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Michael Jensen

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Beschreibung

Die Schrecken des Krieges werfen lange Schatten.

Nach der Hölle des Zweiten Weltkriegs will der engagierte junge Jurist Henry Mahler als Privatermittler für Gerechtigkeit sorgen. Dabei stößt er auf das Schicksal der jüdischen Familie Lassally: Eduard Lassally, das Oberhaupt der Hamburger Handelsdynastie, wurde in der Nazizeit eingeschüchtert und enteignet – und soll schließlich Selbstmord begangen haben. Sein Sohn Oswald glaubt diese Geschichte nicht. Gemeinsam suchen Henry und Oswald nach den Schuldigen, die die Lassallys ins Unglück stürzten. Und geraten damit in höchste Gefahr ...

Deutschland nach der Kapitulation: Die Mörder sind noch unter uns. Und sie wetzen wieder ihre Messer. 

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Seitenzahl: 436

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über das Buch

Der junge Jurist Henry Mahler hat im Zweiten Weltkrieg alles verloren: seine Frau, seinen Beruf, und manchmal fühlt es sich so an, als wäre auch sein Verstand auf dem Schlachtfeld geblieben. Mit schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs schlägt er sich durch die Hamburger Nachkriegsjahre. Da verspricht ein Auftrag als Privatdetektiv, seinem Leben neuen Sinn zu geben: Der Kaufmann Oswald Lassally ist nach Jahren des Exils nach Deutschland zurückgekehrt, um Gerechtigkeit für seine Familie einzufordern, der von den Nationalsozialisten alles genommen wurde. Doch die juristischen Mühlen mahlen langsam, besonders da es in den deutschen Ämtern immer noch von den alten Nazigrößen wimmelt. Beweise sind schwer zu bekommen, vor allem auf legalem Weg. Also begibt Henry sich in die Hamburger Halbwelt, um Familie Lassally auf ihrer Suche nach Wiedergutmachung zu helfen.

Über Michael Jensen

Michael Jensen wurde im Norden Schleswig-Holsteins geboren. Hauptberuflich ist er als Arzt tätig und interessierte sich früh für jüngere deutsche Geschichte und deren Folgen für die Nachkriegsgenerationen. Für sein literarisches Schreiben hat er ein Pseudonym gewählt. Er lebt mit seiner Familie in Hamburg und im Kreis Schleswig-Flensburg.

Im Aufbau Taschenbuch sind seine historischen Krimis um die Brüder Sass lieferbar sowie seine Reihe um Inspektor Jens Druwe.

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Michael Jensen

Zurück unter Mördern

Kriminalroman

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Motto

Widmung

Prolog

Kapitel 1 — Hamburg 1950

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4 — 1931

Kapitel 5 — 1950

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8 — 1933

Kapitel 9 — 1950

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12 — 1935

Kapitel 13 — 1950

Kapitel 14 — 1937

Kapitel 15 — 1950

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19 — 1938

Kapitel 20 — 1950

Kapitel 21 — 1939

Kapitel 22 — 1950

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25 — 1940

Kapitel 26 — 1950

Kapitel 27

Kapitel 28 — 1949

Kapitel 29 — 1950

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Epilog — Anfang 1951

Nachwort

Impressum

Nach wahren Begebenheiten

Gewidmet der Familie Lassally und allen Menschen, die Opfer von Hass, Entrechtung, Vertreibung und Vernichtung waren und sind

Prolog

Ein böiger Ostwind fegte am Ufer der Außenalster über die Grünanlagen. Er schob einigen Dreck, der auf dem Wasser trieb, in Richtung des Schiffsanlegers und der benachbarten Böschung. Kleine Zweige und Ried durchbrachen den gelblichen Schaum, Bierflaschen tauchten mal auf, mal unter, als wehrten sie sich gegen ihr Absinken. Eine leere Packung 25er-Juno tanzte auf den kleinen Wellen, die sich an den Pfählen des Anlegers Rabenstraße brachen.

Arno Kornbach blickte über das raue Wasser, der Graue Star ließ ihn die Türme der Kirchen von St. Georg, die sich in der Ferne aus dem Abenddunst erhoben, nur schwer erkennen. Selbst die Fassade des Hotels Atlantic verschwamm zu einer milchig-weißen Unform. Der alte Mann fror jämmerlich, obwohl der Frühling am Nachmittag eine erste, späte Wärme gebracht hatte. Der fünfte Winter nach dem Krieg lag hinter ihnen, und er hatte dem Land wieder nur lausige Kälte gebracht. Kornbach hatte leichtsinnigerweise den gefütterten Mantel zu Hause gelassen. Dabei hatte ihm seine Frau Lisbeth dazu geraten. Plötzlich schreckte er auf, sein Herz hämmerte in der Brust. In der Ferne war das Heulen von Motoren zu hören, ein Hund bellte. Er atmete durch und schalt sich stumm einen Narren. Sicher nicht die Wachleute der SS, beruhigte er sich. Aber die Bilder des Lagers, dessen Lärm und Gerüche verfolgten ihn noch immer. Langsam drehte sich Kornbach um. Gerade brausten zwei Militärjeeps den Harvestehuder Weg hinunter, am Heck die US‑Flagge. Geräuschvoll wie immer, diese Kerle, dachte er und schüttelte den Kopf. Es hieß, dass die Amerikaner die Villen am Alsterufer nahe der Lombardsbrücke kaufen wollten, in denen bis Kriegsende die NS‑Gauleitung logiert hatte. Dort sollte das neue Konsulat entstehen. Der Anwalt mochte diese vorlauten Burschen mit ihren Kaugummis und der Coca-Cola zwar nicht, aber besser als das geifernde Nazi-Pack waren sie allemal. Der Rücken des alten Mannes schmerzte, und stöhnend drückte er sein Kreuz durch. Beobachter mussten befürchten, dass eine kräftige Brise die klapprige Gestalt umwerfen konnte, hager, wie sie war.

Vor sechs Jahren hatte ihn die Poliomyelitis beinahe umgebracht. Dabei war diese Krankheit noch das Harmloseste gewesen, was das Schicksal im KL Belsen für die Häftlinge bereitgehalten hatte. Viele Insassen des Lagers waren an weniger gestorben. Dass er als Erwachsener mit einem Gewicht von fünfzig Kilo die Kinderlähmung überstanden hatte, grenzte an ein Wunder. Er musste eigentlich längst tot sein. Und manchmal kam ihm der unschöne Gedanke, dass er es tatsächlich war. Dass der Arno in ihm, den er von früher kannte, längst alles hinter sich gelassen hatte. Dass nur eine untote Hülle noch umhergeisterte, weil dessen gequälte Seele keine Ruhe fand. Damals hatte die Freude über die Befreiung aus dem Konzentrationslager nur kurz gewährt. Jahren der Qual in Gefangenschaft folgte weiteres Leid in Freiheit. Kornbach hatte mühsam gelernt, wieder zu gehen. Schmerzen schossen anfangs durch seine Wirbelsäule, als hätte jemand glühende Lava hineingegossen. Und die Erinnerungen brachten nur Verzweiflung. Jede Freude war sofort verbunden mit Schuldgefühlen. Er, Kornbach, hatte überlebt. Die meisten jüdischen Freunde und Verwandten nicht. Warum er, war eine Frage, die ihn immer wieder beschäftigte. Vielleicht hatte das Schicksal damals eine Münze geworfen, und er hatte eben Glück gehabt. Glück? Zufall? Die Trümmerfelder jener Zeit befanden sich nicht nur an den Straßen und auf den Plätzen, sondern immer noch in den Herzen der Menschen.

»Herr Kornbach, soll ich nicht doch …?«, fragte der Fahrer, der aus der dunklen Adler-Limousine ausgestiegen war. »Im Kofferraum liegt eine Decke.«

»Lass, Johann«, meinte der Angesprochene etwas unwirsch.

Er wollte noch einmal den Wind spüren. Nordisch-kühl, selbst an Maiabenden. Nordisch-ehrlich. Ein letztes Lebewohl, eine Hommage an den Freund.

»Mein lieber Eduard«, sagte Kornbach leise, als er sicher war, dass sein Chauffeur ihn nicht mehr hören konnte. »Ich vermisse unsere Spaziergänge, die Gespräche. Und den guten Port.« Ein Lächeln ging über sein zerfurchtes Gesicht, das der kühle Wind jedoch schnell davontrug.

White Port natürlich, dachte er. Gut temperiert.

»Ein Sousa ist genau richtig für diesen Anlass«, hätte der Freund jetzt wohl vorgeschlagen und zwei Gläser gefüllt.

Damals. An ihrem letzten gemeinsamen Abend. Über zehn Jahre war es her. In diesem fernen, schwülen Friedenssommer vor der großen Katastrophe.

