Zimtschneckenjahre - Saskia Geisler - E-Book

Zimtschneckenjahre E-Book

Saskia Geisler

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Beschreibung

1939 - Bomben fallen auf Helsinki. Matti realisiert erst jetzt, was es wirklich heißt, im Krieg zu leben. Doch es kommt noch schlimmer: Um ihn und seine kleine Schwester Sanna in Sicherheit zu bringen, schickt ihre Mutter die beiden Kinder nach Schweden. Matti und Sanna teilen ihr Schicksal mit ungefähr 70.000 sogenannten "Kriegskindern", die im Winter- und Fortsetzungskrieg aus Finnland vor allem nach Schweden geschickt wurden. Ihre Geschichte steht stellvertretend für alle Kinder, die Opfer von Krieg und Gewalt werden, und Entwurzelung erleben müssen.

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Seitenzahl: 162

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

ERSTER TEIL: RUOTSI – SCHWEDEN

Bombenalarm

Die Zettel

Das Versprechen

Hoffnung

Abreise

Das Schiff

Risto

Ankunft in Schweden

Eine geheime Botschaft

Das neue Zuhause

Der Anfang

Ein Wiedersehen

Schule

Zu spät

Der Entschluss

Am Fenster

Zimtschnecken

Erwischt

Nach Stockholm

Vor der Tür

Jede Menge Papier

Zuhause

ZWEITER TEIL: SUOMI – FINNLAND

Zimtschneckenjahre

Nachhause?

Ferien

Sannas Besuch

Feldpost

Das Leben geht weiter

Risto bleibt

In der Fremde

Kriegsversehrt

Die Prügelei

Vertraut

Die Einladung

Loslassen

Zuhause?

Ankommen

Nachwort

ERSTER TEIL: RUOTSI – SCHWEDEN

Bombenalarm

Ich werde von einem tiefen und gleichzeitig schrillen Heulen wach. Es ist stockdunkel, obwohl Sanna und ich im Dunkeln Angst haben. Aber so sind die Regeln: Kein Licht in der Nacht. Dann können die Bomber nicht so gut zielen. Als ich an die Flieger denke, fällt mir auch wieder ein, was dieses Geräusch ist. Mama hat es uns gestern erklärt: Das ist ein Bomben alarm. Die Russen fliegen über Helsinki. Ich will zum Fenster rennen und rausgucken, ob ich etwas sehen kann, aber da ist Mama schon in unserem Zimmer.

»Matti, Sanna, los, wir müssen in den Keller!«

Sie ruft in einem Flüsterton. So sprechen die Erwachsenen in letzter Zeit viel mit uns. So als wollten sie schreien, wissen aber, dass sie nicht dürfen. Wenn wir mal lauter werden, heißt es auch sofort: »Scht, scht!« Dabei können die russischen Soldaten uns im Flugzeug ja wohl nicht hören!

»Matti, hör jetzt auf zu träumen! Los!«

Mama packt mich am Arm und zieht mir meine dicke Winterjacke über. Die hat Mama vor ein paar Wochen gebraucht gekauft. Sie ist mir noch ein bisschen groß, aber herrlich warm. Ich schlüpfe außerdem schnell in meine Hose. Das hat mir gerade noch gefehlt, dass die Nachbarskinder mich in meinen Unterhosen sehen!

Jetzt ist Mama auch mit Sanna fertig. Sie nimmt uns an die Hand und wir rennen los. Der Luftschutzkeller liegt zwei Straßen weiter. Einer der Arbeiter in der großen Arabia-Fabrik hat schon vor Monaten damit an gefangen, ihn herzurichten. Damals haben ihn noch alle ausgelacht. Sie haben gesagt, dass er wohl die Seiten gewechselt hat, wenn er glaubt, dass die Russen kommen und uns angreifen. Schließlich wissen die Russen doch, dass die finnischen Arbeiter auf ihrer Seite stehen! Papa hat mir erzählt, dass Lenins Sowjetunion die finnische Unabhängigkeit zuallererst anerkannt hat!

