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Mai 1915 – Der junge US-amerikanische Physiker Joe Campbell überquert auf der RMS Lusitania den Atlantik. Im Gepäck hat er ein Geheimnis, wovon der militärische Geheimdienst des Deutschen Reiches Kenntnis erlangt: An der Harvard University in Cambridge hat der Wissenschaftler den Funkzeitsprungeffekt entdeckt, mit dem man Funksignale aus der Vergangenheit empfangen kann. In Paris angekommen wird Campbell beschattet. 1918 gewinnen die Deutschen den Großen Krieg und stellen Campbell in ihre Dienste. 50 Jahre später ist die Zeitfunktechnologie ausgereift und wird von der kaiserlichen Luftwaffe zur Verhinderung von Flugzeug-abstürzen eingesetzt. In derselben Zeit führt das Deutsche Kaiserreich einen neuen strategischen Bomber ein – ein Flugzeug mit Tarnkappeneigenschaften. Machthungrige Politiker und Militärs planen, den Zeitfunk für ihre Machenschaften zu missbrauchen. Mit beispielloser Skrupellosigkeit zetteln sie den atomaren Erstschlag gegen die Sowjetunion an. Nur einer ist in der Lage, die Katastrophe zu verhindern. Was wäre, wenn … Ein außergewöhnliches Gedankenexperiment führt zu einem packenden Politkrimi über den Missbrauch von Macht und wissenschaftlicher Forschung.
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Seitenzahl: 412
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Impressum
1. Auflage: August 2018
Veröffentlichung über die Self-Publishing-Plattform für unabhängige Autoren von epubli
Idee und Copyright ©: Marc Renz, Schwabach
Umschlagsgestaltung ©: Marc Renz mit freundlicher Unterstützung von Katrin Henke
Die im Buch verwendeten Bilder sind entweder gemeinfrei verfügbar oder eigene Fotografien und Zeichnungen
Eine Erkenntnis von heute kann die Tochter
Kapitänleutnant Walther Schwieger ist auf Hochtouren. Seit vier Tagen jagen sie nun schon mit ihrem U-Boot in den Gewässern südlich von Irland. In den vergangenen drei Tagen haben sie fast 12.000 Bruttoregistertonnen an Schiffsraum versenkt! Zwei Frachter, die Candidate mit 5.858 Tonnen und die Centurion mit 5.945 Tonnen sowie ein Segler, die Earl of Lathom mit 132 Tonnen, sind ihnen direkt vor die Torpedos gefahren. Wenn es so weitergeht, läuft der Krieg in die richtige Richtung. England und die Seeherrschaft – das war vorgestern!
Gestern Nachmittag kurz nach 14 Uhr kreuzte dann noch ein ganz dicker Brocken fast direkt vor der Nase auf. Leider ein Passagierdampfer. Ausdrücklich hat Schwieger Befehl vom FdU, dem Führer der U-Boote, keine Passagierschiffe anzugreifen. Wer weiß, was die geladen haben, vermutlich sind die vollgestopft mit Waffen und Munition, die die Amerikaner über den Atlantik nach England schmuggeln. All dies wird dann auf den Schlachtfeldern Frankreichs gegen die deutschen Landser eingesetzt, die elendig daran krepieren. Eine Schande ist das in Anbetracht der Hungerblockade, die die Engländer seit ein paar Monaten auf der Nordsee gegen das Deutsche Reich errichtet haben.
Es war die RMS Lusitania, die da gestern an ihnen unbehelligt vorbeizog. Ein prächtiges englisches Linienschiff der Cunard Line. Laut Schiffsregister hat sie 31.500 Bruttoregistertonnen und ist zugelassen für bis zu 2.165 Passagiere! Dazu dürfte sie mit einer Ladekapazität aufwarten, die so manch einen Frachtdampfer alt aussehen lässt. Mit einer Länge von 239 Metern ist sie eines der größten Passagierschiffe, das die Menschheit je gesehen hat! Nur die Britannic und die Justica sind noch etwas größer – beide wurden auch erst vergangenes Jahr in Dienst gestellt.
Ganz langsam war die Lusitania an der Küste entlanggeschlichen. Wie leicht hätte man sie ausschalten können. Unter Volldampf macht sie über 26 Knoten! Viel zu schnell für ein U-Boot, das bei voller Fahrt auf höchstens 14 Knoten kommt. Offensichtlich stehen momentan nur drei Kessel unter Dampf, aus dem ersten Schornstein kam kein Rauch. Wahrscheinlich wurde die Besatzung reduziert und ist auf englischen Kriegsschiffen eingesetzt. Oder die Cunard Line will ganz einfach Kohle sparen. Aber auch unter drei Kesseln, schätzt Kapitänleutnant Schwieger, dürfte sie wenigstens noch so um die 20 Knoten machen. Welch eine Gelegenheit! Aber Befehl ist eben Befehl.
Gestern Morgen wollte Kapitänleutnant Schwieger eigentlich schon den Heimweg antreten. Es herrschte dichter Nebel und es befindet sich ohnehin nur noch einen Torpedo an Bord. Gegen elf Uhr (deutscher Zeit) klarte es dann aber doch noch auf. Allerdings wurde U 20 von einem plötzlich querenden englischen Zerstörer zum Tauchen gezwungen. Der kam wie aus dem Nichts. Kurze Zeit später fuhr er über das Boot hinweg. Den Schraubengeräuschen nach zu urteilen hätte es auch ein kleiner Kreuzer sein können. Ob die Engländer das U-Boot entdeckt hatten? Um 13:45 Uhr gab Schwieger schließlich Befehl zum Auftauchen. Gegen 14:20 Uhr sichteten sie dann von der Brücke aus vier Schornsteine und zwei Masten. Das Schiff hielt Kurs auf Galley Head, das an der südwestlichen Spitze Irlands liegt. Um 14:35 Uhr machte der Dampfer, den der erste Offizier mittlerweile als die Lusitania identifiziert hatte, eine Kursänderung nach Steuerbord und steuerte in Richtung Queenstown. Sie folgten dem Schiff eine Zeit lang in einer halben Seemeile Entfernung. Dann lief es ihnen aus. Mit etwas Glück wurden sie vom Ausguck des Dampfers nicht bemerkt. Und wenn schon, wer wollte einem U-Boot hier draußen etwas anhaben?
Gestartet war Schwieger mit seinem Boot vor einer Woche, am 30. April 1915 vom Marinestützpunkt in Emden. U 20 befindet sich bereits auf seiner 15. Feindfahrt! Er selbst ist seit dem 16. Dezember letzten Jahres Kommandant des Bootes. Am 25. April gab der FdU an die beiden in Emden stationierten Unterseeboote U 20 und U 27 folgenden Einsatzbefehl aus:
»Große englische Truppentransporte zu erwarten, ausgehend von Liverpool, Bristol-Kanal, Dartmouth. Zur Schädigung dieser Transporte sollen die beiden U-Boote möglichst bald auslaufen. Stationen auf schnellstem Wege um Schottland aufsuchen, innehalten, solange die Vorräte dies gestatten. Boote sollen angreifen: Transporter, Handelsschiffe, Kriegsschiffe.«
Nachdem nun seit gestern Nachmittag, nach der kurzen Begegnung mit dem englischen Zerstörer und der Lusitania, nichts wirklich Aufregendes mehr passiert ist und am Abend auch wieder dichter Nebel aufgezogen ist, hat Kapitänleutnant Schwieger noch in der Nacht Befehl gegeben, Kurs auf den Heimathafen zu nehmen. Der Stimmung an Bord gab dies sofort kräftig Auftrieb.
Wegen der Dover-Sperre müssen sie die Heimfahrt allerdings durch die Irische See und nördlich über Schottland in die Nordsee antreten. Seit Mitte April untersagt der FdU die Passage für U-Boote durch den Ärmelkanal, nachdem die Engländer neben dem Minenfeld auch noch Unterwassernetze aufgespannt haben.
