Zeit der Unschuld - Edith Wharton - E-Book
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Edith Wharton

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Beschreibung

Geld oder Liebe, Leidenschaft oder Pflicht? Der ehrgeizige New Yorker Anwalt Newland Archer muss sich entscheiden: Will er sein Leben mit May teilen, einer jungen Frau aus gutem Hause und wie geschaffen für sein berufliches Fortkommen? Oder steht er zu seinen Gefühlen für Mays Cousine Ellen, die im Begriff ist, gegen alle Konventionen zu verstoßen? Edith Wharton gelang mit dieser bewegenden Dreiecksbeziehung ein preisgekröntes Meisterwerk.

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EDITH WHARTON

Zeit der Unschuld

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt

von Andrea Ott

Nachwort von Paul Ingendaay

MANESSE VERLAG

ZÜRICH

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Titel der amerikanischen Ausgabe:«The Age of Innocence» (1920)
Copyright © 2015 by Manesse Verlag, Zürichin der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München.Covergestaltung: Hafen WerbeagenturCovermotiv: © Nina Masic / Trevillion Images
Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, KölnISBN 978-3-641-16952-7V004
www.manesse.ch

Geld oder Liebe, Pflicht oder Leidenschaft – der ehrgeizige New Yorker Anwalt Newland Archer muss sich entscheiden: Will er sein Leben mit May Welland teilen, einer jungen Frau aus gutem Haus und wie geschaffen für sein berufliches Fortkommen? Oder steht er zu seinen Gefühlen für Mays unkonventionelle Cousine Ellen Olenska? Edith Whartons mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnetes Meisterwerk über eine bewegende Dreiecksbeziehung erstrahlt mit der vorliegenden Neuübersetzung in frischem Glanz.

Die Verlobung von Newland Archer und May Welland stieße bei New Yorks High Society auf ungeteilten Beifall, wäre der Zeitpunkt nicht so schlecht gewählt. Mays Cousine aus Europa ist überraschend zu Gast und stört die Idylle des jungen Glücks. Gerüchteweise hatte man vom tristen Eheleben der «armen Ellen» gehört, aber ihr Entschluss, sich scheiden zu lassen, geht ihrer Familie entschieden zu weit. Heimliche Affären oder uneheliche Kinder: Mit allem kann sich das Establishment arrangieren, nur nicht mit einem offenen Bruch der Konventionen. Der junge, smarte Anwalt Newland soll die Besucherin zur Vernunft bringen. Als er sie näher kennenlernt, ziehen ihn Ellens Aufrichtigkeit und Esprit rasch in ihren Bann. Newland stellt die gesellschaftlichen Spielregeln infrage – und damit auch seine eigenen Lebenspläne.

Edith Whartons bekanntester Roman begeistert mit einem reich aufgefächerten Repertoire an Figuren und einem schwelgerischen Blick auf die amerikanische Metropole. Die unverwechselbare, von feiner Ironie durchzogene Erzählerstimme der Autorin erweckt die Roben und Interieurs von New Yorks Schönen und Reichen zum Leben, während sie zugleich deren selbstherrliches Taktieren entlarvt. Bekannt spätestens durch die Verfilmung von Martin Scorsese, liegt «The Age of Innocence» nun endlich in Neuübersetzung vor.

«Selten hat die Melancholie, die in der langsam verblühenden Liebe liegt, süßer gebrannt.» Paul Ingendaay

ERSTER TEIL

1

An einem Januarabend Anfang der Siebzigerjahre sang Christine Nilsson1 an der Academy of Music2 in New York die Margarethe im «Faust».

Obwohl bereits die Rede davon war, «oberhalb der Forties», für New Yorker Begriffe also weit draußen, ein neues Opernhaus3 zu errichten, das sich an Kostbarkeit und Glanz mit den Opern der bedeutendsten europäischen Hauptstädte messen konnte, versammelte sich die vornehme Welt noch immer Winter für Winter bescheiden in den abgewetzten rot-goldenen Logen der gemütlichen alten Academy. Die Konservativen schätzten sie, weil sie klein war, wenig Komfort bot und dadurch die Neureichen fernhielt, die New York allmählich ebenso ängstigten wie faszinierten. Die Sentimentalen hingen an ihr wegen ihrer Geschichtsträchtigkeit und die Musikalischen wegen der exzellenten Akustik, die ja in Sälen, in denen man Musik hören will, immer eine problematische Angelegenheit ist.

Es war Madame Nilssons erster Auftritt in diesem Winter, und es hatte sich das von der Tagespresse sogenannte «außerordentlich glanzvolle Publikum» eingefunden, das sich über glatte, verschneite Straßen in privaten Broughams4, geräumigen Familienlandauern oder etwas bescheidener, aber bequemer, in Brown-Coupés5 hatte herbringen lassen. In einem Brown-Coupé in die Oper zu fahren, war fast ebenso achtbar wie in der eigenen Kutsche anzukommen, und wenn man nach der Oper aufbrach, hatte es den immensen Vorteil, dass man (unter neckischen Anspielungen auf demokratische Grundsätze) gleich in das erste freie Brown-Coupé steigen konnte und nicht warten musste, bis die von Kälte und Schnaps gerötete Nase des eigenen Kutschers unter dem Portikus der Academy aufleuchtete. Es zählte zu den grandiosesten Erkenntnissen des großen Mietstallbesitzers, dass die Amerikaner nach Beendigung einer Veranstaltung noch schneller wegwollten, als sie vorher hinwollten.

Als Newland Archer die Tür an der Rückwand der Clubloge öffnete, hatte sich der Vorhang bereits über der Gartenszene gehoben. Der junge Mann hätte ohne Weiteres früher da sein können, denn er hatte bereits um sieben Uhr allein mit Mutter und Schwester gespeist und war danach lediglich noch auf eine Zigarre in der gotischen Bibliothek mit den verglasten Bücherschränken aus Nussbaum und den kreuzblumengekrönten6 Stühlen sitzen geblieben, dem einzigen Raum im Haus, in dem Mrs. Archer das Rauchen gestattete. Aber erstens war New York eine Großstadt und hatte längst erkannt, dass es sich in Großstädten nicht «schickte», rechtzeitig in der Oper einzutreffen – und was sich «schickte» oder nicht, war in Newland Archers New York ebenso entscheidend wie vor Jahrtausenden das Totem, dessen unergründliche Schreckensherrschaft das Leben seiner Vorväter bestimmt hatte.

Der zweite Grund für seine Verspätung war ein persönlicher. Er hatte über seiner Zigarre getrödelt, weil er im Grunde seines Herzens ein Schöngeist war. Oft verschaffte es ihm subtilere Befriedigung, sich ein bevorstehendes Vergnügen nur vorzustellen, als es tatsächlich zu erleben. Dies war insbesondere dann der Fall, wenn das Vergnügen feinsinniger Natur war, was auf die meisten seiner Vergnügungen zutraf; und dieses Mal war der Augenblick, auf den er sich freute, so kostbar und erlesen, dass er … nun ja, selbst wenn er sich mit dem Inspizienten der Primadonna abgestimmt hätte, wäre seine Ankunft zu keiner Sekunde so bedeutungsschwanger gewesen wie jetzt, wo sie sang «Er liebt mich … er liebt mich nicht … er liebt mich!» und die fallenden Blütenblätter mit ihren tauklaren Tönen benetzte.

Sie sang natürlich «M’ama!»7 und nicht «Er liebt mich», denn ein unumstößliches, unumstrittenes Gesetz in der Welt der Musik verlangte es, dass der von schwedischen Sängern gesungene deutsche Text französischer Opern ins Italienische übersetzt werden musste, damit das englischsprachige Publikum ihn besser verstand. Newland Archer stellte dies ebenso wenig infrage wie alle anderen Konventionen, nach deren Vorgaben sein Leben ablief: zum Beispiel die Verpflichtung, sein Haar mittels zweier versilberter Bürsten mit blauem Emaille-Monogramm zu scheiteln oder niemals ohne Blume im Knopfloch (vorzugsweise einer Gardenie) in Gesellschaft zu erscheinen.

«M’ama … non m’ama …», sang die Primadonna und brach schließlich in ein liebendes, triumphierendes «M’ama!» aus, während sie eine zerzauste Margerite an die Lippen führte und aus großen Augen zu der weltmännischen Miene des kleinen braun gelockten Faust-Capoul8 emporblickte, der mit seinem engen, violetten Samtwams und der Kappe mit dem Federschmuck vergeblich versuchte, ebenso rein und treu auszusehen wie sein argloses Opfer.

Newland Archer, an die Rückwand der Clubloge gelehnt, wandte den Blick von der Bühne ab und ließ ihn suchend über die andere Seite des Zuschauerraums gleiten. Genau gegenüber befand sich die Loge der alten Mrs. Manson Mingott, die wegen ihrer monströsen Fettleibigkeit schon seit Langem nicht mehr in die Oper gehen konnte und sich an besonders glanzvollen Abenden immer von jüngeren Familienmitgliedern vertreten ließ. An diesem Abend war die erste Reihe der Loge von ihrer Schwiegertochter Mrs. Lovell Mingott und ihrer Tochter Mrs. Welland besetzt. Ein wenig schräg hinter diesen würdigen, brokatenen Damen saß ein junges Mädchen in Weiß, dessen Augen hingerissen den Liebenden auf der Bühne folgten. Als Madame Nilsson mit ihrem «M’ama!» das schweigende Haus elektrisierte (während der Margeritenarie verstummte stets das Gespräch in den Logen), stieg dem Mädchen ein warmes Rosa in die Wangen, bedeckte ihre Stirn bis zu den blonden Flechten und überzog die sanft gewölbte junge Brust, bis es auf ein sittsames, mit einer einzelnen Gardenie befestigtes Tuch aus Tüll traf. Sie senkte den Blick zu dem üppigen Maiglöckchenstrauß auf ihren Knien, und Newland Archer sah, wie ihre weiß behandschuhten Fingerspitzen die Blumen sanft berührten. Er seufzte tief auf vor befriedigter Eitelkeit, und sein Blick kehrte zur Bühne zurück.

