Zeiten der Wiederherstellung - Mike Dowgiewicz - E-Book

Zeiten der Wiederherstellung E-Book

Mike Dowgiewicz

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Beschreibung

Wie können wir als Einzelne, als Familien und als Gemeinde die Vertrautheit und Vollmacht der ersten Christen zurückgewinnen? Was sind die wesentlichen Faktoren für ein authentisches Christsein? Diese Fragen stellen sich Christen nicht zum ersten Mal. Zahlreiche Erneuerungsbewegungen fühlten sich diesem Anliegen verpflichtet. Doch vieles von dem, was wir als Erneuerung bezeichnen, hat lediglich Teilbereiche geistlichen Lebens erfasst. So blieb etwa geistliche Erneuerung nicht selten auf die Spiritualität begrenzt, während Aspekte der Struktur unberührt blieben. Darum müssen wir es neu wagen zu fragen. Wir müssen es wagen, weit genug in die Geschichte der Kirche zurückzugehen. Wir müssen es wagen, am kompletten Bild neutestamentlichen Christseins Maß zu nehmen, einem Christsein, das im Kontext hebräischer Denkweise und Kultur geboren wurde. Mike und Sue Dowgiewicz leiteten zehn Jahre lang ein Rüstzentrum für geistliche Leiter in den USA. Dadurch waren sie mit den Problematiken der westlichen Kirche bestens vertraut. Schließlich öffnete ihnen ein längerer Aufenthalt in Israel die Augen dafür, in welchem Ausmaß griechische Philosophie und römische Struktur das ursprüngliche Bild bis zum heutigen Tag verzerren. Dieses Buch lädt Sie zu einer Entdeckungsreise ein. Sie werden die Charakteristiken des urgemeindlichen Lebens kennen lernen, aber auch schmerzhafte Fehlentwicklungen der frühen Kirche. Im Wesentlichen werden Sie aber eine „Landkarte“ entdecken, die Ihnen auf dem Weg zu geistlicher Erneuerung Orientierung bietet. Diese Reise führt Sie nicht in die Vergangenheit, sondern in Gottes Zukunft mit seinem Volk. Einem Volk, das sich aus Juden und Nichtjuden zusammensetzt, einem Volk, das in Christus vereint ist. "Seit Jahren begegne ich immer wieder Christen, die mich fragen: Was hat denn Paulus in Römer 11,17 mit „Wurzeln und Saft des Ölbaums“ (Luther) konkret gemeint? Was heißt das für mich als Jünger Jesu, für meine Familie, für mein gesellschaftliches Leben und für uns als Gemeinde Jesu heute? … 'Zeiten der Wiederherstellung' gibt einen hervorragenden Überblick und Einblick in dieses Thema." Harald Eckert "Welch eine Freude, wenn man etwas findet, was man schon lange gesucht hat … Was wir jetzt in diesem Buch zu lesen bekommen, ist eine totale Bestätigung dessen, was wir schon lange auf dem Herzen haben … Wir sind sehr gespannt, was dieses Buch in Deutschland für Veränderung bewirkt." Brigitte und Friedrich Richers.

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Seitenzahl: 532

Veröffentlichungsjahr: 2022

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MIKE & SUE DOWGIEWICZ

Zeiten der Wiederherstellung

FUNDAMENTE FÜR EIN AUTHENTISCHES CHRISTSEIN

GLORYWORLD-MEDIEN

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. E-Book-Auflage 2022

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel „Restoring the Early Church“ bei Restoration Ministries, Colorado Springs, USA.

© 1997/1998 Mike and Sue Dowgiewicz

© der deutschen Ausgabe 2005 GloryWorld-Medien, Xanten, Germany, www.gloryworld.de

Alle Rechte vorbehalten

Bibelzitate sind, falls nicht anders gekennzeichnet, der Elberfelder Bibel, Revidierte Fassung von 1985, entnommen.

Weitere Bibelübersetzungen:

[LU]: Luther Bibel, Revidierte Fassung von 1984

[NL]: „Neues Leben. Die Bibelübersetzung“, Holzgerlingen, 2002

[ST]: David H. Stern, „Das jüdische Neue Testament“, Neuhausen, 1994

[Menge]: Die Heilige Schrift, übers. von Hermann Menge, Stuttgart, 1994

[Schlachter]: Die Heilige Schrift, übers. von F. E. Schlachter, Genf, 1999

Das Buch folgt den Regeln der Deutschen Rechtschreibreform. Die Bibelzitate wurden diesen Rechtschreibregeln angepasst.

Übersetzung und Satz: GloryWorld-MedienCover: Oliver Häberlin, oha werbeagentur, www.oha-werbeagentur.ch

ISBN (epub): 978-3-95578-123-1

ISBN (Druck): 3-936322-23-6

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Inhalt

Worte des Dankes

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Vorbemerkung der Autoren

Einführung: Die derzeitige Problematik der Kirche im Westen

TEIL 1: Die hebräischen Facetten der Urgemeinde

1 Der jüdische Hintergrund der Urgemeinde – Ein wesentlicher Faktor des Neuen Testaments

2 Die hebräische Bibel: das Alte Testament – Grundlage für Lehre und Praxis des Neuen Testaments

3 Eine hebräische Perspektive – Die grundlegenden Aspekte urkirchlichen Denkens

4 Die Urgemeinde – demütig, hebräisch und geisterfüllt

TEIL 2: Die Abkehr von unseren hebräischen Ursprüngen

5 Der Verlust unserer jüdischen Wurzeln – Das Verhalten des Christentums gegenüber den Juden

6 Griechische Philosophie in der Gemeinde Jesu – Wie hat Plato Gott verdrängt?

7 Die römische Eroberung der Gemeinde – Ist die Reformation unvollendet geblieben?

TEIL 3: Die Urgemeinde – neu erstanden

8 Unsere Beziehung zu Jesus

9 Zweierbeziehungen I – Die Ehe

10 Zweierbeziehungen II – Elternschaft

11 Die Hausgemeinde I – Gerechtigkeit fördern

12 Die Hausgemeinde II – Tragfähige Beziehungen

13 Biblische Prophetie erfüllt sich – Israel und die Juden heute

14 Resümee: Jesus ist das Haupt – Welche Rolle spielt sein Volk?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für unseren Sohn Sean Michael („Mike“)

 

Wir wünschen dir, dass du erlebst,dass deine Kinder und Kindeskindersich voll Vertrauen auf den Herrn verlassenund ihm demütig gehorchen!

 

 

Worte des Dankes

Dieses Werk spiegelt eine geistliche Pilgerreise wider. Bevor der erste Schritt in Richtung Ziel unternommen werden konnte, mussten allerdings, wie bei jeder Pilgerreise, in vielen Jahren die entsprechende Vorarbeit geleistet und die Grundlagen geschaffen werden.

Zunächst möchten wir unseren Eltern Sam und Mary Dowgiewicz sowie Bill und Rosmar Goodrich danken, die uns beibrachten, das Wohl des anderen zu suchen, auch dann, wenn es uns selbst Nachteile bringt. Wir zollen auch jenen demütigen Dienern Gottes unsere Anerkennung, die uns – noch bevor wir Gottes Gnade angenommen hatten – Vorbilder darin waren, so zu leben, dass Jesus in uns erkannt wird: Bob Greco, Dick Shand und Wilma Southworth.

Weiterhin sind wir all jenen dankbar, die während unserer theologischen Ausbildung durch ihr eigenes Leben bezeugten, dass die bloße Vermittlung von Inhalten der Hingabe an den Nächsten, die Christus bei seinen Nachfolgern sehen möchte, nicht annähernd gerecht wird. Danke, Christy und Betty Wilson, Bob und Wilma Fillinger, Dan und Nancy Jessen. Ein ganz besonderer Dank gilt unserem verstorbenen Mentor Charles Schauffele, dessen Leben für uns der Maßstab ist, dass wir uns im Dienst für Gott niemals zur Ruhe setzen.

Die vielen Jahre, in denen wir das Tagungszentrum leiteten, bereiteten uns auf einen weiteren Meilenstein in unserem Leben vor: dass es Freude bereitet und ein Vorrecht ist, daran teilzuhaben, wenn geistliche Brüder und Schwestern gemeinsam ihre Lasten tragen. Wie sehr wir diese Jahre tiefer Beziehungen doch schätzen! Die unglaubliche Vielfalt unter den Gliedern des Leibes Christi, mit denen wir Gemeinschaft hatten, bereitete uns darauf vor, die Länge, die Breite, die Höhe und die Tiefe der Liebe Gottes noch stärker zu schätzen. Wir herrlich sind doch seine Wege, wie unendlich höher als unser menschliches Verstehen!

Doch erst auf unserer Odyssee nach Israel fiel es uns wie Schuppen von den Augen, dass uns auf unserem Weg mit Gott unterbewusst ein subtiler Antisemitismus beeinflusst hatte. Wie unsere liebe Freundin Exie Schlossberg es einmal ausdrückte: „Der strahlende Sonnenschein in Jerusalem bringt in uns alle möglichen finsteren Dinge ans Licht, damit wir sie vor dem Herrn bekennen.“ Und je mehr Gott uns die Augen dafür öffnete, dass er seine Verheißungen dem jüdischen Volk gegenüber erfüllt, desto stärker offenbarte er uns auch, weshalb er uns in das Geburtsland Jesu gebracht hatte. Danke, Bert und Exie Schlossberg, dass ihr uns in euer Haus und euer Leben Einlass gegeben habt, damit wir durch euer konkretes Vorbild den gerechten Weg des Herrn kennen lernen konnten.

Während wir auf unsere Pilgerreise weiterziehen, ist unser Gebet, dass alle, die Gott durch dieses Werk anspricht, einen größeren Hunger und Durst danach bekommen, ihn in den hebräischen Wurzeln der Gemeinde Jesu noch deutlicher zu erkennen. Mögen durch deren Liebe zu Gott und ihren Dienst zu seiner Ehre noch viele in sein Reich finden!

