Zorn - Tod um Tod - Stephan Ludwig - E-Book
SONDERANGEBOT

Zorn - Tod um Tod E-Book

Stephan Ludwig

0,0
8,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Hauptkommissar Claudius Zorn und der dicke Schröder vor der härtesten Bewährungsprobe ihrer Laufbahn – der neunte Band in der Kult-Thriller-Serie von Bestseller-Autor Stephan Ludwig An einem lauen Sommerabend findet Donald Piral einen qualvollen Tod. Er wird in seinem Auto gefesselt und mit Löschkalk übergossen. Dann wird die Heizung voll aufgedreht. Als Piral zu schwitzen beginnt, entfaltet der Kalk seine tödliche Wirkung. Hauptkommissar Claudius Zorn ist wenig erfreut, als er zum Tatort gerufen wird. Erst seit kurzem ist er wieder der Chef, was bedeutet, dass er zu seinem Leidwesen die Arbeit nicht mehr auf seinen Kollegen Schröder abwälzen kann. Als Zorn dann noch feststellt, dass er das Mordopfer kannte, ist seine schlechte Laune komplett. Die Umstände, unter denen Zorn Donald Piral vor über 25 Jahren traf, waren alles andere als angenehm. Aber wer hasste Piral so sehr, dass er ihn förmlich hinrichtete? Zorn und Schröder haben noch nicht einmal einen Verdächtigen, als bereits der nächste Mord geschieht. Und eine Spur bei beiden Opfern wird zum Prüfstein für ihre langjährige Freundschaft ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 449

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Stephan Ludwig

ZORN 9 - Tod um Tod

THRILLER

FISCHER E-Books

Inhalt

WidmungMottoVorspielERSTER TEILEinsZweiDreiVierFünfSechsSiebenAchtNeunZehnElfZwölfZWEITER TEILDreizehnVierzehnFünfzehnSechzehnSiebzehnAchtzehnNeunzehnZwanzigEinundzwanzigZweiundzwanzigDRITTER TEILDreiundzwanzigVierundzwanzigFünfundzwanzigSechsundzwanzigSiebenundzwanzigAchtundzwanzigNeunundzwanzigVIERTER TEILDreißigEinunddreißigZweiunddreißigDreiunddreißigVierunddreißigFünfunddreißigSechsunddreißigSiebenunddreißigAchtunddreißigFÜNFTER TEILNeununddreißigVierzigEinundvierzigZweiundvierzigDreiundvierzigVierundvierzigSECHSTER TEILFünfundvierzigSechsundvierzigSiebenundvierzigAchtundvierzigNeunundvierzigFünfzigEinundfünfzigZweiundfünfzigDreiundfünfzigVierundfünfzigFünfundfünfzigSechsundfünfzigSiebenundfünfzigAchtundfünfzigNeunundfünfzigSechzigEinundsechzigZweiundsechzigDreiundsechzigVierundsechzigFünfundsechzigSechsundsechzigSIEBTER TEILSiebenundsechzigAchtundsechzigNeunundsechzigSiebzigEinundsiebzigZweiundsiebzigACHTER TEILDreiundsiebzigVierundsiebzigFünfundsiebzigSechsundsiebzigSiebenundsiebzigAchtundsiebzigNeunundsiebzigAchtzigNEUNTER TEILEinundachtzigZweiundachtzigDreiundachtzigVierundachtzigFünfundachtzigSechsundachtzigSiebenundachtzigAchtundachtzigZEHNTER TEILNeunundachtzigNeunzigEinundneunzigLETZTER TEILZweiundneunzigDreiundneunzigVierundneunzigFragen an Hauptkommisar Zorn und Hauptkommisar SchröderSTEPHAN LUDWIG UNTER DER ERDEKapitel 1

Für René Bouillon Schön, dass du da warst.

Da der Tod der wahre Endzweck unseres Lebens ist, so habe ich mich mit diesem wahren, besten Freund des Menschen so bekannt gemacht, dass sein Bild allein nichts Schreckliches mehr für mich hat.

W. A. Mozart

Vorspiel

Die Nacht, in der Donald Piral starb, war wunderschön.

Sterne funkelten am Himmel. Mücken schwirrten umher. Schmetterlinge tanzten zwischen den Bäumen. Die Kiefern des Stadtwaldes bewegten sich sacht im lauen Wind. Ihr würziger Duft mischte sich mit dem Geruch von Sonnencreme und Holzkohle, der vom nahen Badesee herangeweht wurde. Mattes Sternenlicht fiel zwischen den Zweigen auf den Forstweg, schimmerte auf der Karosse einer schwarzen S-Klasse, die mit laufendem Motor neben einem Holzstapel stand.

Eine malerische, fast perfekte Nacht, beinahe so schön wie die Sommernächte in Pirals apulischem Heimatdorf, sogar ein paar Grillen zirpten. Doch Donald Piral, der nackt, die Hände hinter dem Fahrersitz aneinandergefesselt, am Steuer seines Dienstwagens saß, bekam davon nichts mit. Zum einen, weil sein Mörder die Fenster des Mercedes hochgekurbelt hatte, zum anderen, weil er momentan Wichtigeres zu tun hatte, als die Schönheit der Natur zu bewundern.

Donald Piral kämpfte um sein Leben.

Farnwedel bewegten sich neben dem Holzstapel. Ein Fuchs erschien, lief lautlos über den Waldweg und verharrte plötzlich. Das Tier war alt, ein erfahrenes Männchen mit spitzer, ergrauender Schnauze. Neugierig betrachtete der Fuchs die schwere Limousine, die mit leise surrendem Motor und beschlagenen Scheiben unter den Bäumen stand. Angst hatte er nicht, er kannte sein Revier, war an die Menschen gewöhnt. Zwar ging er ihnen aus dem Wege, doch er fürchtete weder die schweren Maschinen der Forstarbeiter noch die lärmenden Teenager, die tagsüber mit ihren Handtüchern den Waldweg entlang zum See radelten. Auch dieses blitzende, in der Federung schwankende Ungetüm stellte keine Gefahr dar; oft genug parkten Liebespaare ihre Autos in den verzweigten Wegen des Stadtwaldes, und so war es kein Wunder, dass der Fuchs nur ein wenig die Ohren aufrichtete, als er die gedämpften Schreie aus dem Wageninneren vernahm. Er verfügte über hervorragende Instinkte, nach all den Jahren funktionierte sein Gehör noch immer ausgezeichnet. Doch ein Schrei blieb ein Schrei, egal, ob aus Lust oder Qual ausgestoßen, und die Tatsache, dass der nackte Mann hinter den beschlagenen Scheiben keine Frau in den Armen hielt, sondern verzweifelt um Hilfe rief, blieb dem Tier verborgen.

Ein Windhauch fegte vorbei, Kiefernnadeln rieselten auf das Wagendach. Auch dies bemerkte Donald Piral nicht. Die Heizung war voll aufgedreht, das Gebläse lief auf höchster Stufe. Die Luft war stickig, kochte regelrecht. Weißer, feinkörniger Staub wirbelte durch den Mercedes, bedeckte das Armaturenbrett, die Ledersitze, überzog seinen nackten Körper in einer dicken, pudrigen Schicht. Zunächst hatte er nicht erkannt, was man ihm durch das Schiebedach kiloweise über den Kopf geschüttet hatte, ein ätzendes Pulver, das bei jedem Atemzug in der Lunge brannte. Zement, hatte er im ersten Moment gedacht, doch er wusste längst, dass es schlimmer war.

Viel schlimmer.

Sein Körper stand in Flammen, ein höllisches Bad in glühender Lava. Schweiß strömte aus allen Poren, jeder einzelne Tropfen verdoppelte die Qual. Piral stieß ein gequältes Husten aus, warf sich verzweifelt nach vorn. Der Sicherheitsgurt spannte über seiner Brust, die Schultergelenke dehnten sich, doch die Fesseln um seine Handgelenke hinter dem Sitz gaben nicht nach.

Ein Schweißtropfen löste sich von seiner Nase, fraß sich zischend in den Oberschenkel.

Donald Piral lebte seit einem Vierteljahrhundert in Deutschland, doch er hatte seine Kindheit nie vergessen. Er war auf einem italienischen Bauernhof aufgewachsen, damals hatte er seinem Vater helfen müssen, die Schweineställe zu desinfizieren. Sie hatten provisorische Atemmasken getragen und peinlich darauf geachtet, dass das Desinfektionsmittel nicht mit Wasser in Berührung kam, denn dann entfaltete ungelöschter Kalk seine tödliche Wirkung.

In Verbindung mit Wasser. Oder mit Schweiß.

Schweiß, der in ätzenden Strömen über Pirals Körper lief wie kochende Säure, qualmende Rinnsale auf Armen und Beinen hinterlassend.

Donald Piral war ein wohlhabender Mann. Er schätzte deutsche Wertarbeit, und der Mercedes, eine zwei Monate alte S-Klasse, war das beste Beispiel dafür. Edel, gleichzeitig robust, eine perfekt verarbeitete Maschine. Eine Perfektion, die ihm jetzt zum Verhängnis wurde, denn auch die Heizung funktionierte – natürlich – tadellos, blies unbarmherzig heiße Luft in den Wagen.

