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Band 1: ABSEITS ALLER WEGE beginnt mit einer Vorgeschichte, die eine Verbindung aufzeichnet zwischen dem Autor und der Protagonistin Marion Zelenka. Das darin zugleich enthaltene Kriminalistische wird zum zentralen Thema des dritten Bandes. So schließt sich "der Kreis". Die Aufklärung mehrerer Kriminalfälle beflügelt ihre steile Karriere. Privat erlebt sie zunächst ein Desaster, doch bahnt sich auch in dieser Hinsicht ein versöhnliches Ende an. Band 2: DOPPELFEHLER lehrt die erfolgverwöhnte Kriminalistin Zelenka, die auf dem besten Wege ist, überheblich zu werden, dass auch sie Fehler macht: einen fachlichen gleich zu Anfang im ersten Kapitel und einen menschlichen, indem sie sich nicht scheut, mittels ihrer Überlegenheit einen verhassten Kollegen zu vernichten. Um Haaresbreite dem Tode entronnen, kommt sie zur Einsicht. Zwei Kriminalfälle stehen dabei im Mittelpunkt. Band 3: ZERSTÖRTE BRÜCKEN kehrt zurück zum Beginn des ersten Bandes. Nach vielen Jahren geht sie an die Aufklärung eines mysteriösen Todesfalles, der immer weitere Kreise zieht. Sie hat gegen Korruption und gegen Widerstände im Präsidium zu kämpfen. Von all dem unbeeindruckt und ohne Rücksicht auf die eigene Karriere bringt sie den Fall zu Ende und siegt - unerwartet - auf der ganzen Linie.
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Seitenzahl: 360
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Kurt Mühle
Zelenka - Trilogie Band 1
Abseits aller Wege
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorgeschichte
Luise
Karriere
Adel verpflichtet?
Berufsmörder
Geiselnahme
Courage
Letzte unter Gleichen
Laute Killer
Etwas zu schlau
Abseits aller Wege
In vino veritas
Peter in Panik
Falsche Spuren
Ein Mordstag !
Wildwest
Das war Mord, Luise!
Drohungen
Svenja
Tosca
Alte Bekannte
Entführung
Impressum
Vorgeschichte
Erstaunen und Ratlosigkeit packten mich angesichts der E-Mail eines Internet-Forums, das Klassentreffen von Menschen arrangiert, die sich längst aus den Augen verloren haben. Ausgerechnet der stille Frank, der früher gemeinsamen Aktionen der Klasse meist auswich, hatte die Initiative ergriffen und einen humorvollen Einladungstext formuliert. Das letzte Treffen habe vor sage und schreibe neun Jahren stattgefunden, da sei es wohl an der Zeit, mal wieder in fröhlicher Runde zusammen zu kommen. Vielleicht wäre es ja auch der Anfang zu mehr oder minder regelmäßigen ‚meetings’. Geselligkeit, Erfahrungsaustausch, gegenseitige Hilfe, - das waren wohl Franks Gedanken für solch einen Club der Ehemaligen.
Ich schüttelte irritiert den Kopf; vielleicht hatte Frank ja nur zu viel über Logenbrüderschaft gelesen, - doch mehr noch wunderte mich die Arglosigkeit dieser Einladung. Wusste Frank denn nicht, was auf dem letzten Klassentreffen vor neun Jahren Schreckliches geschehen war?! – Ich löschte die Mail-Einladung auf meinem PC und dachte nicht weiter darüber nach.
Ein paar Wochen später kam eine erneute Einladung, diesmal mit einer Liste all derer, die sich inzwischen angemeldet hatten. Bei einigen Namen geriet ich arg ins Grübeln; denn wer war dieser oder jener eigentlich noch?
Ein Name hingegen erweckte sofort mein Interesse: Marion. Die hübsche, spröde Marion, für die so manch einer von uns damals entflammte! Diese ehrgeizige, ruhige, blauäugige Blondine, die Annäherungsversuche so schroff und kalt zurückzuweisen wusste! Andererseits zeigte sie sich oft hilfsbereit, konnte mit uns scherzen und lachen, trat engagiert Mitschülern zur Seite, falls einem seitens des Lehrkörpers mal Unrecht geschah. Dann plötzlich war sie wieder auf rätselhafte Art distanziert, unnahbar. Eine Einzelgängerin, - ja vielleicht, aber eine faszinierende. Auf der feucht-fröhlichen Abifete sah ich sie zum letzten Mal, danach sank sie nach und nach wie all die anderen bei mir ins Reich des Vergessens.. Doch nun tauchte ihr Bild wieder vor mir auf, Erinnerungen kamen zurück. Ich stützte den Kopf auf und hing verklärt alten Träumen aus längst vergangenen Tagen nach. Und meldete mich schließlich an.
Einen Monat später, an einem lauen Sommerabend, fand das Treffen statt. In einem gemütlichen kleinen Biergarten, der für uns reserviert war, versammelten wir uns an einem langen Tisch. Achtzehn waren angemeldet, vier hatten zwischenzeitlich wieder abgesagt, darunter auch Sebastian Broschowski, der sonst nie fehlte, wenn es irgendwo etwas feucht-fröhlich zu feiern galt.
Rechts neben mir saß Andreas, inzwischen Makler von Beruf, dunkler Anzug, Silberkrawatte, Kavalierstüchlein, - der alte Angeber, den Marion einst vor der Klasse ohrfeigte, weil sie seine Nachstellungen nicht länger ertragen wollte. Juliane saß mir gegenüber, sie sei Hausfrau und Mutter, habe vier Kinder. Sie sah verhärmt aus, unfähig, auch nur einmal zu lächeln über die vielen Scherze, die am Tisch gemacht wurden. Die Kopfseite des Tisches war reserviert für Dieter Rossili, unseren agilen Klassenclown, - ein Schock für uns alle, als er im Rollstuhl erschien. Es ginge ihm sonst ganz gut, er schreibe an einem Buch.
Nachdem er das akademische Viertel abgewartet hatte, sprach Frank ein paar Begrüßungsworte. Ich hörte kaum hin, sondern blickte fragend in die Runde; alle schienen da zu sein, - bis auf Marion.
Während ein Kellner die Essens-Bestellungen entgegennahm, wanderten meine Blicke von einem zum anderen. Da drüben saß Oliver, Klassenprimus, heute Zahnarzt. Neben ihm Claudia Teschner, Lehrerin, - frustriert verkündend, inzwischen dreimal geschieden zu sein. Mit ihr war Marion während der Schulzeit lange Zeit enger befreundet. Und da war Ulrich Wiethoff, einst angeblich Ingenieur in einer Eisengießerei und nun – ich wollte es kaum glauben – im kirchlichen Dienst tätig. Daneben die laut und unaufhörlich quasselnde Britta Angermann, Friseurin und wie immer flippig gestylt. Dann war da noch Heinz-Peter, von dem ich gar nichts mehr wusste, und da war Daniel, Architekt, arbeitslos, geschieden, allein erziehender Vater.
Zu meiner Linken saß Annegret Pawlak, immer noch liiert mit Maximilian Strobel – genannt Maxe -, jetzt Buchhändler. Sie trank nur Wasser; man munkelte, sie sei Alkoholikerin, - seit damals, vor neun Jahren, als es das letzte Klassentreffen gab, bei welchem Bruno spurlos verschwand.