Trotzdem, mit etwas Glück sollten sie am 13. oder spätestens am 14. Mai wieder in Emden sein. Und vielleicht bekommen sie ja auf der über 1.500 Seemeilen langen Heimfahrt noch etwas Lohnenswertes vor die Torpedorohre.
* * *
Ein Blick auf die Landkarte und in die Geschichtsbücher zeigt, dass es schwierig sein wird, sich auf Dauer Frieden, Sicherheit und Ordnung in Europa vorzustellen, wenn nicht in der Mitte Europas Friede und Ordnung gesichert sind.
1914
In den Vereinigten Staaten von Amerika
Montag, 21. Dezember 1914, CambridgeDie Entdeckung
In seinem Schädel dröhnt und hämmert es. Er hat schreckliches Kopfweh. Die ganze Nacht schon ist Joe Campbell im Labor der Universität. Mittlerweile ist es viertel vor sieben Uhr morgens. Warum kam er gestern Abend eigentlich hierher? Es war Sonntag und er war bei guten Freunden in Boston zum Nachmittagskaffee. Gegen 18 Uhr verabschiedete er sich. Anstatt direkt nach Hause in sein kleines Appartement zu gehen, machte er noch einen Umweg über den Universitäts-Campus. Es war klirrend kalt. Der Rasen auf dem Gelände war mit Raureif überzogen. Keine Menschenseele war da. Natürlich nicht, es war ja Sonntag und außerdem das letzte Wochenende vor Weihnachten. Auch im Labor war es nicht sehr warm. Den Ofen anzuheizen, lohnte sich nicht, meinte er zumindest gestern Abend noch. Joe wollte lediglich einige Messungen an den Funkapparaturen durchführen, zu denen er am Freitag nicht mehr gekommen war.
Es musste wohl so gegen halb zehn gewesen sein, als er die Geräte hochfuhr. Den ganzen Tag schon war ihm das Problem durch den Kopf gegangen. Seit unendlich langen zwei Wochen kommen sie nicht wirklich weiter. Sie schaffen es zwar mittlerweile, mit dem neuen kleinen Sender eine kurze Sprechfunkverbindung aufzubauen, diese reißt aber immer wieder ab. Vielleicht brauchen sie nur etwas mehr Energie, was aber die empfindliche Röhre beschädigen könnte. Nein, das ist es nicht, da muss noch etwas anderes sein.
Am Freitagnachmittag hatten sie es geschafft, eine relativ stabile Sprechfunkstrecke vom Labor bis zu Johns Wohnung aufzubauen – fast eine ganze Minute lang ohne Unterbrechung. John hatte seinen neuesten Junggesellen-Witz vom Bräutigam und der Trauung über den Äther geschickt und dabei herzlich selbst darüber gelacht.
Johns Wohnung ist ebenfalls so etwas wie ein Labor. Sie ist vollgestopft mit Messinstrumenten, und mittendrin steht ein großer Mittelwellensender. Die zweite Sende- und Empfangsstation steht direkt vor Joe. Im Labor der Universität. Die Geräte im Labor sind etwas moderner und ein klein wenig handlicher.
Gestern Abend nun legte sich Joe die Schaltpläne zurecht und stellte den Funkempfänger auf »Empfang«. Was wollte er eigentlich empfangen? Wenn Johns Sender ausgeschaltet ist, gibt es nichts zu empfangen. Und John ist verreist. Er ist bereits im wohlverdienten Weihnachtsurlaub. Als Junggeselle, wie auch Joe es immer noch ist, fuhr er bereits am Samstag zu seinen Eltern nach Cleveland in Ohio. Schließlich ist am Donnerstag Heiligabend, und diese Woche war es ohnehin sehr ruhig an der Universität. Die letzten Vorlesungen für die Studenten waren am Freitag um die Mittagszeit zu Ende.
Joe kann sich daher in den nächsten vierzehn Tagen in aller Ruhe seinen Forschungen widmen. Seine Eltern will er zwischendrin natürlich noch besuchen. Sein Plan ist es, an Heiligabend früh morgens mit dem Zug nach Springfield zu fahren und gleich am 26. Dezember wieder zurück nach Cambridge.
Joe Campbell ist Physiker. Doktor der Physik und Professor, um präzise zu sein. Mit damals gerade einmal 17 Jahren hatte er sich im Oktober 1898 an der Harvard University in Cambridge bei Boston eingeschrieben. Zunächst studierte er ein Jahr lang Mathematik. Schnell merkte er jedoch, dass die reine Zahlenlehre zu trocken für ihn war. Er entschied sich, damals gegen den Willen seines Vaters, für Physik. Nach fünf harten und entbehrungsreichen Jahren machte er sein Diplom. Er hielt sich damals als Nachhilfelehrer für Mathematik, Physik und Chemie über Wasser. An den Wochenenden unterrichtete er außerdem an einer Abendschule in Boston Englisch für Einwanderer aus Frankreich und Deutschland. Französisch hatte er von seiner Mutter gelernt und Deutsch hatte er vier Jahre lang an der Schule. Dies reichte als Qualifizierung als Lehrer an der Abendschule. Sein Vater weigerte sich damals, das Physikstudium zu finanzieren.
Aufgewachsen war er, zusammen mit seiner zwei Jahre jüngeren Schwester, in Springfield, Massachusetts, etwa 100 Meilen westlich von Boston. Sein Vater, ein anglikanischer Priester und noch dazu ein sehr strenger Mann, wollte ursprünglich, dass er einmal in seine Fußstapfen treten würde.
Ein glücklicher Zufall führte Joe dann im Jahre 1904 direkt von Harvard an die Université de Paris, an der er schließlich auch promovierte. Sein Doktorvater, Professor Dr. Jean-Yves Marchand, der zuvor seinerseits eine Gastprofessur in Harvard innehatte, holte ihn damals zu sich nach Frankreich, um Forschungsarbeiten an Radiowellen durchzuführen. Seit nunmehr drei Jahren ist Joe Campbell – pardon, Prof. Dr. Josef Campbell – wieder zurück in den Vereinigten Staaten. Mit gerade einmal 33 Jahren wurde er vergangenes Jahr Professor an der Harvard University. Auch hier forscht er mit seinen Studenten und einem Kollegen, Dr. John Hughes, an Radiowellen und Funkübertragung.
Nachdem James Clerk Maxwell bereits 1864 die Existenz von Radiowellen theoretisch vorhergesagt hatte, konnten sie 1886 von Heinrich Hertz experimentell bestätigt werden. Alexander Meixner entdeckte vor zwei Jahren noch die Oszillatorschaltung mit einer Elektronenröhre. Damit war der entscheidende Durchbruch für die Entwicklung von einsatztauglichen Funkgeräten gelungen. Nun geht es darum, Techniken und Verfahren zu entwickeln, die neben reinen Morsezeichen eine stabile und sichere Übertragung von Sprache über weite Strecken ermöglichen. Das Ziel von Joes aktuellem Forschungsprojekt hört sich relativ simpel an: »Herstellen und Halten einer stabilen Sprechfunkverbindung über eine Strecke von wenigstens 50 Meilen mit einem Gerät, das von Größe und Gewicht in einem Flugzeug untergebracht werden kann.«
Noch sind die Gerätschaften viel zu groß und schwer. Vor allen Dingen sind die Verbindungen noch zu störanfällig. Zusammen mit John Hughes und seinen Studenten will Joe nun zuerst die Stabilität in den Griff bekommen, bevor sie sich dann um die Reichweite und die Miniaturisierung kümmern.
Das Funkgerät stand fast die ganze Nacht über auf Empfang. Stundenlang arbeitete sich Joe durch Schaltpläne und technische Aufzeichnungen. Er führte Messungen am Funksender und am Empfänger durch. Er schaute einmal auf die Uhr, als es gerade zwei Uhr durch war. Er war eigentlich schrecklich müde. Ursprünglich wollte er einen ruhigen Abend verbringen und früh zu Bett gehen. Außerdem war es bitterkalt im Labor.