Piral bäumte sich auf, das Klebeband um seine Handgelenke straffte sich. Die Haut löste sich von Armen und Beinen, hing in Fetzen über den dampfenden Augenbrauen. Weiterer Staub wirbelte auf, als seine nackten Füße auf den Boden trommelten. Er warf sich mit aller Gewalt zur Seite, prallte mit dem Kopf gegen die Seitenscheibe. Ein dumpfer Knall dröhnte durch den Wagen, Blut strömte über sein mit stinkenden Blasen bedecktes Gesicht, rann über das beschlagene Fenster.

Reglos saß der Fuchs da, den buschigen Schwanz um die Vorderpfoten gelegt. Mondlicht spiegelte sich in den Knopfaugen, blitzte auf der schwarzen Kühlerhaube des Mercedes. Ein weiterer Knall drang aus dem Inneren, der Wagen schwankte wie ein Schiff auf hoher See, kam plötzlich zur Ruhe. Die Schreie gingen in ein Winseln über, erstarben.

Donald Piral war kein gläubiger Mensch. Seit seiner Kindheit hatte er nicht mehr gebetet, seine Muttersprache seit Jahrzehnten nicht mehr gesprochen. Doch jetzt, in den letzten Augenblicken seines knapp fünfzigjährigen Lebens, wandte er sich in seiner Verzweiflung an die Muttergottes, öffnete den lippenlosen Mund.

Santa Maria, Madre di Dio, prega per noi peccatori.

Sein Kopf sank nach hinten. Schweiß ergoss sich über die dampfende Stirn, strömte in die leeren Augenhöhlen. Das letzte Wort

Amen

formte sich ausschließlich in Donald Pirals gemartertem Verstand, während sein Schweiß das Fleisch weiter von den Knochen fraß. Das Klebeband löste sich, Donald Piral sackte nach vorn, und als die Überreste seines Gesichts gegen das ledergepolsterte Lenkrad stießen, da spürte er weder den Aufprall, noch hörte er das kurze Aufjaulen der Hupe.

Donald Piral war tot.

Der Fuchs verschwand lautlos im Unterholz.

*

Es dauerte nicht lange, bis Donald Piral gefunden wurde. Der Mann, der die Leiche bei seinem morgendlichen Spaziergang entdeckte, lebte abgeschieden in einem kleinen Haus am Ufer des Waldsees, nur ein paar hundert Meter vom Ort des Geschehens entfernt. Wie es der Zufall wollte, war dieser Mann Polizist, ein ehemaliger Hauptkommissar, der unter anderen Umständen sofort mit den Ermittlungen begonnen hätte. Doch die Zeiten hatten sich vor einem halben Jahr geändert, nachdem der Polizist mit einem Schuss aus der Dienstwaffe einem Verdächtigen die Kniescheibe zertrümmert hatte. Der Fall hatte Wellen geschlagen, in der örtlichen Presse war von Amtsmissbrauch, Folter und Polizeiwillkür die Rede gewesen. DER RAMBO-KOMMISSAR, hatte eine der Schlagzeilen gelautet, WER WIRD SEIN NÄCHSTES OPFER? Man hatte den Polizisten als dicken, schießwütigen Sadisten beschimpft – was immerhin teilweise der Wahrheit entsprach (der ehemalige Hauptkommissar Schröder war tatsächlich dick). Natürlich war er weder schießwütig noch sadistisch veranlagt, doch er hatte sowohl die Degradierung als auch den Verlust seiner Position klaglos hingenommen. Vor allem aber war er Polizist, er kannte die internen Abläufe, und so war es nur logisch, dass er nicht den Notruf, sondern die Handynummer des zuständigen Beamten wählte, eines Mannes, der vor Jahren schon sein Vorgesetzter gewesen war und der diese Planstelle nun wieder besetzte. Der Angerufene war alles andere als erfreut, als ihn sein Untergebener, der zwischenzeitlich sein Chef gewesen war, von seinem Fund unterrichtete.

Hauptkommissar Zorn mochte keine Leichen. Zum einen, weil er den Anblick kaum ertrug. Schlimmer, viel schlimmer allerdings war etwas anderes: Eine Leiche bedeutete Arbeit. Keine schönen Aussichten für jemanden, der seinen Job nur widerwillig erledigt, und so war es nicht verwunderlich, dass Claudius Zorn das kurze Telefonat mit einem Wort beendete, das seinen Frust mehr als deutlich zum Ausdruck brachte:

Scheiße.

So begann alles.

ERSTER TEIL

Wir Endlichen mit dem unendlichen Geist sind nur zu Leiden und Freuden geboren, und beinahe könnte man sagen, die Ausgezeichnetsten erhalten durch Leiden Freude.

L. van Beethoven

Eins

Drei Tage später – 21. August.

Das Moped kam ruckelnd zum Stehen. Schröder stieg etwas unbeholfen ab, gab Gas und schaltete die Zündung aus. Während der Motor mit einem hüstelnden Röcheln erstarb, bockte er die Maschine auf, verstaute den Zündschlüssel in der Cordhose und lief auf das Bürogebäude zu, einen riesigen, in der Sonne blitzenden Betonquader. Im Gehen wandte er sich noch einmal um und bedachte sein neues Gefährt mit einem prüfenden Blick. Vor zwei Wochen hatte er das Moped – inklusive Helm – für fünfhundert Euro bei eBay ersteigert, eine hellblaue, verrostete Schwalbe, Baujahr 1978. Die schwarze Motorradjacke spannte über seinem Bauch, er öffnete die Druckknöpfe, schob den abgewetzten Helm aus der verschwitzten Stirn und lief weiter über den Parkplatz. Männer in Anzügen kamen ihm entgegen, Frauen in Businesskostümen, er betrat das Bürohaus, ohne auf die neugierigen Blicke zu achten, und ging mit hallenden Schritten durch das weiß geflieste Foyer zum Fahrstuhl. Dort drückte er den Rufknopf, spitzte die Lippen, löste den Riemen des altmodischen Helms unter dem Doppelkinn und studierte die Firmenschilder neben der verchromten Fahrstuhltür. PIKUR CONSULT Immobiliengesellschaft mbH stand in fliederfarbenen Lettern auf dem obersten Schild, darunter der Hinweis, dass sich die Geschäftsräume in der sechsten und siebten Etage befanden. Schröder nickte zufrieden, die Fahrstuhltür glitt auf, er trat ein und fuhr leise vor sich hin pfeifend nach oben.

*

»Hat Astrit Ihnen keinen Kaffee angeboten, Herr Kommissar?«

Victor Kurtz betrat den Besprechungsraum (Meeting-Room stand in Großbuchstaben auf der gläsernen Schiebetür) und nahm Schröder gegenüber in einem cremefarbenen Ledersessel Platz.

»Das hat sie«, erwiderte Schröder. »Aber es ist nicht nötig. Wenn Sie gestatten, würde ich gleich zur Sache kommen.«

»Das wäre mir sehr recht.«

Kurtz, ein kräftiger Mann in den Fünfzigern, faltete die Hände unter dem sorgfältig rasierten Kinn und sah Schröder aus ruhigen, hellgrauen Augen an. Er schien es gewohnt, keine Umschweife zu machen, ein Geschäftsmann, der seine Zeit nicht vergeudet. Aufmerksam, konzentriert, selbstsicher. Das kurze, rotblonde Haar war an den Schläfen ergraut, seine Wangen, blass wie bei allen rothaarigen Menschen, waren von punktförmigen Narben bedeckt. In seiner Jugend musste er unter starker Akne gelitten haben.

»Ich hatte es Ihnen bereits am Telefon erklärt«, begann Schröder. »Ihr Kompagnon …«

»Donny war mehr als das. Er war mein Freund, seit beinahe dreißig Jahren.«

»Wo haben Sie Donald Piral kennengelernt?«

»In Venedig.« Kurtz sprach leise, im Tonfall eines Mannes, der es nicht nötig hat, die Stimme zu erheben. »Ich habe dort Urlaub gemacht. Donny hat mich eine Zeitlang bei sich wohnen lassen, später ist er mit mir nach Deutschland gekommen. Wir haben die Firma zusammen aufgebaut.«

»Sie waren gleichberechtigte Partner.«

»Daher der Name.« Kurtz griff in die Brusttasche seines weißen Hemds, reichte Schröder eine Visitenkarte und deutete auf den fliederfarbenen Schriftzug. »Pikur. Piral und Kurtz. Ein dämlicher Name für eine Immobilienfirma, aber wir waren jung.«

Die Glastür wurde geräuschlos aufgeschoben. Kurtz’ Sekretärin, eine blasse junge Frau in knielangem Rock und grauem Blazer, steckte den Kopf herein.

»Victor?«

»Ja?«

Stimmengewirr drang aus dem Großraumbüro in den Besprechungsraum, Computer surrten, ein Dutzend Menschen wuselte geschäftig umher.

»Herr Westermann vom Denkmalschutz ist am Telefon. Er fragt, ob du …«

»Ich rufe zurück, Astrit.«

»Okay.«

Ein schüchternes Lächeln. Die Sekretärin verschwand ebenso schnell, wie sie erschienen war.