Das Essen war so gut wie beendet, die letzten löffelten noch an ihrem Nachtisch, da kam noch jemand zu uns, klopfte zur Begrüßung einige Male vernehmlich auf die Tischplatte und sagte nur: „Sorry, hab’ mich etwas verspätet. Guten Abend allerseits. Trotzdem, - ich bin’s wirklich: Marion.“
Da stand sie am Ende des Tisches, eine auffallend hübsche junge Frau in engen Hosen, hellgrauem Pulli und einem modischen Jeans-Jäckchen darüber; ihr mittellanges blondes Haar schimmerte rötlich in der Abendsonne, aus dem schmalen Gesicht leuchtete genau wie einst jenes betörende Paar himmelblauer Augen, das uns rätselhaft streng, prüfend und beinahe misstrauisch anblickte. Oder kam mir das jetzt nur so vor?
Ohne ein weiteres Wort nahm sie Platz und musterte die Anwesenden. Meinen Wink übersah sie, kramte stattdessen einen Notizblock hervor und legte ihn vor sich auf den Tisch.
Für einen Moment stockten die Unterhaltungen. Alle Augen richteten sich fragend auf Marion, die so tat, als gehöre sie nicht dazu; das kannte man vor ihr, so war sie früher schon. Also setzten wir unsere Unterhaltungen einfach fort.
Als das letzte Geschirr abgeräumt war, fragte Frank ahnungslos in die Runde: „Hat denn irgendwer von euch mal wieder etwas von Bruno gehört?“ – Auch mich interessierte diese Frage brennend, ich wollte sie aber nicht stellen, um die gute Stimmung nicht zu verderben. Achselzuckend senkten einige die Köpfe, andere blickten fragend in die Runde; eine Antwort hatte anscheinend niemand. Betretenes Schweigen.
Frank, der ebenso wie ich am Treffen vor neun Jahren nicht teilgenommen hatte, wollte es nun endlich genauer wissen. „Also”, sagte er, „sieben Leute von uns sind damals mit Ulrich in die stillgelegte Gießerei gegangen, wo’s angeblich Interessantes oder Lehrreiches zu besichtigen gab. Nun ja, Ulrich hatte in dem Laden früher mal gearbeitet. Da konnte er bestimmt so einiges erklären.“
Ulrich gab sich einen Ruck. „Ja. Anschließend fühlte Bruno sich nicht wohl. Er wollte nach Hause. Maxe und Sebastian, der heute leider nicht hier ist, haben ihn zum Bus begleitet.“
Maxe, der Buchhändler, nickte: „Wir haben noch gewartet, bis der Bus abfuhr. Seitdem fehlt von Bruno jede Spur. Alle polizeilichen Untersuchungen blieben wohl ohne Erfolg. Traurig. Aber mehr wissen wir auch nicht. Nach neun Jahren besteht da wohl auch wenig Hoffnung.“
Annegret erhob sich wortlos und verschwand im Restaurant, wohl um einem menschlichen Bedürfnis nachzugehen. Warum machte Maxe so einen langen Hals und schaute ihr misstrauisch hinterher?
Allmählich lebten die belanglosen Unterhaltungen wieder auf, die ersten frivolen Witze wurden erzählt, und der Bierkonsum hob die Stimmung und die Lautstärke. Warum war eigentlich keiner unserer Lehrer erschienen? – Hatte Frank sie nicht eingeladen?
Ehe ich ihn danach fragen konnte, saß Marion plötzlich neben mir und fragte kühl und sachlich: „Na, geht’s dir gut?“ Es klang nach formaler Begrüßungsfloskel, aber ich ignorierte es, - vielleicht wollte ich es überhören. Was ich denn beruflich so mache, wollte sie wissen, und als ich ihr erklärte, dass ich mit Automationstechnik zu tun habe, tat sie sehr interessiert, bis mir klar wurde, dass sie irgendetwas Bestimmtes im Sinn hatte. Sie fragte plötzlich ganz harmlos: „Kommst du auch mal in Eisengießereien?“ Als ich das bejahte, wollte sie wissen: „Was machen die da eigentlich mit dem ganzen Sand?“
Ich war verwundert über diese Frage, erklärte ihr aber, dass mit Sand unter Zusatz von Bentonit und Kohlenstaub die Gussformen für das flüssige Eisen erstellt werden. Anschließend würden die Formen zerschlagen und der Sand in speziellen Sandaufbreitungsanlagen regeneriert.
„Und wie nennt man die riesigen Behälter, in die der alte Sand gefördert wird?“ Sie sah mich gespannt an. Warum interessierte sie das? Hing es mit Brunos Verschwinden zusammen? Und wenn ja, - woher dieses plötzliche Interesse für Bruno? Sie hatte ihn nie leiden mögen. Außerdem hatte sie am Klassentreffen vor neun Jahren ebenfalls nicht teilgenommen.
„Altsandbunker“, erklärte ich. Marion bedankte sich kurz, erhob sich und ging ins Haus. Als sei es ansteckend, beschäftigte mich von nun an nur Brunos Schicksal und diese merkwürdige nächtliche Besichtigung einer stillgelegten Gießerei. Ich saß wohl recht grübelnd vor meinem Bier, dass mich kaum jemand ansprach oder - wenn doch – ganz schnell den Versuch aufgab, mit mir ins Gespräch zu kommen. Im Dunkeln durch eine alte dreckige Gießerei zu stapfen, - das ist doch Wahnsinn! Angeblich hatte Ulrich für jeden eine Taschenlampe und einen Schutzhelm besorgt. Trotzdem, an dem ganzen Unternehmen konnte ich weder Sehenswertes noch Lehrreiches entdecken, allenfalls das zweifelhafte Abenteuer einer Art von Geisterbahn-Grusel.
War’s eine spontane Idee gewesen, vielleicht aus einer Alkohol-Laune heraus? Nein, dagegen sprachen die Vorbereitungen: Zu erkunden, wie man auf die abgeriegelte Industriebrache gelangt, das Besorgen von Helmen und Taschenlampen. „Seid ihr nicht total eingesaut aus der Gießerei zurückgekehrt?“, fragte ich Maxe.
„Nee, da im Betriebsbüro lag noch alte Schutzkleidung herum, die wir ...“ Er stockte; denn Marion stand plötzlich vor ihm.
„Deine Freundin hockt drinnen an der Bar und besäuft sich.“ Ich erschrak, wie unsensibel, wie kalt und sachlich sie das sagte und dass sie es so laut sagte, dass es alle hören konnten. Was wollte sie? Weshalb war sie überhaupt hier? Das ganze Treffen interessierte sie offensichtlich nicht. Wir alle interessierten sie nicht. Sie hatte anscheinend ganz anderes im Sinn. Unverblümt fragte ich sie danach.
„Das wirst du früh genug erfahren.“ Schon wandte sie sich ab. Was war das denn? Es klang wie eine Drohung? Eine Drohung gegen mich?
Ich bestellte mir noch ein Bier, womit zugleich beschlossen war, dass ich mein Auto stehen lassen und mit dem Bus nach Hause fahren würde. Nie wieder zu einem Klassentreffen, schwor ich mir. Laut schluchzend kam Annegret zurück, mühsam gestützt von Maxe, der eine drohende Handbewegung zu Marion machte und etwas wie „Unverschämtheit“ rief. Auch Andreas bemühte sich sogleich um Annegret; sein alter Groll gegen Marion kam wieder hoch.
