Zusammenleben in Gemeinschaft und Gesellschaft - Anja Hartmann - E-Book

Zusammenleben in Gemeinschaft und Gesellschaft E-Book

Anja Hartmann

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Beschreibung

Ein zentraler Gegenstand der Soziologie ist das Zusammenleben der Menschen in unterschiedlichen Erscheinungsformen. Dieses Lehrbuch stellt ausgewählte Sozialformen vor und orientiert sich dabei in Konzeption und Aufbau an der Differenz von Gemeinschaft und Gesellschaft, mit der sich die Formen des Zusammenlebens systematisieren lassen. Vor diesem Hintergrund werden Ordnungsmuster der modernen Gesellschaft und typische Prozesse des sozialen Wandels (Pluralisierung, Globalisierung usw.) dargestellt. Schließlich zeigt die Autorin, wie das Individuum in diese sozialen Kontexte eingeschlossen wird und welche Spannungen und Konflikte damit verbunden sein können. Das Buch besticht durch seinen didaktischen Aufbau und führt Studierende in die unterschiedlichen Motive und Logiken des Zusammenlebens ein, indem es soziologische Theorien und Grundbegriffe übersichtlich und nachvollziehbar vermittelt.

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Seitenzahl: 376

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Cover

Titelei

Vorwort

Zum Umgang mit diesem Buch

1 Gemeinschaft und Gesellschaft: Wie Menschen zusammenleben

1.1 Unendliche Vielfalt – Formen des Zusammenlebens

1.2 Soziologie als Wissenschaft vom Zusammenleben der Menschen

1.3 Gemeinschaft und Gesellschaft: Theoretische Herleitung und idealtypische Merkmale

2 Der Prototyp der Gemeinschaft: Gruppe

2.1 Uralt und weit verbreitet: Die Gruppe

2.2 Typologien der Gruppe

2.3 Gruppendynamische Prozesse

3 Die vertraute Gemeinschaft: Familie

3.1 Was ist Familie? Formen, Funktionen und Merkmale

3.2 Strukturwandel der Familie und Pluralisierung der Lebensformen

3.3 Erklärungsangebote der Soziologie zum Wandel der Lebensformen

4 Die Wahlgemeinschaft: Freundschaft

4.1 Freundschaft: Eine wiederbelebte soziologische Kategorie

4.2 Freundschaft aus historischer, lebenslaufbezogener und sozialstruktureller Perspektive

4.3 Entgrenzung und Digitalisierung von Freundschaften

5 Die ungleiche Gemeinschaft: Vom Stand zum Milieu

5.1 Ausflug in die klassische Ungleichheitsforschung: Stand, Klasse, Schicht

5.2 Paradigmenwechsel: Individualisierung und Habitus

5.3 Milieu und Lebensstil als neue Orte der Vergemeinschaftung?

6 Die politisierte Gemeinschaft: Nation

6.1 Nationen als politische Gemeinschaften

6.2 Superordnung Nation: Historische Entwicklung

6.3 Jenseits der Nationalgesellschaft oder wieder mittendrin?

7 Der Prototyp der Gesellschaft: Organisation

7.1 Merkmale und Typologie der Organisation

7.2 Rational – natürlich – offen: Ansätze und Befunde der soziologischen Organisationsforschung

7.3 Die Ordnung der Gesellschaft durch Organisationen

8 Die produktive Gesellschaft: Arbeitsorganisation

8.1 Arbeit, Arbeitsorganisation, Arbeitsmarkt

8.2 Immer Arbeit, aber immer anders: Wandel von Arbeit und Beschäftigung

8.3 Jenseits des Normalarbeitsverhältnisses: Entgrenzung, Subjektivierung, Entfremdung

9 Die verhandelnde Gesellschaft: Zivilgesellschaftliche Organisation

9.1 Merkmale und Funktionen von Zivilgesellschaft und bürgerschaftlichem Engagement

9.2 Zwischen Gemeinschaft, Markt und Staat: Zivilgesellschaft aus soziologischer und politikwissenschaftlicher Perspektive

9.3 Zivilgesellschaft im Spannungsfeld von Verantwortung und Vereinnahmung

10 Die beherrschte Gesellschaft: Staat und politisches Regime

10.1 Staatliche Herrschaft

10.2 Politische Regime

10.3 Demokratiekrisen und Postdemokratie

11 Gemeinschaft, Gesellschaft und sozialer Wandel

11.1 Alles im Fluss: Sozialer Wandel

11.2 Veränderungen beschreiben und erklären: Ansätze zum sozialen Wandel

11.3 Wo bleibt die große Transformation?

Literatur

Abbildungen, Tabellen und Kästen

Abbildungen

Tabellen

Kästen

Stichwortverzeichnis

Personenverzeichnis

Die Autorin

Dr. Anja Hartmann ist Professorin im Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Dortmund mit den Schwerpunkten Allgemeine Soziologie, Demografischer Wandel und Gesundheitssoziologie.

Anja Hartmann

Zusammenleben in Gemeinschaft und Gesellschaft

Eine soziologische Einführung

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

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Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.

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1. Auflage 2023

Alle Rechte vorbehalten© W. Kohlhammer GmbH, StuttgartGesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:ISBN 978-3-17-038500-9

E-Book-Formate:pdf: ISBN 978-3-17-038501-6epub: ISBN 978-3-17-038502-3

Vorwort

Die Idee zu diesem Lehrbuch entstand aus einer Vorlesung mit dem Titel Gemeinschaft und Gesellschaft, welche ich regelmäßig an der Fachhochschule Dortmund für Studierende im Studiengang Soziale Arbeit anbiete. Die entscheidende Frage bei der Konzeption dieser Vorlesung war, wie ich Studierende innerhalb eines Semesters möglichst umfassend in Grundbegriffe und zentrale Theorien der Soziologie einführen kann. Dies sollte auf einer anschaulichen und für Studierende nachvollziehbaren Ebene geschehen, welche außerdem noch Anknüpfungspunkte an die Handlungsfelder der Sozialen Arbeit beinhalten sollte. Meine Idee war, in der Vorlesung an konkreten Formen des Zusammenlebens wie Gruppe, Familie, Organisation, Vereine etc. anzusetzen und diese nach der von Ferdinand Tönnies eingeführten Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft zu systematisieren.

Diese als Mesosoziologie bezeichnete Perspektive bietet folgende Vorteile: Erstens bildet sie den Gegenstandsbereich der Disziplin in besonders deutlicher Weise ab, denn die Aufgabe der Soziologie ist die Erforschung des Sozialen. Die Entwicklung des Menschen als Individuum und der Menschheit als Gattung ist an soziale Kontexte gebunden. Auf der individuellen Ebene ist die Ausbildung von Identität und Subjektivität ohne soziale Einbettung nicht vorstellbar, auf der gesellschaftlichen Ebene erschließen sich spezifische Merkmale des homo sapiens wie Sprache, Kultur, Spiritualität oder Arbeitsteilung nur aus dem Umstand heraus, dass der Mensch sich mit anderen Menschen zusammenschließt. Im Verlauf der sozialen Evolution ist daraus eine beeindruckende Vielfalt an Zusammenschlüssen entstanden, die unser Dasein prägen, z. B. Familien, Paarbeziehungen, Freundschaften, Nachbarschaftsbeziehungen, Betriebe, Verwaltungen, Vereine und Verbände bis hin zu größeren Zusammenschlüssen in Form von sozialen Bewegungen, Staaten und Nationen (um nur einige zu nennen!).

Der zweite Vorteil ist, dass alle Studierenden oder soziologisch Interessierten mit diesen Formen des Zusammenlebens vertraut sind, da sie selbst Teil davon sind. Unter Familie, Freundschaft und Organisation kann sich jeder etwas vorstellen (aber nicht unbedingt unter abstrakten und soziologisch ausbuchstabierten Begriffen wie System, Funktion, Struktur, Handlung etc.). Auch die Unterscheidung zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft erschließt sich schnell. Man muss nicht Soziologie studiert haben, um zu wissen, dass die Zugehörigkeit zu einer Familie mit anderen Motiven und Merkmalen verbunden als die Zugehörigkeit zu einer Arbeitsorganisation. Jeder Mensch spürt das und ist Expert:in für diese feinen Unterschiede. Das alltagsweltliche Wissen ist eine geeignete Basis, um sich dann dem soziologischen Verständnis von diesen Lebensformen über Fachbegriffe und Theorien zu nähern.