»Donald Piral hatte keine Angehörigen«, sagte Schröder. Auf seiner Glatze zeichnete sich der kreisrunde Abdruck des Helms ab. »Bisher haben wir jedenfalls niemanden ermitteln können.«

»Seine Mutter ist gestorben, als er siebzehn war.« Kurtz glättete den Schlips vor der weißen Hemdbrust. »Sein Vater müsste noch leben, irgendwo in Apulien. Soweit ich weiß, hatten sie seit Jahrzehnten keinen Kontakt.«

»Was ist mit Kindern? Einer Frau?«

»Donny hat allein gelebt.« Kurtz schüttelte den Kopf. »Es gab nur zwei Dinge in seinem Leben, die Firma und mich. Und um Ihre Frage vorwegzunehmen: Ja, sein Tod geht mir nahe, sehr nahe sogar. Auch wenn ich vielleicht nicht den Eindruck vermittle. Ich bin es gewohnt, solcherlei Dinge mit mir selbst zu regeln.«

Kurtz ließ eine Pause einfließen, um Schröder Gelegenheit zu einer Frage zu geben. Was jedoch ausblieb. Schweigend, die kurzen Beine übereinandergeschlagen, saß Schröder in seinem Sessel, die hellblauen Augen auf sein Gegenüber gerichtet.

»Ich nehme an, Sie brauchen jemanden, der ihn …«, Kurtz stockte, fuhr mit der Zunge über die breiten, sinnlichen Lippen, »identifiziert? Da es keine Angehörigen gibt, bin ich wohl der Einzige, der …«

»Sie würden ihn nicht erkennen.«

Kurtz erbleichte.

»Abgesehen davon«, fuhr Schröder fort, »ist es auch nicht nötig. Der Gebissabgleich ist eindeutig. Der Mercedes, in dem wir Donald Piral gefunden haben, gehört der Firma?«

»Ja.«

»Es wird noch dauern, bis wir ihn herausgeben können, die Spurensicherung …«

»Der verdammte Wagen interessiert mich einen Scheißdreck.«

Kurtz starrte auf seine Hände. Ein schwerer goldener Siegelring funkelte in der Sonne, die schräg durch die deckenhohen Fenster fiel.

»Wer … wer tut so was?«, murmelte er schließlich.

»Das ist genau die Frage, die ich Ihnen stellen wollte, Herr Kurtz.«

»Was ein Motiv betrifft«, Kurtz holte tief Luft, »sollte ich wohl Ihre erste Adresse sein. Nach Donnys Tod fallen seine Anteile an mich.«

»Zwölfeinhalb Millionen Euro.«

Kurtz hob den Kopf.

»Sie haben sich informiert.«

»Aber natürlich«, lächelte Schröder.

Das Gespräch dauerte noch ein paar Minuten, bis Schröder schließlich auf die Uhr sah und erklärte, dass er leider gehen müsse, sein Vorgesetzter lege allergrößten Wert auf Pünktlichkeit. Er bedankte sich höflich, bat um eine Liste der Angestellten, um sie in den nächsten Tagen vernehmen zu können, stülpte den Mopedhelm über die Glatze und verließ Victor Kurtz mit dem Versprechen, ihn in allernächster Zukunft erneut aufzusuchen.

Zwei

»Melde mich gehorsamst zur Stelle, Herr Hauptkommissar!«

Schröder schloss die Tür, salutierte zackig und blieb in Habachtstellung stehen.

»Lass den Scheiß«, knurrte Zorn, ohne von seiner Akte aufzusehen.

»Zu Befehl, Herr Hauptkommissar!« Schröder schlug die Hacken zusammen.

Zorn blätterte um.

»Wenn der Herr Hauptkommissar gestatten«, schnarrte Schröder in militärischem Tonfall, »würde ich den Herrn Hauptkommissar jetzt über die Ergebnisse der Befragung des potentiellen Verdächtigen Kurtz, Victor informieren. Es sei denn, der Herr Hauptkommissar hat andere Anweisungen. In diesem Falle …«

»Ich sagte«, Zorn senkte drohend die Stimme, »du sollst diesen Scheiß lassen! Wir haben das oft genug durchgekaut!«

Das hatten sie tatsächlich. Ein halbes Jahr war vergangen, seit sie ihre Positionen hatten tauschen müssen. Zorn hatte sich mit Händen und Füßen gewehrt, schließlich war Schröder eindeutig besser geeignet, die Abteilung zu leiten. Abgesehen von seinem naturgemäßen Drang nach Ruhe hatte sich Claudius Zorn längst damit abgefunden, dass er mit charakterlichen Eigenschaften wie Strebsamkeit, Ehrgeiz oder Fleiß eher defizitär ausgestattet war. Doch die Alternative wäre gewesen, dass Schröder den Dienst quittierte, und so hatte Zorn zähneknirschend eingewilligt, allerdings unter der Bedingung, dass alles nur auf dem Papier stattfinden würde.

Ansonsten, hatte er gesagt, bleibt alles beim Alten. Du machst die Arbeit, ich rauche. Ich spiele den Chef, und du sagst mir, was ich zu tun habe. Keine Spielchen, keine Sticheleien. Sonst bin ich es, der hier kündigt.

Sie hatten beide gewusst, dass dies eine leere Drohung gewesen war, und Schröder, der – ebenso wie Zorn, allerdings aus völlig anderen Gründen – keinerlei Wert auf Dienstränge oder berufliche Positionen legte, nutzte jede Gelegenheit, Claudius Zorn auf die Palme zu bringen.

»Man wird doch wohl mal ein Späßchen machen dürfen.«

Schröder schob schmollend die Unterlippe vor.

»Im Moment«, Zorn schloss die Akte, »hab ich absolut keinen Bock auf irgendwelche Späßchen. Und jetzt nimm diesen dämlichen Mopedhelm ab, du siehst aus wie’n bekiffter Nacktmulch.«

Schröder setzte zu einer empörten Antwort an.

»Ich weiß«, Zorn winkte genervt ab, »dass Nacktmulche nicht kiffen. Aber ’ne bessere Metapher fällt mir grad nicht ein. Und jetzt setz dich gefälligst an deinen Schreibtisch, und lass uns arbeiten.«

*

»Schröder meint, wir sollten uns diesen Victor Kurtz genauer ansehen«, sagte Zorn. »Er war mit Donald Piral befreundet. Und er ist der Einzige, der von seinem Tod profitiert.«

»Ich dachte, wir hätten eine Abmachung.« Frieda saß neben ihm auf dem Beifahrersitz, während der Volvo gemächlich durch die Innenstadt rollte. »Du weißt schon: Nach Dienstschluss kein Wort über die Arbeit.«

Bisher hatten sie sich daran gehalten. Kein Wunder, dies war der erste Fall, den sie zusammen bearbeiteten, seit Frieda aus der Landeshauptstadt zur hiesigen Staatsanwaltschaft zurückgekehrt war.

»Wir können auch über was anderes reden, ich …«

»Ist schon okay, Claudius.«

Sie fuhren am Stadtwald entlang. Die Sonne stand tief über den Bäumen, schickte ihre Strahlen schräg über den rissigen Asphalt.

»Zwölfeinhalb Millionen Euro.« Zorn bremste an einem Zebrastreifen, der Volvo reagierte mit einem mürrischen Quietschen. »Dafür kann man schon mal jemanden umbringen.«

»Mit Löschkalk? Nee, Claudius.« Frieda klappte die Sonnenblende herunter und warf einen prüfenden Blick in den kleinen Spiegel. »Jemand, der dermaßen barbarisch tötet, der will kein Geld. Dem geht’s um was anderes.« Sie öffnete ihre Handtasche und begann, sich die Lippen nachzuziehen. »Vergeltung, Rache, nenn’s, wie du willst.«

Frieda richtete die dünnen Träger ihres geblümten Seidenkleides, ordnete den kurzgeschnittenen Bubikopf. Das alles war unnötig, fand Zorn. Sie sah perfekt aus.

»Trotzdem, ich …« Er stockte, sein Blick streifte ihre schlanken, gebräunten Beine. »Ich meine«, er räusperte sich und sah dann wieder vorschriftsmäßig auf die Fahrbahn, »wahrscheinlich hat Donald Piral seinen Mörder gekannt.«

Der Mercedes war noch in der Spurensicherung. Am Tatort selbst waren die Untersuchungen mittlerweile abgeschlossen; es gab eine Menge Spuren, aber es war unklar, welche davon einem der unzähligen Spaziergänger oder dem Mörder zuzuordnen waren. Weitere Reifenspuren waren nicht gefunden worden, und so gingen sie davon aus, dass Donald Piral und sein Mörder gemeinsam zum Waldweg gefahren waren.

»Das muss nicht sein.« Frieda schüttelte den Kopf. »Niemand weiß, ob Piral freiwillig dahin gefahren ist. Er könnte genauso gut gezwungen worden sein.«

Das hatte Schröder ebenfalls schon zu bedenken gegeben.

»Im Moment«, beharrte Zorn, »ist Victor Kurtz unser einziger Anhaltspunkt.«

»Hat der eigentlich ein Alibi?«

»Er war an der Ostsee, behauptet er zumindest. In irgend ’nem Wellnesshotel auf Rügen. Schröder hat sich die Adresse geben lassen, er will das überprüfen.«

Die Straße bog nach links ab, führte durch eine dörfliche Siedlung am Waldrand. Schmucke Einfamilienhäuser zogen vorbei. Dächer glänzten in der Sonne. Männer in Strohhüten gossen hinter akkurat gestutzten Hecken ihren Rasen. Frauen in Nylonschürzen hängten Wäsche auf.

