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Humorige, mystische, nachdenklich stimmende, schicksalhafte, spannende Erzählungen vereint dieses Buch. Teils erdacht, teils erlebt. - Zwei Berliner Frechdachse verirren sich mit Opa aus dem Sauerland in Wuppertal bei einer aufregenden Schwebebahnfahrt. - In einer Geisterbahn hat Jessica ihr "first date", - wie einst der Autor, der drei peinliche Rauswürfe aus seinem Leben schildert: als Messdiener, als Chorknabe, als Tanzschüler. - Bastian trifft seine alte Bekannte Marion Zelenka wieder; zu dumm, dass sie inzwischen Kriminalhauptkommissarin ist! - Vielleicht wäre sie die Frau seines Lebens geworden, wenn er auf dem Bahnsteig mehr Mut aufgebracht hätte. Seinen Zug verpasste er nicht, aber vielleicht die große Liebe. - Gerda verdankt dem Geist eines Toten ihr Leben, und Grit verdankt ihm, dass sie nicht zur Mörderin wurde. - Peters Fahrradunfall stürzt ihn in eine Ehekrise; Luise kocht vor Eifersucht. - Sie kann in Wahrheit richtig gut kochen, - auch wenn es dem Pärchen aus Meschede nicht so recht mundet. - Noch weniger kulinarisch angetan sind jene vier, die eine merkwürdige Tomatensuppe serviert bekommen. Wirklich aufgebrühter Mülleimer?
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Seitenzahl: 176
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Kurt Mühle
Hin und her und hinterher ...
Erlebtes, Erträumtes, Erdachtes
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Fast wäre ich Pianist geworden ...
Falsch geparkt
Klerikale Flegeljahre
Luise kocht für Kallemann
Möppi
Nirgendwo
Nur mal nach ’ner Bluse sehen ...
Warten und Hoffen
Antwort an Jessica
Späte Rache
Ein Engel vor Gericht
Bastians Geschichte
Auffahr-Unfall
Fidelius
Meine Freundin Lilian
Tanzschule
Verloren und gefunden
Impressum neobooks
Eine wahre Geschichte ...
Wann ist eine Geschichte wahr? Wenn alles wirklich so geschah, wie es geschrieben steht? Oder: wenn alles geschrieben steht, was auch wirklich geschah? Ist Letzteres machbar?
Nichts auszulassen – nichts hinzuzufügen – nicht zu deuten – nicht zu werten – die eigene Sicht zu ignorieren?
Wie steht’s mit den Gedanken, die durch aller Köpfe schwirren, ohne Zeit und Raum zu kennen? Vergangenes mischt sich mit dem Heute, schweift ab zu Plänen, zu Träumen, zu Illusionen. Ängste verdrängen Freuden. Zufallsbilder leuchten auf und versinken wieder, gleich einem bunten Kaleidoskop.
Können denn Geschichten überhaupt wahr sein?
„Schreib’, was dir gerade in den Sinn kommt. Dann ist es auch wahr“, sagte einmal Luise, von der in diesem Buch oft die Rede sein wird. Die Wahrheit des Augenblicks ...
Also, in diesem Sinne, frei den Gedanken folgend, geht es hin und her, und manchmal meldet sich das Hinterher.
“Sechsunddreissig Jahre für das gleiche Unternehmen tätig! Nee, ich weiß nicht, ob das ‘n Renommee ist“, frotzelte Freund Peter, als ich zufrieden mein Berufsleben an den Nagel hängte. Luise, zufällig ebenso lang seine bessere Ehehälfte - die ach so naheliegende rhetorische Retourkutsche verkniff ich mir jetzt - , meinte augenzwinkernd dazu: “Na, vielleicht war‘s ja nicht nur Beruf, sondern so etwas wie Berufung ...”
Elektro-Ingenieur aus Berufung ...? Ich?! – Luise liebte es halt theatralisch. Ich aber musste lachen; zwar hatte ich gern in meinem Fach gearbeitet, aber Berufung ...? Das war etwas zu hoch gegriffen.
Luise wollte es genauer wissen, pranzelte gekonnt so lange herum, bis ich mich widerstrebend bereit fand, trotz ihres siegbewussten Schmunzelns einige Begebenheiten aus meinem Schwanken zwischen Beruf und Berufung, zwischen Pflicht und Kür, preiszugeben.