Beim Bühnenbild hatte man an nichts gespart. Selbst Zuschauer, die wie er mit den Opernhäusern von Paris und Wien vertraut waren, mussten anerkennen, dass es sehr schön war. Die Vorderbühne war bis zu den Rampenlichtern mit smaragdgrünem Tuch bedeckt. Etwas weiter hinten bildeten symmetrisch angeordnete, von Crockettoren eingefasste Hügelchen aus wolligem grünem Moos den Unterbau für Sträucher, die wie Orangenbäume geformt, jedoch mit großen rosa und roten Rosen übersät waren. Riesige Stiefmütterchen, um einiges größer als die Rosen, entsprossen dem Moos unter diesen Bäumchen. Sie sahen aus wie die blumigen Federwischer, die weibliche Gemeindemitglieder für modebewusste Geistliche zu basteln pflegen. Auf dem einen oder anderen Rosenzweig blühte eine aufgepfropfte Margerite mit einer Üppigkeit, die Mr. Luther Burbanks9 noch ferne Wunder bereits erahnen ließ.

Inmitten dieses Zaubergartens lauschte Madame Nilsson in weißem Kaschmir mit hellblauen, seidenen Schlitzärmeln, mit einem Ridikül10, das von einem blauen Gürtel baumelte, und langen flachsfarbenen Zöpfen, die säuberlich links und rechts auf ihrer Musselin-Chemisette11 ruhten, gesenkten Blickes Mr. Capouls leidenschaftlichem Liebeswerben und tat, als verstünde sie in ihrer Treuherzigkeit nicht, was er im Sinn hatte, wenn er unter beschwörenden Worten oder Blicken auf das Erdgeschossfenster des hübschen Backsteinhäuschens zeigte, das schief aus der rechten Kulisse ragte.

«Die Süße!», dachte Newland Archer, und sein Blick wanderte zurück zu dem jungen Mädchen mit den Maiglöckchen. «Sie hat keine Ahnung, worum es überhaupt geht.» Und im Wissen um seinen Besitz betrachtete er ihr versunkenes junges Gesicht mit einem Erschauern, in dem sich Stolz auf das eigene männliche Eingeweihtsein mit einer zärtlichen Verehrung für ihre unendliche Reinheit mischte. «Wir werden zusammen den ‹Faust› lesen … an den italienischen Seen …», dachte er und verlegte, etwas konfus, die Meisterwerke der Literatur, die er als Ehemann seiner jungen Frau nahebringen durfte, an den Schauplatz der geplanten Flitterwochen. Erst heute Nachmittag hatte May Welland ihm angedeutet, dass er ihr «nicht gleichgültig» sei (das war New Yorks kanonisierte Form des jungfräulichen Liebesgeständnisses), und schon preschte seine Fantasie los, übersprang Verlobungsring, Verlobungskuss und den Marsch aus «Lohengrin»12 und malte sich aus, wie sie im alten Europa in einer zauberhaften Landschaft an seiner Seite saß.

Er wünschte sich die künftige Mrs. Newland Archer keineswegs als Dummerchen. Er sah vielmehr vor, dass sie (dank seines lehrreichen Beistands) genügend gesellschaftliche Raffinesse und Schlagfertigkeit entwickelte, um neben den namhaftesten Ehefrauen der jeunesse dorée bestehen zu können, die es sich zur Gepflogenheit gemacht hatten, die Huldigung der Männer gleichzeitig herauszufordern und neckisch von sich zu weisen. Wenn er bis auf den Grund seiner Eitelkeit vorgedrungen wäre (was ihm manchmal beinahe gelang), wäre er dort auf den Wunsch gestoßen, seine Frau möge ebenso welterfahren und gefallsüchtig sein wie jene verheiratete Dame, deren Reize ihn zwei gelind erregte Jahre lang betört hatten. Dabei sollte sie natürlich nichts von der moralischen Schwäche aufweisen, die das Leben jenes unglücklichen Wesens beinahe ruiniert und ihm, Archer, die Pläne eines ganzen Winters über den Haufen geworfen hatte.

Er hatte sich nie die Zeit genommen, darüber nachzudenken, wie dieses Wunder aus Feuer und Eis entstehen und in einer rauen Welt überleben sollte. Er gab sich damit zufrieden, diese Sichtweise einfach zu vertreten, er musste sie nicht analysieren, denn er wusste, es war auch die Sichtweise all der übrigen sorgfältig gebürsteten, weißbewesteten, knopflochbeblumten Herren, die nun einer nach dem anderen in die Clubloge traten, ihn freundlich begrüßten und ihre Operngläser kritisch auf den Kreis der Damen richteten, die Produkte dieser Gesellschaftsordnung waren. Was Intellekt und Kunstverstand anging, fühlte Newland Archer sich diesen erlesenen Exemplaren des alten New Yorker Adels deutlich überlegen. Er hatte wahrscheinlich mehr gelesen, mehr nachgedacht und sogar wesentlich mehr von der Welt gesehen als die anderen. Jeder Einzelne war nicht viel wert, doch zusammengenommen repräsentierten sie «New York», und die gewohnte männliche Solidarität bewog ihn, in allen sogenannten moralischen Fragen ihre Grundsätze anzuerkennen. Er spürte instinktiv, dass es unangenehm wäre – und zudem recht unschicklich –, diesbezüglich einen eigenen Weg einzuschlagen.

«Ach, du lieber Himmel!», rief Lawrence Lefferts plötzlich und drehte sein Opernglas in eine andere Richtung, weg von der Bühne. Lawrence Lefferts war in Sachen «guter Ton» die oberste Instanz in New York. Er hatte wahrscheinlich mehr Zeit als jeder andere auf das Studium dieser kniffligen und faszinierenden Frage verwandt, aber mit dem Studium allein ließ sich seine umfassende und natürliche Kompetenz nicht erklären. Man musste ihn nur anschauen, von der gewölbten kahlen Stirn über den gezwirbelten blonden Schnurrbart bis zu den großen, in Lackleder gehüllten Füßen am anderen Ende seiner hageren, vornehmen Gestalt, um zu spüren, dass das Wissen um den guten Ton jemandem angeboren sein musste, der so elegante Kleidung so selbstverständlich zu tragen verstand und eine solche Körpergröße mit solch lässiger Würde verband. Ein junger Bewunderer hatte einmal gesagt: «Wenn einem überhaupt jemand sagen kann, wann man zu einem Frack eine schwarze Fliege tragen darf und wann nicht, dann ist das Larry Lefferts.» Und in der Frage, ob Slipper oder Lackleder-Oxfords13, war seine Autorität unangefochten.

«Mein Gott», sagte er und reichte sein Glas schweigend an den alten Sillerton Jackson weiter.

Newland Archer folgte Lefferts’ Blick und sah mit Staunen, dass dessen Ausruf von dem Erscheinen einer neuen Person in der Loge der alten Mrs. Mingott ausgelöst worden war. Es war eine schlanke junge Frau, nicht ganz so groß wie May Welland, deren braunes Haar sich an den Schläfen ringelte und von einem schmalen Brillantreif gebändigt wurde. Was dieser Haarschmuck à la Josephine14schonandeutete, setzte sich fort im Schnitt ihres dunkelblauen Samtkleides, das unter dem Busen ein wenig theatralisch durch einen Gürtel mit einer großen, altmodischen Schnalle gerafft wurde. Die Trägerin dieses ungewöhnlichen Kleides, die sich der Aufmerksamkeit, die es erregte, gänzlich unbewusst zu sein schien, blieb kurz in der Mitte der Loge stehen und besprach mit Mrs. Welland, ob sie das Angebot, sich auf deren Platz ganz vorne rechts zu setzen, annehmen könne. Dann willigte sie mit einem kleinen Lächeln ein und setzte sich in dieselbe Reihe wie Mrs. Wellands Schwägerin Mrs. Lovell Mingott, die sich in der Ecke gegenüber niedergelassen hatte.

Mr. Sillerton Jackson hatte Lawrence Lefferts das Opernglas zurückgegeben. Instinktiv wandte sich nun der ganze Club ihm zu und wartete, was der alte Mann zu sagen hatte, denn der alte Mr. Jackson war in Sachen «Familie» eine ebenso große Autorität wie Lawrence Lefferts in Sachen «guter Ton». Er kannte sämtliche Verästelungen der New Yorker Sippen und konnte nicht nur so komplizierte Fragen klären wie die nach der Verbindung zwischen den Mingotts (durch die Thorleys) mit den Dallasens aus South Carolina und die nach der Verwandtschaft des älteren Zweigs der Thorleys aus Philadelphia mit den Chiversens aus Albany (die man auf keinen Fall mit den Manson Chiversens vom University Place verwechseln durfte), sondern vermochte auch die wichtigsten Merkmale jeder Familie aufzuzählen, zum Beispiel den legendären Geiz der jüngeren Lefferts-Linie (der von Long Island), den fatalen Hang der Rushworths zu unklugen Eheschließungen oder den in jeder zweiten Generation auftretenden Wahnsinn bei den Chiversens aus Albany, mit denen sich niemand von der New Yorker Verwandtschaft vermählen wollte – ausgenommen bekanntlich die arme Medora Manson, die katastrophalerweise … Aber schließlich war ihre Mutter auch eine Rushworth gewesen.

