Zurück im Leben - Patricia Vandenberg - E-Book

Zurück im Leben E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Dr. Daniel Norden ist verzaubert von der jungen Ärztin Dr. Fee Cornelius. Fee und Daniel heiraten. Er hat eine Praxis in München eingerichtet, Fee hilft ihm. Beide sehen den Beruf nicht als Job, sondern als wirkliche Berufung an. Aber ihr wahres Glück finden sie in der Familie. Fünf Kinder erblicken das Licht der Welt; zunächst Daniel jun., bald darauf sein Bruder Felix. Nach den beiden Jungen, die Fee ganz schön in Atem halten, wird Anne Katrin geboren, die ganz besonders an dem geliebten Papi hängt und von allen nur Anneka genannt wird. Weiterhin bleibt die Familie für Daniel Norden der wichtige Hintergrund, aus dem er Kraft schöpft für seinen verantwortungsvollen Beruf und der ihm immer Halt gibt. So ist es ihm möglich, Nöte, Sorgen und Ängste der Patienten zu erkennen und darauf einfühlsam einzugehen. Familie Dr. Norden ist der Schlüssel dieser erfolgreichsten Arztserie Deutschlands und Europas. Mitten in der Nacht erwachte die Journalistin Kitty Brenner von einem ungewohnten Geräusch. Verwirrt schlug sie die Augen auf. Es dauerte eine Weile, ehe sie begriff, daß sie in ihrem eigenen Bett in ihrer eigenen Wohnung und nicht in einem Hotelbett irgendwo im Osten Europas lag. Erleichtert seufzte sie, drehte sich auf die andere Seite um und schloß die Augen. Aber der ersehnte Schlaf wollte sich nicht mehr einstellen. Der Gedanke an ihre Reportage, die kurz vor dem Abschluß stand, geisterte in ihrem Kopf herum. Über Wochen hatte sie die Auslandskorrespondentin Anja Weidlich bei ihrer Arbeit begleitet, war mit ihr durch den Osten Europas gereist und hatte Material für ihre mehrteilige Reportage gesammelt. Dabei handelte es sich um eine Auftragsarbeit eines renommierten Magazins, die ihren Durchbruch in der Medienlandschaft bedeuten konnte. Fehlte nur noch ein passender Schluß. Aufgeregt setzte sich Kitty im Bett auf. Eine heiße Dankbarkeit durchflutete sie, während sie an Anja Weidlich dachte. Im Laufe der Arbeiten hatte sich zwischen den beiden Frauen eine herzliche Freundschaft entwickelt, die Kitty unter gar keinen Umständen enttäuschen wollte. Gleichzeitig fühlte sie die Last der Verantwortung tonnenschwer auf ihren Schultern ruhen. Jedes Wort, jeder Satz mußte stimmen und durfte ihrer Freundin keinen Schaden zufügen. Kitty spürte eine wohlbekannte Angst in sich aufsteigen, ihre Kehle wurde eng. Schon seit Monaten hatte sie mit Panikattacken zu kämpfen, die ständig schlimmer wurden. Zuerst hatte sie sich beruhigt, das käme von dem verantwortungsvollen Job, und hatte die Angst tapfer niedergekämpft. Als das schließlich nichts mehr nützte, war sie über eine Freundin an einen Therapeuten geraten, der ihr im Laufe der Sitzungen ein Beruhigungsmittel ans Herz gelegt hatte. Schon bald waren die Tabletten ein fester Bestandteil in Kittys Leben. Auch jetzt machte sie sich nach einem Blick auf ihren schlafenden Lebensgefährten Gero auf den Weg, die kleinen Seelentröster zu suchen.

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Seitenzahl: 128

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Familie Dr. Norden - Neue Edition – 11 –Zurück im Leben

Patricia Vandenberg

Mitten in der Nacht erwachte die Journalistin Kitty Brenner von einem ungewohnten Geräusch. Verwirrt schlug sie die Augen auf. Es dauerte eine Weile, ehe sie begriff, daß sie in ihrem eigenen Bett in ihrer eigenen Wohnung und nicht in einem Hotelbett irgendwo im Osten Europas lag. Erleichtert seufzte sie, drehte sich auf die andere Seite um und schloß die Augen. Aber der ersehnte Schlaf wollte sich nicht mehr einstellen. Der Gedanke an ihre Reportage, die kurz vor dem Abschluß stand, geisterte in ihrem Kopf herum. Über Wochen hatte sie die Auslandskorrespondentin Anja Weidlich bei ihrer Arbeit begleitet, war mit ihr durch den Osten Europas gereist und hatte Material für ihre mehrteilige Reportage gesammelt. Dabei handelte es sich um eine Auftragsarbeit eines renommierten Magazins, die ihren Durchbruch in der Medienlandschaft bedeuten konnte. Fehlte nur noch ein passender Schluß.