Zorn wollte herunterschalten, das Getriebe sprang in den Leerlauf. Er rammte den Ganghebel mit aller Gewalt nach vorn. Der Motor heulte auf, der Volvo machte urplötzlich einen Satz. Zorn stieß einen Fluch aus, Friedas Blick ließ ihn umgehend verstummen.

»Hat der eigentlich noch TÜV?«, fragte sie.

»Klar«, behauptete Zorn.

Sicher war er nicht.

Der Volvo war knapp zwölf Jahre alt. Zorn hatte den Wagen reparieren lassen, nachdem er ihn im Winter am Hasenberg zu Schrott gefahren hatte. Das kostet dreitausend Euro, hatte man ihm in der Werkstatt gesagt, mehr, als die Kiste wert ist. Zorn hatte es trotzdem machen lassen, obwohl er sich ohne weiteres einen neuen Wagen hätte leisten können. Doch er hasste Autohändler, die in seinen Augen ebenso wie Versicherungsvertreter nur ein einziges Ziel hatten: unschuldigen Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Zu dieser Spezies zählten Zorns Meinung nach auch Immobilienmakler, und so war es kein Wunder, dass er Victor Kurtz – einen Mann, den er noch nie in seinem Leben zu Gesicht bekommen hatte – durchaus für fähig hielt, einen Menschen zu ermorden.

»Ich finde«, sagte er, »wir sollten den ganz genau unter die Lupe nehmen. Er hat ein Motiv.«

Ein Insekt zerbarst klatschend an der Scheibe. Auf dem Bürgersteig schob ein Mann in blauer Jogginghose ein klappriges Fahrrad neben sich her.

»Vielleicht«, nickte Frieda. »Aber für einen Durchsuchungsbeschluss ist das alles ein bisschen dürftig, findest du nicht?«

»Ich hab kein Wort von ’nem Durchsuchungsbeschluss gesagt!«

Zorn hieb auf das Lenkrad. Die Hupe quäkte auf. Der Mann in der Jogginghose hüpfte erschrocken zur Seite, das Rad landete krachend auf dem Fußweg.

»Claudius?« Sie sah ihn an. »Kann es sein, dass wir uns gerade streiten?«

Na klasse, dachte Zorn. Das fängt ja gut an.

»Tschuldigung, Frieda.«

»Du musst nicht genervt sein.« Sie lehnte sich zurück, hob die linke Hand und massierte seinen Nacken. »Du kriegst das schon hin.«

Nun, da war Claudius Zorn keineswegs sicher. Außerdem gab es eine Menge weiterer Gründe, frustriert zu sein. Zum Beispiel, dass sie nicht zusammenlebten. Friedas alte Wohnung war wieder vermietet gewesen, und so hatte sie sich eine neue gesucht, allerdings ohne zu fragen, ob sie gemeinsam in eine größere ziehen wollten. Zorn hatte sich nicht getraut, das Thema zu erwähnen. Er war selbst unsicher gewesen, insgeheim aber hatte er darauf gehofft, dass Frieda ihn zumindest darauf ansprechen würde, was sie allerdings nicht getan hatte. Und dann war da Rufus, um den er sich Sorgen machte, Rufus, der vor ein paar Monaten beinahe gestorben war und jetzt …

»Bin gespannt, was er gekocht hat.«

Frieda riss ihn aus seinen Gedanken. Der Volvo holperte über die Zufahrt zu Schröders Grundstück, der sie bereits erwartete und winkend vor dem schmiedeeisernen Gartentor stand.

Ich auch, dachte Zorn, ich bin auch gespannt. Allerdings nicht auf das Essen, das wird sowieso lecker.

Um acht, hatte Schröder bei Dienstschluss gesagt, wird serviert. Seid bitte pünktlich. Das wird ein besonderer Abend, ich will euch jemanden vorstellen.

Drei

Rufus.

Der Tag ist heiß. Keine Wolke am Himmel. Die Ostsee schimmert in der Sonne wie ein riesiger, in Millionen Scherben zersprungener Spiegel. Möwen kreischen. Segelboote ziehen in der Ferne vorbei.

Rufus liegt an seinem Lieblingsplatz, einer Kuhle am Rand der Dünen. Edgar spielt vorn am Wasser. Malina ist rüber zum Kiosk gegangen, um für sich einen Kaffee und für Rufus ein Bier zu holen. Der Strand ist fast leer, jetzt, wo die letzte Fähre mit den Tagesausflüglern zurück aufs Festland gefahren ist. Rufus war schon oft auf Hiddensee, es ist das erste Mal, dass er die beiden mitgenommen hat. Die kleine Pension in der Nähe des Hafens war eigentlich ausgebucht, doch er kennt Marlene, die Besitzerin, seit Jahren; sie hat ihm die Ferienwohnung gegeben, obwohl die eigentlich renoviert werden sollte.

Edgar jagt eine fette Möwe. Kristallklares Wasser spritzt unter seinen nackten Füßen. Seine Schwimmflügel liegen neben der karierten Badetasche im feinkörnigen Sand. Rufus lässt den Kleinen nicht aus den Augen, er richtet sich auf, stützt sich auf dem Ellbogen ab. Sein Schultergelenk reagiert sofort, doch Rufus hat sich an das Stechen gewöhnt, jede Bewegung verursacht Schmerzen am ganzen Körper. Doch er kann wieder laufen, langsam zwar, aber es wird jeden Tag besser, und er genießt jede Sekunde. Das Kribbeln des Sandes, den kühlen, salzigen Wind auf der verschwitzten Haut.

Komm!, ruft Edgar. Lass uns ’ne Sandburg bauen!

Die Möwe schwebt schräg über ihm in der flirrenden Luft.

Gleich, mein Schatz, erwidert Rufus. Ich ruhe mich noch ein bisschen aus.

Sein Haar ist lang geworden in den letzten Monaten, graue Strähnen ziehen sich durch den Bart. Du siehst aus wie ein mittelalterlicher Prediger, hat Malina beim Frühstück lächelnd gemeint, du musst dringend zum Friseur. Hier auf der Insel gibt’s keinen, hat Rufus behauptet. Das war geschwindelt, denn im Nachbardorf befindet sich GERLINDES KLEINER SALON, eine windschiefe Bretterbude zwischen Souvenirbuden und Fischimbissen. Rufus weiß nicht, ob er den Weg bis dorthin schaffen würde. Es gibt keine Autos auf der Insel, und der Gedanke, sich mit einer der Pferdekutschen (von den Einheimischen als Touristenschleudern bezeichnet) zum Friseur chauffieren zu lassen, erscheint ihm irgendwie absurd.

Edgar hat seine gelbe Schaufel geschnappt und beschwert sich lauthals über die Steine, die ihn beim Graben behindern. Sein Neoprenanzug glänzt in der Sonne, das rote Käppi hängt ihm tief in die Augen. Rufus liebt den Kleinen über alles, und irgendwann, denkt er, wird er mit Malina ein eigenes Kind haben. Letzte Nacht haben sie das erste Mal seit Monaten wieder miteinander geschlafen, vorsichtig, tastend. Es hat verdammt weh getan. Und es war wunderbar.

Irgendwo plärrt ein Kofferradio. Der Moderator erzählt etwas über die fünfte Sinfonie von Beethoven. Rufus kennt den Sender, ein lokales Kulturradio, sie hören es immer zu Hause. Komisch, denkt er, dass man den Sender hier oben empfangen kann.

Er schirmt die Augen mit der Hand ab. Schweiß kitzelt in seinen Achseln, das lange Haar klebt an der Stirn. Ein dicker, nackter Mann mit Strohhut bückt sich nach einer Muschel. Am Horizont zieht ein riesiger Frachter vorbei. Morgen, überlegt Rufus, wird er mit den beiden zum Leuchtturm gehen. Das wird bestimmt anstrengend, der Plattenweg durch die mit Sanddorn bewachsenen Hügel führt stetig bergauf. Doch sie haben Zeit, alle Zeit der Welt, und die Aussicht dort oben ist umwerfend, bei klarem Wetter kann man bis nach Dänemark sehen.

Rufus!

Edgar klingt ungeduldig.

Gleich, mein Schatz. Gleich.

Rufus schließt blinzelnd die Augen. Er ärgert sich, die Sonnenbrille vergessen zu haben. Seine Nase kitzelt. Dünengras streift sacht über sein Gesicht. Er riecht Salz. Sonnencreme. Und noch etwas. Heißes Öl, gebratenes Fleisch. Wahrscheinlich haben ein paar Kids ihren Grill angeworfen. Das, denkt Rufus, gibt Ärger. Grillen ist am Strand streng verboten.

Rufus!

Ja, murmelt er. Ich komme doch.

Wieder dieses Kitzeln. Eine Ameise vielleicht.

RUFUS!

Ja doch, du kleine Nervensäge. Er schlägt grinsend die Augen auf. Wir bauen jetzt deine Burg, hol deine Schippe, ich … hey, wo ist dein Käppi? Du holst dir ’nen Sonnenbrand, Kumpel. Mama wird stinksauer, wenn du …

Gute Nacht, sagt Edgar und gibt Rufus einen Kuss.

Quatsch, denkt Rufus. Es ist doch viel zu früh.