Man schrieb das Jahr 1947. Der zweite Weltkrieg war seit zwei Jahren vorbei, und ich war stolze 10 Jahre alt - doppelt so alt wie mein jüngerer Bruder. Meine Eltern besaßen viele Reichsmark, mit denen man aber nichts Begehrenswertes kaufen konnte. - Zigaretten und echter Bohnenkaffee waren die weit wertvollere Schwarzmarktwährung; man kaufte nicht, man tauschte. Dabei durfte man sich tunlichst nicht erwischen lassen; denn Schwarzmarkt-Handel wurde hart bestraft, obwohl ein jeder ihn - der Not gehorchend - mehr oder weniger erfolgreich betrieb.
Jedoch, meine Eltern hatten weder eine Kaffee-Plantage noch eine Tabak-Farm. Mein Vater war Maschinenbau-Ingenieur und verdiente damit Reichsmark und eine Lebensmittelkarte, die zum Einkauf einer vorgegebenen Menge Nahrungsmittel berechtigte. Nebenbei malte er Ölbilder, meist Landschaften, Blumen und auch Portraits. Als Tauschware eigneten sich solche Barockrahmen-Bilder zunächst nicht; die Deutschen hatten damals wahrlich fundamentalere Bedürfnisse als Kunstwerke zum Verschönern der häuslichen Wände zu erwerben.
Wir wohnten in Düsseldorf in Flughafen-Nähe, wo eine britische Armee-Einheit stationiert war, die auch für Verwaltungs- und Versorgungs-Aufgaben Deutsche beschäftigte. Einer dieser Glücklichen war unser Nachbar. Und so ergab es sich, dass irgendwann aus dem Kreis der Briten ein nutzbringendes Interesse an Vaters Bildern entstand. Bei uns gab’s daher fortan des öfteren Weißbrot, Nescafé, Kekse, Schokolade, Kakao, Dosenmilch und ähnliche Kostbarkeiten.
Irgendwann führte der illegale Tauschhandel zu einer grotesken Situation: eines Tages stand unser ganzer Keller voll mit Blechdosen und Blecheimern mit eingelegten Heringen, Sellerie und Kürbis. - Wohl ein Gelegenheitstausch!? Oder musste das Zeug bei den Briten weg? Wer weiß? - Nach spätestens drei Wochen hing uns der Kram bis zum Erbrechen zum Halse heraus. Meine Eltern tauschten nun etliche der Konserven gegen andere Waren ein; so gab es jetzt oft Hasenbraten und Hasenpfeffer. Die Hasen stammten von einem “Jäger”, der nächtens mittels eines Frettchens auf dem Nordfriedhof nach Hasen jagte.
Dennoch, der Dosen-Vorrat wollte und wollte nicht kleiner werden. Er hätte vermutlich hundert Jahre gereicht, wäre da nicht ein Gastwirt mit mehreren Kneipen gewesen, der sich anbot, den ganzen Bestand zu übernehmen, um damit künftig seine Gäste zu beglücken. Das Problem war nur, dass er zunächst dafür außer praktisch wertloser Reichsmark kein Äquivalent anzubieten hatte, bis ... ja, da war das Staunen groß!
Eines Tages war der Keller leer, aber dafür schleppten vier stämmige Männer einen riesigen Holzkasten in unser Wohnzimmer und platzierten das Ungetüm sorgsam an einer Wand. Mutter rief uns verdutzten Kindern freudig zu: “Da staunt ihr, was?! - Wir haben jetzt ein echtes Klavier!”
In den folgenden Tagen quälten wir unsere Eltern mit sehr freiem Zwölfton-Geklimper, was zwangsläufig die Frage nach dem tieferen Sinn dieser Anschaffung aufwarf. Die Antwort schien ganz einfach und wurde fern allen Demokratieverständnisses gefunden. Ich wurde auserkoren, Klavierunterricht nehmen zu müssen. Um mir die Sache schmackhaft zu machen, wurde ich mit allerlei Namen von angeblich berühmten Konzertpianisten konfrontiert, und wenn aus dem krächzenden Mittelwellen-Röhrenradio Klaviermusik ertönte, hieß es gleich: “Hör doch mal - wie schön ...” - Es schien klar, mich würde eine große musikalische Zukunft erwarten.
