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Lucas Timm ist fast am Ziel seiner Träume: Der lang herbeigesehnte Umzug in den Hamburger Szene-Stadtteil St. Georg steht kurz bevor. Jedoch wird dem Mitdreißiger schnell klar, dass er sich die hohen Mietkosten nicht leisten kann. Was liegt da näher, als das Praktische mit dem Nützlichen zu verbinden und ein Zimmer an schwule Touristen zu vermieten.
Wer Lucas kennt, der weiß, was das bedeutet: Der charmante Gastgeber wird zum begehrten Gastnehmer und tappt dabei selbstverständlich mal wieder von einem Fettnäpfchen ins nächste.
"Zimmer mit Einblick" ist bereits Band fünf und vereint all das, wofür seine stetig wachsende Leserschaft ihren Romanhelden liebt: Spontanität, Selbstironie, Herzlichkeit! Vor allem jedoch das Verlangen, den jungen Mann einfach mal in den Arm zu nehmen, wenn mal wieder alles anders läuft als geplant.
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Veröffentlichungsjahr: 2018
Zimmer mit
Einblick
Lucas Timm
ISBN-13:978-1533678416
ISBN-10:1533678413
Auflage, Juni 2016
©Lucas Timm 2016
Autorenblog/Homepage
www.facebook.com/lucastimmbuch
www.lucastimm.de
Covergestaltung: Thomas Juch
Homepage: www.thomas-juch.de
Kontaktmöglichkeit: [email protected]
Alle Rechte vorbehalten. Ein Nachdruck oder eine andere Verwertung ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors gestattet.
Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und unbeabsichtigt.
Die Lange Reihe und der dazugehörige Stadtteil St. Georg war für mich schon immer eine Art Soho in Hamburg.
Charmante Cafés, individuelle Geschäfte, Bewohner aus aller Herren Länder und ein harmonisches Miteinander, in denen vor allem gleichgeschlechtlich orientierte Paare zu Hause waren, weckten seit meinem ersten Besuch die gleiche, magische Anziehungskraft auf mich aus, wie die leicht verruchten Straßenzüge in London. Sogar einen schwulen Buchladen gab es.
Wir reden hier von dem Flair einer Metropole und nicht von dem spießigen Stadtteil Hamm-Nord, in dem ich nunmehr seit fast zehn Jahren lebte.
Natürlich war die spießige Gegend mit der Zeit ein Teil von mir selbst geworden. Also höchste Eisenbahn, rechtzeitig den Absprung zu schaffen.
Der Blick von der Rolltreppe zurück auf den belebten U-Bahn-Steig, ob vielleicht jemand Attraktives folgte und in Stimmung war, einen Abstecher in die Büsche im anliegenden Park zu machen, würde mir fehlen. Aber ich malte mir meine Chancen, jemanden unkompliziert in die eigenen vier Wände zu locken, in Sankt Georg noch sehr viel höher aus.
Wie oft scheiterten in den vergangenen Monaten Versuche, ein unkompliziertes Schwanzlutschen von der Toilette im Café Gnosa in mein eigenes Bett zu verlegen, sobald ich meine Adresse herausrückte:
„Ne du, lass mal. Das ist doch am Arsch der Welt. Mach lieber hinne, das bekommen wir auch hier schnell zu Ende“, war so eine typische Reaktion.
Zwar bot diese Art von Stress auch einen gewissen Kick, war aber eigentlich nicht das, was man sich unter einem genüsslichen Blowjob vorstellte.
Einen anonymen Quickie konnte ich nach wie vor im Schwimmbad oder in der Sauna oder im Stadtpark haben.
Abgesehen von den sexuellen Möglichkeiten, die die Lange Reihe bot, wohnten meine Freunde Torgan und Ronald seit fast einem Jahr über dem tollen „1000 Töpfe“-Laden, in dem man von Haushaltswaren über Schreibbedarf bis hin zu Heimwerkerbedarf alles bekam. Und nicht nur das: selbst in dem abgelegenen Raum für Wäscheständer und Mülleimer jeder Art waren sexuelle Schwingungen nicht ausgeschlossen.