Zusätzlich zu diesem Wald aus Stammbäumen barg Mr. Sillerton Jackson hinter seiner hohen, schmalen Stirn und unter seinem weichen, silbernen Haarschopf noch ein Verzeichnis der meisten Skandale und Geheimnisse, die in den letzten fünfzig Jahren unter der glatten Oberfläche der New Yorker Gesellschaft vor sich hin geschwelt hatten. So weitreichend war sein Wissen und so genau und gut sein Gedächtnis, dass er vermutlich der Einzige war, der einem hätten sagen können, wer der Bankier Julius Beaufort in Wirklichkeit war und was aus dem schmucken Bob Spicer geworden war, dem Vater der alten Mrs. Manson Mingott, der knapp ein Jahr nach seiner Heirat samt einer großen Summe ihm anvertrauten Geldes unter so mysteriösen Umständen verschwunden war – am selben Tag, an dem eine schöne spanische Tänzerin, die zuvor das vollbesetzte alte Opernhaus an der Battery entzückt hatte, sich nach Kuba eingeschifft hatte. Aber diese und viele andere Geheimnisse waren sicher in Mr. Jacksons Brust geborgen. Erstens verbot ihm sein ausgeprägtes Ehrgefühl, etwas weiterzuerzählen, was ihm unter vier Augen mitgeteilt worden war, und zweitens wusste er genau, dass gerade seine berühmte Verschwiegenheit die Chance erhöhte, herauszubekommen, was er wissen wollte.

Die Clubloge befand sich also in sichtlich gespannter Erwartung, als Mr. Sillerton Jackson das Opernglas an Lawrence Lefferts zurückgab. Einen Augenblick lang musterte er die andächtig wartende Gruppe schweigend aus seinen trüben blauen Augen, die alten, geäderten Lider halb geschlossen. Dann zwirbelte er nachdenklich seinen Schnurrbart und sagte nur: «Ich hätte nicht gedacht, dass die Mingotts es riskieren würden.»

2

Dieser kleine Vorfall hatte Newland Archer in eine merkwürdig peinliche Situation gebracht.

Es war ärgerlich, dass ausgerechnet die Loge die ungeteilte Aufmerksamkeit der New Yorker Männerwelt auf sich zog, in der zwischen Mutter und Tante seine Verlobte saß. Im ersten Moment wusste er die Dame in dem Empirekleid nicht zu benennen und konnte sich auch nicht vorstellen, warum ihr Erscheinen solche Aufregung unter den Eingeweihten verursachte. Dann dämmerte es ihm, und kurz stieg Unwillen in ihm hoch. Nein, in der Tat, niemand hätte gedacht, dass die Mingotts es riskieren würden!

Aber sie hatten es riskiert, eindeutig, denn die leisen Kommentare hinter ihm ließen keinen Zweifel daran, dass die junge Frau May Wellands Cousine war, jene Cousine, von der die Familie immer nur als der «armen Ellen Olenska» sprach. Archer wusste, dass sie vor ein paar Tagen unerwartet aus Europa gekommen war; Miss Welland hatte ihm (und in keineswegs missbilligendem Ton) erzählt, dass sie die arme Ellen, die bei der alten Mrs. Mingott wohne, sogar besucht habe. Archer legte viel Wert auf familiären Zusammenhalt, und mit am meisten bewunderte er an den Mingotts ihr resolutes Eintreten für die wenigen schwarzen Schafe, die ihr untadeliger Stamm hervorgebracht hatte. Dem jungen Mann lagen Bosheit oder Engherzigkeit fern, und er war froh, dass seine künftige Frau nicht durch falsche Prüderie daran gehindert wurde, zu ihrer unglücklichen Cousine unter vier Augen freundlich zu sein; aber es war doch ein Unterschied, ob man die Gräfin Olenska im Familienkreis empfing, oder ob man sie ausgerechnet in der Oper der Öffentlichkeit vorführte, und das obendrein in der Loge mit dem jungen Mädchen, dessen Verlobung mit ihm, Newland Archer, in einigen Wochen bekannt gegeben würde. Nein, ihm ging es genauso wie dem alten Sillerton Jackson. Nie hätte er gedacht, dass die Mingotts es riskieren würden!

Er wusste natürlich, dass die alte Mrs. Manson Mingott, die Matriarchin der Familie, alles zu wagen pflegte, was ein Mensch innerhalb der Regeln der Fifth Avenue überhaupt wagen kann. Er hatte die selbstherrliche alte Dame immer bewundert, die als einfache Catherine Spicer aus Staten Island einen mysteriös-verrufenen Vater besessen hatte und weder genug Geld noch Status, um dies vergessen zu machen, sich aber trotzdem mit dem Oberhaupt der reichen Mingott-Linie verbunden, zwei Töchter an «Ausländer» verheiratet hatte (an einen italienischen Marquis und einen englischen Bankier) und ihrer Kühnheit schließlich die Krone aufsetzte, indem sie in der unzugänglichen Wildnis am Central Park ein großes Haus aus blassem, cremefarbenem Sandstein bauen ließ, und das in einer Zeit, da roter Sandstein ebenso selbstverständlich schien wie der Gehrock am Nachmittag.

Die ausländischen Töchter der alten Mrs. Mingott waren zum Mythos geworden. Sie waren nie mehr zurückgekommen, um ihre Mutter zu besuchen, und diese blieb ihrerseits, wie viele geistig rege und herrschsüchtige Menschen sesshaft und füllig geworden, mit philosophischer Gelassenheit zu Hause. Das cremefarbene Gebäude jedoch, das vermutlich den Palais der Pariser Aristokratie nachempfunden war, stand noch immer an seinem Platz, ein sichtbarer Beweis ihrer Zivilcourage, und sie residierte darin zwischen vorrevolutionären Möbeln und Andenken an Louis Napoleons Tuilerien – dort hatte sie in ihren mittleren Jahren geglänzt – so seelenruhig, als wäre es nichts Besonderes, oberhalb der Thirty-fourth Street zu wohnen oder französische Fenster zu haben, die sich wie Türen mit Flügeln öffneten und nicht wie ein normales Schiebefenster nach oben.

Alle, auch Mr. Sillerton Jackson, waren sich darin einig, dass die alte Catherine niemals eine Schönheit gewesen war – eine Eigenschaft, die in den Augen New Yorks jeden Erfolg erklärte und bestimmte Fehler entschuldigte. Missliebige Leute behaupteten, sie verdanke ihren Erfolg genau wie ihre kaiserliche Namensvetterin15 nur ihrer Willensstärke und Hartherzigkeit sowie einer Art hochmütiger Unverschämtheit, auf die sie aber wegen ihres absolut ehrbaren und respektablen Lebenswandels ein Recht zu haben schien. Sie war erst achtundzwanzig, da starb Mr. Manson Mingott. Weil er den Spicers generell misstraute, hatte er übervorsichtig alles Geld fest angelegt. Doch seine kühne junge Witwe ging furchtlos ihren Weg, begab sich freiwillig in die Gesellschaft von Ausländern, verheiratete ihre Töchter in weiß der Himmel welch korrupte und mondäne Kreise, war mit Herzögen und Botschaftern auf Du und Du, verkehrte freundschaftlich mit Papisten, bewirtete Opernsänger und war eng befreundet mit Madame Taglioni16; und trotz alledem hatte ihr Ruf (wie Sillerton Jackson bereitwillig zugab) niemals den Hauch einer Trübung erlitten – das Einzige, fügte er immer hinzu, worin sie sich von der früheren Katharina unterschied.

Mrs. Manson Mingott war es längst gelungen, das von ihrem Mann angelegte Geld flott zu bekommen, und sie hatte ein halbes Jahrhundert im Überfluss gelebt. Doch die Erinnerungen an die Not ihrer Kindheit hatten sie extrem sparsam werden lassen, und so achtete sie zwar beim Kauf eines Kleides oder Möbelstücks auf höchste Qualität, konnte sich aber nicht dazu durchringen, für die flüchtigen Freuden des Essens viel Geld auszugeben. Folglich fielen ihre Mahlzeiten ebenso armselig aus wie die von Mrs. Archer – wenngleich aus gänzlich anderen Gründen –, und auch ihre Weine waren nicht dazu angetan, dies wettzumachen. Die Verwandtschaft fand, dass ihre karge Tafel den Namen Mingott, der immer mit einem üppigen Lebensstil verbunden gewesen war, in Misskredit brachte. Doch die Gäste kamen weiterhin, trotz der außer Haus bestellten Gerichte und des schlechten Champagners, und auf die Vorhaltungen ihres Sohnes Lovell, der zur Rettung der Familienehre den besten Koch in New York beschäftigte, antwortete sie immer lachend: «Wozu braucht es zwei gute Köche in der Familie, jetzt, wo ich die Mädchen verheiratet habe und keine Saucen mehr essen darf?»

Während Newland Archer über all dies nachdachte, hatte er den Blick wieder der Mingott-Loge zugewandt. Er sah, dass Mrs. Welland und ihre Schwägerin mit dem Mingott’schen aplomb, den die alte Catherine der ganzen Sippe eingeimpft hatte, dem Halbkreis ihrer Kritiker die Stirn boten, und nur May Welland verriet durch ein Erröten (vielleicht ausgelöst von dem Bewusstsein, dass er sie beobachtete), dass sie den Ernst der Lage erkannte. Die Ursache der ganzen Aufregung hingegen saß anmutig in der Ecke der Loge, den Blick auf die Bühne gerichtet, und zeigte, als sie sich vorbeugte, etwas mehr Schulter und Busen, als New York zu sehen gewohnt war, zumindest bei Damen, die allen Grund hatten, lieber unauffällig zu bleiben.