Die raue Wirklichkeit sah allerdings anders aus: Schule, Schularbeiten und dann drei Mal in der Woche mit der Straßenbahn zur Klavierstunde fahren, während sich meine Freunde auf der Straße mit allerlei Spielen und Streichen vergnügten. Meine Klavierlehrerin, ein Fräulein R., erzählte mir von einem gewissen Mozart, der bereits mit vier Jahren öffentlich auftrat. - Gut, dachte ich, dann ist für mich der Zug ohnehin abgefahren, - mein kleiner Bruder könnte es hingegen noch so eben packen. Dieser Logik versagten meine Eltern aber jegliche Einsicht, doch mit meiner Klavier-Begeisterung war es erst mal vorbei. Widerwilliges Üben ohne Fortschritt, - Fräulein R. erkannte es und mahnte und schimpfte, und ich lernte, sie dafür zu hassen.
Hin und wieder veranstaltete sie “Musikabende”, zu denen alle ihre Schülerinnen und Schüler und auch deren Eltern eingeladen wurden. Jeder ihrer Zöglinge musste irgendetwas auf den schwarzen und weißen Tasten zum Besten geben. Ein grausames Unterfangen; denn für mich war dies stets ein erzwungener Blamage-Akt.
Fräulein R. betätigte sich dabei auch als Musik-Pädagogin und berichtete salbungsvoll von großen deutschen Komponisten. Irgendwann fiel mal der Name “Chopin”. Fräulein R. reagierte ärgerlich, sprach von verklemmten Fingersätzen, unerlaubten Dehnungen und slawisch “undeutscher” Melodik. Das tausendjährige Reich ließ hier offenbar grüßen. Dieser Chopin – so schien es mir - musste jedenfalls ein ganz schlimmer Finger gewesen sein. Zufällig erfuhr ich wenig später durch Lange-Ohren-Machen bei einer Unterhaltung Erwachsener, dass Fräulein R. Klavierlehrerin wurde, nachdem sie ihr Konzert-Examen nicht geschafft hatte. Als Pflichtteil hatte auf dem Programm die erste Etüden-Reihe op. 10 von Frederik Chopin gestanden.
Klasse, dieser Chopin!, dachte ich. Ist man selbst ein Versager, - gibt’s dann Erhebenderes als zu erfahren, dass die große Klavierquälerin selbst eine Versagerin war? - Und so eine Versagerin sollte mir etwas beibringen?! - War ja wohl ‘n Witz! Immerhin, mit dieser Motivation und zähem Ringen schaffte ich es, dass mich meine Eltern vom Klavier-Stress schließlich erlösten. Ein Fortschritt war ja weder zu erkennen noch zu erwarten.
Ich brauchte künftig auch weder Bekannten noch Verwandten, die zu uns zu Besuch kamen, auf dem Pianoforte etwas vorzustümpern. Allerdings geisterte da immer eine ganz andere Frage durch den Raum: „Wie macht sich der Junge denn in der Schule, und was soll er eigentlich später mal werden?“
Was soll er mal werden ... Selten, dass ich mal gefragt wurde, was ich denn mal werden möchte. Mein Vater hatte längst beschlossen, ich müsse ins Kaufmännische gehen. Kaufleute würden immer gebraucht, und ich sei ja auch ganz gut im Rechnen.
Mit dem Kaufmännischen verband ich das Feilbieten von Gurken, Stangeneis, Postwertzeichen, Maisbrot, Schnittblumen und Schulartikeln. Wahrhaft wenig aufregende Tätigkeiten! Auf der Penne war damals neben Latein mein schwächstes Fach ausgerechnet Deutsch. Zwar rettete ich meine Zensur durch nahezu fehlerfreie Diktate immer über die kritische Grenze, erlebte mit meinen Aufsätzen aber meist ein Desaster, - dank Studienassessor Fleischhauer. Von ihm soll später noch die Rede sein. Ihm missfiel damals die unkonventionelle Art, in der ich die von ihm gestellten trivialen Aufsatzthemen abhandelte.
