Zeit des Mutes - Christiane Lind - E-Book
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Zeit des Mutes E-Book

Christiane Lind

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Beschreibung

SHORTLIST DEUTSCHER SELFPUBLISHING-PREIS 2019 Eine emotionale Geschichte über zwei starke Frauen aus unterschiedlichen Schichten der Gesellschaft, die mutig ihren eigenen Weg gehen. Deutschland, 1913: Als es Emmas Eltern endgültig zu viel wird, schicken sie ihre rebellische Tochter nach England, wo sie auf dem Landsitz Hazelwell Manor Manieren lernen und einen Ehemann finden soll. Tatsächlich kann Emma den jungen Lord Percival zur Heirat bewegen, doch diese lieblose Ehe wird für sie zum Gefängnis. In London trifft Emma auf das ehemalige Dienstmädchen Lucy, das inzwischen für die bekannte Frauenrechtlerin Lady Eleanor Ingham arbeitet. Lady Eleanor zeigt Emma den Weg auf, der auch für sie die Befreiung bedeuten könnte: Der Kampf um mehr Rechte für die Frau. Zögernd schließt sich Emma den „Suffragetten“ an, doch dieser Entschluss erfordert ihren ganzen Mut … Ladys und Dienstmädchen kämpfen Seite an Seite für das Wahlrecht – der neue Roman von Bestsellerautorin Christiane Lind Für Fans von "Downton Abbey" und "Das Haus am Eaton Place". Neuveröffentlichung von "Zeit des Mutes"! Das sagen Leserinnen: … Lesestoff, der mitreißt, mitnimmt, Emotionen unterschiedlichster Art hervorruft und bis zur letzten Seite mitfiebern lässt. … spannenden und abwechslungsreichen historischen Roman … sofort in die damalige Zeit eintauchen, die Geschichte genießen und mit den mehr als mutigen Frauen mitfiebern. … ein sehr mutiges und fesselndes Buch … super geschrieben … gut unterhalten, emotional berührt und las sich sehr flüssig … Mutige Charaktere, die sich in dieser Zeit weit entwickeln und unter Einsatz ihres Lebens durchsetzen … Verdiente absolute Leseempfehlung … Die Charaktere sind authentisch , geradeheraus und vor allem lebendig … Das Buch ist spannend und nervenaufreibend und sehr gut recherchiert … von Anfang an gefesselt hat und nicht mehr loslässt … spannende, berührende und lehrreiche Geschichte … ich habe mich mit den Heldinnen gefreut...hab mit ihnen gelitten … wundervolle Lesestunden Den Frauen gewidmet, die vor einhundert Jahren das Wahlrecht in England und Deutschland erkämpften.

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Inhaltsverzeichnis

Dramatis Personae

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Epilog

Glossar

Das feine Leben auf dem Land

Der Kampf der Suffragetten

Ausgewählte Ereignisse im Kampf um das Frauenstimmenrecht

Wann erhielten Frauen das Wahlrecht?

Hintergrund - Literatur

Nachwort und Dank

Impressum

Copyright © 2018, AIKA Consulting GmbH, alle Rechte vorbehalten

Berliner Straße 52

34292 Ahnatal

www.christianelind.de

Buchcoverdesign: Grit Bomhauer, www.grittany-design.deunter Verwendung von Bildmaterial von

© Adobe Stock - LewaL2010 / Lotharingia / Olena Boronchuk

© Shutterstock - Patryk Kosmider / Vlasov Yevhenii

Lektorat: Katrin Rodeit, www.julia-rodeit.de

sowie Melanie Lahmer, www.siegerland-krimis.de

Korrektorat: Claudia Heinen, www.sks-heinen.de

Satz / Layout: Grit Bomhauer, www.grittany-design.de

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung der Autorin.

Für die Links zu den Webseiten Dritter übernehme ich keine Haftung, da ich mir diese nicht zu eigen mache, sondern lediglich auf sie verweise, mit dem Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung.

Personen und Handlungen sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Markennamen und Warenzeichen, die im Buch verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Eigentümer.

CHRISTIANE LIND

ROMAN

Zur Erinnerung an meine Mutter,

die als Dienstmädchen arbeitete.

Den Kämpferinnen für das Frauenstimmrecht gewidmet – mit Dank.

Dramatis

Personae

Braunschweig

Emma zu Sommerfeldt

Arthur zu Sommerfeldt - Emmas Vater

Dora zu Sommerfeldt - Emmas Mutter

Franz zu Sommerfeldt - Emmas Bruder

Gräfin von Rapp - Emmas Patentante

Bertha - Hausmädchen der Familie zu Sommerfeld

Ida - Köchin der Familie zu Sommerfeldt

Meta - Emmas Zofe

Hazelwell manor

Lucy Marshman - Hausmädchen

Helen Marshman - Lucys Mutter

Bertie Marshman - Lucys Bruder

Whiskers - Lucys Katze

Eunice und Honora Birdwhistle - Lucys erste Herrschaft

Lord Frederick Blakenham - Earl of Ashworth

Lady Clarice Blakenham - Countess of Ashworth

Percival Blakenham

Florence Blakenham

Georgina Blakenham

Millicent Blakenham

Reginald Sutcliffe - Freund von Percival

Ethel - Küchenmädchen

Jessie - Hausmädchen

Katie - Hausmädchen

Kenneth - Zweiter Diener

Leopold - Erster Diener

Maude - Erstes Hausmädchen

Mr Hutchins - Butler

Mr Pratt - Lord Ashworths Kammerdiener

Mrs Griffith - Köchin

Mrs Nichols - Inhaberin des Dorfladens

Mrs Ogden - Hausdame

Mrs Withers - Nurse

Ms. Fernsby - Zofe von Lady Ashworth

Olive - Hausmädchen

Rose - Nursemaid

London

Bessie Wedge - Lucys Tante

Daisy Wedge - Lucys Cousine

Harold Wedge - Lucys Onkel

Nellie Wedge - Lucys Cousine

Winifred Clarke - Wäscherin

Dorothy Barley - Wäscherin und Sozialistin

Alice Rushforth- Suffragette

Emmeline Pankhurst* - Suffragette

Emily Wilding Davison* - Suffragette

Eleanor Ingham - Suffragette

Mr Davies - Butler von Lady Eleanor Ingham

Polly - Emmas Zofe

BERLIN

Johanna Spangenberg - Emmas Freundin, mit der sie eine Wohnung teilt

* reale historische Personen

Kapitel 1

Braunschweig, 1913

Liebes Tagebuch,

nur dir kann ich mich anvertrauen. Niemand sonst wird verstehen, dass mein Herz gebrochen ist, dass mein Leben keinen Sinn mehr hat, dass ich ebenso gut bereits tot sein könnte.

Emma legte den Füllfederhalter zur Seite und stieß einen Seufzer aus. Das Blatt ihres in rotes Leder gebundenen Buches verschwamm vor ihren Augen, weil ihr wieder die Tränen kamen. Dabei hatte sie in den vergangenen Tagen so viel geweint, dass sie ausgetrocknet sein müsste. Sie suchte in der Schublade der Frisierkommode, die ihr als Schreibtisch diente, nach einem Taschentuch und schnäuzte sich ausgiebig. Es war ja niemand hier, der Anstoß daran nehmen konnte.

Nachdem sie ihre Fassung wiedergewonnen hatte, las sie durch, was sie geschrieben hatte.

