Zu nah am Abgrund - Patricia Vandenberg - E-Book

Zu nah am Abgrund E-Book

Patricia Vandenberg

0,0

Beschreibung

Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. »Sieh mal, da ist er wieder!«, flüsterte Kim Nolde ihrer Kollegin Esther zu und deutete verstohlen auf den gut aussehenden Mann, der durch das Labor schlenderte. »In meinem Horoskop steht, dass in meinem Leben bald eine einschneidende Wende eintritt. Ich könnte wetten, dass Sascha damit etwas zu tun hat.« »Du mit deinen Horoskopen. Wann wirst du endlich erwachsen?« »Was hat denn das mit Erwachsensein zu tun? Ich glaube eben an solche Dinge. Und wenn man wahrhaftig an etwas glaubt, dann kann es tatsächlich Wirklichkeit werden«, beharrte Kim eigensinnig und beobachtete weiter den schönen jungen Mann auf seiner Runde durch die Abteilung. Hin und wieder blieb er stehen, warf einen Blick über die Schulter eines Mitarbeiters, wechselte ein paar Worte mit ihm, um schließlich weiterzugehen. »Ich weiß gar nicht, was du an diesem arroganten Schnösel findest«, gab Esther nach einem ausgiebigen Blick auf Sascha Brehm zurück. »Allein dieses überhebliche Lächeln treibt mich zur Weißglut.« »Das gefällt mir auch nicht«, gab Kim unverhohlen zu. Doch der verträumte Ausdruck auf ihrem Gesicht wollte nicht weichen. »Aber irgendwie ist da was, ganz tief drinnen in mir. Ein Gefühl, wie ich es noch nie zuvor hatte. Ich weiß einfach, dass er der Richtige ist.«

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 118

Veröffentlichungsjahr: 2023

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Dr. Norden Extra – 94 –Zu nah am Abgrund

Doch Kim steht immer wieder auf

Patricia Vandenberg

»Sieh mal, da ist er wieder!«, flüsterte Kim Nolde ihrer Kollegin Esther zu und deutete verstohlen auf den gut aussehenden Mann, der durch das Labor schlenderte. »In meinem Horoskop steht, dass in meinem Leben bald eine einschneidende Wende eintritt. Ich könnte wetten, dass Sascha damit etwas zu tun hat.«

»Du mit deinen Horoskopen. Wann wirst du endlich erwachsen?«

»Was hat denn das mit Erwachsensein zu tun? Ich glaube eben an solche Dinge. Und wenn man wahrhaftig an etwas glaubt, dann kann es tatsächlich Wirklichkeit werden«, beharrte Kim eigensinnig und beobachtete weiter den schönen jungen Mann auf seiner Runde durch die Abteilung.

Hin und wieder blieb er stehen, warf einen Blick über die Schulter eines Mitarbeiters, wechselte ein paar Worte mit ihm, um schließlich weiterzugehen.

»Ich weiß gar nicht, was du an diesem arroganten Schnösel findest«, gab Esther nach einem ausgiebigen Blick auf Sascha Brehm zurück. »Allein dieses überhebliche Lächeln treibt mich zur Weißglut.«

»Das gefällt mir auch nicht«, gab Kim unverhohlen zu. Doch der verträumte Ausdruck auf ihrem Gesicht wollte nicht weichen. »Aber irgendwie ist da was, ganz tief drinnen in mir. Ein Gefühl, wie ich es noch nie zuvor hatte. Ich weiß einfach, dass er der Richtige ist.«

Ob dieses ungewöhnlichen Geständnisses starrte Esther ihre Freundin ungläubig an. Schon wollte sie etwas erwidern, als der Personalchef in diesem Augenblick die beiden Frauen erreichte. Beide blickten ihn aufmerksam an. Kims zartes Gesicht wurde von einer feinen Röte überzogen, als Sascha sie ansprach.

»Guten Morgen die Damen. Ich hoffe, Sie hatten ein schönes Wochenende.«

»Vielen Dank, ich kann mich nicht beklagen«, erwiderte Esther in spitzem Tonfall.

Kim dagegen warf ihm ein sanftes Lächeln zu.

