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Menschen sind in der Lage, wahrnehmbare Ereignisse zu interpretieren und die Interpretationsfähigkeit ihrer Mitmenschen zum Zwecke des Kommunizierens auszubeuten. Sie verfügen über semiotische Kompetenz. Konventionelle sprachliche Zeichen sind nicht Voraussetzung erfolgreicher kommunikativer Bemühungen, sondern deren ungeplante Konsequenz. Kellers unverändert aktuelle Theorie zeigt, wie durch die kommunikative Nutzung semiotischen Wissens sprachliche Zeichen entstehen, wie sie funktionieren und wie sie sich verändern. Über das Buch: "Rudi Kellers Buch ist sehr inhaltsreich und anregend. Für Seminare stellt es eine sehr gute Diskussionsgrundlage dar." – Linguistische Berichte 167 (1997)
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Seitenzahl: 550
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Rudi Keller
Zeichentheorie
Zu einer Theorie semiotischen Wissens
A. Francke Verlag Tübingen
© 2017 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen www.francke.de • [email protected]
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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen
ePub-ISBN 978-3-8463-4878-9
„Was ihr denkt, das weiß ich nicht“, antwortete der Schalk, „wie kann einer des anderen Gedanken erraten! Aber was ihr mir gesagt habt, das weiß ich.“
Till Eulenspiegel (1519/1948: 82)
Dieses Buch handelt von sprachlichen Zeichen und ihrer Dynamik. Es will zeigen, wie Zeichen entstehen, funktionieren und sich verändern im Zuge der menschlichen KommunikationKommunikation. Sprachliche Zeichen sind nicht Voraussetzungen unserer kommunikativen Bemühungen, sondern deren (meist unintendierte) Folge. Dass der unüberschaubar großen Zahl an Publikationen über diesen Gegenstand eine weitere hinzugefügt wird, ist erläuterungsbedürftig. „Most of what we know about language has been learned in the last three decades“, schrieb Derek BickertonBickerton im Jahre 1990.1 Wenn diese Aussage mehr sein soll als ein autobiographisches Vermächtnis, so dürfte sie falsch sein. Mit Sicherheit trifft sie nicht zu für den Bereich der linguistischen Zeichentheorie. Alles was über sprachliche Zeichen gesagt werden kann, ist vermutlich irgendwann zwischen PlatonPlaton und heute gesagt worden. In einem sprachphilosophischen Gebiet mit mehr als zweitausendjähriger Tradition lässt sich wirklich Neues wohl kaum mehr entdecken. Mit anderen Worten, keine der wahren Aussagen dieses Buches erhebt Originalitätsanspruch. (Die falschen mögen origineller sein.) Allerdings bin ich der Meinung, dass dem vorschnellen Defensivargument „Das hat doch schon XY gesagt“ nicht allzuviel Gewicht zuzubilligen ist. Denn bei genauerem Hinsehen zeigt sich meist, dass mindestens die Zusammenhänge, in denen etwas bereits früher gesagt wurde, andere waren. Den Nutzen dieser Arbeit sehe ich in erster Linie in der Rekombination von Ideen und Überlegungen, die verschiedenen Traditionen entnommen sind, sowie in der Perspektive ihrer Auswahl. Zeichentheoretische Überlegungen mögen auf den ersten Blick den Eindruck empirisch irrelevanten und unnützen Philosophierens erwecken. Martti NymanNyman sagt deutlich, weshalb dies falsch ist: „A theory of language change depends on the underlying theory of language. Therefore […], it is not at all idle ivory-towering to dwell upon ontological questions about language. For example, if we look upon language as an abstract Platonic object […], we get virtually no theory of language change at all.“2 All die psychologistischen Sprachauffassungen, die den Ort der Existenz der Sprache ausschließlich im Kopf des Menschen ansiedeln, sind ebensowenig in der Lage, Sprachwandel als inhärentes Phänomen zu konzipieren. „Die Sprache hat schließlich keine eigene Existenz unabhängig von ihrer mentalen Repräsentation“,3 schreibt ChomskyChomsky und entzieht sich damit der Möglichkeit, den Zustand einer Sprache (auch) in seiner historischen Bedingtheit zu begreifen. Das Verständnis von WandelWandel und Genese der Sprache ist ein konstitutives Moment des Verständnisses ihres Wesens, und vice versa. Grundlage einer jeden Sprachtheorie ist der Zeichenbegriff. Auch sprachliche Zeichen fallen nicht vom Himmel. Was Nyman von der Sprache allgemein sagt, gilt auch von Zeichen im Besonderen. Wenn wir sie im platonischen Himmel ansiedeln oder ausschließlich im menschlichen Kopf, erfahren wir nicht, woher sie kommen. Dass wir sie verwenden, um kommunikative Ziele zu erreichen, ist psychologistischen Auffassungen gemäß kontingent. Und dass sie entstehen im Zuge unserer Bemühungen, kommunikative Ziele zu verwirklichen, muss einer solchen Theorie verborgen bleiben. Die vorliegenden zeichentheoretischen Überlegungen gehen von dem Faktum aus, dass die Sprache, die wir heute sprechen, samt der Zeichen, die wir heute benutzen, eine Episode im permanenten Prozess sprachlichen Wandels sind.4Keller
Platon stellte in seinem Kratylos-Dialog unter anderem die folgende Frage: „Wenn ich dieses Wort ausspreche“ und dabei „jenes denke“, wie ist es dann überhaupt möglich, „daß du erkennst, daß ich jenes denke“?5 Er formuliert damit ein zeichentheoretisches Grundproblem, das bis auf den heutigen Tag in verschiedenen Versionen diskutiert wird. Till EulenspiegelEulenspiegel formulierte es so: „Was Ihr denkt, das weiß ich nicht[…], wie kann einer des anderen Gedanken erraten! Aber was Ihr mir gesagt habt, das weiß ich.“6 In Ludwig WittgensteinsWittgensteinPhilosophischen Untersuchungen findet sich die folgende Version: „Wenn man aber sagt: ‚Wie soll ich wissen, was er meint, ich sehe ja nur seine Zeichen‘, so sage ich: ‚Wie soll er wissen, was er meint, er hat ja auch nur seine Zeichen.‘“7 Was Platon, Till EulenspiegelEulenspiegel und Wittgenstein mit unterschiedlicher Akzentuierung thematisieren, ist die Frage, vermöge welcher Eigenschaften Zeichen zu erkennen geben, welche kommunikative Absicht der Sprecher mit ihrer Verwendung zu realisieren beabsichtigt. Dies ist die zentrale Frage, die in diesem Buch erörtert wird. Das Leitmotiv, unter dem es geschrieben wurde, haben Raimo AnttilaAnttila und Sheila Embleton formuliert: „Change is the essence of meaningmeaning.“8 An anderer Stelle schreibt Anttila: „Only a full understanding of the notion ,linguistic sign‘ makes both change and reconstruction comprehensible and theoretically explainable.“9 Es ist meine Absicht, einen kohärenten zeichentheoretischen Entwurf vorzuschlagen, der in der Lage ist, einen Beitrag zum Verständnis der Dynamik und der EvolutionEvolution natürlicher Sprachen zu leisten. Dabei bin ich mir bewusst, dass die Chance, ein solches Ziel zu treffen, geringer ist, als es zu verfehlen.
„The recent history of semiotics has been one of simultaneous institutional success and intellectual bankruptcy“,10Sperber und Wilson schreiben Dan Sperber und Deirdre Wilson mit einem gewissen Mangel an Selbstkritik. Aber selbst wenn man den Bankrott nicht ganz so dramatisch sieht, muss man wohl zugestehen, dass die zeichentheoretischen Überlegungen für die Sprachwissenschaft (mit wenigen Ausnahmen11Grice) weitgehend folgenlos waren. „After the publication in 1957 of Noam Chomsky’s Syntactic Structures, linguistics took a new turn and did undergo remarkable developments; but these owed nothing to semiotics.“12 Nun könnte man argumentieren: Das liegt nicht an der Zeichentheorie, sondern am chomskyschen Paradigma. Zu welchem Urteil man auch immer kommen mag, die Konsequenzlosigkeit der Zeichentheorie scheint mir für jedes andere linguistische Paradigma in gleicher Weise zuzutreffen. Dafür gibt es meiner Ansicht nach zwei Gründe.
Zum einen ist die herrschende Metapher, in deren Licht KommunikationKommunikation gemeinhin gesehen wird, inadäquat. Das Problem des Kommunizierens wird als Transportproblem konzeptualisiert. Der in diesem Buch vorgetragenen Ansicht gemäß hat Kommunikation nichts mit dem Vorgang des Einpackens, Wegschickens und Wieder-Auspackens zu tun. Kommunizieren ist vielmehr ein inferentieller Prozess. Kommunizieren heißt versuchen, den Adressaten zu bestimmten Schlüssen zu bewegen. Demgemäß haben Zeichen nicht den Charakter von Versandkartons, sondern vielmehr den von Prämissen für interpretiereninterpretierendes Schließen.
