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In Bottrop schließt die letzte Zeche. Als der ehemalige Bergarbeiter Andy Goretzka spurlos verschwindet, beginnt die Psychologiestudentin Liesa Kwatkowiak zu ermitteln. Zusammen mit Timo, Computernerd und Sohn des Vermissten, stößt sie auf den rätselhaften Todesfall eines jungen Bergmanns in den neunziger Jahren. Ist der Steiger Schleheck ein kaltblütiger Mörder? Während der Steinkohlenbergbau zu Grabe getragen wird, gerät Liesa selbst in Gefahr. Es droht der Fall ins Bergfreie - in den Tod …
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Seitenzahl: 191
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Sylvia Sabrowski
Zechentod
Kriminalroman
Schicht im Schacht Wenn die letzte Steinkohlenzeche Prosper-Haniel in Bottrop schließt, ist Schicht im Schacht: Die optimale Gelegenheit, um offene Rechnungen zu begleichen, bevor die Grube dichtgemacht wird? Ein vermisster Ex-Bergmann, ein mysteriöser Todesfall, Anschläge und Mordversuche im Schatten der sterbenden Zeche verlangen Liesa Kwatkowiak einiges ab. Clever, selbstironisch und mit einem ausgeprägten Einfühlungsvermögen versucht sie zusammen mit Computernerd Timo, Licht ins Dunkel zu bringen. In einer Zeit zwischen wehmütiger Nostalgie und hoffnungsvoller Aufbruchstimmung wird Liesa auf falsche Fährten gelockt und droht von eigenen Ängsten übermannt zu werden. Welche Rolle spielt der stadtbekannte Steiger? Ist der Täter in Liesas eigener Familie zu finden?
Sylvia Sabrowski wurde 1971 in Bottrop geboren, wo sie nach dem Studium der Psychologie und Pädagogik als Freiberuflerin arbeitet und mit Mann, Kindern und anderthalb Katzen lebt. Sie stammt selbst aus einer Bergarbeiterfamilie, hat noch Kohleöfen – mitunter auch die Küchentapete – brennen sehen, das Geräusch vom Kohlenscheppen im Ohr, die Arbeitskleidung der Bergleute auf den Wäscheleinen vor Augen und die Eigenheiten der Ruhrgebietler tief in ihrem Herzen. Einige ihrer Kurzgeschichten und Gedichte wurden in Anthologien veröffentlicht. „Zechentod“ ist das Krimidebüt der Autorin.
www.sylviasabrowski.de
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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0
Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage 2019
Lektorat: Anja Kästle
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Frank Ebert / stock.adobe.com
Druck: CPI books GmbH, Leck
Printed in Germany
ISBN 978-3-8392-6170-5
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Wir Bergleut allzusammen
müssen alle gehen schwarz.
Schwarze Kittel und schwarz Leder,
das ist die Bergmannsart.
Schwarz müssen wir tragen,
trauern bei Lebenszeit,
weil mancher wird erschlagen,
gar tot in der Grube bleibt.
(aus einem alten Bergmannslied, Verfasser unbekannt)
Schicht im Schacht – Mit der Schließung der Bottroper Zeche Prosper-Haniel geht die Ära des Steinkohlenbergbaus in Deutschland zu Ende. »Wir wollen dem Bergbau einen würdigen Abschied bereiten«, sagt der Vorsitzende der Essener RAG-Stiftung. Am 21. Dezember heißt es »letzte Seilfahrt«, wenn der Förderkorb endgültig zum letzten Mal startet. Es ist eine zentrale Abschiedsveranstaltung an der Schachtanlage Franz Haniel in Bottrop geplant. 500 Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft werden erwartet. Auch der Bundespräsident hat zugesagt. Ein Abschied mit Tränen und Trauer, nicht ohne einen Blick in die Zukunft zu gewähren und Signale des Aufbruchs zu setzen.