Neben der Tür steht ein kleiner Heizofen. Es musste bereits gegen halb drei gewesen sein, als er den Holzofen doch noch anschürte. Allemal ist das besser, als sich die Finger abzufrieren, dachte er. Den Tisch, auf dem das Funkgerät und die Messgeräte stehen, zog er vorsichtig ein kleines Stück in Richtung Ofen. Das tat gut, denn gleich wurde es wärmer. Er wollte nicht mehr lange arbeiten, nahm sich aber noch einen Messversuch vor, den er an den Gerätschaften noch durchführen und protokollieren wollte.
Ohne es wirklich zu merken, vertiefte er sich immer weiter in die Materie, führte eine Messung nach der anderen durch. Schließlich entschloss er sich dazu, am Empfänger einen der vielen Glimmerkondensatoren auszulöten und ihn durch einen etwas leistungsstärkeren zu ersetzen. Irgendwann war es dann nach fünf Uhr früh. Ein letztes Mal wollte er Sender und Empfänger hochfahren.
Joe starrte auf die angeschlossenen Zeigermessgeräte. Der Lautsprecher rauschte gleichmäßig und eintönig vor sich hin. Plötzlich schlug das Amperemeter aus. Zuckungen so stark, als ob ein Funksignal aus Johns Wohnung käme.
Und dann krächzte John Hughes’ Stimme aus dem Lautsprecher. Zuerst ganz leise. Joe drehte etwas lauter. Er traute seinen Ohren nicht. John ist verreist, definitiv. Er hatte ihn gestern – vorgestern – selbst noch am Bahnhof verabschiedet.
»... bis dass der Tod euch scheidet. Leichenblass unterbricht da der Bräutigam den Pfarrer: Moment! Moment! Wie lange sagten Sie da eben? Ha, ha, ha, Donnerwetter! Gut, was, oder? Ha ha ha«, hört er Johns Stimme klar und deutlich aus dem Äther.
Dann Stille. Das war genau der Witz, den John am Freitagnachmittag über das Funkgerät erzählte. Und dann die Stille.
John ist nicht da. Jetzt im Moment hat er kein Funkgerät. Joe starrte ungläubig auf den Lautsprecher, dann auf die Uhr. Routinemäßig notierte er ins Funkprotokoll »Montag 1914/12/21 05:23 Uhr. Sprechfunksignal empfangen.«
Er muss verrückt sein. Das kann einfach nicht sein. Das geht nicht. Ein Sender schickt Funkwellen an einen Empfänger. Die Wellen breiten sich im Hier und Jetzt aus. Nicht im Gestern und nicht im Vorgestern. Sie halten sich nicht drei Tage lang in der Luft, 500 Meter zwischen Johns Wohnung und dem Labor. Was ist das? Erlaubt sich hier irgendjemand einen schlechten Scherz mit ihm?
Es ist Zeit, nach Hause zu gehen. Er muss schlafen. Eigentlich wollte er heute Früh ins Labor, aber dahin muss er jetzt nicht mehr, da er ja die ganze Nacht schon dort war. Soll er den Inhalt des Funkspruchs protokollieren? John würde ihn für verrückt halten. Vielleicht hat er sich das Ganze ja nur eingebildet. Es gibt keine Funksignale aus der Vergangenheit. Müdigkeit ist wie eine böse Droge. Schlafen. Nur noch schlafen. Er muss nach Hause gehen. Jetzt.
* * *
Montag, 21. Dezember 1914, Cambridge60 Stunden
Er muss noch einmal ins Labor. Es ist mittlerweile zehn Uhr durch. Er war zwar fast vier Stunden im Bett, hat aber kein Auge zugetan. Jedenfalls fühlt es sich so an. Hundemüde hatte er sich um kurz nach sechs Uhr heute Morgen ins Bett fallen lassen.
Joes Schädel dröhnt noch immer, und seine Gedanken kreisen um das Funkgerät. Ist es tatsächlich möglich, dass er eine Nachricht, die am Freitag von einem Radiowellensender aus abgeschickt wurde, erst heute, am Montagmorgen, empfangen hat? Oder vielmehr noch einmal empfangen hat? Er muss sich das Protokoll vom Freitag doch noch mal genauer ansehen. Wann exakt wurde die Nachricht gesendet und wann genau hat er sie schon einmal erhalten? War es wirklich dieselbe Nachricht, oder wird er in die Irre geführt?
John ist nicht da. Den Sender kann er nicht mit nach Cleveland genommen haben. Es wäre ihm am Bahnhof aufgefallen. Quatsch. Der Sender passt schon gar nicht in eine Reisetasche, und was sollte John mit dem Ding bei seinen Eltern? Vorführen? Es ist Weihnachten und Johns Vater kennt die Gerätschaften. Erst im Sommer besuchte er seinen Sohn hier in Cambridge und hat dabei das Labor besichtigt. Was soll das alles?
Warum war es nur die Nachricht mit dem Witz? Am Freitag sprachen sie fast eine Minute lang miteinander über den Äther. Das Ganze ist mehr als merkwürdig. Er wird der Sache auf den Grund gehen. Vorerst wird er es für sich behalten. Keiner soll ihn für verrückt erklären. Sollte John ihn nach dem Eintrag ins Empfangsprotokoll fragen, muss er sich eben eine Ausrede einfallen lassen. In so was ist er recht spontan. Warum nur hat er die Verbindung auch im Logbuch eintragen müssen? Jetzt gerade im Augenblick ärgert er sich über sich selbst. Sein Übereifer und Ehrgeiz in allen Ehren, aber teilweise ist er damit auch schon über das Ziel hinausgeschossen. Wie eben jetzt. Eine Ausrede? Ja. Zur Not hatte er vielleicht Knackgeräusche gehört oder so etwas in der Art. Vielleicht kreuzte ein Dampfer vor der Küste Bostons und sendete auf seiner Frequenz Morsesignale. Ihm wird schon etwas einfallen. John ist zwar ein guter Wissenschaftler, aber von Natur aus nicht wirklich misstrauisch.
Joe Campbell quält sich aus dem Bett und schleppt sich ins Badezimmer. Er rafft sich dazu auf, die Zähne zu putzen und sich zu rasieren. Schließlich sind noch etliche Kollegen auf dem Campus unterwegs. Er streift sich ein frisches Hemd über, bindet seine Krawatte von gestern Abend um den Hals und steigt in seine Cordhose, die er gerade einmal vor vier Stunden über die Stuhllehne gelegt hatte. Socken und Schuhe an und los. An Frühstück ist jetzt nicht zu denken, dafür ist er zu aufgeregt. Schnell noch Hut und Mantel vom Haken genommen, verlässt er die Wohnung.
Unten auf der Straße liegen bereits zwei, drei Zentimeter Schnee. Heute Morgen hat es begonnen, zu schneien. Die Stimmung wird immer weihnachtlicher, denkt er. Ihm ist eigentlich im Moment überhaupt nicht nach Weihnachten, obwohl er sich bis gestern noch darauf freute. Durch den Schnee stapft er die paar wenigen Meter zum Labor.
Joe bewohnt ein kleines Appartement in einem der Mietshäuser gleich am Universitätscampus. Das ist praktisch. Es sind nur fünf Minuten zur Arbeit, und Einkaufsmöglichkeiten gibt es gleich um die Ecke. Da ist ein kleiner Bäcker, der die Studenten, Professoren und Assistenten mit Backwaren versorgt, und eine Metzgerei. Kneipen gibt es in Hülle und Fülle in der ganzen Stadt, schließlich sind Wissenschaftler nicht nur wissenshungrig, sondern bisweilen auch durstig.
