willi schaute ihnen über die Schultern. »Ach, DIE Schwachmaten sind datt! Die sind doch bei Prosper II eingebrochen!« Er schnaubte.
Liesa glaubte, ihren Augen nicht zu trauen. Die Rucksacktypen spazierten in dünnen Sommerschuhen durch einen tunnelartigen Schacht in das Bergwerk hinein. Dabei hatte das Thema Sicherheit im Steinkohlenbergbau an erster Stelle gestanden. Es hatte immer wieder schwere Unglücke in Bergwerken mit Verschütteten, Verletzten, Toten gegeben – auch heute noch in den Steinkohle fördernden Ländern.
Oma setzte sich ihre Brille auf und schaute mit. »Gibt’s doch nicht! Das ist doch der Förderberg, oder? Sind die lebensmüde?«
Der Förderberg auf der Schachtanlage Prosper II in Bottrop-Batenbrock war im Ruhrgebiet der Einzige seiner Art. Statt senkrecht in die Tiefe per Förderkorb unter einem Förderturm, ging es in diesen Schrägschacht zunächst ebenerdig in den Berg hinein – und dann auf einer längeren Strecke hinunter.
Willi stöhnte auf.
»Wie weit kommt man da?«, fragte Liesa.
»Mit 13 Grad Gefälle geht es abwärts«, erklärte Willi. »Knapp 3,6 Kilometer lang. Früher hat man den mit speziellen Jeeps befahren, die sind neben dem Förderband langgefahren. Die Jeeps waren extra dafür umgebaut. Ex-geschützt, schlagwettergeschützt, damit es keine Funken gab. Sowatt gab es sonst nirgendwo. Aber watt die da machen …« Er schüttelte den Kopf und griff sich gleich zwei Waffelröllchen.
»Wie tief ist das dann?«
Willi überlegte kurz. »Man kommt bis unten auf die 5. Sohle, knapp 800 Meter Teufe.« Er schob sich die Röllchen in den Mund.
Wow, dachte Liesa. Das war tief unter Tage, mitten im Bergwerk. Da holte man niemanden mal eben raus, wenn etwas passierte.
»Wann war das denn?«, wollte Oma wissen. »Ich dachte, die Schächte sind alle zugeschüttet?«
»Vor ein paar Monaten«, erklärte Liesa. »Da war man unter Tage noch mit Aufräumarbeiten beschäftigt.«
Willi nickte.
Weiter liefen die sommerlich Gekleideten an Rohrleitungen vorbei, schwenkten die Kamera auf Maschinen und Geräte, die bereits ausgebaut und sortiert abgelegt worden waren. Ein Typ kommentierte meist aus dem Off. Wenn er ins Bild kam, dann mit Kapuze und Halstuch vor dem Gesicht. Er zeigte sich beeindruckt, aber weitgehend unwissend. Mit schnarrender Stimme berichtete er von diesem »wahnsinnig geilen Lost Place«.
Timo rückte seine Brille gerade. »Ist ja schon interessant. Und irgendwie cool, dass die das für die Nachwelt festhalten. Man kommt da ja als Normalsterblicher nicht runter.«
»Datt hat ja auch seinen Grund!« Willi regte sich so sehr auf, dass er einen Teil der speichelaufgeweichten Waffeln ausspuckte. »Diese Vögel sind so ekelhaft dämlich. Brechen auf der Zeche ein und setzen das Leben von den Kumpels aufs Spiel. Da ist doch nix Ex-geschützt an diesen Vollpfosten. Guckt euch die doch mal an, mit normalen Taschenlampen rennen die da rein und mit Kameras. Plastikklamotten haben die anne Fott!«
Jetzt ging Liesa auf, was er genau meinte. Die Aktion war tatsächlich lebensgefährlich. Zu dem Zeitpunkt wurde zwar schon keine Kohle mehr gefördert und die Zeche war offiziell geschlossen, aber es befanden sich noch einige Bergleute unter Tage, die Aufräumarbeiten und Rohrverlegungen für die Flutung der Schächte und Stollen mit Grubenwasser durchführten. Dass die Grubenlüfter deutlich zu hören waren, zeigte, dass die Anlage in Betrieb gewesen war. Insofern war es eben noch kein verlassener Ort, kein Lost Place. Mit ihrer Ausstattung hätten die Urbexer Funken erzeugen und eine Katastrophe auslösen können, eine gewaltige Kohlenstaubexplosion. Unter Tage traten auch Grubengase aus, die bei den kleinsten Funken eine Schlagwetterexplosion und schlimmstenfalls langwierige Brände verursachten. Unter der Stadt bis hin zu den immer noch ergiebigen Kohleabbaufeldern lag ein weitreichendes Strecken- und Strebsystem. Nicht auszudenken, was hätte passieren können.