Gedanklich war es von der Vorlesung zum Lehrbuch nur ein kleiner Schritt, der sich dann wie so häufig in der Umsetzung als schwieriger und langwieriger erwies als vermutet. Je weiter das Lehrbuch fortschritt, umso deutlicher traten die mit dieser Konzeption verbundenen Nachteile hervor und umso größer wurde das schlechte Gewissen der Verfasserin. Erstens sind die hier erörterten Formen des Zusammenlebens nicht vollständig. Um den Umfang des Buches nicht zu sprengen, musste eine Auswahl getroffen werden. So wurden z. B. auf der Gemeinschaftsseite Paarbeziehungen, Subkulturen und Generationen und auf der Gesellschaftsseite religiöse Gemeinschaften und Sozialversicherungen gestrichen. Zweitens führte die Fokussierung auf die einzelnen Formen des Zusammenlebens dazu, dass klassische und zeitgenössische Theorien nur in jeweils relevanten ›Fragmenten‹ wiedergegeben werden konnten. Das Lehrbuch eignet sich daher nicht, um sich grundlegende soziologische Theorien wie Strukturfunktionalismus, Individualisierungstheorie, Systemtheorie etc. zu erarbeiten. Auch zentrale Grundbegriffe mussten stellenweise sehr knapp wiedergegeben werden. Das tut mir natürlich in meiner wissenschaftlichen Seele weh, aber ich verweise als Trost auf die vielen anderen Lehrbücher, die eine entsprechende Einarbeitung und Vertiefung in hervorragender Weise ermöglichen!

Drittens wird sicherlich der Vorwurf fallen, dass die Darstellung stellenweise zu schwierig, zu dicht und komplex für Studierende (insbesondere an Fachhochschulen) ist. Das mag richtig sein, aber dem liegt eine bewusste Entscheidung zugrunde. Als wissenschaftliche Disziplin hat die Soziologie einen entsprechenden Anspruch. Wer sich wissenschaftlich auseinandersetzen will, kommt nicht umhin, sich mit abstrakten und analytisch dichten Beschreibungen auseinanderzusetzen. Ich erweise also weder Studierenden noch der Disziplin einen Gefallen, wenn ich Sachverhalte so weit vereinfache, dass sie sich auch als Alltagswissen auf Grundlage des ›gesunden Menschenverstands‹ darstellen lassen. Im Gegenteil geht es in der Wissenschaft darum, unser vermeintlich selbstverständliches Wissen zu dekonstruieren und zu hinterfragen. Ich appelliere deshalb an Studierende und andere soziologische Anfänger:innen, sich Wissen Schritt für Schritt zu erarbeiten, auch wenn dies mühsam ist. Es geht nicht darum, alles auf Anhieb zu verstehen, sondern auf Grundlage des Verstandenen mit Geduld an den Sachverhalten weiterzuarbeiten, die noch nicht verstanden wurden. Da es dafür weit mehr als dieses Lehrbuch braucht, habe ich mich bei der Auswahl der Bibliografie um eine gute Mischung aus Einführungen, ›Klassikern‹ und aktuellen themenspezifischen Publikationen bemüht – in der Hoffnung, dadurch die weitere Auseinandersetzung mit Soziologie erleichtern.

An der Entstehung dieses Buches haben viele Menschen auf unterschiedliche Weise mitgewirkt. Dem Interesse und den Anregungen meiner Studierenden in der Vorlesung ist zu verdanken, dass die Idee zu diesem Buch entstanden ist. Der fachliche Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen an der Fachhochschule Dortmund, aber auch die Unterstützung bei vielen kleinen und großen Aufgaben waren gleichzeitig Ansporn und Möglichkeit, um die Arbeit am Buch auch in Zeiten großer Arbeitsbelastung fortzusetzen. Meine studentischen Hilfskräfte Lukas Geier und Timo Bolin haben mich mit Bergen an Literatur aus diversen Bibliotheken versorgt und sorgfältig Korrektur gelesen (alle noch vorhandenen Fehler liegen natürlich in meiner Verantwortung!). Und die besten Kinder der Welt und meine Mutter haben in unendlicher Geduld viele Maschinen Wäsche gewaschen und Einkäufe getätigt, während ich am Schreibtisch saß. Somit ist auch dieses Buch ein Produkt von Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung!

Anja Hartmann

Zum Umgang mit diesem Buch

In den Kästen werden elementare soziologische Grundbegriffe erläutert. Der in einem Abschnitt aufgeführte Kasten weist zwar einen besonders engen Bezug zum jeweiligen Kapitelschwerpunkt auf, es handelt sich aber um Grundbegriffe, die für alle Formen von Gemeinschaft und Gesellschaft relevant sind.

Im Literaturverzeichnis sind aus Platzgründen html-Adressen bzw. DOI nur in Ausnahmen (z. B. bei Grauer Literatur) aufgeführt. Bei besonders relevanter Literatur wird zusätzlich das Jahr der Erstveröffentlichung genannt, wenn dies mehr als zehn Jahre zurückliegt, sowie ggf. der Originaltitel im Langbeleg.

Das Stichwortregister weist besonders relevante Fundstellen aus. Die Zuordnung basiert auf Abschnitten; Überschriften werden nicht berücksichtigt. Bei Komposita erfolgt die Zuordnung nach dem Grundwort, sofern dieses eigenständig im Register aufgeführt ist (Bsp.: Berufsrolle ist Rolle zugeordnet).

Im Personenregister werden Namen aufgeführt, die im Fließtext genannt werden. Die Zuordnung basiert auf Abschnitten; Geburts- und Sterbejahr sind bei der jeweils ersten Nennung vermerkt. Nicht aufgeführt werden Namen, die ausschließlich Bestandteile eines Kurzbeleges sind, sowie Namen in den Eingangszitaten.

1 Gemeinschaft und Gesellschaft: Wie Menschen zusammenleben

»Jedermann wird zugestehen, daß der Mensch ein soziales Wesen ist. Wir sehen es in seiner Abneigung gegen Einsamkeit sowie seinem Wunsch nach Gesellschaft über den Rahmen seiner Familie hinaus.«Charles Darwin (1809 – 1882), britischer Naturforscher

Überblick

In diesem Kapitel machen wir uns zunächst mit der grundlegenden Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft vertraut, indem wir folgende Fragen beantworten:

·

In welchen typischen Formen schließen sich Menschen mit anderen Menschen zusammen?

·

Warum ist das Bedürfnis nach anderen Menschen tief in der Natur der menschlichen Spezies verankert?

·

Inwiefern zählt die Analyse des Zusammenlebens zum zentralen Gegenstandsbereich der Soziologie und mit welchen erkenntnistheoretischen Positionen ist dies verbunden?

·

Wie kann man Formen des Zusammenlebens anhand der Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft kategorisieren?

·

Welche Kräfte halten Gemeinschaften und Gesellschaften zusammen?

1.1 Unendliche Vielfalt – Formen des Zusammenlebens

Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und überlegen Sie, auf welche Weise Sie mit anderen Menschen verbunden sind. Wahrscheinlich werden Sie zunächst Ihre Familie und die nähere Verwandtschaft notieren, gefolgt von Ihrem engeren Freundeskreis und dem lockereren Netz Ihrer Bekanntschaften. Sie werden die Liste fortführen mit der Zugehörigkeit zu Schulen und Betrieben, welche formalerer Natur sind, aber einen ebenso großen Einfluss auf Ihr Leben haben. Ihnen wird einfallen, dass Sie Mitglied in dem einen oder anderen Verein oder Verband sind – sei es, um freizeitbezogenen und kulturellen Aktivitäten gemeinsam mit anderen Menschen nachzugehen oder gesellschaftspolitische Ziele und Interessen zu verfolgen. Früher oder später tauchen auf Ihrer Liste Gebilde auf, die Ihnen in hohem Sinne abstrakt erscheinen, obwohl die Zugehörigkeit zu ihnen existentiell ist – etwa Ihre Krankenversicherung oder (wenn Sie älter werden) die Renten- und Pflegeversicherung. Bei manchen Formen sind Sie sich nicht sicher: Kann man mit anderen Menschen verbunden sein und ein Gefühl der Zugehörigkeit entwickeln, obwohl man die meisten dieser Menschen überhaupt nicht kennt? Dies gilt z. B. für bestimmte kulturelle oder soziale Milieus, deren Wertvorstellungen Sie teilen, oder für den Stadtteil oder das Quartier, in dem Sie leben. Hier bedarf es nicht unbedingt der direkten Interaktion mit allen Menschen, damit sich ein Zugehörigkeitsgefühl einstellt.