Weniges erschien Newland Archer schlimmer als ein Verstoß gegen den «guten Geschmack», jene ferne Gottheit, die in «guten Manieren» nur ihren sichtbaren Vertreter und Statthalter hatte. Madame Olenskas blasses und ernstes Gesicht sprach ihn an; es passte zum Anlass und zu ihrer unglücklichen Lage. Aber wie ihr Kleid, das keinen Spitzeneinsatz besaß, von der schmalen Schulter fiel, das empörte und beunruhigte ihn. Die Vorstellung, dass May Welland dem Einfluss einer jungen Frau ausgesetzt war, die den Geboten des guten Geschmacks so gleichgültig gegenüberstand, missfiel ihm sehr.

«Aber was», hörte er einen der jüngeren Männer hinter sich fragen (während der Szene mit Mephistopheles und Martha unterhielten sich wieder alle), «was ist denn eigentlich passiert?»

«Nun ja – sie hat ihn verlassen, das leugnet auch niemand.»

«War er nicht ein schrecklicher Wüstling?», fuhr der junge Fragesteller fort, ein treuherziger Thorley, der sich offenbar unter die Ritter der Dame einreihen wollte.

«Ein ganz übler, ich habe ihn in Nizza kennengelernt», antwortete Lawrence Lefferts, der Fachmann. «Ein halb gelähmter, bleicher Zyniker – sieht nicht schlecht aus, hat vielleicht etwas zu lange Wimpern. Wenn er sich nicht mit Frauen vergnügt, sammelt er Porzellan, so einer ist das. Und meines Wissens zahlt er für beides jeden Preis.»

Alle lachten, und der junge Ritter fragte: «Und was weiter?»

«Was weiter? Sie ist mit seinem Sekretär durchgebrannt.»

«Oh. Aha.» Der Ritter machte ein langes Gesicht.

«Es war allerdings nicht von Dauer. Ein paar Monate später habe ich gehört, dass sie allein in Venedig lebt. Ich glaube, Lovell Mingott ist losgezogen, um sie heimzuholen. Sie soll kreuzunglücklich gewesen sein. Soweit ist das ja in Ordnung – aber sie hier in der Oper vorzuführen ist eine andere Sache.»

«Vielleicht», wagte sich der junge Thorley vor, «ist sie zu unglücklich, als dass man sie allein zu Hause lassen dürfte.»

Dieser Einwurf wurde mit einem respektlosen Lachen quittiert, und der Junge errötete und versuchte dreinzuschauen, als hätte er etwas andeuten wollen, was der Kenner als double entendre17 bezeichnet.

«Seltsam jedenfalls, dass sie Miss Welland mitgebracht haben», sagte jemand leise mit einem Seitenblick auf Archer.

«Ach, das gehört zum Schlachtplan. Zweifellos Grannys Anweisung», erklärte Lefferts lachend. «Wenn die alte Dame etwas macht, dann macht sie es gründlich.»

Der Akt ging zu Ende, und es kam Bewegung in die Loge. Plötzlich fühlte Newland Archer den Drang, entschlossen durchzugreifen. Er wollte als erster Mann die Loge von Mrs. Mingott betreten, dem wartenden Publikum seine Verlobung mit Miss May Welland kundtun und ihr in allen Schwierigkeiten beistehen, in die sie die widernatürliche Lage ihrer Cousine bringen mochte. Dieser Impuls fegte mit einem Mal alle Bedenken und alles Zaudern hinweg und ließ ihn durch die roten Korridore auf die andere Seite des Hauses eilen.

Als er die Loge betrat, begegnete sein Blick dem von Miss Welland, und er merkte, dass sie seinen Beweggrund sofort erriet, auch wenn die Familienwürde, die sie beide als hohe Tugend betrachteten, ihr nicht gestattete, ihm das zu sagen. In ihrer Welt lebte man in einer Atmosphäre leiser Andeutungen und blasser Artigkeiten, und die Tatsache, dass sie sich wortlos verstanden, brachte sie einander näher als jede Erklärung, so schien es dem jungen Mann. Die Augen des Mädchens sagten: «Du siehst, warum Mama mich mitgenommen hat?», und die seinen antworteten: «Um nichts in der Welt würde ich mir wünschen, dass du ferngeblieben wärst.»

«Sie kennen meine Nichte Gräfin Olenska?», fragte Mrs. Welland, als sie ihren künftigen Schwiegersohn willkommen hieß. Archer verneigte sich, ohne seine Hand auszustrecken, wie es sich gehörte, wenn man einer Dame vorgestellt wurde, und Ellen Olenska neigte leicht den Kopf und ließ ihre verschränkten Hände in den hellen Handschuhen auf dem riesigen Fächer aus Adlerfedern ruhen. Nachdem er Mrs. Lovell Mingott begrüßt hatte, eine stattliche blonde Dame in knisterndem Satin, setzte er sich neben seine Braut und sagte leise: «Ich hoffe, du hast Madame Olenska erzählt, dass wir verlobt sind? Ich möchte, dass es jeder weiß – bitte, lass es mich heute Abend auf dem Ball bekannt geben.»

Miss Wellands Gesicht wurde rosig wie die Morgenröte, und sie blickte ihn strahlend an. «Wenn du Mama überreden kannst …», sagte sie. «Aber warum sollten wir ändern, was bereits beschlossen ist?» Er antwortete nur mit den Augen, und sie fuhr noch vertrauensvoller lächelnd fort: «Sag du es meiner Cousine. Ich erteile dir die Erlaubnis. Sie erzählt, ihr beide hättet als Kinder miteinander gespielt.»

Sie machte ihm den Weg frei, indem sie ihren Stuhl zurückschob, und sofort und ein wenig demonstrativ, damit das ganze Haus sah, was er tat, setzte sich Archer neben die Gräfin Olenska.

«Wir haben doch miteinander gespielt, nicht wahr?», fragte sie, die ernsten Augen ihm zugewandt. «Sie waren ein schrecklicher Junge und haben mich einmal hinter einer Tür geküsst. Aber verliebt war ich in Ihren Vetter Vandie Newland, der mich nie angesehen hat.» Ihr Blick glitt über das Hufeisenrund der Logen. «Ach, was mir dies alles in Erinnerung ruft – ich sehe das ganze Publikum in Knickerbockers und Pantalettes», sagte sie in ihrer zögerlichen, leicht fremdländischen Sprechweise, wieder zu ihm gewandt.

So liebenswürdig sie auch dreinsah, der junge Mann war entrüstet, dass sie sich ein so unschickliches Bild von dem erlauchten Tribunal machte, vor dem in diesem Moment ihr Fall verhandelt wurde. Nichts war geschmackloser als unangebrachte Frivolität, und er antwortete etwas steif: «Ja, Sie waren sehr lange weg.»

«Ach, Jahrhunderte», sagte sie, «so lange, dass ich sicher schon tot und begraben bin und dieses liebe alte Haus hier der Himmel ist.» Und aus unerklärlichen Gründen empfand Newland Archer dies als eine noch respektlosere Beschreibung der feinen New Yorker Gesellschaft.

3

Alles spielte sich ab wie immer.

Selbst am Abend ihres alljährlichen Balles ließ Mrs. Julius Beaufort nie den Opernbesuch ausfallen; ja, sie gab ihren Ball ausdrücklich an einem Opernabend, um herauszustreichen, dass sie über Haushaltsfragen erhaben war und Personal besaß, das auch in ihrer Abwesenheit jede Einzelheit der Einladung zu organisieren vermochte.

Das Haus der Beauforts war eines der wenigen in New York, das über einen Ballsaal verfügte (und zwar früher als selbst Mrs. Manson Mingott und die Headly Chiversens), und in einer Zeit, da es allmählich als «provinziell» galt, einen Schonteppich auf den Salonboden zu legen und die Möbel nach oben zu räumen, machte der Besitz eines Ballsaals, der für keinen anderen Zweck benutzt wurde und die übrigen dreihundertvierundsechzig Tage im Jahr abgedunkelt hinter verschlossenen Fensterläden lag, die vergoldeten Stühle in einer Ecke gestapelt und die Kronleuchter in Säcke gepackt – machte also diese unbestrittene Überlegenheit alles wett, was an der Vergangenheit der Familie Beaufort bedauernswert war.

Mrs. Archer, die ihre gesellschaftsphilosophischen Gedanken gern in Form von Axiomen präsentierte, hatte einmal gesagt: «Wir haben doch alle ein Hätschelkind unter den gewöhnlichen Leuten.» Eine kühne Behauptung, und dennoch gab so mancher in seinem vornehmen Herzen insgeheim zu, dass daran etwas Wahres war. Doch die Beauforts waren nicht unbedingt gewöhnlich; manch einer fand, sie seien etwas noch Schlimmeres. Mrs. Beaufort stammte aus einer der ehrwürdigsten Familien Amerikas. Sie war einst die hübsche Regina Dallas gewesen (aus der South-Carolina-Linie), eine mittellose Schönheit, die von ihrer Cousine, der unbesonnenen Medora Manson, die stets aus dem richtigen Grund das Falsche tat, in die New Yorker Gesellschaft eingeführt worden war. Wer mit den Mansons und den Rushworths verwandt war, hatte in der Gesellschaft von New York ein droit de cité18, wie Mr. Sillerton Jackson das nannte (er hatte in den Tuilerien verkehrt). Aber verspielte man dieses Recht nicht, wenn man einen Julius Beaufort heiratete?

Die eigentliche Frage lautete: Wer war eigentlich dieser Beaufort? Er galt als Engländer, war liebenswürdig, stattlich, launisch, gastfreundlich und geistreich. Er war mit Empfehlungsschreiben des englischen Bankier-Schwiegersohns der alten Mrs. Manson Mingott nach Amerika gekommen und hatte sich rasch eine wichtige Stellung in der Geschäftswelt erobert; aber er führte ein ausschweifendes Leben, besaß eine böse Zunge und eine mysteriöse Vorgeschichte, und als Medora Manson die Verlobung ihrer Cousine mit ihm bekannt gab, empfand man dies als weitere Torheit auf der langen Liste von Medoras unbesonnenen Taten.