Schwule Männer begegneten einem überall. Sogar der Kauf von Bananen und Schüttelshakes wurde in der Langen Reihe zu einem erotischen Erlebnis. Worauf wartete ich noch.
Also hinein ins Vergnügen und das Leben genießen, solange man es noch kann. Nun musste ich nur noch aktiv an die Suche herangehen, meinen Charme spielen lassen und wirklich jede Chance nutzen, um mein Ziel zu erreichen. Das sollte doch zu schaffen sein.
Kapitel 1
Mittwochs geschlossen! Bei Behörden die beste Voraussetzung, um spontan einen arbeitsfreien Tag einzuschieben.
Trotz Urlaub stellte ich meinen Wecker auf halb neun. Immerhin gab es viel zu tun. Ein ausgiebiges Frühstück kombiniert mit einem endlos langen Liebestelefonat nach Gran Canaria bildete die beste Stimmung für mein Vorhaben, eine neue Bleibe an Land zu ziehen.
In der Badewanne ließ ich mich von meinen Träumen treiben und malte mir den kommenden Lebensabschnitt im schwulsten Stadtteil Hamburgs aus.
Die Männer in den umliegenden Wohnblocks würden begeistert sein, wenn ich nur mit einem Handtuch bekleidet von der Dusche ins Wohnzimmer eilen würde, um noch einmal schnell ein paar Mails zu checken, bevor ich in verführerischer Unterwäsche mein Bett entern würde.
Die Zeiten, in denen Nachbarn sich über meinen Lebensstil mokierten wären ein für alle Mal vorbei.
Bei all der Euphorie und Zuversicht, bald ein neues Zuhause zu finden, vermisste ich meinen Freund, denn die Wohnung, die ich suchte, sollte eigentlich ein Heim für uns beide sein. Der Umzug in eine bessere Gegend war gleichzeitig eine gute Gelegenheit, Juan davon zu überzeugen, wieder zurück nach Deutschland zu kommen und sein Leben mit mir zu teilen. Meine Sehnsucht nach ihm, seinem hübschen Körper und der drolligen Seele war nach inzwischen fast zehn Jahren Fernbeziehung ungebrochen.
Ein Umzug bedeutete allerdings auch, dass sich meine geringe Miete von gerade mal zweihundertvierzig Euro bei gleicher Quadratmeterzahl sicherlich mehr als verdoppeln würde. Aber was soll´s. Mit einunddreißig Jahren war es an der Zeit, erwachsen zu werden. Zur Not müsste halt an Ausgaben für CDs, Klamotten und Konzerte und Englandreisen gespart werden.
Frisch gebadet und positiv in den Tag gestartet, schlüpfte ich in mein rotes Lieblingsshirt und eine schwarze Hose, um mich auf Wohnungssuche zu begeben. Mein eingestaubtes Fahrrad, das nun schon seit mehreren Monaten unbenutzt im Keller auf den nächsten Einsatz wartete, sah schlimmer aus, als befürchtet. Immerhin hatte der Drahtesel nicht aus Protest Mangels Zuwendung die Luft aus den Schläuchen gelassen. Mit einem alten Handtuch fuhr ich pingelig über den Rahmen und Felgen, die Lampen putzte ich mit einem angefeuchteten Waschlappen. An diesem Vormittag sollte alles perfekt sein.
Entlang der Grünflächen neben den U-Bahngleisen ging es in Richtung City. Meine Tour gegen den leichten Windzug war befreiend. Die Weichen standen auf Erfolg, das sagte mir mein Bauchgefühl. Dieses Mal musste es einfach mit der Wohnungssuche in Sankt Georg klappen.