(Stadt-Anzeiger Bottrop, Dezember 2018)
»Der kommt nicht mehr wieder«, schluchzte Martina Goretzka in ihr Taschentuch. »Nie mehr, wenn wir jetzt nichts machen.« Sie blickte mascaraverschmiert auf und sah zuerst in Onkel Willis teigiges Gesicht, dann auf Oma Kwatkowiaks Rücken. Schließlich traf ihr Blick Liesa und ließ sie nicht mehr los. »Bei der Polizei haben die mich ausgelacht. Mich von oben bis unten angeguckt und dann gesagt: ›Ihr Mann wird was Besseres gefunden haben. Der ist abgehauen.‹ Als ob Andy einfach so abhauen würde!«
Liesa schob einen unsichtbaren Krümel von der buntgemusterten Wachstischdecke. Omas Tischdecken waren der Kracher. Am besten fand sie die Sonnenblumenornamente und die selbst angeklöppelten Glitzerfransen.
»Was ist eigentlich mit Julia?«, fragte sie die Tischdecke.
»Die Julia ist doch weggezogen«, erklärte Martina. »Kaum verheiratet, ist sie ständig woanders. Zuletzt konnte ich sie telefonisch kaum erreichen. Und sie kann nicht mal eben um die halbe Welt hierher fliegen.«
Liesa erinnerte sich an ihre Schulfreundin und schmunzelte bei dem Gedanken an die gemeinsamen Sommernachmittage im Garten ihrer Oma oder nebenan bei den Goretzkas. Sie selbst hatte es immerhin bis nach Bochum-Querenburg gebracht. Wenn ihr nicht bald etwas einfiel, war es das. Dann konnte sie auch diesen Teil ihrer Zukunft abhaken. Kälte grub sich in ihren Bauch wie eine Hand.
»So is datt mit den Töchtern. Aber was macht denn dein Timo?« Omas Frage riss Liesa aus ihren Gedanken. Ach ja, Timo. Julias kleiner Nervensägenbruder. Liesa grinste. Meine Güte, war der ihr und Julia auf die Nerven gegangen. Überall wollte er mit hin, verfolgte sie noch nach der x-ten Abfuhr, ließ auch nicht locker, als sie ihn auslachten oder bloßstellten, wie es nur elfjährige Mädchen tun konnten. Oma Kwatkowiak ließ sich auf ihren Stuhl gleiten, während sie eine Kanne Kaffee auf den Tisch stellte. 77 Jahre, dachte Liesa. Bewegt sich wie eine Raubkatze und ist geistig fitter als Gandhi und Mutter Teresa zusammen. Nimm dir mal ein Beispiel an Oma, ermahnte sie sich.
»Ich habe ihm auf die Mailbox gesprochen, als ich das mit Andy herausgefunden habe. Jetzt hat er doch so viel mit seinem Studium um die Ohren.«
Omas Gesicht erhellte sich. »Ja, weißte, unsere Liesa hat ja auch so viel mit ihrem Studium zu tun, ne?«
Liesa starrte sie an. »Ach, Omma …«, wehrte sie ab. Nimm dir lieber kein Beispiel an Oma.
»Komm, datt muss dir nich peinlich sein. Erzähl der Martina doch, dass du bald fertige Psychologin bist.« Sie sprach das Wort wie »Ziechologin« aus und setzte sich dabei so kerzengerade an ihren Küchentisch, dass sie um etwa zehn Zentimeter wuchs. Gleichzeitig schrumpfte Liesa um satte 50 Zentimeter, jedenfalls kam es ihr so vor.
»Und das, obwohl deine Mutter –« Oma verstummte, als sie Liesas Ausdruck sah. Ganz ungünstiges Thema, dachte Liesa. Ganz schlecht jetzt. Die kalte Hand grub sich tiefer in ihren Bauch hinein und machte Anstalten, sich einmal perfekt um sich selbst zu drehen, sodass ihr übel wurde. Herzklopfen, Schweißausbruch. Scheißangst, dachte sie. Aber das half nicht. Es hatte bisher nie geholfen, sich zu ärgern, wenn dieser Zustand über sie kam.