 

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Seit Jahren begegne ich immer wieder Christen, die mich fragen: Was hat denn Paulus in Römer 11,17 mit „Wurzeln und Saft des Ölbaums“ (Luther) konkret gemeint? Was heißt das für mich als Jünger Jesu, für meine Familie, für mein gesellschaftliches Leben und für uns als Gemeinde Jesu heute? Dutzende Male habe ich selbst über dieses Thema gesprochen, auf Seminaren gelehrt. Viele wichtige Anstöße wurden vermittelt und dankbar aufgenommen. Doch eines habe ich die ganzen Jahre über als Referent vermisst: Ein (deutschsprachiges!) Buch auf das ich hinweisen kann und das die von mir dargebotenen Gedankenanstöße allgemein verständlich weiterführt und vertieft. Umso mehr freue ich mich feststellen zu können: Hier ist es! Dieses Buch des Ehepaares Dowgiewicz füllt auf dem deutschsprachigen christlichen Buchmarkt die Lücke, die ich über Jahre hinweg so schmerzlich empfunden habe!

„Zeiten der Wiederherstellung“ gibt einen hervorragenden Überblick und Einblick in dieses Thema und zwar unter drei Gesichtspunkten:

a) Wie lebten die (jüdische) Urgemeinde gemäß dem Vorbild des (jüdischen) Rabbi und Messias Jesus konkret in ihren biblisch-hebräischen Wurzeln und in ihrem jüdischen Erbe? Was hieß dies für ihre Beziehung zum Auferstandenen, in ihrer Beziehung zum niedergeschriebenen Wort Gottes ihrer Zeit (das wir heute leider gemeinhin Altes Testament nennen), für ihr Familienleben, für ihr Leben miteinander und inmitten ihres gesellschaftlichen Umfeldes?

b) In welcher Weise und warum ist uns dieses Vorbild, dieser Lebensstil im Verlauf der ersten 3-4 Generationen nach Jesus (und danach) weitgehend verloren gegangen? Wie wurde das entstandene Vakuum gefüllt? Welche „Früchte“, welche Konsequenzen hatte dieses Abgeschnittenwerden von unseren biblisch-hebräischen Wurzeln im weiteren Verlauf der Kirchengeschichte?

c) Wie kommen wir als Einzelne, Familien und als Gemeinschaft bzw. Gemeinde wieder in Verbindung mit „den Wurzeln und dem Saft des Ölbaums“? Wie können wir den Lebensstil der ersten Christen hier und heute wiederentdecken und ausleben – als Einzelne, als Familien, als „alternative Gesellschaft“ inmitten unserer zunehmend gottlosen und orientierungslosen Umgebung? Dies ist die Hauptbetonung und auch der Hauptverdienst dieses Buches. Hier wird es sehr praktisch, sehr konkret – im besten Sinne des Wortes auch sehr herausfordernd.

In Apostelgeschichte 3,21 spricht Petrus von den „Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge“ (Elberfelder), die erfüllt sein müssen, damit Jesus wiederkommen kann. Die Versöhnung der weltweiten Gemeinde Jesu mit ihren biblisch-hebräischen Wurzeln ist mit Sicherheit eine der wichtigsten und (aufgrund der großen Entfremdung) eine der herausforderndsten Seiten dieses Wiederherstellungshandelns Gottes in unserer Zeit. Aber eines kann ich aus tiefster Überzeugung sagen: Es liegt ein enormer Segen darin, sich vom Heiligen Geist in diesen Reichtum hineinführen zu lassen.

Ich bete darum, dass möglichst viele Christen und Gemeinden im deutschsprachigen Raum durch dieses Buch einen erstmaligen oder vertieften Zugang zu den biblischen Wurzeln und dem Saft des Ölbaums finden – damit ihr Leben noch reichere und reifere Früchte hervorbringt, Jesus dadurch angebetet und verherrlicht wird und er bei seiner Wiederkunft eine mit ihren Wurzeln vereinte „Braut ohne Flecken und Runzeln“ (Eph. 5,27) vorfindet.

Harald Eckert1. Vorsitzender „Christliche Freunde Israels e.V.“

 

Vorbemerkung der Autoren

Gott gab meiner Frau Sue und mir die Möglichkeit, uns ein Bild vom „Christentum“ zu machen, wie man es nur sehr selten bekommt. Von 1983 bis 1993 führten wir in einem Tagungszentrum Einkehrtagungen für Pastoren und christliche Leiter durch. Wir durften in dieser Zeit etwa fünftausend Teilnehmern aus praktisch allen christlichen Denominationen dienen, insbesondere aus Connecticut, aber auch aus Massachusetts, Rhode Island, New Hampshire und New York. Zuvor war ich Finanzprüfer eines renommierten christlichen Colleges gewesen und hatte eine angesehene theologische Ausbildung absolviert.

Nach gängigem christlichem Sprachgebrauch sind Sue und ich „Laien“, und dieses Buch wurde für „Laien“ geschrieben. Wir stellen zunehmend fest, dass Gott die Wahrheiten, die er uns 1993/94 während unseres Aufenthalts in Israel offenbarte, auch anderen Christen offenbart.

Ich wecke deine Söhne, Zion, gegen die bewährten Kämpfer Griechenlands und mache dich wie das Schwert eines Helden (Sach 9,13).

Eine Auslegung dieses Bibelverses hörten wir zum ersten Mal in Jerusalem auf einer Gebetskonferenz. In den Monaten danach nahm uns Gott beiseite und führte uns zu den Ressourcen und Informationen, die die Grundlage für dieses Buch bilden. Zwei Leitlinien der Botschaft, die Gott uns gab, sollen im Verlauf dieses Buches im Detail ausgeführt werden:

1. Der Heilige Geist stellt derzeit unter den Nachfolgern Jesu ein hebräisch-biblisches Verständnis ihrer Beziehung zu Gott und zu den Schlüsselpersonen ihres Lebens wieder her.

Die ersten Christen gestalteten ihre Beziehung zum Herrn auf dem Hintergrund ihres hebräisch-biblischen Weltbildes. Dies wirkte sich sowohl auf die Tiefe ihrer Beziehung zu Gott als auch auf ihren unmittelbaren Umgang mit ihren Mitmenschen aus. Das Wesentliche einer hebräisch-christlichen Ehe in der Urgemeinde könnte man beispielsweise folgendermaßen umschreiben: „Die Tiefe meiner Beziehung zu Jesus Christus lässt sich an meiner Liebe für meinen Ehepartner erkennen.“ Es ist Gottes Plan, dass Mann und Frau ihre Ehe über alle anderen irdischen Beziehungen und Aktivitäten stellen: „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhängen, und sie werden zu einem Fleisch werden“ (1 Mose 2,24). Unsere eheliche Liebe soll unsere Beziehung zu Jesus sichtbar widerspiegeln. Wer eine gescheiterte Ehe oder zerbrochene Beziehungen hinter sich hat, kann die heilende, innige Gemeinschaft mit Gott ganz neu erfahren, wenn er die hebräischen Prinzipien der Bibel erforscht und anwendet.

Der Heilige Geist ist es, der die Herzen der Väter ihren Familien zuwendet (vgl. Mal 3,24). In der Frühphase der Gemeinde war das hebräische Zuhause der elementare Baustein geistlicher Entwicklung. Und auch noch heute ist es der Ausgangspunkt für das Wachstum gesunder Hausgemeinden und Versammlungen.1

Die älteren Menschen in unserem Lebensumfeld, die Weisen oder Mentoren, werden traditionell als Träger von Weisheit und Einsicht respektiert. Gott zieht sich auch heute wieder solche Personen heran, damit sie Eheleute sowie ledige Männer und Frauen leiten und beraten. Dashebräische Mentorenmodell ist für den Leib Christi eine unverzichtbare Komponente, die der Herr derzeit wiederherstellt.

2. Der Heilige Geist ist im Begriff, Christen in Bezug auf die aktuell stattfindende Versöhnung mit den Juden wachzurütteln.

Gott hat all jenen großen Segen verheißen, die die Nachkommen Abrahams, das jüdische Volk, segnen. Er ist dabei, das jüdische Volk wieder im Land Israel zu sammeln, und erfüllt damit, was er ihnen versprochen hat: „Und ich werde euch aus den Nationen holen und euch aus allen Ländern sammeln und euch in euer Land bringen. Und ich werde reines Wasser auf euch sprengen, und ihr werdet rein sein; von all euren Unreinheiten und von all euren Götzen werde ich euch reinigen. Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben …“ (Hes 36,24-26). Wer sich als Christ dieses Handelns Gottes bewusst ist, kann den Juden Gottes Liebe und Güte erweisen und stets bereit sein, „… den Grund für die Hoffnung zu nennen, die sie haben … mit Sanftmut und Respekt“ (1 Petr 3,15-16; wörtl. a. d. Engl.).

Weshalb wir dieses Buch geschrieben haben

Beim Schreiben dieser Seiten haben wir in gewisser Weise all jene vor Augen, denen wir durch unsere Einkehrtagungen gedient haben. Wir wünschten uns, wir hätten die hebräischen Prinzipien, die Gott uns in Israel aufgeschlüsselt hat, schon früher gekannt. Als wir uns diese Wahrheiten aneigneten, kamen uns viele Leute in den Sinn und nicht selten dachten wir: „Wenn sie doch nur diese Dinge hier hören könnten, dann könnten sie Gott in ihren schwierigen Lebensumständen viel besser vertrauen!“

Obwohl dem geschriebenen Wort die Zwanglosigkeit sowie die Möglichkeiten des Dialogs einer Tagung abgehen, ist es unser Ziel, Ihnen etwas an die Hand zu geben, das praktisch, nützlich und für den Alltag relevant ist. Wir gehen davon aus, dass dieses Material Sie in die Lage versetzt, entsprechende aktive Glaubensschritte zu unternehmen, die Ihr Leben mit dem Herrn Jesus Christus stärken und Ihre Beziehungen zu Ihrem Ehepartner, zu Ihren Familienmitgliedern und zu engen Freunden mit neuem Leben erfüllen. Wir haben in diesem Buch Ereignisse dokumentiert, die sich im Laufe von Jahrhunderten zugetragen haben, und Entwicklungen skizziert, die die Vitalität der hebräisch geprägten Kirche des ersten Jahrhunderts zunichte gemacht haben.