Am Marktplatz in der Mitte der Langen Reihe schloss ich mein leuchtend blaues Rad an den Schaukasten des Bürgervereins und enterte erst einmal die große, moderne Bäckerei auf der anderen Straßenseite, um es mir bei einem Milchkaffee mit Schokoladencroissant gemütlich zu machen. Die Sonne strahlte vom Himmel und hatte eine Vielzahl meiner zukünftigen Nachbarn auf die Straße gelockt. Alle fünf Tische vor der Filiale waren belegt, doch ein junges Paar, das soeben die letzten Reste seines Schlemmerfrühstücks in sich hineinstopfte, winkte mir aufgeschlossen zu:
„Hallo! Wir sind fertig. Setz Dich ruhig schon hin. Sind eh gerade am Aufbrechen.“
Wie nett und mitdenkend die Leute in diesem Bezirk doch waren. So etwas war mir in Hamburg-Hamm noch nie passiert. Alles easy in Hauptbahnhofnähe.
Da saß ich nun in meiner neuen Heimat. Mitten im Getümmel von Großstadtmenschen.
Zwei schwule Männer schlenderten Hand in Hand an mir vorbei und guckten mir frech auf die Hose. Wenige Meter weiter drehte sich der jüngere der beiden um und zwinkerte mir zu. Ich fühlte mich wohl. Hier ließ es sich leben. Spießige Menschen, die ihre zotteligen Hunde spazieren führten und sich missmutig darum scherten, was in anderen Wohnungen passierte, musste man hier sicherlich suchen.
Aufgeregt durchstöberte ich den Immobilienteil des Hamburger Abendblattes, doch wieder war kein einziges in Frage kommendes Angebot dabei. Mir war klar, dass die Mühe, in diesem aufstrebenden Viertel ein neues Heim über Internetportale oder Annoncen zu finden, so gut wie vertan war.
Doch ein Lucas Timm weiß sich zu helfen und hatte seinen eigenen Plan, eine geeignete Bleibe an Land zu ziehen.
Mit mehreren Zetteln und Stift bewaffnet machte ich mich auf den Weg, mir alle Hausnummern der Gebäude aufzuschreiben, die für mich als zukünftige Anschrift in Betracht kamen. Die Liste nahm kein Ende. Allein in der Koppel, der ruhigen Parallelstraße zur Langen Reihe, fanden zwanzig Hausnummern Erwähnung auf meinem zerknitterten Blatt Papier. Hinzu kamen dreißig weitere Adressen in der Gurlittstraße und Danziger Straße.
Meine Aufstellung ergänzte ich durch Notizen zu Lage und Zustand des Hauses. Traumhafte Wohnungen fand man in den idyllischen Hinterhöfen, die mir zuvor gar nicht aufgefallen waren. Richtig beeindruckende Altbauten mit viel Grün vor der Tür. Dass es sowas überhaupt in der City gab!
Mir war allerdings auch klar, dass man sich glücklich schätzen konnte, wenn man überhaupt eine Bleibe in dieser Gegend fand. Dabei sollte es mir auch recht sein, über dem stinkenden Käseladen oder gegenüber des Mariendoms mit den lauten Glockenschlägen zu wohnen. Nur der Fischladen – den wollte ich auf keinen Fall vor der Nase haben, wenn ich morgens mit nüchternem Magen aus dem Haus ginge.
Noch vor Beginn der Gleitzeit drückte ich am nächsten Morgen den Power-Schalter meines Bürocomputers. Vor Aufregung und Tatendrang hatte ich nachts kaum ein Auge zu machen können. Auf dem Server des Einwohnermeldeamtes waren alle Anschriften der Grundeigentümer in Hamburg gespeichert und somit nur wenige Mausklicks entfernt.
Schon am Vorabend hatte ich es mir an meinen heimischen Schreibtisch gemütlich gemacht und einen netten Brief aufgesetzt, in dem ich die verschiedenen Gesellschaften und Privatbesitzer freundlich darum bat, sich unbedingt bei mir zu melden, wenn eine Wohnung in ihrem Haus frei würde.
Natürlich ließ ich jeden einzelnen von ihnen glauben, dass mein Interesse einzig und allein dem im Schreiben erwähnten Gebäude galt.
Rund fünfzig Briefe wanderten zwei Tage später frankiert und in Sonntagsschrift adressiert in den Briefkasten am Hamburger Hauptbahnhof. Nun hieß es also warten.