»Bist du sicher, Eduard?«, hatte Kornbach gefragt. Oft schon hatte er den Freund gedrängt, Deutschland zu verlassen.

»Meinst du den Port oder meine Entscheidung zu bleiben?«, hatte dieser entgegnet. Sein Humor war stets eine Mischung gewesen aus feiner Ironie und stoischer, fast schon trotziger Gelassenheit.

»Du weißt, dass man den Kerlen nicht trauen kann«, hatte Kornbach geantwortet. »Seit sechs Jahren versuchen sie, uns fertigzumachen. Wie oft habe ich dir gesagt, dass du mit mir nach London oder Amsterdam kommen sollst?«

»Du hast ja Recht, Arno. Aber es ist nicht alles verloren. Die Geschäftsbeziehungen sind das Wichtigste. Wir haben unsere Lieferanten in Südamerika. Und gute Absatzmärkte in Skandinavien, in den Benelux-Ländern, Frankreich, England und sogar in den Vereinigten Staaten. Wir sind weltbekannt. Du weißt, dass Paul erste Kontakte in Amsterdam aufgebaut hat. Wir verlegen die Firma dorthin. Karl will seine Beziehungen nach London nutzen, damit wir dort ebenfalls schnell Fuß fassen. Wichtig ist, dass wir alle Rechte an der Marke und die Geschäftsvereinbarungen behalten. Die Braunhemden sind nur am Geld interessiert. Sollen sie es meinetwegen bekommen. Ich werde ihnen die Rechte fürs Ausland abluchsen, damit können sie ohnehin nichts anfangen. Du siehst, ich kann jetzt nicht einfach verschwinden, Arno. Ich muss zunächst alles ordentlich abwickeln. Aber in drei Monaten spazieren wir gemeinsam am Strand von Ostende. Ein paar gute Jahre habe ich sicher noch vor mir.« Wie zum Beweis seiner Vitalität hatte sich der drahtige Mann, der Mitte achtzig war, aufgerichtet und gestreckt. »Mein Arzt Dr. Breitscheid ist sehr zufrieden mit mir.«

»Du traust ihm? In seiner Praxis geben sich auch die kleinen braunen Goldfasane die Klinke in die Hand.«

»Breitscheid und seine Frau haben schon die Kinder auf die Welt gebracht. Als Arzt hat er mit diesem ganzen Irrsinn nichts zu tun. Keine Sorge, er wird mich schon nicht um die Ecke bringen.« Eduard lachte, wurde dann wieder ernst. »Wenn wir raus sind aus dem Tollhaus, wird alles besser.«

Deine Zuversicht hat dich in ein nasses Grab geführt, mein Freund, dachte Kornbach in diesem Moment und blickte über die graue Wasserfläche. Die Böen schienen jetzt aus allen Richtungen zu kommen. Vereinzelt zeigten sich Schaumkronen auf den kleinen Wellen. Kabbelig Water sagte man es in der Hansestadt und verzichtete bei solchem Wetter lieber aufs Segeln.

Mühsam näherte sich der alte Mann der Uferkante, achtete darauf, dass er nicht mit den Achselkrücken im Gestrüpp hängenblieb. In der Nähe hatte man Eduards zerfetzten, aufgedunsenen Leichnam nur kurze Zeit nach ihrem letzten Gespräch gefunden. Nein, überlegte Kornbach. Sein Freund hatte die Alster geliebt. Niemals hätte er sie freiwillig zu seinem Grab gemacht.

»Wenn es hier wieder normal zugeht, dann kehren wir zurück«, hatte Eduard damals zu ihm gesagt.

Klang so ein Mensch, der mit dem Gedanken spielte, sich das Leben zu nehmen?

Ein zerschlissener Männerhut trieb im Wasser. An Bellevue gegenüber war vielleicht ein Hausierer unvorsichtig gewesen, nachdem er ein paar Groschen bei den »guten Herrschaften« geschnorrt hatte.

»Nein, mein lieber Freund«, sagte Kornbach. »Wer konnte ahnen, dass es damals ein Abschied für immer war?« Er griff umständlich in die Manteltasche, zog das kleine Stück Papier hervor. Johann hatte in seinem Auftrag bei einem Antiquar die alte Ausgabe einer Zeitung aufgetrieben. Eine Nachricht im Hamburger Fremdenblatt vom 18. August 1939. Der Artikel mit der Überschrift »Kaufmann Lassally – Freitod« war nur kurz:

Der Volljude Eduard Lassally ertrank am Abend des 15. August in der Außenalster. Die Polizei teilte mit, daß der Mann seit längerer Zeit gebrechlich gewesen sei. Möglicherweise handelt es sich also um einen Unfall. Die Zeugenaussage eines Spaziergängers läßt jedoch vermuten, daß Lassally aus Verzweiflung über einen schlechten Gesundheitszustand und eine allgemeine familiäre Zerrüttung seinem Leben selbst ein Ende setzte.

Eine schlichte Zeitungsnotiz auf Seite fünf. Der Volljude. Ein Wort, das wie Aussatz klang. Gebrechlich. Verzweiflung. Zerrüttung. Lügen über ein Leben. Die Nazi-Bande hatte ihr gesamtes System auf Falschheit, Schmähung und Entwürdigung gebaut. Allzu willig hatte ein ganzes Volk daran geglaubt. Die wenigen Mahner waren ungehört geblieben. Aber auch sie hätten nicht vorhersehen können, welche Höllen folgten.

Arno Kornbach blickte noch einen Moment lang auf den Zeitungsausschnitt. Dann ließ er ihn aus der Hand gleiten. Der Wind trieb kurz sein Spiel mit diesem Stück Erinnerung. Es tanzte beinahe kokett über die Wasserfläche, als zierte es sich, Abschied zu nehmen. Eine fallende Böe drückte es schließlich nieder. In die Schaumkronen. Kabbelig Water. All tid. Wir sehen uns wieder, mein Freund.

1

Hamburg 1950

Die Hamburger Innenstadt bot auch fünf Jahre nach Kriegsende noch ein trauriges Bild. Die alliierten Bomber hatten Alster und Hauptbahnhof als Orientierungspunkte genutzt, um ihre tödliche Fracht ans Ziel zu bringen. Dabei hatten sie sich fast immer in einer Schneise südöstlich davon gehalten. Böse Zungen behaupteten, dass sie die prächtigen Villen rund um Rotherbaum nur verschont hatten, um später selbst dort wohnen zu können.

Henry Mahler trat aus einem Ladengeschäft auf die belebte Mönckebergstraße hinaus. Seit seiner Rückkehr aus dem Krieg hielt er sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Er hatte Probleme damit, sein Leben zu ordnen. Geregelte Arbeitszeit sabotierte er spätestens nach zwei Wochen. Er sah auf die Uhr. Es war erst neun, aber alles, was Schmutz und Lärm machte, musste erledigt sein, bis das Fachgeschäft für Damenoberbekleidung öffnete. Zum Entsetzen einiger gut gekleideter Passanten klopfte sich Mahler vor der Tür den Putzstaub aus der Jacke, hustete ein paar Mal und kratzte kleine Farbspritzer vom Hosenstoff. Fünf Jahre, dachte er. Frühere Kommilitonen hatten mittlerweile ihr unterbrochenes Studium beendet. Anfangs hatte er sich noch mit einigen alten Freunden getroffen, aber als klar wurde, dass er die Kurve zurück in ein normales Leben nicht kriegen würde, hatten sie begonnen, ihn zu meiden.

Mahler stieg aufs Fahrrad und fuhr Richtung Hammerbrook. Er hatte noch drei Stunden bis zu dem Treffen mit Arno Kornbach. Der alte Anwalt war ein Freund seines Vaters gewesen und hatte ihn um ein Gespräch gebeten. Henry ahnte, dass der Mann ihm ins Gewissen reden wollte. Drei Stunden. Zeit genug für ein paar Speckkartoffeln und Rübenmus. Ungewöhnlich als zweites Frühstück, aber nach der Arbeit schob er immer Kohldampf.

Das Gebäude, in dem er wohnte, befand sich unweit des ehemaligen Münzplatzes südlich vom Bahnhof. Mahler radelte langsam auf dem unebenen Kopfsteinpflaster. Rechts und links erstreckten sich die Schutthalden und Brachflächen. In der gesamten Gegend standen kaum noch Häuser, die meisten von ihnen waren abrissreife Bruchbuden. Im Sommer 43 hatte die Royal Air Force die Gegend wegen ihrer Nähe zum Hafen, zu den Industriegebieten und Gleisanlagen der Reichsbahn als Hauptzielgebiet auserkoren und Tausende Tonnen Sprenglast abgeworfen. Die alte Wohnbebauung hatte den Luftminen und Brandbomben nichts entgegenzusetzen gehabt. So waren es letztlich vor allem die kleinen Leute – Werftarbeiter, Handwerker, Fabrikangestellte – gewesen, denen man die Bleibe unterm Hintern weggebombt hatte.