»Das verdient er nicht«, murmelte sie und stieß ein Schnauben aus. »Außerdem klingt es furchtbar pathetisch. Später werde ich mich dafür schämen, so etwas formuliert zu haben.«

Sie griff nach dem Blatt, zögerte aber. Sollte sie es wirklich herausreißen? Sollte sie ihre tiefen Gefühle verraten, nur weil diese ihr später – wann immer das auch sein mochte – peinlich sein könnten? Man führte ein Tagebuch, um sich der Wahrheit zu stellen. Also nahm sie den Füllfederhalter wieder auf, holte tief Luft und setzte an.

»Gnädiges Fräulein. Sie wollen bestimmt nicht zu spät zu Tisch kommen.« Meta, das Erste Hausmädchen, das auch als Zofe für Emma arbeitete, trat ins Zimmer. »Die Köchin hat sich heute besonders viel Mühe gegeben.«

»Ich habe keinen Hunger.« Das war nicht gelogen. Seit Tagen verspürte sie keinen Appetit mehr und zwang sich bei Tisch dazu, ein paar winzige Happen zu essen, um nicht den Argwohn ihrer Mutter zu erwecken. Dabei wollte die, dass Emma schlanker wurde, um dem gängigen Ideal einer schönen Frau zu entsprechen.

»Wenn ein Mann mich liebt, dann muss er mich so lieben, wie ich bin«, war stets Emmas Antwort, was ihre Mutter mit einem »Papperlapapp« zur Seite wischte.

»Wenn Sie nicht zum Abendessen kommen, verärgern Sie Ihre Eltern.« Meta, äußerst vorlaut für ein Dienstmädchen, verdrehte die Augen. »Das sollten Sie jetzt wohl besser nicht, oder?«

Selbst die Dienstboten zerrissen sich die Münder über ihre Schande. Am liebsten hätte Emma geschrien oder wäre geflohen, ganz weit weg, doch sie war gefangen. Hier in der hochherrschaftlichen Braunschweiger Villa, gemeinsam mit ihren Eltern und ihrem Bruder. Die einzige Chance auf Freiheit hatte man ihr genommen.

»Sag unten Bescheid, ich bin gleich da.«

»Soll ich Ihre Frisur richten?«

»Nein.« Emma schaute sich im Spiegel an. Ihre dunkelbraunen Haare hatten sich aus der Hochsteckfrisur gelöst, als sie wieder und wieder mit den Fingern hindurchgefahren war, getrieben von bitteren Erinnerungen. »Oder besser doch.«

Während sie im Spiegel beobachtete, wie geschickt Meta die Strähnen zu einer eleganten Haartracht knüpfte, wollten ihre Gedanken erneut wandern, aber Emma verbat es ihnen. Sie hatte schon viel zu viel Zeit und Überlegungen verschwendet. Sie wollte nicht trauern, sondern leben, denn das wäre die beste Rache. Eine neue Liebe finden und glücklich werden. Oder einem weißen Hasen in ein Wunderland folgen. Wer sollte sie schon lieben?

»Bitte schön.«

»Danke. Geh voraus und gib Bescheid, ich habe noch zu tun.«

Sie konnte sie förmlich auf Metas Gesicht ablesen, die Frage, was ein junges Fräulein wie sie schon zu arbeiten hätte, aber das Dienstmädchen schwieg und ging.

Emma hielt eine Brosche an ihr Kleid, entschied sich dagegen, nahm eine Gemme, die ihr auch nicht gefiel. Sie trödelte, obwohl sie wusste, wie sehr ihre Eltern es hassten, wenn sie sich zum Abendessen verspätete. Doch sie ertrug dieses familiäre Beisammensein kaum. Ihre Kehle fühlte sich an wie zugeschnürt und der Appetit war ihr vergangen, wenn sie daran dachte, was sie erwartete. Vielleicht sollte sie vorgeben, krank zu sein, um wenigstens einen Abend Ruhe zu haben.

»Dafür bin ich zu feige. Wie für so vieles.« Sie schaute in den Spiegel, kniff sich in ihre runden Wangen, damit diese Farbe bekamen, und begab sich auf den Weg zum Speisezimmer.

Was wäre heute Abend wohl das Thema, zu dem ihr Vater seine Meinung zum Besten geben würde? Manchmal konnte Emma es nicht mehr aushalten, ihn schwadronieren zu hören. Immer wieder stellte sie sich vor, wie sie aufsprang und schrie: »Ich ertrage das nicht mehr! Halte einfach den Mund!«

Oft malte sie sich vor dem Einschlafen diese Szene in den buntesten Farben aus. Sie sah es vor sich, wie ihr Vater erst stutzte, dann die Augen aufsperrte, während sein rundes Gesicht hinter dem gewaltigen Schnurrbart rot anlief. Aus seinem aufgerissenen Mund kam kein Ton, sodass er sie an einen der Karpfen erinnerte, die es jedes Jahr zu Weihnachten gab. Der arme Fisch lebte drei Tage in einem Zuber in der Küche, bevor Ida, die Köchin, ihm Heiligabend den Garaus machte.

Doch in der Wirklichkeit fehlte Emma der Mut, genau wie ihrem drei Jahre jüngeren Bruder und ihrer Mutter. Stumm hörten sie sich an, was der Vater zu sagen hatte, und dachten sich ihren Teil. Obwohl sie sich bei Franz nicht sicher war, ob der überhaupt etwas dachte.

»Unglaublich, was in London geschieht.« Der spitze Zeigefinger ihres Vaters durchstach die Luft. »Wilde Weiber, die Bomben legen.«

Auf der Anrichte lag die »Braunschweigische Tageszeitung«, in der er wohl etwas entdeckt hatte, was seinen Zorn erregte. Das konnte vieles sein: Arbeiter, die mehr Rechte forderten; etwas, das Heinrich Jasper, Mitglied der Braunschweiger Stadtverordnetenversammlung und – schlimmer noch – SPD-Mitglied, gesagt hatte; überhaupt alles, was Veränderungen bedeuten konnte. Für ihren Vater war die Welt gut, so wie sie war.

»Das Wahlrecht wollen sie. Was ist dann das Nächste?« Ihr Vater stieß ein Schnauben aus, mit dem er stets ihm abwegig erscheinende Ideen begleitete. »Eine Frau gehört in die Familie. Das ist gottgewollt.«

»Arthur, bitte. Gibt es heute kein passenderes Thema?«

Was hatte das zu bedeuten? Warum griff ihre Mutter ein und versuchte, den Vater von seinem Monolog abzubringen? Sollte sie etwa für das Wahlrecht sein? Emma kniff die Lippen zusammen, damit sie nicht kicherte. Diese Vorstellung war gar zu abwegig.

»England ist kein sicheres Land mehr.«

»Arthur!«

Endlich hatte ihr Vater sich genügend echauffiert und schaufelte Rindfleisch in sich hinein.

»Emma, bitte denk daran«, erklang die helle Stimme ihrer Mutter, wie immer begleitet von einem tadelnden Unterton. »Eine Dame isst wie ein Spatz, nicht wie eine Dogge.«

Sofort ließ Emma das Besteck fallen, das mit hellem Klirren auf dem weißen Porzellan landete. Sie hatte weder bemerkt, wie viel, noch, was sie gegessen hatte. Automatisch hatte sie die Gabel zum Mund geführt, während sie versuchte, die Worte ihres Vaters an sich vorbeifließen zu lassen.

