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Ein brutales Verbrechen an der jungen Britta klärt sich nur scheinbar von alleine auf. Doch dann schlägt der Schlächter von Duisburg wieder zu. Und das nicht nur einmal … Haben die Ermittler voreilige Schlüsse gezogen? In einem Berliner Kino wird Kommissarin Marion Zelenka Zeugin eines ebenso seltsamen wie heimtückischen Mordes. Besteht ein Zusammenhang mit den Verbrechen in Duisburg? Uneinigkeit und Intrigen belasten dort das Klima im Polizeipräsidium. Aus persönlicher Abneigung entsteht blinder Hass, und Marions Überlegenheit steigert sich zum Hochmut und generiert Fehler, bis die Situation dramatisch eskaliert. Doch plötzlich geschieht ein Attentat, und danach ist nichts mehr wie vorher.
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Seitenzahl: 383
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Kurt Mühle
Zelenka - Trilogie Band 2
Doppelfehler
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorurteile
In diesen heil’gen Hallen
Der Todesbrief
Amtshilfe
Nicht zustellbar
Irrläufer
Schatten
Machtkämpfe
Lieben Sie Mozart?
Der Schlächter
Schrecken
Hindernisrennen
Schicksal
Kassensturz
Zahltag
Klartext
Rambo
Intermezzo
Aus heiterem Himmel
Endspiel
Impressum neobooks
„Tschüss, mein Schatz“, sagte Jo Rohrbach, klemmte sein Angelzeug unter den Arm und verließ die Wohnung.
Britta sah mit einem unendlich traurigen Blick ihrem Stiefvater nach; ihre Lippen bebten, - unfähig zu einer Antwort. Sie spürte ihren Puls rasen, während sie versuchte, die quälenden Ängste zu verdrängen. Ich will das nicht mehr! Niemals mehr! Das alles muss ein Ende haben! Endgültig, was auch danach passieren mag. Mit solchen Gedanken versuchte sie, ihren Willen zu stärken und ihre Zweifel zu besiegen.
Minuten später zog sie hastig ihre Lederjacke über, nahm den Fahrradschlüssel vom Schlüsselbrett und trat entschlossen in den Hausflur. Es musste sein! Und diesmal würde sie nicht im letzten Augenblick vor dem zurückschrecken, was sie schon vor über einem Jahr hätte tun sollen, aber mit Rücksicht auf den Stiefvater dann doch nicht fertiggebracht hatte.
Es war ein grauer fünfstöckiger Altbau in einer belebten Durchgangsstraße in Duisburg-Marxloh, einer typischen Arbeitergegend. Die abgetretene Holztreppe knarrte, als Britta eilig hinunter lief. In der dritten Etage wischte Frau Hecker gerade mit Putzeimer und Aufnehmer die schäbigen Treppenstufen, als Franz Weigel sich gemächlich - mit dem alten Holz um die Wette ächzend - bierselig am Geländer nach oben hangelte. Er wohnte im vierten Stock, gleich unter Rohrbach.
“Ei! Wieder mal so flott? Und sexy dazu. Muss alles sexy sein heutzutage. Nur noch Flittchen sind das alles. Hicks ... Aber sooo sexy! Halbnackt. Und schämen können die sich gar nicht mehr. Heh, -hammse dich auch schon nach Hollywood eingeladen?“, feixte er - halb grölend, halb lallend - , als Britta wortlos vorübereilte, während er die attraktive Vierzehnjährige gierig und unverschämt grinsend aus seinen wässrigen Augen musterte. Widerlicher Kneipengestank umgab ihn. Kopfschüttelnd verschwand Frau Hecker mit ihren Putzutensilien in ihre Wohnung. “Geiler Saufbock“, murmelte sie derweil vor sich hin.
Unten im Treppenflur schloss sich gerade die Haustür hinter Martin Kranicz, der von seiner Arbeit im Hafen nach Hause kam. Kranicz war bis vor einem Jahr ein Arbeitskollege von Brittas Vater gewesen, bis dieser durch einen Unfall arbeitsunfähig wurde. Ein flüchtiges Lächeln, als er das junge Mädchen erblickte, dann wandte er sich rasch in gespielter Gleichgültigkeit ab und ging gemächlich die Stufen hinauf, - mit hochrotem Kopf. War es sein erhöhter Blutdruck? Oder nur der Anblick dieses aufreizend gekleideten Mädchens?
Britta beachtete ihn nicht, tat, als würde sie ihn nicht sehen. Sie war auf dem Weg zu Heike, ihrer engsten Freundin und Vertrauten. Gemeinsam wollten sie den schweren Gang antreten. Heike würde ihr bestimmt eine große Stütze sein, weil sie wortgewandter auftrat und von all dem Schrecklichen selber nicht betroffen war.
Zuvor aber musste Britta ihr Fahrrad aus dem Keller holen. Es roch muffig von den feuchten Ziegelwänden, als sie das alte Kellergewölbe betrat und an der schmierigen Wand nach dem Lichtschalter tastete. Flackernd leuchtete das spärlich-trübe Licht der wenigen Sparlampen auf, dazwischen ein paar orangefarbene Leuchtpunkte einer schwachen Notbeleuchtung. Der Keller bestand aus einem Wirrwarr von Holzlatten-Verschlägen, einen für jede der zwanzig Mietparteien in diesem sanierungsbedürftigen Altbau.
Im hinteren Kellerbereich, in einer düsteren Ecke, war der Abstellplatz für Fahrräder, gesichert durch eine Lattentür mit einem einfachen Vorhängeschloss. - Während Britta aus ihrer Tasche den Schlüssel herauskramte, fiel die mächtige stählerne Brandschutztür zum Keller mit dumpfem Nachhall ins Schloss.
Brittas Fahrrad hing an einem Haken an der hinteren Ziegelwand. Sie reckte sich, um den Rahmen zu fassen. Dröhnend donnerte derweil auf der Straße ein schwerer LKW vorbei, der den Boden vibrieren ließ.
Da verlöschte plötzlich das Kellerlicht. Erschrocken wandte Britta sich um und sah nur noch den rasch schmaler werdenden Lichtkegel, der durch die sich geräuschlos und langsam schließende Kellertür hereindrang, bis es stockdunkel wurde. Jemand schien sich in den Keller geschlichen zu haben. Aber die orangenen Punkte der Notbeleuchtung spendeten nicht genügend Licht, um irgendetwas zu erkennen.
“Hallo!“, rief Britta in die Dunkelheit hinein. „Hallo, wer ist denn da?“ Sie lauschte angestrengt, während ihr Herz immer heftiger zu schlagen begann. Niemand antwortete ihr. Ein leises Schlürfen von vorsichtigen Schritten auf dem dreckig-sandigen Kellerboden blieb die einzige Antwort. Dann ein Knall und das Geräusch von splitterndem Glas, die orangenen Punkte verlöschten. Hatte da jemand die Notbeleuchtung eingeschlagen? Was hatte das alles zu bedeuten?
Absolute Dunkelheit umgab sie nun. Sie versuchte, um Hilfe schreien. Ihr Zittern und das vor Angst schmerzhaft pochende Herz ließen ihre Laute fast ersticken und zudem untergehen im Lärm einer draußen vorbei ratternden Straßenbahn.
Als der Straßenlärm kurz abgeebbt war, hörte sie wieder dieses beängstigende Schlürfen. Es kam näher, - immer näher. In ihrer Verzweifelung ertastete Britta die Luftpumpe ihres Fahrrades und schlug damit in der Dunkelheit abwehrend um sich. Plötzlich – aus der tiefen Dunkelheit heraus - blendete sie der grelle Lichtstrahl einer Handlampe, der sich rasch und mit suchendem Schwenken auf sie zu bewegte.