Das ehemals belebte Arbeiterviertel glich einer Wüste. Die geräumten Straßen zogen sich durch Trümmerfelder, so weit das Auge reichte. Zwar pulsierte auf ihnen das Leben, überall wurde getauscht, gehandelt, in offenen Werkstätten gesägt und gehämmert. Aber es schien, als wäre der Rest dieses Stadtteils nur ein Kadaver, dessen Nerven noch ein letztes Zucken zeigten. Etwa jedes zehnte Haus war noch bewohnbar. Irgendwie. Überall standen Behelfsbauten, die berüchtigten Nissenhütten, mit ihren halb runden Dächern aus Wellblech, oft belegt mit drei oder vier Familien.

Während in anderen Großstädten der Welt das Baumaterial von weit außerhalb herangebracht werden musste, hatten deutsche Metropolen in dieser Hinsicht seit Jahren einen erheblichen, makabren Wettbewerbsvorteil. Auch in Hamburg lagen die Steinbrüche unmittelbar vor der Tür. Tausende dienstverpflichtete Arbeiter, oft Frauen und Versehrte, schlugen immer noch lustlos den Mörtel von den Brocken, um Leistungen von der Fürsorge zu beziehen. Im Kino, in den Berichten der Welt im Film, hieß es immer, alle seien frohen Mutes und werkelten emsig an der Gestaltung einer lebenswerten Zukunft. Wer allerdings hier in die müden und abgekämpften Gesichter der Abbrucharbeiter, Steinklopfer und Lastenträger blickte, konnte auf andere Gedanken kommen. Viele Deutsche gehörten immer noch zu den Verlierern dieses Kriegs.

Südlich der Spaldingstraße hatte man den gesamten Nordkanal mit den Trümmern der eingestürzten Häuser und Fabrikgebäude zugeschüttet. Der Schutt wurde für den Straßenbau verwendet, die guten Klinker fanden ihren Platz in neuen Wänden und Mauern. Überall wurde geklopft und gehämmert. Steinwalzen, Salzgitteranlagen und Gleisarbeiten leisteten noch einen weiteren Beitrag zur Kakophonie der neuen Umtriebigkeit. Deutschland war unter Hitler zwölf Jahre lang laut gewesen. Nun schien es, als wäre es froh, sich wieder einem neuen Lärm ergeben zu können. Mahler bog links in die Rosenallee ein. Schon öfter hatte er sich gefragt, wann hier wohl das letzte Mal die Blumen gewachsen waren, die der Straße ihren Namen gegeben hatten.

˚˚˚

Der Einbeinige saß am Fenster, als Mahler in die Stube trat. Die Wohnung lag im dritten Stock. Zwei Räume. Zwei Männer. Mahler hatte noch Glück gehabt, dass er als Alleinstehender vor drei Jahren nicht in eines der berüchtigten Männerheime abgeschoben worden war. Dort lungerten nur verkorkste Typen herum. Sein Absturz wäre wohl noch tiefer gewesen.

Aber dort wäre ich wenigstens nicht aufgefallen, dachte er manchmal.

Man hätte ihn auch bei drei Familien mit Kriegswitwen und zehn lärmenden Bälgern einquartieren können – als Beischläfer für die verhärmten Frauen, damit sie ihm als Gegenleistung für seine Dienste eine Suppe kochten. Ihm lief bei solchen Gedanken regelmäßig ein Schauer über den Rücken. Er blickte sich um und sah, dass der Einbeinige nicht einmal sein Bett gemacht hatte. Sein Mitbewohner schlief auf dem Sofa in der Stube. Henry hatte die winzige Kammer nebenan für sich. Ohne Heizung. Im Sommer ging er oft einfach aufs Dach, um seine Ruhe zu haben. Eigentlich war es kein richtiges Dach mehr, da die Bomben zwei Stockwerke über ihnen wegrasiert hatten. Kurzerhand hatte man Teerpappe auf die Zwischendecke geschweißt. So war es in Mahlers Wohnung darunter im Winter schweinekalt und im Sommer unerträglich heiß.

Im Raum roch es unangenehm. Kohl, Schimmel, Schwefel der billigen Braunkohle, Schweiß. Der Einbeinige hatte es nicht so mit der Körperhygiene. Das Bettzeug sah aus, als wäre es zuletzt in den Zwanzigern gewaschen worden. Da der Kerl oft fror, war wenigstens die Kochstelle bereits heiß. Mahler warf die Kartoffeln ungeschält in den Topf. Steckrüben waren noch von gestern übrig.

»Willst du auch?«

Der Einbeinige nickte.

Als er sich eine halbe Stunde später den Teller gefüllt hatte, griff Mahler nach einem Holsten Export und ging ins Treppenhaus. Am Aufgang zum – nicht mehr vorhandenen – vierten Stock befand sich eine provisorische Luke. Wenig später saß er auf einem alten Holzschemel, schaufelte die Pampe in sich hinein und blickte zum Hafen. Die Stadt machte ihm auch mehr als fünf Jahre nach seiner Rückkehr Angst. In seinem Kopf herrschte immer noch Krieg. Stalin-Orgeln oder die tödliche Last der Lancaster-Bomber. Mörserbeschuss, Panzervorstoß, Minenfelder. Alles war immer noch real. Vor allem hier, denn bei schwülwarmem Wetter lag noch der kalte Brandgeruch über dem Stadtteil. Mahler atmete schwer bei diesen Gedanken. Frieden, versuchte er sich zu beruhigen. Seine Hände zitterten, als er die Reste seiner Mahlzeit vom Teller kratzte.

Wie durch böse Magie dazu gezwungen, zog es seinen Blick immer wieder zu den Trümmerhalden der Umgebung. Manches Mal wachte er nachts schweißgebadet auf, wähnte sich verschüttet, grub im Halbschlaf in seiner Decke. Einmal musste ihn der Einbeinige sogar kräftig ohrfeigen, da er sich vollkommen in diesem Albtraumland verirrt und wie ein Irrer geschrien hatte. Hier auf dem Dach bekam er wenigstens etwas Luft. Bei aller Qual, bei allem Übel und Schrecken hatte der Krieg eine unstillbare Sehnsucht nach Natur und Weite in ihm hinterlassen. Die Erinnerung an die unendlichen russischen Ebenen, die riesigen Wälder und dunklen Seen wirkte tröstlich. Wie hatte er dieses Land geliebt! Warum nur hatte er geholfen, es zu zerstören?

Manches Mal hatte sich Feldwebel Mahler damals mit seinem Panzerspähwagen zur Erkundung weit vor die Front gewagt. Zehn, zwanzig Kilometer vor die nachrückenden Truppen. Sogar eine Belobigung hatte er wegen seines besonderen Wagemuts erhalten. Dabei war es nur das innere Sehnen nach Raum und Unendlichkeit gewesen, das ihn angetrieben hatte. Immer wieder hatten ihn das Mörserfeuer der Kampftruppen, das Pfeifen der Artillerie-Haubitzen und das stampfend-dumpfe Grollen der anrückenden Panzereinheiten aus seinen Gedanken gerissen. Er vertrug es bis heute nicht, in Menschenmengen – etwa in Warteschlangen oder in der Straßenbahn – zu stehen. Aber hier über den Dächern von Hamburg war Mahlers Geist frei. Für einen Moment wenigstens.

»Noch ’n Bier?«

Der Einbeinige hatte es irgendwie geschafft, durch die Dachluke nach oben zu kommen. Dabei waren sogar die beiden Pullen heil geblieben, die er bei sich trug. An seiner Krücke hatte er einen Beutel festgebunden, aus dem er nun die Flaschen hervorholte. Wildfremde Männer, die gemeinsam an einem Ort hausten, stanken und tranken, verband etwas Eigentümliches, Animalisches. An der Front, aber auch hier. Dreck schweißte zusammen. Diese Gesetzmäßigkeit hatten sich die Kriegsherren aller Länder seit jeher zunutze gemacht. Schuf sie doch jene Verbundenheit und Vertrautheit, die notwendig waren, um die Lämmer ihren Schlächtern zuzuführen.

»Willst du reden?«

Ein Bier und eine einfache Frage. Plötzlich gehörte der Einbeinige zur Familie. Plötzlich war er der enge Freund, den jede innere Not so dringend brauchte.