»Entschuldige«, flüsterte Emma. Gierig schaute sie zu, wie ihr Bruder sich das zweite Mal vom Fleisch nahm. Vielleicht würde Ida ihr später eine Stulle mit kaltem Braten machen, wenn Emma sie darum bat. Oder besser noch: ein Stück ihres köstlichen Schokoladenkuchens, dessen schwere Süße so wunderbar tröstlich war. Ja, damit würde sie sich dafür belohnen, dass sie auch heute Abend die brave Tochter gespielt hatte, obwohl sie sich nichts sehnlicher wünschte, als ihrem Elternhaus zu entfliehen. In die nächste Gefangenschaft, wie sie zu gut wusste. Es gab für sie nur eine Möglichkeit, frei zu sein – sie musste heiraten. Dann allerdings wäre sie dem Willen ihres Ehemanns unterworfen. Ob das wirklich so viel besser war? Männern konnte man nicht trauen, wie sie bitter hatte lernen müssen.

Außerdem würden sich die Heiratskandidaten nicht gerade die Klinke in die Hand geben. Sie war keine Schönheit, das zeigte Emma jeder Blick in den Spiegel. Sie war zu groß, sie war zu dick, ihre dunkelbraunen Haare waren zu fein, ihre Nase zu breit, ihre grünen Augen zu klein – ach, ellenlang war die Liste ihrer Unzulänglichkeiten. Das Einzige, worauf sie hoffen konnte, war ihre Mitgift – und selbst die war nicht so üppig, dass sie Männer anzog wie Honig die Fliegen. Ganz zu schweigen davon, dass sie sich selbst durch ihre Dummheit wohl jede Aussicht auf eine Ehe genommen hatte.

Emma rang nach Luft, als sie erneut die Vision ihrer Zukunft überkam, in der sie weiterhin mit ihren Eltern lebte und diese ewig gleichen Abendessen bis in die Unendlichkeit hinein erdulden musste. Niemals! Sie würde alles unternehmen und irgendeinen Mann heiraten, um ihren Eltern zu entkommen.

»Emma!«

»Ja, Mutter. Entschuldigung.«

Warum lächelte ihre Mutter, obwohl Emma sich weggeträumt hatte und damit wieder einmal die hohen Erwartungen ihrer Mutter nicht erfüllt hatte? Das bereitete ihr beinahe noch mehr Sorge als der Vater, dessen Zeigefinger seine Worte voller Verve begleitete.

»Emma. Wir haben eine wunderbare Überraschung für dich.«

»Ja?« Womit sollte sie so etwas verdient haben? Eigentlich hatte Emma eher mit einer Bestrafung gerechnet. Doch andererseits, konnte sie sicher sein, dass ihr die angekündigte Überraschung wirklich gefiel?

»Du wirst den Frühling in England verbringen.«

»In England?« Sie hasste es, wenn sie sich anhörte wie der Papagei ihrer Patentante, aber zu viele Gedanken überschlugen sich in ihrem Kopf. War das die Strafe für ihre Dummheit? Wurde sie verbannt? Oder hofften ihre Eltern, dem Skandal zu entgehen, wenn sie Emma wegschickten?

»Glaubt ihr, in England findet sich ein Mann für sie?« Emma verabscheute es, wenn ihr Bruder über sie redete, als säße sie nicht mit am Tisch. »Warum sollte sich dort einer opfern?«

»Franz! Das ist rüde und deiner nicht würdig.«

Beinahe hätte Emma nicht aufgepasst und das triumphierende Gesicht allzu deutlich gezeigt. Gerade noch rechtzeitig senkte sie den Kopf, damit niemand das Lächeln bemerkte, das ihre Mundwinkel umspielte. Endlich einmal bekam ihr Bruder etwas zu hören, weil er sie schikaniert hatte. Bisher konnte der Wunderknabe ja anstellen, was er wollte. Ihre Eltern beteten den Boden an, auf dem er ging. Dieser Triumph war so gewaltig, dass sie beinahe vergaß, was Franz Böses gesagt hatte.

Ihre Eltern wollten sie nach England schicken. Allein! Der Schrecken war so groß, dass Emma Schluckauf bekam. So sehr sie sich auch wünschte, ihrer Familie zu entkommen, so sehr grauste es ihr vor der Vorstellung, allein in einem fremden Land zu sein, dessen Sprache sie nur unzureichend beherrschte. Hatte ihr Vater nicht das Abendessen mit einem Plädoyer gegen das Land begonnen?

»Aber …«, begann sie mit piepsiger Stimme. »Aber was soll ich denn dort?«

»Du wirst nach Hazelwell Manor reisen. Lady Ashworth ist eine Großcousine von mir. Sei dankbar, dass sie dich eingeladen hat.«

Wieso sollte sie mich einladen? Sie kennt mich ebenso wenig wie ich sie. Sicher hat Mutter ihr einen Brief geschrieben, in dem sie gebeten hat, mich aus Braunschweig zu entfernen. Alles nur, weil ich dumm war.

»Was will Lady Ashworth wohl mit Emma?« Franz schien den Tadel bereits verwunden zu haben und stichelte weiter, etwas, was er perfekt beherrschte. »Hat sie einen Sohn, für den es in ganz England keine Frau gibt, weil er einen Buckel hat und sabbert?«

»Auf dein Zimmer.« Ihre Mutter klang zornig, wie Emma sie bisher noch nie erlebt hatte. »Und versuch nicht, dir nachher in der Küche das Dessert zu holen.«

»Aber, Mutter.« Franz wirkte rechtschaffen und zu Unrecht beschuldigt, doch bevor er ein weiteres Wort sagen konnte, griff ihr Vater ein.

»Keine Diskussion. Tu, was deine Mutter befohlen hat.«

Wütend sprang Franz auf, stieß den Stuhl um und stürmte aus dem Zimmer, ganz der verwöhnte Kronprinz, als den ihre Eltern ihn immer behandelten. Am liebsten hätte Emma ihm die Zunge herausgestreckt, aber das erschien ihr zu kindisch. Außerdem knallte Franz bereits die Tür hinter sich zu. Vater und Mutter wechselten einen Blick, der deutlich erkennen ließ, dass ihr Bruder dieses Mal nicht so einfach davonkommen würde. So sehr sie ihm das gönnte, begann Emma sich zu fragen, was so bedeutend sein konnte, dass ihre Eltern sich ausnahmsweise auf ihre Seite schlugen.

»Emma, dein Vater und ich müssen uns eingestehen, dass wir unseren Teil der Schuld an diesem … an diesem Desaster tragen.« Das Gesicht ihrer Mutter wirkte, als hätte sie in eine Zitrusfrucht gebissen. Ihre Oberlippe kräuselte sich, ein Ausdruck der Verachtung, den Emma hasste. »Wir haben dir zu viele Freiheiten gelassen und deine Erziehung vernachlässigt.«

Vater und du – als hättet ihr euch je um mich gekümmert. Alles, was ich gelernt habe, verdanke ich Frau Rotbusch.

Der Gedanke an ihre geliebte Gouvernante lenkte Emma einen Moment von der unerfreulichen Wendung ab, die das Tischgespräch genommen hatte.

»Äußere dich.«

»Ich kann niemals allein nach England reisen«, griff Emma nach dem ersten Strohhalm, der sich ihr darbot. »Das schickt sich nicht.«

»Selbstverständlich wird Meta dich begleiten.«

Das würde eine wunderbare Reise werden, begleitet von einer Zofe, die sich gern Frechheiten herausnahm.

