Zeit und Ort im Markusevangelium - Peter Weigandt - E-Book

Zeit und Ort im Markusevangelium E-Book

Peter Weigandt

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Beschreibung

Der Evangelist Markus erzählt die Geschichte der Offenbarung Gottes in Jesus. Erzählte Geschichte bedarf einer zeit­lichen und räum­lichen Ordnung, eines Zeit-Raum-Gefü­ges. Zeit und Orte mit ihren geographi­schen, topo­graphischen und topolo­gi­schen Gegeben­heiten sind unverzichtbare, allem menschlichen Tun voraus­lie­gen­de Bedin­gungen, "metahistori­sche" Vorgaben jeder Erzäh­lung. Da weithin datierbare Zeit­angaben fehlen, benutzt Mar­kus zur Anord­nung seines Stoffes überwiegend die Orts­angaben. Sie spiegeln jedoch eher die Zeit des Erzählers als die der erzählten Zeit, der Zeit Jesu. Mit seiner differenzierten Setzung von Zeit- und Ortsangaben erreicht Markus eine stufenweise Steigerung und Intensivierung des Geschehens. Zudem lassen sie eine Vertrautheit mit den dama­ligen Verhält­nissen in Galiläa, um den See Gennesaret und dessen Um­land erken­nen.

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Peter Weigandt

Zeit und Ort im Markusevangelium

Impressum

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnetdiese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie;detaillierte bibliographische Daten sind im Internet überhttp://dnd.d-nb.de abrufbar

wbg academic ist ein Imprint der wbg

© 2018 by wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt

Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder der wbg ermöglicht.

Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de

ISBN 978-3-534-40009-6

Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:eBook (PDF): 978-3-534-40010-2eBook (epub): 978-3-534-40011-9

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Inhaltsverzeichnis

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Vorwort

1. Vorüberlegungen

1.1 Das Markusevangelium als erzählte Geschichte

1.2 Chronologie und Topographie im Markusevangelium

2. Das Zeitgerüst

2.1 Die Darstellungsmittel des Markus

2.1.1 Temporale Adverbialbestimmungen und Temporalsätze

2.1.2 Zeitadverbien

2.2 Der Zeitablauf im Markusevangelium

3. Das Raumgefüge

3.1 Die Darstellungsmittel des Markus

3.1.1 Lokale Adverbialbestimmungen

3.1.2 Ortsadverbien

3.2 Das Itinerar der Wege Jesu

4. Zeitablauf und Ortswechsel

5. Das Zeit-Raum-Gefüge

Anhang

Aufbau des Markusevangeliums

Exkurse und exkursartige Erläuterungen

Topographie der Jesus-Itinerare in den Evangelien

Literaturverzeichnis

Stellenregister

Vorwort

Jede erzählte Geschichte ist in Zeit und Raum angesiedelt, den Grundlagen einer Erzählung. Nicht zuletzt darum vertritt Cicero, ein – in weiterem Sinn gefaßt – älterer Zeitgenosse des Evangelisten Markus, in seiner Schrift De oratore die Meinung, ein solches Werk bedürfe der zeitlichen Folge der Begebenheiten und der Ortskunde, also eines Zeit-Raum-Gefüges.

Mit Zeit und Raum ragen, wenn sie faktual und nicht fiktional sind, nicht veränderbare, „metahistorische“ Vorgaben (Reinhart Koselleck) in das Reich der Geschichte hinein. Jeder Autor einer Erzählung dürfte eine Art „kognitive Karte“ (Karin Wenz) im Kopf haben, auf der er das von ihm berichtete Geschehen räumlich und damit auch zeitlich ein- und anordnet.

Markus erzählt in seinem Evangelium die Geschichte der Offenbarung Gottes in Jesus von Nazaret. Sein Werk weist der damaligen Zeit zugehörende historiographische und biographische Züge auf. Wer sich näher mit seinem Werk beschäftigt, wird in der Literatur immer wieder auf Stimmen stoßen, die der Ansicht sind, dessen Verfasser habe mangelnde Kenntnis, gar Unkenntnis der galiläischen Topographie, also des Raumes und damit auch der Zeit des Geschehens, von dem er berichte.