Ich schaute hilflos in die Runde. Frank versuchte, wieder ein Gespräch in Gang zu bringen. Juliane blickte irritiert von einem zum anderen. Dieter im Rollstuhl hatte einen krebsroten Kopf, auf seiner Stirn glitzerten Schweißperlen. Oliver versuchte, Claudia zum Aufbrechen zu überreden, während Britta bierselig zu faseln begann von Spaß, Spielchen und Sex wie damals. Ulrich wurde ärgerlich; er und Daniel versuchten vergeblich, sie zum Schweigen zu bringen. Was brodelte da im Untergrund?
Marion saß wieder am Ende des Tisches. Der Vollmond spiegelte sich glitzernd in ihren Augen. Eine Katze auf der Lauer ...
Plötzlich erhob sie sich, ging einmal um uns alle herum und warf dabei einige ihrer Visitenkarten auf den Tisch.
„Vor einer Woche wurde mit dem Abriss der Gießereianlagen begonnen”, sagte sie währenddessen. „Dort werden mal Wohnungen gebaut. Beim Zerlegen des Altsandbunkers wurde ein männliches Skelett gefunden, bekleidet mit einem Plastik-Schutzanzug. Daneben lagen die rostigen Reste einer Taschenlampe.“
Ich nahm eine der Visitenkarten und las: Marion Zelenka, Leitende Hauptkommissarin K21, Kriminalpolizei Duisburg. Und während ich überrascht aufsah, fuhr sie mit schneidend scharfer Stimme fort: „Wir sehen uns wieder. Aber eines verspreche ich euch: Wenn ihr mir im Präsidium die gleichen Märchen erzählt, die ihr damals meinen Kollegen aufgetischt habt, dann - gnade - euch - Gott!“ Nun wandte sie sich direkt an mich. „Fährst du mit mir?“
Ich nickte, denn ich wollte hier so schnell wie möglich weg. Also klopfte ich kurz auf die Tischplatte und folgte ihr. Als ich neben ihr im Auto saß, holte sie tief Luft und meinte betrübt: „Ich hab’ so eine Ahnung, dass ich erst am Anfang einer verdammt unangenehmen Aufklärung stehe. Zum Glück hast du damit nichts am Hut.“
„Kannst du den Fall nicht einfach abgeben? - Ich meine, weil du ...“
„Kann ich. Will ich aber nicht“, unterbrach sie mich patzig, und ich dachte nur: typisch Marion. -
Ich weiß, dass irgendwann gegen einige meiner ehemaligen Mitschüler polizeilich ermittelt wurde. Aber ich wollte von diesem unerfreulichen Thema nichts weiter hören; denn nichts verband mich mehr mit diesen Menschen. Schlimmer noch: ich wollte niemanden von denen wieder sehen.
Die einzige Ausnahme blieb Marion. Erst Jahre später erfuhr ich, welch dramatische Folgen diese unerfreuliche Geschichte für sie noch haben sollte.
Doch viel früher schon begann ich, über diese faszinierende Frau zu schreiben.
Luise
Lehrjahre sind keine Herrenjahre, das gilt auch bei der Polizei. Und so ertrug es die junge Kommissar-Anwärterin geduldig, mit dem dickleibigen Polizeihauptwachtmeister Bullrath im Streifenwagen „Düssel 14“ unterwegs zu sein, von ihm etwas lernen zu sollen und dabei ständig von seinem widerlichen Mundgeruch eingehüllt zu werden. Sie mochte diesen Menschen nicht, und er mochte das junge Ding an seiner Seite nicht. Hielt diese Marion Zelenka sich für etwas Besseres? – Musste sie ihn bei jeder passenden Gelegenheit korrigieren, seinen Fremdwörtergebrauch ständig verbessern, ihn auf Rechtschreibfehler in seinen Protokollen hinweisen? – Aber es war nicht nur das allein; er mochte überhaupt keine „Weiber“ im aktiven Polizeidienst.
Er war nicht der einzige Kollege, der sich von ihr genervt fühlte. Aber ihr häufiges Besserwissen, ihr ungefragtes Einmischen in Gespräche, ihre forsch geäußerten Zweifel und ihr Hang zu Eigenmächtigkeiten beruhten weder auf Arroganz noch auf übertriebenes Geltungsbedürfnis. Sie waren vielmehr Ausdruck einer Unzufriedenheit darüber, in ihrem derzeitigen Job unterfordert zu sein. Wie viele Aktionen hätte sie von vornherein anders angepackt! Unkonventioneller, zielstrebiger, härter, statt immer nur von der Sorge getrieben, sich den Rücken frei zu halten.
Es war schon später Nachmittag, da meldete die Zentrale, im Kaufhaus Schlütter werde eine weibliche Person festgehalten, die telefonisch um Hilfe nachgesucht habe. „Düssel 14 übernimmt”, durfte Marion zurückmelden, und PHW Bullrath lenkte den Wagen vor das genannte Geschäftshaus. Beim Aussteigen bemerkte er brummig: „Ich führe hier den Einsatz, klar?“
„Okay, okay”, antwortete die junge Polizistin hastig und ärgerlich und hätte am liebsten „du Arschloch“ hinzugefügt. Sie war eine auffallend hübsche, schlanke Erscheinung, die – trüge sie keine Uniform – so mancher eher auf dem Laufsteg als bei der Polizei vermutet hätte. Ihr mittellanges blondes Haar schimmerte ein wenig rötlich, aus dem schmalen Gesicht leuchtete ein Paar himmelblauer Augen, die je nach Mimik ausdrucksvoll mild und wohlwollend dreinschauten oder aber – wie jetzt – abweisend, kalt und misstrauisch ihr Gegenüber musterten. Ihr Wesen strahlte Ruhe und Besonnenheit aus, - dennoch, manche nannten sie spröde, weil sie mit weiblichem Charme im Alltag arg zu geizen pflegte; in ihren Augen aber blitzte und funkelte es, als seien sie die Bühne all ihrer Emotionen. Sie rede mehr mit den Augen als mit dem Mund, hatte ihr Freund Henning einmal treffend bemerkt.
Eine Verkäuferin schien die beiden zu erwarten und führte sie sogleich eine Treppe hinauf in einen Büroraum. Hinterm Schreibtisch erhob sich ein untersetzter glatzköpfiger Herr mit kugelrundem Kopf und listigen Schweinsäuglein; er stellte sich vor als Berthold Krappe; er sei hier der Filialleiter. Der hagere, etwas ungepflegt wirkende Mann neben ihm sei Herr Jonas, der Hausdetektiv. Und dort in der Ecke auf dem Stuhl, das sei die Diebin, die man am Ausgang erwischte, als sie mit gestohlener Ware das Haus verlassen wollte und dabei den elektronischen Alarm auslöste.
„Die Frau weigert sich, uns ihre Tasche und diese Papiertüte da kontrollieren zu lassen. – Sie war es übrigens, die mit ihrem Handy die Polizei anforderte, - nicht wir“, bemerkte Herr Krappe. „Wir treiben wegen eines einfachen Ladendiebstahls normalerweise nicht solchen Aufwand.“
Wütend sprang die vermeintliche Diebin auf, beteuerte lautstark ihre Unschuld; sie wolle eine Anzeige machen gegen „diesen Schlampladen“ wegen Freiheitsberaubung; denn man hielte sie hier seit über einer Stunde grundlos gefangen.
