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In diesem autobiographischen Buch beschreibe ich den Weg, den ich aus einer vom Schicksal schwer getroffenen Familie heraus über persönliche Krisen hin zum Entdecken meiner Spiritualität und Medialität gegangen bin. Mein Entwicklungsweg führte mich vom Yoga zum Reiki, über Coaching und die systemische Aufstellungsarbeit, schließlich hin zur medialen Beratung und Arbeit als mediale Ausbilderin. In den Fallgeschichten in diesem Buch geht es um ganz alltägliche Themen: die Familie, die Liebe, das Arbeitsleben. Ich lade den Leser ein, seine eigene spirituelle Entwicklungsarbeit zu beginnen. Ich glaube, dass jeder Mensch aufmerksamer für die eigene Wahrnehmung werden kann, die Gabe der Medialität in sich trägt und das Handwerk erlernen kann. Ich möchte ganz bodenständig zwischen Himmel und Erde den Weg zu einer modernen Spiritualität aufzeigen, einen Zugang ermöglichen, um die persönliche Zukunft zu gestalten und den eigenen Platz in der Welt einzunehmen.
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Seitenzahl: 240
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Für Lovely
Vorwort
Ein entscheidendes Jahr - Zum Tod meines Vaters
Die zwei Gesichter - Zur Krankheit meiner Mutter
Die Zeit der Wende - Spirituelle Anfänge
Bahnhöfe - Berufliche Stationen und Lebensplan
Übersetzungsarbeit - Meine Ausbildung zum Medium
Die Botschafterin - Ankündigungen, Träume und Tod
Aufstellungen & Aufgaben - Entwicklung der medialen Arbeit
Was ist ein Medium? - Vermittlerin zwischen den Welten
Jeder hat sein Medium - Klientengeschichten I
Entflechtung, Auflösung, Energiearbeit - Klienten II
Streetwork & Firmenkarma - Klientengeschichten III
Von der Gabe zum Handwerk - Arbeit als Ausbilderin
Neugierde & Wachstum - Persönlichkeitsentwicklung
Die glückliche Stunde - Selbstchanneling
Von Medium zu Medium - Medialität im Alltag
Hokuspokus am Frühstückstisch - Medialität in Beziehungen
Mediale Mädelsrunde - Freundschaftliche Verbindungen
Heilende Beziehungen - Familiäre Verbindungen
Inneres Wachstum - Meine mediale Philosophie I
Die innere Stimme - Meine mediale Philosophie II
Nachwort
Danke
In meiner Praxis hängt ein Plakat mit dem Satz:
»Hier geht es um dich!«
Meine Klienten kommen mit großen Fragen zu mir, finden in der alltäglichen Welt keine Antworten und keinen Weg, sie sich selbst zu beantworten. Es geht um die Familie, die Liebe, das Arbeitsleben - auch um die Beziehungen. In diesem Buch geht es um mich. Doch meine eigene Geschichte ist nicht ohne die zu denken, denen ich in meinem Leben begegnet bin: die Familie, aus der ich hervorgegangen bin, die Familie, die ich selbst gegründet habe, die Freunde, die spirituellen Figuren und meine Klienten. Alle haben dazu beigetragen, dass ich die wurde, die ich heute bin. Deswegen geht es eben doch nicht nur um mich. In diesem Buch erzähle ich meine Lebensgeschichte: Durch die Familie, in die ich hineingeboren wurde, wurde ich vor große Herausforderungen gestellt. Ich beschreibe den Weg, den ich aus dieser vom Schicksal schwer getroffenen Familie heraus über persönliche Krisen hin zum Entdecken meiner eigenen Spiritualität und Medialität gegangen bin. Ich erzähle, wie gerade diese Herausforderungen, Krisen und schwierigen Zeiten mir eine Tür zu einem spirituellen Erleben geöffnet haben, als ich in der alltäglichen Welt keine Antworten mehr gefunden habe. An einem Nullpunkt meines Lebens ging ich mit vielen Fragezeichen im Kopf herum. Eine Frage war: Warum waren die familiären Beziehungen so wie sie waren? Auf diesem Weg, die Fragen zu ergründen und etwas zu erlösen, um Verbindungen zu schaffen, befinde ich mich noch heute. Ich bin auf der Suche nach Verbundenheit, wie auch meine Klienten auf der Suche nach Verbundenheit sind.