Eines Tages dann die Götterdämmerung: Im neuen Schuljahr wurde der alte Fleischhauer durch den jungen Deutschlehrer Körber abgelöst, der die ganze Klasse mit neuartigen Aufsatzthemen irritierte. „Glas“, schrieb er einmal an die Tafel, und wir sollten schreiben, was uns dazu einfiel. Nachdem ich in den folgenden Wochen und Monaten meist den besten Aufsatz schrieb, meinte Körber irgendwann mal – vermutlich nur scherzhaft – zu mir: „Du könntest glatt Schriftsteller werden.“
Jawohl! Das war’s doch, - Schriftsteller! Der Vorschlag wurde von mir sofort akzeptiert und stolz meinen Eltern unterbreitet. Doch welch eine himmelschreiende Ignoranz! Wovon ich denn leben wollte? Am Hungertuch würde ich nagen und im Armenhaus landen. Auf dem nackten Fußboden müsste ich schlafen zwischen Ratten und Trunkenbolden. Nein, erst was Ordentliches lernen! Schreiben könnte ich ja nebenbei immer noch ... Und so geschah es auch. -
„Eigentlich schade“, bedauerte Luise. „Ich wollte früher zum Film. Durfte ich auch nicht. Musste stattdessen Psychologie studieren. C’est la vie.“
Peter konnte sich dazu eine Bemerkung nicht verkneifen: „Und darunter hab’ ich heute zu leiden. Die Psychologin durchschaut mich, und die Schauspielerin macht mir währenddessen was vor.“
„Kondolenz beim nächsten Mal“, erwiderte ich lachend. „Alles halb so schlimm: Schriftsteller wollte ich werden und wäre beinahe Pianist geworden. Kaufmann sollte ich werden und wurde schlussendlich Elektro-Ingenieur. Nun bin ich Ruheständler und fang noch mal ganz von vorne an, - eben als Schriftsteller. Man muss sich im Leben halt durchsetzen, früher oder notfalls auch später ...“
„Dann lies uns mal was vor aus deinen Werken, - diese neue Wuppertal-Geschichte zum Beispiel.“ Vorlesen? War ich etwa hier der Märchenonkel? Doch Luises strenger Blick erstickte in mir jedes Widerwort; denn ich erinnerte mich zugleich an das letzte Mal, als ich Luise irgendwie mit irgendetwas geärgert hatte. Die vorzügliche Köchin kredenzte mir nämlich bei der nächsten Einladung zu einem köstlichen Schweinerollbraten feines Gemüse, diese schaurig schleimige Mischung aus Erbsen, Möhren und Dosenspargel – bösartigerweise Leipziger Allerlei genannt -, und als Beigabe servierte sie quietschsauren Gurkensalat. Damit hatte sie voll ins Schwarze getroffen. Solche Qualen wollte ich nicht noch einmal erleben, also las ich lieber ...
Sommer 2005, und dahin sind sie, - die Träume von Gambas, Sonne, Sand und Meer auf Teneriffa! Aus zerplatzten Vorfreuden bleibt nur ein Trost: die Reiserücktrittsversicherung. Ach, die Lehmanns hatten alles schon bis ins Kleinste geplant und eingekauft: von der Sonnenmilch bis zum Reiseführer. Und nun das! Papa arbeitslos ... Firma pleite. Unsicherheit, Angst und Sorgen erfüllen die Eltern; doch die Kinder sollen nichts davon merken. Teneriffa muss halt verschoben werden, weil Papa „wichtige andere Termine hat“. Aber Oma und Opa würden sich bestimmt riesig freuen, wenn die süßen Enkelkinderchen die Ferien bei ihnen im Sauerland verbrächten. Immer wieder hatten sie dies angeboten, ja geradezu darum gebeten. Jetzt ist ein günstiger Zeitpunkt gekommen, die beiden Kinder für ein paar Wochen bei den Großeltern zu parken.
Und so kommt der letzte Schultag einer Berliner Klasse vor den Sommerferien. ’Es ist immer so gewesen: Am letzten Tag wird vorgelesen!’ steht wie üblich an der Tafel, doch stattdessen bietet die Lehrerin, Frau Hasenbein, eine Plauderstunde über die Ferienziele ihrer Zöglinge an. Portugal, Mallorca, Österreich, Malediven, Schweden, Italien, Spanien, Mexiko, - so hört man die Klasse in kindlicher Vorfreude durcheinander rufen, bis eine Mädchenstimme für allseitiges Erstaunen sorgt: Sauerland ...! Wie – was? Wie war das? – Sauerland?? - Das schreit nach Aufklärung. Und Zicke, wie diese kleine Sauerland-Exotin hier genannt wird, sagt, sie werde die Ferien mit ihrem kleinen Bruder bei „Omma und Oppa“ eben im Sauerland verbringen. Grund genug für Frau Hasenbein, zehn Minuten Erdkunde-Unterricht über das nahe und doch so ferne Sauerland zu erteilen, um dann zu fragen, wo denn Oma und Opa dort genau wohnen.