Nach fünf Tagen erreichten mich die ersten zwölf Briefe. Ich traute meinen Augen kaum. Bei näherem Hinsehen entpuppten diese sich jedoch als meine eigenen Poststücke, die nicht zugestellt werden konnten, da die Empfänger laut Vermerk „unbekannt verzogen“ waren.
Verärgert schmiss ich die Umschläge auf den Altpapierstapel in meiner Küche. Nicht einmal auf das Behördenverzeichnis war Verlass.
Immerhin erreichten mich im Laufe der Woche drei weitere Zuschriften: Zwei Eigentümer wiesen mich darauf hin, dass es sich bei den Objekten um reine Gewerbe- und Bürohäuser handelte. Ein anderer bedauerte, dass die Wohneinheiten im Haus erst bei einhundert Quadratmetern anfingen, was für eine Einzelperson natürlich viel zu groß und daher unbezahlbar war. Hinzu kam das FAX einer Genossenschaft, deren Mitarbeiterin mir freundlich schrieb, dass man mich auf die die iste für zwei Adressen meiner Wunschliste gesetzt hatte.
Triumphierend schmiss ich meiner Freundin Muriel am nächsten Morgen den Brief auf den Schreibtisch: „Von wegen, die nehmen keine neuen Mitglieder mehr auf. Wenn alles glatt läuft, sind wir bald Genossen“, blickte ich gewohnt positiv in die Zukunft.
Dank meines von Herzen kommenden Einsatzes wurde der auf der Homepage stehende Aufnahmestopp einfach ignoriert. Man musste nur glaubwürdig sein Interesse bekunden, um ans Ziel zu gelangen.
Nach der Arbeit eilte ich vom Hauptbahnhof in die ruhige Einbahnstraße, die nur zwei Gehminuten vom Schauspielhaus an der Kirchenallee entfernt lag. Die im Brief genannten Altbauhäuser in der Koppel ließen keine Wünsche offen. Beide lagen zudem in einem ruhigen Hinterhof.
Da weit und breit kein Mensch zu sehen war, studierte ich unauffällig die Namen auf den Klingelschildern und malte mir aus, welche Geschichten und Charaktere sich wohl dahinter verbargen. Die Beschriftung „Nolte“ ließ mich auf einen zeitnahen Todesfall hoffen, denn vor wenigen Wochen war eine alte Frau gleichen Namens in meiner Lindenstraßen-Serie verblichen. Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen, die vielleicht zukünftigen Nachbarn im Einwohnerregister genauestens unter die Lupe zu nehmen.
Entgegen meiner Erwartungen, sah die Zusammensetzung nicht so schwul aus, wie ich es mir in Sankt Georg erhofft hatte. Bis auf eine Männer-WG im dritten Stock waren nur Familien und alleinstehende Frauen gemeldet. Meine Vorfreude ließ mich schon wieder zum Träumen verleiten.
Wandfarbe, Vorhänge und vieles mehr fanden ihren richtigen Platz, ohne dass mir die Raumaufteilung überhaupt bekannt war. Stopp! Das ging eindeutig zu weit. Was, wenn man mich am Ende gar nicht als neuen Mieter wollte?
Um mir eine große Enttäuschung zu ersparen, legte ich mein Schreiben fürs Erste wieder in die rote Pappmappe zu den Adressen und Absagen der anderen Vermieter.
Die kommenden Wochen vergingen, ohne dass weitere Reaktionen auf meine Rundschreiben eingingen.
Eine Einzimmerwohnung direkt an der Langen Reihe buhlte um Interessenten über Zeitungsannonce. Das hässlichste Gebäude mit Blick auf eine Kreuzung lockte mit einer zweiunddreißig Quadratmeterwohnung zum stolzen Preis von fünfhundert Euro Kaltmiete. In meiner Verzweiflung, endlich umziehen zu können, zog ich es tatsächlich in Erwägung. das Loch zu mieten, bis ich etwas anderes finden würde.
Letztendlich siegte allerdings die eigene Vernunft. Beim Besichtigungstermin mit an die vierzig Mitbewerbern, verließ ich das sogenannte Single-Apartment, ohne einen Bewerbungsbogen auszufüllen.