Aber Seppänen hat nur die Schultern gezuckt und weiter seine Vorkehrungen getroffen und jetzt hat er Recht behalten: Wir brauchen den Keller. Die Sowjetunion hat Finnlands Grenzen vor zwei Wochen angegriffen. So lange schon habe ich auch Papa nicht mehr gesehen, und Mama wird von Tag zu Tag blasser. Dass wir jetzt auch noch nachts in den Keller müssen, macht es bestimmt nicht besser.

Mama tut mir ganz schön leid. Ich kann an ihrer kalten und schwitzigen Hand fühlen, dass sie Angst hat. Aber ich kann trotzdem nicht anders: Ich laufe ein bisschen langsamer, als ich eigentlich könnte. Ich würde zu gerne einen der russischen Bomber sehen! Wie nah die wohl kommen müssen? Ich bilde mir ein, sie in der Ferne hören zu können. Aber zu Gesicht be komme ich sie nicht, bevor wir den Keller erreichen.

Auf unser Klopfen macht Seppänen die Tür auf.

»Ah, Kettunens, na, das wird aber auch Zeit!«, begrüßt er uns.

Er wuschelt mir durch die Haare, wie immer, wenn er mich sieht. Ich mag den alten Seppänen. Er hat Hände so groß wie Suppenteller und ich frage mich oft, wie er in der Porzellanfabrik arbeiten kann.

Im Keller ist schon einiges los. Die ganze Nachbarschaft hat sich versammelt. Da hinten sind auch Erkki und Ilkka. Die beiden kicken mit einem Steinchen. Ich lasse Mama und Sanna stehen und laufe zu ihnen. Doch schon nach ein paar Minuten ist der Spaß vorbei. Unsere Mütter rufen uns zu sich und wir müssen leise sein. Jetzt merke ich, wie ängstlich alle schauen. Selbst Seppänen wirkt unruhig und als ich das bemerke, wird mir auf einmal auch ganz anders.

Seppänen hat einmal eine ganze Familie aus einer brennenden Baracke am Rand unserer Wohnsiedlung gerettet. Danach hat er sich den Rauch aus der Kleidung geklopft, meinem Vater, der auch beim Löschen geholfen hatte, auf die Schulter geklopft und gesagt: »Na, jetzt haben wir uns unser Feierabendbier aber wirklich verdient, was?«

Und dann ist er seiner Wege gegangen.

Wenn Seppänen nun also unruhig ist, dann ist es wirklich an der Zeit, Angst zu bekommen. Da bin ich sicher. Und sofort krampft sich alles in mir zusammen und ich vermisse Papa noch mehr als vorher. Wie gut wäre es doch jetzt, er könnte Seppänen auf die Schulter klopfen und gemeinsam mit ihm über irgendeinen dummen Witz lachen.

Die Zettel

Die erste Bombennacht geht vorüber. Unser Haus steht mitten im Viertel und ist unversehrt, aber die, die am Rand, näher an den Fabrikhallen, stehen, die hat es erwischt. Am nächsten Tag in der Schule gibt es nur dieses eine Gesprächsthema und Erkki, Ilkka und ich rennen nicht wie sonst nach dem Schlussklingeln auf den Schulhof zum Kicken. Es zieht uns zu den zerbombten Häusern. Erkki behauptet, dass sie aussehen wie ausgeschlagene Zähne. Das hat er mal von seinem Papa gehört. Und Ilkka meint, dass sie bestimmt immer noch rauchen. So wie die Häuser nach dem großen Fabrikbrand vor zwei Jahren. Ich frage mich, wie viele Häuser wirklich getroffen sind und ob wir vielleicht Leute kennen, die dort gewohnt haben. Von uns Schulkindern hat jedenfalls keins was abbekommen. Wir waren nur alle hundemüde und unser Lehrer, der sich sonst immer aufregt, wenn wir gähnen, hat uns heute nur mitleidig angeguckt und immer wieder den Kopf geschüttelt. – Typisch Erwachsener, er hat bestimmt gedacht, wir merken das nicht.