Einige Wahrheiten, die in diesem Buch wiedergegeben sind, gründen sich auf Offenbarungen Gottes, die uns der Heilige Geist beim Durcharbeiten der Bibel schenkte. Wir glauben, dass diese Wahrheiten in jeder Hinsicht mit dem Wort Gottes übereinstimmen. Andere Informationen gehen auf Nachforschungen von uns und anderen zurück oder stützen sich auf unsere langjährige Arbeit mit vielen Christen unterschiedlicher sozialer Schichten und verschiedener konfessioneller Prägung.

Den ersten Entwurf dieses Buches schickten wir mehreren Personen, die im Ruf stehen, in ihrem jeweiligen Tätigkeitsbereich des Leibes Christi eine biblisch fundierte Theologie zu vertreten. Wir wollten uns vergewissern, dass unsere Arbeit nicht umsonst war. Damals fragten wir uns, ob diese angesehenen Persönlichkeiten bei der Prüfung unserer Recherchen wohl zu denselben Schlussfolgerungen gelangen würden wie wir. Ihr Feedback war eine überwältigende Bestätigung unserer Arbeit. Vor allem zwei Kommentare konnte man ihren Rückmeldungen entnehmen. Der erste lautete sinngemäß: „Ich weiß, dass das, was ihr geschrieben habt, wahr ist, würde mich aber scheuen, die Veränderungen vorzunehmen, die notwendig wären, um meine Gemeinde zu den Grundlagen der Urgemeinde zurückzuführen.“ Die zweite, recht häufig geäußerte Anmerkung war: „Ihr braucht eure Thesen nicht zu beweisen; zeigt den Leuten vielmehr, wie man sie in die Praxis umsetzt.“ Angesichts dieser Reaktionen haben wir versucht, in „Zeiten der Wiederherstellung“ sowohl historische Recherchen als auch praktische Vorschläge zusammenfließen zu lassen.

Eine stattliche Eiche ist ein gutes Bild, um die Wiederherstellung, die derzeit innerhalb der Christenheit vonstatten geht, zu veranschaulichen: Am Fuß des Stammes, direkt oberhalb der Wurzeln, setzt die Wiederherstellung an, denn schließlich waren die hebräischen Wahrheiten der Kirche des ersten Jahrhunderts tatsächlich äußerst elementar. Bedient man sich einer anderen Analogie und vergleicht die Aktivitäten des Leibes Christi mit Computerprogrammen, könnte man die derzeit existierende Gemeindepraxis den Anwenderprogrammen zuordnen, während die Wiederherstellung die Systemsoftware darunter betrifft.

In Anbetracht der Breite und des Umfangs dieses Themas haben wir das Buch in drei Hauptteile untergliedert:

Teil 1: Die hebräischen Facetten der Urgemeinde

Der erste Teil dreht sich um die historischen Hintergründe und prägenden Faktoren der hebräisch geprägten Christen des ersten Jahrhunderts. Wie sie miteinander lebten und was sie glaubten, war für die Autoren des Neuen Testaments von grundlegender Bedeutung.

Teil 2: Die Abkehr von unseren hebräischen Ursprüngen

Der zweite Teil bringt einen gerafften Überblick über jene Ereignisse, die dazu führten, dass die hebräischen Wurzeln durch eine fremdartige Kultur und Organisationsstruktur ersetzt wurden: das Eindringen griechischer Philosophie und römischer Machtstrukturen in die Gemeinde.

Teil 3: Die Rückkehr zu den Prinzipien der Urgemeinde

Im letzten Teil konzentrieren wir uns auf die primären Lebensbereiche, in denen sich die Entwicklung zur Christusähnlichkeit vollziehen: Die Beziehung des Einzelnen zu Jesus, die Familie und die erweiterte geistliche Familie (Hausgemeinde). Alle weiteren Dimensionen des Lebens – beispielsweise ein möglicher Zusammenschluss solcher Hausgemeinden zu einer Kongregation, die den Herrn anbetet und die Interessen seines Reiches verfolgt – entwickeln sich aus diesen zentralen Elementen.

Mike Dowgiewicz

 

1 Unter „Hausgemeinde“ (engl. home fellowship) verstehen die Autoren eine Erweiterung der Familie bzw. Großfamilie auf andere in räumlicher Nähe lebende Christen (Nachbarn oder Nahestehende, vgl. Diagramm in Teil III dieses Buches); diese treffen sich regelmäßig zu Gemeinschaft, Gebet, Bibelstudium und Austausch. In größeren Abständen anberaumte Treffen mehrerer „Hausgemeinden“ werden in diesem Buch in terminologischer Abgrenzung zum mit unterschiedlichen Vorstellungen behafteten Begriff „Gemeinde“ als als „Kongregationen“ oder „Versammlungen“ (engl. congregations) bezeichnet. (Anm. d. Übers.)

Einführung: Die derzeitige Problematik der Kirche im Westen

Und von den Söhnen Issaschar solche, die die Zeiten zu beurteilen verstanden und wussten, was Israel tun musste … (1 Chr 12,33).

Als die Stämme Israels zusammenkamen, um David zum König zu salben, zogen sie mit mehreren tausend Soldaten nach Hebron. Der Stamm Issaschar kam jedoch mit zweihundert Männern, „… die die Zeiten zu beurteilen verstanden und wussten, was Israel tun musste“. Wenn wir jemals erleben wollen, dass die vollmächtige Gemeinde Jesu des ersten Jahrhunderts wiederhergestellt wird, müssen wir zuerst ein Volk werden, das die gegenwärtige Zeit zu beurteilen versteht. Falls wir dann noch den entsprechenden Glauben und Mut haben, können wir Teil der Wiederherstellung genau der Kirche werden, die Jesus gegründet hat, d. h. seines Leibes, der aus seinen Nachfolgern besteht, die sich voller Liebe zu ihm, zu ihren Familien, zu anderen Christen und zu den Verlorenen verzehren. Bevor wir darüber nachdenken, was Gott von seinem Volk fordert, damit er in unserer Zeit der Gemeinde diese biblischen Wahrheiten zurückgeben kann, wollen wir zunächst den aktuellen Zustand der Familie und der „Kirche“ in der westlichen Welt untersuchen.

In seinem Buch Family and Civilization (Familie und Zivilisation) gewährt Carle Zimmerman einen einzigartigen Einblick in den Auflösungsprozess der modernen Familie und Kirche. Zimmerman zeigt die typische Entwicklung der Familie in unterschiedlichen Kulturen bis hin zu ihrer Auflösung auf. In den meisten großen Zivilisationen verlaufen die schrittweisen Veränderungen in den familiären Beziehungen und in der Einstellung der Gesellschaft zur Familie nach einem ähnlichen Muster. Anfangs wird die Familie sehr geachtet und die Wünsche des Einzelnen sind den Erfordernissen der Familie untergeordnet. Mit der Zeit kehrt sich diese Einstellung jedoch ins Gegenteil um: Die Rechte des Einzelnen werden vergötzt und die Verbindlichkeit innerhalb der Familie wird verschmäht. Diese Entwicklung verläuft parallel zu allgemeinen gesellschaftlichen Auflösungserscheinungen. Laut Zimmerman erkennt man dieses Schema bei den Griechen und Römern der Antike und auch heute wieder in Teilen der westlichen Welt.

Zimmerman identifiziert drei Typen von Familien, die zu verschiedenen Zeiten im Lebenszyklus einer Zivilisation vorherrschen: die „Treuhänderfamilie“, die „häusliche Familie“ und die „atomistische Familie“.

Die Treuhänderfamilie ist der stabilste Familientyp. Hier legt man großen Wert auf die Ressourcen und Wahrheiten, die die Vorfahren von Generation zu Generation weitergegeben haben. Bestimmende Autorität ist in der Regel eine von den ältesten Männern geführte, patriarchalische Struktur. Wenn in einer Familieneinheit jedoch typische Probleme auftreten, werden alle Verwandten um Rat und Hilfe gebeten. Da die Loyalität zur Familie so ausgesprochen hoch geachtet wird, können die ältesten Familienmitglieder als disziplinarische Organe fungieren, die von allen anerkannt werden. Sie können auf eine Art und Weise Gehorsam verlangen, die Personen außerhalb der Familie oder der Sippe nicht unbedingt akzeptieren würden.

In einer solchen Familienstruktur werden Ehen nur selten geschieden. Man erwartet von den Einzelpersonen, dass sie ihre eigenen Interessen den höherrangigen Interessen der Familie als Ganzem unterordnen. Mit einer selbstlosen Haltung und durch harte Arbeit kommen Familienmitglieder zu Wohlstand und sammeln sich Vorräte an. Die Solidarität dieses Familientyps war beispielsweise in der Gründerzeit Amerikas ein Merkmal der Pilgerväter und der Puritaner.

Die häusliche Familie steht etwa in der Mitte zwischen dem Individualismus und der absoluten Autorität der Familie. Die Leitungsstruktur dieses Familientyps schätzt die Stärke der Familienbande und der familiären Stabilität, lässt jedoch Raum für individuelle Ausdrucksformen und eine gewisse kreative Autonomie, um neue Ideen und Vorstellungen einzubringen. Die Macht der Sippe ist kirchlichen und staatlichen Autoritäten untergeordnet. Scheidungen sind zwar selten, kommen aber gelegentlich vor. Ehemann und Ehefrau gelten als Familieneinheit, die die Hauptverantwortung für die Erziehung ihrer Kinder nach den Werten, die sie für richtig halten, übernimmt. Die Eltern sind bereit, die Schmerzen einer Geburt und die Herausforderungen der Kindererziehung auf sich zu nehmen, weil sie ihre Kinder als eine Erweiterung von sich selbst sehen.

Das kann zuweilen bedeuten, dass Eltern bestimmte eigene Wünsche opfern müssen, um sich auf die Bedürfnisse und die Erziehung der Folgegeneration konzentrieren zu können. Die Mütter und Väter dieses Familientyps sind im Allgemeinen bereit, gegebenenfalls auf komfortable Autos, luxuriöse Häuser oder Wohnungen, ja sogar auf zeitaufwendige Hobbys zu verzichten, um entsprechende Energie, Zeit und Ressourcen für ihre Kinder zu haben. Diese Art Familienstruktur charakterisierte Griechenland und Rom, als diese in der Antike als Handel und Gewerbe treibende Nationen ihren Höhepunkt erreicht hatten. Der Untergang dieser Zivilisationen setzte ein, als der Staat jene Verantwortungsbereiche übernahm, die bis dahin die Domäne der Familien und religiösen Institutionen gewesen waren. Bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts war diese Struktur auch für die meisten Haushalte der westlichen Welt typisch.