Als spirituelle Beraterin und Ausbilderin möchte ich mit meiner Geschichte etwas weitergeben, das ich selbst erfahren habe: den Mut, sich mit der eigenen Geschichte anzufreunden und die kleinen Lichter auf dem Weg zu finden, die richtungsweisend gewesen sind. Mein Weg von Erkenntnissen kann vielleicht die Leser ermutigen, eigene Entdeckungen zu machen. Das Buch ist für mich ein Weg, mehr Menschen mit einer besonderen Art der Wahrnehmung zu berühren, die mich selbst immer wieder vor Herausforderungen stellt. Denn natürlich bin ich nicht eines Tages aufgewacht und habe meine medialen Fähigkeiten entdeckt. Es ist ein langer Entwicklungsweg gewesen, von dem ich hier erzählen will. Vielleicht kann ich den Lesern so die Angst vor der eigenen Spiritualität nehmen, den Zugang zu dieser Wahrnehmung öffnen, die in jedem von uns angelegt ist. Dabei steht immer auch bei mir die Frage im Vordergrund: Wie gehe ich damit um? Ich möchte ganz bodenständig zwischen Himmel und Erde den Weg zu einer modernen Spiritualität aufzeigen, einen Zugang ermöglichen, sich selbst zu finden, auf die eigene Führung zu hören, die persönliche Zukunft zu gestalten und den eigenen Platz in der Welt einzunehmen.
In meiner Praxis hängt ein weiteres Motto:
»Nimm dir Zeit, um glücklich zu sein.«
Die Möglichkeit zum eigenen Glück - mit allem Licht und Schatten und in der wenig friedvollen Zeit, in der wir leben - erzähle ich anhand meiner Verbindungen: denen zur menschlichen und denen zur medialen Welt.
Es ist das Jahr 1970. Ich bin neun Jahre alt und lebe mit meiner Familie in Aachen. Mein Vater arbeitet sieben Tage die Woche, um uns ein gutes Leben zu ermöglichen. In der Nachkriegszeit hatte er seinen eigenen Installationsbetrieb aufgebaut und es geschafft, ein wohlhabender Mann zu werden. Meine Mutter hatte einen Sohn aus erster Ehe, meinen sieben Jahre älteren Bruder. Auch mein Vater ist bereits einmal verheiratet gewesen. Meine Eltern haben sich ein Haus gekauft, in das sie kurz nach meiner Geburt einzogen. Das Geschäft floriert, es sind die ersten Schritte in einen größeren Wohlstand. Meine Eltern sind gesellig. Als waschechte Rheinländer feiern sie eine ganze Woche lang Karneval. Sie haben eine Kellerbar, was in den 60er-Jahren eine kleine Sensation ist, und bei uns gehen die Partys ab. Meine Mutter arrangiert Buffets mit den berühmten Schinkenröllchen dieser Zeit. Manchmal bleibt ein Gast auf dem Kellersofa liegen. Die guten Zeiten haben für meine Eltern und uns Kinder gerade angefangen. Doch mein Vater ist krank. Er hat Lähmungserscheinungen im rechten Bein und niemand findet den Ursprung. Die Lähmungen werden mehr. Meine Eltern reisen von Arzt zu Arzt, bis sie an der Uniklinik in Köln einen Professor finden, der die Krankheit diagnostizieren kann. Als junger Mann hatte mein Vater eine Operation am Kleinhirn, im Zuge derer ihm ein gutartiger Tumor entfernt wurde. Die Operation war gut verlaufen. Doch der Kölner Professor findet heraus, dass als Spätfolge der Hirnoperation der Rückenmarkskanal meines Vaters langsam zuwächst. Wenn dieser Kanal sich irgendwann ganz schließt, bedeutet es den Tod. Mein Vater entschließt sich, sich operieren zu lassen. Doch die medizinischen Möglichkeiten sind in dieser Zeit noch begrenzt. Es gibt keine minimalinvasive Lasertechnik, seine Krankheit ist selten, die Operation risikoreich. Er wird umfassend informiert, dass dabei Nervenstränge durchtrennt werden könnten.