Als wir an der letzten Häuserzeile des Viertels ankommen, sehen wir es. Die Häuser rauchen nicht mehr. Aber das mit den Zähnen stimmt irgendwie. Denn sie sind nicht alle getroffen. Bei manchen sind von der Wucht der Explosionen nur die Scheiben rausgebrochen, aber manchmal steht zwischen den vielen heilen Häusern nur noch ein Krater, ein paar einzelne Hauswände und der Rest fehlt. Wie das Gebiss vom alten Nikke, der manchmal unten an der Kneipe steht und hofft, dass ihm einer ein Bier ausgibt.

Erkki, Ilkka und ich stehen da und gucken. So also sieht der Krieg aus? Wir glotzen und glotzen und mir wird fast ein bisschen schlecht: Als wir gestern im Luftschutzkeller saßen, bin ich doch irgendwann eingeschlafen. Es passierte ja nichts und irgendwie konnte ich mir auch nicht vorstellen, warum die Bomber uns treffen sollten. Aber jetzt sehe ich diese Häuser und ich weiß: Wenn sie hier treffen können, dann können sie auch unser Haus treffen.

»Vielleicht sollten wir unsere wichtigsten Sachen irgendwo vergraben«, sagt Ilkka, der wohl gerade genau das Gleiche gedacht hat wie ich.

Ich nicke. Um meine Zinnsoldaten und das Pferd, das Papa mir geschnitzt hat, wäre es wirklich schade.

»Den Fußball aber nicht«, sagt Erkki entschlossen. »Den brauchen wir noch.«

Und damit lässt er den Ball, den er bis jetzt unterm Arm geklemmt hatte, auf den Boden plumpsen und fängt an, in Richtung unserer Häuser die Straße herunter zu kicken.

»Ihr solltet euch was schämen«, ruft eine alte Frau, die aus einem der kaputten Fenster zu uns auf die Straße herunterguckt. »Erst hierher kommen und glotzen und dann gleich wieder vom Acker machen, statt mit anzupacken.«

Erkki winkt der alten Frau grinsend zu und kickt härter. Wir sind es gewohnt, dass ständig irgendwer meckert, wenn wir spielen. Er läuft schneller, Ilkka und ich ihm nach. Ich schaffe es, Erkki den Ball abzuluchsen, aber so sehr wie sonst kann ich mich nicht darüber freuen. Die Alte hat schon irgendwie Recht. Klar, ich kann die kaputten Häuser nicht wieder aufbauen, aber es fühlt sich trotzdem komisch an, dass es uns so gut geht. Solange Ilkka, Erkki und ich zusammen sind und unseren Fußball haben, kann uns nichts passieren!

Bis wir an unserem Häuserblock ankommen, bin ich ganz schön aus der Puste. Wir haben ein höheres Tempo drauf als sonst. So als wollten wir uns und allen beweisen, dass der Krieg uns gar nichts kann. Ilkkas und mein Papa sind schon an der Front und Erkkis Papa muss in zwei Tagen weg. Aber sie kommen ja wieder. Sie kommen wieder, aber bevor sie wiederkommen, werden sie den Sowjets schon zeigen, was eine Harke ist und dass man unser Finnland nicht einfach mal so überfällt! Die werden schon noch zu spüren kriegen, was es heißt, die Finnen zu ärgern. Das hat jedenfalls auch Seppänen gestern im Keller gesagt. »Kampflos kriegt ihr uns jedenfalls nicht«, hat er immer wieder gemurmelt.

Ich steige langsam die Treppe zu unserer Wohnung hinauf. Mal schauen, ob Mama schon da ist und es bald Abendessen gibt. Danach wollen Erkki, Ilkka und ich noch eine Weile auf der Straße kicken. Wenn Mama mich lässt. Seit Papa weg ist, ist sie besonders streng. Vielleicht denkt sie, dass sie ihn ersetzen muss. Wenn die Jungs und ich in den letzten Tagen durch die Straßen gestreift sind, habe ich öfter aufgeschnappt, wie andere über uns redeten.