»Emma.« Ein Hauch Ungeduld schwang im Tonfall mit, was Emma nur zu gut kannte. »Du wirst bald einundzwanzig und bist ohne Aussicht auf eine Ehe. Nicht nach dem, was du dir zuschulden hast kommen lassen. Vielleicht hast du in England ja Glück.«

»Ja, Mutter.« Die Nachspeise, ein wundervoll nach Zimt duftender Apfelstrudel, schmeckte wie Asche, als Emma sich eingestand, dass ihr Bruder recht hatte: Warum sollte ein Engländer sich in sie verlieben?

Kapitel 2

England, Hazelwell Manor 1913

Steh auf, du Langschläferin.« Eine Hand rüttelte an Lucys Schulter. Noch benommen und im Halbschlaf schlug sie nach dem Ärgernis, aber ohne Erfolg. Die Störung blieb bestehen, begleitet von dringlich klingenden Worten. »Komm, Lucy, wir dürfen nicht zu spät kommen.«

»Ich komm ja«, murmelte sie und öffnete die Augen. Jessies Gesicht war so nah, dass Lucy jede Sommersprosse auf der Nase des anderen Hausmädchens erkennen konnte – und das waren viele. Sie passten wunderbar zu der winzigen, koboldhaften Jessie mit den roten Haaren, denen es immer wieder gelang, sich aus dem Knoten zu lösen und sich unter dem weißen Häubchen hervorzustehlen. Wenn Jessie grinste, so wie jetzt, erschien ein tiefes Grübchen auf ihrer linken Wange. Ihre Freundin war all das, was Lucy so gerne wäre: zart, hübsch und absolut unerschrocken. Lucys Haare waren mausfarben und blieben stets brav im Knoten. Korrekt wie Lucy selbst, die sich stets bemühte, sich an alle Regeln zu halten. Was ihr auf Hazelwell Manor schwerfiel, denn es gab unglaublich viele davon, die sie oft nicht verstand. Und das frühe Aufstehen hasste sie, besonders wenn es draußen noch dunkel war.

Lucy richtete sich auf und stieß mit dem Ellenbogen Rules for the Manners of Servants in Good Families herunter. Das Buch lag bereits seit Wochen auf dem schmalen Nachttisch neben der Kerze, die ihr als Leselicht diente. Lucy hatte es fünfmal begonnen und war jedes Mal darüber eingeschlafen, so sehr sie sich auch bemühte. Die Benimmregeln für Bedienstete vermochten sie einfach nicht zu fesseln. Wie viel einfacher war das Leben als Hausmädchen bei den Schwestern Birdwhistle gewesen, wo Lucy vier Jahre in Diensten gestanden hatte.

»Einmal ausschlafen, das wäre himmlisch«, murmelte sie und setzte sich auf. Schlagartig wurde sie wach, als ihre bloßen Füße den eiskalten Holzboden berührten. »Man könnte meinen, es wäre Winter.«

»Dann schlaf halt mit Socken, so wie ich.« Jessie stand vor dem Spiegel und prüfte ein letztes Mal ihre Frisur.

»Und was mache ich dann, wenn es wirklich kalt ist?«

Jessies Antwort bestand aus einem Schulterzucken.

»Ich bringe Mrs Ogden und Ms. Fernsby ihre Tees, aber beeil dich.« Jessie rückte ihr weißes Häubchen zurecht, strich eine Falte an ihrem bedruckten Kleid glatt und schlüpfte aus der Kammer.

»Danke«, rief Lucy ihr hinterher, war aber nicht sicher, ob ihre Freundin sie überhaupt gehört hatte. Dann würde es morgen früh ihre Aufgabe sein, den Tee für Zofe und Hausdame zu kochen. Schwer kämpfte sie gegen die Versuchung an, einfach liegenzubleiben. Immer wieder drohten ihre Lider zuzufallen, aber es half nichts. Ihr Tagwerk musste getan werden.

Nachdem ihre Freundin die Tür zur Dachkammer hinter sich geschlossen hatte, spürte Lucy den Sog der warmen Bettdecke, aber sie widerstand. So wie jeden Morgen. Schließlich trug sie Verantwortung für ihre Familie und konnte daher nicht einfach im Bett herumlümmeln, so gern sie das auch getan hätte. Manchmal, an Morgen wie diesen, wenn ihr kalt war und die Müdigkeit einfach nicht weichen wollte, fragte sie sich, warum die Welt so ungerecht war. Warum sie kurz nach Sonnenaufgang aufstehen musste, um ein prächtiges Haus behaglich zu machen, während Florence und Georgina Blakenham, die Töchter der Herrschaft, sich noch Stunden in ihren feinen Laken aalen durften, um sich dann an einen gedeckten Tisch zu setzen und sich an einem opulenten Frühstück zu laben.

Was sollen diese unnützen Gedanken? Ich muss mich sputen.

Obwohl sie spät dran war, lief Lucy ins Dienstboten-Bad, wo sie kaltes Wasser in eine Kanne füllte. Das goss sie in die Waschschüssel und wusch sich schnell, bevor sie das schwere Nachthemd auszog und in ihre Unterwäsche schlüpfte. Auch heute kämpfte sie mit den Schnüren des Korsetts und wünschte sich, Jessie wäre hier, um ihr zu helfen. Dann musste es eben so gehen. Sie griff nach dem bedruckten Kleid, wie es Hausmädchen für die morgendlichen Reinigungsarbeiten trugen.

Wie immer, wenn sie es eilig hatte, ging alles schief. Erst stieß sie mit dem Ellenbogen gegen die Kante des Messingbettes, was sie mit einen Schmerzenslaut kommentierte, froh, dass niemand sie hören konnte. Dann riss das Schnürband an ihrem linken Schuh. Mühsam verknotete sie es, weil ihr keine Zeit blieb, einen neuen Senkel einzuziehen. Ohne einen Blick in den Spiegel zu werfen, lief sie aus ihrer Kammer. Mit geschürztem Rock flitzte sie den langen Flur entlang, wobei sie im Stillen betete, dass weder der gestrenge Butler noch die ebenso resolute Hausdame sie erwischten, wie sie rannte.

Sie sprang die Hintertreppen hinab, wobei sie zwei Stufen auf einmal nahm, und dann hatte sie endlich das Herz des Dienstbotentrakts erreicht: die Küche. Immerhin war es dort behaglich warm. Der gewaltige eiserne Herd bullerte; von dem Kocher, in dem heißes Wasser brodelte, stieg Hitze auf.

Nur wenig Morgenlicht fiel durch die kleinen Fenster, die weit oben angebracht waren. Ethel, das Küchenmädchen, hatte bereits die Gaslampen entzündet und scheuerte den schweren Holztisch, auf dem Fleisch und Gemüse geschnitten wurden.

»Guten Morgen, Lucy.« Ethel nickte ihr zu. Obwohl sie schon seit 4:00 Uhr morgens auf den Beinen war und die Küche hatte aufräumen müssen, summte sie leise vor sich hin. Ethel war immer zufrieden, selbst wenn die Köchin sie antrieb oder sie vor den Ohren aller anderen beschimpfte, weil sie angeblich einen Fehler gemacht hatte.

»Mir geht es hier gut. Ich bekomm mehr zu essen, als ich je in meinem Leben gesehen habe«, hatte sie Lucy einmal gesagt. »Ich hab ’n Bett für mich und verdien Geld. Was will ich mehr?«

Ob es wohl schon einen Tee gab, der Müdigkeit und Kälte vertrieb? Bevor Lucy sich danach umschauen konnte, hörte sie, wie jemand ihren Namen rief.