Er brütet über dem Funkprotokoll. Es sind 60 Stunden. Auf die Minute genau. John hatte seinen Funkspruch am Freitag um 17:23 Uhr abgesetzt – um dieselbe Zeit hatte er ihn bereits am Freitag empfangen. Und noch einmal am Montag um 5:23 Uhr! Genau 60 Stunden später. Es ist unfassbar. Die erklären dich für verrückt, wenn das rauskommt, denkt er. Er muss die Sache verifizieren. Irgendwie muss es doch gelingen, das Experiment zu wiederholen. Geht es nur mit Johns Sender oder auch mit dem Sender im Labor? Er fährt kurz entschlossen die Apparaturen hoch. Das Funkgerät muss erst auf Temperatur kommen. Während er wartet, legt er zwei Scheite Holz in den Ofen. Zunächst ärgert er sich. Jedes Mal, wenn er Hand an den Ofen anlegt, bekommt er eine gewischt, einen kleinen elektrischen Schlag. Egal. Von der Nacht ist noch etwas Glut vorhanden, und das trockene Holz fängt fast augenblicklich an zu brennen. Etwa zehn Minuten später nimmt er das Mikrofon zur Hand und geht auf Sendung.
»Es ist Montag 10:44 Uhr, und ich bin Joe!«, spricht er laut und deutlich in das Gerät. Er legt den Sendeschalter wieder um auf Empfang. Wenn sich das Experiment wiederholen lässt, aus welchen unerfindlichen Gründen auch immer, dann würde er den soeben abgesetzten Funkspruch in genau 60 Stunden, also am Mittwochabend um 22:44 Uhr empfangen können. Vorausgesetzt seine Hypothese stimmt und der Empfänger ist tatsächlich in der Lage, Nachrichten aus dem Äther zu empfangen, die bereits 60 Stunden alt sind. Sollte es nicht am Empfänger liegen, kann es entweder der Sender sein, der dieses unmöglich scheinende Phänomen verursacht, oder aber die ganze Sache heute Nacht war ganz einfach ein nicht reproduzierbarer Zufall. Joes Forscher-Instinkt ist jedenfalls geweckt, und er will es jetzt ganz genau wissen und der Sache auf den Grund gehen. Also wird er zunächst warten müssen. Zweieinhalb quälend lange Tage. 60 Stunden lang.
Er beschließt, erst einmal im Cafe um die Ecke frühstücken zu gehen und Zeitung zu lesen. Es sind ja nicht nur spannende Zeiten in der Forschung sondern auch in der Politik. In Europa herrscht Krieg, und es gibt Stimmen in den Vereinigten Staaten, die lautstark fordern, England aktiv im Kampf gegen das deutsche Kaiserreich beizustehen. Die US-Rüstungsindustrie unterstützt bereits nach Kräften, hat aber mit strikten Embargoregeln zu kämpfen. Vergangene Woche gab die Regierung in Washington den Erlass heraus, dass keine Unterseeboote aus den USA an einen der kriegführenden Staaten geliefert werden dürfen, um die Neutralität des Landes nicht zu verletzen. Joe ist ganz und gar nicht der Meinung Woodrow Wilsons, des amtierenden US-Präsidenten, was die Zurückhaltung in diesem Konflikt angeht. Auf den Schlachtfeldern in Europa sterben täglich hunderte junger Franzosen und Engländer. Die Deutschen stehen gerade einmal 50 Meilen vor Paris. Zum Glück bewegt sich die Front seit Ende letzten Jahres nicht mehr wirklich weiter, aber was heißt das schon?
Seine Familie väterlicherseits kommt ursprünglich aus Edinburgh in Schottland und seine Mutter aus Colmar in Frankreich – damals jedenfalls noch, als sie in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts nach Boston ausgewandert war. Heute ist Colmar ein Teil Deutschlands, und wenn die kaiserlichen Truppen nicht aufgehalten werden, ist Paris auch bald deutsch. Dann womöglich London und irgendwann vielleicht auch Edinburgh.
Joe hatte Frankreich kennen und lieben gelernt, schließlich lebte er zwischen 1904 und 1912 fast acht Jahre lang mitten in Paris. Letzten Herbst hatte er sogar eine kurze Zeit lang ernsthaft in Erwägung gezogen, sich als Freiwilliger bei der französischen Fremdenlegion zu bewerben. Vermutlich hätte er es getan, wäre da nicht die Forschung an den Radiowellen gewesen. Eine Freundin oder eine Verlobte hat er nicht. Er ist frei und ungebunden. Allein die Überlegung, dass gerade die Forschung an einem Funkgerät für Flugzeuge für den Kriegsverlauf im fernen Europa noch irgendwann einmal wichtig werden könnte, hielt ihn damals zurück. Er ist ein Idealist, durch und durch. Wenn er auch nicht gerade ein Pazifist ist, so ist er doch sehr harmoniebedürftig und friedfertig. Als Sohn eines Priesters und einer Lehrerin wurden ihm seine hohen Moralvorstellungen sowie seine Einstellung zum Leben und das Verantwortungsbewusstsein seinen Mitmenschen, seinem Land und der Gesellschaft gegenüber praktisch in die Wiege gelegt.
* * *
Mittwoch, 23. Dezember 1914, CambridgeDie Bestätigung
Kurz nach 19 Uhr dreht Joe Campbell den Lichtschalter an. Hut und Mantel legt er ab. An der Wand sind drei große Haken angebracht. So etwas wie eine Garderobe. Heute Abend ist es nicht ganz so kalt im Labor, er hat bereits am Vormittag eingeheizt. Das Holz ist zwar bis auf ein kleines Glutnest heruntergebrannt, aber der gusseiserne Ofen gibt noch immer wohlige Wärme ab. Er legt zwei Holzscheite nach. Es sind die beiden letzten, die im Korb liegen. Morgen früh sollte er gleich noch mal welche vom Hof heraufholen. Normalerweise ist das der Job seiner Studenten, aber die haben nun einmal Ferien. Joe fährt die Apparaturen hoch. Die Handgriffe sitzen, schließlich ist das tägliche Routine. Es dauert nur ein paar Minuten, bis die Röhren aufgeheizt sind.
Er sieht auf die Uhr. Genügend Zeit. Es ist noch nicht einmal halb acht. Noch über eine Stunde. Aber er möchte auf Nummer sicher gehen und nichts verpassen. Wenn seine Hypothese stimmt, dann sollte er genau um 20:44 Uhr einen Funkspruch empfangen. Seinen Funkspruch. Genau den, den er vor 60 Stunden in den Äther geschickt hat. Wenn er diesen jetzt tatsächlich nach 60 Stunden noch einmal empfangen sollte, was nach menschlichem Ermessen eigentlich nicht sein kann, dann ist das mehr als eine Sensation. Wenn er ganz ehrlich ist, glaubt er nicht wirklich daran. Er wünscht es sich vielmehr. Es muss ein Zufall gewesen sein in der Nacht von Sonntag auf Montag. Aber in der Wissenschaft gibt es keine Zufälle.
Er hat seit Montag früh nichts verändert. Alle Kabel liegen noch so, wie vor 59 Stunden. Selbst den Lautstärkeregler am Lautsprecher hat er so belassen wie am Montag. Was soll er John erzählen, wenn dieser nach Neujahr wieder hier in Cambridge auftaucht? Vielleicht erst einmal gar nichts? Was, wenn er den Funkspruch tatsächlich empfängt? Aber das kann ja gar nicht sein. Es muss ganz einfach eine Sinnestäuschung gewesen sein. Alles andere ist nicht erklärbar.
Joe nimmt das Funkprotokoll vom Tisch. Das Büchlein ist noch aufgeschlagen. So wie er es am Montagmorgen abgelegt hat. Da steht es. Schwarz auf weiß: »Montag 1914/12/21, 05:23 Uhr. Sprechfunksignal empfangen.« Er blickt auf die Uhr. Noch über eine Dreiviertelstunde. Er darf jetzt nicht die Nerven verlieren. Die Einstellung des Empfängers bleibt genau so, wie sie ist. Nur jetzt nichts an den Drehschaltern ändern.