Abb. 1:Eine (unvollständige) Aufzählung von mehr oder weniger typischen Formen des Zusammenlebens

Der deutsche Anthropologe Arnold Gehlen (1904 – 1976) hat den Sozialcharakter des Menschen mit seiner biologischen Eigenschaft als instinktverunsichertes Mängelwesen begründet (Gehlen, 1940/2009). Unsere Anpassung an die Umwelt ist in viel geringerem Maße als bei Tieren instinkt- und programmgesteuert; wir reagieren offener und weniger deterministisch auf die Umwelt und können unsere Antriebe von unmittelbar situativen Bedürfnissen lösen (Krossa, 2018, S. 10; Meulemann, 2013, S. 29). Unseren Mangel an Instinkten gleichen wir mit der bewussten Hemmung und Kontrolle von Antrieben aus; die Anpassung an die Umwelt erfolgt mit Hilfe von Planung und Ratio. Dabei verläuft der Übergang vom Menschen zum Tier fließend, denn typisch menschliche Eigenschaften wie Kommunikation oder Werkzeuggebrauch finden sich ebenso im Tierreich und dies mitunter sogar in elaborierter Form. Dies ist ein Hinweis darauf, dass eine zunehmende Programmoffenheit in der Reaktion auf Umweltanforderungen eine bewährte evolutionäre Strategie bei höher entwickelten Organismen ist, die nicht allein dem Menschen vorbehalten ist. Jedoch kennen wir keine Spezies auf dem Planeten, bei der sich dieser Prozess so radikal vollzogen und auch organisch manifestiert hat wie beim Menschen (z. B. im Wachstum und der Struktur des Großhirns).

Die systematische Abschätzung von Alternativen und die Notwendigkeit zur vorausschauenden Planung sind eng mit der Sozialnatur des Menschen verbunden. Denn erstens sind wir zwar von Geburt an mit dem prinzipiellen Vermögen der Ratio ausgestattet, aber müssen die damit verbundenen Fähigkeiten erst in konkreten Anwendungskontexten individuell erlernen. Dafür sind lange Sozialisationsprozesse erforderlich, die sich in der ausgedehnten ›Brutpflege‹ zeigen, die der Mensch seinen Nachkommen zukommen lässt (Meulemann, 2013, S. 32). Die Tatsache, dass wir die Bewältigung von Umweltanforderungen erst erlernen müssen, macht uns als Kinder in hohem Maße von anderen Menschen abhängig und konsolidiert das erste enge soziale Band zwischen Kind und Eltern. In modernen Gesellschaften ist dieser Lernprozess mit dem Eintritt in die Reife nicht abgeschlossen; eher gilt heute, dass wir lernen, solange wir leben, und dabei weiterhin auf andere Menschen angewiesen bleiben. Dabei besteht der entscheidende Clou darin, dass wir nicht alle zum Leben notwendigen Erfahrungen selbst machen müssen, sondern dass sie uns von anderen Menschen vermittelt werden. Soziale Bindungen sind demnach das notwendige Medium, in dem Erkenntnisse und Erfahrungen an andere Menschen und an die nächste Generation weitergegeben werden können.

Zweitens erfordern systematische Planung und die Antizipation der Zukunft Abstimmungs- und Kommunikationsprozesse, bei denen Wissen und Erfahrung vermittelt und in Hinsicht auf ein gemeinsames Ziel gebündelt werden (Tomasello & Schröder, 2002). Ohne die gegenseitige Vermittlung von Wünschen, Plänen und Absichten wären der gezielte Einsatz von Waffen und Werkzeugen bei der Jagd, die Sammlung und der spätere Anbau von Früchten und Getreide, das Wissen um die Aufbereitung und Haltbarmachung von Nahrung sowie die Herstellung und der Gebrauch von Werkzeugen ebenso wenig denkbar gewesen wie die Kultivierung gemeinsamer Riten und Feste oder die Entwicklung von Liedgut und Mythen. Das Überleben und ebenso die kulturelle Weiterentwicklung der menschlichen Spezies sind an das Vermögen zur Kooperation und zum Zusammenhalt gebunden. Soziale Bindungen sind demnach das Medium, in dem sich die dafür notwendigen Abstimmungsprozesse vollziehen. Mehr noch: Sie sind das Medium, in dem sich Gefühle von Solidarität (▶ Kasten 18), Empathie und Verantwortung für Nebenmann und Nebenfrau entwickeln können.

Drittens sind zwar alle Formen des Zusammenlebens ohne Individuen nicht vorstellbar, aber ebenso gilt umgekehrt: Der Mensch als Individuum, also als einzigartiges vernunftbegabtes Wesen mit unverwechselbaren Eigenschaften und einer einzigartigen Biografie (▶ Kasten 6), kann sich nur mit und an Anderen bilden (Krossa, 2018, S. 11). Erst die Konfrontation mit anderen Menschen macht Verschiedenartigkeit und unsere Einzigartigkeit deutlich. Die Bewusstwerdung des eigenen Willens entsteht erst im sozialen Spiegel – durch die Anerkennung anderer Menschen, durch die Abgrenzung von ihnen und durch die Auseinandersetzung mit ihnen. Nach dem US-amerikanischen Soziologen George H. Mead (1863 – 1931) entwickelt sich unser Bewusstsein in der permanenten Kommunikation zwischen uns und den anderen. Die Ich-Identität (self) entsteht aus dem Hineinversetzen in die Rolle des bzw. der Anderen und geht aus einer reflektierten Distanz zur eigenen Person hervor. Soziale Bindungen sind demnach das Medium, in dem sich Identität und Bewusstsein als weiteres entscheidendes Merkmal unserer Spezies entwickeln können (Mead, 1934/2017).

An dieser Stelle können wir festhalten: Die zum (Über-)‌Leben notwendigen Erfahrungen macht der Mensch häufig nicht selbst, sondern er lernt sie von anderen. Die daraus hervorgehenden zum (Über-)‌Leben notwendigen individuellen Handlungen stehen im Zusammenspiel mit den Handlungen anderer Menschen. Um Lernen von anderen und Abstimmung mit anderen zu ermöglichen, sind soziale Bindungen notwendig. Oder umgekehrt: Das Leben mit anderen Menschen schafft besonders günstige Bedingungen für Lern- und Abstimmungsprozesse.

Ebenso wie sich im Verlauf der Jahrtausende Sprache und Werkzeuge entwickelt haben, haben sich auch die Formen des menschlichen Zusammenlebens weiterentwickelt. Wenn wir die Liste unserer sozialen Verbindungen vor 100.000 Jahren verfasst hätten, wäre sie wahrscheinlich auf das Zusammenleben in Horden oder Stämmen begrenzt gewesen. Die Tatsache, dass wir es heute mit einer (auf den ersten Blick) unüberschaubaren Liste zu tun haben, ist dem Umstand zu verdanken, dass menschliche Evolution gleichzeitig soziale Evolution ist, bei der sich die Formen unseres Zusammenlebens ebenso vervielfältigt und ausdifferenziert haben wie Sprache, Technologie, Kunst, Religion und Wissenschaft. Einige der uns heute geläufigen sozialen Lebensformen sind uralt (etwa die Familie) und stellen sozusagen lebende Fossile unter den Sozialformen dar. Andere sind nicht nur historisch viel jüngeren Datums, sondern haben auch einen viel höheren Grad an Komplexität und Abstraktion erlangt. Beispiel ist die oben angesprochene gesetzliche Krankenversicherung. Diese ist von ihren Strukturen her nicht nur komplizierter aufgebaut als eine Horde Homo sapiens, sondern hat sich auch aus der direkt erfahrbaren sozialen Interaktion gelöst. Im Kern bleibt sie aber das Gleiche wie die Horde: Ein sozialer Zusammenschluss, in dem Wissen generiert und weitergegeben wird, in dem sich Austausch- und Abstimmungsprozesse vollziehen und in dem sich individuelle Identitäten in wechselseitiger Abgrenzung und Anerkennung weiterentwickeln.