»Wo bleibst du denn?« Maude, das Erste Hausmädchen, war zwar nur zwei Jahre älter als Lucy, aber hielt sich für etwas Besseres, weil sie seit fünf Jahren auf Hazelwell Manor diente. »Soll ich etwa die Kamine säubern?«

»Mein Schnürsenkel ist gerissen«, murmelte Lucy.

Erneut sputete sie sich, um Jessie zu helfen, die sicher bereits im Drawing Room mit der Arbeit begonnen hatte.

Gemeinsam mit ihrer Freundin öffnete sie die schweren Vorhänge des Salons, bevor sie den Kamin säuberte. Jessie verteilte feuchte Teeblätter auf dem Teppich, die den Staub aufnehmen sollten. Gemeinsam räumten sie Gläser ab, die die Familie gestern Abend hatte stehen lassen. Während ihre Freundin die Teeblätter auffegte, entzündete Lucy ein Feuer, das ihr Gesicht erhitzte. Jessie schüttelte die Kissen aus und ordnete sie auf dem Sofa an, sodass Lucy die Gläser zum Spülen in die Küche brachte. Obwohl Ethel ihr einen Tee anbot, widerstand Lucy der Versuchung, sich einen Moment auszuruhen. Schließlich mussten noch viele Zimmer in Ordnung gebracht werden, bevor die Familie aufstand.

Als sie ins Esszimmer kam, entdeckte sie Jessie im Gespräch mit Leopold, dem Ersten Diener. Der hochgewachsene schlanke Mann hielt locker den Korb in der Hand, mit dem er Kohlen und Feuerholz heraufgetragen hatte.

»Leopold, du darfst gar nicht hier sein.« Lucy blickte über ihre Schulter. »Wenn Mrs Ogden uns zusammen sieht, bekommen wir einen Haufen Ärger.«

»Ich habe auf euch gewartet.« Obwohl der Lakai Kohlen nach oben getragen hatte, war sein dunkler Anzug makellos. »Sonst kann ich immer nur unter Aufsicht mit euch reden.«

»Was ist so wichtig, dass du uns in die Bredouille bringst?«, blaffte Lucy ihn an. »Schnell, sag es und dann verschwinde.«

»In drei Wochen ist Kirmes im Dorf. Ich wollte euch fragen, ob ihr mich begleitet.«

»Auf jeden …«, setzte Jessie an, aber Lucys Ellenbogenstoß in ihre Rippen ließ sie verstummen.

»Wir überlegen es uns und sagen dir demnächst Bescheid. Und jetzt geh.«

Er warf ihnen zwei Luftküsse zu und ging davon. Die schweren Kohleeimer schwenkte er, als würden sie gar nichts wiegen.

»Warum hast du mich geboxt?« Jessie schlug Lucy auf den Oberarm. »Natürlich gehen wir mit ihm auf die Kirmes.«

»Leopold sieht nicht nur gut aus, er weiß das auch.« Lucy zuckte mit den Schultern. »Er versucht sein Glück bei jeder Frau.«

»Außer bei Mrs Ogden. Obwohl ich das zu gern sehen würde.« Jessie kicherte. »Aber du musst zugeben, Leopold und Kenneth wirken beeindruckend in ihren dunklen Anzügen und weißen Hemden.«

»Jeder Mann macht etwas her, wenn man ihn in so eine Uniform steckt«, wiegelte Lucy ab, die sich nicht eingestehen wollte, wie ausnehmend gut aussehend sie Leopold fand. Sie wollte keine weitere Trophäe für ihn sein. Außerdem trug sie Verantwortung für ihre Mutter und Bertie. Deren Leben würde sie nicht für einen Windhund wie Leopold aufs Spiel setzen, mochte er noch so wundervoll dunkle Augen haben und schön mit Worten umgehen können. »Beeil dich!«

»Fertig!« Jessie richtete sich auf und griff mit der Hand an den Rücken. »Endlich Frühstück.«

Als ihr Magen vernehmlich knurrte, sputete sich Lucy, voller Vorfreude auf die Mahlzeit. Sie setzte sich auf ihren Platz und sandte ein »Guten Morgen« in die Runde. Wie jeden Tag saßen diejenigen, die nicht für den Kamindienst und das Putzen zuständig waren, bereits an dem großen Tisch aus hellem Holz, der vom vielen Scheuern rau und unansehnlich geworden war. Mr Hutchins, der Butler, thronte wie immer am Kopfende und schaute kurz auf. Automatisch glitt Lucys Hand zu ihrem Häubchen, um zu prüfen, ob es auch richtig saß. Mr Hutchins machte sie nervös, obwohl sie bereits ein halbes Jahr hier arbeitete. In seinem schwarzen Anzug mit dem stets blütenweißen Hemd wirkte er so hoheitsvoll, dass sie sich immer wie ein Bauerntrampel vorkam.

»Guten Morgen, Lucy, du siehst aus wie das blühende Leben.« Leopold zwinkerte ihr zu. Sie antwortete ihm nicht, weil sie nie wusste, ob er sich über sie lustig machte oder es ernst meinte.

Mrs Griffiths, die Köchin, beantwortete ihren Gruß mit einem kurzen Nicken und drückte ihr eine Tasse Tee in die Hand, der so heiß war, dass sie sich fast die Zunge verbrannte. Lucy konnte es kaum erwarten, Porridge mit Sahne und Zucker zu essen. Oder sollte sie mit dem duftenden, noch warmen Brot beginnen, das Ethel gebacken hatte?

Viel zu schnell endete die Mahlzeit, als der Gong ertönte, der das gemeinsame Morgengebet in der großen Halle ankündigte. Nachdem Lord Ashworth den Psalm gelesen hatte, ging die Familie frühstücken. Für Maude, Jessie und Lucy das Zeichen, nun die Schlafräume der Herrschaft zu reinigen und die Betten zu machen.

Als all das erledigt war, blieb nur noch eine Aufgabe für den Morgen: das Fegen der eleganten, geschwungenen Treppe. Normalerweise übernahm Maude diese Aufgabe, aber sie wollte sich heute den Blumengestecken widmen, wie sie es nannte, sodass Lucy und Jessie gemeinsam die Arbeit erledigten.

Dann hieß es wieder, die vielen Treppenstufen bis zu ihrer Kammer unter dem Dach hinaufzulaufen, um sich für den Nachmittag umzuziehen. Lucy streifte das gemusterte Kleid über den Kopf, um das schwarze anzuziehen, das sie mit einer weißen Schürze trug.

»Warum wird von uns erwartet, dass wir die Kleidung wechseln?«, fragte sie zum wiederholten Mal. »Uns sieht doch sowieso niemand von den feinen Herrschaften. Wir sind und bleiben unsichtbar.«

»Wieso musst du immer so viele Fragen stellen?« Jessie gähnte. »Es ist, wie es ist. Basta.«

Erst am Nachmittag kehrte etwas Ruhe ein, natürlich nur für die Hausmädchen. Die Küchenmädchen und die Köchin waren lautstark damit beschäftigt, den Afternoon Tea zuzubereiten. Einen Moment hatte Lucy überlegt, ob sie in ihre Kammer gehen und sich hinlegen sollte, aber sie entschied sich dagegen. Die Vorstellung, all die Treppenstufen nach oben und dann wieder hinabsteigen zu müssen, schreckte sie ab. Also suchte sie sich eine Näharbeit aus dem Korb, der in der Dienstbotenstube stand, und fädelte einen Faden ein. Mit halbem Ohr lauschte sie den Gesprächen, die zwischen den anderen Hausmädchen verliefen und sich, wie so oft, um deren Zukunft drehten. Keine von ihnen wollte auf Hazelwell alt werden. Maude hoffte auf eine Heirat, Katie wünschte sich eine Anstellung in London oder Manchester und Jessie wollte Zofe werden.

