Zeit zu gehen - Patricia Vandenberg - E-Book

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Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. »Herzlichen Glückwunsch, Frau Raabe, Sie sind schwanger«, verkündete Dr. Daniel Norden seiner freudestrahlenden Patientin und deutete auf das kleine Herz, das deutlich auf dem Monitor des Ultraschallgerätes zu erkennen war. Obwohl er kein Gynäkologe war, kam es doch nicht selten vor, dass sich einige seiner weiblichen Patienten vertrauensvoll an ihn wandten, wenn sie eine Schwangerschaft vermuteten. So auch Verena Raabe, der er einen ersten kurzen Blick auf ihr Ungeborenes ermöglichen konnte. »Das kleine Herz schlägt regelmäßig und kräftig.« »Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich über diese Nachricht freue. Ich kann es kaum erwarten, Robert davon zu erzählen.« »Tun Sie das.« »Mit der anderen Verwandtschaft warte ich allerdings noch eine Weile«, dachte Verena laut nach. »Es heißt ja auch immer, dass eine Schwangerschaft erst ab der zwölften Woche sicher ist.« »So wie es aussieht, ist der Fötus völlig normal entwickelt. Ich glaube nicht, dass Sie mit irgendwelchen Schwierigkeiten zu rechnen haben.« »Trotzdem. Wie heißt es so schön: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste«, erwiderte Verena Raabe lächelnd und stand auf, um sich anzuziehen. »Möchten Sie die Schwangerschaftsvorsorge von Ihrem Frauenarzt durchführen lassen? Dann stelle ich Ihnen einen Überweisungsschein aus«, bot Daniel freundlich an.

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Seitenzahl: 120

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Dr. Norden Extra – 82 –Zeit zu gehen

Alle Tränen sind geweint

Patricia Vandenberg

»Herzlichen Glückwunsch, Frau Raabe, Sie sind schwanger«, verkündete Dr. Daniel Norden seiner freudestrahlenden Patientin und deutete auf das kleine Herz, das deutlich auf dem Monitor des Ultraschallgerätes zu erkennen war. Obwohl er kein Gynäkologe war, kam es doch nicht selten vor, dass sich einige seiner weiblichen Patienten vertrauensvoll an ihn wandten, wenn sie eine Schwangerschaft vermuteten. So auch Verena Raabe, der er einen ersten kurzen Blick auf ihr Ungeborenes ermöglichen konnte. »Das kleine Herz schlägt regelmäßig und kräftig.«

»Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich über diese Nachricht freue. Ich kann es kaum erwarten, Robert davon zu erzählen.«

»Tun Sie das.«

»Mit der anderen Verwandtschaft warte ich allerdings noch eine Weile«, dachte Verena laut nach. »Es heißt ja auch immer, dass eine Schwangerschaft erst ab der zwölften Woche sicher ist.«

»So wie es aussieht, ist der Fötus völlig normal entwickelt. Ich glaube nicht, dass Sie mit irgendwelchen Schwierigkeiten zu rechnen haben.«

»Trotzdem. Wie heißt es so schön: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste«, erwiderte Verena Raabe lächelnd und stand auf, um sich anzuziehen.

»Möchten Sie die Schwangerschaftsvorsorge von Ihrem Frauenarzt durchführen lassen? Dann stelle ich Ihnen einen Überweisungsschein aus«, bot Daniel freundlich an.

Aber Verena schüttelte den Kopf.

»Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich gerne bei Ihnen bleiben. Mein Gynäkologe ist ja leider in Rente gegangen, und sein Nachfolger ist mir nicht sonderlich sympathisch. Außerdem fühle ich mich bei Ihnen wirklich in guten Händen.«

»Das freut mich. Solange es keine Komplikationen gibt, übernehme ich die monatliche Vorsorge sehr gerne. Für die Entbindung kann ich Ihnen die Praxis eines Kollegen empfehlen. Dr. Hans-Georg Leitner ist ein langjähriger Freund von mir und Chef der gleichnamigen Klinik. Sie werden sich dort sicher wohlfühlen.«

»Bis dahin habe ich ja noch ein wenig Zeit«, erklärte Verena und strich sich liebevoll über den noch flachen Bauch.