BHW Bullrath kramte seinen Block hervor und begann die Personalien aller Beteiligten aufzunehmen. Währenddessen wanderten Marions Blicke von einem zum anderen; sie betrachtete auch interessiert die geschmacklosen Einrichtungsgegenstände und den Barockrahmen-Kitsch an den Wänden. Dann musterte sie die Diebin, deren Name Luise Feldmann war: dunkles, leicht gelocktes Haar, gebräuntes Gesicht, gut gekleidet, hübsche Figur und diese Stiefelchen, - super, am liebsten hätte sie gleich gefragt, wo es die zu kaufen gibt. Ein leises Gefühl von Sympathie beschlich sie für diese junge Frau, während Bullrath Luises Papierbeutel nahm und den Inhalt auf dem Schreibtisch ausbreitete.
„Aha. Schauen wir mal ... Also: dieses Parfüm, dieses After-shave, diese Body-Lotion, - ja das sind die Waren, sie stehen nicht auf dem Kassenbon“, konstatierte der Hausdetektiv. „Und das, meine Dame, ist einwandfrei Ladendiebstahl. Und solchen bringen wir zur Anzeige.“
Luises Bräune bekam einen gräulichen Schimmer. „Wie kommt das Zeug in diesen Beutel?“, fragte sie fassungslos und entsetzt. „Diese Marken benutzen weder ich noch mein Mann! – Außerdem habe ich es - weiß Gott - nicht nötig, irgendetwas zu klauen! Und solchen Schrott schon gar nicht!“
„Das sagen alle”, meinte der Detektiv grinsend. Bullrath nickte zustimmend und klappte seinen Schreibblock zu. Der Fall war ja wohl klar. Hilfesuchend blickte Luise zu der jungen Polizistin, die bisher kein Wort gesagt hatte. Auch Marion erschien die Sachlage eindeutig; ihr war nur deshalb nicht recht wohl zumute, weil ihr unter den Anwesenden in diesem Raum drei Leute höchst unsympathisch waren, während ausgerechnet die vermeintliche Diebin Luise so etwas wie positives Interesse in ihr weckte. Wie eine Ladendiebin sieht die nicht aus, dachte sie, - aber wem sieht man so etwas schon an? – Auch ihr Verhalten wirkt echt und ehrlich, - aber vielleicht ist sie ja nur eine gute Schauspielerin ... Schließlich gab sich Marion einen Ruck und trat an den Schreibtisch.
„Ach – kommen Sie doch mal mit”, forderte sie Luise auf, „nehmen Sie Ihre Tüte und packen Sie alles, was unstrittig Ihnen gehört, dort wieder hinein.“
Während die Beschuldigte dem fragenden Blickes Folge leistete, knurrte PHW Bullrath sichtlich genervt: „Frau Zelenka, ich bitte Sie! -Was soll das denn jetzt noch?“
„Bleiben Sie hier und schreiben Sie schon mal in aller Ruhe das Protokoll”, erwiderte Marion schnippisch. „Wir sind gleich zurück.“ Und damit schob sie Luise samt Einkaufstüte zur Tür hinaus, die Treppe hinunter in den Verkaufsraum und dann nach draußen auf die Straße. Dort ließ sie sich erklären, was in der Tüte drin war, bevor sie das Kaufhaus Schlütter betrat.
„Diese zusammengerollte Tischdecke, die ich vorher bei Landwehr gekauft - und übrigens auch bezahlt habe!“, sagte Luise ärgerlich und ratlos zugleich. Sie sollte sich noch weitaus mehr wundern über die junge Polizistin; denn nun musste sie erklären, von welcher Straßenseite aus sie gekommen war, um dann – Schritt für Schritt – genau den Weg durch das Kaufhaus zu gehen, den sie zuvor genommen hatte. Ob sie wirklich so schnell gegangen sei, wollte Marion plötzlich wissen. Nein? – Also bitte das Ganze von vorn! – Ob sie ihre Tüte wirklich am linken Arm hielt? – Nein? – Also bitte nochmals von vorn mit der Tüte am rechten Arm. – An einer Stelle stockte Luise kurz.
„Was war hier?“ – Ach nichts weiter, meinte Luise, aber Marion blieb unerbittlich. Was wichtig und was unwichtig sei, würde allein sie bestimmen. „Also bitte ...“
„Ach ja”, stöhnte Luise, „hier hat mich dieser Klaus plötzlich mal wieder angequasselt. Der Macho belästigt mich seit einiger Zeit in schöner Regelmäßigkeit. Er will nicht kapieren, dass ich glücklich verheiratet bin und absolut nichts mit ihm zu tun haben will.“
Marion ließ sich mehr von dem aufdringlichen Klaus berichten und erfuhr weiter, dass Luise ihm hier im Laden eine eindeutige und überaus krasse Abfuhr erteilt hatte. Dann habe sie ihn stehen lassen und sei einfach weiter gegangen.
„Ist er Ihnen gefolgt?“, fragte Marion, und als Luise den Kopf schüttelte, wollte sie wissen, in welche Richtung denn Klaus gegangen sei. Das wusste Luise nicht, denn sie hatte sich nicht mehr nach ihm umgedreht. Und messerscharf schloss Marion: „Also wissen Sie gar nicht, ob er Ihnen nicht doch gefolgt ist.“
Sie gingen weiter. „Da drüben vor der Flimmerkiste habe ich eine Weile gestanden und zugeschaut”, sagte Luise. „Da wurde ein Film mit Make-up-Tipps gezeigt.“ – Marion bestand darauf, dass Luise sich an gleicher Stelle in gleicher Positur vor den Monitor stellte und ließ sich dann im Einzelnen die Schminktipps aus der Erinnerung erzählen. Währenddessen stellte sie fest, dass alle drei der angeblich geklauten Produkte in einem Regal in unmittelbarer Nähe zu finden waren. Das Regal stand jedoch, so lange sie in den Monitor schaute, außerhalb von Luises Sichtwinkel, die Papiertüte über ihrem Arm war hingegen diesem Regal direkt zugewandt.
„Von hier bin ich dann nach drüben zu den Putzmitteln gegangen”, erklärte Luise schließlich und machte sich dorthin auf den Weg. Sie habe nur ein Anti-Mücken-Spray gekauft und sei damit direkt zur Kasse gegangen. Auch diesen Weg musste sie exakt wiederholen, als sie plötzlich wie angewurzelt stehen blieb. „Da hinten, der Mann mit der braunen Cord-Jacke, das ist der Klaus. Klaus Vollmer! Was will der denn jetzt noch hier?“
„Das möchte ich auch gern wissen.“ Ein Lächeln huschte über Marions Gesicht, als sie quer durch den Laden zu dem Mann namens Klaus eilte. „Polizei. Bitte ihren Ausweis.“
Verwundert kam der Mann nach erneuter Aufforderung dem nach.
„Herr Vollmer, Sie stehen im Verdacht, einen Ladendiebstahl vorgetäuscht zu haben. Wir müssen das aufklären. Kommen Sie bitte mit.“
Als Klaus Vollmer die von ihm heiß begehrte Luise entdeckte, wurde ihm sichtlich unbehaglich zumute. Er murmelte etwas daher, was in unverständlichem Gestotter endete.