Aufgeregt setzte sich Kitty im Bett auf. Eine heiße Dankbarkeit durchflutete sie, während sie an Anja Weidlich dachte. Im Laufe der Arbeiten hatte sich zwischen den beiden Frauen eine herzliche Freundschaft entwickelt, die Kitty unter gar keinen Umständen enttäuschen wollte. Gleichzeitig fühlte sie die Last der Verantwortung tonnenschwer auf ihren Schultern ruhen. Jedes Wort, jeder Satz mußte stimmen und durfte ihrer Freundin keinen Schaden zufügen. Kitty spürte eine wohlbekannte Angst in sich aufsteigen, ihre Kehle wurde eng. Schon seit Monaten hatte sie mit Panikattacken zu kämpfen, die ständig schlimmer wurden. Zuerst hatte sie sich beruhigt, das käme von dem verantwortungsvollen Job, und hatte die Angst tapfer niedergekämpft. Als das schließlich nichts mehr nützte, war sie über eine Freundin an einen Therapeuten geraten, der ihr im Laufe der Sitzungen ein Beruhigungsmittel ans Herz gelegt hatte. Schon bald waren die Tabletten ein fester Bestandteil in Kittys Leben. Auch jetzt machte sie sich nach einem Blick auf ihren schlafenden Lebensgefährten Gero auf den Weg, die kleinen Seelentröster zu suchen. Sie hatte kaum die Tür erreicht, als sie seine Stimme zurückschrecken ließ.

»Was machst du denn, Schatz?« murmelte er verschlafen. Im Dämmerlicht des grauenden Morgens konnte Kitty sehen, wie seine Hand tastend über ihre Bettseite fuhr.

»Nichts, nichts, ich muß nur schnell ins Bad«, erklärte sie hastig und schlüpfte aus der Tür, noch ehe Gero ganz wach wurde. Schweiß­naß und zitternd vor Angst erreichte sie das Bad, fand die kleinen gelben Pillen und schluckte vorsichtshalber gleich zwei davon. Langsam wurde sie ruhiger, wusch sich den Schweiß von der Stirn und spürte, wie die Zuversicht erneut in ihr zu wachsen begann. Ich schaff’ das schon, ermutigte sie sich im Geiste selbst und kehrte endlich ins Schlafzimmer zurück. Dort saß Gero aufrecht im Bett, das Licht der kleinen Nachttischlampe brannte, und er starrte sie argwöhnisch an.

»Wo bist du so lange gewesen?«

»Für kleine Mädchen, mein Schatz. Ist das denn verboten?« schmeichelte Kitty, die die Abneigung Geros gegen ihre Tabletten nur zu gut kannte. Schnell schlüpfte sie neben ihm ins Bett. Seine Wärme und liebevolle Sorge vertrieben den Rest Unruhe in ihrem Inneren, als sie sich fest an ihn drückte. »Ich konnte nur nicht mehr schlafen, weil mir einfach kein guter Schluß für meine Geschichte einfallen will. Anja ist so eine tolle Frau, sie hat etwas ganz Besonderes verdient. Einen besonderen Bericht und ein erstklassiges Finale.«

»Findest du nicht, du machst dir ein bißchen viel Druck?« hakte Gero besorgt nach. »Es kann doch nicht sein, daß du dich jedes Mal so reinhängst. Irgendwann bleibst du dabei auf der Strecke.«

»Quatsch, ich paß schon auf mich auf«, widersprach Kitty energisch. »Außerdem muß man Opfer bringen, wenn man gut sein will in seinem Job.«

»Ist das Opfer nicht zu groß? Schließlich will ich auch noch was von dir haben.«

»Hast du doch, mein Süßer. Die Reisezeit ist erst mal vorbei. Jetzt brauch ich ein paar Tage, um den Bericht zu überarbeiten, die Fotos einzufügen und mit Anja noch ein paar Details zu besprechen. Ich werde also wieder jeden Abend für dich da sein.«

»Das wird auch gut so sein«, murmelte Gero und zog Kitty noch fester an sich. »Ich mag es nicht so gerne, die zweite Geige zu spielen.«

Kitty lachte nur dazu, aber sie konnte nicht verhindern, daß erneut die Angst in ihr heraufkroch. Obwohl sie sich sicher fühlte bei Gero, er sie bestimmt über alles liebte, empfand sie seine Forderung nach Nähe manchmal als erdrückend. Als er sie aber sanft zu streicheln begann, vertrieb sie das Schreckgespenst aus ihrem Kopf und versuchte, seine zärtlichen Berührungen zu genießen.