Edgar hat seinen Schlafanzug an, den blauen mit dem Piraten vorn auf der Brust. Wie hat er den so schnell angezogen? Die Sonne blendet noch immer, doch ihr Licht ist anders. Kälter, irgendwie … künstlich.

Rufus blinzelt und erkennt, dass es sich um eine Energiesparlampe handelt, die zwei Meter über seinem Kopf hängt. Er hört, wie sich Edgars Schritte entfernen, und wundert sich über den Klang, als würde der Kleine nicht über Sand, sondern über dicken Teppich laufen. Als er den Kopf ein wenig hebt, sieht er Malina, die gar nicht so braun ist, wie sie’s eben noch war; anstatt des knappen rot-weiß gestreiften Bikinis trägt sie Jeans und ein ärmelloses ACDC-T-Shirt. Wilde, wirbelnde Streicherklänge dringen hinter ihr herein, Rufus bemerkt, dass sie nicht aus einem Kofferradio, sondern aus der Stereoanlage im Wohnzimmer stammen, dass der Geruch nach gebratenem Fleisch nicht von einem Grill, sondern aus der Küche stammt, und weiß jetzt, dass er nicht am Strand, sondern in einem Krankenbett liegt, einem Monstrum, das fast ihr gesamtes ehemaliges Schlafzimmer einnimmt.

Malina lächelt ihm zu und sagt, dass es gleich Abendbrot gebe, sie müsse Edgar nur noch seine Geschichte vorlesen.

Gut, sagt Rufus, der jetzt endgültig wach ist und nie eigene Kinder haben wird.

Er spürt Edgars Kuss noch auf der Wange. Mehr spürt er nicht.

Du hast geredet im Schlaf, sagt Malina. Was hast du geträumt?

Ich weiß nicht mehr, lügt Rufus, der Hiddensee nie wieder betreten wird.

Sie fragt, ob er noch etwas brauche.

Nein, sagt Rufus, der frühere Kinderarzt.

Rufus, sechsunddreißig Jahre alt. Ehemaliger Boxer, Landesmeister im Weltergewicht und später Kampftaucher bei der Bundeswehr. Rufus, der dieses Bett nie wieder verlassen wird.

Rufus, vom Hals abwärts gelähmt.

Vier

Sein Name war Albert.

So hatte Schröder den jungen Mann vorgestellt, der ihnen jetzt gegenübersaß und schweigend seine gefüllte Paprikaschote aß. Zunächst hatte Zorn vermutet, es handele sich um einen von Schröders Studenten, das glatte Gesicht, umrahmt von pechschwarzen dichten Locken, das zurückhaltende, schüchterne Auftreten ließen Albert auf den ersten Blick wie Anfang zwanzig wirken. Doch aus der Nähe erkannte Zorn die Fältchen um die dunklen Augen, die grauen, kaum wahrnehmbaren Strähnen an den Schläfen und schätzte ihn trotz seiner jungenhaften Erscheinung auf mindestens dreißig.

»Albert ist Musiker.« Schröder goss Frieda etwas Rotwein nach. »Wir haben uns bei einem seiner Konzerte kennengelernt.«

Welches Instrument er denn spiele, wollte Frieda wissen.

»Violine«, erwiderte Albert, bedachte sie mit einem kurzen Lächeln und wandte sich dann wieder seinem Essen zu.

»Ich zeig euch was.«

Schröder tupfte die Mundwinkel mit einer Serviette ab, stand auf, holte eine CD aus dem Regal neben seiner Stereoanlage und reichte sie Frieda. Zorn beugte sich zu ihr, um ebenfalls einen Blick auf das Cover zu werfen. Bei dem Mann auf dem Foto handelte es sich eindeutig um Schröders Gast, er trug einen Frack, hielt eine Geige in den Händen und sah aus dunklen Augen in die Kamera.

PAGANINI, las Zorn. THE24 CAPRICES, PLAYED BY ALBERT META

»Ich habe Paganini immer geliebt«, sagte Schröder und nahm wieder neben Albert Platz.

»Aha«, murmelte Zorn, der äußerst wenig mit klassischer Musik anfangen konnte, doch immerhin wusste, dass es sich bei Paganini um den wohl berühmtesten Geiger der Weltgeschichte handelte.

»Das hier«, Schröder nahm Frieda die CD aus der Hand, »sind so ziemlich die schwierigsten Stücke, die jemals für die Geige geschrieben wurden. Die Aufnahme ist vor einem halben Jahr veröffentlicht worden, und als ich sie das erste Mal gehört habe, da war ich …« Schröder verstummte, betrachtete das Cover. »Es war nicht nur technisch perfekt, es hatte … Seele. Ich habe der Plattenfirma geschrieben. Ich wollte wissen, wer dieser Mensch ist, der so etwas …«, er suchte einen Moment nach dem richtigen Ausdruck, »so etwas Großes vollbringt.«

Schweigend beugte sich Albert Meta über seinen Teller, Schröders Worte schienen ihm peinlich zu sein.

Die Plattenfirma, fuhr Schröder fort, hatte seinen Brief an Albert weitergeleitet, sie hatten sich eine Weile geschrieben, und vor ein paar Wochen, als Albert mit einem Streichquartett am Opernhaus gastierte, hatten sie sich zum ersten Mal getroffen.

»Das Lustige ist«, Schröder neigte schmunzelnd den kahlen Kopf, »dass wir uns da schon kannten. Albert hat in einer kleinen Pension gewohnt, drüben«, er deutete durch die deckenhohen Fenster, »auf der anderen Seeseite, neben dem Reiterhof. Wir sind uns ein paarmal beim Spazierengehen begegnet, haben uns sogar gegrüßt, ohne zu wissen, wer wir waren.«

Die großen Terrassentüren standen offen. Laue, würzige Abendluft drang herein. Der See schimmerte zwischen den Kiefern, Mücken tanzten umher. Die Sonne verschwand allmählich hinter den Bäumen am anderen Ufer.

»Tja, so war das.« Schröder griff wieder zur Gabel. »Das Rezept ist übrigens von Albert, ein albanisches Nationalgericht. Lecker, oder?«

Sehr lecker sogar, bestätigte Frieda, und auch Zorn brummte zustimmend.

Sie widmeten sich ihrem Essen. Es wurde still in Schröders Haus, abgesehen vom Klappern des Bestecks. Frieda stellte noch eine Frage zum Rezept und bekam Antwort von Schröder, während Albert sich mit einem scheuen Nicken begnügte.

Zum Nachtisch gab es geeiste Erdbeeren mit Sahne. Schröder verteilte die Kristallschälchen, während Albert den Tisch abräumte. Verwundert registrierte Zorn, wie Albert den Geschirrspüler füllte und Schlagsahne aus dem Kühlschrank holte. Er hinkte ein wenig, zog das rechte Bein unmerklich nach, doch das war nicht der Grund für Zorns zunehmende Verwirrung. Albert kannte sich hier aus, kramte wie selbstverständlich eine verchromte Kelle aus einer Schublade und brachte sie zum Tisch. Er war also nicht zum ersten Mal hier, mehr noch, es schien, als …

Nee, dachte Zorn. Das kann nicht sein.

*

Es war kurz vor Mitternacht, als Frieda den Volvo zurück in die Innenstadt steuerte. Zorn fühlte sich ein wenig schläfrig, er hatte zwei Gläser Rotwein und zwei Bier getrunken, Frieda hingegen hatte sich nach dem Essen mit Mineralwasser begnügt.

»Das war ein schöner Abend, oder?«

»Hm«, brummte Zorn.

»Schröder war ganz schön aufgeregt.« Sie lächelte. Ihre Augen funkelten im Widerschein der Armaturen. »Ich hab ihn noch nie so aufgekratzt erlebt.«

»Hm.«

»Wie findest du ihn?«

»Wen?«

Ihre Antwort bestand in einem Zungenschnalzen, gefolgt von einem kurzen Seitenblick. Zorn, der natürlich wusste, von wem die Rede war, lockerte den Sicherheitsgurt vor der Brust.

»Ganz nett.«

»Du bist ganz schön einsilbig, mein Lieber.«

»Das waren zwei«, korrigierte er. »Silben, meine ich.«

Zorn richtete sich auf, das Hemd klebte ihm verschwitzt am Rücken. Er beugte sich vor, um die Klimaanlage anzuschalten, ließ es dann aber bleiben. Frieda mochte es nicht, wenn er an irgendwelchen Knöpfen spielte, während sie am Steuer saß. Im Gegensatz zu Zorn fuhr sie sicher, ruhig und überlegt.

»Ich finde Albert auch nett«, sagte sie. »Ein bisschen zurückhaltend vielleicht, aber das ist kein Wunder, schließlich kennt er uns kaum.«

»Hm«, machte Zorn.

»Und warum kannst du ihn nicht leiden?«

»Quatsch«, beteuerte Zorn. »Wie kommst du denn darauf?«

»Weil ich dich kenne, mein Lieber. Liegt’s daran, dass er Albaner ist?«

Diesmal war es an Zorn, gereizt mit der Zunge zu schnalzen.

»Red nicht so ’nen Schwachsinn, Frieda.«

»Weil er Musiker ist?«

»Das ist doch Käse«, seufzte Zorn. »Stimmt, ich kann mit diesem klassischen Kram nichts anfangen. Wahrscheinlich bin ich zu blöd dazu. Na und? Schröder hört so was rauf und runter, trotzdem finde ich ihn nicht doof.«

Das stimmte. Das Gegenteil war der Fall.