»Onkel Willi«, sprach sie ihn an. »Du hast noch gar nichts dazu gesagt.« Gelungener Themenwechsel. Ging doch. Willi ließ einen Keks im Mund verschwinden, spülte mit Kaffee nach und drehte sich dann langsam zu Liesa.
»Zu was?«, brachte er hervor, während ein nasser Krümel auf seiner Oberlippe auf und ab hüpfte.
Die drei Frauen gingen ihn gleichzeitig an:
»Na, der Andy.«
»Dein Nachbar, Willi!«
»Der Andy ist weg, dem ist bestimmt was passiert!«
»Meine Güte, ihr wart so lange zusammen auf der Zeche, und jetzt kennste den nicht mehr?«
»Döspaddel.« Letzteres hatte sich Oma herausgenommen. Drei Augenpaare starrten ihn böse an.
»Ja, wo ist er denn?« Willi erkannte nun offenbar den Ernst der Lage. Er wischte sich mit einer Hand über das Gesicht, schob seine Kaffeetasse weg und richtete sich auf. Sofern ein fettleibiger Mann mittleren Alters, Onkel Willi eben, sich überhaupt aufrichten konnte. Er blieb stehen und legte eine Kunstpause ein. »Denkt mal an Lotto«, sagte er schließlich und bewegte seinen massigen, in ein fleckiges Unterhemd und schlabberige Hosen gekleideten Körper hinaus. Die drei Frauen ließ er mit ihren fragenden Blicken zurück.
»Was meinte der?«, wollte Martina wissen.
»Er muss wohl noch Lotto spielen. Oder die Zahlen nachgucken? Aus Willi werd ich nicht schlau«, sagte Oma und füllte Kekse nach. Rollende Augen. Ungläubiges Schweigen. Lange Gesichter.
»Na gut, fassen wir mal zusammen.« Oma fing sich als Erste wieder und schob die Ärmel ihres Strickpullis hoch, den sie unter dem wild gemusterten Kittel trug. »Andy ist weg. Die Polizei tut nichts, die Kinder haben wie so oft keine Zeit und Willi ist auch keine Hilfe. Dann sind wir jetzt dran. Was könnte mit Andy passiert sein? Warum ist er weg und wohin?«
Martina nickte und hörte nicht mehr auf zu nicken.
Oma Kwatkowiak sah sie eindringlich an. »Hömma, du musst uns schon ein bissken mehr erzählen, wenn wir den Fall lösen sollen.«
Jetzt war es Liesa, die nickte. Fall lösen, ja nee, ist klar. Sind wir Miss Moppel und Doktor Holms? Martinas Gesichtsausdruck veränderte sich und als legte sich in ihr ein Schalter um, begann sie, ausführlich zu erzählen. Okay, dachte Liesa. Ermitteln wir doch mal ein bisschen. Das war immer noch besser, als mit Oma das zu besprechen, was sie eigentlich hierhergeführt hatte. Es musste doch herauszufinden sein, warum Andy verschwunden war. War ihm etwas zugestoßen? Hatte er etwas ausgefressen? War er geflohen? War überhaupt irgendetwas passiert oder saß Andy gemütlich auf Tante Hettis Sofa und parlierte, während seine Frau umkam vor Sorge und die Kwatkowiakfrauen zu Detektivinnen mutierten? Die kalte Hand zog sich langsam zurück. Liesa konzentrierte sich auf Martinas Schilderungen und wurde immer neugieriger.
Sie erfuhr, dass Andreas Goretzka am Samstagabend zuletzt gesehen worden war. Wie in den ganzen Wochen zuvor hatte er zu Hause spätabends noch vor dem Laptop gesessen, als seine Frau ins Zimmer kam, um ihm zu sagen, dass sie müde sei und ins Bett ginge. Da war es ungefähr 23.20 Uhr.