Wenn sich die Bindungen innerhalb der Familie auflösen, wird der Individualismus über alles gestellt. Diescharakterisiert den Typ der atomistischen Familie. Jede einzelne Person wird als separate, vom Familienverbund losgelöste Einheit gesehen. Auf die Rechte des Einzelnen wird mehr Wert gelegt als auf familiäre Verantwortlichkeiten. Waren Selbstaufopferung bzw. Selbsthingabe noch die Norm in der Treuhänderfamilie und der häuslichen Familie, so herrscht in der atomistischen Familie ein totaler und unverfrorener Egoismus vor. Kulturen dieser Art experimentieren mit Beziehungen ohne Kinder und verzeichnen steigende Scheidungsraten. Da die Mehrheit nicht bereit ist, Opfer für die Zukunft zu bringen, werden immer weniger Kinder geboren.

Religiöse und moralische Sitten vermögen die Unantastbarkeit der Familie kaum zu schützen. „Der Einzelne, der keine Moralvorstellungen hat, die ihn leiten, versteht Freiheit nicht länger als ‚Chance‘, sondern als ‚Berechtigung‘. Da er weder innere noch äußere Leitlinien hat, die ihn beschränken, spielt er mit dem Leben und ist ständig auf der Suche nach besseren Möglichkeiten. Wenn er dann auf die unvermeidlichen Schwierigkeiten stößt, ist er in seinem Elend allein.“11 Da das atomistische Individuum es nicht annehmen kann, still zu leiden, sucht es andere mit ähnlichen Schwierigkeiten, mit dem Ziel, gemeinsam eine politische „Stimme“ zu bilden. Diese spezielle Interessengruppe kann dann Macht und Einfluss gewinnen, um soziale Einrichtungen dazu zu zwingen, ihrem Elend Abhilfe zu schaffen. Beachten Sie den Gegensatz zwischen der Ethik der persönlichen Verantwortung in der häuslichen Familie und der Entwicklung einer sozialen Opferrolle („Das ist doch nicht meine Schuld“) in der atomistischen Struktur. Eine Zivilisation, die im Bann dieses atomistischen Modells steht, erinnert an einen Schwarm Insekten, die gegeneinander auf Leben und Tod kämpfen. Einzelpersonen fixieren sich zwanghaft auf ihre eigenen Wünsche und Interessen und missachten die Bedürfnisse und Probleme anderer; Verbindlichkeit und Verantwortung gelten als Beschneidung der persönlichen Freiheit.

Man vergegenwärtige sich die Merkmale einer atomistischen Gesellschaft:

• Die Ehe verliert ihre Unantastbarkeit als stabile, verbindliche Institution. Die Unverletzbarkeit der Ehe als Bund geht verloren. Die Beziehung wird häufig durch eine relativ einfache Scheidung beendet, an der „keiner schuldig“ ist.

• Feministische Bewegungen nehmen überhand, da Frauen immer weniger dazu geneigt sind, Kinder zur Welt zu bringen und großzuziehen. Die Geburtenziffern sinken. Tagesstätten und Kinderkrippen ersetzen die Erziehung in vertrauter Umgebung, da Mütter nicht mehr motiviert und ermutigt werden, ihre eigenen Kinder im sicheren Umfeld der Familie aufzuziehen.

• In der Öffentlichkeit wächst die Geringschätzung für Eltern, Elternschaft und Autorität im Allgemeinen. Für jene, die immer noch versuchen, Kinder auf der Grundlage biblischer Werte zu erziehen, wird es immer schwieriger, Eltern zu sein. Die Medien verunglimpfen bewährte Werte und Traditionen.

• Junge Menschen legen eine immer größere Respektlosigkeit gegenüber ihren Eltern und anderen Autoritätspersonen an den Tag. Straftaten Jugendlicher wie auch Promiskuität und Rebellion eskalieren immer mehr. Weder das Rechtssystem noch Bildungseinrichtungen sind in der Lage, in Bezug auf diese Rechtlosigkeit und Ungerechtigkeit abschreckend zu wirken.

• In vielen Kreisen wird Ehebruch akzeptiert oder sogar propagiert. Alternativen zur Ehe – wie zum Beispiel die „Ehe ohne Trauschein“ – werden immer häufiger gebilligt.

• Alle möglichen sexuellen Perversionen (Homosexualität, Vergewaltigungen, Inzest, Pädophilie) werden nicht mehr nur toleriert, sondern breiten sich immer weiter aus.22

Im Jahr 1986, als wir damit begannen, im Rahmen von Einkehrtagungen Zimmermans Gedanken an Pastoren und andere Christen weiterzugeben, gab es einen einstimmigen Konsens in der Einschätzung, dass die Vereinigten Staaten bereits in das atomistische Stadium – also in die Phase des gesellschaftlichen Zerfalls – eingetreten waren. Viele von uns fingen damals an, nach Möglichkeiten zu suchen, wie wir als Christen ungeachtet dieser Entwicklung „Salz“ und „Licht“ sein können. Ein derartiges Ansinnen steckt auch hinter diesem Buch.

Wie kommt die Gemeinde Jesu mit der atomistischen Kultur der westlichen Welt zurecht?

Und zweitens tut ihr dies: Ihr bedeckt mit Tränen den Altar des HERRN, mit Weinen und Stöhnen, weil er sich eurer Opfergabe nicht mehr zuwendet und sie nicht mehr mit Wohlgefallen aus eurer Hand annimmt. Ihr sagt: Weswegen? Deswegen weil der HERR Zeuge gewesen ist zwischen dir und der Frau deiner Jugend, an der du treulos gehandelt hast, wo sie doch deine Gefährtin ist und die Frau deines Bundes. Und hat er sie nicht zu Einem gemacht? Zu einem Fleisch, in dem Geist ist. Und was erstrebt das Eine? Nachkommenschaft von Gott. So hütet euch bei eurem Leben! Und an der Frau deiner Jugend handle nicht treulos! Denn ich hasse Scheidung, spricht der HERR, der Gott Israels, ebenso wie wenn man sein Gewand mit Unrecht bedeckt, spricht der HERR der Heerscharen. So hütet euch bei eurem Leben und handelt nicht treulos! (Mal 2,13-17).

In seinem nachdenklich stimmenden Buch Marriage Savers präsentiert der Autor Michael McManus einige alarmierende Fakten über die Gemeinde und Alleinerziehende. Er schreibt:

Laut George Gallup Jr. sind zwei Drittel aller Amerikaner Mitglieder einer christlichen Gemeinde, und durchschnittlich zweiundvierzig Prozent von ihnen besuchten im Jahr 1991 einmal pro Woche einen Gottesdienst. Dreiundsiebzig Prozent aller, die zum ersten Mal heiraten, tun dies – der Volkszählung zufolge – mit dem Segen der Gemeinde bzw. Kirche. Es beunruhigt uns, dass die Scheidungsrate über fünfzig Prozent liegt. Die amerikanischen Kirchen mit ihren 300 000 örtlichen Gemeinden haben das Potential und die Möglichkeiten, die meisten Menschen zu beeinflussen. Dies steht in einem krassen Gegensatz zu den Einflussmöglichkeiten der Kirchen und Gemeinden in Europa. Einer Umfrage des Gallup-Instituts aus dem Jahr 1986 zufolge liegt der Gottesdienstbesuch zum Beispiel in Finnland bei lediglich vier, in Frankreich bei zwölf und in Großbritannien bei vierzehn Prozent.

Doch … Japan – mit fast gar keinen Christen – hat drei Viertel weniger Alleinerziehende als Amerika, und die Scheidungsraten in allen europäischen Ländern und in Kanada liegen um mehr als die Hälfte unter der der Vereinigten Staaten. Es wird deutlich, dass in der Nation mit den meisten Kirchgängern die Christen den geringsten Einfluss auf so zentrale Fragen wie die der Kindererziehung haben.

(Quelle:Bericht des „Bureau of the Census“,Children’s Well-Being: An International Comparison,Bureau of the Census, 1992)33

Der Rückgang starker, stützender Bindungen zwischen Eltern und Kindern hatte einen weiteren schädlichen Nebeneffekt: In den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts bezeichnete man die Zeit zwischen dem 13. und dem 19. Lebensjahr als „Jugend“. Bis zum Ende der 80er-Jahre hatten Soziologen den Begriff „Jugend“ allerdings auf die Altersgruppe von 12 bis 30 erweitert. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Jugend mit der Pubertät beginnt und dann aufhört, wenn eine Person die volle Verantwortung für ihr Handeln und ihre Entscheidungen im Leben übernimmt. Unsere Kultur hat letztlich eine Generation „erwachsener Jugendlicher“ hervorgebracht, die höchst unzureichend darauf vorbereitet sind, (als Erwachsene) Verantwortung und Leitungsaufgaben zu übernehmen.

1985, während unserer Zeit in dem Tagungszentrum, wurden wir gebeten, einen Dienst für Alleinstehende aus vielen verschiedenen Gemeinden unserer Region zu beginnen. Dieser Dienst bestand dann etwa zweieinhalb Jahre lang, bis einzelne Gemeinden ihre eigene Arbeit unter Singles begannen. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer unseres monatlichen Beisammenseins sowie an den vierteljährlich durchgeführten Tagungen lag zwischen 28 und 29; die Größe der Gruppe schwankte zwischen dreißig und sechzig Personen. Mit einer oder zwei Ausnahmen waren die Teilnehmer noch nie verheiratet gewesen. Nur wenige wohnten noch bei ihren Eltern; die meisten hatten ihre eigene Wohnung.