Soll er noch eine Runde um den Campus gehen? Normalerweise dauert diese immer so um die 20 Minuten. Wie oft waren er und John schon um den Campus gegangen? 20-, 50- oder 100-mal? Der Campus ist irgendwie inspirierend. Vielleicht liegt es an der frischen Luft, an der steifen Brise, die hier oben vom Meer her weht.
Joe beschließt, eine Runde um die Häuser zu drehen. Das Licht lässt er brennen, die Apparaturen bleiben an. Er nimmt seinen Mantel vom Haken und den Hut. Zwei Minuten später steht er draußen im Schnee, der mittlerweile gut zehn Zentimeter hoch auf der Straße liegt. Die Schneeräumer werden erst in der Nacht kommen. Zuerst sind die Hauptstraßen dran. Joe macht sich auf den Weg. Wäre es ein normaler Mittwochabend, säße er jetzt im Eight Bells, einem Irish Pub gleich um die Ecke. John und ein paar seiner jüngeren Kollegen treffen sich dort regelmäßig auf einen Whisky. Die älteren Professoren halten davon nichts. Entweder ist es Standesdünkel oder aber bloße Furcht davor, ihre Autorität könnte vor den Studenten oder der Universitätsverwaltung leiden.
Joe hielt noch nie etwas auf Äußerlichkeiten. Schon als Kind nicht. Am einen Tag konnte er mit seinen Freunden Fußball und am nächsten mit seiner kleinen Schwester und ihren Freundinnen Schule spielen. Manchmal war er der Lehrer, manchmal eines der Mädchen die Lehrerin. Es machte ihm schon immer Spaß, anderen etwas beizubringen. Umgekehrt hatte er schon immer das Gefühl, von anderen etwas lernen zu können. So nichtig es auch scheint, jeder weiß etwas und von jedem kann man etwas lernen. Als er wieder vor dem Haupteingang ankommt, zeigt seine Taschenuhr gerade halb elf. Es ist Zeit, ins Labor zurückzukehren.
Oben angekommen, hängt er seinen Mantel an die Wand. Den Hut legt er auf einen Stuhl, der neben dem Tisch mit dem Funkempfänger steht. Er prüft noch einmal sämtliche Einstellungen, setzt sich auf den Hocker, der bis jetzt unter der Garderobe gestanden hat und wartet. Es ist still im Gebäude. Kaum eine Menschenseele ist am Tag vor Heiligabend noch in der Universität. Seine Taschenuhr legt er vor sich auf den Tisch. Er vergleicht die Zeiger seiner Uhr mit denen der Wanduhr. Gerade gehen beide Sekundenzeiger durch die Zwölf. Es ist 22:44 Uhr. Er hört nichts außer dem gleichmäßigen Rauschen des Empfängers. Nichts. Eigentlich ist Joe erleichtert. Hatte er sich also doch geirrt! Aber was um Himmels Willen treibt ihn dann mitten in der Nacht an diesen Ort?
Plötzlich erwacht der Empfänger. Der Zeiger am Amperemeter schlägt nach rechts aus, auch die anderen Messgeräte erwachen. Joe sitzt da, wie zu einer Salzsäule erstarrt.
»Es ist Montag 10:44 Uhr und ich bin Joe.« Er hört seine eigene Stimme aus dem Lautsprecher. Laut und deutlich.
Es ist nicht möglich! Es kann nicht sein! Er hat das Unmögliche entdeckt. Er kann mit diesem Empfänger tatsächlich Funksignale aus der Vergangenheit empfangen. Und zwar genau 60 Stunden, nachdem sie gesendet wurden. Zweieinhalb Tage genau.
* * *
1915
In den Vereinigten Staaten von Amerika, England und Frankreich
Gerade war der Postbote da. Jeden Morgen wird in der Harvard University die Post an die Professoren von einem Mitarbeiter der internen Poststelle ausgetragen. Der Brief, den Joe in den Händen hält, ist adressiert an »Professor Dr. Josef Campbell, Harvard University, Massachusetts Hall, Cambridge, MA 02138, United States of America.« Eilenden Schrittes geht er an seinen Schreibtisch und öffnet den Briefumschlag.
Paris, 30. Januar 1915
Mein lieber Freund und Kollege, werter Herr Prof. Dr. Campbell,
mit Freuden erhielten meine Frau und ich Ihre Neujahrsgrüße in dieser schweren Zeit. Meiner Frau und mir geht es so weit gut. Wir leben hier in Paris mit allerhand Einschränkungen. Der Feind steht keine 100 Kilometer nordöstlich der Stadt und droht uns zu überrennen. Beten wir zu Gott, dass es nicht so weit kommen wird. Sicherlich erinnern Sie sich noch an die quirlige Innenstadt und die Straßen hier in Paris, an den Eifelturm, an den Louvre. Es ist sehr ruhig geworden mittlerweile. Private Automobile fahren kaum noch. Sie sind entweder vom Militär requiriert, oder aber das zur Fahrt benötigte Benzin ist nicht erhältlich, da auch dieses zuerst militärischen Zwecken zur Verfügung steht. Selbst die Straßen sind vom Kriege in Mitleidenschaft gezogen. Die Avenue de l'Allemagne heißt seit vergangenem Sommer Avenue Jean-Jaurés, die Rue de Berlin ist umbenannt in Rue de Liège. Das Grand Palais ist mittlerweile ein Militärhospital. Sie würden die Stadt nicht wiedererkennen. Die deutsche Artillerie beschießt regelmäßig die Vorstädte im Norden, und sogar deutsche Luftschiffe wurden schon über der Stadt gesichtet.
Mit großem Interesse habe ich über Ihre Forschungen gelesen. Ihre kürzlichen Entdeckungen sind, wie Sie selbst schreiben, vielversprechend und von unschätzbarem Wert. Dennoch sind sie sehr sensitiv, was deren öffentliche Verbreitung anbelangt. Ich habe mich bereits an den zuständigen Sekretär im Staatsministerium gewandt. Verständlicherweise werden nur noch Forschungsprojekte genehmigt, die unmittelbaren militärischen Nutzen versprechen. Der Sekretär sagte mir in einer ersten Stellungnahme sein Wohlwollen und das des Ministers bereits zu. In Anbetracht der aktuellen kriegsbedingten Lage in Paris ist in jeglicher Hinsicht Eile geboten. Wenn wir es bewerkstelligen, das Forschungsetat für mein laufendes Programm aufzustocken, steht Ihrem Ansinnen nichts im Wege, an der Université de Paris Ihren Forschungen weiter nachzugehen. Das hiesige Direktorat und auch ich wären geehrt, Sie als Gastprofessor in unserer Stadt begrüßen zu dürfen.
Mit Verlaub und auf ausdrücklichen Wunsch unseres Herrn Staatssekretärs soll die weitere Kommunikation in dieser Sache unter strengster Geheimhaltung stattfinden. Sie werden ersucht, in Briefen oder Telegrammen keine Einzelheiten bezüglich Art, Verwendung oder sonstiger Angaben über die Forschungen zu nennen. Sobald es mir möglich ist, werde ich Nachricht über den Entscheid der Dinge hier in Paris senden. Um den Postweg zu verkürzen, werde ich Ihnen künftig telegrafisch kabeln und erbitte Mitteilungen ebenso auf diesem Wege.
In schweren Zeiten ist es wichtig, dass man sich auf gute Freunde verlassen kann. Ihren Patriotismus für unser Land in allerbesten Ehren. Vive la France!
Hochachtungsvoll, Dr. Jean-Yves Marchand Professor der Physik Université de Paris
Am Neujahrstag hatte er an seinen Freund, Jean-Yves Marchand, in Paris geschrieben. Nachdem ihm sein Experiment noch mehrere Male hintereinander gelang, war er sich schließlich sicher. Er hatte eine Sensation entdeckt. Tagelang hatte er überlegt, ob und wem er die Entdeckung mitteilen sollte, und war schließlich zum Entschluss gekommen, seinen langjährigen Freund, Dr. Marchand, ins Vertrauen zu ziehen.