Zum anderen werden sprachliche Zeichen als im Grunde stabile Einheiten gesehen, denen bisweilen das Missgeschick des Wandels widerfährt. Zeichentheorien befassen sich gemeinhin mit Fragen der Architektur von Zeichen: Wie sind sie gebaut? Wieviele Seiten haben sie? Welches sind ihre Teile? Wie lassen sie sich ihrem Aufbau gemäß klassifizieren? Solche zeichentheoretischen Fragen passen zu der vorchomskyschen Syntax, die sich im Wesentlichen mit der Architektur von Sätzen befasste. Die hier vorgeschlagene Zeichentheorie versucht, einen anderen Weg zu gehen. Ihr oberstes Ziel ist nicht, die Frage nach der Architektur von Zeichen zu beantworten, sondern die nach den Prinzipien ihrer Bildung. Antworten auf die Frage der Architektur ergeben sich dabei von selbst. Menschen verfügen über die Fähigkeit, Dinge (im weitesten Sinne) als Zeichen zu interpretieren. Sie sind in der Lage, aus ‚Dingen‘, die sie sinnlich wahrnehmen, interpretierende Schlüsse zu ziehen. Genau diese Fähigkeit beuten sie zum Zwecke des Kommunizierens aus. Kommunizieren besteht darin, sinnlich Wahrnehmbares zu tun bzw. hervorzubringen in der Absicht, einen anderen damit zu interpretierenden Schlüssen zu verleiten. Kommunizieren ist ein intelligentes Ratespiel.13García Die Fähigkeit, dem Adressaten Interpretationsvorlagen zu geben, die ihm das Erraten des Kommunikationsziels erlauben, möchte ich semiotische Kompetenz nennen. Das Wissen, das dieser Fähigkeit zugrunde liegt, sei semiotisches Wissensemiotisches Wissen genannt. Die hier vorgelegte Zeichentheorie ist konzipiert als eine Theorie unseres semiotischen Wissens. Semiotische Kompetenz und semiotisches Wissen sind der sprachlichen Kompetenz logisch vorgeordnet: Dank unserer Fähigkeit, Wahrnehmbares interpretativ zu nutzen, und dank der Fähigkeit, diese Fähigkeit wiederum zum Zwecke der KommunikationKommunikation auszubeuten, bilden sich sprachliche Zeichensysteme als spontane Ordnungen heraus. Etwas verkürzt kann man sagen: Sprachen entstehen durch die Nutzung semiotischen Wissens zum Zweck der Beeinflussung von Mitmenschen.
Das Buch besteht aus fünf Teilen mit insgesamt zwanzig Kapiteln. Im ersten Teil werden zwei prototypische Zeichenauffassungen einander gegenübergestellt. Jeweils am Beispiel eines klassischen und eines modernen Sprachphilosophen wird die instrumentalistische und die repräsentationistische Zeichenauffassung vorgestellt. Erstere wird durch PlatonPlaton und WittgensteinWittgenstein dokumentiert, letztere durch AristotelesAristoteles und FregeFrege. Der instrumentalistische Gedanke wird zur Grundlage der weiteren Überlegungen gewählt. Im zweiten Teil wird die BeziehungBeziehung von SemantikSemantik und Kognition angesprochen. Ich versuche zu zeigen, dass eine Identifikation der BedeutungBedeutung sprachlicher Zeichen mit den ihnen (möglicherweise) entsprechenden kognitiven Einheiten den in diesem Buch verfolgten Erklärungszielen inadäquat ist. Plakativ gesagt: Begriffe eignen sich nicht als Kandidaten für Bedeutungen. Der dritte Teil befasst sich mit den drei zeichenbildenden Verfahren, die den Kernbereich unserer semiotischen Kompetenz ausmachen: dem symptomischen, ikonischen und symbolischen Verfahren. Im vierten Teil versuche ich zu zeigen, dass diese drei grundlegenden zeichenbildenden Verfahren eine Art eingebaute Dynamik haben. Ein Verfahren kann von einem anderen abgelöst werden, ohne dass planende Absicht im Spiel ist. So können Symptome und Ikone zu Symbolen werden, und zwar ausschließlich durch die Art und Weise, in der sie zum Zwecke des Kommunizierens verwendet werden. Die drei gundlegenden zeichenbildenden Verfahren sind auf einer höheren Ebene erneut anwendbar. Wir nutzen sie, um Metonymien, Metaphern zu bilden, und um mittels Sprache über Sprache reden zu können. Im fünften Teil zeige ich an einigen Beispielen die Relevanz der dargelegten zeichentheoretischen Überlegungen im Rahmen erklärender Theorien des Sprachwandels.
Zeichentheoretische Schriften sind meist schwer zu verstehen. Es ist mein Wunsch, dass dies für den vorliegenden Text nicht gelten möge. Ich habe mich jedenfalls bemüht, so klar, unprätentiös und verständlich zu schreiben, wie es mir möglich ist. Um das Buch für die Leserin und den Leser und nicht zuletzt auch für den akademischen Unterricht benutzerfreundlich zu machen, habe ich versucht, jedes einzelne Kapitel so zu verfassen, dass es möglichst autonom ist. Jedes Kapitel sollte idealiter auch einzeln lesbar und aus sich selbst heraus verständlich sein. Ich hoffe, dass mir dies einigermaßen gelungen ist, wenngleich mir bewusst ist, dass dieses Ziel nur um den Preis unzumutbarer Redundanz wirklich konsequent durchführbar gewesen wäre. Insbesondere gilt für das zehnte Kapitel, dass es Voraussetzung für das Verständnis aller nachfolgenden Kapitel ist.
Vorfassungen des vorliegenden Textes wurden ganz oder teilweise gelesen und konstruktiver Kritik unterzogen von Raimo AnttilaAnttila, Axel Bühler, Sheila Embleton, Fritz Hermanns, Jochen Lechner und Frank LiedtkeLiedtke. Ihnen sei für ihre Hilfe sehr herzlich gedankt. Ständige Gesprächspartnerin in jeder Phase der Entstehung dieses Buches war mir Petra RadtkeRadtke. Ihre inhaltlichen wie sprachlichen Einflüsse, die in die vorliegende Fassung eingingen, sind so zahl- und umfangreich, dass es ein unmögliches Unterfangen wäre, sie im Einzelnen lokalisieren zu wollen. Sie wird das Maß des Dankes, das ich ihr schulde, selbst am besten einzuschätzen wissen. Nicole Schmitz hat mir bei der redaktionellen Überarbeitung und der Erstellung der Register sehr geholfen. Dafür sei auch ihr gedankt. Schließlich haben die Studierenden, Kollegen und Diskutantinnen, die Teile dieses Buches in Form von Vorlesungen und Vorträgen gehört haben, viel zum Entstehen beigetragen. Dankbar bin ich auch dem Verlag für die zuverlässige Betreuung und stets kooperative Unterstützung.
Zeichen bestimmen unser Leben. Dies gilt nicht nur für die sprachlichen Zeichen. Wir sind umgeben von Zeichen, wir umgeben uns mit Zeichen, und meist ist uns dies gar nicht bewusst. Bewusst wird uns die Tatsache, dass unser Leben nahezu vollständig zeichenimprägniert ist, oft erst dann, wenn die Zeichen, mit denen wir uns umgeben und die wir verwenden, Anlass zu unerwarteten Interpretationen sind. Mein Auto ist zeichenhaft, mein Fahrrad auch. Hätte ich kein Auto, wäre auch dies zeichenhaft. Austern essen ist ebenso zeichenhaft wie der Verzehr von Hamburgern. Wenn ich eine Krawatte trage, so ist dies zeichenhaft, ebenso wenn ich auf sie verzichte. Das gleiche gilt für die Cordhosen, die Jeans und meine Anzüge. Jemand könnte auf die Idee kommen zu sagen: „Ich habe es satt, dass alles stets interpretiert wird; ich mache nicht mehr mit!“ Auch für diese Haltung gibt es die geeignete Kleidung. Individualisten erkennt man, wie die Spießer, an ihren Zeichen. Es gibt kein Entrinnen aus der InterpretierbarkeitInterpretierbarkeit. Dies erinnert an den berühmt gewordenen Satz von WatzlawickWatzlawick, Beavin und Jackson: „Man kann nicht nicht kommunizierenkommunizieren.“1 Aber diese These soll hier nicht vertreten werden. Ihr liegt der, wie wir noch sehen werden, unangemessene Schluss zugrunde, dass alles, was interpretierbar ist, kommuniziert sein muss. Dem ist jedoch nicht so.
Bedeutsam ist in unserem Leben nicht nur wie etwas interpretiert wird, sondern auch das Was.KulturKulturen und Subkulturen unterscheiden sich im Ausmaß und in den Bereichen, die Gegenstand zeichenhafter Interpretation sind. Das Maß der ZeichenhaftigkeitZeichenhaftigkeit der verschiedenen Lebensbereiche einer Gruppe ist nachgerade das Maß der Zivilisiertheit, die dieser Gruppe zugebilligt wird. In je höherem Maß das Leben einer Gruppe „durchsemiotisiert“ ist, desto mehr Kultur (im umgangssprachlichen Sinne) schreiben wir ihr zu. Kultur besteht unter anderem darin, Dingen des täglichen Lebens Zeichenhaftigkeit beizumessen. „Culture depends on symbolic structure“, schreibt Raimo AnttilaAnttila. „Culture is learned sign behavior.“2 Es ist die Regelhaftigkeit, die Verhalten zeichenhaft zu machen im Stande ist – eine Tatsache, die uns noch ausgiebig beschäftigen wird. Wenn wir von „primitiven Kulturen“ reden, meinen wir Kulturen, deren Lebensformen mehr zeichenfreie Räume enthalten als die unsrigen oder deren Zeichenhaftigkeit wir nicht als zeichenhaft erkennen. Wenn wir in einer Kultur einen zeichenfreien Bereich entdecken, der in unserer Kultur zeichenhaft ist, so tendieren wir dazu, jene Kultur als in diesem Bereich „unzivilisiert“ zu bewerten. Betrachten wir ein einfaches Beispiel: Bei uns sind Körpergeräusche wie Schmatzen, Rülpsen oder noch Unanständigeres streng reglementiert. Wir bringen unseren Kindern mit einigem Aufwand bei, wo und wann man was tun darf und wann nicht; beispielsweise, dass man bei Tisch nicht schmatzt. Es gibt jedoch genau ein körperliches Geräusch, das zu allem Überfluss noch mit einer unappetitlichen Körperausscheidung verbunden ist, das hierzulande so gut wie nicht reglementiert ist: das Schneuzen. Die Nase darf man sich überall putzen und zu jeder Zeit: in der Straßenbahn, im Unterricht, sogar bei Tisch. Nicht so beispielsweise in Korea und anderswo in Ostasien. Dort ist es nachgerade der Gipfel an Barbarei, sich etwa bei Tisch Schleim aus den Nasenlöchern in ein Tuch zu pusten. Was hierzulande weitgehend unreglementiert ist, ist anderswo Gegenstand der Interpretation. Es gilt als unanständig, unzivilisiert und eklig. Regelungslücken erzeugen semiotische Löcher. Sie fallen meist nur denen auf, bei denen sie geschlossen sind.