Wenn ich nicht für meine Familie sorgen müsste, was für eine Zukunft würde ich mir vorstellen? Darf ich so etwas überhaupt denken? Es fühlt sich wie ein Verrat an Mum an. Aber Bertiekönnte endlich anfangen, Geld zu verdienen, sodass ich nicht alles allein schultern muss.

Bevor sie sich in ihren Gedanken verlieren konnte, erwarteten sie bereits weitere Aufgaben. Manchmal erschien es Lucy, als fänden die Tage nie ein Ende. Als wäre sie gefangen in einer Tretmühle ewig gleicher Tage mit ewig gleichen Tätigkeiten. Aber es ging ja nicht nur ihr so, auch auf die Diener, die Küchenmädchen, ja selbst auf den Butler, die Hausdame und die Zofe warteten Aufgaben, die ihnen vorgegeben waren. Den Upper Servants ging es nach Lucys Ansicht schlechter als ihr, weil sie ständig für ihre Herrschaft zur Verfügung stehen mussten, während Hausmädchen und Küchenmädchen festen Abläufen folgten.

Lucys Magen knurrte vernehmlich, ein sicheres Zeichen, dass es bald Dinnerzeit war. Sehr schnell hatte sie sich an die festen Essenszeiten gewöhnt, auch wenn sie die Rituale der Mahlzeiten immer noch etwas albern fand. Bei den Schwestern Birdwhistle war die Nahrungsaufnahme ein notwendiges Übel gewesen, das die beiden Damen von dem abgelenkt hatte, was sie eigentlich interessierte: ihre Muschel- und Büchersammlung. Lucy hatte mit der Köchin und dem Küchenmädchen in einem kleinen Raum neben der Küche gegessen, wann es den Birdwhistles passte.

Hier auf Hazelwell Manor war sogar das Dinner der Dienstboten eine äußerst formelle Angelegenheit, von der auf keinen Fall abgewichen werden durfte. Kaum hatte sie diesen Gedanken gefasst, läutete bereits die Glocke, die anzeigte, dass gleich die Pug’s Parade bevorstand. Die Upper Servants wie der Butler und die Hausdame hielten sich für etwas Besseres, was ihnen von den Lower Servants wie Jessie und Lucy den Spitznamen Pugs eingebracht hatte. Jessie hatte damit begonnen, sie hatte es von einer Freundin gehört, die in einem großen Londoner Haus in der Küche arbeitete. Ob die oberen Dienstboten wohl wussten, dass man sie heimlich Möpse nannte, weil sie so hochnäsig und ihre Mundwinkel stets herabgezogen waren?

Wie jeden Abend hatten sich die Upper Servants in Mrs Ogdens Räumen versammelt und marschierten nun, mit ernster, ihrer Bedeutung angemessener Miene, in den Speiseraum. An der Spitze befand sich natürlich Hutchins, der äußerst elegant aussah in seinem schwarzen Frack. Ein unwissender Mensch, so wie Lucy, als sie nach Hazelwell Manor gekommen war, hätte ihn für seine Lordschaft halten können.

Wie ebenfalls jeden Abend warteten die Lower Servants, bis die Pugs ihre Plätze eingenommen hatten. Mrs Ogden saß an einem Kopfende, der Butler am anderen. Dazwischen saßen die Dienstboten, die Männer rechts, die Frauen links.

Lucys Blick fand den von Jessie, die spöttisch ihre Augen verdrehte, darauf bedacht, dass keiner der Upper Servants dies bemerkte. Schon oft hatten die beiden Freundinnen sich über dieses aufgeplusterte Gehabe lustig gemacht, aber natürlich nur untereinander.

Lucy musste zugeben, dass es ihr schmeichelte, wenn einer der Diener ihr die Platte mit dem Fleisch reichte. Für eine kurze Zeit konnte sie sich fühlen, als wäre sie ein Teil der Herrschaft und nicht das Hausmädchen, das deren Dreck wegputzte.

Kapitel 3

Hazelwell Manor 1913

Vor Aufregung war Lucy heute Morgen noch vor Jessie aufgewacht. Denn es war Sonntag und sie würde endlich ihre Familie wiedersehen. Selbst Maude, die sonst unfreundlich und von oben herab war, lächelte ihr zu.

»Sie trifft sich nach dem Kirchgang mit dem Gärtner«, flüsterte Jessie Lucy hinter vorgehaltener Hand zu. »Sie soll bloß aufpassen, dass sie nicht erwischt wird.«

Jeder im Haus wusste, dass das Erste Hausmädchen für den Gärtner schwärmte und er für sie. Jedes Mal, wenn er Blumen ins Haus brachte, hatte er einen kleinen Strauß für Maude dabei. Zierlicher und bescheidener als die Gestecke, die im ganzen Haus verteilt auf die Tische gestellt wurden, aber Lucy dachte immer, man sähe dem Gebinde für Maude an, dass es mit Liebe gemacht war.

»Ob die beiden wohl heiraten werden?« Es erschien Lucy romantisch, sich vorzustellen, wie Maude mit dem Gärtner durchbrannte und ein besseres, ein freieres Leben mit ihm führte. »Wenn sie nicht schnell genug ist, sucht er sich eine andere.«

»Wenn Maude so dumm wäre, sich auf die Liebschaft einzulassen, verliert sie ihren Job.« Jessie schüttelte sich, als hätte ihr jemand Schnee in den Nacken gesteckt. »Du weißt doch: No Follower.«

Ob Mrs Ogden ernsthaft fürchtet, eine von uns würde ein Techtelmechtel mit einem der Diener anfangen?

Das hatte sich Lucy bereits am ersten Tag gefragt, als ihr gezeigt wurde, dass die männlichen und die weiblichen Dienstboten weit entfernt voneinander schliefen. Es gab sogar getrennte Eingänge, als wäre einer von ihnen nach einem langen harten Arbeitstag noch darauf aus, eine Liebelei anzufangen.

»Ja.« Lucy seufzte. Das hatte ihr Mrs Ogden mehrfach gesagt. Ein Hausmädchen darf keinen Freund haben. »Außerdem, wie soll unsereins einen Mann kennenlernen? Wir sind doch fast immer unten oder unsichtbar.«

»Maude hat es auch geschafft und wir sind viel hübscher als sie.«

»Glaubst du, sie würde alles hier aufgeben?«

Lucy ging auf die Knie, wobei ihr das Korsett in den Bauch pikste. Mit dem Handfeger kehrte sie die Asche aus dem Kamin in den gusseisernen Behälter. So wie jeden Morgen. Inzwischen hasste sie den feinen Staub, der sich auf Hände, Gesicht und Kleidung legte, auch wenn sie noch so vorsichtig zu Werke ging.