Joe ist sich nach wie vor noch nicht ganz im Klaren darüber, welchen praktischen Nutzen diese Erfindung haben könnte, doch ist er sich sicher, dass diese den Kriegsverlauf in Europa beeinflussen kann – vorausgesetzt, es wird mit Nachdruck und den nötigen Mitteln daran gearbeitet, die Ergebnisse zielgerichtet weiterzuentwickeln. Was nicht alles könnte man mit einem derartigen Medium bewirken? Es dürfte nicht all zu spannend sein, Informationen aus der Vergangenheit zu empfangen. Prinzipiell sind diese zum Zeitpunkt des Empfangs ja bereits bekannt. Man stelle sich nun aber vor, es gelänge, Nachrichten von der Gegenwart in die Vergangenheit zu senden. Oder, anders herum gedacht, von der Zukunft in die Gegenwart! Die Entente von Engländern und Franzosen könnte ihren Feinden, den deutschen Truppen, zu jeder Zeit um ganze zweieinhalb Tage voraus sein! Truppenbewegungen und Angriffe ließen sich präzise planen. Vielleicht ließe sich damit der Krieg in Europa, der nun schon seit über einem halben Jahr dauert und viele Menschenleben fordert, zumindest verkürzen. Ein Ende scheint momentan nicht absehbar zu sein.
Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr hatte Joe neben der Verifizierung des neu entdeckten Effektes größtenteils auch damit zugebracht, den Empfänger wieder in seinen Originalzustand zurückzuversetzen. Er lötete den alten Kondensator wieder ein. Damit funktionierte die Verbindung nicht mehr ganz so stabil, dennoch empfing er die Signale aus der Vergangenheit. Sie waren von einem starken Rauschen überlagert. Das eigentlich Erstaunliche ist allerdings, dass der Signalempfang aus der 60-stündigen Vergangenheit nur in der Mitte des Raumes funktioniert! Am alten Platz, an den er den Tisch mit den Apparaturen mittlerweile auch wieder zurückgeschoben hat, funktioniert das Ganze nicht.
Noch ist ihm völlig rätselhaft, was es damit auf sich hat. Wäre es an jenem Abend nicht so bitterkalt gewesen, hätte er den Tisch nicht zum Ofen gezogen. Er hätte die Entdeckung vermutlich nie gemacht. Etliche große Entdeckungen und Erfindungen sind teilweise den seltsamsten Zufällen zu verdanken.
So ist es nun einmal. Zusammen mit John und seinen Studenten hat er seit Jahresbeginn auch die Funkverbindung stabil einrichten können. Mittlerweile haben sie die Gerätschaften noch etliche Male umgebaut und vermessen. Eine Fernsprechverbindung mit Johns Apartment herzustellen, ist mittlerweile zur Routine geworden. Den ausgebauten Kondensator übrigens, hat er bereits Mitte Januar in Sicherheit gebracht. Diesen will er unbedingt mit nach Paris nehmen. Er glaubt zwar nicht, dass die Entdeckung des Phänomens mit dem Kondensator zusammenhängt, aber irgendwie war dieser eben mit dabei, als es geschah. Vielleicht ist es einfach nur ein Stück weit Sentimentalität, denkt sich Joe Campbell.
Um für sein Abenteuer in Frankreich gewappnet zu sein, muss er sich nun umgehend daranmachen, sämtliche Baupläne und technischen Beschreibungen zu kopieren. Wohlweislich hat er den Bauzustand aller Geräte, einschließlich der Messgeräte, vom Dezember genauestens dokumentiert. Lange genug Zeit und Muse hatte er dafür in den Weihnachtsferien. Außerdem dürfte es Sinn machen, sämtliche Pläne des Raumes, der elektrischen Leitungen und aller Wasserrohre, die in der Nähe sind zu kopieren – besser noch, sie im Original mitzunehmen. Wer weiß, was es mit der Räumlichkeit auf sich hat. Womöglich wirken ja die Wasser- und Stromleitungen in irgendeiner unerklärlichen Weise als Antennen.
Vielleicht ist es auch nicht verkehrt, den Raum fotografieren zu lassen, solange er noch halbwegs in dem Zustand ist wie vor Weihnachten. Zur Hausverwaltung hat er gute Kontakte, und wie immer wird ihm auch etwas einfallen, warum er ganz dringend die Baupläne des Gebäudes benötigt. Wenn er sie erst einmal hat, wer weiß, vielleicht fällt ihm ja noch ein Detail auf, das für seine Entdeckung ausschlaggebend sein könnte. Also wird noch eine Menge Arbeit auf ihn zukommen in den nächsten Tagen und Wochen. Wenn Nachricht aus Paris kommt, muss es eventuell sehr schnell gehen. John hat übrigens keinerlei Verdacht geschöpft. Die weiteren Verbindungen mit der Vergangenheit hatte Joe auch nicht mehr protokolliert, um nicht in Erklärungsnöte zu geraten.
Bei seinem Rektor würde er um unbezahlten Urlaub anfragen. Auf unbestimmte Zeit. Die Bitte, als Freiwilliger in die Dienste der französischen Regierung zu treten, kann ihm sein Rektor in Zeiten wie diesen wohl kaum abschlagen – schließlich fühlt er sich als Sohn eines ausgewanderten Schotten und einer Französin irgendwie ein klein wenig als Europäer.
Zudem sind die Franzosen mittlerweile, was die Forschung an Radiowellen angeht, fast gleichauf mit den Vereinigten Staaten und Deutschland. Ein Wissensaustausch kann also auch für die Harvard University nur von Nutzen sein. Morgen früh wird er sich einen Termin beim Rektor holen und unverbindlich vorfühlen. Vielleicht ist es besser, die Universität langsam auf seinen Weggang vorzubereiten und nicht mit der Tür ins Haus zu fallen, wenn die Zusage aus Frankreich erst einmal da ist.
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Majestätisch und stolz pflügt der Luxusliner durch die Wellen des Nordatlantiks. Drei seiner vier Kessel stehen unter Dampf. Aus den hinteren drei Schornsteinen quillt dicker, rußiger Rauch. Joe Campbell steht backbords an der Reling und genießt die frische, feuchte Seeluft. Es ist kurz vor 15 Uhr an diesem 7. Mai des Jahres 1915. Seit gut einer Stunde läuft die Lusitania nun schon an der Südküste Irlands entlang – im leichten Zick-Zack-Kurs. Das ist wohl den deutschen U-Booten geschuldet, mit denen hier in der Gegend leider zu rechnen ist. Schemenhaft ist die Küste in der Ferne auszumachen. Man sieht ein blaues Etwas, das sich leicht vom Wasser abhebt. Es wird mit den grauen Wolken und dem schwachen Blau des Horizonts eins.
Die Reling vibriert unter Joes Händen. Er hat den Eindruck, dass das Schiff nicht volle Fahrt macht. Die Geschwindigkeit auf dem offenen Meer kam ihm höher vor. Aber er kann sich natürlich täuschen. Die Fahrt war aufregend, und er ist sich bewusst, dass sie ihn in einen neuen Lebensabschnitt begleiten wird. Die klare Seeluft tut gut. Sie riecht nach Salz, nach Frische, nach Abenteuer. Am Morgen noch herrschte dichter Nebel und es ging nur ein leichter Wind. Kurz vor dem Mittagessen klarte es dann auf. Die Sonne steht hoch am Himmel und kämpft mit ihrer wärmenden Kraft gegen die immer steifer werdende Brise an, die das Meer aufwühlt. Hier und da bricht sie durch die dunkle, fast geschlossene Wolkendecke durch. Das Wetter wird schlechter, je näher sie der englischen Küste kommen. Es ist recht kühl für einen Frühlingstag.