“Hilfe - Hilfe – Hilfe ...!” Niemand konnte sie außerhalb dieses Kellergewölbes hören. Sie schleuderte mit aller Kraft die Luftpumpe in Richtung Lampe und versuchte zugleich, seitlich davon zu entfliehen. Eine unsichtbare Pranke umklammert sie, zerrte sie zu Boden. Nichts war zu erkennen in dem grellen Licht vor ihr.
Dann ein seltsames grelles Aufblitzen, mitten in ihrem Kopf, gefolgt von einem fürchterlichen dumpfen Schmerz, der rasch verflog, bis friedvolle Stille eintrat. Alle Gedanken und alle Ängste wichen von ihr. Zögernd schien es hell zu werden. Weißer Nebel umgab sie in absoluter Ruhe.
Zwei Tage später.
Es war schon spät, eigentlich längst Feierabend, aber Hauptkommissarin Marion Zelenka blätterte im Schein ihrer Schreibtischlampe immer wieder in den zahlreichen Vernehmungs-Protokollen, um darin doch noch einen Erfolg versprechenden Ansatz für weitere Ermittlungen zu finden. Zum wiederholten Male las sie Wort für Wort bestimmte Passagen durch. Irgendwo in den Papieren vor ihr musste sich der Name des Täters befinden, dessen war sie sich ganz sicher. Aber wer? Wer hatte ein Motiv zu dieser grauenhaften Tat?
Warum wurde im Keller die Notbeleuchtung zerstört? – Wollte der Täter in völliger Dunkelheit seine Tat ausführen, um nicht erkannt zu werden, falls etwas schief ging? Vielleicht wäre das Mädchen ja nicht sofort tot gewesen, hätte noch einen Hinweis auf seinen Mörder geben können. Vielleicht fürchtete er auch, ein anderer Hausbewohner könnte unerwartet in den Keller kommen und ihn erkennen.
Marion hatte sich sehr genau in dem schmutzigen Kellergewölbe umgesehen, das durch die Lattenverschläge so verwinkelt war, dass sich bei Dunkelheit selbst ein Hausbewohner nicht hätte ausreichend orientieren können. Der Mörder dürfte also eine Handlampe benutzt haben, aber er musste sich trotzdem in dem Keller ausgekannt haben. -
Zuletzt hatten Frau Hecker, der angetrunkene Franz Weigel und der von der Arbeit kommende Martin Kranicz Britta im Treppenhaus lebend gesehen, ehe der Hausmeister Schöllmann das Mädchen mit zertrümmertem Schädel im Fahrradkeller entdeckte und die Polizei benachrichtigte. Zu dieser Zeit war Britta schon über eine Stunde lang tot.
Am auffälligsten hatte sich Jo Rohrbach, Brittas Vater, am Tatort benommen. “Dieses gefühlskalte Pokerface”, sinnierte die Kommissarin. Stumm, mit versteinertem Gesicht hatte er dagestanden, alle Fragen nur mit einem Achselzucken beantwortet, als ginge ihn dieses grausame Verbrechen nichts an. Den scheußlichen Anblick des toten Mädchens konnte er als einziger offenbar emotionslos ertragen. Während Marion vom Verhalten dieses Mannes angewidert war, konstatierte der Polizeiarzt ein schweres Trauma und wies ihn zunächst zur Beobachtung in eine Klinik ein.
“Er war zur Tatzeit angeblich nicht im Hause, sondern auf dem Weg zu seinem Angler-Platz an den Ruhrauen. Zeugen gibt’s dafür keine. Er könnte zurückgekommen sein, wäre gleich in den Keller gegangen, um ...“, murmelte Marion vor sich hin und wanderte dabei grübelnd in dem menschenleeren Großraumbüro auf und ab.
Dabei ging ihr das Schicksal ihrer eigenen Tochter Svenja nicht aus dem Sinn, die vor Jahren das Opfer einer Vergewaltigung wurde. Sie selbst wurde Zeugin dieses Verbrechens und davon, dass der Täter ihr damaliger Lebenspartner Arno war, - ausgerechnet er, der sich zuvor so väterlich fürsorglich gezeigt hatte, obwohl er nicht Svenjas leiblicher Vater war. – Wieder ’nStiefvater, kam es ihr in den Sinn, doch schüttelte sie diesen Gedanken sogleich als unzulässiges und gefährliches Vorurteil von sich ab. Aber - Brittas Mutter lag derzeit mit einem komplizierten Oberarmbruch im Krankenhaus; Rohrbach war also mit dem Kind allein zu Hause. Genau wie damals Arno mit Svenja. Und er hatte für die Tatzeit kein verwertbares Alibi. Aber das hatten die anderen Hausbewohner auch nicht, einschließlich des Hausmeisters Karlheinz Schöllmann.
Am nächsten Morgen erhielt Marions Misstrauen unerwartet neue Nahrung. Ihr Mitarbeiter und Stellvertreter Gerd Petzold wusste einige neue Details zu berichten: „Also, das Mädchen wurde am Tatort nicht sexuell missbraucht. Kampfspuren von nennenswerter Gegenwehr sind auch nicht zu erkennen. Tatwerkzeug war ein stumpfer Eisengegenstand, ein dicker Hammer, ein Beil oder etwas Ähnliches. Die Rechtsmedizin hat Rostspuren in der Kopfwunde des Mädchens gesichert. Die Tatwaffe konnten wir allerdings bisher nicht finden.“
Marion runzelte die Stirn. „Ein eiskalt geplanter Totschlag?“
„Nicht auszuschließen“, erwiderte Petzold. „Die Britta wollte offenbar ihr Fahrrad aus dem Keller holen. Leider wissen wir nicht, wohin sie wollte. Sie ist übrigens ein Adoptiv-Kind. Frau Rohrbach kann keine Kinder bekommen. Und noch etwas: Die knapp Vierzehnjährige war keine Jungfrau mehr.“
„Heutzutage leider nichts Ungewöhnliches“, meinte Marion nur. “Etwas über die Ehe der Rohrbachs erfahren?”
“Kann man so sagen“, erwiderte Petzold, “entweder gab’s lautstarken Streit oder eisiges Schweigen. So etwa seit einem Jahr. - Sie soll angeblich damals eine Affäre gehabt haben. - Das wusste jedenfalls Frau Hecker zu berichten. Alle Aufmerksamkeit soll Vater Rohrbach seitdem nur seiner Adoptiv-Tochter Britta geschenkt haben, tat angeblich alles für sie, soll sie geradezu vergöttert haben. Ansonsten geht er öfter zum Angeln, meist mit seinem Kumpel, dem Martin Kranicz.”
Wieder beschlich Marion ein mulmiges Gefühl. Schmerzhafte Erinnerungen wurden wach. War Britta vielleicht über längere Zeit zuvor missbraucht worden? - Wollte sie sich nun der Mutter, der Polizei oder einer anderen Vertrauensperson offenbaren? - Wollte der Täter dies im letzten Augenblick verhindern, und musste Britta deshalb sterben? - Welch andere Motive gäbe es sonst noch, dieses junge Mädchen einfach so brutal zu erschlagen? - Raub oder ein Vergewaltigungs-Versuch schieden offensichtlich aus. Und bei der Tat gestört wurde der Täter auch nicht. - Oder war es vielleicht doch ein Wahnsinniger, der auch jeden anderen da unten im Keller erschlagen hätte. Britta als das Zufallsopfer eines gefährlichen Psychopathen? Als gewissenhafte Kriminalbeamtin durfte Marion auch dies nicht ausschließen, glauben mochte sie an diese Möglichkeit freilich nicht.