Mein Vorhaben ist herauszufinden, welche unveränderbaren Vorgaben von Raum und Zeit der Evangelist in seine Erzählung aufgenommen hat und wie er mit ihnen verfährt, wie sich seine „kognitive Karte“ zur Realität verhält, und ob es ihm gelingt, sie zu einem sinnvollen Ganzen, einem „Chronotopos“ (Michail Michailowitsch Bachtin) zu verschmelzen.

Das Markusevangelium ist erzählte Geschichte und zugleich Verkündigung. Letztere ist nicht Gegenstand meiner Untersuchung. Ich beschränke mich auf eine Klärung von Realien, von Zeit und Raum, den Grundlagen der Erzählung des Markus – Kärrnerarbeit. Ich begebe mich nicht auf analytische Höhenflüge der Narrativik wie die, von denen Jean Zumstein (Narrative Analyse und neutestamentliche Exegese in der frankophonen Welt) und Gerd Schunack (Neuere literaturkritische Interpretationsverfahren in der nordamerikanischen Exegese), Autoren von „Der Erzähler des Evangeliums“ und andere berichten. Ich versuche lediglich, ein Fundament zur Verfügung zu stellen, auf dem aufgebaut werden kann. Ohne diesen Unterbau schwebten weitergehende theologische Überlegungen zum Markusevangelium gleichsam ort- und zeitlos im Raum.

Als Ergebnis schält sich heraus, daß die „kognitive Karte“ des Markus erstaunliche Übereinstimmungen mit den topographischen und politisch-geographischen Verhältnissen seiner Zeit, also der des Erzählers, und weniger mit der Zeit Jesu, der erzählten Zeit, aufweist. Das zeigen Parallelen zu entsprechenden Angaben im Werk des älteren Plinius, eines Zeitgenossen des Evangelisten. Markus läßt darüber hinaus auch überraschende Kenntnisse über die Schiffahrt auf dem See Gennesaret erkennen. Die „metahistorischen“ Vorgaben, über die er verfügt, benutzt er, um mit ihnen und mit Hilfe seiner „kognitiven Karte“ die Grundlage der „normale Erzählebene“ (Cilliers Breytenbach) seines Evangeliums durch verschiedene, teilweise inkludierte, „Chronotopoi“ zu gestalten.

Meiner Frau danke ich für mannigfache Hilfe und sehr viel Geduld, dem Verlag, besonders Herrn Dr. Jens Seeling, für die gute Zusammenarbeit.

Nürnberg, 31. Juli 2018

1. Vorüberlegungen

1.1 Das Markusevangelium als erzählte Geschichte

Markus – wer auch der unbekannte und so benannte Verfasser des zweiten Evangeliums gewesen sein mag – erzählt in seinem Evangelium nicht Geschichten, sondern Geschichte, und zwar die Geschichte der Offenbarung Gottes in Jesus von Nazaret, wie sie sich zwischen Taufe und leerem Grab ereignet hat. Das Markusevangelium ist die Biographie eines Boten Gottes als Offenbarungserzählung1, ist historiographische Struktur2 und enthält, wie Eve-Marie Becker definiert, „Aspekte einer personenzentrierten Historiographie“3. Es ist eine Mischform aus historischer Monographie und Biographie4 – und die hier erzählte Geschichte ist zugleich Verkündigung (14,95)6.

Der Evangelist beginnt sein Werk mit der Vorstellung dessen, von dem er berichten will, des Jesus Christus. Er gibt Auskunft über dessen Herkunft, teilt in einer Zusammenstellung vieler Einzelszenen – oder Episoden7 – mit, was er gesagt und getan hat, und berichtet zum Schluß ausführlich über seine letzten Tage, seinen Tod, sein Begräbnis und das am Ende leere Grab. Das Markusevangelium enthält vermutlich das, was dem Verfasser an Material zur Hand war (s.u. S. 120f.). Freilich ist eine gewisse Skepsis geboten, denn auf Jesus ist „kein einziger Ausspruch … mit letzter Gewißheit … zurückzuführen, auch wenn gelehrte Forschung wenigstens in diesem oder jenem Fall sein eigenes Zeugnis zu vernehmen meint“8.