»Ich hab damals gedacht, dass ich nach Hause komme«, begann Mahler. »Aber alles war fremd. Und ist fremd geblieben. Als wär ein Teil nicht zurückgekehrt.«

»Hast eben die Grenze überschritten.« Der Einbeinige nickte wissend und blickte den Wolken hinterher.

»Welche Grenze?«

»Da drinnen.« Der Einbeinige klopfte mit der flachen Hand mehrmals auf die linke Brust. Dann wies er mit dem Finger auf seine Stirn. »Und da oben. Wir haben zu viel gesehen, Mahler. Wenn du die Grenze überschreitest, kannst du irgendwann das Schöne nicht mehr vom Schrecklichen unterscheiden. Liegt alles ganz dicht beieinander.«

Henry Mahler war überrascht von dieser schlichten Wahrheit, die genau das Gefühl beschrieb, das in ihm tobte. Das grauenhaft Schöne und das wunderbar Böse rangen in ihm Seite an Seite. Nicht gegeneinander, sondern miteinander. Wie Liebende in einer Oper, die eine verzweifelte Sehnsucht nach Vereinigung antrieb. Deren Familien sich jedoch seit Jahrhunderten bis aufs Blut bekämpften. Eine aussichtlose Liebe.

»Was hast du gemacht? Ich meine, früher?«

»Gärtner«, antwortete der Einbeinige. »Herrlich, sag ich dir. Den ganzen Tag liegt die Wahrheit vor dir. Und keiner schwafelt dumm rum. Oder haste schon von ’ner Blume gehört, die Goebbels-Vergiss-mein-nicht heißt? Führer-Eiche oder Göring-Tulpe? Glaub mir, kein Maiglöckchen hat je Heil Hitler geschrien. Nee, jeder Garten ist ein Stück Eden. Alles längst perfekt. Am fünften Tag. Da hätte der alte Sack da oben einfach aufhören sollen. Aber danach musste der liebe Herrgott unbedingt noch den Menschen erschaffen. Denke, er hat vorher ordentlich einen gezwitschert. Und lacht sich bis heute ’nen Ast ab.«

Ein Philosoph, dachte Mahler. Bodenständig, ehrlich.

Der Mann lachte. »Prost!«

Mahler sah auf die Uhr. Noch über eine Stunde bis zum Treffen.

»Und du?«, fragte der Einbeinige.

»Hab bis kurz vorm Krieg Jura studiert. Liegt in der Familie. Dann gab’s Ärger. Erst mit meinem Vater, später mit den Parteiheinis. Nach dem ersten Staatsexamen haben sie mich zum Wehrdienst eingezogen.«

»Hättest besser mit den Wölfen heulen sollen.«

Mahler ging nicht auf die Bemerkung ein. »Erst nach Polen, dann kam Norwegen.« Sein Vater hatte sich mit dem Hitler-Regime arrangiert. Und seinen Sohn aufgefordert, es ebenso zu tun. »Später war ich beim Ostfeldzug dabei. Im Gegensatz zu dir hab ich eigentlich Glück gehabt. Alles dran.« Er hob die Arme und bewegte die Beine.

»Ich doch auch«, erwiderte der Einbeinige grimmig und schlug sich mehrmals auf den Stumpf. »Hätten auch beide Haxen sein können. Im Krieg wird man bescheiden. Kenne Leute, denen haben sie sauber ins Gemächt geballert. Oder das Gesicht wegrasiert. Warst du in Kriegsgefangenschaft? Internierung?«

»Nein.« Mahler überlegte. Der Krieg war für ihn anders zu Ende gegangen, aber sein Mitbewohner musste nicht alles wissen. Verbrüderung hin oder her. »Ich war am Ende zu krank. Haben mich nach Hause geschickt.«

»Scheißkrieg. Da haut es einem die Gedärme heraus. Oder die Beine ab. Und unsereiner nennt das noch Glück. Landser-Ironie«, sagte der Einbeinige und leerte seine Flasche. Mahler war sicher, dass er am Vormittag bereits ein paar Selbstgebrannte gekippt hatte.

»Hast doch gesagt, dass du hier zu Hause bist«, fuhr der Mann fort. »Keine Familie? Kein Liebchen? Wohnst stattdessen mit einem alten Sack wie mir zusammen. Die Bomben?«, fragte er. »Hat’s deine Familie erwischt?«

»Meine Mutter ist schon lange tot«, entgegnete Mahler. »Und mein Vater starb vor sechs Jahren an einem Schaganfall. Das Haus in Altona ist nur noch ein Aschehaufen. Vorher hat er sein Testament geändert. Bin leer ausgegangen.«

»Bist doch verheiratet.« Der Einbeinige zeigte auf Mahlers Ehering. »Oder ist deine Frau …?« Seine Stimme klang unheilvoll.

»Ich weiß es nicht. Ellen wird vermisst. Seit März 45.«

Henry Mahler nahm ebenfalls den letzten Schluck und rammte die Flasche danach derart hart auf den Boden, dass sie zerbrach.

»Scheiße«, sagte der Einbeinige. »Knapp vor Torschluss also. Das tut verdammt weh.«

»Bin anfangs überall hingerannt, hab mir jeden Aushang angesehen. Bahnhof, Rathaus, Kirchen. Jede Woche zum Suchdienst beim Roten Kreuz, zur Bahnhofsmission, zur Vermisstenstelle. Jetzt geh ich nur noch einmal im Monat hin.«

»Aber die Hoffnung haste nicht aufgegeben«, stellte der Einbeinige mehr fest, als dass er fragte. »Das ist wahre Liebe. Davon hat die Leander gesungen. Wunder und so.«

Mahler schüttelte den Kopf. »Dreimal hat mich das Meldeamt angeschrieben. Ich kann Ellen für tot erklären lassen.« Ein Schimmer trat in seine Augen, aber er wandte den Kopf zur Seite, wollte den Mann, der ihm immer noch fremd war, nicht in sein tiefstes Inneres blicken lassen. »Geht einfach nicht. Ich brauch Gewissheit. Und bis dahin such ich weiter.«

Die Männer erhoben sich. Mahler half dem Kriegsversehrten die steile Stiege hinunter. Als sie wieder in der Wohnung waren, kramte er in seiner kleinen Kammer nach den wenigen Briefen von Ellen, die er noch besaß. Feldpost. Das billige Kriegspapier löste sich bereits auf. Bei seiner Flucht nach Westen hatte er seine Papiere direkt unter dem Hemd getragen. Er war durch Bäche gewatet, durch Flüsse geschwommen, hatte auf feuchtem Moos geschlafen. Der Regen, der Schweiß und die Tränen hatten seine Kennkarte, das Soldbuch und die meisten Briefe schließlich zerstört. Die wenigen, die ihm geblieben waren, waren beinahe unleserlich. Und doch kannte er jede Zeile auswendig.

Liebster! Es ist so unendlich schwer ohne Dich. Du fehlst mir an jedem Tag, zu jeder Stunde. Aber mache Dir bitte keine Sorgen. Unsere Liebe rettet mich. Jeden Tag aufs Neue. Durch den Ehestatus bin ich etwas abgesichert, man behandelt mich als Frau Mahler anständig. Ich bekomme jetzt sogar wieder Fleisch- und Kleiderkarten. Ach, es gibt so viel, das ich Dir erzählen will. Wir alle rücken in dieser schweren Zeit zusammen. Käte hilft, wo sie kann. Nach den letzten Angriffen wurde ich im Hafen für Aufräumarbeiten eingeteilt. Aber ich ertrage den Staub, den Lärm und die schmerzenden Hände in der Hoffnung, Dich wiederzusehen. Tief in meinem Herzen weiß ich, daß wieder gute Zeiten kommen werden …

Anständig. So viel, das ich Dir erzählen will. Mahler hatte sich Hunderte Male den Kopf darüber zerbrochen, was die Worte seiner Frau bedeuteten. Sie war nach den Rassegesetzen der Nazis ein »Mischling 1. Grades« gewesen, eine sogenannte Halbjüdin. Dass Henry sie kurz vor Inkrafttreten der Gesetze noch geheiratet hatte, war der Grund für das Zerwürfnis mit seinem Vater gewesen. Die Ehe mit ihm hatte sie lange vor den Nachstellungen der Gestapo bewahrt. Aber kurz vor dem Ende hatten sie sie doch noch abgeholt. Und er selbst war schuld daran. Denn er war von der Front abgehauen. Er hatte es im Februar, drei Monate vor Kriegsende, einfach nicht mehr ausgehalten und war getürmt. Fahnenflucht. Er hatte überlebt. Und er hatte Ellen dafür geopfert. Er hatte die Folgen seines Tuns damals nicht bedacht. Er war schuld. Mahler schlug mit der Faust gegen die Bretterwand, bis die Knöchel bluteten. Der Schmerz half ein wenig. Aber tief in seinem Inneren blieb die Leere, in die er immer wieder fiel.