Stunden später war die Welt für Kitty wieder in Ordnung. Wider Erwarten war sie in Geros Armen doch noch einmal eingeschlafen und erwachte erst, als er bereits im Büro war und die Sonne schon hoch am Himmel stand. Es war gerade Mittag.

Eine Weile betrachtete sie das Muster, das der wehende Vorhang im hellen Licht auf den Boden malte und dachte über den Schluß ihrer Geschichte über Anja nach. Aber immer noch fehlte ihr die rechte Idee. Ich sollte mit ihr darüber sprechen, schoß es ihr durch den Kopf. Kurzerhand zog sie sich ihren Morgenmantel über, der ihr zwar nicht recht gefiel, aber ein Geschenk Geros war. So gewandet machte sich auf den Weg zum Telefon.

Unterwegs schnappte sie sich die Rohfassung ihres Berichts und machte es sich mit einer Tasse Kaffee und dem Telefon am Eßtisch bequem.

»Anja, bist du das?« Die Stimme der Auslandskorrespondentin war verzerrt und nur schwer zu verstehen. Kitty mußte gewaltig die Ohren spitzen.

»Klar bin ich das. Tut mir leid, daß die Verbindung so schlecht ist, aber wir sind gerade mal wieder unterwegs.« Anja lachte vergnügt.

»Wer ist wir, und wohin geht die Reise denn?«

»Zur Abwechslung sind Hanno und ich mal zusammen auf Achse. Ich war soviel unterwegs, daß ich ihm versprochen habe, ihn diesmal mit nach Ungarn zu nehmen. Budapest ist ja eine sehr sehenswerte Stadt. Und das Hotel ist erstklassig.«

Täuschte sich Kitty, oder klang Anjas Stimme mühsam beherrscht?

»Ihr seid schon da?«

»Aber ja, seit ein paar Tagen schon. Mein Sender hatte kein Mitleid mit mir und hat mich sofort weiter geschickt. Ich gehe gleich wieder auf Sendung, während Hanno die Stadt erkundet. Der Glückliche! Aber was kann ich für dich tun? Die Handykosten sind horrend bei Auslandstelefonaten.«

Hatte sich Anja schon je über hohe Telefonkosten beklagt? Kitty wunderte sich immer mehr.

»Ach, es geht um einen passenden Schluß für die Reportage«, erklärte sie unsicher. »Ich wollte dich um Rat fragen, weil mir einfach nichts Zündendes einfallen will.«

»Tut mir leid, ich fürchte, da kann ich dir im Moment auch nicht weiterhelfen. Aber ich vertraue dir. Du wirst es perfekt machen, wie immer.« Immer größer wurde Anjas Ungeduld. So unwirsch hatte sie noch nie mit ihrer Freundin Kitty gesprochen. Offenbar drängte die Zeit. »Ich muß jetzt Schluß machen, das Taxi wartet unten. Ich melde mich.«

»Alles klar. Du kannst dich auf mich verlassen.«

»Das habe ich doch immer gewußt.« Anja lachte künstlich. »Bin schon richtig gespannt auf den Artikel. Bis dann.« Ein Klicken in der Leitung verriet, daß die Verbindung beendet war. Seufzend legte Kitty auf. Wirklich weitergebracht hatte sie dieses Telefonat nicht und so blieb ihr nichts anderes übrig, als selbst an einem Schluß zu ihrem Bericht zu basteln.

… Gleich nach Ende der Arbeiten an diesem Bericht ist meine wunderbare Kollegin und Freundin Anja Weidlich nach Budapest gereist, wo sie auch weiterhin unermüdlich dafür sorgen wird, daß die interessierten Zuschauer stets mit aktuellen Nachrichten versorgt werden.

Kitty setzte gerade den Schlußpunkt unter ihre Reportage, als Gero die Tür aufsperrte. Verwundert hob sie den Kopf und stellte fest, daß es bereits dämmerte. Sie hatte den ganzen Nachmittag konzentriert gearbeitet.

»Hallo, Liebling, ich bin wieder da«, rief Gero gut gelaunt wie immer durch den Flur.

»Ich bin hier am Schreibtisch. Meine Reportage ist fertig.«

»Ich hatte nichts anderes erwartet.«

Eine leise Enttäuschung durchzuckte Kitty. Sie hatte etwas anderes erhofft, Freude, ein Lob, irgendetwas Positives eben. Statt dessen trat Gero neben sie an den Schreibtisch und warf einen Blick auf den Computer. Lautlos las er den letzten Satz. »Reichlich pathetisch, findest du nicht?« war sein ganzer Kommentar.