»Ja, jetzt wo ihre Väter weg sind, wer soll ihnen da ein gutes Vorbild sein? Kein Wunder, dass sie so herumstromern!«

Dabei haben wir das schon vorher gemacht. Und Erkkis Papa ist ja noch nicht einmal weg. Die Leute machen sich einfach gerne Sorgen und Mama macht sich immer Sorgen, was die Leute sich für Sorgen machen. Darüber haben Papa und ich oft gelacht. Jetzt wo Papa nicht da ist, um mit mir darüber zu lachen, ist es nur noch traurig. Ich muss mich an ihre Regeln halten und vermisse Papa umso mehr.

Als ich die Tür zu unserer Wohnung aufstoße, riecht es nach Erbsensuppe.

Mir läuft sofort das Wasser im Mund zusammen. Wo hat Mama die denn aufgetrieben? Die letzten Wochen haben wir hauptsächlich Wassersuppe und Brei gegessen. Geld war bei uns immer schon knapp, aber jetzt ist es noch knapper und gleichzeitig werden die Lebensmittel immer teurer.

»Da bist du ja endlich!« Mama sitzt am Küchentisch, während Sanna auf dem Boden sitzt und mit ihrer Puppe spielt.

»Entschuldigung, ich wusste nicht, dass wir heute so früh essen«, sage ich. »So früh«, Mama schnaubt. »Du hast dich wieder ewig mit Erkki und Ilkka rumgetrieben. Du sollst doch nach der Schule direkt nachhause kommen.« Ich beschließe, einfach zu nicken und nichts mehr zu sagen. Normalerweise merkt Mama doch gar nicht, wenn ich später komme. Normalerweise ist sie jetzt noch in der Fabrik und putzt.

Mama wartet kurz, dann seufzt sie und zuckt mit den Schultern. »Komm her und setz dich. Sanna, du auch.«

Als wir sitzen, füllt Mama uns mit dem großen Suppenlöffel riesige Portionen dicke, gute Suppe auf. Mein Magen knurrt ganz laut bei dem Anblick. Heute werde ich richtig satt!

»Hast du Geld gewonnen?«, kann ich mir nicht verkneifen zu fragen.

Das hat Papa sonst immer gefragt, wenn Mama mit irgendetwas sehr großzügig war. Wenn sie zum Beispiel einen Strauß frische Blumen für die Wohnung gekauft hat im Sommer. – Auch wenn es meist erst am Abend am Markt war, wenn die Händler die Blumen zu einem Spottpreis abgaben.

Mama lächelt ganz leicht. »Nein, aber ich dachte, nach der anstrengenden Nacht gestern können wir alle eine Stärkung gebrauchen.«

Die Suppe schmeckt himmlisch gut und ist genau richtig heiß. So viel zu spät kann ich also gar nicht sein.

Ich gucke Mama an und will sie für ihre Kochkünste loben, aber da sehe ich ein paar Zettel, die neben ihr auf dem Tisch liegen.

»Was ist das?«, frage ich.

»Darüber muss ich mit euch reden. Ihr wisst ja, dass ich eurem Vater einen Brief geschrieben habe, ob wir euch nach Schweden schicken sollen.«

Ein paar Tage, nachdem Papa los musste, sind die ersten Flugblätter und Zeitungsanzeigen aufgetaucht: Die Schweden sind bereit, finnische Kinder bei sich aufzunehmen, um sie vor dem Krieg zu beschützen. Mama hat erst gar nichts darauf gegeben, aber immer mehr Nachbarinnen haben sie angesprochen, ob sie uns nicht auch weggeben will, wo Papa doch an der Front ist und schon alles schwer genug. Also hat Mama an Papa geschrie ben und ich habe nicht weiter drüber nachgedacht, denn ich bin mir ganz sicher: Papa würde uns nie nach Schweden schicken. Die Schweden, das sind alles aufgeblasene Gockel, das sagt er immer.

»Hat Papa etwa gesagt, dass wir nach Schweden sollen?«, frage ich entsetzt.