Zicke hebt bedauernd die Schultern, als wüsste sie es nicht. Dabei kennt sie den Namen des kleinen Ortes sehr genau, mag ihn aber nicht nennen, - mit gutem Grund. Denn Ingo, ihr derzeitiger Kinderlebensabschnittsgefährte, - also dieser Ingo hatte sie das auch gefragt, und sie hatte wahrheitsgemäß geantwortet: „Oberholzklau“. Da hatte Ingo ihr nur den Vogel gezeigt und gemeint: „He, verarschen kann ick mir alleene.“
Überhaupt dieser Ingo ... Der war Schuld daran, dass sie sich von allen widerspruchslos „Zicke“ rufen ließ. Immer noch besser, als mit richtigem Namen angeredet zu werden. Denn als sie Ingo nach langem Zögern verraten hatte, dass sie in Wahrheit „Paula“ hieße, da hatte der rotzfrech gegrinst und kopfschüttelnd gemeint: „Denn nenn ick dir doch lieber Zicke.“ – Zicke sei ja auch nicht so schlimm; erst Adjektive wie olle Zicke, blöde Zicke oder kleene süße Zicke drückten den Grad der Wertschätzung aus. Aber Paula? Nee, das wär’ für sich alleine schon ’ne Katastrophe!
Die nicht gerade überschäumende Fantasie ihrer Eltern bei der Namensgebung zeigte sich vollends bei der Taufe ihres kleinen Bruders, dem der Name „Paul“ aufgedrückt wurde; heute wird er nur „Paule“ gerufen. Ist von beiden Kindern die Rede, spricht man nur von PP oder von den Paulanern. Nur Oma und Opa reden in sauerländischer Korrektheit noch von Paul und Paula, - weil das ja so schöne christliche Namen sind. -
Zicke ist gerade elf geworden, Paule ist fünf und wartet sehnsüchtig auf seine Einschulung, um den ewigen Vorwurf los zu werden, eine vernünftigere, klügere Schwester zu haben. Doch nun sind erst mal Ferien. Am anderen Morgen verlädt Papa die beiden in sein Auto. Ab geht’s über die Autobahn in Richtung Westen. Und während andere Kinder sich schon im Landeanflug auf Mallorca befinden, nerven die PPs in schöner Regelmäßigkeit mit der Frage, wann sie denn nun endlich da seien. – Paule besteht schließlich darauf: „Ick will als erster bei Oppa auf seine Kuh reiten!“
Papa verbringt einen Teil der Fahrt damit, den Kindern die Realitäten des Sauerlandes näher zu bringen. Paule muss begreifen, dass sie zwar nach Westen, aber keinesfalls in den Wilden Westen fahren und dass das Sauerland nicht unmittelbar neben Texas liegt. Es gäbe bei Oma und Opa folglich keine Kühe, Pferde, Schweine, Ziegen oder Hühner, - nur „Molli“, den altersschwachen Chow-Chow. Eine Disco sei auch nicht am Ort, auch kein Kino, - aber Tropfsteinhöhlen und vor allem wunderschöne Wälder, die zu Wanderungen und Spaziergängen in frischer, gesunder Luft einlüden.
„Könn’ wa nich’ mit dir wieder nach Berlin zurück? – Bitte ...!“ In diesem Wunsch sind sich die beiden Paulaner angesichts solcher Aussichten sofort einig. Da es leider keine Autobahnausfahrt „Oberholzklau“ gibt und auch die Ausschilderungen auf den Landstraßen in dieser Hinsicht eher dürftig sind, macht Papa unfreiwillig eine kleine Sauerlandrundreise mit zahllosen Unterbrechungen, um unschuldige Passanten nach dem Weg nach „Oberholzklau“ zu befragen. „Oi – jei“, so beginnt meist die wenig hoffnungsvoll stimmende Antwort.