Es scheint ein Kennzeichen sogenannter Hochkulturen zu sein, Wünsche und Bedürfnisse nicht (nur) real, sondern (auch und) vor allem symbolisch zu verarbeiten. Wer hierzulande Abenteuerlust verspürt, geht nicht in die Wildnis, sondern raucht Marlboro oder Camel und fährt mit dem allradgetriebenen Geländewagen ins Büro. Große Männer, und solche, die sich für wichtig halten, haben große Büros, große Schreibtische, große Sessel, und rauchen dicke Zigarren. Es handelt sich hierbei um die Symbolisierung sozialen Revieranspruchs. Natürlich ist das karikierend überzeichnet. Aber wahr daran ist: Wenn wir unsere Lebensform verstehenverstehen wollen, müssen wir sie in ihrer Zeichenhaftigkeit interpretiereninterpretieren. Wählen wir als Beispiel die Wohnung. Sie ist ein Teil unserer Lebensform, der weitgehend semiotisiert ist; insbesondere das Wohnzimmer. Alphons SilbermannSilbermann spricht von einem „Symbolmilieu“.3 Wir leben in einer KulturKultur, in der es üblich ist, Gäste bei sich zu Hause zu empfangen und zu bewirten. Dies hat unmittelbare Auswirkungen auf die Struktur unserer Wohnungen.4Kanacher Es folgt beispielsweise daraus, dass der „öffentliche“ Teil der Wohnung zur Selbstdarstellung genutzt wird. Öffentlich zugängliche Bereiche der Wohnung sind in erster Linie Flur und Wohnzimmer, in zweiter Linie Küche und Bad. Der Besucher soll von dem ihm zugänglichen Teil der Wohnung auf den Rest der Wohnung und letztlich auf die Persönlichkeit des Bewohners selbst schließen. Untersuchungen zeigen, dass diesen Bereichen die größte Sorgfalt und der größte finanzielle Aufwand bei der Einrichtung und Gestaltung gewidmet wird.5Tränkle Auch dies dient der Symbolisierung sozialen Revieranspruchs.
Betrachten wir für einen Augenblick das Wohnzimmer des deutschen Mittelstandes im Lichte seiner Zeichenhaftigkeit als Beispiel unserer Alltagssemiotik.
1. Ein Vergleich der Grundrisse handelsüblicher Fertighäuser macht folgendes deutlich: Während das Kinderzimmer im Durchschnitt 8 % der Gesamtfläche ausmacht, entfallen auf das Wohnzimmer durchschnittlich 30 % der Wohnfläche. Insgesamt gilt: Je größer die Gesamtfläche ist, desto geringer ist der prozentuale Anteil des Kinderzimmers; der Zuwachs geht stets zugunsten der Wohnzimmergröße.6 Das Wohnzimmer ist gleichsam die republikanische Weiterentwicklung des aristokratischen Salons des 18. und 19. Jahrhunderts. Es „erinnert“, wie MitscherlichMitscherlich feststellt, „an ein Fürstenzimmer ohne das Schloß im Hintergrund“.7Elias
2. Früher, etwa bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, gab es die sogenannte „gute Stube“. Das war ein Raum, der ausschließlich Repräsentationszwecken diente. Er wurde nur genutzt, um Besuch zu bewirten und zu besonderen familiären Anlässen. Der Tatsache, dass die gute Stube auch nur zu diesen Anlässen beheizt wurde, verdankte sie die ironische Bezeichnung „die kalte Pracht“.8 Das alltägliche Leben fand in der Küche statt. Unser heutiges Wohnzimmer hat beide Funktionen zu erfüllen. Es ist Repräsentationsraum und Hauptlebensraum. Damit aber sind Konflikte programmiert. Als Repräsentationsraum muss er stets „vorzeigbar“ sein, d.h. sauber und aufgeräumt, als Hauptlebensraum kann er das nicht sein. Das hat mindestens drei Konsequenzen, die jedem (mindestens vom Hörensagen) vertraut sind: a) Es gibt einen permanenten Konflikt mit den Kindern, die da spielen wollen, wo die Erwachsenen sich aufhalten, dies aber nur in bescheidenem Umfang dürfen, da das Wohnzimmer zu jeder Zeit Repräsentationszwecken dienlich sein muss. b) Die sogenannte Essecke des Wohnzimmers wird, um „unnötiges Durcheinander“ zu vermeiden, nur benutzt, wenn Gäste zu Besuch kommen. Ansonsten wird für die alltägliche Nahrungsaufnahme der Familienmitglieder in die zu kleine Küche ein kleiner Esstisch gezwängt. c) Fröhlichere Feste werden in den Partykeller, so vorhanden, ausgelagert, um die Repräsentativität des Wohnzimmers nicht zu gefährden.
3. Wohnzimmereinrichtungen zeigen, wie Untersuchungen belegen,9 ein überraschend hohes Maß an KonformitätKonformität, und zwar in zunehmendem Maße mit abnehmendem Sozialprestige ihrer Bewohner. Wohnzimmer der unteren Mittelschicht weisen ein höheres Maß an Konformität auf als Wohnzimmer der gehobenen Mittelschicht, und diese wiederum sind weniger individuell als Wohnzimmer der sozialen Oberschicht. Auch dies ist, wie wir gleich sehen werden, eine Folge ihres Zeichencharakters.
Das Wohnzimmer einer Familie der unteren Mittelschicht ist üblicherweise möbliert mit schweren Polstersitzmöbeln, bestehend aus einem dreisitzigen Sofa und zwei mächtigen Sesseln in überladenem Mischstil oder im sogenannten altdeutschen Stil. Ein Blick in die entsprechenden Werbebroschüren der Möbelhäuser zeigt, dass in den Beschreibungen der Abbildungen Adjektive wie schwer, repräsentativ, rustikal, massiv eine besondere Rolle spielen. Das Polsterensemble nennt man wie das obligatorische Petersiliensträußchen auf dem Tomatenachtel am Tellerrand eines Jägerschnitzels bezeichnenderweise „Garnitur“. Zu der Polstergarnitur kommt ein halbhoher Couchtisch, ein Wohnzimmerbüffet mit Glasvitrine für das Schaugeschirr oder, alternativ dazu, eine Schrankwand. Der dominierende Punkt, auf den die Einrichtung ausgerichtet ist, ist der Fernsehapparat. Der Tatsache, dass Wohnzimmer in früheren Zeiten (wie auch die Salons) stets zur Straßenseite lagen, ist wohl noch die vor allem in der unteren Mittelschicht ausgeprägte Vorliebe zu „Gardinenkult“ und überladener Fensterdekoration zu verdanken.10 Während in der unteren Mittelschicht Wertsymbole überwiegen, überschwere Sessel, Eichenholz usw., finden sich im Wohnzimmer der gehobenen Mittelschicht eher Bildungssymbole: Bücherregale, Kunstdrucke, Antiquitäten und Musikinstrumente.11 Die Möbel sind im Allgemeinen leichter. Kehren wir zurück zu der Frage, wie es zu dem hohen Maß an Konformität kommt, obgleich sich die Bewohner bei Befragungen allgemein zu einer Hochschätzung von Individualismus und Originalität bekennen.12 Die Antwort folgt aus dem Repräsentationscharakter des Wohnzimmers. RepräsentationRepräsentation (im hier relevanten Sinne) ist die Darstellung von Werten, die man hat oder gerne beanspruchen würde, mit Hilfe von Symbolen. Ein Zimmer, das eine Person bzw. eine Familie repräsentieren soll, muss also die Werte, auf die es ankommt, das sind im wesentlichen Wohlstand, Sozialprestige und Bildung, symbolisch ausdrücken. Der Erfolg der Repräsentation ist davon abhängig, dass die verwendeten Symbole verstanden werden, d.h. die intendierte Wertschätzung finden. Somit muss sich jeder, der seine Werte auf verständliche Weise symbolisch darstellen will, nach den Interpretationsmöglichkeiten und antizipierten Werturteilen seiner Adressaten richten. Das Streben nach Verständigung führt zu Homogenität der Mittel in der entsprechenden Gruppe.
Je höher die soziale Schicht, desto subtiler und versteckter werden (hierzulande) die Symbole der Selbstdarstellung. Das liegt zum einen am umfassenderen Bereich der zu repräsentierenden Werte, zum zweiten an der größeren Interpretationsfähigkeit der Adressaten und zum dritten an unserer Ethik der Bescheidenheit.13 Der Gebildete ist gerne wohlhabend, aber er verachtet den, der es zu offen zeigt. Sich die Schneidezähne vergolden zu lassen, gilt als unfein. Das Bescheidenheitsgebot führt zu einem Paradox der Selbstdarstellung der Art: „Ich bin wohlhabend und gebildet; das soll jeder wissen, aber ich darf es nicht zeigen.“ Diese Situation führt notwendigerweise zu einer Selbstdarstellung nach der MaximeMaxime: „Gib dem andern zu erkennen, was du hast und was du bist, und zwar so, dass er nicht erkennt, dass du beabsichtigst, ihm dies erkennen zu geben.“ Die vollkommene Kunst der Selbstdarstellung besteht gemäß dieser Maxime darin, dem andern erkennen zu geben, dass man so wohlhabend und gebildet ist, dass man es nicht nötig hat, dies dem andern zu zeigen. Dies ist das Ziel der StrategieStrategie des sogenannten „Understatement“. Das angemessene Mittel, diesen Effekt zu erreichen, besteht darin, Symbole zu verwenden, deren Entschlüsselung Kennerschaft voraussetzt: Kunst, Exotik, Antiquitäten, Designermöbel, Teppiche usw. Sie sind von hoher Zielgenauigkeit; denn nur diejenigen, die auch Ziel der Botschaft sind, sind in der Lage, die Zeichen zu interpretiereninterpretieren. Da aber auch das Understatement darauf angewiesen ist, verstanden zu werden, entstehen auch hier Konventionen seiner Symbolik, die den Bereich der theoretischen Möglichkeiten auf ein überschaubares Repertoire der faktisch genutzten reduziert.