2

Hier war alles noch so, wie er es kannte. Zwölf Jahre hatten die Unmenschen gewütet, fast alles zerstört. Und zehn Jahre war er im Exil gewesen. Aber rund um die Außenalster hatte sich kaum etwas verändert. Die Fassaden der Villen glänzten in der Sonne um die Wette. In prachtvollen Vorgärten streckten sich Rosen, Statuetten und kleine Teehäuser nach dem Leben. Ein Schwan fauchte den morgendlichen Besucher an, protestierte gegen die frühe Störung im Alstervorland. Das erste Morgenlicht schob sich über das Wasser. Einen Moment lang schien es, als würde auf jedem kleinen Wellenkamm um den Sieg eines neuen Tages gerungen. Aber in das tanzende, noch blass-dunkle Blau schob sich immer öfter ein rötlicher Schimmer aus Richtung Fernsicht. Oswald Lassally stand auf dem Fähranleger und blickte über das Wasser nach Osten. In seinem Rücken lag die Nacht, vor ihm der Tag. Und – vielleicht – ein Neubeginn.

Freunde hatten ihm davon abgeraten, zurückzukehren. Bist du dir ganz sicher?, hatte sogar seine Frau ihn gefragt. Willst du diese Last auf dich nehmen? Er wusste es selbst nicht. Jede Straße, jeder Baum, selbst der Lärm und Gestank dieser Stadt: Alles war Erinnerung. Auch fünf Jahre nach dem Krieg sah er in den Gesichtern der Menschen noch den Schmerz. Aber auch den trotzigen Wunsch, zu vergessen. Vor einer Woche waren Oswald Lassally und seine Frau Hertha aus Brasilien über die Azoren und Lissabon nach Deutschland gekommen. Nach Westdeutschland, um genau zu sein. Man musste sich erst daran gewöhnen, dass es jetzt drei Deutschlands gab. Eines im Westen. Eines in der Mitte. Und eines ganz im Osten, ein verlorenes. Es schien, als hätten die Völker mal wieder im großen Sandkasten der Geschichte miteinander gerauft und die Landkarten neu gezeichnet. Schon seit Ewigkeiten mussten die Verlierer ihre Schuld begleichen, und die Sieger genossen ihren Triumph. Das Römische Imperium, das Staufer-Reich, der Dreißigjährige Krieg, Napoleon, der Erste Weltkrieg. Die Geschichte schien eine endlose Abfolge von Fehden und Konflikten. Als wären sie ebenso notwendig wie die Aderlässe bei Blutstau und Hochdruck.

Aber dieses Mal ist es doch anders gewesen, dachte Lassally. Das mörderische Treiben der Nazis hatte die Pforten zur Hölle nicht nur aufgestoßen. Die Menschen hatten nicht nur kurz in den Orkus geblickt und sich dann voller Entsetzen abgewandt. Nein, in diesem Land war man nur allzu willig durch die Tore dieser Hölle gegangen. Wenn schon nicht erhobenen Hauptes, so doch mit ausgestrecktem Arm, schreiend und marschierend. Und nun, Jahre nach dem Ende, zu Beginn eines neuen Jahrzehnts, standen die Deutschen immer noch da wie Ausgestoßene. Die Welt ließ sie nicht einfach zurück ins Paradies. Und was taten sie? Manche trauerten um das Verlorene. Manche hofften auf alten Glanz und neue Glorie. Die meisten jedoch taten das, was Menschen tun, wenn sie ganz unten angekommen waren. Der leere Magen hatte jahrelang die Moral ersetzt – um die es ohnehin nicht gut bestellt war während und nach der Hitler-Zeit. Irgendwie musste eine Leere gefüllt werden. Und nach der Währungsreform schien man endlich zu wissen, womit. In den Schaufenstern lag aus, was erstrebenswert und gut erschien.

Gestern hatte Lassally eine Stadtrundfahrt unternommen, war mit dem Taxi von Altona nach Wandsbek gefahren. Überall gab es Trümmer und Brachflächen. Sogar ein ganzer Stadtteil war ausgelöscht. Verwundete Stadt. In ihr die vielen Emsigen, die umherhuschten, hämmerten, sägten, mauerten. Immer schon galt: Nach dem Tod war vor dem Leben. Oder war es doch nur eine Zeit vor dem nächsten Tod? In der Innenstadt, an der Nikolaikirche, hatte Oswald Lassally den Fahrer gebeten, einen längeren Halt einzulegen. Wie ein fauliger Zahnstumpf ragte der rußgeschwärzte Turm der zerstörten Hauptkirche in den Himmel. Vor sieben Jahren hatte sie im Zentrum eines Feuersturms gestanden, dessen Flammen sechs Kilometer in die Höhe geschossen waren.

»Ein Verbrechen. Eine Sauerei, was die Schweine uns angetan haben«, hatte der Taxifahrer geraunt und seinen Kautabak durchs Fenster auf den Gehweg gespuckt. »Vor allem die Arbeiterviertel haben sie mit ihren Bomben beharkt. Die Herrschaften in ihren Villenvierteln haben sie natürlich verschont. Immer auf die kleinen Leute. Dazu noch die Frauen und Kinder. Die waren doch nicht schuld an der Sache.«

Nicht schuld? Tatsächlich? Lassally hatte geschwiegen. Sein Vater. Seine Brüder. Sein Neffe. Alle tot. Kaufleute und Buchhalter. Wer war in einer solchen Zeit unschuldig? An der Sache? Durch Briefkontakte und Gespräche mit Landsleuten in Brasilien hatte er schon vor seiner Rückkehr nach Hamburg bemerkt, dass die Deutschen eine seltsame Beziehung zu ihrer jüngsten Vergangenheit hatten. Wie enttäuschte Zuschauer, die aus dem Fußballstadion geströmt waren, nachdem ihr HSV mal wieder gegen Schalke verloren hatte. Als wollten sie die Angelegenheit abhaken und möglichst schnell bei einem Bier vergessen. Aber in den Augen der Welt waren Krieg, Konzentrationslager und Rassenwahn, das Vernichtungswüten von SS, Gestapo und Einsatzkommandos nun einmal keine lässlichen Sünden. Keine verzeihlichen Ausrutscher und Patzer, die man in der nächsten Spielsaison wiedergutmachen konnte. Aber von der Verbitterung, der Verzweiflung, den Fragen der Opfer wollte die ehemalige Herrenrasse partout nichts wissen. Was wollt ihr denn, schienen sie stattdessen beständig zu fragen. Wir haben doch alle gelitten. Nun ist mal gut, wir blicken nach vorn. Lassallys Freunde hatten gewarnt, dass er bei einer Rückkehr nicht mit Reue und Verständnis bei seinen ehemaligen Peinigern rechnen konnte.

Von der Innenstadt aus hatte er sich nach Harvestehude fahren lassen. Das Elternhaus an der Rothenbaumchaussee war unversehrt geblieben. Eine schöne Gegend. Oswalds Vater hatte gewusst, wo die ehrbaren Kaufleute der Hansestadt gern logierten. Wer etwas auf sich hielt, wählte die Elbvororte oder Alstergegend, so war es in Hamburg immer schon gewesen. Das imposante und doch eher schlichte Villengebäude war Ende der Dreißiger arisiert worden. Und so gehörte Oswalds Elternhaus nun Leuten, die es damals »für ’n Appel und ’n Ei« bei den Versteigerungen erworben hatten. Die Nazis hatten die Abgaben auf das Vermögen von Juden derart hochgeschraubt, dass meist deren Grundbesitz unter den Hammer kam. Und Deportierte verloren ihr Eigentum ohnehin per Gesetz ans Reich.

Für alles gab es Paragrafen. Alles war rechtmäßig gewesen. So viel hatte Oswald Lassally schon vor seiner Abreise nach Deutschland erfahren. Er hatte den Anwalt der Familie, der den Krieg ebenfalls überlebt hatte, damit beauftragt, seine Vermögensansprüche zu klären. Aber unter Hitler hatte der deutsche Rechtsapparat – wieder einmal – ganze Arbeit geleistet: Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden. Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben. Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens. Für jedes Unrecht hatte man Gesetze ersonnen, die es in Recht verwandelten. Der Anwalt hatte ihm erklärt, dass formaljuristisch alles seine Richtigkeit hatte.