»Sie werden sehen, wie schnell die restlichen sieben Monate vergehen.«

Unter diesem munteren Geplauder begleitete Dr. Norden seine Patientin hinaus zum Empfang, wo seine treue Assistentin Wendy ihrer Arbeit nachging.

»Bitte geben Sie Frau Raabe einen Untersuchungstermin in vier Wochen.« Und zu Verena gewandt erklärte er: »Jeden Monat führen wir eine kleine Untersuchung durch, um sicherzugehen, dass sich der Fötus gut entwickelt und Sie gesund sind. Beim nächsten Termin erhalten Sie den Mutterpass, in den die Ergebnisse und alle weiteren wichtigen Daten vermerkt werden. Dieses Dokument sollten Sie während der Schwangerschaft immer bei sich tragen.«

In Daniels Erklärungen hinein klingelte das Telefon, und Wendy ging an den Apparat. Rasch erlosch das Lächeln auf ihrem Gesicht, während sie aufmerksam in den Hörer lauschte und nach einem Stift griff, um eine Adresse zu notieren.

»Was ist passiert?« erkundigte sich Daniel besorgt. Verena hatte die Praxis inzwischen verlassen. Es war kurz vor Mittag, und er freute sich darauf, mit seiner Familie wieder einmal essen zu können. Doch Wendy musste ihm einen Strich durch die Rechnung machen.

»Leider wird wieder einmal nichts aus Ihrer Mittagspause. Sie müssen sofort zu Herrn Bräuer in die Arndtstraße. Er ist gestürzt und konnte den Apparat nur mit letzter Kraft erreichen.«

»Schön«, seufzte Daniel pflichtbewusst. »Bitte rufen Sie Fee an, damit sie und die Kinder nicht vergeblich auf mich warten.«

»Wird gemacht. Hier ist die genaue Anschrift und die Telefonnummer.«

»Vielen Dank, Wendy. Ich wüsste gar nicht, was ich ohne Sie machen würde«, gab Daniel lächelnd zurück, während er den Arztkittel gegen ein sommerliches Sakko tauschte.

Sofort wurde Wendys Gesicht von einem zarten Rot überhaucht. Sie freute sich immer über die Komplimente ihres Chefs, die, wie sie wußte, stets von Herzen kamen.

»Ich tue doch nur meine Pflicht.«

»Aber das ganz besonders gründlich und gut.« Mit diesen Worten ergriff Dr. Daniel Norden seine Arzttasche, winkte seiner Assistentin noch einmal zu und machte sich auf den Weg in die Arndtstraße, um seinem Patienten Albert Bräuer zu Hilfe zu eilen.

Mit wachsender Nervosität tippte Edith Kranzberg wieder und wieder die Nummer ihres Geliebten Albert Bräuer in ihr Handy ein.

Doch stets meldete sich nur der Anrufbeantworter. Als sie hinter sich die Schlafzimmertür leise in den Angeln quietschen hörte, fuhr sie erschrocken herum. Ihre Tochter Alexandra kam herein, und Edith atmete erleichtert auf.

»Ach, du bist es.«

»Wer sonst? Hier steckst du also, Mama. Ich hab’ dich im ganzen Haus gesucht. Warum bist du denn so blass?« Besorgt kam Alexandra einen Schritt näher und musterte ihre Mutter eingehend.

Edith lachte verlegen. Insgeheim suchte sie fieberhaft nach einer plausiblen Erklärung.

»Oh, ich wollte nur eben telefonieren«, gab sie wahrheitsgemäß mit einem Blick auf das Mobiltelefon in ihrer Hand zu.