4. Betrachten wir zum Abschluss des Exkurses über das Wohnzimmer noch einen Aspekt, der ebenfalls eine Folge seiner Zeichenhaftigkeit sein dürfte, seine Kommunikationsfeindlichkeit. Jeder hat es schon erlebt: Nach dem Essen hebt die Gastgeberin oder der Gastgeber die Tafel auf mit den Worten: „Kommt, wir setzen uns noch ein bisschen gemütlich ins Wohnzimmer.“ Dies ist das sichere Ende der Gemütlichkeit und/oder der angeregten Gespräche. Die Gäste sitzen weit auseinander in tiefen, weichen Sesseln bei gedämpfter Beleuchtung. Drei davon sitzen, wie die Hühner, nebeneinander auf der Couch, einem "Dreisitzer". Sie haben nun die Wahl zwischen zwei Optionen: Entweder sie nehmen die Körperhaltung ein, die von den Sitzmöbeln vorgesehen und vorgegeben ist: tief in den Polstern sitzend mit behaglich zurückgelehntem Oberkörper. Das ist genau die Haltung, mit der man das Gegenteil von Zuwendung und Gesprächsbereitschaft signalisiert. In dieser Haltung ist ein lebendiges Gespräch so gut wie unmöglich. Die andere Möglichkeit ist, dass das Kommunikationsbedürfnis über das Verhaltensangebot der Polstermöbel siegt. In diesem Falle sitzen die Gäste auf der vorderen Kante der für diese Haltung zu weichen Sitzposter mit auf den Knien aufgestützten Ellenbogen. Am härtesten trifft es dabei die drei auf der Couch: Die mittlere Person beugt sich zurück, um den beiden äußeren, schräg auf der Kante sitzenden Personen den Blickkontakt zu gewähren. Die zweite Option erlaubt es, unter erheblichen körperlichen Opfern, gleichsam den Möbeln zum Trotz, die KommunikationKommunikation aufrecht zu erhalten.
Das Fazit lautet: Unsere Wohnzimmer sind dazu da, Wohlstand, Sozialprestige und Bildung zu symbolisieren. Ihre Größe, der Ausstattungsaufwand sowie das hohe Maß an KonformitätKonformität sind eine Folge der ZeichenhaftigkeitZeichenhaftigkeit. Die Sitzmöbel sind Zeichen der Muße. Für angeregte Gespräche sind sie nicht gemacht. So gesehen ist es nur konsequent, dass die Gäste einer Party im Allgemeinen der Küche, auch wenn sie noch so klein ist, als Aufenthaltsraum den Vorzug geben.
Was haben Wohnzimmermöbel mit sprachlichen Zeichen gemein? Beides sind Mittel der Beeinflussung. Wir nutzen sie in der AbsichtAbsicht,dem anderen damit etwas zu erkennen zu geben. Dies ist die wesentliche Eigenschaft kommunikativ genutzter Zeichen. Von nun an werden wir uns im Wesentlichen mit sprachlichen Zeichen und den Formen ihrer Genese befassen. Beginnen werden wir mit der ersten überlieferten Zeichentheorie, die, im Gegensatz zu Sprachursprungsmythen, wissenschaftlichen Anspruch erheben darf, Platons Kratylos.
Symbole gibt es nicht von Natur aus. Sie werden gemacht; oder vielleicht unverfänglicher ausgedrückt: sie entstehen. „Symbols grow“, schrieb der amerikanische Philosoph und Zeichentheoretiker Charles SandersSandersPeircePeirce.1 Das Wort growth hatte in den Sozial- und Kulturwissenschaften des 19. Jahrhunderts, ebenso wie das Wort Wachsthum in der Linguistik, eine besondere BedeutungBedeutung, nämlich die, die wir ihm auch heute noch beilegen, wenn wir etwa von einer Stadt sagen, sie sei „organisch gewachsen“, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass sie nicht „künstlichkünstlich am Reißbrett“ entstanden ist. Es handelt sich dabei um eine der im 19. Jahrhundert so beliebten organizistischen Metaphern, die, solange sie nicht aufgelöst ist, wenig besagt. Eines der Ziele dieser Arbeit ist es, diese Metapher aufzulösen. Die WachstumWachstumsmetapher weist jedoch korrekterweise darauf hin, dass Symbole normalerweise nicht willentlich und planvoll von Menschen erfunden werden und dass ihr Entstehen prozesshaft ist. Das gilt für sogenannte Statussymbole, wie die in Kapitel 2 betrachteten, ebenso wie für sprachliche Symbole. Natürlich gibt es auch künstlich und willentlich entworfene Symbole, wie etwa Firmenlogos oder durch definitorische Akte hervorgebrachte wissenschaftliche Termini. Aber die sind genau aus diesem Grunde zeichentheoretisch relativ uninteressant. Dass die Geschichte einer Sprache mit einer Phase der „Urschöpfung“ begonnen habe – dem dann typischerweise die des „Verfalls“ folgt – ist ist einer der hilflosen Mythen unserer Wissenschaft.2 Letzte Reste des linguistischen Schöpfungsmythos sind auch heute noch zu finden. So schreibt Johannes ErbenErben: „Für eine entwickelte Kultur- und Literatursprache wie das Deutsche oder Englische ist natürlich die Anfangsphase der Wortschöpfung, der erstmaligen Zuordnung völlig neuer Lautformen zu bestimmten Inhalten und der KonventionalisierungKonventionalisierung als Sprachzeichen, die verständlich und reproduzierbar sind, längst vorbei.“3 Ob man daraus schließen darf, dass in weniger entwickelten Sprachen diese Phase noch in vollem Gange ist? Wenn wir das Wesen unserer Zeichen und, was eng damit zusammenhängt, die Prinzipien ihrer VerwendungVerwendung verstehen wollen, müssen wir versuchen zu explizieren, wie Symbole entstehen, wie Zeichen „wachsen“. Die Frage, wie die Zeichen der Sprache entstehen oder entstanden sind, hat die Menschen offenbar schon immer beschäftigt. Es gibt kaum einen Schöpfungsmythos, der nicht auch Aussagen darüber enthält, wie der Mensch zu seiner Sprache gekommen ist.4Peters Die früheste uns erhaltene wissenschaftlich-philosophische Schrift zu der Frage nach dem Wesen der Zeichen ist Platons Dialog „Kratylos“, vermutlich aus dem Jahre 388 v. Chr. Ich möchte auf diese Schrift näher eingehen, und zwar nicht wegen ihres einzigartigen philosophiegeschichtlichen Ranges und ihres eminenten Einflusses auf die Sprachphilosophie bis in unsere Tage. Beides ist schon mehrfach in hinreichendem Maße und von kompetenter Seite dargestellt und gewürdigt worden.5SteinthalGadamerDerbolavItkonen Das Motiv, Platons „Kratylos“ eingehender zu untersuchen, liegt vielmehr in seiner Aktualität. Die meisten der zeichentheoretischen Fragen, die heute in Diskussion sind, werden in Platons Schrift bereits angesprochen. Meine Absicht ist also nicht, PlatonPlaton philosophiehistorisch gerecht zu werden, hingegen will ich versuchen, „Kratylos“ sozusagen mit heutigen Augen zu lesen, die zentralen Argumentationen des Dialogs darzustellen, und auf der Basis heutigen Wissens zu bewerten.6
In dem Dialog diskutieren Hermogenes, Kratylos und Sokrates das Problem, ob die Bedeutung eines Zeichens von der Natur dessen, was es bezeichnetbezeichnen, bestimmt wird oder ob die Bedeutung auf KonventionKonvention beruht. In moderner Terminologie könnte man sagen: Der Dialog hat die Frage zum Gegenstand, ob die Zeichen einer Sprache arbiträrarbiträr sind (nomo) oder ob sie den Dingen, die sie benennen, zu entsprechen haben (physei ).7 Kratylos vertritt die These, „jegliches Ding habe seine von Natur ihm zukommende richtige Benennung; […] es gebe eine natürliche Richtigkeit der Wörter, für Hellenen und Barbaren insgesamt die nämliche.“ (383 b) Hermogenes hat die Rolle des Opponenten. Ihm fällt die Aufgabe zu, die ArbitraritätArbitraritätsthese zu vertreten: „Ich meines Teils, Sokrates, habe schon oft mit diesem und vielen andern darüber gesprochen, und kann mich nicht überzeugen, daß es eine andere Richtigkeit der Worte gibt, als die sich auf Vertrag und ÜbereinkunftÜbereinkunft gründet.“ (384 d) Sokrates schließlich ist der scharfsinnige Dialogpartner, der, vor allem im Gespräch mit Hermogenes, versucht, diesen aufs Glatteis zu führen und auf diese Weise dessen These auf ihre Haltbarkeit hin zu prüfen. Wohlgemerkt, die Diskussion hat nicht die Frage zum Gegenstand, ob der Mensch seine Sprache von Natur aus hat bzw. ob die Zeichen ihre BedeutungBedeutung von Natur aus haben oder ob sie ihnen von Menschen beigelegt wurde. Dass die Benennungen der Dinge von Menschen gemacht sind, genauer gesagt vom Wortbildner (nomothetes), ist unstrittig. Es geht vielmehr um die Frage, ob es sinnvoll ist, in bezug auf die Benennung eines Dings richtige Benennung von falscher Benennung zu unterscheiden. Kratylos vertritt die These „Ja, es ist sinnvoll“, Hermogenes vertritt die These „Nein, es ist nicht sinnvoll“. Das Gespräch verläuft in zwei Argumentationssequenzen, einem destruktiven und einem konstruktiven Teil. Im ersten Teil versucht Sokrates, die These der BeliebigkeitBeliebigkeit sprachlicher Zeichen zu destruieren; im zweiten Teil versucht er zu erläutern, worin die „Richtigkeit“ der Wörter zu suchen ist. Das Ganze hat einen versöhnlichen Ausgang. Den ersten Teil des Schlagabtauschs können wir wiederum in drei Runden einteilen. Betrachten wir nun die Argumente im Detail.