Markus wagte es als erster „allwissender Autor“ (vgl. nur 1,9-12.35; 3,6.19; 6,46; 14,35f.), die Geschichte der Gründergestalt des Christentums darzustellen9. Dabei schuf er – zumeist faktual berichtend, jedoch nicht auf fiktionale Einschübe verzichtend – mit dem „Evangelium“ seine eigene, dem zu Berichtenden gemäße Form10, mit deren Hilfe er zusammenfügte, was er von Jesus in Erfahrung gebracht hatte. Nun ist aber das „Verständnis von Texten … abhängig von dem Verstehenshintergrund des Lesenden, je nachdem, welche »Brille« man aufsetzt, offenbart der Text andere mögliche Zugänge. Dabei ist nicht von Bedeutung, welches der »richtige« Zugang ist (das setzte eine Metaperspektive voraus, die nicht menschenmöglich ist), sondern es geht darum, verschiedene Zugangsmöglichkeiten zu eröffnen und so immer wieder neu Geschichten »zur Sprache« zu bringen.“11 Das gilt auch für den hier vorgelegten Zugang zur Erzählung des Markus.

Die Art eines solchen geschichtlichen Stoffes wie des Markusevangeliums bedarf, wie einst Cicero schrieb, der zeitlichen Folge der Begebenheiten und der Ortskunde – rerum ratio ordinem temporum desiderat, regionum descriptionem (De oratore II 63)12, also einer zeitlichen und räumlichen Ordnung, eines Zeit-Raum-Gefüges. Zeit, auch die Lebenszeit des Menschen, und Ort mit seinen geographischen, topographischen und topologischen Gegebenheiten sind die unverzichtbaren und allen menschlichen Handlungen vorausliegenden Bedingungen und „metahistorische“ Vorgaben13 jeglicher Erzählung, gleich wie sie zu deuten sein mögen. Nicht nur die „Welt- beziehungsweise Universalgeschichte hat zwei Komponenten: die zeitliche und die örtliche“14, sondern auch die Geschichte der Offenbarung Gottes in Jesus von Nazaret. Und darum geht es mir, nämlich »zur Sprache« zu bringen, wie der Evangelist in seinem Werk Zeit und Ort verwendet, um seine Geschichte von der Offenbarung Gottes in Jesus von Nazaret zu erzählen. Dabei muß „jede räumliche Struktur … in ein zeitliches Nacheinander überführt werden“15, wobei in den Kapiteln 1 bis 9 Galiläa mit dem See Gennesaret und in den Kapiteln 11 bis 16 Jerusalem als die Bezugspunkte dienen16.

Doch auch hier gilt, was Johannes Fried in seiner Biographie Karls des Großen schreibt: „Kein Erinnern bringt das Gestern zurück, jede erinnerte Vergangenheit ist bald unbewußte, bald bewußte Gedächtniskonstruktion einer Gegenwart … mit der Gesamtheit ihrer Erfahrungen, mit ihrem Wissen und ihren Wertungen der in ihr aus der Vergangenheit zugeflossenen Informationen, mit ihren Wünschen, Zielen und Hoffnungen“, und „nur Annäherungen an jene fernen Epochen sind möglich.“17 „Was sich langfristig in der Geschichte ›tatsächlich‹ – und nicht etwa sprachlich – ereignet hat, das bleibt sozialhistorisch eine Rekonstruktion, deren Evidenz von der Überzeugungskraft ihrer Theorie abhängt.“18 Und auch wenn die Zahl der Wörter einer Sprache ebenso wie deren Syntax und Semantik begrenzt sind, sind die damit zur Sprache gebrachten Sachverhalte und Meinungen unbegrenzt.19

Wir haben nur das Markusvangelium selber, kennen aber keine einzige seiner Quellen20, seien es einzelne Episoden oder vielleicht auch thematische Sammlungen, wie etwa Heinz-Wolfgang Kuhn21 und andere vermuten. Jeder Versuch, zu ermitteln, was Markus bewegt haben könnte, sein Evangelium so zu gestalten, wie es uns zwischen 1,1 und 16,8 vorliegt, kann über mehr oder minder gut begründete Vermutungen nicht hinaus gelangen, denn der Evangelist ist uns eine Erklärung dazu schuldig geblieben. Seinen chronologischen Angaben läßt sich weder die Dauer des Wirkens Jesu noch das Datum seines Todes mit hinreichender Sicherheit entnehmen, und die von ihm genannten und oft mit Varianten überlieferten Ortsangaben bieten mannigfache Möglichkeiten, ein markinisches Itinerar Jesu zu gestalten, gleich was sich hinter ihnen verbergen mag.