Petzold hatte noch einiges mehr recherchiert. “Die gute Frau Hecker ist sehr redselig. Ihr Mann ist übrigens zur Zeit auf Montage in Nürnberg. - Der Franz Weigel über ihr trinkt sich gern einen, schaut jedem Weiberrock nach und schleppt öfter irgendwelche Frauen an, dann geht’s da wohl manchmal hoch her. Hat keine Vorstrafen, ist auch sonst nicht durch Schlägereien oder Brutalitäten auffällig geworden. - Der Martin Kranicz aus der zweiten Etage ist seit zwei Jahren geschieden, wohnt dort allein und ist mit Jo Rohrbach eng befreundet. Die beiden waren früher Arbeitskollegen, heute angeln sie oft gemeinsam. Ruhrauen. Kranicz ist Kranführer im Ruhrorter Hafen. Ist eher so der ruhige Typ, auch keine Vorstrafen und ...“
“Mensch,” unterbrach ihn seine Chefin, „die Heike Boritzki sollte längst hier sein.” Sie schaute auf die Uhr. Bereits vor vierzig Minuten hätte sie hier ihre Aussage machen sollen. Die Kriminalisten hatten sie als beste Freundin des ermordeten Mädchens ermittelt und erhofften sich nun von einer Befragung tiefere Einblicke in Brittas Privat- oder sogar Intimleben.
Petzold griff zum Telefon.
“Sorry, nimmt keiner ab. Vielleicht ist sie ja unterwegs zu uns. - Ich hab mir übrigens auch mal den Hausmeister, diesen Karlheinz Schöllmann, näher angesehen. Er hat ja die Tote gefunden. Dabei ist mir in seiner Wohnung aufgefallen, dass man dort sehr deutlich ein dumpfes Geräusch hört, wenn die Kellertür zufällt. - Mit der Britta hat’s schon öfter deswegen Ärger gegeben, weil sie die Tür nie leise von Hand schloss, sondern über den Federmechanismus immer laut zuknallen ließ. - Der Schöllmann hat sich darüber schon über die Maßen aufgeregt und unflätig im Hausflur herum gebrüllt, - sagt unsere aufmerksame Frau Hecker. Seine Frau soll ihn vor ein paar Wochen verlassen haben. Er gilt als unfreundlicher, grobschlächtiger Griesgram und in bestimmten Situationen als unberechenbarer Choleriker, hat drei Vorstrafen wegen Körperverletzung bei Kneipen-Schlägereien, und er soll auch seine Frau früher öfter geschlagen haben, - sagt Frau Hecker.”
„Türenknallen als Mordmotiv hatten wir zwar bisher noch nicht“, meinte die Hauptkommissarin zweifelnd.
Petzold druckste ein wenig herum. „Da ist noch etwas: Vor ’nem halben Jahr etwa gab’s diesen denkwürdigen Prozess um die angebliche Nutte, die aber wohl keine war. Der angetrunkene Schöllmann soll mit ihr Oralsex gehabt haben, - freiwillig oder unfreiwillig, das wurde nie geklärt. Und äh ... na ja, der Rest ist dir bestimmt noch in Erinnerung. Stand ja in allen Zeitungen.“
„Keine Spur.“ Marion zuckte hilflos mit den Schultern. „He, was liest du denn für Zeitungen?“
„Ach, weißt du garantiert. Tu nicht so ...“ Petzold schien es nicht aussprechen zu wollen. „Die Klatschblätter und Illustrierten waren voll davon. Hast du bestimmt irgendwo gelesen, beim Frisör zum Beispiel.“
„Zum Frisör nehme ich mir allenfalls etwas zu lesen mit. Schließlich will ich da meinen Kopf verschönern und nicht verblöden lassen. Also, welchen Zusammenhang gibt’s da mit unserem Fall?“
Petzold war es peinlich, seine Chefin in dieser Angelegenheit aufklären zu müssen. „Die Frau hat sich angeblich heftig gewehrt und ihm dabei etwas von – nun ja – seinem besten Stück abgebissen.“
In Marions Gesicht zeigte sich keinerlei Regung, als sie kriminalistisch korrekt und ohne innere Beteiligung antwortete: „Das müssen wir auf jeden Fall bedenken. So etwas soll einen Mann ziemlich verändern, - nicht nur äußerlich.“
Marion war eine schlanke, attraktive Frau, die mancher eher auf dem Laufsteg als bei der Polizei vermutet hätte. Ihr mittellanges blondes Haar schimmerte ein wenig rötlich, aus dem schmalen Gesicht leuchtete ein Paar himmelblauer Augen, die je nach Mimik ausdrucksvoll mild und wohlwollend dreinschauten, manches Mal aber auch abweisend, kalt und misstrauisch ihr Gegenüber mustern konnten. Ihr Wesen strahlte Ruhe und Besonnenheit aus, - dennoch, viele nannten sie spröde, weil sie mit weiblichem Charme im Alltag arg zu geizen pflegte. In ihren Augen aber blitzte und funkelte es, als seien sie die Bühne all ihrer Emotionen.
Seit Kriminalrat Dr. Sowetzko sie nach ihrer Versetzung von Düsseldorf nach Duisburg hier zur Hauptkommissarin und Leiterin des K21 ernannt hatte, war sie überaus erfolgreich gewesen. Viele ihrer Alleingänge hatte ihr Chef daher mit geradezu väterlicher Nachsicht gedeckt. In ihrem Kommissariat arbeitete sie nur mit Männern zusammen, doch ihre Geradlinigkeit, ihre hohe Fachkompetenz und Verlässlichkeit schweißten das K21 zu einer schlagkräftigen Einheit zusammen. Dennoch wahrte sie als Chefin eiserne Distanz: mit all ihren Kollegen blieb es bislang bei der förmlichen Sie-Anrede. Petzold machte da eine Ausnahme, aber nur wenn Marion und er unter sich waren. Dann gab es das vertraute Du, was aus dem gemeinsamen schrecklichen Erleben um Marions Tochter Svenja herrührte. –
Das Telefon läutete, Marion nahm den Hörer ab.
“Wa-a-a-s!?”, rief sie entsetzt. “Sofort die Fahndung einleiten!” Und zu ihrem Kollegen gewandt: “Brittas Stiefvater, dieser Rohrbach ist verschwunden. Einfach abgehauen aus dem Krankenhaus. - Los, komm! Rasch zu der Heike Boritzki! Die ist ja immer noch nicht eingetroffen. Wer weiß, was der Rohrbach vorhat ... Ich hab’ so ein dummes Gefühl, als ob das arme Ding vielleicht in großer Gefahr ist!“ -
Heike war allein zu Hause. Auf das mehrmalige Klingeln reagierte sie nicht, verhielt sich stattdessen ganz ruhig und wagte kaum zu atmen. Erst als Petzold zum Sturmklingeln auch noch mit der Faust gegen die Tür trommelte und „Polizei – bitte aufmachen!“ rief, öffnete sich die durch eine Sperrkette gesicherte Wohnungstür einen Spalt weit. Die Beamten zeigten ihre Polizeiausweise, und nach einigem Zögern ließ Heike sie eintreten.
Ungefragt schossen gleich Erklärungen aus ihr heraus: Sie habe den Termin bei der Polizei schlicht vergessen und in die Schule sei sie nicht gegangen, weil sie sich nicht wohl fühle. Die Mutter sei arbeiten, der Vater wohne nicht mehr bei ihnen sondern in Essen mit einer anderen Frau zusammen und ihr Bruder sei beim Bund. Und im übrigen sei sie wegen Brittas Tod völlig fertig ...