Seit sieben Tagen ist er nun schon auf dem Luxusliner unterwegs. Vorige Woche war er von seiner Heimat Cambridge, einem Stadtteil von Boston, aufgebrochen nach New York. Zwei amüsante Tage hatte er dort noch bei seinem Cousin William verbracht, der zusammen mit einem Arbeitskollegen mitten in Manhattan ein kleines Appartement bewohnt.
Vergangenen Samstag hatte er schließlich das gewaltige Schiff betreten. Pünktlich um 12:20 Uhr am 1. Mai hieß es in New York »Leinen los«. Zum dritten Mal ist er bereits auf dem Atlantik, aber auf einem so prachtvollen Schiff wie der Lusitania ist er noch nie vorher gereist. Damals, 1904, war er mit der Teutonic der White Star Linie unterwegs. Ebenfalls über England nach Frankreich. Auf dem Rückweg, acht Jahre später, fuhr er mit der Campania, wie die RMS Lusitania ebenfalls ein Cunarddampfer. Noch wenige Stunden und sie werden in Liverpool einlaufen.
Die englische Cunard Line hatte die RMS Lusitania bereits 1907 in Dienst gestellt. Sie verkehrt seitdem regelmäßig auf der Atlantikroute zwischen Liverpool und New York. Nach dem schrecklichen Unglück der Titanic vor drei Jahren, wurde das Schiff noch 1912 mit zusätzlichen Rettungsbooten ausgestattet.
Sogar eine Rettungsübung konnte Joe miterleben, kurz nach dem Auslaufen in New York. Sieben Besatzungsmitglieder legten ihre Schwimmwesten an und kletterten in eines der Rettungsboote. Dann wurde es ausgeschwenkt. Ein Offizier beobachtete die Übung mit Argusaugen, war aber offensichtlich mit dem Ablauf zufrieden. Einige Passagiere wohnten als Zaungäste bei. Joe war zufällig an Deck und hatte die Evakuierungsübung mit Interesse verfolgt. Es ging zwar alles sehr schnell. Keine fünf Minuten hat sie gedauert. Er wurde allerdings den Eindruck nicht los, dass die Matrosen so etwas zum ersten Mal durchführten. Trotzdem, die Sicherheitsstandards scheinen sehr hoch zu sein auf diesen modernen Schiffen. Müssen sie auch. Die Gewässer rund um England und Irland sind nicht ungefährlich in diesen Tagen. Der Krieg, der in Europa seit letztem Sommer wütet, ist auf die Gewässer rund um das europäische Festland und die britischen Inseln ausgeweitet worden. Überall können nun deutsche U-Boote lauern. Eine Waffe, der die Entente von Vereinigtem Königreich und Frankreich nicht wirklich etwas entgegenzusetzen hat.
Die deutsche Botschaft in Washington hat erst vergangene Woche noch eindringlich in der amerikanischen Presse die Bürger vor Atlantiküberquerungen gewarnt! Die deutschen Kapitäne haben zwar Order, keine Passagierschiffe anzugreifen, aber ein ungutes Gefühl bleibt. Zumal die Lusitania auf dieser Fahrt zwar unbeflaggt fährt, aber dennoch ein englisches Schiff ist.
Joe Campbell ist in der zweiten Klasse untergebracht. Die meisten Passagiere dort sind Engländer. Iren gibt es auch zur Genüge und ein paar Franzosen. Amerikaner sind offensichtlich nicht allzu viele an Bord. Nie hätte er es für möglich gehalten, dass es in der zweiten Klasse so luxuriös zugeht. Die Überfahrt vor drei Jahren hat er noch ganz anders in Erinnerung. Vom Luxus in der ersten Klasse berichten die Zeitungen ja schon seit Jahren. Hier in der zweiten gibt es einen Speisesaal unter einer riesigen Kuppel. Nach dem Essen kann man sich in der Lounge aufhalten. Im Rauchsalon werden Zigaretten und Zigarren gereicht. Für die weiblichen Gäste steht der sogenannte Damensalon zur Verfügung, der neben einer kleinen Bibliothek mit allerhand Literatur, aber auch aktuellen Zeitungen und Schriften und darüber hinaus mit kleinen Schreibtischen ausgestattet ist. Über den Schiffstelegrafen kann man zudem von hoher See aus Post in alle Welt übermitteln lassen.
Das Billett für die Überfahrt war in New York für Joe hinterlegt worden. Er hat es vergangenen Freitag am Hafen direkt bei der Reederei abgeholt. Es war bereits bezahlt. Die Université de Paris hat es gelöst. Sie soll sein neuer Wirkungskreis werden. Zumindest für die nächsten zwölf Monate. Eigentlich sollte er schon in der letzten Woche reisen, mit der Cameronia, einem etwas kleineren Passagierdampfer der britischen Anchor Line. Die Passage wurde allerdings buchstäblich in letzter Minute storniert. Sämtliche Passagiere wurden zwei Tage später von der Lusitania übernommen. Sie bedient seit Anfang des Jahres die einzige regelmäßige und verlässliche Linienverbindung nach Europa. Die Billetts für diese Fahrt sind zudem erheblich billiger als gewöhnlich. Es ist ein spezielles Reklameangebot, das die Reederei an die Reisenden der zweiten Klasse macht. In letzter Zeit ist das Schiff nicht mehr wirklich ausgebucht, so wie das vor dem Krieg noch der Fall war. Wer will in diesen Zeiten schon nach Europa, wenn er nicht unbedingt muss? Der Krieg dauert nun schon ein Dreivierteljahr. Vergangenes Weihnachten wollten die Feldherren und ihre Soldaten eigentlich wieder zu Hause sein. So stand es jedenfalls letzten Herbst in der Presse zu lesen.
Laut Anschlag im Eingangsbereich sind 1.258 Passagiere und 701 Besatzungsmitglieder an Bord des Schiffes. Kapitän William Turner, so wurde Joe von einem der Stewards erzählt, hat seit dieser Reise das Kommando. Ein erfahrener Seemann, der die Lusitania schon einmal vor ein paar Jahren befehligt haben soll. Joe hat ihn bis jetzt nicht gesehen. Wahrscheinlich ist das den Passagieren der ersten Klasse vorbehalten.
Eigentlich hätten es sich die Franzosen ja durchaus leisten können, ihn in der gehobeneren Klasse unterzubringen, schließlich geht es bei seiner neuen Tätigkeit an der Universität in Paris um ein von der französischen Regierung gefördertes Forschungsprogramm. Seine Mission gilt einem hohen Ziel, von dem sich die Entente nicht weniger als den Sieg über das Deutsche Kaiserreich verspricht! Seinem Status wäre es außerdem angemessen. Vielleicht soll diese Art der Unterbringung der Tarnung dienen. Oder aber den Franzosen fehlt einfach das Geld. So ein Krieg kostet eine Menge. Vermutlich ist es das Letztere – Sparmaßnahmen. Joe verschwendet seine Gedanken nicht lange an diese Frage. Der Wissenschaftler hat den Kopf voll mit anderen Dingen, die ihn im Moment mehr beschäftigen. Außerdem ist er von Natur aus ein genügsamer Mensch.
Professor Marchand hat diese Reise nach Paris tatsächlich möglich gemacht. Als Joe ihm kurz nach Weihnachten schrieb, ahnte er noch nicht, dass er heute auf dem Weg nach Frankreich sein würde. Ja, es war eine bahnbrechende Entdeckung. Ihr praktischer Nutzen ist zwar noch nicht wirklich absehbar, aber was ihm und Dr. Hughes im Labor gelungen war, könnte die Welt verändern. Daran gibt es keinen Zweifel. John Hughes kennt allerdings nur einen Teil der Forschungsergebnisse. Von der eigentlichen Sensation wissen bis jetzt nur Joe selbst und sein französischer Freund. Marchand ist mittlerweile sehr viel mehr für ihn als nur ein Doktorvater oder Kollege. In all den Jahren, in denen sie gemeinsam geforscht und gearbeitet haben, wurden sie gute Freunde. Er vertraut Marchand und Marchand vertraut ihm. Vor einem guten Monat hatte ihm der französische Professor telegrafiert, dass er ab dem 17. Mai mit dem Forschungsprogramm in Paris beginnen könne. Das französische Militär hat die notwendigen Geldmittel zugesagt. Für die ersten zwölf Monate soll Joe in Paris das Projekt leiten. Anschließend will er eventuell einen Teil der Arbeiten an der Harvard University weiterführen. Doch dafür müssen noch ein paar heikle Gespräche geführt werden, und es ist alles andere als sicher.