»Ja, es war wirklich schön. Das Wetter war herrlich, finden Sie nicht?«, fragte sie nach, um Sascha in ein Gespräch zu verwickeln.

Der hatte jedoch anderes im Sinn, als eine lockere Unterhaltung zu führen und fuhr herablassend fort: »Nun, war die schöne Winternacht der Grund, warum Sie heute schon wieder sieben Minuten zu spät gekommen sind?«

»Oh, es tut mir leid. Die Straßenbahn hatte Verspätung wegen vereister Gleise. Das kommt manchmal vor.«

»Immer öfter in letzter Zeit, habe ich das Gefühl. Sie sollten sich vorsehen, Frau Nolde. Der Chef sieht das gar nicht gerne.«

»Schon gut. Dann werde ich mich eben in Zukunft noch früher auf den Weg zur Arbeit machen.«

»Oder aber Sie suchen sich eine neue Wohnung.«

»Ein anderer Arbeitsplatz käme auch infrage«, mischte sich Esther in den Schlagabtausch der beiden, um Sascha zum Schweigen zu bringen. Doch wenn sie erwartet hatte, ihm damit den Wind aus den Segeln zu nehmen, dann irrte sie sich gewaltig.

Sascha grinste nur breit und warf ihr einen abschätzenden Blick zu.

»Auch eine gute Idee, wie ich finde. Ich sollte mit dem Chef einmal darüber sprechen.«

»Nein, bitte nicht, Esther hat doch nur einen Scherz gemacht. Ich arbeite wirklich gerne hier. Und ich verspreche, in Zukunft pünktlich zu sein«, beeilte sich Kim mit einem tadelnden Blick auf Esther zu versichern.

»Sie sollten nicht so leichtsinnig mit Versprechen umgehen. Wer weiß, ob Sie sie einhalten können«, gab Sascha kühl lächelnd zurück. »Und nun machen Sie sich lieber wieder an Ihre Arbeit. Einen schönen Tag noch.« Er nickte leicht und schickte sich an, das Labor zu verlassen.

Esther blickte ihm ungläubig nach.

»Das ist ja wohl die Höhe! Ich kann es nicht glauben. Was bildet sich dieser Lackaffe eigentlich ein?«

»Reg dich nicht auf«, winkte Kim indes ungerührt ab. »Hinter einer rauen Schale verbirgt sich oft ein weicher Kern.«

»Du mit deinen Lebensweisheiten. Wir werden sehen, wie weit du damit kommst.«

»Jetzt sollten wir die Arbeit in Angriff nehmen. Sonst ist der Weg hier ohnehin bald zu Ende.«

Seufzend beugten sich die beiden Frauen über ihre Reagenzgläser, Pipetten und Messgeräte und waren bald in ihre Auswertungen vertieft, während Sascha Brehm zufrieden mit sich und der Welt in die Personalabteilung zurückkehrte.

»Fertig mit dem Rundgang?«, fragte seine Sekretärin Bine und lächelte ihn verliebt an. Kaum eine Frau konnte dem Charme des Sascha Brehm widerstehen, was er mit zunehmender Langeweile zur Kenntnis nahm.

»Ja, und es macht nicht wirklich Spaß. Aber der Boss wünscht, dass man sich bei den Leuten blicken lässt. Bitte notieren Sie, dass Frau Nolde schon wieder zu spät gekommen ist. Und für diese Esther Marschner muss ich mir etwas einfallen lassen. Die ist mir zu aufsässig. Solche Leute kann man in einer Firma nicht gebrauchen. Die sind imstande und zetteln eine Revolution unter den Mitarbeitern an.«

»Ihnen wird schon eine Gegenmaßnahme einfallen, da bin ich ganz sicher.«

»Natürlich tut es das. Irgendwelche Nachrichten für mich?«, fragte Sascha gelangweilt nach.