»Mach nicht mehr so lange«, hatte sie gesagt.
»Ich muss noch«, hatte er geantwortet. »Ich werd sonst nicht fertig damit.«
Am nächsten Morgen brannte in seinem Arbeitszimmer nach wie vor Licht. Andreas Goretzka war verschwunden, samt Laptop, Schlüssel, Handy und Brieftasche. Das Auto stand noch vor dem Haus.
»Er ist sonst nie einfach so weggegangen. Irgendwas stimmt da nicht. Den Tag über habe ich einfach abgewartet, dann abends seine Freunde und Kollegen angerufen. Nichts. Keiner hat was von ihm gehört, keiner weiß was. Die Krankenhäuser habe ich abtelefoniert und es auch bei seiner Mutter versucht. Frag mal eine demente alte Frau unauffällig nach ihrem verschwundenen Sohn, ohne ihr Angst zu machen.«
Liesa und ihre Oma machten verständnisvolle Gesichter.
»Jedenfalls habe ich alles und jeden angerufen. Er hat ja auch gar nicht mehr so viele Freunde, seitdem er vom Pütt weg ist. Gestern habe ich es nicht mehr ausgehalten und in seinen Sachen rumgewühlt. Sowas tue ich sonst nicht, aber was sollte ich machen? Ich fand einen Zettel mit einer Telefonnummer in seiner Jackentasche.«
Oma schaute Martina zweifelnd an und hob eine Augenbraue.
»Nee, keine Liebschaft. Eine Psychotherapeutin hier in Bottrop. Da wollte man mir aber nichts sagen, also ob er da war oder so.« Martina stockte, wischte sich neue Tränen weg. »Ich wusste ja, dass er Probleme hatte.«
»Das bleibt eben nicht in den Klamotten hängen«, kommentierte Oma.
Martina nickte. »Andy hat oft telefoniert, und wenn ich reinkam, legte er schnell auf.«
»Meinst du«, setzte Liesa an und wusste nicht, wie sie es formulieren sollte. »Meinst du, er hat …?«
»Ob er sich was angetan hat?« Martina überlegte. »Ich weiß es nicht. Ich versteh das auch alles nicht. Ständig hing er über seinem Laptop, ließ mich nie gucken, was er da machte. Die heimlichen Anrufe. Die vielen Termine. Ich denke jetzt, es waren vielleicht Arzttermine oder welche bei der Therapeutin, weil er sich immer stadtfein angezogen hat, bevor er los ist. Schlecht geschlafen hat er, das weiß ich. Immer weniger gemacht, irgendwann ist er nur noch so herumgesessen. Bis er dann ständig mit dem Laptop beschäftigt war. Aber er hat mir nichts gesagt, wollte einfach nicht. ›Ich mach das schon‹, hat er gesagt. ›Das muss ich ganz allein packen.‹ Mit irgendwas kam er nicht klar.«
»Ist denn etwas an dem Abend passiert, bevor er verschwunden ist?«, fragte Liesa, nun wissbegierig geworden. Das Rätsel musste schließlich zu lösen sein.
»Er hat telefoniert, als ich reinkam. Hörte aber auf zu sprechen, als ob ich nichts mitbekommen sollte. Er war ganz blass. Ich glaube«, Martina sah Liesa fest in die Augen, »er hatte Angst.«
Angst – Liesa fühlte sich ertappt. Ihr Herz schlug schneller.