Aber die Torheit muss sich ebenso wie die Weisheit rechtfertigen lassen von ihren Kindern,19 und zwei Jahre nach der Heirat der jungen Mrs. Beaufort gab jedermann zu, dass sie das vornehmste Haus in New York führte. Niemand wusste so recht, wie es zu diesem Wunder hatte kommen können. Sie war faul und träge, und Spötter bezeichneten sie sogar als langweilig. Zugleich thronte sie, mit jedem Jahr jünger, blonder und schöner, gekleidet wie eine Göttin und behangen mit Perlen, in Mr. Beauforts wuchtigem Stadtpalais und lockte alle Welt dorthin, ohne auch nur den beringten kleinen Finger zu rühren. Eingeweihte meinten, es sei Mr. Beaufort, der die Dienstboten anlerne, dem Koch neue Gerichte beibringe, den Gärtnern sage, welche Treibhauspflanzen sie für Esstisch und Salon ziehen müssten, der die Gäste auswähle, den abendlichen Punsch zubereite und die kleinen Briefchen diktiere, die seine Frau an ihre Freundinnen schrieb. Wenn dies zutraf, so fanden diese häuslichen Aktivitäten im Geheimen statt, und er spielte vor der Welt den sorglosen, gastfreundlichen Millionär, der mit der Distanziertheit eines geladenen Gastes in seinen eigenen Salon schlenderte und sagte: «Sind die Gloxinien meiner Frau nicht wunderbar? Ich glaube, sie bezieht sie aus Kew Gardens20.»

Mr. Beauforts Geheimnis, darin war man sich einig, bestand in der Art und Weise, wie er mit allem fertig wurde. Sollten die Leute ruhig flüstern, das internationale Bankhaus, in dem er tätig gewesen sei, habe ihm «geholfen», England zu verlassen. Er wurde mit diesem Gerücht ebenso leicht fertig wie mit allem anderen – dabei nahm New York die Geschäftsmoral nicht minder ernst als den Sittenkodex –, er war ein gemachter Mann und empfing ganz New York in seinen Salons, und mittlerweile erklärten die Leute seit zwanzig Jahren genauso selbstverständlich, sie gingen zu den Beauforts, wie sie erklärten, sie gingen zu Mrs. Manson Mingott, und dies obendrein in dem befriedigenden Wissen, dass sie dort heiße Riesentafelenten und Jahrgangsweine vorgesetzt bekamen anstatt lauwarme Veuve-Cliquot-Cuvée und aufgewärmte Kroketten aus Philadelphia.

Mrs. Beaufort war also kurz vor der Juwelenarie wie immer in ihrer Loge erschienen, und als sie sich, ebenfalls wie immer, gegen Ende des dritten Aktes erhob, das Operncape über die schönen Schultern legte und verschwand, wusste New York Bescheid: Eine halbe Stunde später würde der Ball beginnen.

Die New Yorker waren stolz auf das Haus der Beauforts und zeigten es gern ihren ausländischen Gästen, besonders am Abend des alljährlichen Balles. Als eine der ersten Familien in New York hatten die Beauforts einen eigenen roten Samtteppich besessen, den sie von eigenen Butlern unter dem eigenen Vordach auf den Stufen entrollen ließen, statt all das zusammen mit dem Essen und den Saalstühlen zu mieten. Sie hatten auch eingeführt, dass die Damen ihre Capes in der Halle ablegten und nicht mehr ins Schlafzimmer der Gastgeberin huschten, um sich dort ihr Haar mithilfe des Gasbrenners noch einmal aufzudrehen. Beaufort hatte angeblich gesagt, die Freundinnen seiner Frau besäßen doch wohl alle Zofen, die dafür sorgen könnten, dass sie ordentlich onduliert aus dem Haus gingen.

Das Haus war von vornherein kühn mit einem Ballsaal geplant worden, sodass man sich auf dem Weg dorthin nicht durch einen engen Flur quetschen musste wie bei den Chiversens, sondern feierlich durch eine Flucht von Salons schritt, durch den meergrünen, den scharlachroten und den safrangelben, und schon von Weitem die mit vielen Kerzen bestückten Kronleuchter sah, die sich in dem gebohnerten Parkett spiegelten, und noch weiter hinten in die Tiefen eines Wintergartens blickte, in dem Kamelien und Baumfarne ihr kostbares Laubdach über Stühle aus schwarzem und goldenem Bambus breiteten.

Wie es sich für einen jungen Mann seines Standes gehörte, kam Newland Archer ein wenig zu spät hereingeschlendert. Er hatte seinen Mantel bei den seidenbestrumpften Butlern abgelegt (die Strümpfe waren eine der wenigen Albernheiten der Beauforts), sich ein Weilchen in der Bibliothek mit der Ledertapete und den Marketerie- und Malachitmöbeln21 herumgetrieben, wo ein paar Männer miteinander plauderten, während sie ihre Tanzhandschuhe anzogen, und sich schließlich in die Schlange der Gäste eingereiht, die Mrs. Beaufort an der Schwelle zum scharlachroten Salon empfing.

Archer war ausgesprochen nervös. Nach der Oper war er nicht in den Club gegangen, wie das die jungen Leute normalerweise taten, sondern, da die Nacht schön war, ein Stückchen die Fifth Avenue hinaufspaziert und dann wieder in Richtung des Beaufort’schen Hauses umgekehrt. Ja, er hatte Angst, dass die Mingotts es übertreiben würden, dass Granny Mingott womöglich befohlen hatte, die Gräfin Olenska auf den Ball mitzunehmen.

Der Tonfall in der Clubloge hatte ihm klargemacht, welch ein schwerer Fehler das wäre, und obwohl er mehr denn je entschlossen war, «die Sache durchzufechten», war er nicht mehr gar so ritterlich bestrebt, die Cousine seiner Verlobten zu verteidigen, wie noch vor ihrem kurzen Gespräch in der Oper.

Als er in den safrangelben Salon weiterspazierte, in dem Beaufort dreist die «Siegreiche Liebe», Bouguereaus umstrittensten Akt,22 aufgehängt hatte, traf Archer an der Tür zum Ballsaal auf Mrs. Welland und ihre Tochter. Hinter ihnen glitten bereits die ersten Paare über das Parkett; das Licht der Wachskerzen fiel auf kreiselnde Tüllröcke, auf schlicht mit Blüten bekränzte Mädchenköpfe, auf die verwegenen aigrettes23 und sonstigen Verzierungen in den coiffures der jungen Ehefrauen und auf funkelnde, blitzblanke Hemdbrüste und neue Glacéhandschuhe.

Miss Welland, offenbar kurz davor, sich unter die Tänzer zu mischen, wartete schon auf der Schwelle, die Maiglöckchen in der Hand (sie nahm nie andere Blumen), das Gesicht ein wenig blass und die Augen leuchtend vor treuherziger Aufregung. Eine Gruppe junger Männer und Mädchen hatte sich um sie versammelt, und es wurde geklatscht, gelacht und gescherzt, was Mrs. Welland, die ein wenig abseits stand, mit einem Blick verhaltenen Beifalls bedachte. Es war offenkundig, dass Miss Welland gerade ihre Verlobung bekannt gab, während ihre Mutter die Miene elterlichen Widerstrebens aufsetzte, die bei einem solchen Anlass geboten schien.

Archer hielt einen Augenblick inne. Er hatte sich die Bekanntgabe ausdrücklich gewünscht, dennoch hätte er es vorgezogen, sein Glück nicht auf diese Weise verkündet zu sehen. Wenn man es in der Hitze und im Lärm eines überfüllten Ballsaals kundtat, nahm man ihm den feinen Schmelz der Heimlichkeit, der zu Herzensangelegenheiten gehörte. Seine Freude war so tief, dass diese oberflächliche Trübung das Wesentliche unberührt ließ; dennoch wäre es ihm lieber gewesen, wenn auch die Oberfläche rein geblieben wäre. Es tröstete ihn ein wenig, dass May Welland sein Empfinden offenbar teilte. Ihr Blick suchte flehend den seinen und sagte: «Vergiss nicht, wir machen es so, weil es so richtig ist.»

Kein Appell hätte in Archers Brust schneller Widerhall gefunden, und doch wünschte er sich, ihr Handeln wäre aus einem hehreren Grund notwendig geworden, nicht einfach wegen der armen Ellen Olenska. Die Gruppe um Miss Welland machte ihm mit vieldeutigem Lächeln Platz, und nachdem er seinen Teil der Glückwünsche entgegengenommen hatte, zog er seine Braut in die Mitte des Ballsaals und legte den Arm um ihre Taille. «Jetzt müssen wir nicht mehr reden», sagte er und blickte ihr lächelnd in die treuherzigen Augen, während sie auf den sanften Wellen der schönen blauen Donau dahinglitten.

Sie gab keine Antwort. Ihre Lippen verzogen sich zitternd zu einem Lächeln, aber ihr Blick blieb zurückhaltend und ernst, als sei er auf ein unbeschreibliches Bild gerichtet.

«Liebste», flüsterte Archer und drückte sie an sich. Ihm wurde klar, dass die ersten Stunden der Brautzeit, selbst wenn sie in einem Ballsaal verbracht wurden, etwas Schwerwiegendes und Weihevolles hatten. Wie sehr würde sich sein Leben verändern mit dieser Reinheit, Helle und Güte an seiner Seite!

Als der Tanz vorüber war, schlenderten die beiden, wie es sich für ein verlobtes Paar gehörte, in den Wintergarten, und als sie endlich hinter einer hohen Wand aus Baumfarnen und Kamelien saßen, drückte Newland ihre behandschuhte Hand an seine Lippen.

«Du siehst, ich habe getan, worum du mich gebeten hast», sagte sie.