Die Beispiele, die für die These des Kratylos angeführt werden, geben einen ersten Hinweis, wie die These der Richtigkeit der Benennung gemeint sein könnte: „Ich frage ihn also“, berichtet Hermogenes dem Sokrates, „ob denn Kratylos in Wahrheit sein NameName ist, und er gesteht zu, ihm gehöre dieser Name. – Und dem Sokrates? fragte ich weiter. – Sokrates, antwortete er. – Haben nun nicht auch alle andern Menschen jeder wirklich den Namen, mit dem wir jeden rufen? – Wenigstens der deinige, sagte er, ist nicht Hermogenes, und wenn dich auch alle Menschen so rufen.“ (383 b) Wie kann Kratylos auf die Idee kommen, dass Hermogenes in Wahrheit nicht der Name des Hermogenes ist, obwohl ihn alle so nennen? (Sokrates vermutet, „daß er spöttelt“. (348 c)) Das zugrundeliegende Argument ist die etymologische Analyse: Hermo-genes ist nicht der von Hermes Abstammende!
Hermogenes seinerseits fügt seiner Konventionalitäts- und Arbitraritätsthese eine Erläuterung hinzu, die sich für seine Argumentation als verhängnisvoll erweisen wird: „Denn mich dünkt, welchen Namen jemand einem Ding beilegt, der ist auch der rechte, und wenn man wieder einen andern an die Stelle setzt und jenen nicht mehr gebraucht, so ist der letzte nicht minder richtig als der zuerst beigelegte, wie wir unsern Knechten andere Namen geben.“ (384 d) Hermogenes schießt mit dieser radikalen Beliebigkeitsannahme bei weitem über sein Argumentationsziel hinaus. Seine eigentliche These, „kein Name irgendeines Dinges gehört ihm von Natur, sondern durch Anordnung und GewohnheitGewohnheit derer, welche die Wörter zur Gewohnheit machen und gebrauchen“ (348 e), impliziert natürlich nicht die Annahme, dass ein Individuum nach eigenem Gutdünken, Benennungen verändern kann, so wie man damals offenbar nach Belieben die Namen der Knechte ändern konnte. Sokrates lässt sich diese Chance nicht entgehen und hakt sofort nach. „Wie nun, wenn ich irgendein Ding benenne, wie, was wir jetzt Mensch nennen, wenn ich das Pferd rufe und was jetzt Pferd, Mensch: dann wird dasselbe Ding öffentlich und allgemein Mensch heißen, bei mir besonders aber Pferd, und das andere wiederum bei mir besonders Mensch, öffentlich aber Pferd? Meinst du es so?“ (385 a) Und Hermogenes fällt darauf rein: „So dünkt es mich.“ (385 b)
Die erste Runde endet offenbar mit einem Punktverlust für Hermogenes. Seine These, der Name komme einem Ding durch die KonventionKonvention des Gebrauchs zu, sodass sich die Frage der Richtigkeit der Benennung nicht stelle, ist, mit einigem Wohlwollen interpretiert, korrekt. Das Wohlwollen ist notwendig, weil eine Sprache nicht einfach als ein System von Benennungen von sprachunabhängig gegebenen Dingen angesehen werden kann. Viele Kategorien werden durch die jeweilige Sprache erst geschaffen und nicht einfach benannt; außerdem ist das Benennen nicht die einzige HandlungHandlung, die wir mit Wörtern ausführen. Das wollen wir ihm hier aber nicht vorwerfen, da die Unterstellung einer realistischen Sprachkonzeption unter den drei Diskussionsteilnehmern wohl unstrittig ist. Irreführend ist Hermogenes’ Unterstellung, Wörter verhielten sich zu ihren Referenzobjekten wie EigennameEigennamen zu ihren Trägern; als sei der Personenname sozusagen der prototypische Fall referierender Ausdrücke.8BeziehungGadamer Diese überbewertende Generalisierung der Eigennamenrelation hängt wohl damit zusammen, dass der Eigenname einer der seltenen Fälle ist, wo der Mensch willentliche und bewusste Akte der ReferenzfixierungReferenzfixierung vornehmen kann, zum Beispiel durch die Taufe. In Wahrheit ist aber der Eigenname ein Sonderfall, der nicht als Analogieargument für den Normalfall herangezogen werden kann. Dies verkennt Hermogenes und lässt sich dazu verleiten, von der ArbitraritätArbitrarität der Konvention auf die Möglichkeit idiosynkratischer Beliebigkeit der Benennung durch einzelne Individuen zu schließen. Dieser Schluss ist ungültig. Dies wird noch in Kapitel 12 deutlich werden, wo der Begriff der Arbitrarität in seinem Bezug zu dem der Konventionalität und der Regelhaftigkeit erörtert wird. Ferdinand de SaussureSaussure sieht sich noch gute 2000 Jahre nach PlatonPlaton veranlasst, vor der Fehlannahme der radikalen idiosynkratischen Beliebigkeit zu warnen: „Das Wort ‚beliebig‘ erfordert hierbei eine Bemerkung. Es soll nicht die Vorstellung erwecken, als ob die Bezeichnung von der freien Wahl der sprechenden Person abhinge.“9
Das zweite Argument, mit dem Sokrates Hermogenes aufs Glatteis zu führen versucht, hat folgende Struktur: Sokrates bietet Hermogenes vier Prämissen an, denen dieser auch zustimmt. Aus diesen Prämissen zieht Sokrates sodann den folgenden gültigen Schluss: Es gibt eine den Dingen gemäße Richtigkeit der Bezeichnungen. Die Prämissen sind (385 b–c):
Eine Rede kann wahr oder falsch sein.
Jede Rede besteht aus Teilen.
Wenn eine Rede als ganze wahr sein soll, müssen auch alle ihre Teile wahr sein.
Das Wort ist der kleinste Teil der Rede.
Daraus folgt:
Das Wort einer wahren Rede ist ein wahres Wort.
Daraus folgt außerdem: Es muss auch falsche Bezeichnungen geben können. Hermogenes gibt sich zunächst geschlagen: „Wie anders!“ (385 d), aber überzeugt ist er nicht. Er versucht mit einem Evidenzargument zu parieren: „Und so sehe ich auch, daß für dieselbe Sache bisweilen einzelne Städte ihr eigenes eingeführtes Wort haben und Hellenen ein anderes als andere Hellenen, und Hellenen auch wiederum andere als Barbaren.“ (385 e) Auch dieses Argument wird noch von de SaussureSaussure zur Stützung seiner These der BeliebigkeitBeliebigkeit des Zeichens bemüht: „Das beweisen die Verschiedenheiten unter den Sprachen und schon das Vorhandensein verschiedener Sprachen: das Bezeichnete ‚Ochs‘ hat auf dieser Seite der Grenze als Bezeichnung o-k-s, auf jener Seite b-ö-f (breuf).“10 Nun folgt natürlich, wenn man es genau nimmt, aus der Arbitrarität weder die Verschiedenheit (denn alle Hellenen und Barbaren könnten ein und derselben Konvention folgen), noch folgt aus der Verschiedenheit der Bezeichnungen deren Arbitrarität (denn Verschiedenheit könnte anders verursacht sein). Aber in der Tat legt Verschiedenheit die Annahme der Konventionalität und somit der Arbitrarität nahe.
Das Argument des Sokrates enthält zwei entscheidende Fehler: Erstens ist es eine Äquivokation, von der Frage der Richtigkeit oder Falschheit der Benennung stillschweigend überzugehen zu der Frage der Wahrheit oder Falschheit einer Aussage. Richtigkeit ist nicht dasselbe wie Wahrheit. Die Prädikate richtig und falsch dienen nicht dazu, Propositionen Wahrheitswerte zuzuschreiben, sondern dazu, Handlungen bezüglich ihrer Korrektheit zu beurteilen. Die Frage, ob Zeichen arbiträrarbiträr sind, ist unabhängig von der Frage, ob Aussagen wahrheitswertdefinit sind. Zweitens enthält die Prämisse 3 einen Irrtum: Es ist ein Fehlschluss, von der (korrekten) These, dass Aussagen wahrheitswertdefinit sind, überzugehen zu der (inkorrekten) These, dass auch alle ihre Teile wahrheitswertdefinit sein müssen. Sokrates nimmt offenbar einen HomomorphismusHomomorphismus in der Sprache an, der bis hinunter zur Ebene der Wörter reicht. Das Prinzip des Homomorphismus der AbbildAbbildung, es wurde erstmals von dem Physiker Heinrich HertzHertz formuliert,11Beeh besagt, dass ein Teil einer Abbildung stets die Abbildung eines Teils ist. Dieses Prinzip gilt für jede Abbildung und für einige Fälle sprachlicher Abbildungen. So ist ein Teil einer Fotografie eines Hauses stets eine Fotografie eines Teils eines Hauses, und ein Teil einer Beschreibung eines Abendessens ist stets die Beschreibung eines Teils eines Abendessens. Dieses Prinzip hat jedoch nach unten hin eine Grenze der Gültigkeit. Wo genau sie sich in der Sprache befindet, darüber streiten sich bis heute die Sprachphilosophen.12 Ein Teil einer wahren Beschreibung ist die wahre Beschreibung eines Teils; das gilt nur bis zu der Ebene wahrheitswertdefiniter Einheiten, und das sind Aussagen oder Propositionen. „Das Prinzip von Hertz wird nicht nur in der Sprache nach unten ungültig, sondern auch z.B. bei Photographien. Wörter entsprechen Rasterpunkten (oder dem Korn). Rasterpunkte sind keine Bilder, sondern leiten ihre BeziehungBeziehung zum Original aus dem Zusammenhang im Bild ab. Sie sind ebenfalls arbiträr.“13 Sokrates versucht, das Prinzip des Homomorphismus bis hinunter auf die Ebene der Wörter (und, wie wir gleich sehen werden, auf die Ebene der Laute) zu führen. Diesen Fehler hat bereits Platons Schüler AristotelesAristoteles in seiner Schrift „Peri Hermeneias“14, allerdings ohne PlatonPlaton beim Namen zu nennen, in angemessener Weise aufgedeckt:
Wie aber die Gedanken in der Seele bald auftreten, ohne wahr oder falsch zu sein, bald so, daß sie notwendig eins von beiden sind, so geschieht es auch in der Rede. Denn Falschheit und Wahrheit ist an Verbindung und Trennung der Vorstellungen geknüpft. Die Nomina und Verba für sich allein gleichen nun dem Gedanken ohne Verbindung und Trennung, wie z.B. das Wort Mensch oder weiß, wenn man sonst nichts hinzusetzt: Hier gibt es noch nicht Irrtum und Wahrheit. Dafür haben wir einen Anhaltspunkt z.B. an dem Wort Tragelaphos (Bockhirsch): es bedeutet zwar etwas, aber doch nichts Wahres oder Falsches, so lange man nicht hinzusetzt, daß das Ding ist oder nicht ist, schlechthin oder zu einer bestimmten Zeit.15 (16 a)
Auch in der zweiten Runde ist Hermogenes argumentativ unterlegen. Er vertritt zwar eindeutig die plausiblere These, nämlich die Arbitraritätsthese, ist aber den fintenreichen Argumenten des Sokrates nicht gewachsen. Insbesondere erweist sich seine Zustimmung zu Prämisse 3, dem unterstellten Homomorphismus von Rede und Redeteil, als verhängnisvoll. Sokrates spielt nun eine Serie von Argumenten aus, die auf dem Gedanken des Werkzeugcharakters der Wörter aufbauen.