Für Marion klang das wie auswendig gelernt und zu hastig vorgetragen. Ein seltsames Flackern lag dabei in Heikes Augen. Hinzu kamen nervöse, abrupte Gesten. Waren hier eventuell Drogen im Spiel? Öffnete sich damit ein weiteres Feld für ein Tatmotiv? – Oder waren diese Symptome nur Ausdruck purer Angst? - Oder beides? – Hatte Rohrbach sie nach seiner Flucht schon aufgesucht oder telefonisch bedroht? - Um etwas Vertrauen aufzubauen, begann Marion eine ganz allgemeine Unterhaltung. Petzold hörte dieser Plauderei sichtlich gelangweilt zu. Er wäre lieber gleich zur Sache gekommen. Na mach’ man, Chefin, dachte er bei sich.
Vorsichtig lenkte die Kommissarin schließlich das Gespräch auf Britta und hatte urplötzlich die Eingebung, auch vom Schicksal ihrer eigenen Tochter zu erzählen. Als die Rede auf den Missbrauch kam, zuckte Heike zusammen. Ihr Gesicht wurde noch blasser. Ihr Kopf senkte sich als suche sie auf dem fleckigen Teppich nach Worten. Marion spürte die Widerstandskraft des Mädchens schwinden.
“Sag’ mir, was war mit Britta?”, fragte sie mit warmer Stimme und ergriff dabei Heikes Hand. „Vertraue mir. Ich werde dich schützen. Versprochen.“
Einige Augenblicke des Schweigens vergingen, dann hob Heike langsam den Kopf und blickte Marion mit verzweifeltem Gesicht und Tränen in den Augen an. “Dieses Schwein, dieses perverse Dreckschwein!”, brach es aus ihr heraus “Immer wieder musste sie diesem alten Ekel gefügig sein ... Und gedroht hat er ihr, ständig gedroht. Britta hatte panische Angst. - Aber jetzt sollte Schluss sein, wir wollten zusammen zur Polizei gehen. Und das hat Britta diesem Dreckskerl auch gesagt ...”
“Also doch. - Heike, wirst du alles, was du dazu berichten kannst, auch zu Protokoll geben? – Nur so können wir den Mann daran hindern, weiter sein Unwesen zu treiben. – Bitte! Es ist wichtig für uns alle.”
Das Mädchen nickte zögernd und bekannte schließlich: “Ich habe Brittas Tagebuch. Hat sie mir gebracht, weil sie solche Angst hatte, dass es ihr Vater finden könnte.” Aus einem Schuhkarton, den sie unter einem Schrank versteckt hatte, kramte Heike ein rotes Tagebuch hervor, das mit einem zierlichen Messing-Schloss versehen war. “Den Schlüssel hab’ ich aber nicht ...”
Marion reichte das Büchlein ihrem Kollegen weiter, der mit einem Taschenmesser in wenigen Augenblicken das winzige Schloss geöffnet hatte. Marion nahm es wieder an sich, schlug es auf und begann darin zu lesen, während Petzold mit ernster Miene zu Heike sagte: “Wir wissen leider nicht, wo Rohrbach - also Brittas Vater - sich derzeit aufhält, aber die Fahndung nach ihm läuft. Und wir werden ihn fassen, verlass dich darauf. Bis dahin bekommst du Polizeischutz.” Doch in diesem Augenblick sprang Heike auf und sah mit weit aufgerissenen Augen voller Entsetzen die beiden Beamten an.
“Wie?! – Was?! - Brittas Papa?!” – Heike schrie die Worte völlig irritiert aus sich heraus. “Wieso der ...?! - Was hat der damit zu tun? - Der hat Britta geliebt! - Das ist ein Traum-Papa! Den hat Britta vergöttert, der hätte doch nie ... Von ihm weiß ich überhaupt, das Britta umgebracht wurde. Und ihm hab’ ich auch alles erzählt, was die arme Britta so lange ertragen musste bei diesem verdammten Schwein ...”
Marion fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. „Ich Idiotin“, sagte sie leise zu sich selber. „Wie konnte ich nur so betriebsblind sein?“ Dann klappte sie entschlossen Brittas Tagebuch zu und wandte sich an Petzold. „Wir müssen die Fahndung nach Rohrbach verschärfen. Ich ahne nun, was der wirklich vorhat.“ –
Der nächste Tag begann mit diesigem Sommer-Wetter. Über allem lag ein Feuchtefilm, als es allmählich heller wurde und im Ruhrorter Hafen die Frühschicht begann.
Betriebsführer Sonnborn schlenderte am Hafenbecken 4 entlang auf eine Kranbrücke zu, blieb stehen und zündete sich eine Zigarette an. Beim ersten genießerischen Zug erblickte er etwas Merkwürdiges: Das Kranseil hing vom Auslegerarm hinab bis ins Wasser. Nichts zu sehen vom Kranhaken. Er fluchte innerlich über die vermeintliche Schlamperei. Vorschrift war es nämlich, den Kranhaken nach Schichtende ganz nach oben zu fahren. Und noch etwas fiel ihm auf: Die Tür zur Kranführer-Kabine stand weit offen.
Da stimmt doch was nicht, dachte Sonnborn und kletterte zur Kabine hoch. Zu seinem Erstaunen entdeckte er, dass sogar der Hauptschlüssel im Steuerpult steckte. Er schaute sich um, ob eventuell irgendwo ein Kollege in Sicht war. Aber niemand war zu sehen. Kurz entschlossen drückte er auf den Taster “AUF”, um das Seil aus dem Wasser zu hieven. Der Kranmotor lief an. Die Krantechnik schien völlig intakt zu sein.
Sonnborn beobachtete, wie das Seil langsam aus dem Hafenbecken nach oben gezogen wurde. Plötzlich erstarrte er in schauerlichem Entsetzen ... Da tauchte aus dem Wasser die Gestalt eines Mannes auf, am Hals aufgehängt an dem schweren rostigen Kranhaken, schlaff hingen die Arme nach unten, Wasser floss aus Ärmel und Hosenbeinen. Der Kopf war schräg zu einer Schulter geneigt, der Mund stand weit offen, und die starren Augen erinnerten an die Fratze eines Schreckensgemäldes.
Instinktiv schlug Sonnborn mit beiden Händen auf die rote “NOTAUS”-Taste, sprang aus der Kabine und presste eine Hand vor den Mund, um sich nicht übergeben zu müssen. Dann endlich angelte er sein Handy aus der Jacke und wählte die Notrufnummer der Polizei.
Kommissar Welter und seine Kollegen von der Spurensicherung und der Rechtsmedizin hatten stundenlang am Tatort zu tun, bis alle Routinearbeiten erledigt waren. Bei der Untersuchung des Toten fand man Ausweispapiere; er wurde als Mitarbeiter des Hafenbetriebes identifiziert und als der hier zuständige Kranführer. Sein Name: Martin Kranicz. Er war seit über fünf Stunden tot. - Gegen Mittag erfuhr auch Marion von diesem grausigen Geschehen.
Am späten Nachmittag desselben Tages.
Marion und ihr Kollege Petzold saßen an den Ruhrauen oberhalb einer Böschung im Gras und beobachten nachdenklich den einsamen Angler unten am Wasser. Berufsunfähig durch Unfall, sinnierte Marion, Ehe kaputt, miese Wohngegend und das Einzige, das Liebste auf Erden wird ihm auf diese schreckliche Weise genommen. Und das von einem ehemaligen Kollegen, dem er vertraute und den er für seinen Freund hielt, - der sich aber an seiner über alles geliebten Tochter verging und sie dann aus Angst vor Entdeckung brutal ermordete. Wäre mir doch Brittas Tagebuch vor einer Woche in die Hände gefallen, dann hätte ich das Schlimmste verhindern können. Hätte, hätte ...