In den darauffolgenden Monaten war ich mir gar nicht mehr so sicher, in diesem Fall die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Immerhin war es bisher die einzige Chance gewesen, meinen Lieblingsstadtteil zu erobern
Hätte ich besser doch zugreifen sollen?
Zu meinem Ärger reagierten dreißig Wohnungseigentümer überhaupt nicht auf meine Post. Wahrscheinlich waren noch andere Leute auf die Idee gekommen, die Besitzer zu belagern. Warum sollte es aber auch Menschen geben, die Sankt Georg freiwillig den Rücken kehrten und in langweiligere Stadtteile umsiedelten?
Verzweifelt klammerte ich mich an den letzten Funken Hoffnung, der mir blieb: Die Wohnungsgenossenschaft, die mich auf Warteliste gesetzt hatte. Spontan tippte ich ein paar Zeilen, um mich per FAX noch einmal in Erinnerung zu rufen. Was hatte ich schon zu verlieren?
Ein freundlicher Mitarbeiter rief mich noch am selben Nachmittag zurück.
„Guten Tag, Herr Timm. Es ist ja wirklich beeindruckend, wie sehr sie sich darum bemühen, Mitglied bei uns zu werden. Noch ist leider nichts frei, aber so wie es aussieht, tut sich da in nächster Zeit etwas. Ich kann allerdings noch nichts Genaueres sagen.“
Am liebsten hätte ich den Engel am anderen Ende der Leitung umarmt. So blieb es bei einem tief aus dem Herzen kommenden Dank.
Brief in meinen Kasten, in dem mir die Wohnungsgenossenschaft tatsächlich ein spezielles Mietobjekt anbot. Sogar ein Grundriss der Unterkunft in einem Hinterhaus in der Koppel war dem Schreiben beigefügt.
Vor Neugier ganz aufgeregt machte ich mich gleich auf den Weg in die Stadt, um mir das Gebäude noch einmal in Erinnerung zu rufen. Die Quadratmeterzahl deckte sich mit meiner Vorstellung und ließ mir als bekennender Schwanzlutscher ein Lächeln übers Gesicht huschen: 69! Passt doch. Ein eindeutiges Zeichen. Der geforderte Mietpreis betrug warm fünfhundertvierzig Euro. Dies war zwar ein wenig mehr, als ich ausgeben wollte, doch bei der Größe und Toplage ein wahrhaft traumhaftes Schnäppchen.
Für die geforderten Genossenschaftsanteile von dreitausend Euro musste ich meinen Vater anhauen. Obwohl er sich in der Vergangenheit seinen Kindern gegenüber nie sonderlich spendabel gezeigt hatte, signalisierte auch er grünes Licht, mir die Kohle im Fall der Fälle zu leihen. Monatliche Raten von zweihundert Euro würde ich wohl trotz drastisch erhöhten Mehrausgaben irgendwie aufbringen müssen.
Den Besichtigungstermin hatte ich telefonisch mit dem Hausmeister, einem netten Familienvater, am frühen Freitagnachmittag verabredet.
Der Moment, das erste Mal die bereits leer geräumte, renovierte Wohnung zu betreten, war unbeschreiblich. Hohe Zimmerdecken und der Stuck in der Küche, übertrafen jegliche Wunschvorstellung. Sogar das Badezimmer war in meiner Lieblingsfarbe, knallgrün, gefliest. Stube, Schlaf- und Arbeitszimmer wurden zudem noch durch zwei Abstellkammern ergänzt.
Angetan und voller Tatendrang, die Räume in Gedanken zu gestalten, genoss ich den Geruch frischer Farbe und erkundigte mich bei dem sympathischen Hausmeister nach den vorherigen Mietern.
„Ach, Frau Nolte“, er machte eine kleine Pause, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.
„Die ist zu ihrem Freund in der Nähe der Musikhalle gezogen.“
Gottseidank gab es keinen Todesfall. Es lebt sich doch sehr viel entspannter in einer Wohnung, in der keine Leiche gelegen hat.
Beim Verlassen des Flurs ließen mich jedoch auffällige Aufbruchspuren an der Haustür stutzen. Das braune Holz war zerkratzt und auch der Rahmen war in Mittleidenschaft gezogen.