Die Operation ist ein Schicksalsschlag für die ganze Familie. Mein Vater kommt mit einer Behinderung nach Hause. Er ist rechtsseitig am Bein gelähmt und muss an zwei Krücken gehen. Es folgt ein kompletter Umbruch für alle vier. In der Kleinstadt bei Aachen, in der sich die Firma meines Vaters befindet, wird viel geredet, es spricht sich herum, dass ‚der Gossen‘ krank ist. Die Mitbewerber nutzen diese Situation aus. Es beginnen schwierige Zeiten und Umstände für die Familie, in der es für alle ums Überleben geht. Meine Mutter erlebt eine unglaubliche Enttäuschung. Sie hat sich ein tolles Leben mit ihrer neuen Liebe versprochen, sich einen älteren Mann ausgesucht, weil sie Schutz und Sicherheit bei ihm suchte und muss ihn von jetzt an pflegen und unterstützen. Es gibt noch keine höhenverstellbaren Betten und sie muss meinen Vater mit ganzer Kraft ins Bett bugsieren. Neben der körperlichen Anstrengung ist es für meine Mutter eine sehr große psychische Belastung. Heute würde man vielleicht sagen, dass sie mit der Zeit ein Burnout entwickelt hat. Später kam eine schwere psychische Erkrankung hinzu.
Auch für meinen sechzehnjährigen Bruder ändert sich das Leben komplett. Mein Vater kann seine Firma nicht mehr alleine weiterführen und fragt seinen Stiefsohn, ob er es übernehmen wird. Und mein Bruder sagt ja, trägt ab jetzt die Verantwortung im Dienst der Familie. So wird er in seinen jungen Jahren in einen Lebenslauf gezwungen, den er selbst nicht gewählt hat.
Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich mich in diesem und den folgenden Jahren als kleines neunjähriges Mädchen, das irgendwie mitläuft. Ich kann nicht viel machen. Ich liebe meinen Papa. Ich verstehe nicht, was mit ihm passiert ist. Ich erlebe meinen Papa anders als vorher. In meinem Inneren fühle ich, dass etwas in ihm zerbrochen ist. Von da an haben sich viele Dinge subtil entwickelt, das ist mir heute klar. Damals war es das nicht.
Mein Vater hat sechzehn Jahre mit seiner Krankheit weitergelebt. Als Handwerker und praktischer Mensch brachte er trotz seiner Behinderung viele Dinge auf den Weg. Um jeden Tag schwimmen zu können, was für seine Gesundheit notwendig war, ließ er ein Schwimmbad an das Einfamilienhaus anbauen. Doch sein ganzes Leben war ein anderes geworden und von seiner Krankheit bestimmt. 1985 wurde festgestellt, dass sein Rückenmarkskanal wieder zuwuchs. Erneut wollte er sich einer Operation unterziehen, doch dazu kam es nicht mehr. Der Termin wurde zwar anberaumt, doch immer wieder hinausgezögert. Man hatte meinem Vater zuvor einen Herzschrittmacher eingesetzt und mit der Herzschwäche durfte er nicht in die Operation gehen.
Aus dieser Zeit erinnere ich mich an eine Begegnung mit meinem Vater, die mich heute noch zu Tränen rührt. Ich besuchte ihn alleine im Krankenhaus. Er erzählte mir von einem Traum. Mein Vater sagte, er habe eine Kapelle gesehen. An der Kapelle sei eine Scheune gewesen. Und in dieser Scheune habe ein Bett gestanden. Er habe einen Mann gesehen mit einem dunklen Cape und einem Hut. Der Mann habe ihm gezeigt, dass das Bett in der Scheune sein Bett sei. Mein Vater deutete immer wieder auf diese Kapelle, auf die Wand des Krankenhauszimmers hinter mir.
Das war eine Woche, bevor mein Vater starb. Er stand zu dem Zeitpunkt zwar unter Medikamenten, die vielleicht sein Bewusstsein erweitert haben, dennoch war er keineswegs weggetreten. Der Traum erstaunte mich und auch, dass mein Vater gerade mir davon erzählte. Ich fuhr nach Hause und meine Mutter konnte sich ebenfalls keinen Reim darauf machen. Es war ungewöhnlich, dass mein Vater eine Kapelle gesehen hatte, denn er war nicht derjenige in der Familie, der an Gott glaubte. Mein Vater hatte während des zweiten Weltkriegs mit dem U-Boot auf Grund gelegen. Das U-Boot hatte einen Maschinenschaden und mein Vater wusste nicht, ob er jemals aus dem Krieg zurückkehren würde. Er sagte immer: »Das war nicht Gott, der uns da rausgeholt hat, sondern unser Mechaniker.« Ich weiß nicht genau, was mein Vater außerdem im Krieg erlebt hat, doch über diese Kriegserfahrungen ist er zu seiner Haltung in Bezug auf Gott gekommen. So konnte ich mir nicht erklären, warum mein Vater im Traum eine Kapelle sah.