»Wirklich? Ich fand es eigentlich ganz passend, damit der Bericht nicht zu nüchtern wird«, erwiderte Kitty verunsichert und spürte, wie ihre Kehle eng wurde.

»Schon gut, ist eben nicht meine Zielgruppe.« Lapidar zuckte Gero mit den Schultern und ging an den Kühlschrank, um sich ein Bier herauszunehmen. »Wie sieht es denn aus, wollen wir zur Feier des Tages zusammen essen gehen?«

Unwillkürlich zuckte Kitty zusammen. Allein der Gedanke daran, in ein Restaurant zu gehen, löste Panik in ihr aus.

»Du weißt doch, daß ich nicht so gerne unter Menschen bin.«

»Das finde ich reichlich unfair, weißt du das?« Auf Geros Gesicht erschien deutlicher Ärger. »Mit deiner Freundin gondelst du in der ganzen Weltgeschichte herum, aber mit mir gehst du noch nicht mal in ein Restaurant.«

Kitty zögerte. Wie sollte sie ihm sagen, daß sie die Reise mit Anja nur mit Hilfe zahlreicher Tabletten überstanden hatte? Aber offenbar schien er ihre Gedanken lesen zu können. »Oder hast du auf der Reise etwa wieder deine Beruhigungspillen genommen?«

»Ein paar«, gab sie zögernd zu und zog den Kopf zwischen die Schultern. »Du weißt doch, daß ich schnell Angst bekomme.«

»Aber Tabletten sind doch auch keine Lösung.«

»Weißt du eine bessere?« entfuhr es ihr barsch. Einen Augenblick sah Gero so aus, als hätte er eine grobe Antwort auf den Lippen, doch dann besann er sich schnell.

»Entschuldige, Liebes, du hast ja recht. Ich bin ja nur besorgt um dich, sonst nichts. Warum besprichst du deine Sorgen denn nicht mit mir? Vielleicht kann ich dir ja helfen.« Samtweich war seine Stimme jetzt und umschmeichelte Kittys Ohren. Sie liebte es, wenn er so verständnisvoll mit ihr sprach, und er wußte das ganz genau.

»Eigentlich habe ich gar keine Sorgen, das ist ja das Schlimme. Ich habe einen wunderbaren Mann an meiner Seite, einen tollen Beruf, eine schöne Wohnung und genügend Geld. Was will ich noch mehr?« Hilflos zuckte sie mit den Schultern und ließ es sich nur allzu gerne gefallen, daß Gero sie sanft in seine starken Arme schloß.

»Ich werde schon herausfinden, was dir fehlt. Dann brauchst du auch keine Tabletten mehr, du wirst sehen. Laß dir einfach nur von mir helfen. Was hältst du davon?«

Kitty hatte die Augen geschlossen und kämpfte gegen die widersprüchlichen Gefühle in ihrem Inneren. Die altbekannte Angst, die sie neuerdings auch in Geros Anwesenheit überfiel, schnürte ihr die Kehle zu. Gleichzeitig wollte sie nichts mehr, als sich von seinen starken Armen beschützen zu lassen.

»Mal sehen«, murmelte sie schwach und spürte beinahe augenblicklich, wie die Enttäuschung seine Umarmung starr werden ließ.

»Wie du willst. Eines Tages wirst du schon einsehen, daß ich recht habe. Und jetzt gehen wir essen.« Abrupt ließ er sie los und ging ins Nebenzimmer, um einen Tisch in seinem Lieblingsrestaurant zu reservieren. Verzweifelt und mit Tränen in den Augen schaute Kitty ihm nach. Sie liebte ihn doch so sehr und konnte sich ihre widersprüchlichen Gefühle einfach nicht erklären. Schon griff die Angst wieder nach ihrer Kehle und drückte fest zu. Kitty lauschte angespannt auf Geros Stimme, der ausgelassen am Telefon mit dem Ober scherzte. Dann schlich sie sich ins Bad, um heimlich ihre Seelentröster zu schlucken. Gero sollte sich ihrer Liebe ganz und gar sicher sein. Sie wollte ihn nicht enttäuschen.

*

Durch den Küchenvorhang hindurch beobachtete Lutz Mahler seine neuen Nachbarn, die die Wohnung eben Arm in Arm verließen. Die junge Frau machte einen regelrecht verschüchterten, müden Eindruck, aber ihr Begleiter ließ keinen Zweifel daran, daß er sie nach Kräften beschützen würde.