1.2 Chronologie und Topographie im Markusevangelium

Nicht selten werden im Zeit-Raum-Gefüge des Markusevangeliums chronologische und vor allem topographische und damit zugleich topologische Probleme gesehen. Darum seien einige Bemerkungen über Orte und Zeit der Geschehnisse vorausgeschickt, die Markus in seinem Evangelium schildert.

Jesu öffentliches Wirken und damit die Zeitspanne seines Lebens, über die Markus berichtet, gehört nach den spärlichen Hinweisen, die uns das zweite Evangelium an die Hand gibt (1,4.9.14; 6,14.16-29; 15,1 bis 15.43), irgendwo in die Jahre 27, dem wohl frühest möglichen Auftreten Johannes’ des Täufers, bis spätestens 36/37, also in die Jahre, in denen nach L 3,1 Tiberius, Stiefsohn des Augustus, als dessen Nachfolger in Rom regierte (14 bis 37) und gleichzeitig Herodes Antipas Tetrarch von Galiläa (und Peräa, 4 v. bis 39), Philippus Tetrarch von Ituräa und der Trachonitis, (Paneas, Batanaia und Auranitis, 4 v. bis 34), Lysanias Tetrarch der Abilene (bis vor 37) und Pontius Pilatus seit 26 praefectus der römischen Provinz Iudaea war. Ihn schickte Lucius Vitellius, Statthalter der Provinz Syria, im Jahr 36/3722 nach Rom, wo er sich wegen eines von ihm brutal niedergeschlagenen Aufstands der Samaritaner verantworten sollte.

Schauplätze sind in den Kapiteln 1 bis 9 des Evangeliums die Tetrarchien des Herodes Antipas und des Philippus sowie Teile der damaligen römischen Provinzen Iudaea und Syria: Galiläa (1,9.14.16.28.39; 9,30), zumal Untergaliläa23, der See Gennesaret mit seinen Ufern (1,16bis; 2,13; 3,7; 4,1ter.39.41; 5,1.13bis.21; 6,47 bis 49; 7,31), benachbarte Gebiete Syrophöniziens (7,24.31) und der Gaulanitis (8,22.27), die teils zur Tetrarchie des Philippus und teils zur Dekapolis gehörte, und Teile dieser wohl erstmals von Markus so bezeichneten Gegend (5,1.20; 7,31; s.u. S. 72-79). Im zehnten Kapitel wechselt der Schauplatz in die „Gebiete von Judäa jenseits des Jordans“ (10,1), die mit dem von Josephus (BJ III 3,3) Peräa genannten Territorium identisch sein dürften und seit 44 zur römischen Provinz Iudaea gehörten, sowie nach Judäa (10,46), seit dem Jahr 6 Teil dieser Provinz (s.u. S. 102-105). In den Kapiteln 11 bis 16 ist nur noch Jerusalem mit seiner nächsten Umgebung Ort des Geschehens. So wie Markus die Wege Jesu nachzeichnet, wäre dieser nicht über das hier umrissene Gebiet hinausgelangt, das heute unter die Staaten Israel, Libanon, Syrien und Jordanien sowie das Westjordanland aufgeteilt ist.

Die meisten Orte und Territorien, die im Evangelium mit Namen genannt sind, werden im markinischen Itinerar Jesu je einmal von Jesus aufgesucht. Ausnahmen sind nur Galiläa mit dem See Gennesaret und seinen Ufern, Kafarnaum, die Dekapolis sowie Jerusalem und Betanien.