»Aber das kannst du doch auch vom Festnetz aus machen. Das ist erstens viel billiger und zweitens gesünder. Diese Handystrahlung ist unglaublich schädlich.«

»Ich weiß das alles. Aber ich wollte in Ruhe sprechen. Unten rumort Marlene mit dem Staubsauger herum, du hast Essen gekocht. Das sind nicht die idealen Voraussetzungen, um mit einem Klienten zu sprechen.«

»Da hast du recht«, gab Alexandra lachend zu. »Aber jetzt ist ohnehin keine Zeit für Arbeit. Kommst du zum Essen?«

»Natürlich. Ich bin sofort da.«

Alexandra schenkte ihrer Mutter einen weiteren, misstrauischen Blick. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr, das spürte sie instinktiv. Doch sie wollte nicht zu sehr in Ediths Privatsphäre eindringen und zog sich diskret zurück.

Als Edith kurz darauf am Mittagstisch erschien, wirkte sie wieder natürlich und frisch. Alexandras Sorgen lösten sich in Wohlgefallen auf.

»Hm, hier riecht es aber lecker. Was hast du uns denn Schönes gezaubert?«

»Lachs-Lasagne, dein Leibgericht. Setz dich doch. Leider kann man das nicht aufwärmen. Papa wird heute Abend mit einem Butterbrot vorliebnehmen müssen.«

»Darauf können wir keine Rücksicht mehr nehmen. Erinnerst du dich nicht daran, wie oft ich mit dem Abendessen im Ofen auf ihn gewartet habe? Mehr als einmal ist alles verbrannt oder vertrocknet«, gab Edith heftiger als beabsichtigt zurück.

Alexandras Misstrauen erwachte erneut.

Während sie mit der Gabel eine Nudelschicht zerteilte, dachte sie nach.

»Sag mal, ist zwischen Papa und dir eigentlich alles in Ordnung?«

»So in Ordnung, wie es eben sein kann, wenn man sich kaum zu Gesicht bekommt«, antwortete Edith und verbarg ihr flammendrotes Gesicht hinter der Serviette.

»Das klingt ja nicht gerade zufrieden.«

»Wie sollte es schon sein nach so vielen Jahren Ehe? Ich möchte dir ja nicht alle Illusionen rauben, aber selbst die größte Liebe kühlt mit den Jahren ab. Das scheint ein Naturgesetz zu sein. Trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf. Stell dir vor, dein Vater hat mir versprochen, mich heute Abend in die Oper auszuführen.«

»Eine magere Ausbeute«, erklärte Alexandra unbarmherzig. »Deshalb gibt es erst gar keinen Mann in meinem Leben. Ich will mich nicht verlieben. Das macht nur Ärger und bringt Enttäuschung.«

»So schwarz darfst du das auch wieder nicht sehen. Verliebt sein ist etwas Wunderbares. Man fühlt, dass man am Leben ist, die Welt ist bunt und leicht.«

»Das klingt gerade so, als ob die Erinnerung in dir noch sehr lebendig ist«, neckte Alexandra ihre Mutter.

»Ich habe eine lebhafte Fantasie«, redete sich Edith heraus und räusperte sich. Schon lange brannte ihr ihr Geheimnis auf der Seele. Sie sehnte sich so sehr danach, sich einem Menschen mitzuteilen, wünschte sich jemanden, dem sie ihre Sorgen und Gefühle anvertrauen konnte. Aber das war unmöglich, wenn sie ihr Leben und ihre Lieben nicht gefährden wollte. So blieb sie mit ihrem schlechten Gewissen allein.

»Manche Dinge vergisst man eben nicht«, erklärte sie schließlich kurzerhand und wechselte das Thema. »Hast du eigentlich was von Verena gehört? Deine Schwester macht sich reichlich rar in letzter Zeit.«

»Seit sie mit Robert verheiratet ist und zusammen mit ihm diese Immobilien-Firma hat, höre ich kaum mehr etwas von ihr. Dabei hatte sie mir hoch und heilig versprochen, dass sich an unserem Verhältnis auch nach ihrer Hochzeit nichts ändern würde«, erklärte Alexandra bedrückt. Sie vermisste ihre um wenige Jahre ältere Schwester sehr und war enttäuscht darüber, wie die Dinge sich entwickelten. Das war ein weiterer Grund, warum sie sich nicht verlieben wollte. Einem Mann eine solche Stellung in ihrem Leben einzuräumen, schien ihr undenkbar.