Beschwichtigend und geradezu gutmütig bluffte Marion: „Na ja, das sollte ja wohl nur ein Scherz sein, nicht wahr? – Sie haben der Frau Feldmann damit wirklich einen ganz schönen Schrecken eingejagt.“
Er druckste noch ein wenig herum. Erst als ihm Marion die wenig attraktive Alternative einer Strafverfolgung aufzeichnete, gab er kleinlaut zu, heimlich ein paar Waren in Luise Tüte bugsiert zu haben, während sie interessiert der Darbietung auf dem Monitor folgte. Natürlich sollte all das nur ein Scherz sein. Schließlich sei er ja deshalb die ganze Zeit über im Laden geblieben, um die Sache selbstverständlich zur rechten Zeit aufzuklären.
Luise fiel ein Stein vom Herzen, auch wenn sie keineswegs an einen makabren Scherz zu glauben vermochte. Nein, diesen Klaus kannte sie als hinterlistigen, verschlagenen Menschen. Aber sie wollte aus Dankbarkeit der netten, hilfsbereiten Polizistin nicht ins Wort fallen. Und so ließ sie den Mann vor dem zornesroten PHW Bullrath seine scheinheilige Aussage machen, - egal, Hauptsache dieser Alptraum würde bald vorbei sein.
Das Schlusswort sprach allerdings die junge Kommissar-Anwärterin, als sie das Wort an Klaus richtete: „Gegen Sie ergeht Anzeige wegen Ladendiebstahls, Vortäuschung einer Straftat und so weiter ... Der Staatsanwalt wird sich schon das Passende heraussuchen. Denn ich glaube Ihnen kein Wort. Sie sind so lange Zeit in den Geschäftsräumen geblieben, um sich daran zu ergötzen, wie Frau Feldmann in Schwierigkeiten gerät, - als Revanche, weil sie kurz zuvor bei ihr abgeblitzt sind. Doch das wird ein Nachspiel haben, dafür werde ich sorgen!“
„Aber Sie haben doch selbst eben gesagt ...“
„Dreist und naiv zugleich, keine gute Paarung. Tja, wer selber schon vor Arglist klebt, braucht anderen nicht erst auf den Leim zu gehen. Ihr Pech! Ich würde Sie gern wieder sehen, - vor Gericht.“
Kaum hatte sich Luise wieder gefangen, da bestand sie darauf, Marions Adresse zu bekommen, um sich in irgendeiner Weise zu bedanken. Sie beharrte darauf, die junge Polizistin habe nicht einfach nur ihre Pflicht getan, sondern weitaus mehr. Und wenn Luise sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann wurde jeder Widerstand irgendwann zwecklos.
Tage später trafen sich die beiden Frauen in einem Cafe zu einem kleinen Plausch; irgendwann erblickte man sie gemeinsam beim Einkaufsbummel die Straße entlang schlendern – man sah sie immer häufiger zusammen.
Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft?
Karriere
Sechs Jahre später.
„Sie sind mit Ihrem derzeitigen Arbeitsbereich nicht recht zufrieden, nicht wahr?“ Der das fragte, war nicht irgendwer, sondern der Polizeipräsident von Düsseldorf, der sich hier in einer wichtigen Personalentscheidung persönlich engagierte. Er blätterte in der Personalakte, während er mit forscher Stimme sagte: „Frau Zelenka, Sie haben bei uns von der Pike auf angefangen, haben jede Art von Weiterbildung wahrgenommen. Ihre Beurteilungen sind ausnahmslos hervorragend. Ob im Dezernat Diebstahl, Rauschgift, Wirtschaftsdelikte – überall haben Sie erfolgreich Ihren Mann – pardon – Ihre Frau gestanden. Auch Ihr derzeitiger Vorgesetzter, Kommissar Kellermann, lobt Sie in höchsten Tönen. Und er ist der Meinung, Sie strebten zu Recht einen verantwortungsvolleren Posten an. Aber da stellt sich bei uns hier ein Problem. Doch glauben Sie mir: Wir verlieren Sie wirklich sehr ungern.“
Marion wurde es mulmig zumute. Was sollte das denn werden? Eine Art von Rausschmiss? – Das ging doch gar nicht; schließlich war sie beamtet und hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen.
„Die Situation ist folgende”, klärte sie der Präsident auf, „die Aufstiegschancen bei uns sind in den nächsten Jahren für Sie gleich null. Mein Duisburger Kollege hat allerdings ein gravierendes Problem und hat mich um Hilfestellung gebeten. Er braucht dringend für ein bis zwei Jahre Unterstützung im Bereich K21, - Dezernat für Kapitalverbrechen. Der leitende Hauptkommissar geht in 4 Monaten in den Ruhestand. Ein weiterer Kollege ist schwer erkrankt; er kommt wahrscheinlich nicht wieder an seinen Arbeitsplatz zurück, darf aber vorläufig nicht so ohne weiteres ersetzt werden, denn – Sie wissen ja – das Land hat kein Geld.“
„Also ein lupenreiner Aushilfsposten“, warf Marion kritisch ein.
Der Polizeipräsident nickte, aber mit einem verschmitzten Lächeln. „Darauf gebe ich Ihnen zwei Antworten, eine offizielle und eine unverbindliche ganz private. Zunächst die Offizielle: Ja, das ist eine Aushilfsleistung! – Nun meine Private: Es liegt an Ihnen, sich in Duisburg zu bewähren, und dann, - dann entwickelt sich vielleicht alles ganz anders. Denn wie ich die Personalsituation beurteile, gibt es für Sie dort Chancen, die Sie hier nicht finden.“ Er hielt dabei ihre Personalakte kurz hoch. „Sehen Sie es bitte als Chance. Ich bin sicher, es ist eine. Da vertraue ich voll auf Ihre Fähigkeiten.“ –
Marion lebte zu dieser Zeit mit Henning Wanders zusammen. Beide hatten eine gemeinsame Tochter, die fünfjährige Svenja. Für die nächste Zeit planten sie zu heiraten und eine wunderschöne Urlaubsreise durch Kanada zu machen. Doch Henning war seit vielen Monaten arbeitslos, verlor immer mehr an Mut und Lebensfreude, so dass Marion schon fürchtete, er könne depressiv werden. Nächtelang konnte sie nicht schlafen; grübelte darüber nach, ob sie dieser Versetzung trotz aller Zukunftschancen unter diesen Umständen folgen sollte.
Henning verhielt sich dazu völlig passiv, und zum ersten Mal beschlichen Marion in diesen Tagen Zweifel, dass er wirklich für sie der Mann fürs Leben sei. Irgendwie spürte sie, dass sich ihr Leben sehr verändern könnte, wenn sie dem Ruf nach Duisburg folgen würde. Ihren besten Freunden, Peter und Luise, schüttete sie daher Rat suchend ihr Herz aus. Am Ende eines langen Gespräches meinte Luise: „Ich denke, du solltest das Angebot annehmen, aber letztlich musst du das entscheiden. Du sollst nur eines wissen: wenn sich daraus für dich irgendwelche privaten Probleme ergeben, - wir sind jederzeit für dich da.“ -
Schon wenige Tage später trat sie ihren Dienst in Duisburg an, wo man einerseits recht gespannt auf „die Neue“ war, andererseits aber der Tatsache, dass zum ersten Mal eine Frau zum K21 stieß, sehr reserviert gegenüber stand. Die Herren verbanden damit eher Hoffnungen auf besseren Kaffee und auf ein paar Blumen auf der Fensterbank als auf eine tatkräftige Unterstützung bei ihrer schwierigen Arbeit. Der leitende Hauptkommissar Schmölder hatte sich bisher erfolgreich gewehrt, eine Frau in seine Truppe aufzunehmen. Jetzt, wenige Monate vor seiner Pensionierung, war ihm das egal.