«Ja, ich konnte nicht mehr warten», antwortete er lächelnd. Einen Augenblick später fügte er hinzu: «Ich wünschte nur, es hätte nicht auf einem Ball stattfinden müssen.»

«Ja, ich weiß.» Sie zeigte ihm mit ihrem Blick, dass sie begriff. «Aber nun sind wir sogar hier allein, nicht wahr?»

«Oh, Liebste … immer!», rief Archer. Offenbar würde sie ihn immer verstehen, würde immer das Richtige sagen. Diese Entdeckung ließ den Kelch seines Glücks überfließen, und er fuhr übermütig fort: «Das Schlimmste ist, dass ich dich küssen will und es nicht kann.» Mit diesen Worten sah er sich rasch im Wintergarten um, vergewisserte sich, dass sie wenigstens für kurze Zeit allein waren, zog sie an sich und drückte ihr flüchtig einen Kuss auf die Lippen. Als Ausgleich für die Kühnheit dieses Vorgehens führte er sie zu einem Bambussofa im weniger abgeschiedenen Teil des Wintergartens, setzte sich neben sie und pflückte ein Maiglöckchen aus ihrem Strauß.

Sie saß schweigend da, und die Welt lag wie ein sonnenbeschienenes Tal zu ihren Füßen. «Hast du es meiner Cousine Ellen gesagt?», fragte sie Archer kurz darauf, als spräche sie im Traum.

Er fuhr zusammen, und ihm fiel ein, dass er das nicht getan hatte. Eine unüberwindliche Scheu, mit der seltsamen, fremdländischen Frau über solche Dinge zu sprechen, hatte ihm die Lippen versiegelt. «Nein, ich hatte eigentlich gar keine Gelegenheit dazu», flunkerte er hastig.

«Ach.» Sie wirkte enttäuscht, schien jedoch sanft entschlossen, ihren Wunsch durchzusetzen. «Dann musst du es noch tun, denn ich habe es ihr auch nicht gesagt, und ich möchte nicht, dass sie denkt …»

«Natürlich nicht. Aber wärst nicht eigentlich du die Richtige dafür?»

Sie überlegte. «Wenn ich es ihr rechtzeitig erzählt hätte, ja, aber jetzt, wo es sich verzögert hat, musst du erklären, dass ich dich gebeten habe, es ihr in der Oper zu sagen, bevor wir hier mit allen darüber sprechen. Sonst glaubt sie vielleicht, ich hätte sie vergessen. Sie gehört doch zur Familie, und da sie so lange fort war, ist sie etwas … empfindlich.»

Archer blickte sie hingerissen an. «Lieber, herrlicher Engel! Natürlich sage ich es ihr.» Dann streifte er mit einem flüchtigen, leicht besorgten Blick den vollen Ballsaal. «Ich habe sie noch gar nicht gesehen. Ist sie schon da?»

«Nein, sie hat sich in letzter Minute anders entschieden.»

«In letzter Minute?», wiederholte er und verriet damit sein Erstaunen, dass sie überhaupt eine andere Möglichkeit in Betracht gezogen hatte.

«Ja. Sie tanzt so furchtbar gern», antwortete das junge Mädchen nur. «Aber dann fand sie plötzlich, dass ihr Kleid für einen Ball nicht elegant genug sei, obwohl wir es sehr hübsch fanden, und so musste meine Tante sie nach Hause bringen.»

«Ach so», sagte Archer erleichtert und gleichgültig. Nichts gefiel ihm an seiner Verlobten so sehr wie ihre Entschlossenheit, das Ritual, das ihrer beider Leben von Kind auf bestimmt hatte, nämlich alles «Unerfreuliche» zu ignorieren, bis zum Äußersten zu treiben. «Sie kennt genauso gut wie ich den eigentlichen Grund, weswegen ihre Cousine fortgeblieben ist», überlegte er, «aber ich werde ihr niemals auch nur andeutungsweise zeigen, dass ich von einem winzigen Schatten auf dem guten Ruf der armen Ellen Olenska weiß.»

4

Im Lauf des nächsten Tages absolvierten sie die ersten obligaten Verlobungsbesuche. Das New Yorker Ritual war in diesen Dingen peinlich genau und unerbittlich, und dementsprechend besuchte Newland Archer zuerst mit Mutter und Schwester Mrs. Welland und fuhr dann mit Mrs. Welland und May zur alten Mrs. Manson Mingott hinaus, um sich den Segen der ehrwürdigen Ahnherrin zu erbitten.

Die Besuche bei Mrs. Manson Mingott fand der junge Mann immer sehr amüsant. Schon das Haus zeugte von Geschichte, wenn es natürlich auch nicht so ehrwürdig war wie andere alte Familienwohnsitze am University Place und an der unteren Fifth Avenue. Diese waren der Inbegriff der 1830er-Jahre, ein düsterer Zusammenklang aus Teppichen mit Zentifoliengirlanden24, Rosenholzkonsolen, Rundbogenkaminen mit schwarzen Marmorsimsen und riesigen, verglasten Bücherschränken aus Mahagoni. Die alte Mrs. Mingott indes hatte ihr Haus später gebaut, die klotzigen Möbel ihrer Jugend höchstpersönlich hinausgeworfen und alberne Polstermöbel aus dem Zweiten Kaiserreich zwischen die Mingott-Erbstücke gestellt. Tagaus, tagein saß sie in ihrem Wohnzimmer im Erdgeschoss am Fenster, als wartete sie in aller Ruhe darauf, dass das Leben und die Mode Richtung Norden vor ihre einsame Tür getrieben wurden. Sie schien es nicht eilig zu haben, ihre Geduld war ebenso groß wie ihre Zuversicht. Sie war überzeugt, dass die Bretterzäune und Steinbrüche, die eingeschossigen Saloons, die hölzernen Gewächshäuser in den verwilderten Gärten und die Felsbrocken, von denen herab Ziegen den Schauplatz beäugten, angesichts des Vormarschs von herrschaftlichen Wohnhäusern, die so stattlich waren wie das ihre, ja vielleicht sogar – denn sie war eine unparteiische Frau – noch stattlicher, bald dahinschwänden und das Kopfsteinpflaster, über das die alten, klapprigen Omnibusse rumpelten, durch glatten Asphalt ersetzt werden würde, wie ihn manche Leute schon in Paris gesehen hatten. Vorläufig litt sie nicht unter ihrem abgelegenen Wohnort, da alle, die sie zu sehen wünschte, einfach zu ihr kamen. Sie vermochte ihre Räume ebenso leicht zu füllen wie die Beauforts, und das ohne ihrer abendlichen Speisenfolge einen einzigen Gang hinzuzufügen.

Der gewaltige Zuwachs an Fleisch, der in mittleren Jahren über sie hereingebrochen war wie Lava auf eine todgeweihte Stadt, hatte die mollige, emsige kleine Frau mit den hübsch geformten Füßen und Fesseln in eine gewaltige, ja majestätische Naturerscheinung verwandelt. Sie hatte dieses Verschüttetwerden ebenso gelassen hingenommen wie alle anderen Prüfungen, und jetzt, im hohen Alter, wurde sie dafür belohnt, denn in ihrem Spiegel zeigte sich eine fast faltenlose Fläche aus festem rosa und weißem Fleisch, in dessen Mitte die Spuren eines kleinen Gesichts überlebt hatten, als wartete es darauf, ausgegraben zu werden. Ein weiches Doppelkinn nach dem anderen führte hinab zu den schwindelerregenden Tiefen eines noch immer schneeweißen Busens, der von schneeweißem Musselin verhüllt war, welcher wiederum von einem Miniaturporträt des verstorbenen Mr. Mingott zusammengehalten wurde. Rundherum und weiter unten wallten Wogen schwarzer Seide über die Ränder eines ausladenden Lehnstuhls, und irgendwo dazwischen balancierten zwei winzige weiße Hände wie Möwen auf den Wellen.

Diese Fleischeslast machte es Mrs. Manson Mingott seit Langem unmöglich, Treppen zu steigen, und so hatte sie mit der für sie typischen Eigenwilligkeit ihre Empfangsräume in den ersten Stock verlegt und sich selbst (in krasser Missachtung sämtlicher New Yorker Anstandsregeln) im Erdgeschoss des Hauses eingerichtet. Wenn man also bei ihr am Wohnzimmerfenster saß, sah man durch eine stets offene Tür und eine geraffte gelbe Damastportiere unvermutet in ein Schlafzimmer mit einem riesigen, niedrigen, gepolsterten Bett, einem neckisch mit Spitzen und Rüschen verzierten Toilettentisch und einem vergoldeten Spiegel.

Ihre Besucher waren entsetzt und gleichzeitig fasziniert von dieser fremdartigen, an französische Romane erinnernden Einrichtung, von dieser innenarchitektonischen Einladung zur Sittenlosigkeit, auf die ein gewöhnlicher Amerikaner nicht einmal im Traum verfallen wäre. So hatten in der verruchten Alten Welt Frauen mit Liebhabern gelebt, in Wohnungen, wo alle Räume in unzüchtiger Tuchfühlung auf einem Geschoss lagen. So beschrieben es jedenfalls die Romane. Newland Archer, der die Liebesszenen aus «Monsieur de Camors»25 insgeheim in Mrs. Mingotts Schlafzimmer angesiedelt hatte, amüsierte der Gedanke, dass sich ihr untadeliges Leben in einem Bühnenbild für Ehebruchsdramen abspielte, doch er sagte sich nicht ohne Bewunderung, wenn sie einen Liebhaber nach ihrem Geschmack gefunden hätte, so hätte die unerschrockene Frau sich auch den genommen.