Heute glaube ich, dass mein Vater den Wunsch hatte zu sterben. Jedem war klar, dass die erneute Operation ein Leben an Maschinen bedeutet hätte. Ich bin dankbar, dass es dazu nicht gekommen ist. Ein Jahr vor dem Tod meines Vaters lernte ich meinen ersten Mann kennen, das Zepter wurde quasi von meinem Vater in die Hand eines anderen gelegt. Als mein erster Mann um meine Hand anhielt, hatte mein Vater vielleicht das Gefühl, endlich gehen zu können. Manchmal hängen diese Dinge zusammen. Im Nachhinein ist mir klar geworden, dass mein Vater seinen Tod vorausgesehen hat. Er hat gewusst, dass das Bett in der Scheune sein Totenbett war. Eine Woche später starb mein Vater. Es war ein Sonntag, Allerheiligen, und ich war mit meiner Mutter am Nachmittag im Krankenhaus. Es ging meinem Vater schlecht. Er bekam eine Beruhigungsspritze. Das ist das letzte Bild, das ich von ihm habe. Die Schwestern sagten, wir könnten nichts tun und rieten uns nach Hause zu fahren. Als wir dort ankamen, klingelte das Telefon. Wieder zurück im Krankenhaus sah ich meinen Vater tot im Bett liegen. Ich konnte ihn nicht mehr anfassen. Er war für mich ein Fremder, etwas war verschwunden. Am Tag darauf ging ich mit meinem Hund spazieren und hielt am Straßenrand an. Auf einmal kam es mir so vor, als stehe mein Vater neben mir. Es war ein warmes Gefühl seiner Anwesenheit, eine glasklare Wahrnehmung erfüllt von einer großen Sicherheit. Etwas in mir wusste in diesem Moment, dass mein Vater ganz nahe bei mir war. Er ging mit mir auf die andere Straßenseite. Und ganz plötzlich war er, dieses Dasein von ihm, wieder weg. Zwei Tage später passierte etwas Ähnliches: Ich ging zuhause die Treppe hoch. Die Tür zur oberen Etage stand offen. Es war ein dünner Spalt, durch den Licht fiel. Ich hatte den unmittelbaren Eindruck, dass mein Vater hinter der Tür stehe und auf mich warte. Am nächsten Tag, als ich gerade schlafen gehen wollte, hatte ich die dritte Begegnung mit meinem toten Vater. Beim Einschlafen stand er am Kopfende des Bettes. Es war gleichzeitig schön und auch ein bisschen gruselig. Aus meiner heutigen Sicht würde ich sagen, er hat in dieser Zeit vor der Beerdigung noch einmal meine Nähe gesucht.
Die Beerdigung kam und ich erlebte, dass etwas aufhörte. Ich fühlte, dass mein Vater nicht mehr anwesend war. Heute weiß ich, was in der Zeit zwischen Tod und Beerdigung auf einer anderen Ebene stattfindet. Mit dem Begräbnis endet diese Phase. Damals war mir das nicht bewusst, doch mit dem Tod meines Vaters begann ich, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ich sprach in der Gemeinde mit unserem Kaplan. Eine Frage trieb mich am meisten um. Wie sieht ein Leichnam nach sechs Wochen aus? Wie verwest ist er dann schon? Es war mir unangenehm, dem Kaplan diese Frage zu stellen. Er sagte, ich solle fragen, was auch immer ich wissen wolle. Natürlich konnte er mir keine wissenschaftliche Erklärung geben. Doch wir kamen über diese Frage in ein gutes Gespräch und er ermutigte mich, mich mit dem Tod und dem Leben danach zu beschäftigen.