»Und jetzt hab ich Angst um ihn. Ich hab doch sonst keinen.«
Martina tat ihr leid. Oma schaute sie auffordernd an. »Geh mal mit rübber, Liesa-Schätzken. Guck mal, ob du da was rausfinden kannst.«
Ein tiefer Seufzer entfuhr Liesa, der ihr für einen Augenblick etwas Zeit verschaffte und die kalte Hand in ihrem Bauch wie auch alle sonstigen Geister verscheuchte. »Okay«, hörte sie sich sagen. »Ich werd schauen, was ich machen kann.«
Zu Befehl, Constable Gertrude Kwatkowiak. Miss Moppel übernimmt die Ermittlungen. Schließlich kann ich mich hier nützlich machen, der lieben Martina in dieser schweren Stunde helfen und dem heimischen Schreibtisch eine Zeit lang entkommen. Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer ersten Mandantin. Oder ist es eine Klientin, Frau Doktor Psych? Wie dem auch sei. Mit dieser grundsätzlichen Ahnungslosigkeit ging es gleich prima los.
Liesa konnte trotz allem über sich lächeln.
*
Er fällt. Tausend Meter tief ins Dunkel, in die bodenlose Dunkelheit, das Bodenlose. Tausend Meter tief und noch tiefer ins Bergfreie.
Die Goretzkas wohnten, wie Oma und Willi im Nachbarhaus, in einem Vierspänner, Eingang auf dem Hof, Schuppen und Garten dahinter. Das Haus aus Bergwerksziegeln war zweigeschossig, wobei vier Wohnungen ähnlich Reihenhäusern einen eigenen Hauseingang besaßen, je einer links und rechts und zwei hinten auf dem Hof. Zu jeder Wohnung gehörte ein Garten mit einem Schuppen als Stall, eine gemauerte Schweinekuhle oder dieselbe als Komposthaufen umfunktioniert und ein Plumpsklo im kleinen Stallgebäude. Später wurden die Höfe durch eine Mauer zwischen Haus und Stall getrennt. Kohleöfen, Wohnküche, Ochsenblutfarbe auf der Holztreppe und den Dielen. Zugegeben, die Goretzkas hatten sich im Laufe der Zeit eine moderne Gasheizung und zwei Bäder samt spülrandlosen Wand-Hänge-WCs inklusive Softclose-Deckeln eingebaut, das Plumpsklo im Stall zugeschüttet und überhaupt aus dem rund einhundert Jahre alten Häuschen ein recht gemütliches Heim im Martina-Goretzka-Style geschaffen. Das Heimelige verschwand schlagartig, als die Hausherrin die Tür hinter sich schloss und Liesa einfiel, warum sie eigentlich hier waren. Der Hausherr war verschwunden.
»Wo genau war Andreas zuletzt am Samstagabend?«
Martina zeigte auf die Treppe. »Oben in seinem Arbeitszimmer. Geh ruhig schon vor, ich …« Sie war sichtlich nervös, aufgewühlt, fahrig. »Ich schau mal nach dem Zettel mit der Telefonnummer.«
Alles klar, zu Befehl. Liesa stieg die Holztreppe hoch, berührte dabei die gedrechselten Geländerstäbe und dachte kurz daran zurück, wie sie mit Julia viele Male aufgeregt, wie es nur Teenager sein können, die Treppe hochgehastet war, um anschließend in Julias Reich zu verschwinden, über Jungs zu reden oder über andere rätselhafte Begebenheiten ihrer Zeit. In der ersten Etage zweigten drei Räume ab. Links Julias Zimmer, dann das Duschbad und rechts das Zimmer von Julias kleinem Bruder Timo.
Die Tür stand offen. Liesa sah auf einen hellen Schreibtisch, einen blaugemusterten Teppich und mehrere Schalke-Poster. Hier hatte Andy also sein »Arbeitszimmer«. Sie betrat den Raum und sah sich um. Es war so, als sei die Zeit stehengeblieben in diesem Jugendzimmer samt Schlumpfbettwäsche und Schalketeddy. Liesa rollte mit den Augen. WM-Devotionalien aus dem Jahr 2006, dem Sommermärchen, das doch märchenuntypisch mit dem Sieg der azurblauen Italiener ausging. Erinnerte sie sich richtig? Jedenfalls schmückten schwarz-rot-gelbe Blumengirlanden, ein Nationaltrikot und einige undefinierbare Fanartikel die Wände, Vitrinen und den winzigen Fernseher.