Langsam und leise näherte sich auf dem Weg hinter ihnen der angeforderte Streifenwagen und hielt an. Zwei Beamte stiegen aus. Marion erhob sich, atmete einmal tief durch und rief dem Angler zu: “Herr Rohrbach ...!”
Jo Rohrbach zog seine Angel aus dem Wasser; gerade hatte ein Fisch angebissen. Mit müdem Lächeln präsentierte er den Beamten seinen Fang. Dann wurde sein Gesicht ernst, er nickte Marion zu, - wie zum Einverständnis mit dem, was nun unabänderlich folgen musste. – Vorsichtig nahm er den Fisch vom Haken und schenkte ihm im Wasser der Ruhr das Leben.
Dann kam Rohrbach langsam und gefasst die Böschung herauf.
Die Kommissarin wandte sich um, verwischte mit dem Handrücken eine Träne und raunte ihrem Kollegen: “Das war’s dann wohl. Mach du den Rest.“
War es das wirklich?
Es ging auf Nachmittag zu, und die Kantine im Polizeipräsidium hatte sich schon weitgehend geleert. In einer Ecke saßen jedoch Hauptkommissar Hasenbach, Leiter des K20, und seine Mannschaft zu einer Besprechung beisammen, - wie schon so oft. Hasenbach bezeichnete dies gern als „Arbeitsessen“ und tat sich dabei furchtbar wichtig. Der Obrigkeit in Person von Kriminalrat Dr. Sowetzko behagte das allerdings weniger, und so nutzte er heute die Gelegenheit, sich an einem Nebentisch zu platzieren, einen Kaffee zu trinken und dabei – hinter einer Zeitung verborgen – neugierig den kriminalistischen Erkenntnissen dieses angeblich so wichtigen Treffens zu lauschen.
Marion und ihr Kollege Hoffeld kamen gerade von einem Einsatz zurück. Zum Mittagessen hatte die Zeit nicht gereicht, und nun hofften sie, dass die Kantine ihnen noch etwas zu bieten hatte.
„Ach siehe da! Der Stammtisch ist auch wieder versammelt“, rief sie gedehnt und mit unüberhörbarer Geringschätzung durch den Saal. Zwischen Hasenbach und ihr bestand eine über Jahre gewachsene Feindschaft. Auch darüber machte Dr. Sowetzko sich zunehmend Sorgen. Er wusste, dass die Zelenka die Überlegenere war und auch einiges unbeschadet einstecken konnte, Hasenbach dagegen war sensibel, neigte zu Frust und in diesem Zustand vermehrt zu Fehlern. Dass er überdies die Manie besaß, sich ständig als der bessere Kriminalist beweisen zu müssen, machte das Verhältnis besonders schwierig.
Jetzt stand Hasenbach wütend auf und rief zurück: „Werden Sie ja nicht übermütig, gnädige Frau! Nur weil Sie mal wieder einen Fall so la-la gelöst haben. Ich aber prophezeie Ihnen: Des Lebens ungemischte Freude ward keinem Irdischen zuteil. Das hat schon der alte Goethe gewusst.“
Marion lachte und sagte mitleidig: „Ich weiß – ich weiß. Der Ring des Polykrates. Ist aber nicht von Goethe sondern von Schiller. Übrigens, falls Sie’s noch nicht bemerkt haben sollten, dort hinten auf der Fensterbank liegen Anmeldeformulare aus, - für die Volkshochschule.“
Während Hoffeld, der älteste Kommissar im K21, zu Marion mahnend eine dämpfende Handbewegung machte, überlegte Dr. Sowetzko, ob er eingreifen sollte, als Chef vielleicht sogar eingreifen müsste, um eine weitere Eskalation zu vermeiden. Doch dann sagte er ärgerlich zu sich selber: Was soll’s? Der Hasenbach ist ein Idiot, der sich ständig provozieren lässt und meist selbst den Anlass dazu liefert, und die Zelenka lässt sich ohnehin nicht das Maul verbieten. Wenn sich das weiter zuspitzt, muss da mal eine ganz andere Lösung her.
Als er sich anschickte aufzubrechen und gerade seine Zeitung zusammenfaltete, stand seine Hauptkommissarin plötzlich vor ihm. „Haben Sie noch einen kurzen Moment Zeit?“, fragte sie ungewöhnlich freundlich.
„Falls Sie mich auch über deutsche Klassiker belehren wollen ...“
„Keine Sorge, ich brauche nur drei Tage Sonderurlaub aus meinem Überstunden-Fundus. Meine Tochter ist mit Freunden von mir eine Woche an der Nordsee. Und ich möchte in dieser Zeit gern meinen Partner zu einem VDE-Kongress nach Berlin begleiten.“
„Machen Sie jetzt auch noch in Elektrotechnik?“
„Nein, für mich steht mehr Kultur auf dem Programm.“
„Hätt’ ich mir denken können. Und vermutlich ist bereits alles schon komplett gebucht, nicht wahr? Nach dem Motto: Der Chef wird’s schon absegnen. Ich sollte es Ihnen rein aus Prinzip abschlagen.“ Dr. Sowetzko sah sie dabei strafend, doch eher ein wenig gekünstelt strafend an.
„Ach nein, der Typ sind Sie absolut nicht“, erwiderte sie lächelnd.
„Wie bitte darf ich das verstehen? Etwa als Kompliment – aus Ihrem Munde? Das wäre ganz was Neues. – Ach, hauen Sie schon ab!“ Er wusste genau, dass sie im K21 alle notwendigen Maßnahmen für ihre Abwesenheit getroffen hatte und dass es dadurch keine Probleme geben würde. Doch wenn er geglaubt hatte, das Thema „Berlin-Trip seiner Hauptkommissarin“ damit abhaken zu können, sollte er später noch eines Besseren belehrt werden. –
Ganz schön anstrengend, dieses Berlin, dachte Marion, als sie im soeben frisch erworbenen figurbetonten schwarzen Blazermantel an der Philharmonie vorbeischlenderte in Richtung Potsdamer Platz. Ihre Füße schmerzten vom vielen Laufen, der Rücken meldete sich. Daher war sie geradezu dankbar, im Filmhaus das Kinoplakat „Trollflöjten“, Ingmar Bergmans filmische Version von Mozarts „Zauberflöte“, zu entdecken. Den Film wollte sie immer schon gern sehen. In wenigen Minuten sollte die nächste Vorführung beginnen. Wenn das kein Wink des Himmels war ...
Die Nachmittags-Vorstellung war an diesem Sonnabend nur mäßig besucht. Die Plätze links und rechts von ihr blieben zunächst frei, bis kurz vor Beginn, als das Licht im Saal schon fast verloschen war, mit vernehmlichem Ächzen eine stämmige männliche Gestalt sich neben sie setzte, sogleich eine Tüte mit billigen, nach Bratfett riechenden Kartoffelchips hervorkramte und sie mit lautem Rascheln aufriss. Musste sich der Kerl ausgerechnet hierhin setzen? Er stank zudem unangenehm nach Kneipe. Als er genüsslich und hörbar die Chips zwischen seinen Zähnen zermalmte und dabei ungeniert schmatzte, sah sie ihn hasserfüllt an. Er verkannte völlig die Empfindungen seiner Nachbarin und hielt ihr gönnerhaft die Tüte hin: „Woll’n ’Se ooch?“
Statt einer Antwort rückte Marion demonstrativ drei Plätze zur Seite und konzentrierte sich ganz auf den Film. Dennoch gelang es ihr nicht, die störenden Geräusche völlig zu überhören, die der widerliche Mann in allen denkbaren Variationen von sich gab. Irgendwann wurde er dann ruhig. Die Tüte war wohl endlich leer. Vielleicht war er auch eingeschlafen. Na, hoffentlich würde er nicht zu schnarchen beginnen!