Es folgte ein Jahr, in dem ich mich intensiv dem Tod widmete. Einige Monate später gab es einen weiteren Todesfall in der Familie. Mit der Schwester meiner Schwägerin, die als Sterbebegleiterin arbeitete, verbrachte ich lange Abende im Austausch über den Tod. Ich durchstreifte Buchhandlungen und kaufte mir die Bücher von Joseph Murphy und Elisabeth Kübler-Ross. Ich fraß mich hindurch. Es war mein innerstes Bedürfnis, soviel wie möglich zu erfahren. Durch die Bücher erhielt ich etwas Wunderbares: eine Vorstellung davon, was wahrscheinlich mit uns passiert, wenn wir gehen. Elisabeth Kübler-Ross hat beschrieben, dass uns die Menschen abholen, die uns im Leben nahe standen und bereits auf der anderen Seite sind. Damals wie heute berührt mich diese Idee und ich fühle mich davon getragen, dass wir im Sterben nicht alleine sind, dass uns jemand hinüberhilft, wohin auch immer wir gehen und dass wir denen, die uns wohl gesonnen sind, noch einmal begegnen. Nach einem Jahr intensiver Trauerarbeit fühlte sich mein damaliges Umfeld gestört von meinen ständigen Erzählungen über den Tod. Für mich war dieser Prozess notwendig, und ich konnte nicht anders. Auf Bitten meines ersten Mannes, dem das Thema zu viel wurde, hörte ich abrupt damit auf und wendete mich wieder dem alltäglichen Leben zu.
Wenn ich heute meine mediale Arbeit betrachte, hat mir diese Beschäftigung mit dem Tod, sehr viel geholfen. Dadurch habe ich zum ersten Mal Zugang zu einer anderen Ebene bekommen, die mir vorher verschlossen war. In mir ist in dieser Zeit ein positives Bild vom Tod entstanden. Aus meiner jetzigen Arbeit klammere ich den Tod nicht aus, er gehört für mich zum Leben dazu und das möchte ich an meine Klienten weitergeben. Es ist mir ein Anliegen, Menschen über meinen medialen Kanal zu inspirieren, auch mit dieser Phase des Lebens gut umzugehen.
Mein Vater ist die rationale Seite der Familie. Er war der Arbeiter, der Handwerker, der Bodenständige. Bis zu seinem Ende ist er ein einfacher Mann geblieben, der seinen Wohlstand nicht nach außen kehrte. Er war sehr introvertiert, friedlich und hat immer nach einvernehmlichen Lösungen gesucht. Trotz dieser oder gerade aus seiner realistischen Weltsicht heraus hat er seinen Tod vorausgesehen und nur mit mir diese Vision geteilt. Durch ihn hatte ich meine ersten spirituellen Erlebnisse. Ich bekam eine Vorstellung davon, dass da mehr ist als das, was wir als physische Welt kennen. Diese Wahrnehmungen von meinem toten Vater waren da und - auch wenn ich sie ein bisschen unheimlich fand - es waren heilsame Begegnungen. Elisabeth Kübler-Ross beschreibt, dass die Seele noch einmal die Lebenden aufsucht, denen sie nahe stand, wenn sie sich nicht wirklich verabschieden konnte. Und das hatten wir nicht. Wir hatten uns nicht verabschiedet, mein Vater war einfach so gestorben. Ich frage mich heute noch: Was wollte er mir zeigen?
Heute werde ich oft gefragt: Warst du als Kind schon so? Ob ich metaphysische Wahrnehmungen hatte, als ich jung war, weiß ich nicht. Ich kann mich schlichtweg nicht erinnern. Allerdings habe ich herausgefunden, dass meine Urgroßmutter mütterlicherseits ebenfalls eine mediale Frau gewesen ist. Nachdem meine Mutter tot war, habe ich - im Zuge von Familienaufstellungen - in der Vergangenheit geforscht. Mir kam die Idee, dass nicht nur das Handwerkliche, das mein Bruder und ich geerbt haben, in der Familie weitergegeben wurde. Da meine Mutter immer Zugang zum Spirituellen gesucht hat, Kontakt zu Wahrsagern und Heilern hatte, vermutete ich, dass es eine mediale Linie in unserer Familie geben könnte. Meine Cousine erzählte mir von unserer Uroma: »Du hast bei der beim Kaffee gesessen und irgendetwas erzählt und plötzlich hat sie dir die Zukunft vorausgesagt.« Die Mutter meiner Mutter wiederum war eine strenggläubige Katholikin, die den Rosenkranz heruntergebetet hat. Da konnte ich nie eine mediale Veranlagung feststellen. Vielleicht war das Beten eine Ausdrucksform dessen oder meine Oma hat die mediale Fähigkeit in ihr unterdrückt. Aber das kann ich leider nicht mehr herausfinden, denn es gibt niemanden mehr, den ich fragen kann. Doch ihre Tochter, meine Mutter, ist einen spirituellen Weg gegangen.