Ein Mopedfahrer schließlich zeigt sich kundig. Er wisse genau, wie man dahin kommt. „Aberrr“, fügt er mit dem rollenden R des Siegerländers hinzu, „eine Beschrrreibung nützt da nichts – das finden Sie nie!“ Und obwohl Zicke darob höchst unfein mit verdrehten Augen ein typisches Kotzgeräusch von sich gibt, bietet sich der Mann an, vorweg zu fahren. Der Vorschlag wird dankbar angenommen, und so zuckelt Papa hinter dem Moped her, stochert nervös zwischen dem ersten und zweiten Gang hin und her, als es durch Kurven und über Steigungen geht, die das Zweirad vor ihnen kaum zu schaffen scheint.
„Is man juut, wenn man so’n schnellen Schlitten hat“, lästert Paule, und Papa unterdrückt mühsam ein Wutgeheul. Doch irgendwann erreicht man Oberholzklau und das schmucke weiße Hanghäuschen von Oma und Opa. Vor dem Aussteigen erinnert Papa eindringlich an die getroffenen Benimm-Vereinbarungen, ehe die Paulaner die herzliche Begrüßung mit nassen Schmatzern – und eiligem Wegwischen – zwar leidend, aber tapfer schweigend über sich ergehen lassen. Der Rest des Tages verläuft in harmonischer Ruhe, die beiden Kinder sind hundemüde. Letzter karger Dialog des Tages, als beide schon in ihren Bettchen liegen: „Na, wie find’sten det hier?“, ertönt die traurige Frage.
„Jenau so“, lautet die noch traurigere Antwort. -
Am anderen Tag fährt Papa nach Berlin zurück; die Vorfreude auf einige ruhige Stunden Autofahrt ist ihm beim Frühstück überdeutlich anzumerken. Zicke besteht darauf, mit Oma zum Ortseingang zu wandern, um – zur Sicherheit gleich mehrmals – das Ortsschild „Oberholzklau“ zu fotografieren, - als Beweismaterial für Ingo und all die anderen Ignoranten in Berlin. Dann geht es zum Einkaufen im einzigen Laden am Ort. „O je“, stöhnt Paule, „so sah det früher bei Bolle aus.“ – Mit Süßigkeiten nach freier Wahl kann Oma die Stimmung erst mal retten.
Dann bricht für die Kinder die Hölle herein! Jedem menschlichen Wesen im Dorf, das ihnen begegnet, werden PP vorgestellt, müssen artig Händchen geben, während Oma voller Stolz Lobeshymnen über ihre braven intelligenten, fleißigen Enkel aus der Hauptstadt vom Stapel lässt. Zicke zieht eine immer längere Flappe, Paule jammert, er wolle nach Hause, und als das alles nichts fruchtet: „Oma, ich muss mal ...!“ – Zu Hause backt Oma Kuchen mit den Kindern, geht anschließend mit ihnen auf den Spielplatz, wieder zu Hause spielt man „Mensch ärgere dich nicht“, dann Mittagessen, und danach ist Ruhe angesagt, weil Opa sein Mittagsschläfchen hält. Nicht mal den Fernseher darf man zu dieser Stunde einschalten. Also betätigt sich Oma als flüsternde Geschichtenerzählerin. So schleichen die Stunden dahin. Am Abend ist Oma völlig abgeschlafft und verdonnert Opa, sich am nächsten Tag um die Kinder zu kümmern. „Fahr mit ihnen irgendwohin, an die Biggetalsperre oder zum Kölner Dom oder nach Wuppertal zur Schwebebahn, - ja das ist doch etwas, das es in Berlin nicht gibt – die Schwebebahn!“ – Opa nimmt seufzend ein Lexikon aus dem Schrank, um sich über die Geschichte der Schwebebahn zu informieren. Daraufhin studiert er eine Straßenkarte; er war selber noch nie in Wuppertal.