Mehrere Monate lang ermutigten wir die Teilnehmer, ihren Eltern die Frage zu stellen: „Seid ihr froh, dass ich euer Kind bin?“ Die große Mehrheit war in ihrer Angst regelrecht gefangen und brachte nicht den Mut auf, dies zu tun. Nur etwa sieben Personen rangen sich dazu durch. Sie berichteten den anderen, dass ihre Eltern – zu ihrer eigenen Überraschung – oft eine große Liebe und Bestätigung zum Ausdruck gebracht hätten. Dennoch konnte die Mehrheit ihre Angst davor, auf eben jene Leute zuzugehen, die früher einmal ihre Windeln gewechselt hatten, nicht überwinden.

Viele dieser Leute hatten studiert und genossen eine gewisse persönliche Freiheit, da sie über ein gutes Einkommen und viel freie Zeit verfügten. Sie waren häufig damit beschäftigt, welches „Spielzeug“ sie als nächstes kaufen und mit welchen Aktivitäten sie ihre freie Zeit füllen sollten. Von ihrer Reife her waren sie etwa auf der Stufe der 14- bis 17-Jährigen, die wir in den frühen 70er-Jahren in Jugendgruppen betreut hatten. Egal, welchen geistlichen Rat wir ihnen gaben und welche Vorschläge wir ihnen machten – im Leben der meisten änderte sich dadurch kaum etwas. (Damals war uns noch nicht bewusst, wie negativ sich der Zerfall der Drei-Generationen-Familie auf die persönliche Reifung ausgewirkt hatte.) Wir hatten zu vielen von ihnen auch noch weiterhin Kontakt, und es beunruhigte uns, dass sie ständig von einer Single-Gruppe zur nächsten wanderten.

Etwa ein Jahr nachdem unser Dienst an Singles zu Ende gegangen war, besuchte uns ein Mann, den wir Bill nennen wollen. Er war von seiner Gemeinde – der größten in unserer Region – gebeten worden, eine Gruppe für Singles zu beginnen. Ein Mitarbeiter der Gemeinde hatte ihm geraten, mit uns darüber zu sprechen. Nachdem wir uns einander vorgestellt hatten, fragte Mike: „Bill, weißt du, was die Hölle auf Erden ist? – Wenn man vierzig ist, ledig, und sich wünscht, schon lange verheiratet zu sein.“ Bill sah Mike deprimiert an und erwiderte: „Ich bin vierzig, ledig und wünschte, ich wäre schon lange verheiratet.“ Im weiteren Verlauf unseres Gesprächs ermutigte ihn Mike, für ein Ehepaar im Alter von Großeltern zu beten, das diese Arbeit mit Singles leiten würde. Wir hatten gemerkt, dass selbst wir mit Mitte vierzig immer noch zu jung waren, um unseren ledigen Freunden wirklich helfen zu können. Bill nahm unseren Rat nicht an, und nachdem er sich ein oder zwei Jahre mit dem Single-Kreis herumgeplagt hatte, erlitt er einen Nervenzusammenbruch.

Ist es nicht so, dass wir uns oft aus eigener Kraft und aus ehrbaren Motiven für etwas abmühen, was gut aussieht, dann aber feststellen, dass es weder Gottes Zielen und Zeitplan entspricht noch die dauerhafte Frucht einer Veränderung im Leben von Menschen hervorbringt?

Wenn der HERR das Haus nicht baut, arbeiten seine Erbauer vergebens daran. Wenn der HERR die Stadt nicht bewacht, wacht der Wächter vergebens (Ps 127,1).

Lawrence O. Richards machte folgende Beobachtungen, die er in prophetischer Weise seinem Buch A New Face For The Church festhielt:

Viele Christen hinterfragen heute den Sinn unserer Gottesdienstformen. Sie besuchen zwar pflichtbewusst die Gottesdienste und Veranstaltungen, leiden aber unter der Bedeutungslosigkeit von so vielem, was traditionell Teil unserer Gemeinden ist. Sie spüren intuitiv, dass wir eine neue Perspektive, ein neues Bewusstsein brauchen … Ihre „Sonntag-um-elf-Kultur“ geht noch darauf zurück, dass der Gottesdienst zwischen den beiden Melkzeiten der bäuerlichen Gesellschaft angesetzt wurde. Predigten bleiben eine der letzten Formen öffentlicher Rede, bei der es kulturell verboten ist, offen zu widersprechen …

[Die Leitung einer Gemeinde] besteht in aller Regel aus einem kleinen, inneren Zirkel von Gläubigen, die dankbar und hingegeben ihre Verantwortung wahrnehmen … und ist von einer Wolke von Zeugen umgeben, die sich wenig engagieren und leidenschaftslos zustimmen … Im Grunde wollen wir doch nicht, dass am Sonntagmorgen irgendetwas geschieht, was unsere gewohnte Routine durcheinander bringen könnte. Wir möchten „inspiriert“ werden, so dass es uns dabei warm ums Herz wird, wollen aber eigentlich nicht gestört werden. Intuitiv strukturieren wir deshalb den Gottesdienst so, dass sichere, vorhersagbare und angenehme Resultate gewährleistet sind …

Wir behaupten, es sei nötig, dass wir unseren Glauben ausleben, dass Christus uns durchdringt, um jeden Aspekt unseres Alltags zu verändern. Aber wir lehren diesen Glauben in formellen Schulungen oder Predigten, die keinerlei Bezug zum täglichen Leben haben … Wir lehren, dass jeder Gläubige ein Priester sei, dass er begabt und verantwortlich dafür sei, andere im Leib Christi aufzubauen. Doch dann laden wir erwachsene Leute in die Gemeinde ein und bitten sie, sich zu setzen und einem Lehrer oder dem Pastor zuzuhören. Sie üben dabei keinen Dienstaus,tragen keine Verantwortung, außer der, ruhig und ordentlich zu sein, und helfen durch ihre Anwesenheit niemandem …

Wir betonen, Eltern seien für die christliche Erziehung ihrer Kinder verantwortlich, aber in unseren Kirchen und Gemeinden entwickeln wir immer mehr Programme, um ihnen zu dienen, und tragen damit zu der Vorstellung bei, Eltern könnten ihre Kinder der Gemeinde übergeben und die Gemeinde werde den Job erledigen, die Kinder zu erziehen …

Es kommt nicht darauf an, was wir sagen; was wir tun, spricht Bände. Tatsache ist doch, dass unsere derzeitigen gemeindlichen und kirchlichen Methoden und Programme das Christentum intellektualisieren,elterliche Verantwortungslosigkeit fördern,Gläubige davon abhalten, einander zu dienen, und es Christen gestatten, sich wohl zu fühlen, ohne in irgendeiner Weise persönlich zu dienen (Hervorhebungen vom Autor).44

Spiegeln diese Beobachtungen nicht den derzeitigen Zustand der Gemeinde in der westlichen Welt wider? Oder – um den konkreten Bezug herzustellen – können Sie irgendwelche Parallelen zu dem finden, was in Ihrer eigenen Gemeinde geschieht?

David Wilkerson, Pastor der „Times Square Church“ in New York City, schrieb in seinem Brief der „Pulpit Series“ vom 13.6.1994:

Das an Konfessionen und Denominationen gebundene Gemeindesystem scheint in den letzten Zügen zu liegen. Es hat praktisch keinen Einfluss in der säkularen Welt, keine Vollmacht in Christus. Immer mehr geistliche Leiter fallen in Sünde – aufgrund von Ehebruch, Habgier, Stolz und Perversionen aller Art. Pastoren … meinen, sie müssten die Gemeinde wie ein Publikum unterhalten und amüsieren … [und] viele von ihnen trauen sich nicht, Sünde beim Namen zu nennen. Sie gehen ihrem geistlichen Dienst ohne Überzeugung nach und haben „eine Form der Gottseligkeit, aber keine Kraft“, weil sie es sich in ihrer Position gemütlich eingerichtet haben. Sie haben den Kontakt zu Gott verloren und hören seine Stimme nicht mehr.55

Im Mai 1994 hatte Wilkerson bereits gesagt:

Ich glaube, das Evangelium kann nur dann umfassend gepredigt werden, wenn es von der Kraft und dem Wirken des Heiligen Geistes begleitet wird – von mächtigen Wundern, die beweisen, dass das Evangelium wahr ist … Die Gemeinde unserer Tage ist schwach und ineffektiv geworden. Warum? Weil sie nicht mehr an das Übernatürliche glaubt! Theologen erzählen uns, Gott habe zu einem bestimmten Zeitpunkt aufgehört, mächtig zu wirken. Doch wann genau all diese übernatürlichen Aktivitäten aufgehört haben, kann uns keiner sagen! (Anmerkung des Autors: Die hier angesprochene theologische Position zeugt von Revisionismus, das heißt, dass man die Schrift dahingehend ändert, dass sie sinngemäß mit aktuellen kulturellen Überzeugungen und Maßstäben übereinstimmt.)

Wilkerson fährt fort:

Die Wunder der Gemeinde der letzten Tage werden echt, real, unbestreitbar und unleugbar sein – und werden dennoch nicht allgemein bekannt sein. Sie werden durch die Hände ganz gewöhnlicher, heiliger, abgesonderter Christen gewirkt werden, die Gott kennen und eine innige Beziehung zu Jesus pflegen … Falls Sie der Meinung sind, Gott könne Sie nicht gebrauchen, weil Sie nichts Besonderes seien, dann hören Sie mir gut zu: In den letzten Tagen wird Gott sein Werk nicht durch Evangelisten oder Pastoren mit großen Namen vollbringen … Vielmehr wird es so sein, dass Gott jede Hausfrau, jeden Teenager, jeden älteren Menschen und alle, die ihn lieben, gebrauchen wird, um sein gewaltiges Werk zu tun!66

C. Peter Wagner, Professor für Gemeindewachstum am „Fuller Theological Seminary“ in Pasadena (Kalifornien), schreibt in der Zeitschrift Ministry Today:

In der Landschaft des weltweiten Christentums vollzieht sich eine rapide Veränderung … Die Form, die Gemeinden mittlerweile annehmen, unterscheidet sich sehr von der früherer Epochen … Das mit Abstand am schnellsten wachsende Segment der Christenheit auf allen sechs Kontinenten ist eine Art von Gemeinde, die nicht in traditionelle Kategorien oder Klassifizierungen hineinpasst … Man könnte sie am ehesten noch „post-denominationell“ nennen. Charakteristisch für diese Gemeinden sind einheimische Leiter, zeitgemäße Anbetung, gemeinsames Gebet, vollmächtige Dienste und eine Zusammenarbeit, die mehr auf geistlichen als auf rechtlichen und bürokratischen Verbindungen beruht.77

Durch all diese Zitate zieht sich Folgendes hindurch: eine Tendenz weg von einem institutionalisierten und hierarchischen System, hin zu einer täglichen Abhängigkeit vom Herrn, die den einzelnen Gläubigen zu einem anbetenden Gehorsam befähigt.