1.2 Soziologie als Wissenschaft vom Zusammenleben der Menschen

Die Soziologie ist die Wissenschaft vom Zusammenleben der Menschen (Gukenbiehl, 2016b, S. 15). Immer wenn es darum geht, die vielfältigen sozialen Formen, in denen sich Menschen zusammenschließen, systematisch zu erfassen und in ihren Strukturen, Merkmalen und Entwicklungen zu analysieren, greifen wir auf Methoden, Modelle und Begriffe der Soziologie zurück. Historisch gesehen ist die Soziologie eine relativ junge Wissenschaft, die sich erst Ende des 19. Jahrhunderts als Einzelwissenschaft von der Philosophie, Wirtschaftswissenschaft, Staatslehre und Völkerkunde löste. Ihre Etablierung innerhalb der Wissenschaft ist somit eng mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft sowie mit der fortschreitenden Industrialisierung verbunden (vgl. H. Korte, 2017, S. 1 – 17).

Als ›Gründungsvater‹ gilt der französische Mathematiker und Philosoph Auguste Comte (1798 – 1857), welcher das unter seinen Zeitgenoss:innen weit verbreitete Erkenntnisinteresse über Gesellschaftsentwicklung unter dem Begriff Soziologie bündelte (Comte, 1857/1974; H.-G. Vester, 2009b, S. 24). Heute bildet die Soziologie gemeinsam mit der Wirtschaftswissenschaft und der Politikwissenschaft den Kern der Sozialwissenschaften (Salzborn, 2013). Während sich die beiden Letztgenannten auf ausgewählte gesellschaftsbezogene Fragen und Felder beziehen, blickt die Soziologie aus einer breiten Perspektive auf Gesellschaft. Ihre Untersuchungsobjekte sind die Gesellschaft als Ganzes ebenso wie einzelne Teilbereiche (etwa soziale Systeme, Institutionen, Organisationen und Gruppen). Sie fragt nach Sinn und Strukturen des sozialen Handelns und befasst sich mit gesellschaftlicher Integration, mit sozialer Ungleichheit, sozialen Konflikten und sozialem Wandel.

Erkenntnistheoretisch lassen sich zwei grundlegende Positionen innerhalb der Soziologie unterscheiden (Heidenreich, 1998, S. 203 – 231): Aus der Perspektive der Mikrosoziologie entstehen übergeordnete Formen des Zusammenlebens aus individuellen Handlungen (›Menschen machen die Gesellschaft‹); entsprechend sind diese Handlungen der Ausgangspunkt, um gesellschaftliche Strukturen und Verhältnisse zu analysieren. Wenn wir eine Familie mikrosoziologisch erklären, blicken wir zunächst auf die Verhaltensweisen der einzelnen Familienmitglieder (einschließlich ihrer dahinterstehenden individuellen Absichten, Interessen und Wertvorstellungen) und fragen danach, wie das spezifische Gebilde Familie mit seinen Eigenarten und Veränderungen daraus hervorgeht. Wir verstehen in diesem Fall die einzelnen Familienmitglieder als sozial handelnde Subjekte (▶ Kasten 1).

Kasten 1: Soziales Handeln

Soziologie ist nach Max Weber die Wissenschaft, »[...] welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will« (Weber, 2005: 1).

Verhalten ist jegliche sichtbare oder nicht sichtbare Tätigkeit oder Untätigkeit einer Person.

Handeln ist Verhalten, mit dem der oder die Handelnde einen subjektiven Sinn verbindet.

Soziales Handeln ist Handeln, welches seinem Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist. ›Andere‹ können bekannte oder unbekannte, einzelne oder viele Menschen sein, deren Verhalten vergangen, gegenwärtig oder zukünftig ist.

Weber unterscheidet folgende Idealtypen des sozialen Handelns:

1.

Zweckrational: Orientierung an Zweck-Mittel-Abwägungen (ich spende, weil ich dies für ein effizientes Mittel halte, um anderen Menschen zu helfen).

2.

Wertrational: Orientierung an einem normativen, ästhetischen, religiösen oder sonstigen Eigenwert des Handelns (ich spende, weil ich es moralisch richtig finde, anderen Menschen etwas abzugeben).

3.

Traditional: Orientierung an eingelebter Gewohnheit (ich spende, weil meine Eltern jedes Jahr zu Weihnachten gespendet habe).

4.

Affektuell: Orientierung an aktuellen Gefühlslagen (ich spende, weil ich Mitleid mit anderen Menschen in Not empfinde).

Idealtypen sind analytische Kategorien! In der Realität sind Mischformen üblich.Quelle: vgl. Schulz-Schaeffer, 2018

Allerdings sind die Familienmitglieder nicht nur Subjekte, sondern ebenso Objekte. Denn was sie denken, wünschen, fühlen und wie sie letztendlich sozial handeln, wird ebenso durch gesellschaftliche Kontexte und Vorgaben geprägt (z. B. wie die Rollen innerhalb einer Familie zwischen Elternteilen verteilt sein sollen oder wie eine typische Normalfamilie auszusehen hat). Diese gesellschaftlichen Vorgaben haben gewissermaßen ein Eigenleben entwickelt – der französische Soziologe Émile Durkheim (1858 – 1917) spricht von sozialen Tatbeständen (fait social) (Durkheim, 1895/1980, S. 105 – 114). Diese stehen den einzelnen Familienmitgliedern als äußerliche Strukturen oder Verhältnisse gegenüber und beeinflussen ihre Handlungen und Sichtweisen (›Gesellschaft macht den Menschen‹). Diese Perspektive bezeichnen wir als Makrosoziologie (▶ Abb. 2).

Abb. 2:Erkenntnistheoretische Positionen: Mikro-‍, Makro- und Mesosoziologie

Innerhalb der Soziologie gab es früher viele Auseinandersetzungen über die ›richtige‹ erkenntnistheoretische Position. Heute ist das Verhältnis beider Lager entspannter, und die Baukästen mikro- und makrosoziologischer Methoden und Modelle werden pragmatischer gehandhabt. Im echten Leben würde man von einer klassischen Henne-Ei-Problematik sprechen, um die Beziehung zwischen Mikro und Makro zu verdeutlichen. Demnach begründen und verändern Handlungen von Subjekten die sozialen Verhältnisse, die dann ihrerseits als soziale Tatbestände auf die Handlungen der Individuen zurückwirken. Der britische Soziologe Anthony Giddens hat dieses Wechselspiel als Dualität von Handlung und Struktur bezeichnet (Giddens, 1984/1997).

Je stärker sich das duale Verständnis von Handlung und Struktur innerhalb der Soziologie durchgesetzt hat, umso mehr gelangten auch Sozialformen oder Lebenswelten in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses, bei denen diese Dualität besonders deutlich zu lokalisieren ist. So stellen die Familie ebenso wie die anderen Gebilde auf unserer Liste des Zusammenlebens gewissermaßen die Scharniere zwischen der individuellen Handlungsebene und den abstrakteren gesellschaftlichen Verhältnissen, Systemen und Strukturen dar. Wenn wir diese konkreten sozialen Lebensformen als Ort der Verbindung von Handlung und Struktur analysieren, sprechen wir von Mesosoziologie. Es ist offensichtlich, dass wir uns bei der in diesem Buch geplanten Erörterung von unterschiedlichen Gemeinschafts- und Gesellschaftsformen auf dieser mesosoziologischen Ebene bewegen.