Sie fuhren am Stadtwald entlang Richtung Neustadt. Frieda schaltete das Fernlicht ein, beschleunigte, bis der Tacho exakt auf sechzig stand.

»Eigentlich könntest du …«

Zorn verstummte, biss sich auf die Unterlippe.

Er hatte ihr vorschlagen wollen, in den fünften Gang zu schalten, doch er verkniff sich die Bemerkung, Frieda schien sowieso schon ein wenig genervt.

»Was könnte ich, Claudius?«

»Du könntest …« Es dauerte nicht lange, bis Zorn die richtige Antwort einfiel. Er hatte die ganze Zeit schon darüber nachgedacht. »Bei mir schlafen.«

»Das, mein Schatz, hatte ich sowieso vor.«

Sie lächelte, ohne den Blick von der Straße zu wenden.

Herrgott, er liebte ihr Lächeln.

Die Scheinwerfer bohrten sich in die Nacht. Der Mittelstreifen zog vorbei, ein flirrendes Band in der Dunkelheit. Zorn unterdrückte ein Gähnen, spürte den Nachgeschmack des Essens im Mund. Kardamom, Kreuzkümmel und andere exotische Gewürze, die er nicht identifizieren konnte.

»Sag mal …«, Zorn räusperte sich, bevor er betont beiläufig fortfuhr. »Kann es sein, dass dieser Albert … dass der bei Schröder … wohnt?«

»Ach, Claudius.«

Sie lachte auf. Ein helles, kindliches Glucksen, das Zorn ebenso liebte wie ihr Lächeln, doch im Moment hätte er es lieber nicht gehört.

»Natürlich tut er das.« Ein weiteres Kichern. »Was glaubst du denn, warum Schröder unbedingt wollte, dass wir ihn kennenlernen?«

Zorn brummte etwas vor sich hin, nahm die Brille ab und säuberte sie verlegen am Hemdsärmel. Die Lichter der Neustadt tauchten auf. Laternen säumten die Straße, die Fahrbahn glänzte im schwefelfarbenen Schein. Frieda bremste an einer Ampel, schaltete in den Leerlauf.

»Ich weiß jetzt, warum du ihn nicht leiden kannst.«

Sie sah ihn an.

»Du bist eifersüchtig, mein Lieber.«

Fünf

22. August.

Es war Freitagmorgen, als Jenny Vaatz im Büro erschien.

Sie nahm sich weder die Zeit zu klopfen, noch ließ sie sich zu einer Begrüßung herab. Stattdessen verlangte sie, umgehend mit Kommissar Schröder zu sprechen, und Claudius Zorn, der am Fenster stand und im Begriff war, sich einen Kaffee zu kochen, beschloss augenblicklich, die ungehobelte Störerin nicht zu mögen.

»Kollege Schröder«, beschied er knapp, »ist noch nicht da.«

»Das sehe ich.«

Zorn musterte sie über den Rand seiner Brille: Scharfe Gesichtszüge, harte Augen. Schmale, grellrot geschminkte Lippen. Pechschwarz gefärbtes Haar. Eine gepflegte, nach teurem Parfüm riechende Frau um die vierzig, die es offensichtlich gewohnt war, ihre Mitmenschen als ihre Dienerschaft zu betrachten, und sich jetzt mit metallisch klingender Stimme erkundigte, wann Kommissar Schröder zu sprechen sei.

Es war Viertel nach acht, Schröder war seit fünfzehn Minuten überfällig. Zorn konnte sich nicht erinnern, dass Schröder jemals unangekündigt zu spät zum Dienst erschienen war, doch dies war eine Angelegenheit, die er mit seinem ehemaligen Vorgesetzten unter vier Augen klären würde.

»Worum geht’s denn?«, fragte er.

»Das werde ich mit Herrn Schröder persönlich besprechen.«

Es gab eine Art mentale Hitliste, in der Claudius Zorn unsympathische Menschen registriert hatte (genauer gesagt gab es zwei, eine für das männliche, eine für das weibliche Geschlecht). Diese Listen waren weder erklärbar, noch folgten sie einer nachvollziehbaren Logik, sie richteten sich einzig und allein nach seinem Bauchgefühl. Momentan rangierte Zorns herablassende Besucherin unter den ersten zwanzig, irgendwo zwischen Veronica Ferres und Helene Fischer.

»Kann ich vielleicht helfen?«

Sie taxierte ihn von oben bis unten. Der Blick, mit dem sein verblichenes Iggy-Pop-T-Shirt, die ausgewaschenen Jeans und die zertretenen Stiefel bedacht wurden, katapultierte die dunkelhaarige Frau umgehend in die Top Ten seines persönlichen Rankings, wo sie direkt hinter Jenny Elvers landete.

»Nein.«

Zorn hatte Mühe, große Mühe, die Fassung zu bewahren, und lange wäre ihm dies wohl auch nicht mehr gelungen, doch zum Glück öffnete sich die Tür, Schröder erschien und entschuldigte sich schnaufend, dass sein Moped nicht angesprungen sei.

»Irgendwas mit dem Vergaser, ich …«

»Du hast Besuch«, unterbrach Zorn.

Die Frau, die sich später als Jenny Vaatz vorstellen sollte, übersah Schröders höflich ausgestreckte Hand, begnügte sich mit einem knappen Nicken und erklärte erneut, dass sie mit Kommissar Schröder zu sprechen habe.

»Und zwar allein«, fügte sie mit einem weiteren Blick auf Zorn hinzu, einem Blick, der ihr einen Podestplatz in Zorns imaginärer Hitliste einbrachte (womit die amtierende Verteidigungsministerin auf den undankbaren vierten Platz verdrängt wurde).

Schröder – zuvorkommend wie immer – öffnete die Tür, deutete einladend in den Flur und bat seine Besucherin in einen der Besprechungsräume. Er sah Zorn an, hob in einer stummen Geste die Schultern, um anzudeuten, dass er keine Ahnung habe, was hier vorgehe, und verließ das Büro.

*

»Ich werde bedroht«, erklärte Jenny Vaatz. »Ich brauche Polizeischutz, und ich verlange …«

»Wenn Sie gestatten«, unterbrach Schröder, »würde ich gern von vorn beginnen, Frau Vaatz. Zunächst möchte ich wissen, warum Sie ausgerechnet mit mir sprechen wollen.«

Die Luft war stickig, roch nach Männerschweiß und Waffenöl. Schröder stand auf, kippte ein Fenster und setzte sich wieder auf einen der grauen Plastikstühle, die den zerkratzten Tisch in der Mitte des Besprechungsraums säumten.

»Sie sind mir empfohlen worden«, sagte Jenny Vaatz.

»Das freut mich. Von wem, wenn man fragen darf?«

»Von meinem Sohn.« Sie nestelte an ihrer Halskette. Der Anhänger, ein silbernes, mit winzigen Smaragden besetztes Kreuz, funkelte. »Er ist in einem Ihrer Kurse.«

»Hendryk?« Schröders Gesicht hellte sich auf. »Ein begabter Junge. Er wird bestimmt mal ein guter Polizist. Grüßen Sie ihn von mir.«

»Er sagt, Sie würden mir helfen.«

»Das werde ich, wenn’s mir möglich ist.«

»Ich …« Sie sammelte sich kurz, holte tief Luft. »Bei mir wurde eingebrochen, vor zwei Wochen. Gestohlen wurde nichts, doch die Wohnung war komplett auf den Kopf gestellt. Ich habe natürlich Anzeige erstattet. Ihre … Kollegen haben meine Wohnung durchsucht, konnten aber angeblich keine Spuren finden, die auf den Täter deuten. Vor drei Tagen war er wieder da. Genau wie beim ersten Mal war alles durchwühlt, doch nichts hat gefehlt.«

»Haben Sie die Polizei informiert?«

»Natürlich. Wissen Sie, was die gesagt haben?« Ein kurzes, bellendes Lachen. »Dass es sich um einen schlechten Scherz handelt. Die haben mir geraten, die Schlösser auszutauschen.«

Im Gegensatz zu Zorn beurteilte Schröder die Menschen erst, nachdem er sich näher mit ihnen beschäftigt hatte, doch er teilte die instinktive Abneigung seines impulsiven Vorgesetzten gegen diese schlanke, hochgewachsene Frau, die ihm mit verkniffenem Mund gegenübersaß und wütend mit den lackierten Fingernägeln auf die abgeschabte Tischplatte trommelte. Eine Abneigung, die er sich allerdings nicht anmerken ließ.

»Sie fühlen sich also bedroht«, stellte er fest.

»Was glauben Sie denn?«, zischte sie. »Soll ich vielleicht Luftsprünge machen?«

»Gibt es irgendeinen Hinweis? Jemanden, der einen Grund haben könnte, Sie zu verfolgen?«

Sie sah an Schröders Schulter vorbei zur Wand. Neben der Tür war mit Reißzwecken ein Plakat befestigt. MIT BLAULICHT IN DIE ZUKUNFT!, stand über einer lachenden, blondbezopften jungen Frau in Uniform, der ein Witzbold die Zähne mit einem Kugelschreiber geschwärzt hatte. BEWIRB DICH JETZT!