Edith bemerkte die Verstimmung ihrer Tochter. Obwohl sie Verena vermisste, konnte sie deren Verhalten verstehen und versuchte, einzulenken.

»Du wirst sehen, wenn sie sich erst einmal an ihr neues Leben gewöhnt hat, wird sie wieder mehr Zeit für uns haben. Im Augenblick ist halt alles noch neu und aufregend. Dafür sollten wir Verständnis haben.«

»Deinen Optimismus möchte ich haben«, erklärte Alexandra und legte ihr Besteck beiseite. »Wenn sie sich eingelebt hat, bekommt sie ein Kind und das wars dann endgültig.«

»Verena und Kinder?« lachte Edith ungläubig. »Das kann ich mir nicht vorstellen. Robert und ihre Arbeit sind ihr so wichtig. Sie denkt sicher nicht im Traum daran, eine Familie zu gründen.«

»Dass du dich da mal nicht täuschst.«

Nachdenklich beendete Edith ihre Mahlzeit und tupfte sich die schön geschwungenen Lippen mit einer Serviette ab. Auch wenn sich um ihren Mund und in den Augenwinkeln bereits Falten gebildet hatten, war sie immer noch attraktiv und anziehend. Jetzt verklärte sich ihr strahlender Blick.

»Ein Enkelkind? Ich darf gar nicht daran denken, was das für eine Freude wäre. Endlich wieder Kinderlachen im Haus. Es wäre, als würde der Frühling erneut in mein Leben einziehen.«

»Du hättest doch gar keine Zeit, dich um ein Enkelkind zu kümmern. Du hast deine Arbeit, nachmittags deine Verpflichtungen, abends deine Kurse und Treffen mit zahllosen Freundinnen.«

»Für ein Enkelkind würde ich vieles an meinem Leben ändern«, gab Edith tiefsinnig zurück. Als sie jedoch den prüfenden Blick ihrer Tochter auf sich ruhen fühlte, lachte sie. »Willst du dich etwa darüber beschweren, dass deine Mutter ein ausgefülltes Leben führt, statt dir auf die Nerven zu gehen?« fragte sie augenzwinkernd.

»Nein, beileibe nicht. Keine einzige Mutter meiner Freundinnen ist so auf Zack wie du. Das bewundere ich sehr. Obwohl Papa so gut wie nie Zeit für dich hat, hast du dir die Lebensfreude und den Spaß am Alltag bewahrt.«

Weil mir ein anderer das gibt, was mir dein Vater verwehrt, dachte Edith insgeheim und erschauerte, als sie an Albert dachte. Wo mochte er nur stecken? Den ganzen Vormittag hatte sie nichts von ihm gehört. Das war in der ganzen Zeit ihrer heimlichen Liaison noch nicht vorgekommen. Nur mühsam konnte Edith ihre Sorgen unterdrücken und zwang ihre Gedanken zurück an den Mittagstisch. Sie griff nach ihrem Glas und leerte es.

»Vielen Dank für das wunderbare Essen. Ich werde mich bei Gelegenheit revanchieren.«

»Nicht nötig. Es macht mir ja Spaß.«

Alexandra erhob sich und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. »Du liebe Zeit, ich muss mich sputen. Sonst komme ich noch zu spät zur Arbeit. Ich hab’ heute Spätschicht. Wiedersehen, Mama, bis morgen.« Sie beugte sich zu Edith hinunter, drückte ihr einen Kuss auf die samtweiche, duftende Wange, ehe sie in ihr Zimmer stürzte und wenige Minuten später das Haus verließ.

»Nanu, was war denn das für ein Wirbelwind?« erkundigte sich Marlene, die Haushaltshilfe, die sich anschickte, den Tisch abzuräumen.

Edith blickte Alexandra mit einem versonnenen Lächeln nach.

»Das? Das war meine Tochter. Ganz und gar.«

Erschöpft saß Albert Bräuer auf seiner Couch und atmete tief ein und aus, während Dr. Daniel Norden seinen Blutdruck maß. Endlich nahm der Arzt das Stethoskop ab und hängte es sich um den Hals. Mit einer raschen Bewegung löste er die dunkelgrüne Manschette des Blutdruckmessgerätes vom Arm.