Im Gegensatz zu meinem Vater war meine Mutter diejenige, die im klassischen kirchlichen Sinne an Gott glaubte. In ihrem streng katholischen Elternhaus hatte sie es so gelernt. Sie betete, segnete unser neues Auto und ging sonntags mit uns in die Kirche. Meine Eltern wurden beide aus ihrer ersten Ehe als »schuldig« geschieden, was es heute zum Glück nicht mehr gibt. Meine Mutter litt darunter und fühlte sich sehr ausgeschlossen, weil sie als geschiedene Frau nicht mehr zur Kommunion gehen durfte. Mit ihrer Religiosität stieß meine Mutter in unserer Familie allerdings auf wenig Begeisterung. Mein Vater war kein Kirchgänger, und wir Kinder fanden es ebenso wenig prickelnd, uns sonntags schön anzuziehen, um stundenlang in der Kirche zu sitzen. Früher habe ich meine Mutter belächelt. Heute sehe ich sie und ihren Glauben mit anderen Augen. Als ich sechs war, starb mein Opa überraschend an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Der Glaube an Gott hat für mich als Kind aufgehört, als mein geliebter Opa starb, zu dem ich eine enge Verbindung hatte.
Mein Vater ist meistens nicht zuhause, weil er viel arbeitet. Immer wenn ich meiner Mutter zu viel werde, bringt sie mich zu meinen Großeltern. Die strenggläubige Oma ist eher distanziert, doch mein Opa ist ein weicher Mann und wir haben es gut miteinander. Ganz plötzlich kommt Opa ins Krankenhaus. Er hat Krebs. Als Sechsjährige weiß ich nicht, was das heißt. Es erklärt mir auch keiner. Ich darf nicht mit, Kinder sind im Krankenhaus unerwünscht. Der Opa verschwindet also einfach irgendwo. Meine Mutter sagt, wenn ich ganz kräftig für den Opa bete, wird er wieder gesund. Leider kommt der Opa aber nie mehr wieder. Opa stirbt und ich habe soviel gebetet. Ich habe alles gemacht. Für mich kommt mein Opa als toter Mann aus dem Krankenhaus zurück. Der Sarg wird geöffnet in der Kapelle aufgebahrt, ich sehe den bleichen Opa darin liegen. Drei Jahre später geht mein Vater ins Krankenhaus und kommt als gelähmter Mann wieder.
Pädagogisch war das alles natürlich nicht sehr wertvoll. Zu diesem Zeitpunkt habe ich den Glauben an Gott verloren und auch zu Recht, finde ich noch heute. Als Kind dachte ich: Lieber Gott, wenn es dich gibt und du irgendwie gut sein sollst und für uns Menschen sorgst, warum kommt der Opa tot und der Papa gelähmt aus dem Krankenhaus? Alles Gute, das mir über den lieben Gott erzählt wurde, konnte ich in meinem eigenen Leben nicht wiederfinden. Ich war einfach nur tierisch sauer auf den lieben Gott! Ich ließ meine Mutter ihren kirchlichen Hokuspokus veranstalten, wie sie das aus ihrem Elternhaus kannte, und interessierte mich nicht weiter dafür.
Meine Mutter war trotz oder gerade wegen ihrer strengen Erziehung auch eine Frau, die sich von Zwängen befreien wollte. Sie hatte immer einen Hang zu spirituellen Dingen. So ging sie nicht zum Arzt und lehnte Medikamente völlig ab. Wir lebten nach der Naturheilmethode von Maria Treben, meine Mutter interessierte sich ganz intensiv für das Leben dieser Frau und war vollkommen auf dem Kräutertee-Trip. Sie umgab sich gerne mit Heilern, ließ sich die Hand auflegen, ging regelmäßig zur Kartenlegerin und ist sogar zu Frau Buchela gefahren, einem berühmten Medium, die im Fernsehen auftrat und sogar Politiker beraten haben soll.
Auch ich selbst bin einmal in jüngeren Jahren bei Frau Buchela gewesen, obwohl ich mich eigentlich noch nicht besonders für spirituelle Themen interessierte. Doch da Frau Buchela ja so berühmt war, dachte ich mir, sie müsste ganz besonders gut voraussehen können, was in den Leben der Menschen zu Tage trete, speziell in meinem. Ich war achtzehn und in einen jungen Mann verliebt, den ich unbedingt heiraten wollte, doch meine Eltern waren dagegen. Das war also mein gewichtiger Grund, warum ich Frau Buchela befragen wollte. Bei ihr einen Termin zu bekommen, war sehr schwer und kostete viel Geld und ich erlebte zum ersten Mal ein Tieftrancemedium.