Auf dem Schreibtisch musste kürzlich noch etwas gestanden haben. Liesa erkannte leichte Abdruckspuren und einen Umriss im Staub. Das wird Andys Laptop gewesen sein, vermutete sie. Ein Drucker befand sich daneben im Regal. Er stand so schief, dass er herunterzufallen drohte. Das entsprach der übrigen Ordnung im Hause Goretzka ganz und gar nicht. Das Verbindungskabel lag anschlusslos auf dem Schreibtisch. Liesa konnte sich vorstellen, dass Andy regelrecht losgelaufen war, dabei das Kabel herauszunehmen vergaß und es deshalb aus dem Laptop riss. Keine Frage, hier hatte Andy seine rätselhafte Laptopbeschäftigung ausgeführt.
Was ist mit dir passiert, Andy? Du bist ein sorgfältiger Mensch, würdest das Kabel nie einfach so herausreißen. Was hat dich dazu gebracht, Hals über Kopf abzuhauen?
Als Liesa im Begriff war, den Drehstuhl zur Seite zu schieben, stieß sie auf ein Hindernis. Beine ragten unter dem Schreibtisch hervor. Ein männlicher Hintern. Da liegt einer! Scheiße, Martina. Hast du mich hier rübergeholt, damit ich deinen toten Andy hier finde? Hast du ihm eins übergebraten und ihn dann hier liegengelassen?
Pures Entsetzen überfiel Liesa. Ein eiskalter Schauder durchlief ihren Körper. Plötzlich zuckte die Leiche. Liesa erschrak so heftig, dass sie aufkreischte. Der Liegende bäumte sich auf und stieß sich fluchend den Kopf.
Es war Timo, allerdings in einer neuen Version: erwachsen und attraktiv. Liesa wusste nicht, was sie mehr erstaunte – das Leichenerwachen oder die Metamorphose eines neunjährigen Glasbausteinträgers zu einem Adonis. Himmel. Er war groß gewachsen, schlaksig-sportlich, hatte dunkle, kurze Haare, einen offenen Blick und nun vermutlich eine Beule am Hinterkopf.
»Ihr kennt euch ja«, hörte sie Martina lapidar sagen. Offenbar hatte sie den Lärm gehört und war herbeigelaufen.
Ich kenne eine neunjährige Nervensäge, dachte Liesa. Was hier vor mir steht, ist ein Chippendale-Männer-Monster. Ein Blick auf die Schlumpfbettwäsche brachte sie jedoch wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.
»Ja, klar«, meinte Timo, rieb sich den schmerzenden Hinterkopf und zog ein Gesicht. »Wir kennen uns.« Schwang da ein Vorwurf mit?
Er begrüßte seine Mutter mit einer Umarmung und erklärte kurz, dass er einen Schlüssel habe, und weil auf sein Schellen niemand reagiert hätte, sei er hineingegangen und habe sich schon mal umgesehen.
»Ich habe Liesa gebeten, mir zu helfen. Also, uns zu helfen«, erklärte Martina.
»Ach ja?«, fragte Timo.
Warum ausgerechnet die?, erriet Liesa seine Gedanken. Wie damals, als sie beim Sport nicht gewählt wurde, weil sie mopsig und ungelenk war und innere Werte beim Mannschaftssport nun mal nicht zählten. Das war glücklicherweise vorbei. Alles, bis auf das Moppeltum. Er ist noch immer ein nerviger Neunjähriger, dachte sie.
Timo überlegte vermutlich, ob er Liesa kondolieren sollte. Er zögerte etwas zu lange, bis ihn seine Mutter vorwurfsvoll ansah und wieder das Wort ergriff.
»Gut, dass du da bist, Timo. Vielleicht könnt ihr zusammen nach Papa suchen. Ich weiß mir keinen Rat mehr.«
Als wieder Tränen flossen, nahm Timo seine Mutter noch einmal in den Arm.