»Hundert zu siebzig. Das ist außergewöhnlich niedrig«, stellte er fest, während er versuchte, sich an die Werte früherer Untersuchungen zu erinnern. »Mit zu niedrigem Blutdruck hatten Sie es doch noch nie zu tun.«

»Nein, eigentlich nicht. Mag sein, dass das Wetter daran schuld ist. Dieses ewige Hin und Her macht einen ja völlig krank. Mal herrlich warm, dann wieder eisig kalt, das haut den stärksten Mann um«, versuchte Albert, seine Beschwerden ins Lächerliche zu ziehen.

»Erzählen Sie mir noch einmal, wie es zu dem Sturz kam.« ließ sich Daniel jedoch nicht beirren.

»Da gibt es nicht viel zu sagen. Mir wurde schwindlig, das ist alles. Unglücklicherweise habe ich am Bücherregal Halt gesucht, das unter meinem Gewicht zusammengebrochen ist. Sehen Sie sich dieses Durcheinander an.« Kopfschüttelnd wanderte Alberts Blick auf das Chaos zu seinen Füßen.

»Das ist halb so schlimm. Brauchen Sie Hilfe, um Ordnung zu schaffen?«

Albert schüttelte den Kopf.

»Sie tun ja gerade so, als wäre ich ein alter Mann. Nein, das schaffe ich gerade noch. Ich halte mir immer meine Frau vor Augen«, erklärte er seufzend. »Trotz ihrer schweren Krankheit hat Lisa beinahe bis zuletzt darauf bestanden, sich um den Haushalt zu kümmern. Sie meinte, wie wolle keine Belastung sein und herumliegen wie ein nutzloses Stück Holz. Daran denke ich immer, wenn mir irgendetwas zu viel wird.«

»Ich erinnere mich gut an Ihre Frau. Wie lange ist es her, dass sie gestorben ist?« fragte Daniel nach, während er seine Untersuchungsgeräte in seiner Arzttasche verstaute.

»Beinahe sieben Jahre. Schon erstaunlich, wie die Zeit vergeht.«

»Und Sie haben nie daran gedacht, sich eine neue Lebensgefährtin zu suchen? Immerhin lebt es sich zu zweit besser als alleine.«

Albert blickte sinnend aus dem Fenster, ehe er antwortete.

»Zunächst war dieser Gedanke natürlich absurd. Lisa und ich, wir waren ein eingeschworenes Team. Aber nach und nach verblasste die Trauer, und der Wunsch nach Gesellschaft wuchs. Ich habe tatsächlich eine neue Gefährtin gefunden. Leider ist das alles nicht so einfach, wie ich es mir wünsche«, gab Albert stockend zu, während er von Edith erzählte. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als mehr Zeit mit ihr zu verbringen. Sie gab ihm alles, auf das er jahrelang hatte verzichten müssen. Doch Edith war gebunden und konnte sich nicht dazu entschließen, ihre Familie zu verlassen. Noch nicht. Die Zeit war noch nicht reif dazu, und sie hatte ihn um Bedenkzeit gebeten, die er ihr gerne gewährt hatte. Noch größer als die Sehnsucht war die Angst, Edith für immer zu verlieren. Oder war es die Angst vor der Einsamkeit, die ihn an dieser unglücklichen Konstellation festhalten ließ? Albert wußte es nicht.

Daniel Norden deutete das lange Schweigen seines Patienten richtig. Um nicht tiefer in ihn einzudringen, wandte er sich wieder dem medizinischen Problem zu und entnahm seiner Tasche ein Fläschchen, das er Bräuer reichte.

»Das hier sind Tropfen gegen Kreislaufschwäche. Nehmen Sie sie nach Packungsbeilage, und es wird Ihnen bald besser gehen. Dennoch möchte ich Sie bitten, in den nächsten Tagen in die Praxis zu kommen.«

»Warum das denn? Mir geht es schon wieder gut. Wirklich.«