So wie die Dinge „ihr eigenes WesenWesen haben“ (386 e) und nicht jeweils so sind, wie sie dem einen oder anderen erscheinen mögen, argumentiert Sokrates, so haben auch HandlungHandlungen ihre ihnen eigene Natur (387 a). Das heißt, Handlungen kann man richtig oder falsch ausführen. Nun ist auch das Reden eine Handlung; und das Benennen ist ein Teil des Redens. „Also ist auch das Benennen eine Handlung.“ (387 c) Daraus folgt: Man kann nicht einfach nach eigenem Gutdünken benennen, „wie wir etwa jedesmal möchten“ (387 d), sondern es gibt eine Richtigkeit des Benennens, „wie es in der Natur des Benennens und Benanntwerdens der Dinge liegt“. (387 d) Hermogenes pflichtet bei: „Offenbar.“
Auf der korrekten These, dass das Benennen eine Handlung ist, für deren Ausführung es ein Richtig und Falsch gibt, baut Sokrates nun seine Gegenargumente auf. Um eine handwerkliche Tätigkeit korrekt ausüben zu können, bedarf es des geeigneten Werkzeugs: Zum Weben dient uns die Weberlade, zum Bohren der Bohrer; und was dient uns zum Benennen? Hermogenes: „Das Wort.“ „Richtig“, sagt Sokrates, „ein WerkzeugWerkzeug ist also auch das Wort.“ (388 a) Er erläutert auch sogleich, zu welcher Tätigkeit das Wort als Werkzeug dient: Wir lehren „einander etwas und sondern die Gegenstände voneinander, je nachdem sie beschaffen sind“. (388 b) Das Wort dient also zum Belehren, zum Sondern und natürlich zum Benennen. Damit hat Sokrates die drei wesentlichen Funktionen der Sprache auf den Punkt gebracht: KommunikationKommunikation, KlassifikationKlassifikation und RepräsentationRepräsentation. Dies sind in der Tat genau die drei Aspekte, die wir im Auge behalten müssen, wenn wir das Funktionieren unserer Sprache und der Zeichen verstehen wollen. Sokrates überzieht allerdings den Werkzeuggedanken, wie wir gleich sehen werden. Er nimmt die Metapher wörtlich, und zwar in drei eng aufeinander bezogenen Argumentationsschritten, und kommt so zu falschen Folgerungen. Die drei Schritte sind:
1. Nicht jeder beliebige, sagt Sokrates, ist in der Lage, eine Weberlade oder einen Bohrer herzustellen. Es bedarf eines Spezialisten, der sich auf die Kunst der Herstellung dieser Werkzeuge versteht. Da dies für alle Werkzeuge gilt, muss es auch für das Wort gelten. „Also, o Hermogenes, kommt es nicht jedem zu, Worte einzuführen, sondern nur einem besonderen Wortbildner. Und dieser ist, wie es scheint, der Gesetzgeber, von allen Künstlern unter den Menschen der seltenste.“ (389 a)
2. Jedes Werkzeug hat einen bestimmten Zweck zu erfüllen. Es muss folglich so beschaffen sein, dass es seinen Zweck zu erfüllen im Stande ist. So fordert jede Art von Gewebe ihre eigene Weberlade. Also muss auch der Wortbildner jedem Ding den ihm adäquaten Namen „in Tönen und Silben niederzulegen“ (389 d) wissen. Natürlich ist auch Platons Sokrates nicht entgangen, dass es verschiedene Sprachen gibt. Auch dafür hat er eine passende Theorie, die zugleich eine Antwort auf Hermogenes’ oben erwähntes Evidenzargument darstellt: So wie auch nicht jeder Schmied für ein Werkzeug dasselbe Eisen nimmt, so nimmt auch nicht jeder Wortbildner überall dieselben Silben. „Solange er nur die Idee des Wortes, wie sie jedem insbesondere zukommt, wiedergibt, in was für Silben es auch sei“ (390 a), so muss ein Wortbildner der Barbaren kein schlechterer sein als einer der Hellenen.
3. Und wer ist am besten in der Lage zu beurteilen, ob ein Werkzeug gut gefertigt ist, fragt Sokrates. Natürlich derjenige, der damit umgehen muss. Der Weber kann am besten die Qualität einer Weberlade ermessen. Das Werk des Wortbildners und Gesetzgebers kann am besten der Dialektiker beurteilen. Das ist derjenige, „der zu fragen und zu antworten versteht“. (390 c)
Das Fazit aus all den Argumenten des Sokrates lautet: „Kratylos hat recht, wenn er sagt, die Benennungen kämen den Dingen von Natur zu, und nicht jeder sei ein Meister im Wortbilden, sondern nur der, welcher, auf die einem Jeden von Natur eigene Benennung achtend, ihre Art und Eigenschaft in die Buchstaben und Silben hineinzulegen versucht.“ (390 e)
Worin besteht der Irrtum? Sokrates begeht zwei Fehlschlüsse. Den einen möchte ich den instrumentalistischen Fehlschluss nennen, den anderen den rationalistischen Fehlschluss. Der instrumentalistische Fehlschlussinstrumentalistische Fehlschluss ist im Zusammenhang unserer Argumentation der wichtigere; geistesgeschichtlich betrachtet sollte sich jedoch der rationalistische Fehlschlussrationalistischer Fehlschluss als verhängnisvoller erweisen.16Hayek Betrachten wir sie kurz der Reihe nach.
Der instrumentalistische Fehlschluss lautet: Alle Werkzeuge sind aufgrund ihrer spezifischen Beschaffenheit für ihren Zweck geeignet. Ihre spezifische Beschaffenheit wird diktiert von dem Zweck, den sie zu erfüllen haben. (Nur die jeweiligen Spezialisten können gute Werkzeuge herstellen bzw. deren Güte beurteilen.) Wörter sind Werkzeuge. Somit gilt all dies auch für Wörter.
Da dieser Schluss formal gültig ist, muss am Inhalt der Prämissen etwas nicht in Ordnung sein. Wir haben zwei Optionen, den Fehlschluss zu vermeiden. Wir können entweder sagen: „Wörter sind keine Werkzeuge.“ Oder wir sagen: „Nicht alle Werkzeuge haben eine von ihrem spezifischen Zweck diktierte Beschaffenheit.“ Die Bedeutung des Wortes Werkzeug scheint mir nicht so eindeutig festgelegt zu sein, dass wir zu der einen oder anderen Option gezwungen wären. Wir haben die Wahl zwischen zwei Auswegen, die beide vertretbar zu sein scheinen. Der erste Ausweg besteht in der Annahme, „Wörter sind nur im metaphorischen Sinne Werkzeuge, und der Aspekt der Zweckadäquanz ihrer Beschaffenheit ist von der Metapher nicht abgedeckt“. (Es gehört ja, wie wir noch sehen werden, nachgerade zum Wesen einer Metapher, dass sie nicht in allen Aspekten zutrifft.) Der zweite Ausweg ist: „Es gibt Werkzeuge, die ihren Zweck allein dank ihres konventionellen Gebrauchs zu erfüllen im Stande sind, und dazu gehören die Wörter – ebenso wie beispielsweise Spielkarten oder Geld.“ Einem Tausendmarkschein muss nichts Bovines anhaften, um zum Kauf einer Kuh geeignet zu sein. Wörter sind zwar keine prototypischen Werkzeuge, aber sie sind Werkzeuge, die dazu da sind, bestimmte Wirkungen beim Adressaten hervorzurufen. Ich werde in Kapitel 12 noch ausführlich auf den Zusammenhang von Werkzeughaftigkeit, ArbitraritätArbitrarität und Konventionalität zu sprechen kommen.