Bevor wir uns aber wieder unseren Lebensformen zuwenden, sollten wir noch den Begriff Gesellschaft klären, denn bei der Lektüre könnte bereits aufgefallen sein, dass dieser Begriff in unterschiedlichen Konnotationen verwendet wird. In soziologischen Einführungsveranstaltungen erhält man auf die Nachfrage, was denn unter Gesellschaft zu verstehen sei, von Studierenden üblicherweise die folgenden Antworten: Gesellschaft ist etwas, in dem ich meine freie Zeit verbringe, z. B. abends mit Freund:innen in der Kneipe. Gesellschaft ist alles da draußen (mit Geste zum Fenster), was uns umgibt und auf uns einwirkt. Gesellschaft hat mit sozialer Ungleichheit zu tun, denn es gibt ein Oben und ein Unten. Gesellschaft ist ›fein‹, das sind bestimmte Milieus, die sagen, wo es langgeht. Und: Gesellschaft ist schuld an bestimmten Problemen, die der bzw. die Einzelne hat.

Kasten 2: Gesellschaft

In der Soziologie ist Gesellschaft ist ein komplexer Begriff mit vielen Bedeutungen:

1.

Bezeichnung für die Tatsache der Verbundenheit von Lebewesen (Pinguine leben in Stammesgesellschaften)

2.

Bezeichnung für eine größere Gruppe an Agierenden mit spezifischem Zweck, die sich von anderen eher emotional betonten Sozialformen abgrenzt (z. B. eine Gewerkschaft)

3.

Bezeichnung für kulturell oder politisch tonangebende Kreise (high society; Elite)

4.

Bezeichnung für Zusammensein mit Freund:innen, Familie und Bekannten (Geselligkeit)

5.

Bezeichnung für einen umfassenden Handlungsrahmen des Zusammenlebens, welcher die unmittelbare individuelle Erfahrungswelt übersteigt (Verhältnisse, Strukturen, fait social)

6.

Bezeichnung für eine nach sozioökonomischen, ethnischen oder demografischen Kriterien differenzierte Bevölkerung (Sozialstruktur; ▶ Kasten 9)

Zentraler Untersuchungsgegenstand der Soziologie ist die moderne Gesellschaft (▶ Kasten 21). Darunter ist insbesondere die bürgerliche Gesellschaft zu verstehen, die sich seit dem späten 18. Jahrhundert entfaltet hat. Merkmale sind:

Freiheit und Rechte des Individuums nehmen einen größeren Stellenwert ein

Ablösung von ständischen Pflichten und Privilegien durch einheitliches Recht, welches die Gleichheit aller Gesellschaftsmitglieder hervorhebt

Ablösung traditionaler Formen sozialer Sicherheit für Krankheit, Invalidität, Armut und Alter durch abstrakte und anonyme Solidargemeinschaften

Trennung von Wohn- und Arbeitsplatz; Verstädterung der Siedlungs- und Lebensweisen

zunehmende Ausdifferenzierung der Gesellschaft in autonome Teilbereiche (etwa Wirtschaft, Politik, Freizeit, Öffentlichkeit, Kultur, Erziehung, Bildung)

Quelle: vgl. Schäfers, 2018

Alle Antworten sind richtig (▶ Kasten 2). Wie bei vielen fremdsprachigen Vokabeln ist es auch in der Soziologie vonnöten, sich den jeweiligen Gesellschaftsbegriff aus dem Kontext heraus zu erschließen (was im fortgeschrittenen Studium der Soziologie in der Regel keine Probleme mehr bereitet!). Einige dieser Gesellschaftsbegriffe haben wir bereits genutzt. So haben wir in den Ausführungen über die Sozialität des Menschen mit Begriff Nr. 1 gearbeitet, bei der Erläuterung der Makrosoziologie den Begriff Nr. 5 verwendet und die Entstehung der Soziologie als wissenschaftliche Disziplin in der bürgerlichen Gesellschaft verortet. Weitere Gesellschaftsbegriffe werden noch hinzukommen.

1.3 Gemeinschaft und Gesellschaft: Theoretische Herleitung und idealtypische Merkmale

Im Folgenden wollen wir uns ausführlicher mit den Gesellschaftsbegriffen Nr. 2 und Nr. 4 befassen und diese dazu nutzen, unsere anfangs erstellte Liste mit den unterschiedlichen Formen des Zusammenlebens stärker anhand der zugrundliegenden Motive zu systematisieren. Bei der Durchsicht der Lebensformen wird intuitiv deutlich, dass die Art der Zusammenschlüsse unterschiedlich ist: Befreundet ist man, weil man sich mag und gerne Zeit miteinander verbringt, während das Basketballspielen im Verein mit einem konkreten geteilten Ziel verbunden ist. In die Familie wird man (meistens) einfach hineingeboren, während die Zugehörigkeit zu einem Betrieb auf einem formellen Arbeitsvertrag basiert, wofür etliche Voraussetzungen wie z. B. Qualifikationen erfüllt sein müssen. Kontakte in der Nachbarschaft beruhen auf direkter Interaktion, während die Mitgliedschaft in der Krankenversicherung eine eher anonyme Angelegenheit ist. Wenn die Zugehörigkeit zu anderen Menschen eher durch Nähe und Emotion begründet ist, sprechen wir von einer gemeinschaftlichen Form des Zusammenlebens, wenn sie eher durch gemeinsame Ziele und Interessen begründet ist, sprechen wir von einer gesellschaftlichen Form (Scherr, 2016b, S. 89).

Tab. 1:Formen des Zusammenlebens: Was gehört zu Gemeinschaft und was gehört zu Gesellschaft?

Gemeinschaft

Gesellschaft

basiert auf (emotionaler) Nähe und Zugehörigkeit

basiert auf (rationalen) Zielen und Interessen

Prototyp: Soziale Gruppe, z. B.

·

Familie (Kernfamilie, Verwandtschaft)

·

Freundschaften

·

Liebesbeziehungen

·

(Digitale) Soziale Netzwerke

·

Milieus, Subkulturen, Szenen (Skater, Punks)

·

Nachbarschaften und Quartiere

·

Soziale Bewegungen (Fridays for Future, Pegida)

·

Nationen

Prototyp: Organisation, z. B.

·

Arbeitsorganisationen (Betriebe, Behörden, Verbände)

·

Bildungsorganisationen (Kita, Schule, Hochschule, Weiterbildung)

·

Vereine (Sport, Chor, Selbsthilfegruppe)

·

Verbände (Gewerkschaften)

·

Kirchen (ev., kath. Kirche)

·

Sozialversicherungen

·

(Krankenversicherung, Rentenversicherung, Arbeitslosenversicherung)

·

Kommunen und Bundesländer

·

Staaten und suprastaatliche Verbände (BRD, EU)

für Bindung, Ordnung, Stabilität sorgen z. B.

Soziale Handlung

Rollen

Kultur

Macht und Herrschaft

Solidarität

Normen und Werte

Das Begriffspaar Gemeinschaft und Gesellschaft wurde vom deutschen Soziologen Ferdinand Tönnies (1855 – 1936) eingeführt. Gemeinschaft sei das vertraute, heimische und ausschließliche Zusammenleben; Gesellschaft hingegen ein ideelles und mechanisches Gebilde, welches die Öffentlichkeit und »die Welt« verkörpere (Tönnies, 1887/2019, S. 124). Demnach stellt Gesellschaft eine Chiffre für unpersönliche Beziehungen, Bürokratie, Urbanität und für arbeitsteilige Kooperation dar, während Gemeinschaft für überschaubare Ortsgebundenheit, Ähnlichkeit und gefühlsmäßige Verbundenheit steht (Nassehi, 2015, S. 76). »In Gemeinschaft mit den Seinen befindet man sich, von der Geburt an, mit allem Wohl und Wehe daran gebunden. Man geht in die Gesellschaft wie in die Fremde« (Tönnies, 1887/2019, S. 124 – 125). Ähnlich beschreibt der deutsche Soziologe Max Weber (1864 – 1920) den Unterschied:

»›Vergemeinschaftung‹ soll eine soziale Beziehung heißen, wenn und soweit die Einstellung des sozialen Handelns [...] auf subjektiv gefühlter (affektueller oder traditionaler) Zusammengehörigkeit der Beteiligten beruht. ›Vergesellschaftung‹ soll eine soziale Beziehung heißen, wenn und soweit die Einstellung des sozialen Handelns auf rational (wert- oder zweckrational) motivierten Interessensausgleich oder auf ebenso motivierter Interessensverbindung beruht« (Weber, 1922/1980, S. 21).