»Nein, er hat noch gar nicht geantwortet. Aber nach dem Bombenhagel von gestern Abend habe ich selbst entschieden: In einer Woche geht wieder ein großes Schiff. Und mit dem werde ich euch mitschicken.«

Ich sitze da und fühle mich, als müsste die ganze herrliche Erbsensuppe gleich wieder aus mir herauskommen. Ich schlucke und schlucke und schlucke, um sie drinnen zu behalten.

Dann sagt Sanna: »Ist das weit?«

Das Versprechen

Sanna ist erst drei. Sie versteht noch nicht richtig, was passieren wird. Und ich will es ihr nicht erklären. Mama will uns einfach nach Schweden schicken. In das Land der aufgeblasenen Gockel. Beim Gedanken daran werde ich wütend.

»Wie kannst du das machen ohne Papas Erlaubnis?«, rufe ich, ohne auf Sannas Frage zu achten.

Mama guckt mich streng an. »Schrei mich nicht so an. Ich brauche Papas Erlaubnis nicht. Er ist jetzt an der Front und ich habe genug Sorgen. Das Essen wird immer teurer. In Schweden können sie euch gut ernähren und ihr seid vor Bomben sicher. Der Krieg ist bestimmt schon bald vorbei, das sagen alle. Und dann kommt ihr wieder hierher und wir leben ganz normal als Familie, wie vorher auch. Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn ihr bei mir bleibt und euch etwas passiert!«

»Du nicht mit?« Sanna wirkt ganz überrascht. Sie versteht wohl jetzt erst, wovon wir hier eigentlich reden.

»Nein, mein Goldstück, ich kann leider nicht mitkommen. Ich muss hier bleiben und Geld verdienen. Auf die Wohnung aufpassen und Papa etwas zu essen und warme Socken schicken, wann immer es geht. Das verstehst du doch, oder?« Mama streichelt Sanna über das Haar.

Jetzt guckt sie überhaupt nicht streng, sondern nur tapfer und traurig. So wie an dem Tag, als wir Papa zum Bahnhof bringen mussten und Mama Sanna erklärt hat, was es heißt, ein Soldat zu sein, und dass Papa und seine

Kameraden auf uns und unser Leben aufpassen und uns beschützen. Ich würde am liebsten weiterschreien. Aber ich habe Papa versprochen, Mama nicht zu ärgern und brav zu sein. Und vor allen Dingen: auf Sanna aufzupassen. Wenn ich jetzt weiterschreie, fängt sie sicherlich an zu weinen. Also muss ich mich zusammenreißen.

Ich gucke auf den Teller Erbsensuppe vor mir. Ich kann nichts mehr essen.

Die Suppe ist kalt und sieht plötzlich aus wie ein riesiger Popel. In meinem Bauch ist jetzt genauso ein Haufen. Schwer liegt er da wie ein Stein und ich frage mich, ob ich vielleicht doch brechen muss.

»Matti, nimm es doch nicht so schwer. Viele deiner Freunde werden jetzt nach Schweden gehen. Sieh es mal so: Dann lernst du da die Sprache und hast später noch bessere Chancen im Beruf.«

Die Sprache! Daran habe ich ja noch gar nicht gedacht. Wir lernen Schwedisch auch in der Schule. Und ein paar der Jungs vom Fußballverein sprechen zuhause Schwedisch. Aber außer ein paar Sätzen kann ich nichts. Diese Sprache fühlt sich immer viel zu breit an in meinem Mund. Und diese merkwürdigen Betonungen. Als müsste man singen und nicht einfach nur etwas sagen. Bei der Vorstellung, bald dauernd Schwedisch sprechen zu müssen, läuft es mir kalt den Rücken runter.

»Aber Sanna kann doch überhaupt kein Schwedisch.«

Mama lächelt wieder ihr komisches Erwachsenenlächeln, das uns Mut machen soll, aber eigentlich noch mehr Angst einjagt.