»Nein.« Sie griff wieder nach der Halskette. Etwas, das sie immer zu tun schien, wenn sie sich unwohl fühlte. »Wenn, dann hätte ich das Ihren Kollegen gesagt.«

»Trotzdem haben Sie Angst.«

»Ja, verdammt!« Ihre Stimme wurde schrill. »Gibt es denn niemanden, der mich hier ernst nimmt?«

»Das tue ich«, erwiderte Schröder ruhig.

»Ich verlange Polizeischutz! Sofort!«

»Bedaure.« Schröder schüttelte den kahlen Kopf. »Abgesehen davon, dass es nicht in meinem Aufgabenbereich liegt, übersteigen solcherlei Entscheidungen meine Kompetenzen. Ich kann Ihnen anbieten, dass ich mich mit den Kollegen in Verbindung setze, allerdings fürchte ich …«

Jenny Vaatz sprang wutschnaubend auf, und bevor Schröder den Satz zu Ende bringen konnte, krachte die Tür hinter ihr ins Schloss.

*

»Eine unangenehme Frau«, schloss Schröder seufzend seinen Bericht.

»Allerdings«, brummte Zorn. »Platz zwei, direkt hinter Heidi Klum.«

»Wie meinen?«

»Egal«, winkte Zorn ab. »Wenn sie Polizeischutz will, sollte sie sich jedenfalls was anderes einfallen lassen als ’nen simplen Wohnungseinbruch.«

»Es waren zwei Einbrüche.« Schröder rieb sich die rosigen Wangen, er schien ein wenig müde zu sein. »Klar, das ist immer noch kein Anlass, aber irgendwie … Ich denke, sie hat wirklich Angst. Und sie verschweigt uns was. Angeblich hat sie keine Ahnung, wer genau sie bedroht, aber das nehme ich ihr nicht ab.«

»Tja.« Zorn nippte achselzuckend an seinem Kaffee. »Dann ist sie wohl selber schuld.«

Schröder antwortete nicht. Er hatte die kurzen Arme hinter dem Kopf verschränkt und starrte nachdenklich an Zorn vorbei auf einen nicht vorhandenen Punkt an der weißgetünchten Bürowand.

»Und?« Zorn leerte die Tasse, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und begann, betont beiläufig in einer Schublade zu kramen. »Wie war’s gestern noch?«

Schröder straffte sich umgehend.

»War ein schöner Abend, oder?«, sagte er mit glänzenden Augen. »Schade, dass ihr so früh gegangen seid. Ich bin mit Albert noch um den See gelaufen, danach haben wir bis zum Morgengrauen geredet.«

»Kein Wunder, dass du verpennt hast.«

»Ich hab nicht verpennt. Der Vergaser …«

»Jaja.«

»Wie findest du ihn eigentlich?«

»Wen?«

»Albert.«

Schröder sah Zorn erwartungsvoll an. Dieser wusste natürlich, wie wichtig dem kleinen Mann seine Antwort war. Trotzdem – vielleicht auch gerade deswegen – ließ er ihn noch ein wenig appeln, und als er sich schließlich dazu bequemte, benutzte er dieselben nichtssagenden Worte, die er bereits am Vorabend zu Frieda gesagt hatte: »Ganz nett.«

Sechs

Von: [email protected]

An: [email protected]

Betreff: Alles gut bei Dir?

 

Mein Lieber,

ich bin gut hier in Karlsruhe angekommen. Das Konzert war toll (es war zwar nur der Kleine Saal, aber bis auf den letzten Platz besetzt, und die Akustik war umwerfend). Ich habe Dir ja von diesen Momenten erzählt, in denen ich das Gefühl habe, meine Geige spiele von allein und ich müsse ihr einfach nur folgen. Dies war einer dieser Nachmittage, es war, als würde ich die Kontrolle verlieren. Als würde ich den Vivaldi nicht selbst spielen, sondern ihm zuhören.

Du schreibst, dass Du unsere gemeinsame Zeit vermisst. Mir geht es ebenso, mein Lieber. Auch mir fehlen die Spaziergänge, die Gespräche, die Nächte auf Deiner Terrasse, der Blick auf den See. Ich fühle mich irgendwie »angekommen« – ein etwas schwülstiger Ausdruck, aber er trifft es am besten, nach all den Jahren, die ich ziellos umhergeirrt bin.

Morgen geht’s nach Mannheim (ich hoffe, das Hotelzimmer ist ein wenig besser als hier). Am Dienstag habe ich einen Termin mit einer belgischen Agentur, womöglich kann ich nächstes Jahr mit dem Quartett in Frankreich auf Tournee gehen.

So, mein Lieber. Ich danke Dir noch einmal für alles. Es bedeutet mir übrigens viel, dass Du mich gestern Deinen Freunden vorgestellt hast (auch wenn ich den Eindruck habe, dass Dein Kollege mich nicht sonderlich leiden kann. Aber Du sagst ja selbst, dass er ein wenig »eigen« ist).

 

Wir sehen uns nächste Woche, mein Lieber.

 

Bis dahin,

 

Dein Albert

Sieben

»Ich hab gewusst, dass du mich nicht einfach mal so besuchst«, sagte Cornelius. »Du bist aus ’nem bestimmten Grund hier, Bruderherz.«

»Du hast mich ertappt«, grinste Zorn.

Sie saßen auf einer Holzbank, ein paar Meter vom Fluss entfernt. Hinter ihnen schimmerte die weißgetünchte Fassade von Cornelius’ Villa im Schatten der hohen Bäume. Die Luft flirrte über dem gemächlich vorbeiziehenden Fluss, Schwalben flitzten wie kleine Geschosse umher.

»Wir wissen so gut wie nichts über Donald Piral.« Zorn sog ein letztes Mal an seiner Zigarette und zertrat die Kippe auf dem kurzgeschnittenen Rasen. »Ich dachte, dass du ihn vielleicht gekannt hast. Geschäftlich, meine ich.«

»Das ist richtig.«

Cornelius hatte zugenommen, mindestens zehn Kilo. Breitbeinig saß er neben seinem jüngeren Bruder, das weiße, kurzärmelige Hemd über dem beachtlichen Bauch war zum Zerreißen gespannt. Sein Gesicht war gerötet, sein Atem ging schwer, als wären sie nicht ein paar Meter hangabwärts zum Ufer gelaufen, sondern hätten den Gipfel eines Zweitausenders erklommen.

»Die beiden haben mir ein paar fette Aufträge vor der Nase weggeschnappt«, schnaufte Cornelius und rieb sich mit einem Taschentuch über den verschwitzten Nacken. »Sie sind clever, das muss man ihnen lassen. Donald Piral hat die Projekte entwickelt, Victor Kurtz kümmert sich um den Rest. Finanzierungen, Genehmigungen, neue Aufträge. Er hat hervorragende Beziehungen, allerdings«, ein Grinsen, »längst nicht so gute wie ich.«

Er trinkt zu viel, dachte Zorn und betrachtete die geplatzten Äderchen um die gerötete Nase seines Bruders. Wie alt ist er jetzt? Einundfünfzig, drei Jahre älter als ich. Sehe ich in ein paar Jahren auch so aus? Wie ’n übergewichtiger Rentner? Das wäre logisch, schließlich haben wir die gleichen Gene. Im Moment wiege ich mindestens zwanzig Kilo weniger, und im Gegensatz zu ihm habe ich noch alle Haare auf dem Kopf. Und in die Jeans passe ich auch noch, obwohl’s manchmal ein bisschen kneift. Aber Frieda sagt, sie findet meinen Bauch sexy, und wenn sie das sagt, stimmt das auch. Und anschwindeln würde sie mich nie. Trotzdem, ich muss auf mich achten.

»Mitte der Neunziger sind die beiden plötzlich aufgetaucht«, fuhr Cornelius fort. »Wie aus dem Nichts. Angefangen haben sie, indem sie nach und nach leerstehende Wohnblöcke in der Neustadt aufgekauft haben. Weißt du, wie wir sie damals genannt haben? Plattenbosse.«

Cornelius ließ ein paar Sekunden verstreichen, um seinem Bruder Gelegenheit zu geben, den Witz zu verstehen. Was allerdings nicht der Fall war.

»Wegen Plattenbau, verstehst du?«

Zorn nickte, ein lahmes Grinsen auf den Lippen.

»Niemand weiß, woher sie das Startkapital hatten«, fuhr Cornelius fort. »Sie haben die Dinger saniert, komplett umgebaut und kleine Studentenbuden vermietet. Tja, und damit haben sie ordentlich verdient.«

»Wir haben …«

Stirnrunzelnd musterte Zorn das Feuerzeug in seinen Händen. Er konnte sich nicht erinnern, es aus der Tasche gekramt zu haben, ebensowenig wie die Zigarette, die in seinem Mundwinkel hing.

Ich muss auf mich achten.