»Pass doch auf!« Jessie stieß Lucy an, die so in ihre Gedanken versunken war, dass die Hälfte der Asche neben dem Eimer gelandet war. »Wir haben sowieso schon zu viel zu tun, wegen der Gäste. Gib dir also Mühe, sonst schaffen wir unsere Arbeit nicht.«

»Entschuldige.« Eilig fegte Lucy die Asche zusammen und gab sie vorsichtig in den Behälter. »Hat schon eines der Hausmädchen geheiratet?«

»Bist du verliebt?«

»Nein.« Lucy wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn und verteilte sicher noch mehr Asche auf ihrem Gesicht. »Ich frage mich nur, ob es nicht noch ein anderes Leben für uns gibt.«

»Komm, die Kamine säubern sich nicht von selbst.« Jessie hatte Holz aufgestapelt und entzündete ein Feuer, das bald behagliche Wärme verbreiten würde. Auch wenn die Tage inzwischen frühlingshaft waren, blieben die Nächte empfindlich kalt. »Für solche wie dich und mich gibt es nur Arbeit. Wenn dir das Hausmädchenleben nicht gefällt, geh nach London.«

»London.« Lucy schloss einen Moment die Augen. »Wünschst du dir nicht, dass sie dich einmal zur Season mitnehmen?«

Obwohl Lucy sich vor der Größe Londons fürchtete, wäre sie gern einmal Teil der Season gewesen, der Zeit der Debütantinnenbälle, der Kunstausstellungen, der Pferderennen, selbst wenn sie nur eine Nebenrolle gespielt hätte.

Abrupt blieb Jessie stehen. Ihr Gesichtsausdruck war so ernst, wie Lucy ihn bisher nie gesehen hatte. Ihre Stimme klang dunkler als sonst, als sie die Worte ausspuckte: »Ich will nichts mit ihnen zu tun haben. Ich bin froh, meinen Platz zu haben. Glaub mir, für sie bedeuten wir nichts.«

Bevor Lucy ihre Freundin fragen konnte, was sie damit meinte, hörte sie Mrs Ogden nach ihnen rufen. Die Hausdame sollten sie besser nicht warten lassen.

»Beeil dich.« Lucy wippte von den Zehenballen auf den Hacken und wieder zurück. Jessie polierte ihren Schuh, als ob sie sich darin spiegeln wollte. »Ich will meinen freien Tag genießen.«

»Pfft«, antwortete Jessie. »Genießen. Du wirst ihn mit deiner Familie verbringen. Wie abenteuerlustig du doch bist.«

»Ich vermisse sie. Hast du nie Heimweh?«

»Nach Irland?« Jessie zog den Lappen ein letztes Mal über das Leder und richtete sich auf. »Nein, mir geht es hier besser. Meistens.«

Endlich schien der Schuh ihren Ansprüchen zu genügen. Nachdem Lucy und Jessie sich zweimal über die Schulter geblickt hatten, ob niemand anders zu sehen war, hüpften sie die Hintertreppe hinab wie übermütige Fohlen bei ihrem ersten Weidegang im Frühling.

Arm in Arm schlenderten sie die Landstraße entlang. Die zwei Meilen ins Dorf zogen sich hin, obwohl der Tag es gut mit ihnen meinte und eine sanfte Sonne auf sie herab schien.

»Du kannst wirklich mit zu meiner Familie kommen«, bot Lucy erneut an. Der schwere Korb rutschte wieder aus ihrer Ellenbogenbeuge und sie entzog Jessie ihren Arm, um den Korb wieder hochzuschieben.

»Nein, ich käme mir vor wie das fünfte Rad am Wagen. Außerdem will ich etwas erleben.«

»In Westbury. Das dürfte fast so aufregend sein wie ein Tag in London.« Ein Stich des Neids begleitete Lucys Worte. Manchmal wünschte sie sich, sie könnte ihr weniges Geld verprassen, so wie Jessie es tat. »Hast du keine Angst, allein mit dem Zug dorthin zu fahren?«

»Wer sagt, dass ich allein reisen werde?« Jessie zwinkerte ihr zu. »Da du Leopold nicht wolltest, habe ich meine Chance genutzt.«

»Pass nur auf, dass dich niemand sieht.« Ohne Jessie wäre das Leben auf Hazelwell Manor langweilig und einsam. »Und erlaube ihm keine Frechheiten.«

»Himmel, du hörst dich an wie die Gouvernante von Florence und Georgina. Die immer so vornehm tut.« Ein Schatten zog über Jessies Gesicht. »Mach dir keine Sorgen. Ich kann mich meiner Haut wehren.«

Nachdem sie sich von ihrer Freundin verabschiedet hatte, die es kaum erwarten konnte, zu Leopold zu kommen, eilte Lucy so schnell ans andere Ende von Bownham, wie es die Schicklichkeit zuließ. Nicht auszudenken, wenn ein Dorfbewohner sie rennen sah und bei Mrs Ogden anschwärzte. Also mäßigte sie sich zu einer Gangart, die einer jungen Dame anstand, obwohl sie es kaum erwarten konnte, endlich nach Hause zu kommen.

Als sie das schmale Häuschen aus hellem Sandstein sah, fiel ihr als Erstes ins Auge, dass Bertie den Garten noch immer nicht in Ordnung gebracht hatte, obwohl sie es ihm am letzten Sonntag gesagt hatte. Zwischen dem Gemüse wucherte das Unkraut, die Hecke sprießte in alle Richtungen. Was würden die Nachbarn denken, wenn der kleine Flecken Grün vor dem Haus so verwilderte?

Sie holte tief Luft und versuchte, ihren Ärger herunterzuschlucken, damit Mum ihn nicht auf der Stirn ablesen konnte. Erst nachdem sich ihr Lächeln echt anfühlte, öffnet sie die Tür des kleinen Cottages.

»Lucy, Liebes, wie gefällt es dir im Herrenhaus?« Bereits die wenigen Schritte, um sie zu begrüßen, hatten die Wangen ihrer Mutter rot anlaufen lassen. Sie keuchte, als wäre sie einen Berg hinaufgerannt und nicht nur bis zur Tür gegangen. »Hast du genug zu essen? Du bist so dünn.«

»Ich habe sogar etwas zu essen für uns mitgebracht.« Lucy schwenkte den Korb, in dem sich die Leckereien verbargen, die die Köchin ihr zugesteckt hatte. Reste des Abendessens der Herrschaft, aber so viel besser als alles, was Lucy je zuvor gesehen hatte. Stolz stellte sie die Lebensmittel auf den Küchentisch. »Hier. Brot, französischer Käse und Obstpasteten.«

»Das soll man essen können.« Bertie, ihr drei Jahre jüngerer Bruder, schnupperte an dem Käse und wandte sich dann mit angeekelter Miene ab. »Warum kannst du nicht etwas Vernünftiges wie eine Fleischpastete mitbringen?«

»Weil die Herrschaft das nicht isst.«

»Weil die Herrschaft das nicht isst«, äffte er sie nach. »Tu nicht so vornehm.«

»Genug, Bertie. Es ist ausnehmend nett von Lucys Herrschaft, so großzügig zu uns zu sein.«

»Eigentlich war es die Köchin. Kann ich dir helfen? Die Wäsche waschen?«

»Das habe ich schon erledigt. Bild dir nicht ein, wir brauchen dich. Nur wenn du sonntags für einen Nachmittag nach Hause kommst.«

»Bertie!« Sofort nach dem scharf ausgesprochenen Wort begann ihre Mutter zu husten. Lucy goss ihr Wasser aus dem Krug ein, der auf der alten Spüle stand.

Wütend schnaubte ihr Bruder auf und stürmte hinaus, wobei er die Tür hinter sich zuknallte.

»Hat Dr. Culpepper dir neue Medizin verordnet?«

Ihre Mutter setzte das Glas Wasser erneut an.