Er grinste übers ganze Gesicht, als Marion ihm gegenüber stand. Das durfte doch nicht wahr sein! Eine schlanke, hübsche Blondine mit leuchtend himmelblauen Augen, wahrscheinlich nicht mal dreißig Jahre alt, enge Hosen, knappes Jeans-Hemd – Mensch, war die soeben einem Modeladen auf der Königs-Straße entlaufen?! Ehe er „die Neue“ seinen Mitarbeitern vorstellte, bemerkte er noch abschätzig: „Hier ist übrigens keine Boutique sondern das Kommissariat für Tötungsdelikte der Sektion Kapitalverbrechen, - auf Deutsch: die Mordkommission.“
„Wäre ich nie drauf gekommen, schrecklich. Wie halten Sie das nur aus“, erwiderte Marion kühl. Sie dachte an Kellermann, ihren alten Chef, und sie wusste gleich, mit dem neuen Chef wäre ihr keine gute Zusammenarbeit möglich; aber – der stand ja kurz vor dem Ausscheiden. Als seinen designierten Nachfolger stellte er einen ungefähr vierzigjährigen Kollegen namens Gerd Petzold vor, der auf sie einen recht positiven Eindruck machte. Der Rest der Truppe musterte weniger die neue Kollegin als die attraktive Frau, hielt sich aber mit anzüglichen Bemerkungen zurück, - so schwer es dem einen oder anderen auch fiel.
„Schließen Sie den Fall mal ab.“ So lautete die erste Aufgabe für Marion. Schmölder überreichte ihr dazu die Akte über einen Tankstellenüberfall in Rheinhausen, bei dem die Frau des Pächters in der Nacht erschlagen worden war. Die aktiven Recherchen galten als abgeschlossen. Marion sollte nur noch die Koordination mit den Ergebnissen anderer Bundesländer vornehmen. Gab es woanders Vergleichbares? - Sie begann sofort, die Akte von Seite 1 an zu studieren, als in diesem Augenblick der Dezernatleiter, Kriminalrat Dr. Sowetzko, das Großraumbüro betrat. Schmölder hatte ihn nicht bemerkt; er sagte ärgerlich: „Sie müssen das nicht alles erst studieren, - die letzten fünf Seiten sagen alles Wesentliche dazu aus.“
Marion sah ihn an und antwortete sehr bestimmt aber ruhig mit der angenehmen Stimme einer Nachrichtenmoderatorin: „Wenn ich mich dem Fall widme, lese ich die ganze Akte, vom ersten bis zum letzten Buchstaben, – selbst wenn ich dafür Überstunden machen müsste.“
„Vergessen Sie nicht, dass ich als Ihr Vorgesetzter bestimme, was Sie zu tun haben, junge Frau!“
„Sie können mir Aufgaben geben, aber ich lasse mir nicht vorschreiben, wie ich sie zu erledigen habe, Herr Vorgesetzter.“
„Ach, machen Sie, was Sie wollen.“ Schmölder wandte sich um. „O, Herr Kriminalrat – guten Morgen! Wie geht’s zu Hause? Schönes Wochenende gehabt?“
‚Schleimscheißer’, fuhr es Marion durch den Kopf.
Schon bei der ersten Durchsicht fielen ihr Ungereimtheiten auf. Das gestohlene Fluchtauto wurde in einem Waldstück schon gesichtet, als der Überfall noch gar nicht stattgefunden hatte. Im Fluchtauto lag ein Zehn-Euroschein, zusammen mit einem alten Quittungsbeleg der betreffenden Tankstelle. Da wollte jemand nachdrücklich darauf verweisen, dass dieses Auto zu diesem Überfall gehört, obwohl das zeitlich gar nicht sein kann, dachte Marion voller Misstrauen und rollte daraufhin eigenmächtig die Ermittlungen neu auf.
Drei Tage später hatte Marion den Tankstellenpächter zu einer Vernehmung vorgeladen. Petzold saß als Vernehmungszeuge etwas ratlos dabei und wunderte sich über das gewaltige Repertoire an Fangfragen, das Marion zur Verfügung hatte. Ganz genau wollte sie bestimmte Schritte und Zeiten wissen. Der Betroffene verhedderte sich bald in Widersprüche.
Nach Stunden harten Verhörs fuhr Marion ihn an: „Sie haben sich Ihrer Frau entledigen wollen. Sie – Sie selbst haben sie erschlagen und den Raubmord nur vorgetäuscht. Das Fluchtauto im Wald, - zufällig gleicher Wagentyp und gleiche Farbe wie Ihr Wagen, - das sollte uns nur in die Irre führen. Geben Sie’s zu! Ich beweise es Ihnen sowieso ... –Tathergang, Fluchtauto, Ihr Alibi – nichts passt zu einer Raubmord-Theorie ...“
Der Beschuldigte bestritt heftig alle Schuld, doch gnadenlos begann Marion die Befragung aufs Neue, jeden Widerspruch bis ins letzte Detail penetrant hinterfragend. Eine weitere Stunde später gestand der Mann; völlig zermürbt erzählte er den wahren Tathergang. Petzold unterdrückte mühsam ein Gefühl von Hochachtung für seine neue Kollegin.
Schmölder plagten am anderen Tag ganz andere Gefühle; er sah sich blamiert. Marions Alleingang nahm er zum Anlass, eine offizielle Beschwerde an den Dezernatleiter zu richten. Gelassen sah sie diesem Verfahren entgegen.
Weniger gelassen betrachtete sie dagegen ihre private Situation. Ihr Lebenspartner Henning verfiel mehr und mehr in Lethargie, wollte von Marions Karriere nichts hören und stemmte sich gegen Umzugspläne nach Duisburg, geschweige denn war er bereit, trotz seiner vielen Freizeit sich um eine geeignete Wohnung zu bemühen. Marions Freunde, Peter und Luise, bekamen das aufziehende Gewitter mit und boten an, Svenja mit in Urlaub zu nehmen, - ins angemietete Ferienhaus in Dänemark, wo genügend Platz für alle sei. Svenja war sofort Feuer und Flamme, und damit waren wenigstens ihre Ferien gesichert.
Tage später, als Kriminalrat Sowetzko wieder mal in dem Großraumbüro des K21 vorbeisah – was er nun verdächtig oft tat -, sprach ihn Schmölder lautstark auf seine bislang unbeantwortete Beschwerde an.