Der Evangelist beginnt seine Schilderung der Ereignisse aus dem Leben Jesu mit dem Geschehen, das in den Überlieferungen, die ihm zur Verfügung stehen, zeitlich am weitesten zurückliegt, nämlich der Taufe Jesu sowie der damit notwendigerweise verbundenen Vorstellung Johannes’ des Täufers, und beschließt sein Evangelium mit dem leeren Grab Jesu und der Flucht der drei Frauen. Er läßt also Raum hin zur Vergangenheit, den die beiden anderen Synoptiker mit ihren Vorgeschichten24, und Raum hin zur Zukunft, den die drei anderen Evangelisten um ihre Berichte von den Erscheinungen des Auferstandenen und – so Lukas – der Himmelfahrt Jesu bereichert haben. Matthäus und Lukas haben das Evangelium des Markus aber nicht nur fast ganz oder zu großen Teilen abgeschrieben, sondern es auch umgeschrieben.25

Doch wie füllt Markus den Raum zwischen Taufe und leerem Grab? Die älteste Antwort auf diese Frage finden wir in dem bekannten Fragment aus der Schrift „Fünf Bücher Auslegung [von] Herrenworten“ des Papias von Hierapolis, die vermutlich um 110 entstanden ist26. Euseb hat das Fragment in seiner Kirchengeschichte überliefert (Eus., h. e. III 39,15f.): „Und dies sagte der Presbyter: Markus, der Dolmetscher des Petrus, schrieb von dem Herrn zwar alles, dessen er sich erinnerte, seien es Reden, seien es Taten, genau, allerdings ohne Ordnung auf. Denn er hatte weder den Herrn gehört, noch war er ihm nachgefolgt, hinterherjedoch, wie gesagt, dem Petrus, welcher seine Lehrvorträge den Bedürfnissen nach gestaltete, aber nicht wie um eine zusammenhängende Darstellung der Logien des Herrn zu schaffen, so daß Markus nicht falsch handelte, wenn er einiges so aufschrieb, wie er sich erinnerte. Denn für eines trug er Sorge: nichts von dem, was er gehört hatte, auszulassen oder etwas davon unwahr zu berichteten. Dies wird also von Papias über Markus berichtet.“27

Welche Bedeutung für das Markusevangelium dem Papias-Fragment beizumessen ist, wird sich zeigen. Papias gehörte wie Ignatius von Antiochia und Polykarp von Smyrna noch der dritten Generation der Christen an. Leider läßt er uns nicht genau wissen, woher er seine Kenntnisse über das Markusevangelium hatte. Παρὰ τῶν ἐκείνοις λνωρίμων – „von denen, die mit ihnen [sc. den Aposteln] bekannt waren“ (h. e. III 39,2; vgl. 4) – ist doch recht unbestimmt. Und vielleicht gibt es Gründe dafür, daß Papias nicht ganz ohne Grund von Euseb28 als jemand bezeichnet wird, der σφόδρα γάρ τορ σμικρὸς ὢν τὸν νοῦν (h. e. III 39,13) …

Reihte der Evangelist mithin das, von dem er Kenntnis hatte, nur einfach aneinander, wie man es wohl dem Papias-Fragment entnehmen muß, oder schuf er ein Gefüge räumlicher und zeitlicher Verknüpfungen und damit einen oder vielmehr seinen „Rahmen der Geschichte Jesu“29? Ergibt sein Bericht also eine Abfolge von einleuchtenden, historisch möglichen Angaben und damit Bewegungsmöglichkeiten Jesu – und das heißt zugleich nicht von unsinnigen, gegensätzlichen oder gar widersprüchlichen, wie gelegentlich in der Literatur behauptet?30 Haben wir es folglich mit einer „allgemeinen Ungenauigkeit und Fehlerhaftigkeit der markinischen Ortsangaben“ zu tun31, mit der „Unkenntnis der galiläischen Topographie“32 oder mit „geographischen Fehler[n]“33, hat Markus aus den ihm zur Verfügung stehenden Ortsangaben gar so etwas wie eine „Phantasielandkarte“ gemacht34 – oder „ist bei der Abfassung des Evangeliums geographisches Wissen aus der Zeit seiner Entstehung eingeflossen“, das „auch bei den Rezipienten [als] bekannt vorausgesetzt wird“35, legt also die Vorstellung, die der Evangelist von den topographischen und geographischen Gegebenheiten des Landes hat, seine „kognitive Karte“ (mental map)36, eine Kenntnis der tatsächlichen Gegebenheiten und Verhältnisse nahe und auf Grund dessen einen Plan, nach dem er seinen Stoff einem Zeit-Raum-Gefüge eingeordnet hat?