Zur allgemeinen Erleichterung war die Gräfin Olenska während des Besuchs der Verlobten nicht im Salon ihrer Großmutter. Mrs. Mingott erklärte, sie sei ausgegangen – was an einem so strahlenden Sonnentag und zur Haupteinkaufszeit für eine kompromittierte Frau schon an sich eine Taktlosigkeit war. Aber es ersparte ihnen jedenfalls die Peinlichkeit ihrer Anwesenheit und die leise Trübung, die ihre unglückliche Vergangenheit auf die strahlende Zukunft der Brautleute werfen mochte. Wie zu erwarten war, verlief der Besuch erfolgreich. Die alte Mrs. Mingott freute sich sehr über die Verlobung, die, von aufmerksamen Verwandten längst erahnt, im Familienrat ausführlich besprochen worden war, und der Verlobungsring, ein großer, dicker, von unsichtbaren Krallen gehaltener Saphir, fand ihre uneingeschränkte Bewunderung.

«Es ist die neue Art, Ringe zu fassen. Natürlich bringt sie den Stein sehr schön zur Geltung, aber für konservative Augen sieht er doch ein bisschen kahl aus», erklärte Mrs. Welland mit einem entschuldigenden Seitenblick auf ihren künftigen Schwiegersohn.

«Konservative Augen? Ich hoffe, du sprichst nicht von meinen, meine Liebe? Ich mag alles Neue», sagte die Stammesmutter und hielt sich den Stein vor die kleinen, strahlenden Augen, die nie von einer Brille verunstaltet worden waren. «Sehr hübsch», fuhr sie fort und gab das Schmuckstück zurück, «sehr großzügig. Zu meiner Zeit hielt man eine in Perlen gefasste Kamee für ausreichend. Aber die Hand macht den Ring, nicht wahr, mein lieber Mr. Archer?» Und sie wedelte mit ihrer winzigen Hand mit den kleinen, spitzgefeilten Nägeln und den greisenhaften Fettwülsten, die das Gelenk umschlossen wie elfenbeinerne Armreife. «Meine Hand wurde in Rom von dem großen Ferrigiani26 abgeformt. Ihr hättet auch Mays Hand nachmodellieren lassen sollen, er hätte das bestimmt gemacht, mein Kind. Sie hat eine große Hand, diese modernen Sportarten spreizen die Gelenke, aber die Haut ist weiß. – Und wann soll die Hochzeit sein?», unterbrach sie sich und blickte Archer an.

«Oh», murmelte Mrs. Welland, und der junge Mann lächelte seine Braut an und erwiderte: «Sobald wie irgend möglich, wenn Sie mich unterstützen, Mrs. Mingott.»

«Wir sollten ihnen noch Zeit lassen, damit sie einander ein bisschen besser kennenlernen, Mama», gab Mrs. Welland mit einer Miene angemessenen Widerstrebens zu bedenken, woraufhin die alte Dame erwiderte: «Kennenlernen? Quatsch! In New York kennt jeder jeden. Lass dem jungen Mann seinen Willen, meine Liebe. Warte nicht, bis die Luft raus ist. Verheirate sie noch vor der Fastenzeit. Ich kann jetzt jeden Winter eine Lungenentzündung bekommen, und ich möchte doch das Hochzeitsfrühstück ausrichten.»

Diese Äußerungen wurden eine nach der anderen mit großer Heiterkeit, Skepsis und Dankbarkeit aufgenommen, und der Besuch endete in einer Atmosphäre gelinden Frohsinns, als sich die Tür öffnete und die Gräfin Olenska in Hut und Mantel eintrat, unerwarteterweise gefolgt von der Gestalt Julius Beauforts.

Unter den Damen erhob sich erfreutes Cousinengemurmel, und Mrs. Mingott streckte dem Bankier Ferrigianis Modell entgegen. «Ach! Beaufort, welch seltene Gunst!» Sie hatte die merkwürdige fremdländische Angewohnheit, Männer mit ihrem Nachnamen anzusprechen.

«Danke. Ich wollte, ich käme öfter dazu», antwortete der Besucher ungezwungen und überheblich wie immer. «Ich bin meistens sehr eingespannt, aber ich habe die Gräfin Ellen am Madison Square getroffen, und sie hat mir freundlicherweise gestattet, sie nach Hause zu begleiten.»

«Ah! Jetzt, wo Ellen hier ist, wird es hoffentlich lustiger im Haus!», rief Mrs. Mingott mit prachtvoller Unverschämtheit. «Setzen Sie sich, Beaufort, setzen Sie sich. Schieben Sie den gelben Sessel hierher. Wenn ich Sie schon da habe, will ich auch erfahren, was es Neues gibt. Ihr Ball soll großartig gewesen sein, und ich habe gehört, Sie haben Mrs. Lemuel Struthers eingeladen? Da bin ich neugierig. Ich würde diese Frau gern ebenfalls kennenlernen.»

Sie hatte ihre Verwandten, die unter der Führung von Ellen Olenska in die Halle hinausschlenderten, schon vergessen. Die alte Mrs. Mingott hatte Julius Beaufort immer sehr bewundert; irgendwie waren sie Seelenverwandte in ihrem kalten, tyrannischen Verhalten und ihrer Geringschätzung der Konventionen. Nun wollte sie unbedingt wissen, was die Beauforts bewogen hatte, zum ersten Mal Mrs. Lemuel Struthers einzuladen, die Witwe von «Struthers’ Schuhcreme», die vor einiger Zeit von ihrem Aufenthalt in Europa, wo sie sich den nötigen kulturellen Feinschliff geholt hatte, heimgekehrt war und jetzt die strenge kleine Festung New York bestürmte. «Wenn Sie und Regina sie einladen, ist die Sache natürlich entschieden. Nun ja, wir brauchen neues Blut und neues Geld – und sie soll immer noch sehr gut aussehen», erklärte die fleischfressende alte Dame.

Während in der Halle Mrs. Welland und May ihre Pelze anlegten, bemerkte Archer, wie die Gräfin Olenska ihn mit einem leicht fragenden Lächeln ansah.

«Sie wissen natürlich schon Bescheid … über May und mich», sagte er und beantwortete ihren Blick mit einem verlegenen Lachen. «Sie hat mich gerügt, weil ich Ihnen die Neuigkeit nicht schon gestern Abend in der Oper mitgeteilt habe. Sie hatte mir befohlen, Ihnen zu erzählen, dass wir verlobt sind – aber ich konnte es nicht inmitten all dieser Menschen.»

Das Lächeln glitt von Gräfin Olenskas Augen zu ihren Lippen. Sie sah nun jünger aus, wieder eher wie die kecke brünette Ellen Mingott seiner Kindheit. «Natürlich weiß ich es, ja. Und ich freue mich sehr. Aber so etwas erzählt man nicht in einer Menschenmenge.» Die Damen standen schon unter der Tür, und sie reichte ihm die Hand. «Auf Wiedersehen. Kommen Sie mich doch einmal besuchen», sagte sie, den Blick noch immer auf Archer gerichtet.

In der Kutsche, auf dem Weg in die Fifth Avenue, sprachen sie demonstrativ nur über Mrs. Mingott, ihr Alter, ihren Elan und all ihre wunderbaren Eigenschaften. Niemand erwähnte Ellen Olenska, doch Archer wusste, dass Mrs. Welland dachte: «Es war ein Fehler, dass Ellen sich schon einen Tag nach ihrer Ankunft zur Hauptverkehrszeit mit Julius Beaufort auf der Fifth Avenue sehen ließ», und der junge Mann fügte in Gedanken hinzu: «Und sie müsste wissen, dass ein frisch verlobter Mann seine Zeit nicht mit Besuchen bei verheirateten Frauen verbringt. Aber da, wo sie gelebt hat, tut man das wahrscheinlich. Man tut nichts anderes.» Und obwohl er sich stets seiner weltläufigen Ansichten rühmte, dankte er dem Himmel, dass er ein New Yorker war und kurz davor stand, sich mit einer Frau seines Schlages zu verbinden.

5

Am nächsten Abend kam der alte Mr. Sillerton Jackson zu den Archers zum Dinner.

Mrs. Archer war eine scheue Frau und mied die Gesellschaft, wollte aber immer Bescheid wissen über das, was sich dort tat. Ihr alter Freund Mr. Sillerton Jackson erforschte die Privatangelegenheiten seiner Freunde mit der Geduld eines Sammlers und der Akribie eines Naturwissenschaftlers, und seine Schwester Miss Sophy Jackson, die bei ihm lebte und von all den Leuten eingeladen wurde, die ihres weit gefragteren Bruders nicht habhaft wurden, brachte kleine Stückchen minderwertigeren Klatsches mit nach Hause, mit denen sich die Lücken in seinem Bild gut füllen ließen.

Wenn also etwas geschah, über das Mrs. Archer informiert werden wollte, lud sie Mr. Jackson ein, und da sie nur wenigen Menschen die Ehre einer Einladung zuteilwerden ließ und sie und ihre Tochter Janey ein hervorragendes Publikum abgaben, kam Mr. Jackson meistens selbst, statt seine Schwester zu schicken. Wäre es ihm möglich gewesen, alle Bedingungen zu diktieren, so hätte er die Abende gewählt, an denen Newland außer Haus war – nicht weil ihm der junge Mann unsympathisch gewesen wäre (im Club verstanden sie sich prächtig), sondern weil der alte Anekdotenerzähler bei Newland manchmal die Neigung spürte, seine Aussage infrage zu stellen, was bei den Damen der Familie nie vorkam.

Ließe sich auf dieser Welt so etwas wie Vollkommenheit erreichen, hätte sich Mr. Jackson auch gewünscht, Mrs. Archers Essen wäre ein wenig besser gewesen. Aber New York zerfiel nun einmal seit Menschengedenken in die beiden großen Hauptgruppen, die Sippe der Mingotts und Mansons einerseits, die viel Wert auf Essen, Kleidung und Geld legten, und die Familien Archer, Newland, van der Luyden andererseits, die eine Vorliebe für Reisen, Gartenbau und gute Literatur hatten und auf die gröberen Genüsse herabsahen.