»Wir machen das schon.«
Liesa nickte und kam sich dabei seltsam vor. Was tat sie hier eigentlich? Sollte nicht besser die Polizei aktiv werden? Schon, aber die wollte bekanntermaßen nicht. Also blieb ihr wohl nichts anderes übrig. Resigniert blickte sie Martina nach, die wieder zu ihrem Zettel entschwand.
Timo suchte auf dem Boden nach Hinweisen. Etwas, was von Andys Flucht übriggeblieben war.
Liesa entdeckte ein Männchen aus Plastik. Mit Glatze, finsterem Blick und schwarzer Kleidung wirkte es unfreundlich. »Ein Schlüsselanhänger?«, fragte sie und hob ihren Fund hoch.
»Gargamel«, bemerkte Timo. »Der böse Zauberer von den Schlümpfen.« Timo kannte sich offensichtlich aus. »Cool«, meinte er und zog den Zauberer in der Mitte auseinander. Es offenbarte sich ein USB-Stick. »Dann hat er hier hoffentlich etwas Brauchbares hinterlassen.«
Timo berichtete, dass er den Laptop eingerichtet und seinen Vater instruiert hatte, regelmäßig Sicherungskopien anzulegen. Er hätte ihm ja zu einer Cloud geraten und angeboten, ihm eine eigene einzurichten. Aber Andy war skeptisch geblieben. Eine Cloud war ihm nicht sicher genug.
»Das muss man sich mal vorstellen«, ärgerte er sich. »Ein typischer Digital Immigrant. Mein Vater hat online gar nichts gemacht, kein Online-Banking, keine E-Mails, kein Internet. Er hat der Sache nicht vertraut, obwohl ich ihm das alles tausendmal erklärt habe.«
»Was hat er dann wohl hauptsächlich am Laptop gemacht?«, wollte Liesa wissen.
»Also, online nichts. Das Schreibprogramm sollte ich ihm erklären und den Drucker anschließen.«
Liesa überlegte. »Hat er Briefe geschrieben oder Bewerbungen?«
»Nee, er hat gar nichts ausgedruckt. Letztens wollte ich diesen Drucker benutzen, weil ich dringend eine Seminararbeit abgeben musste und meiner den Geist aufgegeben hat. Die Patronen waren eingetrocknet, komplett unbrauchbar. Ein Griff ins Klo.«
»Hat er einen umfangreicheren Text verfasst? Eine Geschichte, ein Manuskript?«
Timo lachte auf. »Nee, mein Vater hat nie geschrieben. Nicht mal eine Postkarte wollte er unterschreiben. Das hat meine Mutter für ihn gemacht.«
Aber Andy hat offensichtlich doch geschrieben, und zwar, dachte Liesa, weil er sich gezwungen fühlte. »Ich werd sonst nicht fertig damit«, hatte er seiner Frau gesagt. Mit der Arbeit, dem Schreiben oder womit? Was muss man unbedingt schreiben? Was musste Andreas Goretzka schreiben, Abend für Abend, weil er sonst nicht klarkam, und warum floh er eines späten Abends mit dem Laptop? War er verrückt geworden?
»Kennst du dich mit sowas aus?«
Liesa fühlte sich erwischt und hüstelte. »Wer nicht?« Er meinte natürlich den Technikkram. Auskennen, das wäre wohl etwas übertrieben. Fürs Überleben reichte es. Timo nahm auf dem Bett Platz, holte sein Notebook aus der Reisetasche hervor, die daneben auf dem Boden stand, fuhr das Gerät hoch und steckte den USB-Stick ein. Liesa setzte sich neben ihn.
»Wir leben in einer digitalen Welt«, referierte er. »Alles läuft digital. Wir kaufen, bezahlen, bestellen, ordern, kommunizieren …«
»Okay, Timo«, begann Liesa. »Dann finde deinen Vater doch ganz einfach – digital.«
Timo schaute auf.