»Das wird sie schon lernen. Außerdem hat sie ja dich! Und so lange werdet ihr ja wirklich nicht dort sein. Glaubt mir, es ist das Beste für euch!«

Und damit ist die Diskussion beendet. Mama und Sanna essen weiter Suppe und Mama erzählt ihr, wie toll es in Schweden ist. Dass die Kinder alle jede Menge Spielzeug haben und immer genug zu essen. Dass es in Schweden auch Zimtschnecken gibt und dass Sanna die doch hier in Finnland gerade so vermisst.

»Aber in Schweden kannst du bestimmt jeden Tag eine Zimtschnecke essen, weißt du? Da gibt es noch Zucker und Mehl so viel man nur will«, sagt Mama und Sanna quietscht vor Begeisterung bei der Vorstellung von Zimtschneckenbergen.

Mir dagegen wird schlecht. Ich schiebe den Stuhl zurück und lasse meine Füße auf den Boden plumpsen.

»Ich geh raus zu Erkki und Ilkka«, sage ich.

»Musst du nicht erst deine Hausaufgaben machen?«, fragt Mama.

»Wozu? Du nimmst mich doch eh in ein paar Tagen von der Schule.«

Dazu fällt Mama nichts ein und ich gehe raus. Ich brauche all meine Beherrschung, um die Wohnungstür nicht hinter mir zuzuknallen. Dann renne ich so schnell ich kann die Treppe hinunter und kicke im Hof so lange mit voller Wucht Dosen gegen die Hauswand, bis Ilkka und Erkki endlich auch runterkommen und wir noch eine Runde um den Block drehen können.

Hoffnung

»Oh Mann!« Mehr fällt Erkki nicht ein, als er hört, was Mama vorhat. Und genauso geht es Ilkka. Wir kicken Erkkis Fußball durch die Straßen und auch wenn wir sonst nicht viel reden, hilft das schon ein bisschen. Ich weiß, dass meine Kumpels auf meiner Seite stehen und dass sie Mamas Vorschlag genauso bescheuert finden wie ich. Und in mir keimt eine leise Hoffnung. Was, wenn Papa rechtzeitig vor der Abfahrt des Schiffes zurückschreibt und Mama sagt, dass das eine Schnapsidee ist und sie uns zuhause behalten soll? Dann gibt sie uns bestimmt nicht weg. Als mir dieser Gedanke kommt, kreuze ich sofort meinen Zeige- und meinen Mittelfinger: Das bringt Glück und vielleicht geht mein Wunsch in Erfüllung!

Als Mama Sanna und mich später ins Bett bringt, tue ich so, als sei alles in Ordnung. Ich habe Papa schließlich versprochen, brav zu sein. Und ich kann Mama ansehen, dass sie sich sorgt.

»Ach Matti«, seufzt sie und streichelt mir über den Kopf, bevor sie meine Bettdecke noch einmal um mich herum festdrückt. »Vielleicht wird ja schon in den nächsten Tagen alles ruhiger und ihr müsst gar nicht los.«

In ihren Augen sehe ich, dass sie selbst nicht daran glaubt. Und damit hat sie recht. Ich fühle mich, als wäre ich gerade erst eingeschlafen, da geht es schon wieder los: Bombenalarm. Dieses Mal verstehen Sanna und ich schneller, um was es geht. Jetzt, wo ich die zerbombten Häuser gesehen habe, beeile ich mich auch wirklich. Es wäre zwar immer noch spannend, einen der Bomber zu sehen, aber mein letzter Anblick soll es nicht werden. Also renne ich Mama hinterher, die Sanna auf dem Arm hat. Völlig aus der Puste kommen wir in den Luftschutzkeller, wo Seppänen uns wieder die Tür öffnet.

Erkki, Ilkka und ihre Familien sind wieder vor uns da und wieder dürfen wir uns nicht mit Kicken ablenken. Dabei wäre das jetzt gut. Die Bomber fliegen diese Nacht viel näher über unseren Köpfen, zumindest hört es sich so an. Und zweimal habe ich sogar das Gefühl, dass die Erde bebt, als wäre eine Bombe ganz in der Nähe eingeschlagen. Sanna weint vor Angst, aber ich gebe mir Mühe, ruhig zu bleiben. Papa hat gesagt, dass ich jetzt der