Kurz entschlossen hat sich Joe bis Mitte nächsten Jahres unbezahlt beurlauben lassen. Aus familiären Gründen, so gab er an. Schließlich gibt es gute Gründe für ihn, nach Frankreich zu reisen, stammt doch seine Mutter aus Colmar. Zu ihrer Zeit war Colmar noch französisch, erst 1871 nach dem Krieg zwischen Frankreich und Preußen wurde es ins Deutsche Kaiserreich eingegliedert. Die Idee, über ein ganzes Jahr unbezahlten Urlaub zu nehmen, führte zu heftigen Diskussionen mit seinem Rektor. Dieser lenkte schließlich jedoch ein. Die Entschlossenheit, mit der Joe seinen Willen durchzusetzen vermochte, ließen ihm keine andere Wahl, wollte er seinen jungen Professor nicht gänzlich verlieren. Sein Kollege, Dr. Hughes, übernahm offiziell zum 1. Mai seine Position an der Harvard University und führt nun auch das Projekt fort, das sie vor mehr als zwei Jahren gemeinsam begonnen haben.
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Nachdem er sich ein Billett bis London besorgt hat, geht Joe Campbell mit seinen zwei großen Koffern in Richtung Bahnsteig. Die beiden Koffer sind nicht gerade leicht. Der Zug der Midland and Great Northern Joint Railway nach Sheffield wartet bereits. Von Sheffield aus soll es dann mit dem Eilzug der Midland Railway weiter über Nottingham und Leicester nach London St. Pancras gehen. Die London, Brighton and South Coast Railway, kurz LB&SCR, wird ihn dann von dort aus nach Folkestone bringen. Ein recht anstrengender, aber sicherlich interessanter Tag liegt vor ihm. Wenn alles gut geht, erwischt er heute Abend noch die Passage über den Ärmelkanal nach Frankreich. Zur Not muss er in Folkestone einen Stopp zur Übernachtung einlegen, aber das will er auf sich zukommen lassen. Vielleicht wäre das sogar die entspanntere Art zu reisen. Am Passagierhafen in Folkestone soll ein weiteres Billett für ihn hinterlegt sein, so kabelte es zumindest Marchand per Telegraf. Er wird von Folkestone aus nach Dieppe in Frankreich übersetzen. Von dort aus sind es dann keine drei Stunden mehr mit dem Zug bis zum Pariser Nordbahnhof.
Es ist jetzt halb neun vormittags, der Zug fährt um neun. Die Lusitania hat heute Morgen bereits um halb sieben festgemacht. Pünktlich, wie es im Fahrplan steht. Eine halbe Stunde später stand er am Kai und reihte sich in den Pilgerstrom zum Bahnhof ein. Der Zug steht bereits seit sieben im Bahnhof und wartet auf die vielen Reisenden. So wie es scheint, wollen die meisten Schiffsreisenden weiter nach London – oder sonst wohin im Vereinigten Königreich.
Am Bahnhof patrouilliert Militär wie schon am Schiffsanleger. Es ist offensichtlich, dass sich das Land im Kriegszustand befindet. Überall sieht man kleine Grüppchen von Soldaten, die entweder ebenfalls die Eisenbahn benutzen oder aber den Hafen und den Bahnhof zu bewachen scheinen. Auf dem Bahnsteig herrscht Gedränge und hektische Betriebsamkeit. Die meisten Abteile sind voll, und Joe muss fast bis ganz nach vorne am Zug, ehe er ein Abteil findet, das noch nicht komplett belegt ist. Nachdem seine Mitreisenden ihm freundlich einen Platz angeboten haben, hievt er die beiden Koffer auf die Gepäckablage und lässt sich dankbar in den Sitz fallen.
Etwa zur gleichen Zeit steht Bernhard Engel am Schiffsanleger in Liverpool und beobachtet, wie die letzten Passagiere von Bord gehen. Er trägt eine unauffällige Tweed-Strickjacke, die er sich vor ein paar Tagen bei Harrods in London zugelegt hat. Er schlendert mit einem ledernen Reisekoffer in seiner Rechten an der Pier entlang und hält Ausschau nach seinen drei Kollegen. Eigentlich wollten sie bereits mit den ersten Passagieren von Bord gehen, so war es geplant. Er hat schon gestern Abend vier Billetts für die Schnellzugverbindung nach London gekauft, um heute Vormittag keine Zeit zu verlieren.
Professor Campbell hat er vorhin bereits entdeckt. Er sah genauso aus wie auf den Fotos. Er verließ das Schiff etwa fünf Minuten, nachdem die Gangway für die Passagiere freigegeben wurde. Er war nicht bei den ersten, aber lange nicht bei den letzten Passagieren, die jetzt gerade von Bord gehen. Es wird ihm sicherlich kein Problem bereiten, ihn später am Bahnhof oder im Zug wiederzufinden. Seine sportliche, hochgewachsene Figur im dunkelblauen Reisemantel sollte sich nicht so leicht verstecken können. Vor allem nicht vor ihm, Bernhard Engel. Hatte er doch seit Jahren Erfahrung mit Beschattungen und verdeckten Ermittlungen. Ärgerlich ist es trotzdem, dass seine Kollegen nicht auftauchen. Sollte etwas schiefgegangen sein? Waren sie etwa aufgeflogen?
Heinrich sollte an Bord der Lusitania Fotografien von den vermuteten Waffenlieferungen machen. Curt Thummel, alias Charles Thorne, der als Stewart auf der Lusitania angeheuert hatte, meldete beim Verladen in New York vier Geschütze, ehe er sich kurzfristig unter dem Vorwand eines gebrochenen Unterarmes vom Einsatz zurückziehen musste. Sein Vorgesetzter auf dem Schiff schöpfte Verdacht, und eine Reise wäre zu riskant geworden.
Karl und Paul sind neu in der Abteilung und sollten auf ihrem ersten Außeneinsatz eine leichte Arbeit übernehmen. Sie hatten lediglich die Aufgabe, Professor Campbell möglichst lückenlos zu beschatten und herauszufinden, ob er tatsächlich alleine reist, von jemandem beobachtet oder gar beschützt wird. Auf einem Schiff nicht gerade eine schwierige Sache, zumal Heinrich, ein recht erfahrener Mitarbeiter von ihm, in der Nähe ist. Die beiden Neulinge werden bereits in London wieder abgezogen. Von dort aus will er selbst an Campbell dranbleiben, damit die Sache auf jeden Fall klappt. Irgendwie scheint die Angelegenheit im Moment allerdings ganz gewaltig zu stinken.
Es ist mittlerweile kurz nach halb neun. Er muss sich beeilen, wenn er den Zug noch erwischen will. Nicht, dass dieser am Ende noch überfüllt ist und ohne ihn abfährt. Das käme einer mittleren Katastrophe gleich. Seufzend macht er auf dem Absatz kehrt und geht schnellen Schrittes in Richtung Bahnhof. Er reiht sich bei den Passagieren der Lusitania ein. So fällt er am wenigsten auf. Zur Tarnung hat er einen kleinen Reisekoffer dabei. Nicht sonderlich schwer, aber so, dass ihm jeder Fahrkartenkontrolleur und auch jeder britische Dorfpolizist eine Schiffsreise abnimmt. Kurz nach drei viertel neun besteigt er den Zug. Er fährt in der zweiten Klasse, im zweiten Wagen hinter der Dampflokomotive. Campbell hat er zwei Abteile weiter hinten entdeckt.