Der rationalistische Fehlschlussrationalistischer Fehlschluss besteht in der Annahme, dass alle zweckmäßigen Einrichtungen der Menschen, die nicht von Natur aus da sind, Ergebnisse kluger Planung und weiser Durchführung sind. Kluge Einrichtungen müssen von klugen Menschen erfunden worden sein; wo sonst sollten sie herkommen? Es wird nicht das spontane Entstehen „weiser“ und nützlicher soziokultureller Einrichtungen in Rechnung gestellt. „Der Mensch bildet sich ein, viel gescheiter zu sein, als er ist.“17Riedl Dies war eines der Leitmotive des sozialphilosophischen Denkens von Friedrich August von HayekHayek. Sokrates’ kluger Wortbildner, „von allen Künstlern unter den Menschen der seltenste“ (389 a) – denn er wurde offenbar noch von niemandem gesichtet –, ist ein geistiges Produkt dieser Überschätzung der Vernunft.18 In Wahrheit sind die Wörter (mit wenigen Ausnahmen) nicht Schöpfungen begnadeter Künstler, sondern unbeabsichtigte Nebeneffekte des alltäglichen Kommunizierens ganz normaler Menschen. Sie sind Ergebnisse von Prozessen kultureller EvolutionEvolution, denen wir in den folgenden Kapiteln versuchen wollen, auf die Spur zu kommen. So viel zunächst zu den beiden Fehlschlüssen. Kehren wir nun zurück zu dem Dialog. Hermogenes ist von Sokrates’ Argumenten verunsichert, aber überzeugt ist er immer noch nicht. „Ich weiß freilich nicht, Sokrates, wie ich dem, was du sagst, widersprechen soll. Es mag aber wohl nicht leicht sein, auf diese Art so schnell überzeugt zu werden“ (391 a), sagt Hermogenes und fordert Sokrates auf, nicht nur dafür zu argumentieren, dass es eine Richtigkeit der Benennung gibt, sondern ihm zu zeigen, worin diese Richtigkeit besteht. Damit beginnt die zweite, diekonstruktive Argumentationssequenz des Dialogs.
Sokrates gibt sich Mühe, dem Wunsch nach positiven Argumenten für die These der natürlichen Richtigkeit der Benennung zu liefern. Aber er ist sich der Dürftigkeit seiner Argumente durchaus bewusst. Da dieser Teil des Dialogs aus heutiger Sicht zeichentheoretisch weniger ergiebig ist, will ich mich kurz fassen.
Sokrates unterscheidet abgeleitete Wörter von Stammwörtern. Er zeigt zunächst am Beispiel zahlloser abgeleiteter Wörter, darunter auch viele Eigennamen der griechischen Mythologie, dass sie „richtig“ gebildet sind. Die Methode ist, wie wir bereits am Beispiel des Namens Hermo-genes gesehen haben, die der etymologischetymologischen Ableitung. (Hermogenes ist nicht der „richtige“ NameName für Hermogenes, weil Hermogenes in Wahrheit nicht von Hermes abstammt.) Übertragen auf das Deutsche könnte Sokrates etwa wie folgt argumentieren: „Der Winter trägt seinen Namen zurecht. Denn das Wort Winter ist verwandt mit altgallisch vindo ‚weiß‘ und bezeichnet die Zeit, in der das Land mit Schnee bedeckt ist.“19Kluge Oder: „Der Name Weisheitszahn ist richtig gebildet, da der Mensch diese Zähne erst in einem Alter bekommt, in dem er bereits über Weisheit verfügt.“ Wem diese Form der Argumentation aus heutiger Sicht naiv vorkommt, der möge sich daran erinnern, dass sie auch heutzutage durchaus gang und gäbe ist, vor allen Dingen im Rahmen sprachkritischer Belehrungen: „Es gibt keine Unkosten; es gibt nur Kosten. Denn un- ist eine Negationspartikel.“ Oder: „Es heißt nicht Gentechnologie, sondern Gentechnik. Denn techno-logie heißt ‚die Lehre von der Technik‘.“20 Wer so argumentiert, bedient sich der Methode des Sokrates und geht offenbar davon aus, dass es eine „natürliche Richtigkeit der Wörter“ gebe. Diese Form der „Richtigkeit“, die in der systemgerechten oder logisch korrekten Ableitung oder Zusammensetzung besteht, wird heute bisweilen „sekundäre MotiviertheitMotiviertheit der Zeichen“ genannt. Etymologisieren heißt sprachliche Zeichen auf ihren ehemaligen motivierten Zustand zurückverfolgen.21Levin
Diese Argumentationsweise hat natürlich da ihre Grenze, wo Wörter nicht mehr etymologischetymologisch von zugrundeliegenden Wörtern abgeleitet werden können, bei „Urbestandteilen“ oder „Stammwörtern“, wie Sokrates sie nennt. (422 b) Die Richtigkeit der „späteren oder abgeleiteten Wörter“ (422 d) besteht darin, dass sie kundtun, „wie und was jedes Ding ist“. (422 d) Sie können dies „mittels der früheren bewirken“. (422 d) Für die früheren, die Stammwörter, entwickelt Sokrates eine Art onomatopoetischer Bildtheorie. „Der NameName ist […] ebenso eine Nachahmung wie das Bild.“ (431 a) Das r ist „gleichsam das Organ jeder Bewegung“ (426 c); d, t, b und p enthalten „eine nützliche Eigenschaft zu Nachahmung des Bindenden, Dauernden, so wie bei Pech und Teer“, und da beim l „die Zunge am behendesten schlüpft“, eignet es sich besonders „um das Lose, Lockere und Schlüpfrige selbst und das Leckere und Leimige und viel anderes dergleichen zu benennen“. (427 b) Dies ist natürlich Unsinn, und Sokrates weiß das auch: „Was ich nun von den ursprünglichen Wörtern gemerkt habe, dünkt mich gar wild und lächerlich“, (426 b) gesteht er ein. Er sieht jedoch keine andere Lösung: „Aber es muß doch so sein; denn wir haben nichts besseres als dieses, worauf wir uns wegen der Richtigkeit der ursprünglichen Wörter beziehen könnten.“ (425 d) Sokrates hat nicht nur bemerkt, dass seine Bildtheorie gar wild und lächerlich ist; er hat schließlich auch erkennen müssen, dass es massenhaft Gegenbeispiele gibt: etwa Wörter mit r, die keine Bewegung ausdrücken, sondern vielmehr Ruhe, und dergleichen mehr. (432 d–e) Dies zwingt ihn schließlich zum Rückzug, bei dem er sich nun doch der Konventionalitätsthese des Hermogenes annähert.
Sokrates vergewissert sich nochmals bei Hermogenes, was dieser denn unter ‚GewohnheitGewohnheit‘ verstehe: „Und wenn du Gewohnheit sagst, glaubst du etwas anderes zu sagen als VerabredungVerabredung? Oder meinst du unter ‚Gewohnheit‘ etwas anderes, als daß ich, wenn ich dieses Wort ausspreche, jenes denke, und daß du erkennst, daß ich jenes denke?“ (434 e) Da wir offensichtlich in der Lage sind, dem andern erkennen zu geben, was wir denken, mittels Wörtern, die keinerlei ÄhnlichkeitÄhnlichkeit mit dem Benannten aufweisen, muss es wohl so sein, dass die Gewohnheit darzustellen in der Lage ist, und zwar „durch Ähnliches wie durch Unähnliches“. (435 b) Dies scheint mir eine wichtige Einsicht zu sein. Denn diese Feststellung besagt doch wohl, dass die Alternative gar nicht darin besteht, entweder durch Gewohnheit oder durch Ähnlichkeit darzustellen. Auch wenn bei einem Wort Ähnlichkeit mit dem Referenten gegeben ist, bedarf es dennoch der Gewohnheit, den Referenten durch Ähnlichkeit zu bezeichnenbezeichnen. Der Aspekt der Ähnlichkeit allein ist „gar zu dürftig" (435 c); „Verabredung und Gewohnheit“ müssen „notwendig […] etwas beitragen zur Kundwerdung der Gedanken, indem wir sprechen“. (435 b) Die Gewohnheit sei das „Gemeinere“. (435 c) Mit anderen Worten: OnomatopoesieOnomatopoesie allein macht einen Laut noch nicht zu einem sprachlichen Zeichen; es bedarf zusätzlich der KonventionKonvention, den onomatopoetischen Ausdruck zur „Kundwerdung der Gedanken“ zu verwenden. So ist es beispielsweise eine unserer Konventionen, dass wir zu Bezeichnung des Kuckucks das onomatopoetische Wort Kuckuck verwenden.
Fassen wir zum Abschluss den Verlauf der Diskussion und deren Ergebnisse nochmals kurz zusammen. Sokrates führt gegen die Arbitraritätsthese zunächst im Wesentlichen drei Argumente ins Feld:
Radikale BeliebigkeitBeliebigkeit gibt es nicht.
Wenn es wahre und falsche Sätze gibt, muss es auch wahre und falsche Wörter geben.
Wenn Wörter Werkzeuge sind, müssen sie ihren spezifischen Zwecken gemäß gefertigt sein.
Das erste Argument ist gültig, aber es bekämpft eine These, die aus der Arbitraritätsthese nicht folgt. Die beiden anderen Argumente sind, wie ich zu zeigen versucht habe, ungültig.
Die These der Nichtarbitrarität versucht Sokrates mit Hilfe etymologischer Ableitungen und einer onomatopoetischen Bildtheorie zu belegen. Die Erkenntnis der Schwäche seiner Bildtheorie zwingt ihn schließlich zu dem Zugeständnis, dass „die Darstellung […] in der GewohnheitGewohnheit [liegt …], denn diese, wie mir scheint, stellt dar, durch Ähnliches wie durch Unähnliches“. (435 b)
Das Ergebnis der Diskussion zwischen Sokrates und Hermogenes lässt sich in folgende Thesen fassen: Mittels Konventionen sind wir in der Lage, Dinge zu bezeichnenbezeichnen, dadurch dass wir dem andern zu erkennen geben, woran wir denken, ganz gleich, ob ÄhnlichkeitÄhnlichkeit gegeben ist oder nicht. Allerdings, so fügt Sokrates hinzu, sind Wörter „auf das bestmögliche“ (435 c) gebildet, wenn Ähnlichkeit vorhanden ist. Diese Thesen sind vollständig korrekt. Auf beide werden wir zurückkommen.
Vier Gedanken sind es, die auch heute noch Gültigkeit haben:
die relative ArbitraritätArbitrarität der Zeichen,
der Handlungscharakter des Redens,
der WerkzeugWerkzeugcharakter der Sprache,
die Funktionsbestimmung der Sprache: KommunikationKommunikation, Klassifikation und RepräsentationRepräsentation.