»Sie wurden nach offizieller Lesart nicht bestohlen oder beraubt, Oswald«, meinte er. »Laut Gesetz sind die neuen Eigentümer der Firma Ihres Vaters und der Immobilien weiterhin die rechtmäßigen Besitzer. Wir können nur den Weg einer sogenannten Rückerstattung von Vermögensgegenständen an die Opfer des Nationalsozialismus gehen. Aber ich muss Ihnen leider sagen, dass wir dafür einen langen Atem brauchen. Erstens beruft sich ein solches Verfahren auf eine Rechtsverordnung aus der Besatzungszeit. Die Bundesrepublik hat bisher kein Gesetz erlassen, das diese Frage regelt. Und zweitens messen die Behörden und Honoratioren der Hansestadt solchen Fragen leider keinerlei Priorität zu. Schon die Einsicht in die betreffenden Akten wurde mir bei den ersten Recherchen verweigert. Oder man erklärte mir, dass die Vorgänge derzeit nicht auffindbar seien.«

Es wehte ein neuer Wind in Deutschland, aber ihm haftete der Geruch des Alten an. Die Klänge von Stechschritt und das Rufen der Fanatiker waren noch nicht verhallt.

˚˚˚

Lassallys Entscheidung, nach Kriegsende in seine Heimat zurückzukehren, hatte früh festgestanden. Sein Exil in Brasilien war für ihn immer eine Interimslösung gewesen. Mit Entsetzen hatte er die internationalen Berichte über das Ausmaß von Unterdrückung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung im Reich und in den besetzten Gebieten verfolgt. Aber er blieb davon überzeugt, dass es nach der Niederlage der Nazis ein anderes, besseres Deutschland geben würde. Dann jedoch hatte er seine Rückkehr immer wieder aufschieben müssen. Anfangs hatte er gehofft, dass es nur Wochen sein würden. Aber aus ihnen waren erst Monate, dann Jahre geworden. Die Gründe dafür waren ebenso vielfältig wie beunruhigend: Bestimmungen der Siegermächte erschwerten die Einreise aus dem nicht-europäischen Ausland. Dann versuchte man, ihn zu einer Auswanderung nach Palästina zu drängen. Später berief sich eine deutsche Behörde darauf, dass er formal kein Deutscher sei, da die Nationalsozialisten ihn offiziell ausgebürgert hatten. Und der befreundete Anwalt riet schließlich davon ab, zu früh zurückzukehren.

»Die Zeit ist noch nicht reif, Oswald«, hatte er in einem Briefwechsel einige Monate nach Kriegsende erklärt. »Es herrscht Verunsicherung, und die Stimmung in Bevölkerung und Verwaltung ist gereizt. Allerorten ist eine anti-jüdische Haltung spürbar. Ich denke, dass Sie sich mit einer Rückkehr zum jetzigen Zeitpunkt keinen Gefallen tun.«

Nun waren bereits fünf Jahre vergangen, und seit seiner Ankunft in Hamburg vor wenigen Tagen nahmen die Zweifel in ihm erneut zu. Sechs Jahre lang hatten ihn die Nazis nach ihrer Machtübernahme schikaniert. Seine Familie hatte zunächst versucht, sich mit dem neuen System zu arrangieren. Vergebens, sie wurde entrechtet und entwürdigt. Mit ein paar Habseligkeiten war er kurz nach Kriegsbeginn wie ein Strauchdieb fortgejagt worden. Dabei konnte er noch von Glück sprechen. Millionen andere waren umgekommen. Fast zehn Jahre hatte Oswald Lassally in Brasilien verbracht, getrennt von seiner geliebten Hertha, die erst vor einem Jahr hatte ausreisen dürfen.

Die Sehnsucht nach zu Hause hatte ihn nie verlassen. Aber gab es überhaupt eine echte Rückkehr? Oder war er an einen Ort zurückgekehrt, aus dessen Erde all seine Wurzeln herausgerissen waren? In ein verbranntes Land mit vergifteten Herzen? Waren Menschen wie er hier überhaupt willkommen? Oder waren sie für die ehemaligen Volksgenossen, Mitläufer und Nazi-Claqueure nur ein unangenehmer Stachel der Erinnerung? Vielleicht war eben dies seine Bestimmung, überlegte er. Einfach wieder anfangen. Dinge klarstellen. Eine Untersuchung verlangen. Seine alte Stelle bei der Polizei antreten. Die Rückgabe des Vermögens und der Firma seines Vaters fordern. Ja, es gab viele Fragen, die er den Hamburgern stellen konnte. Und er würde den Stachel dort lassen, wo er war.

˚˚˚

Kalter Wind griff nach Oswald Lassallys Mantelkragen, riss ihn aus den Gedanken und sandte einen Schauer über seinen Rücken. Er stand jetzt fast am Ende der Brücke zum Anleger Rabenstraße und blickte aufs Wasser. Hier in der Nähe war sein Vater gestorben. Ertrunken, wie es hieß. Der Leichnam war erst drei Tage später gefunden worden. Die Polizei hatte nicht viel Aufhebens gemacht und den Fall als Selbsttötung zu den Akten gelegt. Für die Nazis war es ein Jude weniger gewesen. Oswald war bis heute davon überzeugt, dass die offizielle Darstellung nicht der Wahrheit entsprach. Denn sein Vater hatte ihm kurz vor seinem Tod einen Brief geschrieben. Darin war die Rede gewesen von der Hoffnung auf einen Neubeginn im Ausland. Und ein Mann mit Plänen geht nicht mit Hut und Mantel in die Alster. Nicht Eduard Lassally. Oswald stand am Ufer, blickte über das Wasser und ballte die Fäuste. Er war erzogen, die Contenance zu bewahren. Hamburgisch stoisch. Haltung zeigen, beherrscht bleiben, selbst wenn Wut durch die Seelendeiche brach. Er sog die Luft in seine Lungen ein. Irgendwo musste ein wenig Schiffsdiesel ausgelaufen sein. Und da war dieser leichte Modergeruch, den stehende Gewässer verströmten.

Ja, es gibt viele Fragen, die man den Hamburgern stellen kann, dachte Lassally und ging zum Taxi zurück.

3

»Henry, was ist bloß los mit Ihnen?«, fragte der Anwalt.

Arno Kornbach glaubte, seinem Freund, dem verstorbenen Vater des jungen Mannes, etwas schuldig zu sein. Dem alten Mahler konnte er zwar nichts Gutes mehr tun, außer dass er hin und wieder ein paar Blumen an dessen Grab schickte. Aber vielleicht würde sein Sohn ein wenig Hilfe annehmen.

»Die ganze Welt schaut nach vorn«, fuhr er fort. »Und Sie blasen seit Jahren Trübsal. Warum bringen Sie Ihr Studium nicht zu Ende? Wir brauchen frischen Wind in der Juristerei. Ich könnte Sie in meiner Kanzlei anstellen.«

»Zu lange her, Herr Dr. Kornbach«, erwiderte Henry Mahler. »Ein anderes Leben. Seit mehr als zehn Jahren habe ich keinen Hörsaal von innen gesehen. Und damals hatten nur die braunen Giftmischer die Professorenstellen inne.«

»Ehrlich, Henry. Was ist denn das? Sehen Sie sich an, was Sie in den letzten Jahren getrieben haben: Türsteher bei Karstadt. Bürstenverkäufer. Hafenarbeiter. Hilfsanstreicher. Vertreter für Haushaltswaren. Sie bleiben unter Ihren Möglichkeiten. Ihr Vater hätte …« Kornbach führte den Satz nicht zu Ende. Er wusste offenbar, dass es nicht gut war, diese Karte ins Spiel zu bringen.

»Ist schon in Ordnung«, meinte Henry Mahler. »Mein Vater würde nichts von Ihnen verlangen. Und ich tue es auch nicht.«

»Mein Gott!«, rief Arno Kornbach. »Sie sind ebenso stur wie Ihr alter Herr! Ich möchte Ihnen helfen, weil ich Sie mag. Nicht, weil ich es muss! Sie gehen noch vor die Hunde. Es ist verständlich, dass Sie trauern. Wir alle haben viel verloren. Aber Sie sind jung. Jagen Sie Ihre Dämonen fort!«

»Im Moment habe ich etwas Geld. Und mit dem Glücksspiel habe ich aufgehört. Ich komme zurecht.«

Henry Mahler rieb sich übers Kinn. Drei Tage lang hatte er sich nicht rasiert. Kornbach musterte ihn. Wahrscheinlich wirkte er wie jene Soldaten, die zwar heimgekehrt waren, aber niemals ins normale Leben zurückgefunden hatten. Deren Körper zwar wieder zu Hause waren, deren Geist sich jedoch irgendwo auf den Schlachtfeldern zwischen Stalingrad und Berlin verirrt hatte. Dämonen. Der Anwalt konnte nicht wissen, wie recht er mit seiner Einschätzung hatte. Henry fürchtete die Nacht. Den Schlaf. Wenn die Gespenster kamen und er ihre Parade abnahm. Wenn er in ihre milchig-trüben Augen blickte, sich an den gedunsenen Leibern rieb, die blutigen Armstümpfe liebkoste, die Stummel, die sich wieder und wieder zum Deutschen Gruß reckten. Obwohl Mahler erst Mitte dreißig war, wirkte er zehn Jahre älter. Tiefe Falten hatten sich in sein Gesicht gegraben.