Sarastro beendete im Film gerade seine große Arie „In diesen heil’gen Hallen“, da hörte sie neben sich ein dumpfes Knackgeräusch. Prüfend wandte sie den Kopf zur Seite und stutzte. Der Mann hing nach vorn gebeugt über die Lehne des Vordersitzes, den Kopf schlaff nach unten gerichtet. Die Filmszene wurde heller, und in dem schwachen Widerschein erkannte sie, dass irgendein länglicher Gegenstand in seinem Nacken steckte. Sofort rutschte sie zu ihm hinüber, um Näheres erkennen zu können. Und sie erschrak ...
Urplötzlich sprang sie auf, eilte zum Ausgang, sprach kurz mit einer Angestellten des Filmhauses und blieb mit verschränkten Armen am Ausgang des Saales stehen. Niemand käme mehr an ihr vorbei. Trotz der Unruhe lief die Vorstellung zunächst weiter, bis wenig später Polizei und Notarzt eingetroffen waren. Der Film wurde gestoppt und das Licht im Saal eingeschaltet. Niemand durfte den Raum verlassen.
Der Notarzt stellte den Tod des Mannes fest. Die Spurensicherung rückte an. Dann erschienen zwei Herren, die den Anwesenden verkündeten, sie seien von der Kriminalpolizei und müssten jeden einzelnen befragen sowie die Personalien aufnehmen. Der ältere der beiden stellte sich kurz als „Kommissar Bödecker“ vor, blickte kurz in die Runde und meinte: „Da fangen wir doch gleich mit der jungen Dame an, die am nächsten an dem Toten dran war.“
Doch die junge Dame hatte sich wieder dem Toten genähert und unterhielt sich angeregt mit dem Polizeiarzt und den Beamten der Spurensicherung. „Dem Mann wurde ein Messer in den Nacken gestoßen. Die Klinge traf den oberen Teil der Halswirbelsäule und verletzte dabei das Hals-Rücken-Mark. Der Tod trat vermutlich sofort ein. Der Stoß muss mit hoher Wucht erfolgt sein, da die Spitze vorn in Kehlkopfhöhe um etwa zwei Zentimeter austritt.“
„Das ist ja mehr als merkwürdig.“ Marion grübelte nach, wie das möglich sein konnte, wo sie doch quasi neben dem Mann gesessen hatte. Unmöglich, dass ein Fremder sich unbemerkt hätte anschleichen können, um dem Mann dieses Messer in den Nacken zu stoßen!
Der jüngere der beiden Kripobeamten trat hinzu, zog Marion ziemlich unsanft beiseite und ranzte Arzt und Spurensicherung an: „Die Ermittlungen gehen neugierige fremde Personen hier überhaupt nichts an! Was denken Sie sich eigentlich dabei?!“
Die neugierige fremde Person kramte ein grünes Plastikkärtchen aus ihrer Tasche und reichte es dem Beamten. Der schluckte erst mal, als er las: „Marion Zelenka – Hauptkommissarin – Kriminalpolizei Duisburg“.
„Määänsch!!“, rief er dann aus, dass alle im Saal irritiert zu ihnen herüber blickten. „Sie kamen mir gleich irgendwie bekannt vor. Damals unser Fortbildungs-Seminar in Köln! Erinnern Sie sich? Willkommen in Berlin! – Übrigens, ich bin Karsten Roloff.“
Bödecker hatte inzwischen mit der Geschäftsführung vereinbart, dass vor dem Kino jedes Aufsehen vermieden werden sollte. Die nächsten Vorstellungen mussten offiziell „wegen technischer Probleme“ ausfallen. Besucher, die schon vernommen worden waren und deren Personalien eindeutig feststanden, durften einzeln durch einen seitlichen Notausgang den Tatort verlassen. Der Kommissar war ebenso ratlos wie verärgert; denn keiner der Kinobesucher hatte irgendetwas gesehen oder gehört, - bis auf die Tatsache, dass die blonde Frau irgendwann ein paar Plätze von dem Opfer abgerückt war. „Lebte der Mann zu diesem Zeitpunkt denn noch?“ Niemand konnte diese Frage eindeutig beantworten.
Nun sah er mit Erstaunen, wie sich sein junger Kollege Roloff mit eben dieser Dame, die für ihn erst mal die Hauptverdächtige war, angeregt und offenbar sehr freundschaftlich unterhielt. Dem wollte er augenblicklich ein Ende setzen.
„Das ist eine Kollegin, Frau Zelenka aus Duisburg,“ erklärte Roloff.
„Na und?!“, knurrte Bödecker ebenso ärgerlich wie drohend. „Sie setzen sich jetzt vorne zu den anderen Kinobesuchern und warten, bis wir Sie aufrufen. Extrawürste gibt’s auf der Kirmes – hier nicht!“
Marion sah ihn spöttisch an. „Aua, verdächtigen Sie mich etwa?! – O verstehe, das müssen Sie ja. Steht so im Lehrbuch.“
Roloff zog sie beiseite. Er kannte seinen Kollegen als einen prima Kumpel, aber er wusste auch, dass er schnell nervös und ungenießbar wurde, sobald er in einem Fall nicht mehr weiter wusste. „Der ist nicht immer so,“ sagte er beschwichtigend, während Marion unbekümmert zu einem weißgekleideten Herrn ging, der sich gerade anschickte, vorsichtig dem Toten das Messer aus dem Hals zu ziehen.
„Stopp – stopp – stopp!“, rief sie. „Bringen Sie den Toten erst in die normale Sitzposition. So, wie er vermutlich dasaß, bevor ihn das Messer traf.“ Zwei Beamte schauten sich verdutzt an. War diese Frau neu in ihrem Kommissariat? Sie kamen der Aufforderung aber nach, und Marion überprüfte, unter welchem Winkel das Messer den Hals durchbohrt hatte. Ihr Blick verlängerte diesen Winkel, der schräg nach oben wies. Ein vager Verdacht befiel sie.
„Hat die ’n Gehörschaden?!“, schrie Bödecker wütend. „Was fällt der ein, unseren Leuten Anweisungen zu geben!“ Und noch lauter forderte er: „Halten Sie sich da gefälligst raus! Wir sind hier in Berlin und nicht im Ihrem Ruhrpott oder wo immer Sie herkommen mögen!“
Marion reagierte darauf wie gewohnt: was sie nicht hören wollte, das hörte sie auch nicht. Also ignorierte sie einfach die Anweisung, tat, als wäre dieser Bödecker gar nicht da, - ein für sie typisches Verhalten in solch einer Situation. Ihre Duisburger Vorgesetzten hätten manch garstig Lied darüber singen können.
„Und zeigen Sie mir bitte das Messer.“ Zum Kollegen Roloff gewandt fuhr sie fort: „Geben Sie mir ein Paar Handschuhe.“ Als Marion die blutige Tatwaffe in Händen hielt und sie akribisch genau betrachtete, schüttelte sie nachdenklich den Kopf. „Schauen Sie mal! Das ist mal ein ganz normales Küchenmesser gewesen. Nur, - es fehlt der Griff. Hier an den Bohrungen war mal der Griff befestigt. Frage: Wo ist er jetzt? Ohne Griff damit zuzustechen, birgt für den Täter selbst eine Verletzungsgefahr. Ist der Griff bei der Ausführung der Tat abgefallen, läge er vielleicht hier irgendwo herum? Womöglich mit verwertbaren Fingerabdrücken des Täters?“
„Wir werden jeden Zentimeter des Fußbodens absuchen,“ beeilte sich Roloff zu versichern.