Sie werden uns im Weiteren beschäftigen.
Wer über Zeichen, deren BeziehungBeziehung zur kognitiven Welt und zur Welt der Dinge reden will, der muss drei Ebenen der Betrachtung klar und deutlich auseinanderhalten:
die linguistische Ebene der Zeichen (Wörter, Sätze),
die epistemologische Ebeneepistemologische Ebene der kognitiven Korrelate (Begriffe, Propositionen) und
die ontologische Ebene der Dinge, Wahrheitswerte1 und Sachverhalte.
Dazu ist es notwendig, eine Schreibkonvention zu übernehmen. Man kann von Elefanten reden, von ‚Elefant‘ und von Elefant. Im ersten Fall redet man von bestimmten Tieren, im zweiten Fall von einem BegriffBegriff und im dritten Fall von einem deutschen Substantiv. Vorsichtshalber sei betont, dass diese Unterscheidungen weder zu der Annahme verpflichten, dass jedem sprachlichen Zeichen ein begriffliches Korrelat entspricht, noch zu der Annahme, dass die BedeutungBedeutung eines Zeichens auf der epistemischen Ebene anzusiedeln ist. Beide Annahmen werden wir eingehend zu diskutieren haben.
PlatonPlaton unterscheidet im „Kratylos“ diese drei Ebenen der Betrachtung: die der Wörter, die der Gedanken und die der Dinge.2 Aber er trifft diese Unterscheidung eher versteckt. Die KonventionKonvention, so sagt er, diene dazu, „daß du erkennst, daß ich jenes denke“. (434 e) Wörter dienen somit dem Sprecher dazu, dem Adressaten seine Gedanken „kundzumachen“. (435 a) So ist die Frage konsequent, vermöge welcher Eigenschaften der Wörter der Hörer erkennen kann, was der Sprecher denkt. Platons Antwort lautet: Es ist die BildhaftigkeitBildhaftigkeit und/oder Konventionalität des Wortes. Das Wort ist jedoch kein Bild des Gedankens, sondern ein Bild des Gegenstandes, an den der Sprecher denkt. Das Modell der Bildhaftigkeit ist, vereinfacht gesagt, folgendes: Das Wort, das ich verwende, ähnelt dem Wesen des Dings, an das ich denke, und so kannst du erkennen, an welches Ding ich denke. Dies ist, wie wir noch sehen werden, ein Modell des Kommunizierens mit ikonischen Zeichen. Wer versteht, dass das Schildchen mit dem durchgestrichenen Schwein auf dem Essteller, das die Lufthansa auf ihren „no pork flights“ verwendet, besagen soll, dass die Speisen auf dem Teller den Speisegeboten des Korans entsprechen, erkennt „die Gedanken des Sprechers“ dank einer ÄhnlichkeitÄhnlichkeit des verwendeten Zeichens mit den Speisen.
Die Unterscheidung der drei Betrachtungsebenen wurde zum ersten Mal in voller Deutlichkeit von AristotelesAristoteles getroffen, und zwar in der bereits erwähnten Schrift, deren deutsche Übersetzung den Titel „Peri Hermenias oder Lehre vom Satz“ trägt. Aristoteles’ primäres Interesse galt der Theorie des Syllogismus und der Logik. Seine zeichentheoretischen Bemerkungen auf den ersten drei Seiten dieser Schrift haben eher den Charakter von Vorbemerkungen im Dienste einer Theorie des Satzes, die wiederum im Dienste einer Theorie des Syllogismus steht.3ItkonenCoseriu Aber so spärlich seine Ausführungen zur Theorie der Zeichen auch sind, so einflussreich sind sie auf das europäische sprachphilosophische Denken geworden.4Arens
Die zentralen zeichentheoretischen Aussagen lauten:
Es sind also die Laute [phonai], zu denen die Stimme gebildet wird, Zeichen [symbola] der in der Seele hervorgerufenen Vorstellungen [pathemata], und die Schrift ist wieder ein Zeichen der Laute. Und wie nicht Alle dieselbe Schrift haben, so sind auch die Laute nicht bei Allen dieselben. Was aber durch beide an erster Stelle angezeigt wird, die einfachen seelischen Vorstellungen, sind bei allen Menschen dieselben, und ebenso sind es die Dinge [pragmata], deren AbbildAbbilder die Vorstellungen sind. […] Das Nomen also ist ein Laut, der konventionell etwas bedeutet, ohne eine Zeit einzuschließen, und ohne daß ein Teil von ihm eine Bedeutung für sich hat. Denn in dem Eigennamen Kallippos hat Hippos (Pferd) für sich durchaus nicht die Bedeutung, die es in den Worten kalos Hippos (schönes Pferd) hat. […] Die Bestimmung ‚konventionell‘ (auf Grund einer ÜbereinkunftÜbereinkunft) will sagen, daß kein Nomen von Natur ein solches ist, sondern erst wenn es zum Zeichen geworden ist. Denn auch die artikulierten Laute, z.B. der Tiere, zeigen etwas an, und doch ist keiner dieser Laute ein Nomen. (16 a)5
Um die Position des Aristoteles zu verdeutlichen, will ich versuchen, seine Aussagen in reformulierter Form aufzulisten (wobei ich die über die Schrift beiseite lasse):
Laute sind konventionelle Zeichen von VorstellungVorstellungen.
Laute sind sprachspezifisch.
Vorstellungen sind Abbilder von Dingen.
Vorstellungen und Dinge sind universal.
Die Bedeutung eines Nomens ist nicht kompositionell.
Ein natürliches Zeichen kann kein Nomen sein.
Das Zeichenmodell enthält somit drei Elemente und zwei Relationen:
Laut
Vorstellung
Ding
Symbolisiert (konventionell)
bildet ab (natürlich)
Norman KretzmannKretzmann faßt dieses Zeichenmodell wie folgt zusammen: „lt seems that, according to this account, words signify things in virtue of serving as symbols of mental modifications resembling those things.“6Coseriultkonen Gegenüber Platons im „Kratylos“ entfalteter Zeichentheorie stellt die Aristotelische Theorie einen großen Fortschritt dar. Der Fortschritt besteht in den folgenden vier Punkten:
Wahrheit und Falschheit wird nicht mehr Wörtern zugeschrieben, sondern nur der Rede, wobei Aristoteles selbst den Fall nichtassertiver Sprechakte berücksichtigt: „So ist die Bitte zwar eine Rede, aber weder wahr noch falsch.“ (17 a)
Die Bedeutung von Wörtern und Namen wird nicht als zusammengesetzt aus der Bedeutung von Wortteilen oder Lauten angesehen.
Die Bedeutung von Eigennamen wird nicht mehr etymologisierend gedeutet. (Vgl. Aristoteles’ Beispiel Kallippos vs. Platons Beispiel Hermogenes.)
Symbolcharakter wird nur konventionell symbolisierenden Lauten zugesprochen. Damit wird eine erste Unterscheidung von Symbolen und Symptomen (z.B. Tierlauten) getroffen.
Allerdings enthält diese Theorie auch – aus heutiger Sicht – drei deutliche Fehleinschätzungen bzw. Schwächen und – aus der Sicht der im folgenden propagierten Zeichenauffassung – einen Nachteil gegenüber PlatonPlatons Auffassung:
Die Welt der Dinge sowie die der Vorstellungen von den Dingen wird objektivistisch konzipiert. Die Sprache ist für Aristoteles ein konventionelles Nomenklatursystem kognitiver Abbildungen objektiv vorgegebener Dinge.
KonventionKonvention wird mit ÜbereinkunftÜbereinkunft gleichgesetzt.
Die Relation des Symbolisierens bleibt unexpliziert.
Aristoteles scheint in etwa von dem folgenden Weltbild ausgegangen zu sein: Die Welt der Dinge ist objektiv so, wie wir sie wahrnehmen. Durch die Wahrnehmung entstehen innere Bilder der Dinge. Die inneren Bilder werden durch Übereinkunft mittels Lauten symbolisiert. Daraus folgt: (i) Die inneren Bilder, die Vorstellungen, müssen eine „natürliche Richtigkeit“ in Platons Sinne haben; d.h. sie sind physei. (ii) Da eine Sprache die Vorstellungen von den Dingen nur noch symbolisiert, können die Klassifikationen, die wir mit unserer Sprache vornehmen, nur von der Natur der Dinge vorgegeben sein. ArbiträrArbiträr ist also nur die Bezeichnung der Vorstellung, nicht die Vorstellung selbst und nicht die begriffliche KlassifikationKlassifikation, die wir mit unserer Sprache vornehmen. Es ist dieser Theorie gemäß wohl kaum zu verstehen, weshalb Angelsachsen den BegriffBegriff ‚Fleisch‘ in zwei Begriffe „aufspalten“, nämlich ‚flesh‘ und ‚meat‘; oder weshalb es im Spanischen keinen Begriff gibt, der unserem Begriff ‚Salat‘ entspricht.7 Es gibt meines Wissens keine befriedigende Theorie über den Zusammenhang der Einheiten der ontologischen, epistemischen und sprachlichen Ebene. Die objektivistische Sicht von Aristoteles ist jedoch mit Sicherheit falsch. Angemessener dürfte eine Theorie sein, wie sie beispielsweise von Derek BickertonBickerton vertreten wird: „The categories, into which we divide nature are not in nature, they emerge solely through the interaction between nature and ourselves.“8 Das System unserer Begriffe ist kein Spiegel der Welt, sondern ein Spiegel unserer Auseinandersetzung mit der Welt. Es ist zu vermuten, dass es ein Kontinuum gibt zwischen Begriffen, die mehr oder weniger universaler Natur sind, wie ‚Baum‘, ‚rot‘, ‚Wasser‘ oder ‚fünf‘ und solchen, die sehr kulturspezifisch und/oder sprachspezifisch sind, wie etwa ‚Sünde‘, ‚Salat‘, ‚Geschenkartikel‘, ‚gemütlich‘ oder ‚Geflügel‘. Auf diese Fragen werden wir in Kapitel 7 zurückkommen.
Die unter (2) und (3