»Also, warum haben Sie mich hierher bestellt?«, fragte er provokant. »Für Predigten kann ich sonntags auch in die Kirche.«

»Ich habe Arbeit für Sie, Henry. Vielleicht können Sie sich da was aufbauen. Langfristig.«

Nun wirkte Mahler doch interessiert. »Tatsächlich? Käme mir im Augenblick ganz gelegen. Mir fällt die Decke auf den Kopf. Die Bude am Münzplatz wird wohl bald abgerissen. Mein Mitbewohner geht mir auf die Nerven. Und ohne Ausbildung wird es immer schwerer, eine Anstellung zu finden. Fürs Steinehauen und Lastenschleppen bin ich nicht geschaffen.«

»Ein Mandant braucht Informationen«, sagte Kornbach. »Für die Recherchearbeit bei Gericht. Die Akteneinsicht übernehme ich. Aber mein Bekannter möchte auch Ermittlungen auf der Straße. Ganz klassisch. Befragungen von Angehörigen oder Nachbarn. Zeugen und deren aktuelle Adressen ausfindig machen. Glaubwürdigkeit prüfen. So was in der Art.«

»Ist dafür nicht die Polizei zuständig?«

»Mein Mandant möchte nicht zu viel Aufsehen erregen. Eine offizielle Untersuchung wirbelt Staub auf. Da er selbst bei der Behörde arbeitet, möchte er das vermeiden.«

»Ich verstehe«, sagte Mahler sarkastisch. »Sie brauchen einen Lakenschnüffler. Jemand, der seiner Ehefrau hinterherspioniert. Hat sie ihn mit einem schneidigen Engländer betrogen? Ist sie mit seinem Geld abgehauen?« In den letzten Jahren hatte er sich mit einfachen Arbeiten über Wasser gehalten, bei denen er alle Gedanken ausschalten konnte. Und jetzt wollte ihn Kornbach aus diesem wohltuenden Halbdunkel herauszerren.

»Machen Sie nur so weiter, Henry. Suhlen Sie sich ruhig in Ihrem Selbstmitleid, das Sie immer träger werden lässt.« Der Anwalt warf einen Füllfederhalter, mit dem er ein paar Dokumente unterschrieben hatte, auf den Tisch. »Und schlagen Sie weiterhin jede Hand, die man Ihnen reicht. Dann findet Sie die Sitte bald auf St. Pauli. Abgestochen oder mit drei Ampullen Morphium in den Adern. Vielleicht liegen Sie auch nur mit einer Flasche Fusel tot im Abluftkanal der U‑Bahn.«

Sein Besucher gab nur ein Knurren von sich.

»Ich biete Ihnen die Möglichkeit, als unabhängiger Ermittler zu arbeiten. Keine Vorgesetzten, nur Auftraggeber.«

Henry Mahler entzündete eine Overstolz. Aufmerksam beobachtete er, wie sich das Zündholz in der Flamme bog. Er wusste, dass der alte Anwalt es gut mit ihm meinte. Und natürlich wusste er, dass er schon immer Probleme mit Autoritäten gehabt hatte. Keine Vorgesetzten. Gar nicht so übel. Seine Stimme klang versöhnlicher, als er weitersprach.

»Tut mir leid. Es ist nicht einfach zu sehen, dass alle um mich herum voller Elan anpacken und zuversichtlich nach vorn schauen. Ich kann das einfach nicht.«

»Können Sie nicht, oder wollen Sie nicht?«, schnaubte Kornbach. »Geben Sie sich einen Ruck, Henry. Ich helfe Ihnen dabei. Um als Detektiv zu arbeiten, brauchen Sie keine Voraussetzungen zu erfüllen.«

»Prima.« Mahlers Zynismus gewann wieder Oberhand. »Sie denken, das wäre genau die richtige Aufgabe für einen Aushilfskellner wie mich, nicht wahr?«

»Ich meinte die rechtlichen Hürden.« Kornbach hob die Hände zur Decke und seufzte. »Um als Detektiv Erfolg zu haben, brauchen Sie Schneid, Chuzpe und Neugier. Ich gestehe Ihnen zu, dass Sie über diese Eigenschaften verfügen. Zudem sind Sie ausreichend respektlos, undankbar und starrsinnig. Dass Sie trotz Ihrer Eskapaden noch leidlich gut aussehen und über ein Mindestmaß an Intelligenz verfügen, wird Ihnen nicht zum Nachteil gereichen.« Der Anwalt hatte sich mühsam erhoben, schnaubte und wirkte, als wollte er den Jüngeren zum Duell fordern.

Einen Moment lang war es mucksmäuschenstill im Zimmer. Dann lachte Mahler laut auf. Plötzlich schien sich sogar der Zigarettenrauch zu entspannen und zog über das geöffnete Oberlicht ab.

»Die Lizenz habe ich in Ihrem Namen bereits beantragt«, fuhr Kornbach in milderem Tonfall fort. »Nur die Gewerbe-Anmeldung müssen Sie selbst veranlassen. Sie sind jetzt privater Ermittler, Henry. Detektiv, sogar zugelassen im deutschen Dachverband. Ich werde Ihnen hier einen Raum vermieten, dann haben Sie die Anschrift unserer Kanzlei als Postadresse. Wenn Sie die Sache mit Lassally nicht versauen, können Sie sich bald vor Aufträgen nicht mehr retten. Wie hört sich das an?«

»Lassally?«, fragte Mahler. Er spürte einen Anflug von Euphorie. »Klingt irgendwie französisch.«

»Oswald Lassally.« Arno Kornbach nickte zunächst, dann schüttelte er den Kopf. »Der Mann ist gerade aus Südamerika zurückgekehrt. Dort verbrachte er Jahre des Exils, in das ihn die Nazi-Bande getrieben hat. Er und seine Familie stammen aus Hamburg. Sein Vater hatte ein großes Unternehmen im Hafen. Ich habe ihn schon früher in Rechtsfragen beraten.«

»Südamerika?« Henry Mahler betrachtete den Anwalt aufmerksam. »Der Kerl ist doch kein Nazi, hoffe ich.« Es war allgemein bekannt, dass viele Nationalsozialisten der höheren und mittleren Ebene über sogenannte Rattenlinien untergetaucht waren. Viele hatten sich mit ihrem Blutgeld in Uruguay, Chile, Paraguay oder Argentinien neue Existenzen aufgebaut.

»Ich sagte doch, dass er vor den Nazis geflohen ist! Hören Sie nicht zu?« Kornbach wurde ungehalten. »Außerdem sollten Sie mich besser kennen, Henry. Nein, Lassallys Familie hat es böse erwischt unter den Braunhemden. Mein Mandant hat jüdische Vorfahren.«

Kornbach stopfte bedächtig seine Pfeife und blickte aus dem Fenster. Mahler trat an seine Seite. Die Anwaltskanzlei hatte ihre Räume in bester Innenstadtlage. Rathausstraße, Ecke Große Johannisstraße. Rechts und links hatten die Bomber mächtig aufgeräumt, aber das Haus nahe der Börse stand noch. Auf dem Rathausmarkt herrschte emsiges Treiben. Menschen mit allerlei Säcken, Körben und Handkarren liefen umher, einige boten ihre Waren auf fliegenden Ständen an. Vereinzelt kontrollierten Ordnungspolizisten Gewerbekarten. Tempo-Kraftwagen lieferten Kisten und Säcke für die größeren Geschäfte aus. Der dreirädrige Tempo Hanseat war zu einem Sinnbild des Aufbauwillens geworden, seine Beladung manchmal so abenteuerlich, dass Passanten furchtsam zur Seite sprangen, wenn sich ein röhrender Kleinlaster näherte. Und der VW‑Hitler-Käfer kam jetzt erst richtig in Mode. Henry Mahler zählte mehr als zehn dieser seltsamen Halbkugeln, die von oben tatsächlich einem Insekt ähnelten. Vereinzelt mischten sich ein dunkler Mercedes oder ein schnittiger BMW unter das Gemenge. Wahrscheinlich gehörten sie den Abgeordneten der Bürgerschaft.