Am Morgen packt Oma für die Expedition der drei einen Verpflegungs-Rucksack mit Broten, Kartoffelsalat, hartgekochten Eiern und Getränken. Sie winkt noch, und schon geht’s los in Opas nagelneuem Opel quer durchs schöne Sauerland. Opa meidet Autobahnen; Raserei liegt ihm nicht. Nun kann er seinen gähnenden Enkeln in aller Ruhe Lüdenscheid, Hückeswagen, Wipperfürth und Remscheid zeigen. Paule aber lenkt vom heimatkundlichen Vortrag unvermittelt ab: „Bist du eigentlich Mamas Papa oder Papas Papa?“ – Opa ist Papas Papa. Da seufzt Paule: „Na, denn weeß ick ja, bei wem ick mir noch bedanken muss.“
„Wofür denn bedanken?“, möchte Opa wissen.
„Det mein Pa früh jenug hier ausjewandert is’“. Opa vermag nicht zu antworten, denn eine kleine Serpentine, die hinab ins Tal der Wupper führt, beansprucht seine ganze Aufmerksamkeit. Dann ist er in der Stadt; das Schicksal scheint ein Einsehen zu haben und schenkt ihm sogleich einen freien Platz am Straßenrand, der sich vortrefflich zum Parken eignet. Bald stehen die drei auf einer ganz normalen Stadtstraße. Links und rechts mehrstöckige Häuser. In der Mitte der Straße, in halber Höhe der Häuser, zieht sich ein stählernes Ungetüm dahin: das mächtige Gerüst der Schwebebahn. Donnernd und quietschend braust auch schon der erste Zug über ihnen vorbei.
Opa ist fasziniert von der Technik; zum ersten Mal erblickt er dieses sagenhafte Bauwerk. Zicke schaut misstrauisch drein und fragt respektlos: „Det is’ die Schwebebahn?! So so. Watt schwebt ’n da eigentlich?“
Paule hat die Lösung parat: „Mensch, det is’ doch nur ’ne uffgehängte U-Bahn, weiter nüscht.“
Zicke hat eine weitere Frage: „Fährt die ooch im Winter oder nur jezz im Sommer, weil Kirmes is’ oder sowat Ähnliches?“ Opa erklärt, dass die Schwebebahn ganzjährig fährt und das Hauptverkehrsmittel der Stadt Wuppertal ist. Wieder kreischt ein Zug über ihnen daher. Nun schaut Opa ganz genau zur Fahrgastkabine hinauf und ist nicht mehr so sicher, dass er da wirklich einsteigen möchte. Aber versprochen sei versprochen, mahnen die Kinder. Und während sie die Stufen zum Bahnhof Vohwinkel emporsteigen, verspürt Opa leichtes Unbehagen und Herzklopfen.
Jeder der drei hat einen Fensterplatz ergattert. Gerade steigen noch drei Schuljungen zu, dreizehn oder vierzehn Jahre alt mögen sie sein; zwei davon sitzen Zicke gegenüber und haben augenblicklich etwas zu tuscheln. Die Türen fallen zu. Der Schwebebahnzug fährt los. Opa hält Ausschau nach einem Haltegriff. Links und rechts jagen die Fenster der Häuser vorbei, während auf der Straße unter ihnen normaler Autoverkehr herrscht. Dann legt sich die Bahn etwas zur Seite, es quietscht, die erste Kurve wird durchfahren. Opa verspürt ein unangenehmes Gefühl im Magen; vielleicht sollte er etwas essen und kramt eines von Omas Broten aus dem Rucksack.
„Da unten ist ja plötzlich lauter Wasser“, bemerkt Zicke nach einer Weile erstaunt, worauf einer der Schüler sie belehrt: „Das ist die Wupper.“
„Menno! – Ick hätt’ dat glatt für die Havel gehalten ...“ – Die beiden Jungen grinsen nur, da sie mit der Antwort nichts anzufangen wissen. Havel? Wer oder was soll das denn sein? – Immerhin beäugen sie ihr Gegenüber jetzt etwas forscher; die Elfjährige ist für ihr Alter recht weit entwickelt. Zicke bemerkt das Fixieren und erneute Getuschel und weiß genau, dass sie der Anlass dazu ist.
Als die Bahn in der nächsten Kurve wieder bedenklich quietscht, meldet Paule Zweifel am zuvor Gelernten an: „Und det Hängeding hier soll wirklich die sicherste Bahn von die Welt sein!?“
„Ist sie gar nicht“, meldet sich einer der Schüler und zeigt nach unten. „Erst vor ein paar Jahren ist hier eine Bahn abgesegelt ... Da unten hat sie gelegen – mitten in der Wupper –viele Tote und Verletzte.“