„Hier wird wohl oft eingebrochen, oder?“ entwich es mir vorsichtig, während ich an die vor dem kriminellen Schmuddelstadtteil warnenden Worte meiner Schwester dachte.
„Solange ich hier arbeite, ist nichts dergleichen passiert“, beruhigte mich der bärige Typ, der von hinten weitaus interessanter aussah, als von vorne. Die grüne Latzhose, die er wahrscheinlich in seinem Job tragen musste, nahm ihm einfach jede Möglichkeit, als Sexobjekt in Frage zu kommen.
Immerhin hatte er niedliche Rehaugen, die sicherlich die Herzen einiger Hausfrauen höher schlagen ließen.
„Vor vielen Jahren wohnten in den Zimmern mal ein paar Drogenabhängige. Die sind immer nachts mit einem lauten Motorrad durch den Innenhof gefahren und haben die Anwohner genervt. Andauernd war die Polizei vor Ort. Irgendwann hat sich einer der beiden den goldenen Schuss gesetzt und der andere tauchte ab. Die Wohnung wurde aufgebrochen, damit man die Leiche herausholen konnte.“
Mir lief ein Schauer über den Rücken. Also doch: Ein Toter in einem der Zimmer, in denen ich und Juan uns in Zukunft lieben würden. Es wäre mir lieber gewesen, der Hausmeister hätte nichts davon erwähnt. Warum musste meine Schwester mit ihren überspitzen Horrorvorstellungen auch immer Recht behalten. Ich ärgerte mich über das schlechte Omen, das sie mir mit auf den Weg gegeben hatte, freute mich aber nach dem Besichtigungstermin, einen gewiss positiven Eindruck hinterlassen zu haben.
Am 10. November 2004 konnte ich meinen neuen Wohnungsschlüssel im Büro der Wohnungsgenossenschaft in Empfang nehmen. Es war einfach unglaublich! Wieso hatte ich eigentlich immer so verdammtes Glück in meinem Leben?
Doch anstatt den Moment ausnahmslos zu genießen, fiel ich zeitweise in ein tiefes Loch. Juan fehlte mir so unwahrscheinlich. Bei all der Aufregung und den Träumereien der letzten Wochen war er in meinen Gedanken immer bei mir.
Allerdings wollte ich ihn persönlich an meiner Seite haben, Kartons mit ihm packen und Pläne schmieden, wie wir das neue Heim am besten einrichten konnten.
Nun musste ich also allein entscheiden, wohin unser Bett kommen sollte, welche Regale an die Küchenwand gebohrt werden und was aus dem hinzugewonnenen, dritten Zimmer werden sollte. Büro? CD-Archiv? Beides?
Dabei hätte ich gerade für die handwerklichen Aufgaben einen richtigen Mann an meiner Seite gebraucht. Gottlob konnte ich auf eine Vielzahl von Freunden zurückgreifen, die mir vor Ort mit Rat und Tat zur Seite standen. Ideen und Verbesserungsvorschläge waren willkommen. Aber musste es gleich so hart zur Sache gehen?
„Dein Ständer sieht wirklich grauenhaft aus. Damit wirst du auch in Zukunft jeden Besucher verschrecken. Außerdem ist der viel zu schwer. Trenn dich doch mal von dem schrecklichen Ding“, wetterte meine lesbische Freundin Marie gegen mein bestes Stück: Den Harveys Krawattenständer, der vor Jahren mein erstes, eigenes Möbelstück überhaupt war.
Selbstredend riss sich niemand meiner neun Helfer darum, das sperrige Ding vom zweiten Stock hinunter zum gemieteten Kleinlaster zu tragen. Auch Marco und Nina hatten keine große Lust, das Stahlgebilde mit den Spitzen Ecken in meine neue Traumwohnung zu schaffen.
„Also hierbleiben kann das Teil ja nun auch nicht. Nachher gibt’s dafür dann auch Pizza“, versuchte ich die aufmüpfige Meute um mich herum bei Laune zu halten. Mit Erfolg!