»Wir haben die Angestellten befragt.« Er verstaute Feuerzeug und Zigarette wieder in der Jacke. »Bisher hat niemand auch nur ein böses Wort gesagt, weder über Piral noch über Kurtz.«

»Darauf würde ich nicht sonderlich viel geben«, sagte Cornelius. »Das sind Angestellte. Wenn meine Leute befragt würden, dann würden die Lobeshymnen auf mich singen, das kannst du mir glauben.«

»Das«, nickte Zorn, »kann ich mir vorstellen.«

Entferntes Kinderlachen wehte herüber. Am anderen Ufer fuhren ein paar Teenager auf ihren Rädern um die Wette. Uralte Bäume wiegten sich sacht im Wind, im Schatten der weit ausladenden Kronen waren Decken auf der Wiese ausgebreitet. Menschen lasen, schliefen, Kinder tobten umher. Zorn dachte an den jungen Mann, den sie vor ein paar Jahren dort gefunden hatten, an einen der knorrigen Baumstämme gefesselt, erdrosselt, mit einem dreißig Zentimeter langen Zimmermannsnagel im Bein.

»Kann es sein, dass du aus ’nem anderen Grund hier bist?«

Zorn antwortete nicht sofort. Er war in Gedanken in der Vergangenheit, damals hatte er gegen Cornelius ermittelt, sogar verhaftet hatte er ihn. Keine schönen Erinnerungen, weiß Gott nicht.

»Ich hab dich was gefragt, Claudius.«

Zorn hob den Kopf. Cornelius sah ihn aus funkelnden Augen an. Die Farbe, ein dunkel schimmerndes Braun, glich der seines jüngeren Bruders. Das war, soweit Zorn wusste, so ziemlich das Einzige, was sie verband.

»Verdächtigst du mich?« Cornelius senkte die Stimme. »Ist es das? Glaubst du, ich hätte einen Konkurrenten aus dem Weg geräumt?«

»Was?!« Zorn schoss das Blut in die Wangen. »Spinnst du?«

»Krass.« Cornelius lehnte sich kopfschüttelnd zurück. »Er hält mich immer noch für ’nen Mörder. Mein eigener Bruder glaubt …«

»Jetzt hör auf mit dem Scheiß! Wir haben das tausendmal besprochen, ich weiß nicht, wie oft ich mich bei dir entschuldigt hab! Ich konnte damals nicht anders, ich …«

Zorn zuckte zusammen, als die Pranke seines bulligen Bruders klatschend auf seinen Oberschenkel fiel. Cornelius legte den Kopf in den Nacken, sein Lachen dröhnte über den Fluss.

»War ’n Scherz, Claudius.«

Zorn rieb sich das schmerzende Bein.

»Sehr witzig, Arschloch.«

»Selber Arschloch.«

Eine Entenschar zog gackernd über den Fluss. Die Porphyrfelsen am anderen Ufer schimmerten blutrot im Licht der tiefstehenden Sonne.

»In der Zeitung stand nur, dass Pirals Leiche in seinem Dienstwagen gefunden wurde«, sagte Cornelius. »Wie genau ist er gestorben?«

Zorn erzählte es, in kurzen, dürren Sätzen.

»Löschkalk«, murmelte Cornelius, nachdem Zorn geendet hatte. »Die Nazis haben das Zeug benutzt, bei den Transporten nach Auschwitz. Sie haben die Waggons damit vollgekippt und dann so viele Menschen reingetrieben, bis sie übereinander klettern mussten. Die Schwächsten lagen am Boden. Die sind verreckt wie die Tiere.«

»Ja«, sagte Zorn. »Wie die Tiere.«

Sein Feuerzeug flammte auf. Er sog an der Zigarette, stieß den Rauch in die flirrende Luft. Kein Gedanke mehr an die guten Vorsätze.

»Du kanntest Donald Piral«, sagte er. »Was war das für ’n Typ?«

»Kennen ist übertrieben. Er hatte was … man soll nicht schlecht über die Toten reden«, seufzte Cornelius, »aber er hatte wirklich was Schmieriges, anders kann ich’s nicht ausdrücken. Klein, ziemlich korpulent, die Haare nach hinten gegelt. Er hatte ’ne Hasenscharte.« Cornelius deutete auf seine Oberlippe. »Dadurch hatte man das Gefühl, er würde ständig grinsen. Ich hab’s nie erlebt, aber ich hab immer gedacht, dass er verdammt sauer werden kann, wenn’s nicht nach seinem Willen geht.«

»Piral war Italiener«, sagte Zorn. »Es klingt ziemlich abgedroschen, aber … kann es sein, dass die Mafia dahintersteckt?«

»Die Mafia?« Cornelius holte tief Luft. Ein Geräusch, das an das Schnauben eines erkälteten Walrosses erinnerte. »Klar«, sagte er, nachdem er einen Moment überlegt hatte, »das Geschäft ist brutal, da wird mit harten Bandagen gekämpft. Man braucht Beziehungen, Kontakte zu den wichtigen Leuten. Bauamt, Denkmalschutz und so weiter. Manchmal geht’s auch unter die Gürtellinie, aber so was wie Erpressung hab ich nie erlebt. Nee«, er schüttelte den massigen Schädel, »ich kann mir nicht vorstellen, dass die was mit der Mafia zu tun hatten.«

»Aber sicher bist du nicht?«

»Natürlich nicht.«

Zorn hielt die Zigarette senkrecht in den verbliebenen Fingern der verstümmelten Hand, betrachtete den Rauch, der sich in einem dünnen Faden vor seiner Nase kräuselte und sich über ihren Köpfen unter den Baumwipfeln verlor.

»Furchtbar, diese Dinger«, sagte Cornelius.

Zorn sah auf, folgte dem ausgestreckten Zeigefinger seines Bruders, der flussaufwärts auf ein kreisrundes Floß deutete, das mit tuckerndem Motor herangeschippert kam. Ein halbes Dutzend Männer mit Basecaps und in bunten Camp-David-Shirts saß biertrinkend unter einem gelben Sonnenschirm um einen rauchenden Grill, eine Schnapsflasche machte die Runde.

»Furchtbar«, wiederholte Cornelius seufzend. »Die Ausflugsdampfer waren auch schlimm, aber da war wenigstens halbwegs Ruhe. Ein paar Rentner, die ihren Kuchen gelöffelt und Kaffee getrunken haben, aber die hielten wenigstens die Klappe. Tja, das ist jetzt vorbei.«

»Warum?«

»Die Reederei ist pleite.«

»Aha«, murmelte Zorn.

Das Floß dümpelte gemächlich vorbei. Ein Mann mit verspiegelter Sonnenbrille prostete ihnen mit seiner Bierflasche zu, ein anderer erhob sich schwankend und reckte ihnen unter dem johlenden Beifall seiner Mitfahrer den blanken Hintern entgegen.

»Hast du was von Mutter gehört?«, fragte Cornelius.

»Nee«, sagte Zorn. »Und du?«

Cornelius schüttelte den Kopf.

Acht

Jenny Vaatz betrat ihr Apartment, zog die Tür hinter sich zu und schloss ab. Dreimal drehte sich der Schlüssel, die Verriegelung schnappte ein. Sie legte die Sicherheitskette vor, schloss den Querriegel. Ihre Wut auf die Polizei war noch längst nicht verraucht. Der einzige Rat, den diese Idioten ihr gegeben hatten, war, die Schlösser austauschen zu lassen. Das hatte sie auch getan und bei dieser Gelegenheit die zusätzlichen Sicherungen anbringen lassen.

Sie warf einen Blick durch den Spion in den Hausflur, streifte die Pumps ab und lehnte sich mit einem erleichterten Seufzen neben der Garderobe an die Wand. Ihr Blick fiel auf den Spiegel gegenüber. Sie trat näher, betrachtete das pechschwarzgefärbte Haar und beschloss, am nächsten Tag zum Friseur zu gehen. Im Herbst wurde sie dreiundvierzig. Die sorgfältig geschminkte Frau, die ihr unter gezupften Brauen entgegensah, hatte wenig mit dem bezopften Mädchen zu tun, das sie vor zwanzig Jahren gewesen war, doch trotzdem, fand Jenny Vaatz, konnte sie sich immer noch sehen lassen. Sie ging in ihr Arbeitszimmer, setzte sich hinter den Schreibtisch und startete ihren iMac. Früher hatte Hendryk hier sein Kinderzimmer gehabt, doch jetzt, fünf Jahre nachdem er ausgezogen war, erinnerte so gut wie nichts mehr an seine Anwesenheit, ausgenommen der helle Fleck, wo sein Ärzte-Poster gehangen hatte, ein paar Dübellöcher, in denen das Regal mit dem Fernseher und der Playstation befestigt gewesen war, und die Abdrücke, die das schmale Kinderbett auf dem grauen Veloursteppich hinterlassen hatte. Sie vermisste ihren Sohn nicht, im Gegenteil, sie war erleichtert gewesen, als er die Wohnung verlassen hatte, schließlich hatte sie den Jungen lange genug allein großgezogen. Ab und zu telefonierten sie miteinander, und als sie Hendryk von den Einbrüchen erzählt und sich wortreich über die empörende Behandlung auf der Wache beschwert hatte, da hatte er ihr geraten, sich an diesen kleinen Polizisten zu wenden. Kommissar Schröder hilft dir bestimmt, hatte er geradezu euphorisch geschwärmt, der Mann ist klasse, ein echt cooler Typ.

Das war ein Trugschluss, dachte sie mit zusammengepressten Lippen, während der 27-Zoll-Bildschirm aufflackerte. Polizisten. Die sind alle gleich, alle. Dass ihr naiver Sohn so dumm war, diese Laufbahn einschlagen zu wollen, war ärgerlich, doch es war Hendryks Sache, er war alt genug.