Den Antworten auf diese Fragen müßte sich entnehmen lassen, ob Markus überhaupt willens und in der Lage war, ein ein- und durchsichtiges Zeit-Raum-Gefüge für das Geschehen zu schaffen, von dem er berichtet, und ob er zwischen den so zusammengehaltenen Ereignissen Beziehungen entstehen läßt, die über bloße Verbindungen bestimmter Ereignisse mit bestimmten Zeiten und Orten hinausgehen.

Immer wieder sind Versuche unternommen worden, Antworten auf diese Fragen zu finden. Ich nenne aus der Forschungsgeschichte nur einige Namen, die für einen je anderen Ansatz stehen, angefangen mit William Wrede, Karl Ludwig Schmidt, Rudolf Bultmann, Martin Dibelius, Ernst Lohmeyer, Willi Marxsen, James McConkey Robinson, Walter Schmithals, Cilliers Breytenbach, Gerd Theißen, Adela Yarbro Collins, Marie-Eve Becker, Paul-Gerhard Klumbies, Bärbel Bosenius … Sie alle haben ihre eigene Lösung, aber ob es die »richtige« ist, wird wohl für immer offen bleiben.

Mir geht es um den ursprünglichen Sinn und Zweck der Orts- und Zeitangaben im Fortgang der Erzählung des Markusevangeliums, nämlich dem Leser den Ablauf des Geschehens nahezubringen. Es ist die Basis der Erzählebene, die Cilliers Breytenbach „die normale Erzählebene“ nennt. Darüber hinausgehende Interessen verfolge ich nicht. Diese Ebene ist unabdingbare Voraussetzung für die drei weiteren der vier Erzählebenen, von denen Cilliers Breytenbach ausgeht, nämlich zweitens die Ebene der Kommunikation zwischen Erzähler und Leser, auf der „das Erzählte gedeutet, erläutert oder unterstrichen wird“, drittens die eingebettete Kommunikationsebene mit der „Kommunikation zwischen den dargestellten Figuren in der Erzählung“ und schließlich „die direkte Rede, die in die erste Kommunikationsebene eingefügt wird“37. Sie bleiben hier außer Betracht.

Dies vorausgesetzt, werde ich mich im Folgenden deshalb weder mit dem Messiasgeheimnis noch einem möglichen Gegensatz zwischen Galiläa und Jerusalem oder dem Hintergrund der einzelnen Episoden des Markusevangeliums, wie er sich für die Zeit um das Jahr 30 vermuten läßt, noch mit der Übertragung von Ergebnissen gegenwärtiger Narrativik befassen, auch nicht mit einem spatial, topographical oder topologicalturn38 etwa in Gestalt eines mythischen oder literarischen Raumes samt den Schnittstellen von dessen horizontalen und vertikalen Handlungsebenen oder mit der nicht-räumlichen Bedeutung räumlicher Strukturen39, ebenso wenig mit der möglichen symbolischen Valenz einzelner Orte, etwa Caesarea, sondern allein mit dem, was Cicero, der sich in De oratore, zumal in II 51-6540, über griechische und römische Geschichtsschreibung ausläßt, den Antonius dort in II 63 über die schwierige Aufgabe der Geschichtsschreibung sagen läßt, daß eben die Art des zu gestaltenden Stoffes der zeitlichen Folge der Gegebenheiten und der Ortskunde bedarf. Es geht also nicht etwa um eine imaginäre Geographie oder die theologische Aufladung von Räumen, die beide auf der Landkarte nicht zu erkennen sind41, sondern allein um eine synchrone Untersuchung des Markusevangeliums in dem uns vorliegenden, mutmaßlich ursprünglichen Umfang zwischen 1,1 und 16,842 – auch wenn da und dort etwas textkritisch umstritten sein mag. Denn – und hier stimme ich mutatis mutandis Rainer Kessler zu – Ausgang und Ziel jeder Auslegung ist immer das Evangelium als Ganzes in seiner uns vorliegenden Gestalt; jede Rekonstruktion seiner Vorgeschichte ist notwendigerweise hypothetisch43, ist nichts als „Vermutungswissenschaft“44, und es ist ziemlich fraglich, ob und wenn ja, wie weit es überhaupt möglich ist, hinter der vorliegenden Endgestalt des Markusevangeliums dessen Vorgeschichte zu erhellen.