Und als er aus dem Tempel heraustrat, sagt einer seiner Jünger zu ihm: Lehrer, sieh, was für Steine und was für Gebäude! Und Jesus sprach zu ihm: Siehst du diese großen Gebäude? Hier wird nicht ein Stein auf dem anderen gelassen werden, der nicht abgebrochen werden wird (Mk 13,1-2).

Lassen Sie sich nicht von der Größe Ihrer Gemeinde oder der Pracht Ihres Gemeindehauses täuschen. Riesige Gemeinden voll apathischer Zuschauer – das ist es nicht, was der Herr im Sinn hatte. Wayne Jacobsen veranschaulicht in seinem Buch A Passion For God’s Presence den Plan Satans, die Gemeinde groß und unpersönlich zu machen:

Im dritten Jahrhundert muss Satan wohl ein großes Treffen mit all seinen Dämonen einberufen haben. Wahrscheinlich nannte er es „Hades I“. Da die Christenverfolgung so kläglich gescheitert war, musste auf diesem teuflischen Konzil eine neue Strategie entwickelt werden, um das Leben der Gemeinde zu unterminieren … Die Ziele waren klar: Die aufopferungsvolle Liebe, die die Gemeinde bisher durch Konflikte hindurchgetragen hatte, musste zerstört werden, die Christen mussten von der herzlichen Gemeinschaft mit Gott abgelenkt und die Bedeutung des einzelnen Gläubigen herabgesetzt werden … Jemand hatte eine ganz simple Idee: „Sie klein zu halten, hat nicht funktioniert – warum machen wir sie nicht groß?!“ Was wäre, wenn die Gemeinde plötzlich akzeptiert werden würde? Viele würden einfach nur aus gesellschaftlichen Gründen kommen. Sie würden jene, die wirklich Feuer und Flamme für Gott waren, rasch „dämpfen“. Man stelle sich nur all die Programme und Aktivitäten vor, die zu planen wären, um all diese Leute bei Laune zu halten. Nichts drosselt eine innige Beziehung besser als Geschäftigkeit. Die Gemeinde würde letztlich zu einer Maschine werden, die die einzelnen Leute auffrisst, anstatt sie zu lieben. Es wäre dann unmöglich, alle Nachfolger Jesu persönlich zu lehren, wie man mit Gott lebt. Aus diesem Grund würden sie schon bald seine allgegenwärtige Stimme durch Regeln und Richtlinien ersetzen. Die Maschine müsste von Berufsgeistlichen gemanagt werden. Die anderen wären dann nichts weiter als Zuschauer und Beitragszahler.88

Ob nun ein solches dämonisches Treffen tatsächlich stattgefunden hat oder nicht, darüber lässt sich streiten, aber zweifelsohne begegnet man in vielen Gemeinden unserer Tage eben jenem Trugschluss, den diese dämonische Strategie hervorrufen wollte: „Größe ist gleich Erfolg.“ Vor einigen Jahren besuchten wir Freunde in einer großen Stadt in Florida. Unser Gastgeber machte mit uns eine Stadtrundfahrt und zeigte uns dabei verschiedene Gemeindehäuser. Viele davon standen leer. Dazu erzählte er uns in etwa immer wieder dieselbe Geschichte: „Diese da hatte mal 5000 Mitglieder … Die da drüben hatte 3000 … Und die da hinten …“ Jede Gemeinde, die er uns zeigte, war einmal zu einer enormen Größe angewachsen und hatte sich dann von innen heraus zerstört.

Bald nach dieser Erfahrung in Florida besuchten wir andere Freunde in der Nähe der US-Hauptstadt Washington. Als wir am Sonntagmorgen auf dem Weg zum Gottesdienst eine der Hauptstraßen der Stadt entlangfuhren, bemerkte unser Gastgeber, diese Straße stehe im Guinness Buch der Rekorde, da es in dieser Straße mehr christliche Gemeinden gäbe als in irgendeiner anderen Straße der Welt! Während wir fuhren, erklärte uns Karl, unser Freund, welche Gemeinden sich von anderen in derselben Straße abgespalten hätten. Interessanterweise wurde im Gottesdienst der Gemeinde, die wir besuchten, ein Versöhnungsbrief der Gemeindeleitung vorgelesen. Er war an die Gemeinde gerichtet, von der sie sich wenige Jahre zuvor abgespalten hatten. Dies wäre nicht so Besorgnis erregend, wären die beiden genannten Beispiele Einzelfälle in den USA. Wir sprechen hier aber von der Regel, nicht von der Ausnahme! Unsere Gemeinden sind zu menschlichen Institutionen geworden und keine lebendigen geistlichen Organismen mehr.

Denselben Grundtenor finden wir im folgenden Zitat von Ernest Wright aus The Rule of God:

Durch das Wirken des Geistes führt Gott seit je her Krieg gegen menschlichen Institutionalismus. Und zwar deshalb, weil die Institution zum Götzen wird, zum Selbstzweck und sich selbst anbetet, weil Gemeindemitgliedschaft ein Synonym für Wiedergeburt wird, weil der Mensch versucht, den Geist dem Gesetz anzupassen. Wie komplex haben wir doch die Schlichtheit des Evangeliums gemacht mit unseren Programmen, Methoden, Organisationen und einer Unzahl hektischer Aktivitäten, die unsere Zeit und Aufmerksamkeit in Beschlag nehmen, aber die Sehnsucht des Herzens nie zu stillen vermögen. Die Oberflächlichkeit dessen, was wir innerlich erleben, die Sinnleere unserer Anbetung und diese sklavische Nachahmung der Welt, die charakteristisch für unsere Werbung und Öffentlichkeitsarbeit ist – all das legt Zeugnis davon ab, dass wir in unserer heutigen Zeit Gott nur in unvollkommener Weise kennen und den Frieden Gottes praktisch überhaupt nicht.99

John Stott, ein bekannter christlicher Autor, wurde einmal gebeten zu erklären, weshalb das Christentum im Westen im Niedergang begriffen sei und wie dieser Prozess aufgehalten werden könne, da ja die ganze Welt im Begriff sei, immer mehr „verwestlicht“ zu werden. Stott erwiderte:

Es begann mit diesen Philosophen, die einen Frontalangriff auf die christliche Kirche starteten in dem Bestreben, Offenbarung durch Vernunft zu ersetzen … Und die Kirche war zu schwach und musste vor dieser Attacke kapitulieren … Ein weiterer Grund, weshalb es mit dem Christentum abwärts geht, ist, dass das, was abwärts geht, eigentlich Pseudochristentum ist. Es ist nicht das authentische Christentum, wie es in den Evangelien und im Neuen Testament beschrieben wird … Im Westen erleben wir den Niedergang des Christentums, weil man christlichen Menschen, die vorgeben, Christus nachzufolgen, dies nicht ansieht … Wenn Christen wie Jesus Christus leben würden, würde uns heute die Welt zu Füßen liegen. Das größte Hindernis für die Verbreitung des Evangeliums ist die Gemeinde. Die Gemeinde, die eigentlich ein Trittstein zum Glauben sein sollte, ist weit öfter ein Stolperstein für den Glauben (Hervorhebungen vom Autor).1010

Der Hauptgrund, weshalb die Gemeinde derartige Schwierigkeiten hat, sich von Programmen und Systemen zu lösen, die Parallelen zum Management von weltlichen Unternehmen aufweisen, ist wohl darin zu suchen, dass der Institutionalismus – das Vertrauen auf etablierte und anerkannte Einrichtungen mit bestimmten Funktionen – in unserer Kultur so ausgesprochen weit verbreitet ist. Die Gemeinde wird inzwischen mehr von der Kultur als von Gottes Wort geprägt. Sowohl Jesus als auch die Urgemeinde reduzierten den organisierten Institutionalismus auf ein Minimum. Sie wollten, dass der geistliche Dienst aus der Kraft des Geistes und aus dem Miteinander der Gläubigen hervorging. Ihre Beobachtung der Gesellschaft deckte sich mit den Aussagen der hebräischen Schriften: die Institution des priesterlichen Systems hatte kein gehorsames Volk hervorgebracht, das den Herrn liebte und ihm diente.

Institutionelle Bemühungen können freilich Erfolge vorspiegeln, wo die Lebenskraft Jesu nicht real vorhanden ist. Das ist das Trügerische daran. Man meint, man gefalle Gott mit all den Aktivitäten und ihren Resultaten, doch hinter den Programmen und dem Entertainment liegt eine Leere, die sich nur die wenigsten eingestehen. Der Institutionalismus lullt einen ein, so dass man sich bei dem, was man tut, gut fühlt, obwohl man für Gott gar nicht mehr empfänglich ist. Vor einigen Jahren stellte unser Freund Casey Sabella aus England in einer Predigt seiner Gemeinde die folgende Frage: „Wenn Jesus Christus tot wäre, wie lange würdet ihr dann mit dem, was ihr jetzt tut, noch weitermachen?“ Die Zuhörer wurden überführt. Es wurde ihnen bewusst und sie mussten sich ein gestehen, dass alles genauso weitergehen würde wie bisher. Die Institution bot alles, was sie benötigten oder wollten, um ihre sozialen und religiösen Bedürfnisse zu befriedigen.

Eigennützige Interessen

Ihr wisst nichts und überlegt auch nicht, dass es euch nützlich ist, dass ein Mensch für das Volk sterbe und nicht die ganze Nation umkomme … Von jenem Tag an ratschlagten sie nun, um ihn zu töten (Joh 11,50.53).