Nun packte Marion doch der Zorn. Vor versammelter Mannschaft warf sie ruhig, dennoch mit aller Schärfe ein: „Herr Schmölder, eine so lasche bürokratische Arbeitsweise wie hier bin ich nicht gewohnt! Sie waren mit dem Tankstellenfall betraut und haben ihn nicht gelöst. Stattdessen haben Sie mir die Akte in die Hand gedrückt, um sie letztlich als unerledigt zu archivieren.“
„Was Sie nicht getan haben, entgegen meiner Anweisung?!“
„Weil ich mir ein eigenes Bild machen wollte. Und wenn das hier im K21 verboten ist und man lieber auf unerledigten Fällen sitzen bleibt, dann bekennen Sie sich dazu und wiederholen Ihre Beschwerde!“
Atemlose Stille. Marion sah Dr. Sowetzko provozierend an, - wie eine Aufforderung zu einer Stellungnahme; er aber stand mit finsterer Miene da und schwieg. Schmölder lief krebsrot an, blickte in die Runde und meinte kleinlaut: „Ich verzichte, aber Sie werden hier nicht länger meine Autorität untergraben!“
Am Tag darauf meldete er sich krank, und da platzte dem Kriminalrat der Kragen. Er nahm sich vor, Gerd Petzold in aller Kürze vorzeitig zum neuen Leiter dieses Kommissariats zu ernennen.
Am anderen Morgen war Petzold frühzeitig unterwegs zu einem Einsatz. Bis auf Marion war das Büro leer, als Dr. Sowetzko eintrat. Er blieb im Türrahmen stehen und verfolgte interessiert ein Telefonat, das sie gerade führte. Offensichtlich sprach sie mit einem Vertreter der Lokalpresse, der sich zu beschweren schien, dass man ihn nicht über den neuesten Stand in der Tankstellenmord-Affaire unterrichtet hatte.
Der Anrufer schien einen sehr langen Atem zu haben; denn schließlich bemerkte Marion ärgerlich: „Hören Sie, Herr Junkers, was wir Ihnen sagten, entspricht der Wahrheit. Und merken Sie sich: Alles, was ich Ihnen sage, muss wahr sein, - aber ich muss Ihnen längst nicht alles sagen, was wahr ist! Richten Sie bitte darauf künftig Ihre Fragestellungen ab, - oder beschweren Sie sich beim Polizeipräsidenten. Ich glaube, damit ist alles gesagt. Herr Junkers, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“
Unbemerkt schloss der Kriminalrat die Tür. In den nächsten Tagen sah man ihn auffallend oft hier im K21, wenn er nicht gerade in Personalakten stöberte. Man merkte ihm an, dass er angestrengt nachgrübelte, - dass ihm eine schwierige Entscheidung bevorstand. Sollte es nach Schmölders Ausscheiden unter einer neuen Führung im alten Trott weitergehen?
Seit Jahren passte ihm die zwar preußisch korrekte, aber schematische und fantasielose Arbeit im Kommissariat nicht. Bot dieser Zeitpunkt die Gelegenheit, hier etwas grundsätzlich zu ändern? Wäre aber dazu Schmölders langjähriger Adlatus der Richtige?
Für 15:00 Uhr am Freitagnachmittag bestellte er Gerd Petzold und Marion Zelenka gemeinsam zu sich. Ohne weitere Umschweife eröffnete er den beiden, dass er sich nach reiflicher Überlegung entschlossen habe, Marion Zelenka mit sofortiger Wirkung als Hauptkommissarin zur Leiterin der Sektion Kapitalverbrechen K21 zu ernennen, sofern sie sich das zutraue und zustimme. Petzold schluckte; er war maßlos enttäuscht. Aber Kriminalrat Dr. Sowetzko duldete keinerlei Diskussion über seine Entscheidung. Er erwarte vielmehr von ihm kollegiale Zusammenarbeit mit Frau Zelenka und dass er sie in Abwesenheit verantwortungsvoll vertrete.
Marion traf die Ernennung wie ein Blitz. Zwar hatte sie ein solches Ziel im Eifer ihres Studiums und ihrer zahlreichen Fortbildungsseminare insgeheim erstrebt, aber mit der Erreichung vielleicht in zehn Jahren gerechnet. Doch es entsprach ihrem Selbstbewusstsein, nach ein paar Schrecksekunden mit klarer Stimme zu antworten: „Danke für das Vertrauen. Und ich werde das schaffen - ganz gewiss.“
Allgemeines Händeschütteln auf gute Zusammenarbeit und Erfolg, dann war die Besprechung beendet. Petzold verließ als erster den Raum, Marion wurde von Dr. Sowetzko noch kurz zurückgerufen. „Ach, Frau Zelenka – noch etwas: Bleiben Sie kollegial, und erwarten Sie bloß nicht, dass irgendwer Ihnen ab morgen den Kaffee kocht! Seien Sie klar, gerade, unnachgiebig und eindeutig in Ihren Aussagen – so wie neulich bei dem Junkers, diesem Lokal-Pressefritzen. – Behalten Sie einen klaren Kopf, was auch geschieht. Und denken Sie – wie ich das bei Ihnen bisher beobachten konnte – immer ein paar Schritte voraus. Wenn Sie das beherzigen, wird’s schon klappen, und Sie werden in mir stets einen Rückhalt haben.“
Marion nickte zustimmend. Der Kriminalrat wäre nicht er selber, wenn er nicht auch gleich die erste Rüge für die neue Kommissariatsleiterin parat gehabt hätte: „Ach, Moment noch, solche Gespräche wie mit dem Junkers von der Presse führen Sie bitte künftig nur unter Zeugen! Gerade dieser Junkers ist ein ziemlich schräger Vogel! Sonst könnten Sie sich eines Tages böse wundern, was Sie alles gesagt haben sollen und bringen sich selbst und uns hier in verdammte Schwierigkeiten. Ist das klar?“ –
Eine Woche später gab Marion ihren Einstand im Kreis ihrer neuen Kollegen, deren Chefin sie urplötzlich war. Man feierte bei einem kalten Büffet und alkoholfreien Getränken im Büro bis weit nach Mitternacht. Petzold hatte seine Enttäuschung zwar noch nicht ganz verwunden, es wurde dennoch ein harmonisches Beisammensein. Als Marion nach Hause fuhr, stieg ein Glücksgefühl in ihr auf. Sie hatte es offenbar geschafft, von ihren Mitarbeitern akzeptiert zu werden, die ihrerseits erleichtert waren, nach dem herrischen und zudem oft linken Schmölder künftig eine – wie es schien – kompetente, offene und geradeaus denkende Chefin zu bekommen, mit der man über alles reden und zu der man Vertrauen haben konnte. „Wegen einer eigenen Meinung bekommt bei mir niemand einen Negativ-Vermerk in der Personalakte.“ Bei diesen ihren Worten war ein Seufzer der Erleichterung zu hören, und Dr. Sowetzko fühlte sich zum ersten Mal in seiner Entscheidung bestätigt.
Zu Hause angekommen, wirkte ihre Wohnung irgendwie verändert. Auf dem Wohnzimmertisch lagen Schlüssel, daneben eine Postkarte aus Dänemark; Peter und Luise ließen herzlich grüßen. Es ginge ihnen und der „kleinen Süßen“ prächtig. Darunter stand in kindlich ungelenken Großbuchstaben: S-V-E-N-J-A.