Tab. 2:Merkmale von Gemeinschaft und Gesellschaft

Gemeinschaft

Gesellschaft

Subjektiv gefühlte Zusammengehörigkeit der Beteiligten

Rationale Verknüpfung von Interessen und Zielen

Quasi selbstverständliche Eingliederung, die informell beschlossen wird

Zusammenschluss zur Erreichung bestimmter Zwecke, die formell beschlossen werden

Individuen tauschen sich über persönlichen Kontakt aus

Individuen tauschen sich über bestimmte ›Medien‹ aus (z. B. Geld, Recht)

Beziehung ist vertrauensvoll, persönlich

Beziehung ist anonym, formal

Gemeinschaften werden von Individuen gebildet

Gesellschaften werden auch von kollektiven Akteuren gebildet

Kennzeichnend für frühe Gesellschaften

Kennzeichnend für moderne Gesellschaften

Individuum wird als ›Ganzes‹ eingeschlossen

Individuum wird als ›Teil‹ eingeschlossen

Individuum hat wenig Freiheit

Individuum hat viel Freiheit

Individuum fühlt sich erdrückt

Individuum fühlt sich entfremdet

Die Tabelle führt noch weitere Unterschiede zwischen gemeinschaftlichen und gesellschaftlichen Formen des Zusammenlebens auf, die erläuterungsbedürftig sind. Tönnies und Weber verbanden mit der Gegenüberstellung von Gemeinschaft und Gesellschaft auch spezifische Vorstellungen über die historische Entwicklung der (Gesamt-)‌Gesellschaft. So gelten die ›natürlichen‹ Gemeinschaften als exemplarisch für das Zusammenleben in frühen, vorindustriellen Zivilisationen und werden im Zuge von Modernisierungs-‍, Rationalisierungs- und Individualisierungsprozessen immer mehr durch die ›künstlichen‹ Gesellschaften ersetzt (Schäfers, 2018, S. 142 – 143). Dabei ändert sich auch der Charakter der Einbindung des Individuums. So beschreibt deutsche Soziologe Georg Simmel (1858 – 1918) in seiner Theorie der sozialen Kreise, dass Menschen in vormodernen Zeiten als ganze Individuen in das Zentrum weniger Kreise inkludiert waren (Simmel, 1922, S. 305 – 344). ›Ganz‹ bedeutet, dass der Einschluss einen stark determinierenden und durchgreifenden Charakter hatte; der Verlauf der individuellen Biografie wurde weitgehend durch die Zugehörigkeit zu wenigen sozialen Kreisen, insbesondere Familie und Dorfgemeinschaft, bestimmt. Die Wahlmöglichkeiten für das Individuum waren dadurch begrenzt, z. B. in Bezug auf Religionszugehörigkeit, Partnerwahl, Zeitpunkt der Eheschließung, Berufswahl, Art der Freizeitgestaltung bis hin zur politischen Gesinnung. Entsprechend ist der Freiheitsgrad in Gemeinschaften insbesondere in frühen Gesellschaften geringer ausgeprägt; ein typisches Problem ist daher, dass Individuen sich in und von Gemeinschaften erdrückt fühlen.

Im Verlauf der gesellschaftlichen Modernisierung steigt dann erstens die Anzahl der Kreise, denen ein Mensch angehört. Zweitens sind die Kreise zunehmend gesellschaftlicher statt gemeinschaftlicher Art; die Motivation des Zusammenschlusses gründet nun stärker auf der rationalen Verfolgung gemeinsamer Interessen und Ziele. Damit werden Organisationen aller Art (etwa Betriebe und Verwaltungen, aber ebenso Vereine und Verbände) wichtige Größen im Lebenslauf der Individuen. Drittens ändert sich die Qualität der Einbindung. Im Unterschied zu traditionalen Gemeinschaften greifen moderne Gesellschaftsformen nicht auf ein Individuum als ›Ganzes‹ zu, sondern nur auf die Teile des Individuums, die für die Zielerreichung notwendig sind. Um ein Beispiel zu nennen: Die Fachhochschule Dortmund ist eine Organisation mit dem Ziel der Bildungsvermittlung. Entsprechend werde ich von den Studierenden in meinen Eigenschaften als Dozentin beurteilt, die für genau diese Bildungsvermittlung erforderlich sind. Wie ich aussehe, an welchen Gott ich glaube, welche Musik ich in meiner Freizeit höre oder ob ich gut kochen kann, steht nicht zur Disposition, weil es für das Ziel der Bildungsvermittlung belanglos ist. Kehre ich aber nach Hause zurück in meine familiäre Gemeinschaft, muss ich unter Umständen endlose Debatten über genau diese Punkte führen, weil ich hier als ganze Person mit all meinen guten und schlechten Eigenschaften gesehen und bewertet werde.

Dies bedeutet, dass der Mensch durch die Zugehörigkeit zu Gesellschaftsformen an Freiheit gewinnt, weil nur bestimmte Ausschnitte seiner Person relevant sind (in der Soziologie wird dies auch als Freisetzung bezeichnet). Allerdings bezahlen wir diesen Zugewinn an Freiheit mit einem Preis. Eben weil wir in Gesellschaften nicht als ganzer Mensch anerkannt werden, fühlen wir uns entfremdet und verloren in Strukturen, die uns als bürokratisch, anonym und im wahrsten Sinne des Wortes als unpersönlich erscheinen. Weber sprach von einem »stahlharten Gehäuse [der Hörigkeit]« (Weber, 1920/1988, S. 203), um unsere gleichzeitige Abhängigkeit und Verlorenheit in den Gesellschaftsformen zu verdeutlichen. Theodor Adorno (1903 – 1969), ein Soziologe der Frankfurter Schule, diagnostizierte sogar das Ende des Individuums in einer von Organisationen verwalteten Welt.

»Sie [die Menschen] haben sich selbst der Apparatur ähnlich gemacht: nur so können sie unter den gegenwärtigen Bedingungen fortexistieren. Die Menschen werden nicht nur objektiv mehr stets zu Bestandsstücken der Maschinerie geprägt, sondern sie werden auch für sich selbst, ihrem eigenen Bewußtsein nach zu Werkzeugen, zu Mitteln anstatt zu Zwecken« (Adorno, 1953/1972, S. 451).

Allerdings gibt es den glücklichen Umstand, dass es sich bei der Abgrenzung von Gemeinschaft und Gesellschaft um eine idealtypische Zuordnung handelt. Gleichen wir diese Zuordnung mit der Realität ab, werden wir feststellen, dass die Übergänge fließend sind. Jede Gesellschaftsform wird durch Gemeinschaft ›unterwandert‹ (H.-G. Vester, 2009a, S. 35). So finden sich in jeder noch so zielorientierten und rationalen Verwaltung auch gemeinschaftsbetonte Verbindungen und Ereignisse, etwa Freundschaften, kollegiale Beziehungen, Feiern und Ausflüge, die das ›stählerne Gehäuse der Hörigkeit‹ auflockern und menschlicher machen. Umgekehrt sind auch fast alle Gemeinschaftsformen von Gesellschaftselementen durchsetzt mit dem Ziel, freiheitseinschränkende Durchgriffe auf das Individuum zu verhindern. So ist etwa die Familie als klassische Gemeinschaftsform flankiert von sozial- und familienrechtlicher Regulierung, welche die Rechte und die Freiheiten der einzelnen Familienmitglieder schützt und uns vor zu großen Abhängigkeiten bewahren soll. Diese Überschneidungen von Gemeinschaft und Gesellschaft werden in den einzelnen Kapiteln ausführlicher betrachtet.