Eigennützige Interessen oder Eigeninteressen innerhalb der Gemeinde Jesu sind ebenfalls hinderlich für eine gehorsame, vertraute Beziehung zu Gott. Eine solche Haltung findet man bei Leuten, die aufgrund ihrer Position oder Machtstellung versuchen, den Status quo aufrechtzuerhalten. Als Mike bei der „Navy“ – der amerikanischen Kriegsmarine – war, las er einen dramatischen Bericht über „eigennützige Interessen“, denen erst durch ein vom amerikanischen Kongress verabschiedetes Gesetz der Garaus gemacht werden konnte: In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurden zum ersten Mal Flugzeuge auf Kriegsschiffen stationiert. Die Piloten dieser Flugzeuge hatten die Kontrolle über den jeweiligen Auftrag des Flugzeugs – losgelöst von der direkten Entscheidungsbefugnis des Schiffskapitäns. Doch in der Geschichte der Kriegsmarine war es seit je her so gewesen, dass ein Kapitän das absolute Kommando über alles hatte, was sich auf seinem Schiff befand. Die Kapitäne sahen in der Autonomie der Piloten eine Bedrohung ihrer Eigeninteressen, d. h. ihrer absoluten Autorität. Mehrere Kapitäne versuchten, den Erfolg von Missionen zu vereiteln, die auf ihren Schiffen stationierte Flugzeuge ausführen sollten. Einige von ihnen setzten sogar das Leben von Piloten aufs Spiel, als sie just in dem Augenblick ein Wendemanöver des Schiffes anordneten, in dem ein Flugzeug an Bord landen wollte. Aus diesem Grund schritt der amerikanische Kongress ein und verabschiedete ein Gesetz, das besagte, jedes Schiff, auf dem Flugzeuge stationiert seien, müsse einen Kapitän haben, der auch über eine Qualifikation als Pilot verfügt. Heute haben über die Hälfte aller Personen im Dienst der Navy etwas mit der Luftfahrt zu tun. Sobald eigennützige Interessen aufgedeckt und angefochten werden, kann Veränderung geschehen.

In A Passion For God’s Presence entlarvt Wayne Jacobsen äußerst treffend die Macht von Eigeninteressen in heutigen Gemeinden. Zur Veranschaulichung zieht Jacobsen das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ heran, in dem die Hofbeamten die Unwahrheit über die Nacktheit des Königs sagen, nur um ihren Posten nicht zu verlieren. Als der König schließlich in seinen „neuen Kleidern“ durch die Straßen der Stadt stolziert, nennt ein kleiner Junge, der keine Eigeninteressen und somit nichts zu verlieren hat, das Offensichtliche beim Namen und ruft: „Aber er hat ja gar nichts an!“ Jacobsen setzt dieses Märchen in Beziehung zur Entwicklung der Kirche:

Es ist heute leicht für uns, auf jene vergangenen Generationen zurückzuschauen, deren Eigeninteressen uns nicht mehr betreffen, und zu sehen, wie Gläubige sich im Mittelalter in politischer wie persönlicher Hinsicht korrumpieren ließen – vor der Reformation durch die Hochfinanz, während der Inquisition durch Terror und Mord, zur Zeit der Aufklärung durch die natürliche Vernunft und Anfang des [20.] Jahrhunderts durch den Liberalismus … Wir bleiben Gefangene des Scheins, weil bei uns in gleicher Weise persönliche Interessen Wirkung zeigen … So verhält es sich heute in der Gemeinde: Viele Menschen machen aus dem Christentum das, was sie wollen, was ihren Interessen gelegen kommt … Man braucht keine große Weisheit, um die Lügen aufzudecken; es reicht der Wunsch, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind, und nicht so, wie wir sie sehen wollen.1111

Immer öfter verweisen Beobachter inzwischen auf die Gemeinde Jesu in der westlichen Welt und rufen wie in jenem Märchen: „Wir sind ja geistlich nackt!“

In einer Geschichte aus dem New England Church Resource Handbook kommt noch deutlicher heraus, worum es bei diesen Eigeninteressen geht:

Henry Cabot Lodge, ein [ehemaliger] Senator aus Massachusetts, war davon überzeugt, dass viele Bürokraten kaum etwas anderes im Sinn haben, als die Sicherung ihrer eigenen Macht und Position (ein Problem, dem man manchmal in Gemeinden wie auch in Regierungskreisen begegnet). „Sie sind in vielerlei Hinsicht wie der alte Si Haskins“, sagte er. Eines Tages begegneten wir Si, wie er auf dem Damm oberhalb der Stadt saß. „Was machst du da, Si?“, fragten wir ihn. „Ich werde dafür bezahlt, die Bisamratten abzuknallen“, erwiderte er. „Die graben sich nämlich unter dem Damm durch.“ „Sieh doch mal, da drüben ist eine.“ Wir zeigten auf eine große Ratte, deren Kopf etwas aus dem Wasser herausragte. „Warum schießt du nicht?“, fragten wir. Er meinte nur: „Ihr glaubt doch wohl nicht im Ernst, dass ich meinen Job verlieren möchte, oder?“1212

Auch die Pharisäer in Israel hatten ihre Eigeninteressen. Viele Leute hatten ihr Vertrauen auf Jesus gesetzt, nachdem er Lazarus von den Toten auferweckt hatte.

Einige aber von ihnen gingen hin zu den Pharisäern und sagten ihnen, was Jesus getan hatte. Da versammelten die Hohen Priester und die Pharisäer den Hohen Rat und sprachen: Was tun wir? Denn dieser Mensch tut viele Zeichen. Wenn wir ihn so lassen, werden alle an ihn glauben … Einer aber von ihnen, Kaiphas, der jenes Jahr Hoher Priester war, sprach zu ihnen: Ihr wisst nichts und überlegt auch nicht, dass es euch nützlich ist, dass ein Mensch für das Volk sterbe und nicht die ganze Nation umkomme … Von jenem Tag an ratschlagten sie nun, um ihn zu töten (Joh 11,46-50.53).

Vergegenwärtigen Sie sich, wie weit manche Leute gehen würden, nur um ihre Eigeninteressen zu schützen: „Die Hohen Priester aber ratschlagten, auch den Lazarus zu töten, weil viele von den Juden um seinetwillen hingingen und an Jesus glaubten“ (Joh 12,10-11). Ob Lazarus, der soeben von den Toten auferweckt worden war, wohl jemals herausfand, dass die Pharisäer ihm nach dem Leben trachteten? Wann ist der Punkt gekommen, an dem ein Mensch – der ja glaubt, er tue den Willen Gottes – durch seine Eigeninteressen derart verblendet ist, dass er die Wahrheit nicht mehr erkennt?

Revisionismus

Nicht hinausgehen über das, was geschrieben steht!, damit sich niemand von euch für den einen gegen den andern ereifern möge (1 Kor 4,6; Menge).

Revisionismus. Sagt Ihnen dieses Wort etwas? Die meisten von uns sind unterschwellig so sehr davon beeinflusst, dass wir es gar nicht bemerken. Im Random House Dictionary wird „Revisionismus“ definiert als „… der Versuch, auf der Grundlage neu gewonnener Maßstäbe die Vergangenheit neu zu bewerten und neu darzustellen“ (Hervorhebung vom Autor).1313 Heute werden viele Lehrbücher für Schulen verfasst, die geschichtliche Ereignisse grob verzerren oder ehemals bedeutsame Fakten und Daten weglassen, und zwar mit der eindeutigen Absicht, dadurch bestimmte politische oder gesellschaftliche Ziele zu erreichen. So wurden in den USA beispielsweise die meisten Hinweise auf das geistliche Erbe der amerikanischen Gründerväter dahingehend revidiert, dass nun stattdessen ihr Wunsch nach größerem wirtschaftlichem Wohlstand in der Neuen Welt in den Vordergrund gerückt wird. Um die arabischen Länder zu besänftigen, die ihnen Öl liefern, unterrichten mehrere europäische Universitäten aus revidierten Geschichtsbüchern, in denen behauptet wird, den jüdischen Holocaust habe es nie gegeben. (Ein altes Sprichwort lautet: „Lügen in Tinte können Fakten in Blut niemals ersetzen.“)

Nicht einmal die Bibel ist vor diesem Revisionismus sicher. So erscheint in einer englischsprachigen Ausgabe ein geschlechtsloser Gott, um der feministischen Bewegung entgegenzukommen. In einer anderen Version wurden alle Verse über Wunder und übernatürliche Ereignisse weggelassen, um dem rationalistisch und wissenschaftlich orientierten Publikum entgegenzukommen.

Dies erinnert uns an Frank Perettis Roman Licht in der Finsternis. Das Buch schildert – wenn auch in einer fiktiven Handlung – den vorsätzlichen dämonischen Versuch, das Vertrauen der Menschen auf die Tatsache, dass eine absolute Wahrheit existiert, zu untergraben. Die Bibel sagt: „Und es wurde geworfen der große Drache, die alte Schlange, der Teufel und Satan genannt wird, der den ganzen Erdkreis verführt, geworfen wurde er auf die Erde, und seine Engel wurden mit ihm geworfen“ (Offb 12,9). Jesus sagt uns, dass die Lüge die Muttersprache Satans ist: „Ihr seid aus dem Vater, dem Teufel, und die Begierden eures Vaters wollt ihr tun. Jener war ein Menschenmörder von Anfang an und stand nicht in der Wahrheit, weil keine Wahrheit in ihm ist. Wenn er die Lüge redet, so redet er aus seinem Eigenen, denn er ist ein Lügner und der Vater derselben“ (Joh 8,44).

Lügen und Verzerrungen begleiten die Gemeinde seit ihrer Anfangszeit. Paulus spricht einen schwerwiegenden Irrglauben über die Wiederkunft des Herrn an, wenn er sagt: „Wir bitten euch aber, Brüder, wegen der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus und unserer Vereinigung mit ihm, dass ihr euch nicht schnell in eurem Sinn erschüttern, auch nicht erschrecken lasst, weder durch Geist noch durch Wort noch durch Brief, als seien sie von uns, als ob der Tag des Herrn da wäre“ (2 Thess 2,1-2). Der Betrüger war schon im Garten Eden am Werk, und deshalb verwundert es nicht, dass er heute unvermindert stark am Wirken ist.