»Was geht’s uns an, was Mikko?« sagte Lutz zu dem Mischlingsrüden, der schwanzwedelnd neben ihm stand. Schulterzuckend wandte er sich vom Fenster ab, der Hund folgte ihm auf den Fersen. Seit ihn seine Frau Hals über Kopf verlassen hatte, um ihren Traum von Freiheit zu verwirklichen, konnte Lutz die weibliche Welt gestohlen bleiben. Da zog er es vor, mit Mikko ein geruhsames Leben zu führen. Als Fotograf war er oft monatelang unterwegs und genoß so die Zeit zu Hause, um viel spazierenzugehen, zu lesen und Musik zu hören. Seit Lisa fort war, hatte Lutz den Spaß am gesellschaftlichen Leben verloren und sich ganz in sein Schneckenhaus zurückgezogen. Daher ging er auch den neuen Nachbarn so gut es ging aus dem Weg, besonders der Frau. Lutz warf einen Blick auf die Uhr. Zeit für die Abendnachrichten, aber Mikko sah das offenbar anders. Während Lutz es sich im Fernsehsessel bequem machte, blieb der Hund vor seinem Herrn stehen und bellte herausfordernd. »Still, Mikko, du bekommst deinen Spaziergang nachher. Jeden Abend das gleiche Ritual, das weißt du doch inzwischen«, knurrte er ungehalten und bedeutete seinem Hund, sich unter den Tisch zu legen. Mikko gehorchte widerstrebend und Lutz griff zur Fernbedienung, um die Nachrichten einzuschalten.

»...daß unsere allseits geschätzte und beliebte Auslandskorrespondentin Anja Weidlich nach Angaben ihres Mannes heute gegen Mittag bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen ist«, hörte er gerade noch den letzten Satz der Nachrichtensprecherin. »Und nun zum Wetter...« Empört über die Emotionslosigkeit der verlesenen Nachricht schaltete Lutz den Fernseher wieder aus und dachte nach. Er erinnerte sich nur zu gut an Anja Weidlich. Obwohl ihm Frauen inzwischen ein Greuel waren, mußte er eingestehen, daß ihre Berichte immer zu den menschlichsten der sonst so kalten Nachrichtenlandschaft gehört hatten.

»Ein Jammer, daß sie ums Leben gekommen ist. Auch wenn sie eine Frau war«, sprach Lutz seinen Hund Mikko an, der erwartungsvoll mit dem Schwanz wedelte. Er konnte ja nicht ahnen, daß sein Herrchen mit keinem Wort von einem Spaziergang geredet hatte. Als sich Lutz trotz der scheinbaren Ankündigung nicht aus seinem Sessel erheben wollte, stand Mikko auf und leckte ihm schonungslos die Hand als Aufforderung, endlich aufzubrechen. Schließlich wurde das sehnsüchtige Flehen erhört. Mahler erhob sich, suchte Schuhe und Leine zusammen und machte sich mit dem fröhlich herumspringenden Mikko auf den Weg nach draußen.

»Können Sie Ihren Köter nicht an die Leine nehmen?« Ein herrisches Schimpfen empfing Herrn und Hund auf dem düsteren Flur.

»Ist ja schon gut. Ich hab’ gar nicht gesehen, daß da jemand ist.«

»Dann machen Sie verdammt noch mal Ihre Augen auf.« Das Licht flammte auf und blinzelnd erkannte Lutz das Pärchen von nebenan, das vorhin erst die Wohnung verlassen hatte. Mikko umsprang die beiden fröhlich, doch der Mann schimpfte ärgerlich. Die Frau war in Tränen aufgelöst und zitterte am ganzen Körper.

»Komm schon her, Mikko«, fuhr Lutz seinen ahnungslosen Hund an, der sofort schuldbewußt den Schwanz zwischen die Beine klemmte und sich vor seine Füße legte.

Obwohl Kitty zitterte wie Espenlaub, rührte sie der Anblick. Sie löste sich aus den Armen ihres Begleiters, bückte sich und streichelte das seidige Hundefell.

»Schon gut, du hast ja gar nichts falsch gemacht. Es ist alles in Ordnung«, flüsterte sie leise.

Dankbar über die versöhnlichen Worte leckte der Rüde über Kittys Hand, die über das feuchte Kitzeln lächeln mußte, obwohl ihr ganz und gar nicht danach zumute war. Das genaue Gegenteil war der Fall. Daran erinnerte sie spätestens der harte Griff Geros, der sie unsanft an seine Seite zurückzog.

»Komm jetzt rein«, zischte er ungeduldig und zerrte sie mit sich fort.