Abschließend soll die Frage erörtert werden, wie Gemeinschaften und Gesellschaften zusammengehalten werden. Gerade angesichts des spezifischen Konfliktpotentials, welches Gesellschafts- und Gemeinschaftsformen innewohnt, ist ihre Stabilität und Dauerhaftigkeit, aber ebenso ihre Wandlungsfähigkeit erstaunlich. Dies gilt für viele Lebensformen sowohl in historischer Hinsicht (etwa für die Familie, die sich seit Jahrtausenden als äußerst anpassungs- und veränderungsfähiges Konstrukt erwiesen hat) als auch in konkreter alltäglicher Hinsicht (auch unsere eigenen Familien und Freundschaften sind sehr belastbar, auch wenn sie natürlich zerbrechen können).

Dafür müssen wir einen Blick in das Innenleben der Lebensformen werfen und die zahlreichen Binnenkräfte untersuchen, die für Belastbarkeit, Stabilität und Ordnung sorgen. In Abb. 3 sind die wichtigsten dieser sozialen Binnenkräfte aufgeführt (z. B. Normen und Werte, Macht und Herrschaft, Rollen; ▶ Abb. 3), die in allen Formen des Zusammenlebens wirken, egal ob es sich um gemeinschafts- oder gesellschaftsbezogene Formen handelt. Ihre Funktion besteht darin, die Mikrobeziehungen zwischen den Individuen zu regulieren, z. B., indem sie auf Verteilung von Positionen, Ressourcen, Pflichten und Privilegien einwirken und Konflikte und Auseinandersetzungen kanalisieren. Einerseits tragen sie damit zur Stabilität von sozialen Lebensformen bei, auf der anderen Seite stellen sie natürlich selbst Anlässe für Konflikte und Spannungen dar, die von den Individuen im Zusammenleben bewältigt werden müssen. In den folgenden Kapiteln wird es daher nicht nur um die einzelnen Formen des Zusammenlebens gehen, sondern wir werden in diesem Zusammenhang auch jeweils ausgewählte Bindungskräfte (die in der Soziologie häufig als Grundbegriffe bezeichnet werden) ausführlicher erörtern.

Literaturempfehlungen zur Vertiefung

Krossa, A. S. (2018). Gesellschaft. Betrachtungen eines Kernbegriffs der Soziologie. Springer VS. (Kap. 2: Begriffsraum)

Meulemann, H. (2013). Soziologie von Anfang an. Springer VS. (Kap. 1.3 Der Gegenstand: Zusammenleben der Menschen)

Schäfers, B. (2018). Gesellschaft. In J. Kopp & A. Steinbach (Hg.), Grundbegriffe der Soziologie (S. 141 – 145). Springer VS.

Scherr, A. (2016b). Gesellschaft und Gemeinschaft. In A. Scherr (Hg.), Soziologische Basics. Eine Einführung für pädagogische und soziale Berufe (3. Aufl., S. 89 – 98). Springer VS.

Vester, H.-G. (2009a). Kompendium der Soziologie I: Grundbegriffe. Springer VS. (Kap. 2: Der Mensch als soziales Wesen – zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft, Natur und Kultur)

2 Der Prototyp der Gemeinschaft: Gruppe

»Die Gruppe ist das am weitesten verbreitete wie auch das vertrauteste soziale Gebilde und aus beiden Gründen des Studiums mindestens ebenso wert wie jedes andere. Die Soziologie könnte von hier ihren Ausgang genommen haben.«George C. Homans (1910 – 1989), US-amerikanischer Soziologe

Überblick

In diesem Kapitel beschäftigten wir uns mit der Gruppe als Urform des menschlichen Zusammenlebens und dem Prototyp der Gemeinschaftsformen. Erörtert werden folgende Aspekte:

·

In welchen typischen Formen begegnen uns Gruppen in unserem Leben?

·

Wie werden Gruppen definiert, oder: Welche Eigenschaften müssen Formen des Zusammenlebens aufweisen, damit sie im soziologischen Sinn als Gruppe bezeichnet werden können?

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Wie kann man die vielfältigen Gruppenformen idealtypisch voneinander abgrenzen? Was sind Klein- und Großgruppen, Primär- und Sekundärgruppen, formelle und informelle Gruppen, in-groups und out-groups, Bezugsgruppen?

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Was sind typische gruppendynamische Prozesse?

·

Was hält Gruppen stabil?

2.1 Uralt und weit verbreitet: Die Gruppe

Wir finden Gruppen in allen historischen Epochen und rund um den Erdball. Gruppen sind die älteste und beständigste Form des Zusammenlebens, denn über die längsten Phasen ihrer Entwicklung lebten die Menschen (ebenso wie unsere prähistorischen Vorfahren) in gruppenförmigen Horden, Clans und kleinen Stämmen zusammen, aus denen später spezifischere Gruppenformen wie etwa die Familie hervorgegangen sind (Schäfers & Lehmann, 2018, S. 117). Wie das Eingangszitat von Homans (1951/1978, S. 29) zum Ausdruck bringt, kann die Gruppe somit Universalcharakter unter den Formen des Zusammenlebens beanspruchen. Gleichzeitig stellt die Gruppe den Prototyp unter den Gemeinschaftsformen dar, denn alle Gemeinschaften sind gleichzeitig als Gruppen zu beschreiben (aber nicht alle Gruppen stellen Gemeinschaften dar!).

Im Verlauf unseres Lebens sind wir in einer Vielzahl von Gruppen beheimatet, welche unterschiedliche Formen und Merkmale aufweisen können. Unsere Familien stellen Gruppen dar, ebenso die Cliquen, die sich in unseren Schulklassen gebildet haben. Während der Jugend haben wir uns mit Gleichaltrigen in engen peer groups zusammengeschlossen. Wir engagieren uns politisch und kulturell in Gruppen, um gemeinsam an bestimmten Zielen zu arbeiten. An Hochschulen und in Betrieben gehören wir gleichzeitig formellen Gruppen (in Form von Fachbereichen oder Abteilungen) und informellen Gruppen (Menschen, mit denen wir besonders gerne zusammenarbeiten und die wir auch privat schätzen) an. Mit unseren Bezugsgruppen teilen wir Normen und Werte, politische Anschauungen sowie Lebensstile. Manche unserer Gruppen haben eine kurze Lebenszeit (Reisegruppe), manche begleiten uns ein Leben lang (die seltenen, aber regelmäßigen Treffen mit den alten Schulfreund:innen).

Bei all diesen Zusammenschlüssen handelt es sich um unterschiedliche Arten von Gruppen, die laut Definition folgende Merkmale gemeinsam haben:

»Eine soziale Gruppe umfasst eine bestimmte Zahl an Mitgliedern (Gruppenmitgliedern), die zur Erreichung eines gemeinsamen Ziels (Gruppenziel) über längere Zeit in einem relativ kontinuierlichen Kommunikations- und Interaktionsprozess stehen und ein Gefühl der Zugehörigkeit (Wir-Gefühl) entwickeln. Zur Erreichung des Gruppenziels und zur Stabilisierung der Gruppenidentität ist ein System gemeinsamer Normen und eine Verteilung der Aufgaben über ein gruppenspezifisches Rollendifferenzial erforderlich« (Schäfers, 2016, S. 157).

Demnach besteht eine Gruppe aus mehreren (mindestens drei) Menschen, welche sich zur Gruppe zugehörig fühlen und regelmäßig in einem direkten face to face-Austausch miteinander stehen. Dabei ist unklar, was genau ›regelmäßig‹ und ›über längere Zeit‹ bedeutet; außerdem werden wir noch Gruppen kennenlernen, in denen sich der Austausch auch ohne direkte Interaktion oder über digitale Medien ohne körperliche Anwesenheit vollziehen kann. Das Wir-Gefühl oder die Gruppenidentität bildet die Grenze der Gruppe zur Außenwelt. In einigen Ansätzen bildet dies das eigentliche Gruppenkriterium (Tajfel & Turner, 2004, S. 283). Demnach ist formal und faktisch bereits dann eine Gruppe gegeben, wenn diese in der subjektiven Repräsentation der Mitglieder kognitiv wahrgenommen und emotional empfunden wird.