Man kann eben nicht alles haben. Wenn man bei den Lovell Mingotts speiste, bekam man Riesentafelente, Sumpfschildkröte und Jahrgangsweine. Dafür konnte man sich bei Adeline Archer über Alpenlandschaften und den «Marmorfaun»27 unterhalten. Zum Glück war wenigstens der Madeira der Archers einmal ums Kap geschippert. Wenn also eine freundliche Einladung von Mrs. Archer eintraf, pflegte Mr. Jackson, ein echter Eklektiker, zu seiner Schwester zu sagen: «Seit meinem letzten Dinner bei den Lovell Mingotts zwickt mich wieder die Gicht – da wird mir Adelines Schonkost guttun.»

Mrs. Archer, seit Langem verwitwet, lebte mit ihrem Sohn und ihrer Tochter in der West Twenty-eighth Street. Ein höher gelegenes Stockwerk war Newland vorbehalten, die beiden Frauen zwängten sich weiter unten in engere Räumlichkeiten. In ungetrübter Harmonie hinsichtlich Geschmack und Interessen kultivierten sie Farne in Terrarien, knüpften Makrameeborten, bestickten Leinen mit Wolle, sammelten amerikanische Keramik aus der Revolutionszeit, hatten «Good Words»28 abonniert und lasen Ouidas29 Romane – wegen des italienischen Flairs. (Am liebsten die über das Landleben, wegen der Landschaftsbeschreibungen und der erfreulicheren Gefühle. Im Allgemeinen bevorzugten sie jedoch Romane über Menschen aus besseren Kreisen, deren Beweggründe und Gebräuche ihnen vertrauter waren, urteilten streng über Dickens, «der einen Gentleman noch nie gereizt hat», und fanden Thackeray weniger weltmännisch als Bulwer30 – der allerdings allmählich aus der Mode kam.)

Mrs. und Miss Archer liebten schöne Landschaften. Hauptsächlich diese suchten und bewunderten sie auf ihren gelegentlichen Auslandsreisen; Architektur und Malerei waren etwas für Männer, vor allem für Gelehrte, die Ruskin31 lasen. Mrs. Archer war eine geborene Newland, und Mutter und Tochter, die einander glichen wie Schwestern, waren beide, wie die Leute sagten, «typische Newlands», groß und blass, mit leicht hängenden Schultern, langen Nasen, einem reizenden Lächeln und von jener matten Vornehmheit, die man auf gewissen verblassten Reynolds-Porträts32 findet. Ihre äußere Ähnlichkeit wäre vollkommen gewesen, hätte nicht ein altersbedingtes embonpoint33 Mrs. Archers schwarzen Brokat gedehnt, wohingegen Miss Archers braun-violetter Popeline im Lauf der Jahre immer lockerer an ihrem jungfräulichen Knochengerüst hing.

Im Denken waren sie, wie Newland wohl wusste, einander weniger ähnlich, als ihre übereinstimmenden Marotten es nahelegten. Das lange Zusammenleben in gegenseitig abhängiger Vertrautheit hatte bei beiden dasselbe Vokabular herausgebildet und dieselbe Angewohnheit, Sätze mit «Mutter glaubt» oder «Janey glaubt» zu beginnen, je nachdem, welche ihrer eigenen Meinung Geltung verschaffen wollte. Aber während Mrs. Archers heitere Fantasielosigkeit behaglich im allgemein Anerkannten und Vertrauten ruhte, war Janey in Wirklichkeit allerlei Schrecken und abweichlerischen Launen unterworfen, die sich aus unterdrückter Romantik speisten.

Mutter und Tochter liebten einander innig und verehrten ihren Sohn und Bruder, und auch Archer liebte sie zärtlich, doch das Wissen um ihre übertriebene Bewunderung und seine uneingestandene Genugtuung darüber verliehen dieser Zärtlichkeit etwas Zerknirschtes und Unkritisches. Im Grunde fand er es gut, wenn ein Mann in seinem eigenen Haus als Autorität respektiert wurde, auch wenn sein Sinn für Humor ihn manchmal am Wert seines Mandats zweifeln ließ.

Bei diesem Anlass nun war der junge Mann ziemlich sicher, dass es Mr. Jackson lieber gewesen wäre, er hätte außer Haus gespeist, aber er hatte seine Gründe, dies nicht zu tun.

Natürlich wollte der alte Jackson über Ellen Olenska reden, und natürlich wollten Mrs. Archer und Janey hören, was er zu erzählen hatte. Newlands Anwesenheit würde alle drei ein wenig in Verlegenheit bringen, nun da seine künftige Verwandtschaft mit dem Mingott-Clan ruchbar geworden war, und der junge Mann wartete belustigt und neugierig, wie sie diese Schwierigkeit meistern würden.

Sie begannen ihr Gespräch mit einem Umweg über Mrs. Lemuel Struthers.

«Es ist bedauerlich, dass die Beauforts sie eingeladen haben», erklärte Mrs. Archer sanft. «Aber Regina tut ja immer alles, was Beaufort sagt, und er …»

«Beaufort hat für manche Nuancen kein Gespür», antwortete Mr. Jackson, während er vorsichtig den gebratenen Maifisch inspizierte und sich zum hundertsten Mal fragte, warum Mrs. Archers Köchin den Rogen regelmäßig völlig verkohlen ließ. (Newland, den seit Langem die nämliche Frage plagte, bemerkte es stets an der melancholisch missbilligenden Miene des alten Mannes, wenn er so dachte.)

«Ja, unbedingt. Beaufort ist ein ordinärer Mensch», pflichtete Mrs. Archer bei. «Mein Großvater Newland sagte immer zu meiner Mutter: ‹Was du auch tust, lass nicht zu, dass dieser Beaufort deinen Mädchen vorgestellt wird.› Aber zumindest hat er mit Gentlemen verkehrt, angeblich auch in England. Es ist alles sehr rätselhaft.» Sie blickte zu Janey hinüber und schwieg. Sie und Janey kannten jedes Detail des Beaufort’schen Rätsels, doch vor anderen Leuten tat Mrs. Archer weiterhin so, als sei das kein passendes Thema für eine unverheiratete Dame.

«Aber diese Mrs. Struthers», fuhr Mrs. Archer fort, «wo kommt die her, sagtest du, Sillerton?»

«Sie stammt aus einem Bergwerk – oder vielmehr aus dem Saloon neben dem Grubeneingang. Später ist sie mit einem Wachsfigurenkabinett durch Neuengland getingelt. Nachdem die Polizei dem ein Ende gemacht hatte, soll sie als …» Mr. Jackson blickte nun seinerseits zu Janey hinüber, der bereits die Augen aus dem Kopf traten. Für sie gab es noch immer Leerstellen in Mrs. Struthers’ Vergangenheit.

«Dann», fuhr Mr. Jacksons fort (und Archer sah, wie er sich fragte, warum niemand dem Butler abgewöhnt hatte, die Gurken mit einem Stahlmesser zu schneiden34), «dann kam Lemuel Struthers daher. Sein Annoncenchef soll das Porträt des Mädchens für die Schuhcremeplakate verwendet haben, ihr Haar ist nämlich tiefschwarz, wie bei einer Ägypterin. Jedenfalls heiratete er sie … zu guter Letzt.» Wie er dieses «zu guter Letzt» nachschob und Silbe für Silbe betonte, das sprach Bände.

«Nun ja, heutzutage spielt so etwas keine Rolle mehr», sagte Mrs. Archer gleichgültig. Für Mrs. Struthers interessierten sich die Damen im Augenblick gar nicht, dazu war das Thema Ellen Olenska viel zu neu und fesselnd. Im Grunde hatte Mrs. Archer die Rede nur auf Mrs. Struthers gebracht, um kurz darauf fragen zu können: «Und Newlands neue Cousine, die Gräfin Olenska? War sie auch auf dem Ball?»

In dem Hinweis auf ihren Sohn schwang leiser Spott mit, und Archer merkte dies und hatte es erwartet. Sogar Mrs. Archer, die sich über zwischenmenschliche Vorkommnisse selten übermäßig freute, war über die Verlobung ihres Sohnes sehr glücklich gewesen. «Vor allem nach dieser dummen Sache mit Mrs. Rushworth», hatte sie zu Janey gesagt und damit auf das angespielt, was Newland einst als Tragödie empfunden hatte, die in seiner Seele wohl für immer eine Narbe hinterlassen würde. In ganz New York gab es keine bessere Partie als May Welland, von welcher Seite man die Sache auch betrachtete. Natürlich stand Newland eine solche Heirat zu, aber junge Männer sind so dumm und unberechenbar und manche Frauen so verführerisch und skrupellos, dass es fast an ein Wunder grenzte, wenn der einzige Sohn sicher an der Insel der Sirenen vorbeisegelte und im Hafen eines untadeligen Familienlebens landete.

All dies spürte Mrs. Archer, und ihr Sohn wusste, dass sie es spürte, aber er wusste auch, dass die vorzeitige Bekanntgabe seiner Verlobung oder vielmehr deren Ursache sie beunruhigte; und aus genau diesem Grund blieb er, der sonst ein milder und nachsichtiger Hausherr war, an diesem Abend zu Hause. «Es ist ja nicht so, dass ich den esprit de corps der Mingotts nicht gutheiße, aber ich sehe nicht ein, warum Newlands Verlobung mit dem Kommen und Gehen dieser Olenska verquickt werden muss», hatte sich Mrs. Archer murrend bei Janey beschwert, dem einzigen Menschen, der manchmal kurz Zeuge wurde, wie sie ihre Maske vollkommener Liebenswürdigkeit fallen ließ.