Neunzig Minuten später waren alle Möbel samt Krawattenständer verstaut. Es lief alles wie am Schnürchen. Nur Muriel, die eine Kiste mit Klamotten und Blödigkeiten über die Straße schleppte, war einen kleinen Augenblick unachtsam: Der Boden eines Kartons öffnete sich, sodass der gesamte Inhalt, inklusive diverser Pornofilme mit lautem Klirren auf dem Gehweg der Spießerstraße aufschlug. Meine Lieblingsstreifen mit Peter North, Rocco Sifredi und Jeff Stryker verabschiedeten sich also noch einmal mit einem großen Knall von der verklemmten Nachbarschaft! Adios!
Zum Glück brauchte ich mich vor meinen Freunden nicht schämen, denn ihnen war schließlich bekannt, wem sie da beim Umzug halfen. Vielmehr musste ich aufpassen, dass sich die Herbeigeeilten nicht lautstark darum stritten, wer sich als erstes meine heiligen Videos ausleihen durfte. Erschrocken prüfte ich, ob die Covers mit den geilen Szenenbildern den Sturz unversehrt überstanden hatten. Bis auf eine abgeschlagene Ecke der Hülle von „North Pole 3“, hatte der Sexgott den Sturz unbeschadet überlebt.
Ruhe wollte trotzdem nicht einkehren, denn Nina bemerkte kurz vor Abfahrt, dass sie auf dem schmalen Grünstreifen neben der Parkbucht in einen Hundehaufen getreten war.
Angeekelt überprüften wir alle unsere Schuhsohlen. Sechs der zehn Helfer traf dasselbe Missgeschick. Sie alle hatten Dreck unter den Füßen. Auch ein paar zuvor im Gras abgestellte Umzugskartons waren mit braunen Schlieren versehen.
„Na, wenn das kein Glück bringt“, versuchte ich die angewiderten Gesichter wieder zum Strahlen zu bringen. Jedoch ohne Erfolg.
Nachdem alle ihre Schuhe mit Taschentüchern oder Gras gesäubert hatten, ging es auf nach Sankt Georg. Im Auto war jedoch ein übler Geruch nicht abzustreiten.
Meine neue Heimat erschien mir an diesem strahlenden Sonnentag fast wie im Märchen. Ich konnte es noch immer nicht richtig fassen. Mal wieder hatte sich ein großer Traum von mir erfüllt.
Zwei Wochen nach Vertragsabschluss und nur drei Tage nach offiziellem Mietbeginn verabschiedete ich kurz nach zwanzig Uhr meine unwahrscheinlich hilfsbereiten Freunde an der Haustür meiner ersten Erwachsenenwohnung!
Ohne sie und ihre tatkräftige Unterstützung hätte ich das alles nicht geschafft.
Zwischen Umzugskartons und CD-Stapeln setzte ich mich auf mein grünes Ledersofa, blickte in den alten, angestrahlten Baum vor meinem Wohnzimmerfenster und gönnte mir einen Schluck aus der Sektflasche, die noch vom abschließenden Umtrunk übrig geblieben war.
Zum vollkommenen Glück fehlte mir jetzt nur noch mein Kükemann im Arm. Es sollte nur noch kurze Zeit dauern, bis er für vier ganze Wochen zu Besuch kommen würde.
Fünf Tage, zwanzig Stunden und dreißig Minuten später stand Juan erwartungsvoll in meinem neuen Flur. Auf den ersten Blick wirkte alles perfekt eingerichtet. Richtig gemütlich und fast ordentlich. Entsetzen würde sich erst breit machen, wenn man die Türen von Schränken und Abstellkammern öffnete. Ganz zu schweigen von dem bis zur Decke vollgepackten Kellerraum. Ich war so stolz auf mein neues Zuhause und sicher war es mein Freund auch. Er selbst wohnte ja nach wie vor bei seiner Mutter und kannte die Vorzüge einer eigenen Wohnung nicht wirklich.
Leidenschaftlich weihten wir das große Schlafzimmer ein und kuschelten uns anschließend in Löffelchenposition hintereinander.