Die Zuschauer in Omas Küche waren sich weitgehend einig: »Verrückt!« – »Wahnsinnig.« – »Gefährlich.« – »Gibt’s doch nicht.« – »Flitzpiepen.« – »Die soll beim Scheißen der Blitz treffen.« Letzteres forderte Willi.
Liesa fragte sich, wie die Gruppe da überhaupt reingekommen war. Ob sie ein Helfer hereingelassen hatte? Sie behielt diese These lieber für sich. »Die hat man doch erwischt, oder?«
Willis Blick sprach Bände.
Im Video war die Gruppe weiter unterwegs, begutachtete Schaltschränke und eine Wettertür. Meine Güte, überlegte Liesa, lasst euch bloß nicht einklemmen. Ob die überhaupt eine Ahnung hatten, dass die Dinger vollautomatisch auf- und zuschwangen, und das mit einer enormen Kraft? Zu gern wäre sie auch da unten gewesen, hätte sich umgesehen, sich den Wind der Bewetterungslüfter um die Nase wehen lassen, den ganz speziellen Geruch aus Öl und Mineralien eingesogen. Sie konnte den Reiz einer solchen Tour durchaus verstehen. Offizielle Grubenfahrten würde es im Ruhrgebiet und bezogen auf den Steinkohlenbergbau in ganz Deutschland nicht mehr geben. Abgesehen von kleineren Museums- oder auch Kalibergwerken. Aber das war etwas anderes. Inzwischen waren auf Bottroper Gebiet offiziell alle Schächte verfüllt, es gab keine Möglichkeit mehr, unter Tage zu kommen. Aber gab es nicht noch offene Wetterschächte, die der Belüftung gedient hatten? Oder welche in den angrenzenden Ruhrgebietsstädten? Neugierig wäre sie ja schon. Sie hätte gern gewusst, wie es da jetzt aussah. Aber einfach eindringen, einbrechen?
Willi lief rot an. »Die haben doch einen Schaden. Die sollen mal schön die Flossen von dem Gelände lassen, die Vandalen die.«
»Du hattest es mitbekommen, als das Video online war?«, wollte Timo wissen.
»Ja, sicher. Wir haben datt alle geteilt, damit man die Schwachmaten dingfest machen kann. Der eine hat doch am Anfang von dem Film die ganze Zeit seine Fresse in die Kamera gehalten, der Eierkopp. Datt gab ne Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch und Gefährdung der Sicherheit nach Bergrecht.«
»Wirklich?«
»Da kennen die keinen Spaß.«
Die Bergleute, die in den sozialen Medien angemeldet waren, fanden die Aktion nicht lustig und hatten den Bergwerksbetreiber informiert. Zu diesem Zweck hatten sie das Video »gesichert«, indem sie es fleißig teilten. So war es erst recht viral gegangen. Schöne neue digitale Welt. Liesa und Timo schauten einander an, Timo hob die Schultern. »Das zum Thema ›das Video wurde gelöscht‹. Jemand hat sich das Video schön auf einer anderen sozialen Plattform abgespeichert und selbst online gestellt. Unter einem anderen Titel allerdings, deshalb kommt man über eine Suchmaschine nicht ohne Weiteres da ran.«