»Ihre Mutter hat angerufen und bittet um Rückruf. Und der Chef erwartet Sie um zehn Uhr zu einer Besprechung.«

»Sehr schön, ich werde pünktlich sein. Bitte bringen Sie mir Tee, schwarz, dreieinhalb Minuten gezogen. Mit zwei Stück Zucker.«

»Wie immer, ich weiß«, lächelte Bine Weber, die sich Saschas Eigenheiten längst verinnerlicht hatte und stets darauf bedacht war, alles zu seiner Zufriedenheit zu erledigen. Bisher hatte sie damit die angestrebte Aufmerksamkeit noch nicht errungen. Aber leise und unauffällig würde sie sich unentbehrlich machen und Sascha eines Tages erkennen, dass er ohne sie nicht mehr leben konnte. Das war die Strategie der geduldigen Bine Weber, und verzückt lächelnd blickte sie ihm nach, bis er in seinem Büro verschwunden war.

*

»Nein, Mama, ich habe die Einladung bei Peintners nicht vergessen. Natürlich werde ich pünktlich sein. Du kennst mich doch. In Smoking, selbstverständlich«, wiederholte Sascha kurz darauf die Anweisungen seiner Mutter am Telefon.

»Und bringe bitte eine Flasche Champagner und Blumen mit.

Sylvie legt großen Wert auf angemessene Gastgeschenke. Schließlich ist die Rückkehr ihrer einzigen Tochter aus den USA keine alltägliche Angelegenheit«, konnte sich Regine Brehm nicht zurückhalten, ihrem erwachsenen Sohn weitere Verhaltensmaßregeln mit auf den Weg zu geben.

»Ich weiß das, Mama. Gleich nachher schicke ich meine Sekretärin Frau Weber, um alles zu besorgen.«

»Hat diese Frau Geschmack? Der Strauß darf nicht zu modern gebunden sein. Aber um Gottes willen auch kein Bauernstrauß.«

»Frau Weber wird es schon richtig machen«, unterdrückte Sascha ein leises Stöhnen. »Bis heute Abend.«

»Auf Wiedersehen, mein Junge. Ich freue mich so«, erklärte Regine noch, doch das Klicken in der Leitung ließ sie ahnen, dass Sascha diese Worte nicht mehr gehört hatte.

»Stell dir vor, er hat einfach aufgelegt«, beschwerte sie sich unlustig, als sie in das feudale Esszimmer zurückkehrte, in dem ihr Mann Arnold am Tisch saß und Zeitung las.

»Er wird schon wissen, warum.«

»Was soll das denn bitte schon wieder heißen, Arnie?«

Der Angesprochene ließ die Zeitung sinken und warf seiner Frau über den Rand seiner Brille hinweg einen eindeutigen Blick zu.

»Entschuldige, Regine, aber deine ständigen Ermahnungen und Hinweise können einem Mann schon gewaltig auf die Nerven gehen.«

»Das ist wieder typisch. Hast du dir schon einmal überlegt, was du ohne meine guten Ratschläge tun würdest? Du wärest verloren in dieser Gesellschaft.«

»Es ist die Frage, ob ich mich ohne dich überhaupt in diesem bornierten Kreis bewegen würde. Aber nichts für ungut, meine Liebe. Natürlich hast du recht. Mit deinem guten Geschmack hast du mein Leben wesentlich angenehmer gemacht«, lenkte Arnold rasch ein. Er wollte in Ruhe Zeitung lesen und es nicht auf einen Streit ankommen lassen, bei dem er ohnehin den Kürzeren ziehen würde. Der Wortgewalt seiner Frau war er noch nie gewachsen gewesen. So zog er es vor, seine wahre Meinung für sich zu behalten.

Regine überlegte einen Augenblick, ob sie ihn für diese unflätige Bemerkung zurechtweisen sollte. Angesichts der vielen Unternehmungen, die sie an diesem Tag noch vorhatte, verzichtete sie allerdings darauf. Die lange erwartete Einladung bei der befreundeten Familie Peintner war wichtiger als ein lauwarmer Streit mit ihrem Mann, der ohnehin zu nichts führen würde.