Henning war nicht da. Er hatte tagsüber seine persönliche Habe abholen lassen, um Marion für immer zu verlassen. Auf und davon. Wortlos. Die erfolgreiche Hauptkommissarin sank in einen Sessel, unfähig traurig oder wütend zu sein; denn es war das geschehen, was unterschwellig in ihrem Innern schon lange gärte, was sie verdrängt hatte, worüber sie jedes Nachdenken immer wieder verschoben hatte, da der Kopf voll war mit anderen Dingen. Eine Beziehung, die ohne eine Träne auseinander ging, - ein Schiff, das schon lange den Hafen verlassen hatte und jetzt lediglich am Horizont verschwunden war.
Immer wieder betrachtete Marion die Urlaubskarte, die gekritzelten Buchstaben S-V-E-N-J-A. Wie würde sie ihrer Tochter klar machen, dass der Vater aus ihrem Leben verschwunden war? –
Ein zartes Morgenrot erweckte sie aus ihrer Grübelei. Ein neuer Tag, - ein neues Leben.
Adel verpflichtet?
Die Lokalpresse kannte seit Tagen nur ein Thema: Den Spuk in der Villa des Grafen Hohenburghof. Da wanderten nachts geheimnisvolle Nebel durchs Haus, begleitet von unsäglich klagenden Stimmen, die Worte von Tod und Vernichtung zelebrierten. Nach etwa fünf Minuten endete der ganze Zauber mit einem langen markerschütternden Schrei, der immer lauter wurde und mit einem dumpfen Aufschlag endete, als sei jemand im Flur von der obersten Etage übers Geländer zu Tode gestürzt. Und das alles wiederholte sich manchmal bis zu fünfmal in der Nacht.
So jedenfalls hatte die völlig entnervte Gräfin Hohenburghof den Fall der Polizei geschildert, von der sie sich aber völlig unverstanden fühlte, weil die Beamten sie nach Aufnahme eines Protokolls an eine Psychologische Praxis verwiesen.
Menschen in Not, deren Sorgen die Obrigkeit ignoriert, finden zum Glück oft Trost und Gehör bei der Presse. Und so machten sich zwei Lokalreporter auf, der Gräfin beim Schlaf zuzusehen und den Spuk selber mit zu erleben. In der ersten Nacht passierte nichts, doch in der zweiten, als diese heulenden Nebelgestalten auf die beiden Presseleute zukamen, innerlich anfingen zu glitzern, riesige schreckliche Fratzen zeigten und mit klobigen Händen und langen knochigen Fingern sie zu greifen drohten, da suchten die beiden Helden das Weite und machten sich flugs daran, schaurige Erlebnisberichte zu schreiben, wobei Armin Junkers eine ganz besonders farbige Reportage gelang.
Mit diesen Presseberichten in der Hand machte sich am nächsten Tag der Graf persönlich auf, um behördlichen Schutz für seine Gattin anzufordern. Kirche, Stadtrat, Bauamt, Polizeibehörde – überall wo alte Freunde, Verwandte oder Abhängige der gräflichen Familie saßen, wurde er vorstellig, bis ihm schlussendlich zwei Polizeibeamte zur Klärung des Falles zugesagt wurden.
Nun genossen die beiden Reporter in der Stadt ein recht hohes Ansehen wegen der Objektivität ihrer Berichte. Natürlich äußerten die meisten Leser im Brustton der Überzeugung, nicht an Spuk zu glauben, - aber wer weiß, vielleicht könnte ja doch etwas dran sein. Bekanntlich gibt’s ja zwischen Himmel und Erde mehr Dinge, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt. Und angesichts solcher Zweifel ließen sich auf die Schnelle keine uniformierten Beamten finden, die zu diesem Geister-Einsatz bereit waren. Alle Angesprochenen erfanden wohlklingende Ausreden.
Von mehreren Stellen bekniet, schaltete sich auch Kriminalrat Dr. Sowetzko ein. Vielleicht würden die harten Kerle der Mordkommission genügend Mumm mitbringen, die Frau Gräfin nächtens zu bewachen und eine Erklärung für den Spuk zu finden. Mit diesem Anliegen betrat er das K21, allerdings in einem höchst unpassenden Augenblick.
Denn Marion, die zuvor erfahren hatte, welche Probleme es gab, zwei Uniformierte zur Geistervertreibung abzustellen, hatte gerade bei ihren Jungs eine Mordsgaudi und ein Hohngelächter ausgelöst, als sie spöttisch bemerkte: „Am Ende werden die uns noch fragen. - K21, der neue Fachbereich für Geister, Schwachsinn und Gruselfälle ...“
Dr. Sowetzko winkte daraufhin nur freundlich in den Raum und schloss rasch wieder die Tür. Er verspürte keine Lust, sich von seiner Hauptkommissarin sagen zu lassen, dass niemand in ihrem Bereich Lust oder Zeit zu solchem Geister-Theater habe. Und er hätte ihr das nicht einmal verübeln können. Prompt musste er am anderen Morgen in der Lokalpresse von dem Skandal lesen, dass die Polizei bedrohter Gräfin jeglichen Schutz verweigere. Er nahm es gelassen zur Kenntnis. Aber dieser Gleichmut war nur von kurzer Dauer; denn wenig später erhielt er eine erschreckende Meldung ...
Im K21 zog man gerade deftige Witze über die neusten Pressemeldungen zum Geister-Thema, als Dr. Sowetzko aufgeregt hereinstürmte. „Frau Zelenka, entschuldigen Sie, wenn ich die heitere Stimmung hier im Raum etwas dämpfe ... Gräfin Hohenburghof ist ermordet worden. Und wissen Sie warum?“
Marion schüttelte verwundert den Kopf. Welch blöde Frage!
„Wissen Sie denn wenigstens von wem?“
Marion hob bedauernd die Schultern. Eine noch blödere Frage!
„Nicht? - Dann seien Sie so liebenswürdig, es möglichst bald heraus zu finden! – Gräfin Hohenburghof erwartet Sie bereits voller Ungeduld in der Pathologie, übrigens mit acht Messerstichen im Bauch.“
Schon in der Pathologie? - Marion sah ihren Chef strafend an: „So – so. Und warum kriegen wir diesen Fall erst dann, wenn andere schon drin rumgerührt haben?!“
Dr. Sowetzko zog die Stirn in Falten; er verkniff sich ein Lächeln, weil der Vorwurf sachlich durchaus berechtigt war. Da er aber nicht einsah, seine Entscheidung vor Untergebenen rechtfertigen zu müssen, entgegnete er ironisch: „Ist angekommen, Frau Zelenka. Künftig informiere ich Sie über Verbrechen, bevor sie geschehen. Einverstanden?“ Sprach’s und wandte sich zur Tür.
„Ha – ha!“ erwiderte Marion gedehnt. Sie leitete dieses Kommissariat inzwischen über sechs Monate und hatte sich hier fest etabliert. Selbst Petzold, dem diese junge Polizistin jüngst vor die Nase gesetzt worden war, erkannte inzwischen ihre Führungsqualitäten an und bewunderte ihr beharrliches Durchsetzungsvermögen, insbesondere dann, wenn es gegen Vorgesetzte, sinnlose Vorschriften oder bürokratische Hindernisse ging. Das trug ihr zwar regelmäßig lautstarke emotionsgeladene Rüffel von Dr. Sowetzko ein, doch daran hatte sie sich inzwischen gewöhnt, zumal er nie zum Abschluss ein versöhnliches Wort vergaß.