Der Revisionismus innerhalb der Gemeinde Jesu hat über die Jahrhunderte tiefe Spuren hinterlassen. Heutzutage sind viele der Meinung, die derzeitigen Gepflogenheiten, ja sogar die Organisation der Gemeinde stammten aus der Zeit Jesu und der Apostel. Die Geschichte belegt, dass – von Vorurteilen und Eigeninteressen getrieben – die Arbeits- und Funktionsweise der Urgemeinde im Lauf der Jahrhunderte „revidiert“ wurde. Es wurde etwas an die Gläubigen weitergegeben, das sich erheblich von dem unterscheidet, was der Herr ursprünglich im Sinn gehabt hatte. Ja, vieles von dem, was man heute als zentrale Elemente der Gemeindepraxis betrachtet, könnte sogar der bereits zitierten Stelle aus 1. Korinther 4,6 widersprechen. Wir werden in den folgenden Kapiteln näher auf diese Faktoren zu sprechen kommen.

Apperzeption

[Die Beröer] aber waren edler als die in Thessalonich; sie nahmen mit aller Bereitwilligkeit das Wort auf und untersuchten täglich die Schriften, ob dies sich so verhielte (Apg 17,11).

Als Gegenteil von Revisionismus könnte der Begriff der „Apperzeption“ dienen. Das bedeutet, dass die Gegenwart im Licht der Geschichte bewertet wird, statt die Geschichte so zu verdrehen, dass die Gegenwart gerechtfertigt ist. Mit anderen Worten: Eine neuere Lehre oder Praxis wird im Lichte alter, bewährter Wahrheiten bewertet. Diese Apperzeption findet man häufig auch in den Lehren Jesu, wenn er eine Wahrheit aus dem Alten Testament zitiert und diese dann auf eine aktuelle Sachlage anwendet. So las er beispielsweise in der Synagoge von Nazareth aus der Schriftrolle laut die folgende messianische Prophetie aus Jesaja 61 vor: „Der Geist des Herrn, HERRN, ist auf mir; denn der HERR hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, den Elenden frohe Botschaft zu bringen, zu verbinden, die gebrochenen Herzens sind, Freilassung auszurufen den Gefangenen und Öffnung des Kerkers den Gebundenen, auszurufen das Gnadenjahr des HERRN …“ (Jes 61,1-2). Seine Zuhörer glaubten bereits, dass diese Prophetie wahr ist; deshalb nutzte er diese Verse als Grundlage dafür, wie seine Person zu verstehen sei, und sagte zu ihnen: „Heute ist diese Schrift vor euren Ohren erfüllt“ (Lk 4,16-21).

Um zu rechtfertigen, dass seine Jünger am Sabbat Ähren pflückten (vgl. Mt 12,1-8), erinnerte Jesus seine Kritiker an allgemein bekannte „geheiligte Verstöße“ gegen den Sabbat: David und seine hungrigen Soldaten waren in die Stiftshütte gegangen und hatten die geheiligten Schaubrote gegessen, was laut Gesetz einzig und allein den Priestern vorbehalten war (vgl. 1 Sam 21,3-6). Um Opfer zu bringen und Säuglinge zu beschneiden, verstießen die Priester am Sabbat regelmäßig gegen das Gebot, dass an jenem Tag nicht gearbeitet werden darf (vgl. Mt 12,6 und Hos 6,6). Die hebräischen Schriften waren als Grundlage der Evangeliumsbotschaft so wichtig, dass sie durch das ganze Neue Testament hindurch zitiert und „apperzipiert“ wurden.

Die Beröer wurden gelobt, weil sie die Schrift untersuchten und die neuen Lehren des Paulus im Licht der Wahrheiten der hebräischen Schriften apperzipierten (vgl. Apg 17,11). Der Revisionismus hat im Lauf der Jahrhunderte in der Gemeinde Jesu übermäßig Einzug gehalten und ihr die Lebenskraft genommen. Deshalb schreiben wir hier mit der Absicht der Apperzeption. Unser Ziel ist, klar und deutlich herauszustellen, was Gott zu der Zeit, als die Schrift verfasst wurde, tatsächlich beabsichtigte.

Um dem Wort Gottes gerecht zu werden, müssen Sie die Bereitschaft mitbringen, heutige gemeindliche Strukturen und Traditionen hinter sich zu lassen, die zwar „heilig“ und „unantastbar“ erscheinen, aber der biblischen Grundlage entbehren. Machen Sie sich die „edle“ Gesinnung der Beröer zu Eigen und studieren Sie die Bibel eingehend, um das, was Gott gesagt hat, anzuwenden. Vielleicht haben Sie ja auch wie die Beröer das drängende Verlangen, in Ihrer Glaubenserfahrung an den Punkt zu gelangen, dass die Praxis dieses Glaubens „… nicht hinausgeh[t] über das, was geschrieben steht“ (1 Kor 4,6; Menge).

Wenn wir ehrlich sind, hat doch das Christentum, das Revisionismus und Institutionalismus erzeugt haben, mit dem Bild Christi nicht viel gemeinsam. Gott möchte ein Volk haben, das sich so intensiv wie David danach sehnt, von ihm persönlich berührt zu werden: „Meine Stärke, auf dich will ich achten; denn Gott ist meine Festung“ (Ps 59,10). Der Herr durchdringt Herzen, nicht Programme. Genau darum geht es bei einer vertrauten Beziehung zum Herrn, und unsere Berufung ist es, eine solche Beziehung zu vermitteln. Überall auf der Welt gibt es Menschen, die durch geistliche Mächte gebunden sind – manchmal sogar in unserer eigenen Familie, in der Nachbarschaft oder an unserem Arbeitsplatz. Diese können wir allerdings nicht in die Freiheit führen, indem wir ihnen eine Formel entgegenhalten, ihnen jedoch unser Herz vorenthalten.

Lassen Sie das folgende Gedicht auf sich wirken. Wenn Sie sich vor Augen führen, dass der Einfluss des Hebräischen auf die Urgemeinde verloren ging, werden Sie vielleicht erkennen, dass in der Kirche Christi heute die griechische Philosophie dominiert (die zu dem Schluss kommt, das Geistliche sei viel heiliger als das Physische) und ebenso die Organisationsstruktur des antiken Rom (die darauf besteht, dass eine Leitungshierarchie in der Gemeinde notwendig ist, um den Fortbestand des kirchlichen Systems zu sichern). Stellen Sie sich die Frage: „Ist es das, was Gott will?“ Sind die Reformen vergangener Jahrhunderte wirklich weit genug gegangen, um die biblische Gemeinde wiederherzustellen?

DIE WAND

Die Felswand war riskant, das gab jedermann zu,nur der Grat, wo sie abfiel, reizvoll ohne Vergleich.Doch über den Rand schon stürzte so mancherin sein Verderben, sei er arm oder reich.Es hieß, dem sei rasch ein Ende zu machen,doch kaum war’s geplant, so scheitert es schon.Jemand meinte: „So zäunt diese Steilwand doch ein.“Ein anderer: „Besser unten im Tal eine Krankenstation!“

Die Menge, sie klagte von Herzen sehr laut,ihre Herzen erfüllt mit viel Mitleid.Der Ruf nach dem Arzt machte schließlich das Rennen,galt als die beste Idee weit und breit.Man sammelte Geld, um die Mittel zu haben,und wer auch wohnte in Stadt und Landgab Heller und Pfennig ins Säckel hineinzum Bau der Station am Fuße der Wand.

„Mit Vorsicht braucht niemand die Wand zu scheuen,und wenn jemand ausrutscht im steilen Gelände,so schmerzt nicht so sehr der entzogene Bodenals der Schock, wenn der Sturz ist zu Ende.“Und jahrelang, falls jemand den Halt verlor,eilten rasch Sanitäter aus der nahen Stationherbei und wenn jemand wirklich stürzt in die Tiefe –die Retter sind da und helfen ihm schon.

Später dann meldet sich jemand staunend zu Wort:„Wollt auf das, was folgt, ihr euch konzentrier’nstatt das Übel beherzt an der Wurzel zu packen?Vorbeugen ist besser als reparier’n,der Ursache müsst ihr den Garaus machen!Kommt, Freunde, und packen wir alle mit an!Ein Zaun ist die Lösung, ein Schutz für den Wand’rermit Nachsorge ist es doch nicht getan!“

„Er macht unser ernstes Bestreben zunichte“,riefen sie und: „Der ist nicht bei Trost.Verantwortung wird bei uns großgeschrieben.“„So bleibt’s“, rief die Menge erbost.“Ist jemand schon in die Tiefe gestürzt –so wird er nachher gehegt und verbunden.Ein Zaun dort oben? Das macht keinen Sinn,denn ärztliche Hilfe, sie pflegt doch die Wunden.“

Schon diese Mär kann niemand recht glauben –oft noch merkwürdiger ist, was im Leben geschieht!Weit humaner als nachher Verletzung zu heilen,ist, was dem Missstand den Boden entzieht.Es zeugt von Vernunft, sich der Quelle zu widmen.„Tilgt, was verursacht, besser jetzt als später.Ja, baut den Zaun, dann könnt ihr verzichtenauf Krankenstation mitsamt Sanitäter.“

Joseph Malins(Übertragung aus dem Englischen)

Zahlreiche Kirchen- und Gemeindereformen der Vergangenheit gingen auf Streitigkeiten über revisionistische Schriften zurück. Die Folgen sehen wir heute: Tausende Denominationen, die aufgrund unterschiedlicher Lehrmeinungen entstanden sind. Jede Unstimmigkeit wirkt ähnlich wie die Krankenstation in obigem Gedicht. Die heutigen lehrmäßigen Diskrepanzen und Zwistigkeiten haben das Volk Gottes von einer persönlichen Vertrautheit sowohl mit Jesus als auch untereinander abgebracht. Einzelne Gemeinden und Gemeinschaften halten ihre Leute mit Programmen und Veranstaltungen beschäftigt, schaffen es jedoch im Allgemeinen nicht, sie in die Fülle eines liebenden Gehorsams gegenüber Christus hineinzuführen. In der Tat lenkt die Geschäftigkeit in den Gemeinden die Leute nicht selten von dieser Vertrautheit ab. Statt eine Quelle der Ermutigung und gegenseitiger Unterstützung zu sein, ist das „Gemeindeleben“ allzu oft nur eine Spielwiese für Belanglosigkeiten, leeres Gerede und Manipulation.