»Mum?«

»Ich kann sie nicht bezahlen.«

»Ich habe Geld mitgebracht. Meinen Lohn.«

»Davon muss ich Essen für Bertie und mich kaufen.«

»Er könnte arbeiten. Alt genug ist er.«

»Der Junge ist nicht verkehrt und hilft, wo er kann. Aber er soll zur Schule gehen, damit er es später einmal besser hat.«

Ich hätte gerne weiter gelernt, viel lieber und besser, als Bertie es je können wird, aber ich musste zu den Birdwhistles gehen. Vielleicht hätte ich sogar Lehrerin werden können. Klug genug dafür bin ich, hat Mr Hopgood immer gesagt.

Sofort schämte sie sich für die bitteren Gedanken. Ihre Mutter hätte sicher gewünscht, dass Lucy länger zur Schule ginge, aber es war nicht möglich. Nicht nach Dads Tod, der ihnen den Ernährer genommen hatte. Erst recht nicht nach dem Ausbruch von Mums Krankheit, die sie ans Haus fesselte und so sehr schwächte, dass sie nicht einmal mehr Wäsche oder Näharbeiten annehmen konnte.

Das schlechte Gewissen traf Lucy mit Macht. Wie konnte sie ihren Bruder beneiden, wusste sie doch, wie sehr ihre Mutter darunter litt, dass sie der Tochter kein besseres Leben geben konnte. Wenn Bertie es wenigstens zu schätzen wüsste, dass er noch zur Schule gehen und lernen durfte, dass er eine Zukunft vor sich hatte, die mehr beinhaltete, als den Dreck reicher Menschen wegzukehren und für ihren Komfort zu sorgen. Stattdessen beschwerte er sich bei jeder Gelegenheit – und ihre Mutter stellte sich immer auf seine Seite. Ob es daran lag, dass Bertie dem Vater so ähnlich sah? Oder hatten es Jungen einfach immer besser im Leben?

»Mum, setz dich hin. Ich kümmere mich um das Essen.« Lucy packte die Mitbringsel aus, verstaute sie in der Speisekammer und deckte den Tisch.

»Wo ist Whiskers?« Suchend blickte sie sich um. Normalerweise kam die Kätzin sofort angelaufen, wenn Lucy nach Hause kam. Es kam ihr vor, als vermisste das Tier sie genauso wie sie es. Lucy hatte Whiskers vor sechs Jahren in einem Straßengraben gefunden. Das schwarze Kätzchen war winzig und hatte gerade erst die Augen geöffnet. Mit viel Liebe und Ziegenmilch war es Lucy gelungen, das Tierchen durchzubringen. Obwohl es damals schon knapp bei ihnen war, hatte ihre Mutter nie Einwände dagegen erhoben, dass Whiskers bei ihnen lebte. Nachdem sie ausgewachsen war, zeigte sich die Katze als veritabler Mäusefänger und hing voller Liebe an Lucy, als wüsste sie, dass das Mädchen ihr das Leben gerettet hatte. Bertie ging sie aus dem Weg und der Mutter gegenüber blieb Whiskers freundlich. Ihre Katze zurückzulassen, als sie die Stelle als Dienstmädchen antrat, hatte Lucy beinahe das Herz gebrochen. Aber es musste sein und sie war sicher, dass ihre Mutter sich gut um Whiskers kümmerte.

Allerdings nahm die Katze es Lucy übel, dass sie sie verlassen hatte. Bei ihrem ersten Besuch hatte Whiskers Lucy angefaucht und war davongelaufen, sobald Lucy versuchte, sich ihr zu nähern. Beim zweiten Besuch allerdings schien die Katze verstanden zu haben, dass Lucy sie nicht im Stich gelassen hatte, und kuschelte sich wieder auf ihrem Schoß ein.

»Sag, wie gefällt es dir?«

»Ach, Mum, es ist immer das Gleiche. In Jessie habe ich eine wundervolle Freundin gefunden. Bei den Birdwhistles war es besser, aber …«

Was hatte es für einen Zweck, der ersten Anstellung nachzutrauern. Nachdem Miss Eunice mit 66 Jahren gestorben war, hatte Miss Honora, die ältere Schwester, den Lebensmut verloren und war im Hospital gestorben. Zu Lucys Glück hatte sie die Anstellung auf Hazelwell Manor bekommen, was viel näher an Bownham lag.

»Lucy, es tut mir leid. Ich habe wieder Näharbeiten angenommen.«

»Nein, Mum, das musst du nicht.«

»Erzähl mir von dir.«

Während Lucy ihrer Mutter das Leben im Herrenhaus als eine Ansammlung lustiger Anekdoten mit freundlichen, leicht verschrobenen Menschen schilderte, wurde ihr Herz schwer. Wenn Mum trotz ihrer Schwäche wieder Näharbeiten verrichtete, mussten sie klammer sein, als Lucy befürchtet hatte.

Zum Essen war auch Bertie wieder da. Lucy verspürte einen Stich aus Neid und Eifersucht, als Whiskers ihrem Bruder in den Schoß sprang. Aber so konnte sie sicher sein, dass es ihrer Katze gut ging, selbst wenn sie im Herrenhaus war. Weh tat es trotzdem.

»Ich muss los.«

»Bleib doch noch.«

»Um 21:00 Uhr schließt Mr Hutchins die Haustür. Wer dann nicht auf Hazelwell Manor ist, muss mit Strafe rechnen.«

Auch ihr kam es vor, als wäre der Tag viel zu schnell vergangen. Sie umarmte ihre Mutter, klopfte Bertie auf die Schulter und kraulte Whiskers unter dem Kinn. Den Weg nahm Lucy kaum wahr, weil Tränen ihren Blick verschleierten. Wo sollte sie nur mehr Geld bekommen, um Mums Medizin bezahlen zu können?

Kapitel 4

Hazelwell Manor 1913

Riechst du es schon?« Jessie schloss die Augen und reckte ihre Nase in die Höhe. Ihre Nasenflügel blähten sich, als sie vorgab, etwas zu erschnuppern. »Der wunderbare Duft von Porridge am Morgen.«

»Es macht satt. Und mit Butter und Honig schmeckt es nicht schlecht.«

»Baah.« Jessie schüttelte sich. »Hallo Leopold.«

Als Lucy hinter Jessie die schmale Stiege zur Küche hinabging, kam ihr Leopold entgegen, der ein Tablett balancierte. Obwohl das Essen unter einer silbernen Haube verborgen war, lief Lucy das Wasser im Mund zusammen, so verführerisch duftete es, als der Diener sich an ihr vorbeidrängte. So würzig wie der Geruch war, gab es heute wohl Kedgeree, ein Gericht, das Lucy bereits aus dem Haushalt der beiden Schwestern Birdwhistle kannte. Miss Eunice und Miss Honora waren weit gereist und trieben ihre Köchin mit ihren exotischen Wünschen oft zur Verzweiflung. Kedgeree, die aus Indien stammende Speise aus geräuchertem Schellfisch, Reis, Butter und gekochten Eiern, gehörte zu den gewöhnlicheren Vorlieben der Schwestern.

»Jessie.« Ein Lächeln erschien auf seinem kantigen Gesicht. »Lucy.«

»Hast du schon einmal dieses Ketteridge probiert?«, fragte Jessie, als wollte sie Lucy von Leopolds Lächeln ablenken.

»Es heißt Kedgeree. Ja, ich kenne es. Mir hat es geschmeckt.

---ENDE DER LESEPROBE---