»Also schön. Wenn du nichts dagegen hast, gehe ich jetzt zur Kosmetikerin und danach zum Friseur. Anschließend treffe ich mich mit meiner Freundin Betsie in der Stadt zum Mittagessen. Danach werden wir einkaufen gehen. Ich bin rechtzeitig zum Tee um Punkt sechzehn Uhr dreißig zurück.«

»Dann wünsche ich dir einen schönen Tag, meine Liebe.«

»Schöner Tag?«, fragte Regine mit spitzer Stimme zurück. »Du machst dir offenbar kein Bild, was für ungeheure Anstrengungen damit verbunden sind. Nein, mein Leben ist fürwahr kein Vergnügen.«

Darauf antwortete Arnold nichts mehr. Regines Leben war ebenso wie seines ein Traum aus Sorglosigkeit und Annehmlichkeiten. Seiner Frau schien das allerdings nicht bewusst zu sein. Ständig fand sie Grund zum Mäkeln, niemals schien sie zufrieden zu sein.

Nun, er konnte es nicht ändern und raschelte nur demonstrativ mit seiner Zeitung. Regine, die dieses Zeichen nur zu gut kannte, wusste, dass von ihrem Mann kein Kommentar mehr zu erwarten war. So schlüpfte sie in ihren warmen Pelzmantel, griff nach ihrer Handtasche und den Wagenschlüsseln und verließ das großzügige, geschmackvoll und teuer eingerichtete Einfamilienhaus. Der Tag konnte beginnen.

*

Anders als für Arnold und Regine Brehm begann dieser Tag für Rüdiger Lohse unter schlechten Vorzeichen. Am vergangenen Nachmittag hatte er eine ernste Besprechung mit seinem Steuerberater über sich ergehen lassen müssen, deren Ergebnisse nicht seiner Erheiterung dienten. So stand eine steile Falte auf der Stirn des Firmeninhabers, als Punkt zehn Uhr der Personalleiter Sascha Brehm in Begleitung seines Stellvertreters Josef Kunkel das Büro betrat.

»Setzen Sie sich, meine Herren«, forderte Lohse die beiden auf, ehe er in ungewöhnlich ernstem Tonfall fortfuhr. »Ich will nicht lange um den heißen Brei herumreden. Der Grund, warum ich Sie heute zu einer Besprechung habe zusammenkommen lassen, ist kein erbaulicher. Wie Sie wissen, schreibt unsere Firma trotz aller erdenklichen Gegenmaßnahmen keine schwarzen Zahlen mehr. Nun ist die Situation noch bedrohlicher geworden und wir kommen nicht umhin, einigen unserer Mitarbeiter eine Kündigung auszusprechen.«

»Steht es wirklich schon so schlecht?«, entfuhr es Josef Kunkel. Angesichts dieser Neuigkeiten war schlagartig alle Farbe aus seinem Gesicht gewichen.

Sascha Brehm hingegen trug eine unbekümmerte Miene zur Schau. »Das trifft sich ja ganz hervorragend. Zumindest zwei unangenehme Kolleginnen werden wir auf diese Weise sehr elegant los.«

»Ich verstehe nicht ganz. Ist etwas vorgefallen?«, erkundigte sich Lohse mit einem fragenden Blick auf seinen Personalchef.

»Es handelt sich um zwei Damen aus dem Labor. Die eine kommt chronisch zu spät, und die andere erlaubt sich mir gegenüber ständig Frechheiten. Ich fürchte, sie könnte die anderen Mitarbeiter aufwiegeln. Daher halte ich es für das Beste, die beiden aus der Abteilung zu entfernen«, erklärte Sascha in aller Ruhe und lächelte beifallheischend in die kleine Runde.

Über diesen gefühllosen Bericht waren Josef Kunkel und Rüdiger Lohse gleichermaßen irritiert.

»Herr Brehm, sind Sie sich im Klaren darüber, dass hier über die Schicksale von Menschen entschieden wird? Sind Sie sich sicher, dass Sie keine leichtfertigen Urteile fällen?«

»Ganz und gar, Sie können völlig beruhigt sein. Ich denke, ich habe durch meine erfolgreiche Arbeit in letzter Zeit gezeigt, dass ich Ihr Vertrauen durchaus verdient habe.«

Rüdiger Lohse schwieg eine Weile nachdenklich und spielte mit seinem Bleistift. So ganz recht, wie er meinte, hatte Brehm mit dieser Aussage nicht. In letzter Zeit hatte er einige eklatante Fehlentscheidungen getroffen, die die Firma teuer zu stehen gekommen waren. Lohse war ein geduldiger Mensch und hatte trotz allem, Ruhe bewahrt. Das schien ihm auch diesmal die richtige Strategie zu sein. Zumal er eine vielversprechende Bewerbung für die Stelle des Personalleiters auf den Tisch bekommen hatte. Es handelte sich um eine Dame, mit der er sich so bald wie möglich persönlich unterhalten wollte. Während Sascha Brehm nicht ahnte, wie gefährdet seine eigene Stellung in der Firma war, seufzte Rüdiger Lohse vielsagend.