Ameisen, dachte er. Steht der Zuckertopf rechts, pfeifen sie fröhlich das Horst-Wessel-Lied. Steht er plötzlich links, tanzen sie zur Internationale. Überzeugungen und Moral waren für die meisten Menschen Verhandlungsmasse geworden. Um seinen düsteren Gedanken zu entkommen, drehte sich Mahler zu dem Anwalt um, der jedoch keinerlei Anstalten machte, seine Ausführungen zu ergänzen.

»Nun lassen Sie sich nicht alles aus der Nase ziehen, Herr Kornbach!« Mahler musste sich beherrschen. Sein aufbrausendes Wesen hatte ihn in den vergangenen fünf Jahren so manche Anstellung gekostet. Ganz plötzlich konnte seine Stimmung umschlagen. Eben noch gleichgültig, wurde er oft aus nichtigem Grund wütend. »Sie bitten mich her und teilen mir mit, dass ich nun als Schnüffler für Sie arbeiten soll. Da darf ich doch ein bisschen mehr über den Auftrag und Ihren Mandanten erfahren, finden Sie nicht? Oder muss ich zu einer Jahrmarktshexe gehen, um mir das Wichtige aus einer Kristallkugel weissagen zu lassen?«

»Ich zähle ab jetzt auf Ihre Diskretion, Henry«, antwortete Arno Kornbach. Der Klang seiner Stimme hatte sich verändert: Er war jetzt ganz Anwalt, nicht mehr der väterliche Freund. »Lassally ist ebenfalls Jurist, hat sich jedoch früh für die Laufbahn bei der Polizei entschieden. Er war Regierungsrat in Hamburg, bis die Nazis ihn mit ihren Beamten- und Rassegesetzen zwangsweise in den Ruhestand schickten. Mein Kollege Walter Klaas, der mittlerweile die Baubehörde leitet, und ich haben die Familie Lassally über viele Jahre in Rechtsfragen beraten, bevor ich auch vom Hof gejagt wurde.« Kornbach legte die Pfeife zur Seite und zündete sich eine Zigarette an und blies eine dicke Rauchwolke in den Raum, bevor er weitersprach. »Es geht meinem Mandanten nicht um Vergeltung oder Rache. Obwohl die Nazis beinahe seine gesamte Familie ausgelöscht haben. Er ist ein stiller, fast schüchterner Mensch. Und er will Gerechtigkeit.«

»Was genau erwartet er?« Mahler konnte nur erahnen, was es bedeutete, als Jude in dieses Deutschland zurückzukehren. Die meisten wollten nur vergessen, was geschehen war. Und viele machten weiterhin keinen Hehl aus ihrer Abneigung. Mahler hatte vor drei Jahren einen Beamten bei der Meldebehörde vermöbelt, der mit dem Fall seiner Frau befasst gewesen war.

»Ach, eine von denen«, hatte der Mann gesagt, als er erfuhr, dass Ellens Mutter Jüdin war. »Hat man zum Schluss doch noch eine erwischt?« Da waren bei Henry Mahler alle Sicherungen durchgebrannt.

»Er will Antworten«, sagte Kornbach. »Aber Genaueres wird er Ihnen selbst erklären. Sie werden sich mit ihm treffen.«

Der alte Fuchs hat bereits alles eingefädelt, dachte Mahler. Als hätte er gewusst, dass ich zustimme. Seltsamerweise fühlte er sich durch Kornbach nicht bevormundet. Wenn sein Vater für ihn die Strippen gezogen hatte, war Henry Mahler immer sofort auf Zinne gewesen, hatte sich aus Prinzip den Vorschlägen verweigert. Arno Kornbach schien die Sache irgendwie anders anzugehen. Es war einfacher, seinen Rat anzunehmen.

4

1931

Es war ein strahlend schöner Vorfrühlingstag. Kalt zwar, aber mit dem Hauch eines Versprechens in der Luft. Auf der Elbe trieben letzte Eisinseln in der Sonne. Die Alster hatte bereits die ersten wagemutigen Segler und Ruderer angelockt. Mancher Mantel wurde mittags geöffnet, kaum dass ein paar wärmende Strahlen über die Häuserdächer kletterten.

Oswald Lassally war blendender Laune, da er am morgigen Samstag dienstfrei hatte. Er wollte ausschlafen, dann nach dem Frühstück und der Lektüre der Morgenzeitung ein paar Schriftsätze durchsehen. Nachmittags stand ein Ausflug mit Bekannten an und am Abend ein Besuch der Stadtoper. Eine Vernehmung war allerdings jetzt noch zu führen, dann konnte das Wochenende beginnen.

»Wen haben wir als Letzten, Hermann?«, fragte er seinen jungen Unterassistenten. Lassally arbeitete als Jurist bei der Hauptverwaltung der Polizeibehörde, wo er unter anderem für politische Verfehlungen von Beamten zuständig war.

»Oberwachtmeister Friedrich-Franz Pohl, Polizeiwache 25 in der Lübecker Straße.« Der Mitarbeiter reichte Lassally ein Dossier. Der Regierungsrat überflog die Protokolle und eine erste Einschätzung der politischen Abteilung. Laut Reichsgesetz war Schutzpolizisten jede radikale politische Agitation untersagt. Dazu zählten sowohl eine Unterstützung der KPD als auch der NSDAP. Pohl war mehrmals ermahnt worden, seine Sympathie für die Nationalsozialisten und Adolf Hitler nicht während der Dienstzeiten zu bekunden. Nun hatte er offenbar das Fass zum Überlaufen gebracht. Während eines Fackelumzugs der völkisch Nationalen hatte er im Dienst betrunken mitgegrölt und auf eine Gruppe von Gegendemonstranten eingeprügelt.

»Der Mann hat einen Hang zum Alkohol«, meinte Lassallys Mitarbeiter. »Im Dienst hat er öfter gegen die SPD und KPD gewettert, ist aber sonst nicht aufgefallen. Nach Angaben seines Vorgesetzten verrichtet er seine Aufgaben zur vollen Zufriedenheit. Draußen auf dem Gang hat er ein Gespräch mit einem Kollegen geführt. Es ging um …« Der Assistent schwieg betreten.

»Na, raus mit der Sprache, Hermann«, meinte Lassally.

»Diese Rassensache. Pohl hat die Stimme erhoben und gemeint, dass er nicht mit einem Juden sprechen würde.«

»Scheint ein Früchtchen zu sein«, erwiderte der Jurist mehr zu sich selbst. »Was haben diese Leute nur? Er ist hier schließlich bei der Polizei, nicht in der Tora-Schule.«

»Ich habe den Eindruck, er hat wieder getrunken.« Sein Unterassistent nickte und verwies dann auf die ohnehin stark rechtslastige Gesinnung der meisten Polizisten. »Diese Ressentiments sind ja nichts Neues. Viele Kollegen von der Ordnungspolizei haben eine zweifelhafte Vorgeschichte in den Freikorps und drücken bei Straftaten der rechtsnationalen Parteien gern beide Augen zu.«

Lassally murmelte etwas Unverständliches, während er Pohls Biografie überflog. Der Mann kam aus gutem Hause, war aber bereits in der Schule durch mangelnde Intelligenz, Desinteresse und Aufsässigkeit aufgefallen. Sein Vater hatte ihm später mit Mühe eine Stelle im unteren Polizeidienst verschafft.

»Könnte Ärger mit der Familie geben, wenn Sie ihn zu hart anfassen«, sagte der Mitarbeiter, als hätte er die Gedanken seines Vorgesetzten erraten.

Offiziell sollen wir durchgreifen, dachte Lassally. Aber bitte nicht zu streng und ohne dabei jemandem auf die Füße zu treten. Ihm ging das ewige Lavieren auf die Nerven. Wann begriffen die Politiker, dass sie der Republik mit dieser halbherzigen Haltung keinen Gefallen taten? Überall gab es Widersprüche, die die Leute nicht verstanden. Selbst der Hamburger Polizeisenator, ein Sozialdemokrat, gab sich als harter konservativer Knochen, der nach rechts auch mal wegsah. Oswald Lassally riss sich von seinen Gedanken los und bedeutete seinem Unterassistenten, den Mann in sein Dienstzimmer zu holen.

Friedrich-Franz Pohl war laut Akte zwar jünger als Lassally, wirkte jedoch verbraucht und müde. Sein Haar war etwas zu lang und wirkte strähnig unter dem Tschako. Und er hatte scheinbar vergessen, sich zu rasieren. Seine gelblichen Fingernägel waren nachlässig geschnitten und schmutzig. Er roch scharf nach Zigarettenrauch, Achselschweiß und Selbstgebranntem. Lassally erhob sich, und Pohl trat vor den Schreibtisch, ohne den Ranghöheren zu grüßen oder Haltung anzunehmen. Stattdessen stierte er aus glasigen Augen vor sich hin.