Die Gruppenidentität manifestiert sich in gruppenspezifischen Werten und Normen (▶ Kasten 7 und ▶ Kasten 8), welche die Zielerreichung sicherstellen sollen. Unklar ist, wie explizit dieses Gruppenziel formuliert wird. Bestimmte Gruppen konstituieren sich um definierte Ziele (etwa die monatliche Doppelkopfrunde), in anderen Fällen sind die Ziele diffuser oder die Gruppe selbst verkörpert bereits das Ziel, welches sie erreichen will (etwa bei Familien). In allen Gruppen finden wir die Ausbildung einer bestimmten internen Struktur, also die Zuordnung von unterschiedlichen Aufgaben und Positionen zu einzelnen Mitgliedern in Form von Rollen und Status (▶ Kasten 4). In welchem Ausmaß und in welcher Rigidität dies geschieht, ist jedoch ebenfalls unterschiedlich.

Aus der Definition geht ebenso wie aus unseren Aufzählungen hervor, dass Gruppen uns in sehr unterschiedlichen Ausprägungen begegnen. Bevor die wichtigsten Gruppentypen erörtert werden, sollte zunächst verdeutlicht werden, was entsprechend der Definition nicht zur Gruppe zählt oder zumindest eine Sonderform darstellt. Hier wäre das Paar (Dyade) zu nennen, z. B. Liebesbeziehungen, Ehen, Freundschaften zwischen zwei Menschen, aber auch die Beziehungen zwischen Lehrer:innen und Schüler:innen oder zwischen Mitarbeiter:in und Chef:in (bei Letztgenannten handelt es sich um sog. atypische, weil nicht gleichwertige Zweierbeziehungen). Dyaden sind durch andere Dynamiken bestimmt als Gruppen, denn hier können erstens keine Koalitionen oder Untergruppen gebildet werden (dies ist erst ab drei Mitgliedern möglich) und zweitens sind hier Intimität und Intensität viel stärker ausgeprägt als in der Gruppe (Schäfers, 2016, S. 168). Weitere Sonderformen sind statistische Gruppen und soziale Kategorien (etwa alle über 65-Jährigen einer Stadt, alle Menschen mit Migrationshintergrund), weil hier die Zugehörigkeit von externen Personen wie z. B. Forscher:innen und nicht von den Gruppenmitgliedern selbst bestimmt wird (H.-G. Vester, 2009a, S. 80 – 81). Soziale Aggregate oder umgangssprachlicher Massen sind Ansammlungen von Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort (z. B. Menschen, die an einem Bahnsteig auf einen Zug warten). Sie haben zwar häufig ein gemeinsames Ziel, aber es fehlen die direkten Interaktionen untereinander, welche die Gruppe auszeichnen. Bei bloßen Anhäufungen von Menschen an einem Ort (etwa auf einem Campus) sprechen wir von Mengen.

Verwandt mit Gruppen sind außerdem die sozialen Netzwerke (Jansen, 2003). Hierunter werden Beziehungsnetzwerke verstanden, in die einzelne Individuen oder Gruppen eingebunden sind und in denen sich der Austausch von symbolischen, materiellen und emotionalen Ressourcen vollzieht (ausgetauscht werden demnach Informationen und Ideen ebenso wie Geld und Objekte sowie Sympathie, Respekt und Anerkennung). In der Netzwerkforschung werden die Agierenden und ihre vielfältigen Beziehungen zueinander in Form von Soziogrammen abgebildet. Da das Internet zunehmend zur Basis für die Entstehung und Entwicklung von Netzwerken geworden ist, werden soziale Netzwerke mittlerweile im Alltagsverständnis mit digitalen sozialen Netzwerken (Facebook, Instagram etc.) gleichgesetzt. Der Begriff und die Forschung sind aber wesentlich älteren Datums. So hat der britische Sozialpsychologe Alfred Radcliffe-Brown (1881 – 1955) bereits in den 1930er Jahren Stammesgesellschaften und Verwandtschaftsbeziehungen mit Hilfe des Netzwerkbegriffes beschrieben (Radcliffe-Brown, 1940).

2.2 Typologien der Gruppe

Die folgende Tabelle enthält eine Übersicht, wie Gruppentypen zumindest in analytischer Hinsicht voneinander unterschieden werden können. Die einfachste Differenzierung zwischen Gruppen ist der Bezug auf ihre Größe. Kleingruppen beinhalten etwa drei bis 25 Mitglieder; jenseits dieser Größe sprechen wir von Großgruppen (Schäfers & Lehmann, 2018, S. 119). Diese Grenze ist nicht etwa willkürlich gewählt, sondern bezieht sich darauf, dass Kontakt und Austausch bei direkter Anwesenheit (nicht nur über Sprache, sondern auch über Gestik und Mimik) jenseits der 25 Mitglieder-Grenze schwierig wird. Mit steigender Gruppengröße löst sich die Kommunikation häufig von der unmittelbaren Anwesenheit und benötigt zusätzliche Medien der Vermittlung (insbesondere durch Schrift und durch Technik).

Tab. 3:Typologien der Gruppe

Kleingruppe

Großgruppe

Beispiel: Stammtisch

Beispiel: Fußballverein

3 – 25 Mitglieder

25 – 1.000 Mitglieder

Primärgruppe

Sekundärgruppen

Beispiel: Familie, peer group

Beispiel: Schule, Betrieb, Verband

Unmittelbarer persönlicher Kontakt

Unpersönliche Beziehungsgefüge

Nicht-spezialisierter Kontakt

Rationale Zieldefinitionen

Von längerer Dauer

Von kürzerer Dauer

Geringe Zahl an Gruppenmitgliedern

Größere Zahl an Gruppenmitgliedern

Relativ intime Beziehung zueinander

Versachlichte Beziehungen

Funktion: Primärsozialisation

Funktion: Sekundärsozialisation

Informelle Gruppen

Formelle Gruppen

Beispiel: Kolleg:innen, die gerne miteinander arbeiten

Beispiel: Schulklassen; Betriebsabteilung

Spontane Interaktionen zwischen Mitgliedern

Formale Interaktionen zwischen Mitgliedern

Bezug auf Ist-Zustand

Bezug auf Soll-Zustand

Geregelt durch Abmachungen und Gewohnheiten

Geregelt durch formelle Regeln (z. B. Satzung, Vertrag)

Eher an persönlichen Bedürfnissen der Mitglieder orientiert

Eher an Bedarfen der Gruppe orientiert

Eigengruppen: ›Wir‹, in-group

Fremdgruppen: ›Ihr‹, out-group

Beispiel: Wir Biodeutschen

Beispiel: Ihr Ausländer

Positive Bezugsgruppen

Negative Bezugsgruppen

Der prominenteste Gruppentyp ist sicherlich die Primärgruppe, die sich durch besonders starke emotionale Verbindungen und face to face-Interaktionen auszeichnet. Typische Formen sind die Familie (▶ Kap. 3) und die peer group. Klassischerweise sind Primärgruppen Kleingruppen; im weiteren Sinne werden aber auch Nachbarschaften, Spielgruppen oder Dorfgemeinden dazu gezählt. Primär sind diese Gruppen in dem Sinne, weil sie Instanzen der Primärsozialisation sind und dem Individuum die früheste und dichteste Erfahrung von einem sozialen Ganzen vermitteln. Der US-amerikanische Soziologe und Gruppenforscher Charles Cooley (1864 – 1929) hat sie deshalb als »nursery of human nature« bezeichnet (Cooley, 1909, S. 24). In Primärgruppen bildet sich die in Kapitel 1 beschriebene menschliche Sozialnatur heraus; hier werden universale Ideale wie Liebe, Freiheit oder Gerechtigkeit vermittelt. Dies geschieht nicht durch abstraktes Lernen; vielmehr werden Gemeinschaft und Gesellschaft in Form von Rollen, Normen und Werten durch die unmittelbare Kommunikation und Interaktion (▶ Kasten 3