»Das würde ich ja gern«, seufzte er. »Aber mein Vater ist so was von …« Er suchte nach dem richtigen Begriff. Neunziger, dachte Liesa.
»Analog«, sagte Timo schließlich.
Liesa grinste, bis ihr Timos fragende Miene auffiel. »Anna Log«, erklärte sie. »Ein Quatschname. Anna Gramm, Anne Theke, du weißt schon.«
Timo sah sie leicht vorwurfsvoll an, konnte sich aber ein Lächeln nicht verkneifen. Schließlich wandte er sich wieder dem Notebook zu.
»Ich sammle die«, fuhr Liesa fort. Der Name wird später auf die Liste kommen, dachte sie, und zwar entweder analog mit dem guten alten »Stift auf Block«-Trick oder sie würde es digital angehen und ihn in den Laptop hacken. Denn Liesa konnte beides. Sie war eine Allzweckwaffe. Ein Kracher. Eine Granate. Ein ganzes Bombenuniversum. Und gerade nicht bei der Sache. Denk an die Schlumpfbettwäsche. Ausgewaschene, kindlich-alberne Feinbiber-Schlumpfbettwäsche mit einem abgeliebten Schalketeddy, befahl sie sich. Eigentlich niedlich. Und der Kerl roch zu allem Übel auch noch gut.
»Das wird nix.« Timo riss Liesa aus ihren Gedanken. »Der Stick enthält keine Daten. Sie müssen kürzlich gelöscht worden sein. Der letzte Zugriff war … warte mal.« Timo drückte flott einige Tasten. »Am 15. Dezember. Das war der letzte Samstag. Um 23.16 Uhr.«
Liesa schluckte. »Da ist er verschwunden.«
Timo nickte.
»Er hat die Daten kurz vorher gelöscht. Um Spuren zu verwischen?«
»Vermutlich. Das war es dann wohl. Mensch, Vatter, was hast du zu verbergen? Was für ein Spiel wird hier gespielt?«, fragte Timo den Bildschirm. Enttäuschung machte sich breit.
»Da muss aber etwas sein.« Liesa stellte sich vor, wie Andy Goretzka am letzten Samstagabend telefonierte, in Panik geriet, sich sofort auf den Weg machte, vielleicht von einer Person bedroht die Flucht ergriff, ohne jemandem ein Sterbenswort zu verraten.
»Er muss es sehr eilig gehabt haben. Vielleicht hatte er Todesangst«, sagte Liesa. »Trotzdem hat er vorher noch die Daten von diesem Stick gelöscht. Das dauert doch seine Zeit, oder? Das muss also etwas zu bedeuten haben.«
»Ja«, antwortete Timo. »Das muss ihm wichtig gewesen sein.«
»So wichtig, dass er es riskiert, dafür Zeit verstreichen zu lassen. Dieser Stick ist der Schlüssel«, betonte Liesa und sah Timo von der Seite an.
Der schüttelte nachdenklich den Kopf.
»Okay«, sagte er schließlich. »Ich muss einen Weg finden, die Daten zu retten.«
»Das geht?«
»Mit viel Glück und auch nur, wenn die Daten noch nicht überschrieben sind. So clever ist mein Vater auch wieder nicht. Ich werde ihn finden, den Alten. Egal wie. Das hat er nicht verdient, irgendwo zu hocken und sich verstecken zu müssen. Oder dass er irgendwo liegt.«
Hoffentlich ist ihm nichts passiert, dachte Liesa. Was, wenn er in akuter Gefahr ist? Oder ihn schon jemand anderes gefunden hat und …?
Timo tippte etwas in sein Notebook, bis sich seine Miene aufhellte. Er lächelte ein charmantes Jungenlächeln. »Ich treffe mich heute Abend mit jemandem, der sich unseren Gargamel ansehen kann. Versprechen kann er nichts, aber immerhin. Und es dauert wohl eine Weile, das geht nicht so schnell.«