»Gut, in diesem Fall muss ich mich wohl ganz auf Ihr Urteil verlassen. Herr Kunkel, ich bitte Sie, diese Liste der Mitarbeiter durchzugehen. Wir müssen 25 Leute entlassen und können uns keine großartigen Abfindungen leisten. Ich überlasse es Ihnen beiden, zu entscheiden, von wem wir uns trennen können, ohne allzu großen persönlichen Schaden anzurichten.«

»Aber selbstverständlich. Ich könnte mich auch mit anderen Unternehmen in Verbindung setzen und versuchen, unsere Leute anderweitig unterzubringen«, machte Kunkel einen Vorschlag.

»Eine hervorragende Idee. Sie haben mein vollstes Vertrauen«, erwiderte Lohse erfreut. Gerne hätte er ein paar Worte mit dem zwar noch unerfahrenen, aber sensiblen Mann gewechselt. Aber wie immer drängte die Zeit. »Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen. Ich habe einen dringenden Termin bei der Bank.« Gezeichnet von den drückenden Sorgen erhob sich Lohse und gab damit das Signal für seine beiden Mitarbeiter, sich ebenfalls auf den Weg zurück an ihren Arbeitsplatz zu machen.

»Ich weiß gar nicht, warum er sich so anstellt«, erklärte Sascha Brehm ungerührt, während er neben seinem Stellvertreter herging.

Der warf ihm einen ungläubigen Blick zu. »Sagen Sie mal, Brehm, haben Sie denn überhaupt kein Herz? Immerhin geht es um die Zukunft vieler Menschen.«

»In unserem Beruf darf man nicht zu sentimental sein. Diese Lektion müssen Sie wohl noch lernen. Man muss Prioritäten setzen. Immerhin besteht das Risiko, eine ganze Firma zu verlieren. Da trennt man sich doch lieber von ein paar Nichtsnutzen, um die Kosten zu senken«, erklärte Sascha großspurig. Seine Gedanken eilten schon voraus zu dem kommenden Abend und den Annehmlichkeiten, die ihn erwarten würden. Da blieb nicht viel übrig für Sentimentalitäten. »Bitte machen Sie sich an die Arbeit. Erstellen Sie eine Liste mit den Leuten, die wir aufgrund ihrer sozialen Stellung ohne Abfindung entlassen können. Frau Nolde und Frau Marschner können Sie schon auf die Liste setzen. Sie sind beide unverheiratet, haben keine Kinder und sind noch nicht allzu lange im Unternehmen. Das gibt keine Schwierigkeiten. Über die anderen Kandidaten unterhalten wir uns, wenn Sie eine Auswahl getroffen haben.«

Unterdessen waren die beiden Männer an Saschas Büro angelangt. Er nickte kurz wohlwollend und ließ einen verstörten Josef Kunkel zurück, dem das Verhalten seines Chefs beinahe menschenverachtend erschien. Angesichts der angespannten Lage kam er jedoch nicht umhin, die erhaltenen Anweisungen zu befolgen, und machte sich geknickt und unzufrieden auf den Weg an seinen Arbeitsplatz.

*

Ein stürmischer Ostwind fegte durch die Straßen der Münchner Innenstadt und trieb sein Spiel mit den Menschen, die unterwegs waren.

Dazu peitschte ein kalter Eisregen auf den Asphalt und sorgte dafür, dass Rüdiger Lohse, kaum den Räumen der Bank entkommen, nach einem Schutz vor Wind und Wetter Ausschau hielt. Der Zufall wollte es, dass er in einen kleinen Feinkostladen geriet.