Ich komme in einen halbabgedunkelten Raum und Frau Buchela ist von einer seltsamen Aura umgeben. Im Zimmer ist es düster und Frau Buchela selbst hat sich in schwarze Kleider gehüllt. Dennoch macht sie keinen bösen oder unangenehmen Eindruck auf mich. Frau Buchela sitzt mir gegenüber auf dem Sofa und versenkt sich. Sie scheint völlig weggetreten zu sein und spricht vor sich hin. Ich frage sie nach meinem Freund, den ich unbedingt heiraten will, doch sie sagt nur: »Der spielt keine Rolle.« Das will ich natürlich gerade nicht hören! Ich bin Hals über Kopf verliebt in einen, den meine Familie komplett ablehnt und von dem ich selbst nicht genau weiß, ob er nun der richtige für mich ist. In meinem Leben spielt er eine ganz große Rolle, es ist eine lebenswichtige Frage!
Bis heute bin ich Frau Buchela sehr dankbar, denn sie hat mir sowohl etwas Wunderschönes als auch etwas sehr Wahres gesagt. Ihre Worte waren: »Es wird ein anderer kommen. Du wirst die Welt bereisen.« Diese Sätze habe ich gerne mit nach Hause genommen, obwohl es mir gar nicht wichtig war, die Welt zu bereisen. Viele Jahre konnte ich damit nichts anfangen. Mit meinem ersten Mann fuhr ich einmal im Jahr in einen schönen Urlaub. Erst jetzt - in meiner zweiten Ehe und nach fast 30 Jahren - weiß ich, was Frau Buchela gemeint hat. Denn heute bereise ich die Welt, mein Mann und ich haben in dieser Hinsicht noch sehr viele Pläne. Damals war es wie ein heller Streif am Horizont, der sich erst heute in eine Realität verwandelt hat.
Außerdem sprach Frau Buchela von einer Krankheit in meiner Familie. Ich habe gesagt: »Ja, mein Vater ist krank.« Doch sie antwortete: »Nein, die Krankheit ist auf der Seite deiner Mutter.« Ich konnte das nicht einordnen. Ich hatte meinen gelähmten Vater zuhause sitzen und diese merkwürdige Wahrsagerin erzählte mir, meine Mutter sei krank. Die Informationen konnte ich zu dem Zeitpunkt in meinem Leben nicht übereinander legen. Obwohl sich die Krankheit meiner Mutter ankündigte und latent immer schon spürbar war, konnte ich sie nicht als das wahrnehmen, was sie war.
Meine Familie und ich haben erst im Jahr 2001 verstanden, dass meine Mutter manisch-depressiv war. Mit den Augen von heute sehe ich, dass diese Entwicklung schon in ihrer Jugend begonnen hatte. Im Zuge der Aufstellungsarbeit habe ich mich mit der Biographie meiner Mutter beschäftigt. Ich hatte das Glück, mit zwei ihrer Jugendfreundinnen zu sprechen. Sie erzählten mir, dass über meine Mutter bereits als junges Mädchen gesagt wurde: Mit der ist irgendwas anders. Es muss schon etwas Trauriges, etwas Dunkles, etwas Seltsames in ihr gewesen sein. Als Kind, als Jugendliche und als junge Frau habe ich nicht verstanden, dass meine Mutter krank war und habe immer gegen etwas Unsichtbares gekämpft. Wenn meine Mutter in ihre kranken Phasen kam, sahen wir Kinder das. Sie kam durch die Tür und ich habe gleich gemerkt, ob es jetzt die eine oder die andere ist. Sie nahm eine ganz andere Gesichtsform an, eine andere Körperhaltung und es erschien mir, als gäbe es meine Mutter zweimal. Die Krankheit war unterschwellig immer da und baute sich nach und nach auf wie ein Vulkanausbruch.
Was sie später machte, was wir mit ihr erlebten, war schon ziemlich krasser Natur. Diese Krankheit führte uns in Phasen von absolutem Familienchaos. Meine Mutter schrieb 20 Seiten lange Briefe, in denen sie ihre Kinder zutiefst beleidigte und verletzte. Sie erzählte herum, dass wir ganz schlimme Kinder seien, dass wir nur hinter ihrem Geld her liefen und sie nicht liebten. Die Krankheit meiner Mutter hat dazu geführt, dass wir drei Jahre keinen Kontakt hatten. Heute weiß ich, dass all ihre Handlungen zum Krankheitsbild dazugehören.