„Immer schön der Reihe nach. Mir fällt noch etwas viel Interessanteres auf: Die gesamte Klinge ist mit schwarzer Farbe überzogen und zwar auch dort, wo sich mal der Griff befand. Haben Sie ’ne Ahnung, warum die Tatwaffe komplett geschwärzt wurde?“
Er überlegte eine Weile, ehe ihm ein Licht aufging: „Klar. Wegen der Lichtreflexe. Andere Besucher wären womöglich auf die Handbewegung mit der blitzenden Klinge aufmerksam geworden.“
Marion nickte. Unbemerkt hatte sich währenddessen Kommissar Bödecker herangeschlichen und hielt einen gelben Gartenhandschuh hoch. „An der Innenfläche sind Spuren schwarzer Farbe,“ sagte er triumphierend. „Sollte mich nicht wundern, wenn es die gleiche Farbe ist wie die an der Tatwaffe.“
„Mit so einem dicken Handschuh könnte der Täter die Klinge auch ohne Griff seinem Opfer in den Hals gestochen haben,“ sinnierte Roloff.
„Genau.“ Bödecker sah Marion mit überlegenem Grinsen an: „Der Handschuh ist einer der kleineren Sorte, - wie Damenhände ihn bevorzugen. Soll ich Ihnen verraten, wo wir ihn gefunden haben? – Ausgerechnet unter Ihrem Sitz, gnädige Frau! – Und jetzt fordere ich Sie zum letzten Mal auf, sich da unten still irgendwo hinzusetzen und bis zu Ihrer Vernehmung zu warten. Wir werden Sie aufrufen.“
Marion lachte kurz spöttisch auf und hielt ihm die Tatwaffe entgegen. „Kümmern Sie sich lieber um diese nachträglich eingefeilte Kerbe am Ende des Griffstücks. Die Kerbe gehört nämlich nicht dahin, aber sie könnte für die Tat wesentlich gewesen sein.“
Bödeckers Stimme war durchdringend laut und heiser vor Wut, als er erwiderte: „Das wird unsere Kriminaltechnik alles herausfinden, auch ohne ihre vorwitzigen Bemerkungen.“ Drohend fügte er hinzu: „Würde mich nicht wundern, wenn am Ende ein sehr überraschendes, aber für manch einen hier unangenehmes Ergebnis steht.“
„Da sind wir uns ausnahmsweise einig“, erklärte Marion spöttisch. „Fragt sich nur für wen.“
Bödecker wurde es nun endgültig zu bunt. Legte es diese angebliche Kollegin aus Duisburg darauf an, ihn vor seinen Kollegen zu provozieren? Nein, von diesem jungen Ding wollte er sich nicht zum Narren machen lassen. Einen Moment spielte er mit dem Gedanken, Marion als dringend Tatverdächtige vorläufig fest zu nehmen. Aber mit einem so dünnen Beweismaterial wollte er dann doch lieber nicht vor den Haftrichter treten. Stattdessen ranzte er sie lautstark an: „Wenn Sie sich nicht augenblicklich zügeln, sorge ich dafür, dass Sie in Duisburg ein Disziplinarverfahren an den Hals kriegen, das sich gewaschen hat. Darauf können Sie Gift nehmen!“
„Das mit dem Gift streichen Sie lieber. Könnte für Sie wenig hilfreich sein,“ erwiderte Marion ruhig. „Ich werde mich hier noch ein wenig umsehen. Und wenn mir dann etwas auffällt, wende ich mich vertrauensvoll an Ihren erheblich aufgeschlosseneren Kollegen.“
Bödecker kochte. „Sie werden jetzt hier verschwinden! Wir haben jeden befragt, der auch nur im Entferntesten als Täter in Betracht kommen könnte.“
„Da habe ich erhebliche Zweifel.“
Karsten Roloff schaltete sich nun beschwichtigend ein. Alle seien wohl ob dieser brutalen Tat recht nervös. Und ernsthaft glaube niemand, dass die Duisburger Kollegin irgendetwas mit dem Verbrechen zu tun habe. Sie dürfe nicht alles so wörtlich nehmen, der Kollege Bödecker habe das nicht so gemeint.
Marion lächelte über dieses Friedensangebot und nickte zustimmend. „Wie sagt man? – Hunde die bellen, beißen nicht. Ist schon okay so.“
Ruckartig wandte Bödecker sich um und verließ wutschnaubend den Kinosaal. Für ihn stand es fest, dass er sobald wie möglich eine schriftliche Beschwerde gegen diese dreiste Person ausarbeiten würde. Froh, den Störenfried los zu sein, schritt Marion die Sitzreihen ab. Klebestreifen kennzeichneten jene Sitze, die zur Tatzeit von Besuchern belegt waren. Von jedem Platz aus stellte sie in Gedanken eine direkte Linie zum Opfer her. Roloff, der sie interessiert dabei beobachtete, ahnte ihre Gedanken. „Glauben Sie an ein Wurfmesser?“
„Ich versuche das gerade zu prüfen, - besser gesagt, es auszuschließen. Der Täter müsste ein Zirkuskünstler von Weltklasse sein, um auf diese Entfernung zu treffen. Außerdem hätte er von hier hinten nicht unbemerkt von den anderen Besuchern das Messer schleudern können. Auch keines, das er vorher sorgfältig geschwärzt hat.“ Marion sah Ihren Berliner Kollegen ernst an. „Ich denke, das Messer wurde mit einer Hilfseinrichtung regelrecht abgeschossen, - vielleicht eine Art umgebauter Armbrust.“
Nun befielen auch Roloff Zweifel, ob er diese Frau weiter ernst nehmen durfte. Hatte sie Spaß daran, sich hier in dieser Weise aufzuspielen? – „Warum glauben Sie das?“, fragte er zögernd und mit unüberhörbarem Zweifel.
„Der Handschuh unter meinem Sitz, – das war ein kapitaler Fehler des Täters,“ sinnierte Marion. „Eindeutig eine falsche Spur, die vom wahren Hergang ablenken soll. Solche Aufmerksamkeiten von Tätern nehme ich stets mit Dankbarkeit entgegen.“
„Mit einer Armbrust hier im Kino herumzuschießen? Und das soll kein Mensch bemerkt haben?!“ Roloff wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Ging mit dieser Kollegin nun gewaltig die Fantasie durch?
„Lieber Kollege, drehen Sie sich mal um“, sagte Marion freundlich. „Schauen Sie nach hinten auf die Wand zum Projektionsraum. Schauen Sie auf die Durchbrüche, durch die das Licht vom Projektor auf die Leinwand strahlt. Einer dieser Durchbrüche diente als Schießscharte für eine Waffe, mit der das Messer abgeschossen wurde. Wie gesagt: Umgebaute Armbrust oder so etwas Ähnliches. Daher das grifflose Messer, daher der schwarze Anstrich, daher die Kerbe am Ende des Heftes. Und der dusselige Handschuh sollte uns weismachen, die Tat sei von Hand im Zuschauerraum erfolgt.“
„Man hätte doch den Schatten des Messers auf der Leinwand erkennen müssen.“
„Nicht unbedingt. Wenn der Projektionsstrahl aus dem linken Schacht austrat, das Messer aber aus dem rechten abgeschossen wurde, hätte es nie den Lichtstrahl geschnitten.“
„Und das Motiv?“
„Vielleicht wollte einer den perfekten Mord üben, Ihre Kollegen gründlich hinters Licht führen – was weiß ich. Auf alle Fälle war die Tat geplant und vorbereitet. Das beweist der gelbe Gartenhandschuh, - reine Irreführung.“
Roloff starrte Marion voller Respekt an. „Ist der Ermordete ein Zufallsopfer, oder galt der Anschlag gezielt dieser Person? Was denken ...“
„Also nun reicht’s! Sonst muss ich mir noch Gedanken darüber machen, ob ich nicht auch dieses Zufallsopfer hätte sein können“, unterbrach ihn Marion. „Wissen Sie was, verehrter Herr Kollege? Ich gehe jetzt. Den Rest werdet ihr wohl alleine schaffen.“
Roloff schickte zwei Beamte los, um den Vorführer dingfest zu machen. Er selbst begleitete Marion hinaus auf die Straße. Eine Weile ging er stumm neben ihr her und grübelte nach passenden Worten. Endlich wagte er die Frage, ob er sie zum Essen einladen dürfe.
Marion blieb abrupt stehen, zeigte mit ausgestrecktem Arm auf die andere Straßenseite und sagte: „Sehen Sie den Mann dort, da drüben neben der Laterne. Den kenne ich! Der ist hier in Berlin wegen einer VDE-Tagung.“
„Und wer ist das?“, fragte Roloff interessiert, wieder ganz Polizist. „Wird er gesucht?“
„Gesucht nicht, aber erwartet – vor mir. Das ist Sven, mein Freund. Tschau! War nett, Sie kennen zu lernen.“ Sprachs, hangelte sich wieselflink zwischen zwei Autos hindurch über die Straße und rannte in die ausgestreckten Arme ihres Lebenspartners.
Als Roloff seine Enttäuschung überwunden und seinen traurigen Dackelblick abgelegt hatte, griff er zum Handy und erfuhr, dass seine Kollegen den Vorführer gefunden hatten. „Bringt ihn ins Kommissariat. Ich komme gleich.“ –
Für Marion hingegen hielt dieser Abend noch eine ganz andere Überraschung bereit.
Seit drei Monaten lebte sie mit Sven zusammen in dessen Haus. Ihre alte Wohnung hatte sie geräumt, nachdem ihre Tochter Svenja alle Ängste und Vorbehalte gegen ihn nicht nur überwunden hatte, sondern in ihm schließlich einen Freund fand, dem sie vertraute und zu dem ihre innere Bindung stärker und stärker geworden war. Sven, der schon einmal glücklich verheiratet war, hatte vor zwei Jahren am Ende eines Urlaubs an der Algarve Frau und Tochter beim Absturz eines Rundfliegers verloren. Seitdem hatte er allein in diesem Haus gewohnt, das er einst für seine Familie baute.
Als er Marion und Svenja kennenlernte, erschien es selbst diesem nüchtern denkenden Ingenieur wie ein Wunder, - als wolle ihm der Himmel angesichts eines schreienden Unrechts sein verlorenes Glück zurück geben. Eine selbstbewusste, sympathische junge Frau, eine Tochter, die Svenja hieß ... Sven und Ja! Solch seltsame Assoziationen geisterten ihm durch den Kopf, so dass er diese Begegnung als einen gut gemeinten und zugleich mahnenden Wink des Schicksals empfand. Ohne langes Zögern und Prüfen griff er zu. Und genau das fiel bei Marion auf fruchtbarem Boden. Denn sie kannte bisher nur schwache, unentschlossene Männer, angefangen bei ihrem Vater über Henning, ihrem ersten Lebenspartner und Vater Svenjas bis hin zu dem weichlichen Arno, der ihr Kind eines Tages brutal missbrauchte.
Zwar erschien ihr Sven beim ersten Kennenlernen grob und unfreundlich. Einen „Hackklotz“ nannte sie ihn, und tat dies auch heute noch manchmal. Doch schon nach wenigen Stunden hatte er bei ihrer ersten Begegnung ihr Gefühlsleben arg durcheinander gewirbelt. Nein, zu diesem Zeitpunkt wollte sie wirklich keine neue Beziehung, - auf gar keinen Fall! Aber Sven war stärker und blieb später in vielen Situationen auch der Stärkere.
Jetzt, da sie alle beisammen wohnten, umgab ihn wieder eine heile häusliche Welt. Er hatte eine Frau, die er liebte, und er hatte eine Tochter, der er ebenso viel väterliche Fürsorge und Aufmerksamkeit schenkte, als sei sie sein leibliches Kind. Und da er auch Svenjas Zuneigung immer wieder spürte, war es für ihn die natürlichste Sache der Welt: Dies ist meine Familie.
An ihrem letzten Abend in Berlin saßen Marion und er in einem gemütlichen Restaurant an einem kleinen Tisch in einer Nische, wo sie sich ungestört unterhalten konnten und keine unerwünschten Lauscher befürchten mussten. Diesen Tisch hatte Sven mit Bedacht ausgewählt, Denn er hatte seiner „Rio“, wie er Marion seit Kurzem liebevoll nannte, etwas Wichtiges zu sagen. Und er war trotz seiner oft derben Art einfühlsam genug zu wissen, dass er ihr damit ein seelisches Problem aufbürden würde. Was ihm unausweichlich und geradezu logisch erschien, könnte sie ängstigen. Zu unterschiedlich waren ihre bisherigen Lebenserfahrungen in der Liebe und in der Partnerschaft.
Sven wusste auch, dass Marion nächtelang gegrübelt, gezweifelt und sich geängstigt hatte, ehe sie bereit war, zu ihm zu ziehen. Vielleicht hatte Svenja am Ende den Ausschlag dazu gegeben. Das Mädchen hatte geradezu ein Übermaß an Vertrauen zu ihm aufgebaut, was Marion nicht verborgen geblieben war, ohne dass sie sich dieses Phänomen erklären konnte. Denn immer noch hatten das Mädchen böse Albträume geplagt, die es nachts manchmal aufwachen und vor Angst aufschreien ließen. Seit dem Umzug – so schien es ihr – wirkte Svenja ausgeglichener, fröhlicher, und die bösen Träume wurden seltener. Hatte es damit zu tun, dass sie in der neuen Umgebung nichts mehr an Arno, ihren Peiniger, erinnerte?
Sven hatte sicherlich ein feinfühliges Gemüt und machte sich gern über Menschen in seiner Umgebung tiefschürfende Gedanken, doch es war ihm nicht gegeben, sich dementsprechend zu artikulieren. Und somit kam an diesem Abend, wo er mit seiner Rio so ungeheuer Wichtiges zu besprechen hatte, wieder der „alte“ Sven zum Vorschein, den Marion bei ihrer ersten Begegnung spontan „Hackklotz“ taufte.
Bevor das Dessert serviert wurde, beugte er sich zu ihr hin, sah sie eine Weile geheimnisvoll schweigend an, ehe er sachlich bestimmend sagte: „Wir sollten heiraten, - denke ich.“
Einen Augenblick schien Marion wie betäubt, dann fing sie sich und lachte heiser. „Das ist doch nicht dein Ernst! – So altmodisch sind wir doch beide nicht!“ Sie schüttelte den Kopf und hätte gern ganz schnell das Thema gewechselt.
„Aber ich denke, wir lieben uns. Jetzt sind wir doch eine richtige Familie, leben zusammen ...“
Himmel, der meint das wirklich so, schoss es ihr durch den Kopf. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm. „Ja, ich denke – nein, ich weiß es: Wir lieben uns. Und das ist wunderbar. Es macht mich wirklich glücklich. So soll es auch bleiben! Da muss man nicht obendrein heiraten. Und alles Materielle lässt sich auch anders regeln.“
„Das ist wahr. Aber darum geht es mir nicht. Ich finde, ein feierlicher Bund fürs Leben ...“
„Sven, der Romantiker! He, so kenne ich dich ja gar nicht. Wenn ich Eheringe sehe, erinnern die mich an die beiden Hälften von Handschellen, an Fesseln, an eingesperrte Tiere im Zoo und all so was“, sprudelte es aus ihr heraus. Sie lächelte, da sie glaubte, Oberwasser in dieser Frage zu bekommen.