Man kann nicht wirklich sagen, wie die Krankheit ausgelöst wurde. In ihrer Jugend hat meine Mutter einiges erlebt, das später zu dieser psychischen Erkrankung geführt hat. Vielleicht hat es sich aus ihrem Erleben des Krieges heraus entwickelt. Natürlich war der Schicksalsschlag mit meinem Vater nicht erleichternd für sie. Sie musste ihren Mann so viele Jahre pflegen und sich selbst sehr stark zurückstellen. Manchmal denke ich, irgendwann musste sie explodieren. Für uns Kinder war es natürlich eine zusätzliche Belastung. Wenn ich früher gewusst hätte, dass sie an einer schweren psychischen Erkrankung litt, hätte ich sie vielleicht liebevoller betrachten können.
In meinem Leben bin ich zunächst dem eher praktischen und naturwissenschaftlichen Weg meines Vaters gefolgt. Ich habe ein Abitur mit Mathematik-Leistungskurs absolviert. Mathe hatte immer etwas Klares und Neutrales für mich, es gab ‚richtig’ und ‚falsch’, daran konnten weder Lehrer, noch Gott und auch die schwierigen Umstände zuhause nichts ändern. Meine Deutschlehrerin hingegen war das Grauen auf zwei Beinen für mich. Ich war auf einem von Nonnen geführten Gymnasium, was meinem Naturell jedoch in keiner Weise entsprach. Schon als Jugendliche war ich ein Freigeist, das weiß ich heute, und habe gegen die Grenzen rebelliert, die die strenge Lehrerin mir setzen wollte. Sie konnte mit jungen Mädchen wir mir nicht umgehen und ich nicht mit ihr. Als ich fünfzehn Jahre alt war, sagte sie zu mir, ich müsse einmal darüber nachdenken, was ich für ein Mundwerk habe, man könne Menschen auch mit Worten umbringen.
Meine Mutter war ganz anders als mein Vater. Mein Bruder hat sie einmal als »extrovertiertes Maschinengewehr« beschrieben. Ich bin jedoch dankbar für beide Seiten. Die Haare auf meinen Zähnen, die ich im Leben manchmal brauche, habe ich definitiv von meiner Mutter geerbt. Auch die Kraft, durch das Feuer zu gehen, Dinge beim Namen zu nennen und keine Rückschritte zu machen, habe ich von ihr gelernt. Bis heute bin ich froh, dass ich diese Fähigkeiten habe. Bei aller Spiritualität, bei allem ‚Om‘ und dem Wunsch, dass sich die Liebe über die Welt ausdehnen möge, brauche ich diese Durchsetzungskraft im alltäglichen Leben. Doch dadurch, dass ich den Gegenpol zu dieser strengen Lehrerin bildete, kam ich im Deutschunterricht auf keinen grünen Zweig und wendete mich auch deshalb den geradlinigen und handfesten Dingen zu.
Erst durch den Ausbruch der Krankheit meiner Mutter ist die Spiritualität wieder zurück in mein Leben gekommen. Nachdem ich mich als Kind wütend von Gott abgewendet hatte, bin ich erst dann wieder zu der Vorstellung einer Kraft zurückgekehrt, die etwas Größeres darstellt und eine liebende Attitüde hat - jedoch ohne den kirchlichen Gott meiner Kindheit, den ich nicht haben wollte. Heute habe ich viele Bilder, wie ich diese Kraft wahrnehme, nenne und beschreibe, was sie für mich bedeutet. Ich gehe mit dem Begriff Gott um, so wie es dem katholischen Glauben entspricht. Ich habe mich aber auch mit anderen Religionen beschäftigt, mit dem Buddhismus oder einer ganz physischen Betrachtungsweise, die für mich ‚Quelle des reinen Lichts‘ heißt. Ich habe mich mit den Schamanen beschäftigt, mit den alten Hawaiianern, die den Begriff »Großer Geist« verwenden, den ich sehr mag. So finde ich heute viele Ausdrucksformen für das, was auch immer es ist, das wir doch nicht ganz begreifen können - erst wenn wir wieder dahin zurückgehen. Für mich ist Spiritualität heute nicht an eine Religion gekoppelt. Spiritualität ist einfach.
