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Eine Reise in die Vergangenheit Innsbrucks - lebendig in persönlichen Erinnerungen!Zwei AutorInnen plus ein Stadtteil ergibt Dreiheiligen: Monika Fabjan und ihr Sohn Georg Fabjan werfen einen ganz persönlichen Blick auf diesen schönen Teil Innsbrucks. Ihre Betrachtung aus zwei unterschiedlichen Perspektiven verspricht abwechslungsreiche Geschichten mit Geschichte: von der Kohlstatt über das Dreiheiligen der Nachkriegszeit bis hin zum jungen, urbanen Viertel der 2000er Jahre. Die Erinnerungen aus unterschiedlichen Epochen spannen einen weiten Bogen. Sie umfassen insgesamt drei Generationen Familiengeschichte und fast hundert Jahre Dreiheiligen.
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Seitenzahl: 196
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Monika und Georg Fabjan
Zweierlei Dreiheiligen
Band 18
(© Foto: David Lederbauer)
Für alle Nachkommen der Familie Lederbauer,
insbesondere für Olivia
Erinnerungen sind etwas ganz Besonderes. Erinnerungen sind immer subjektiv, denn ich erinnere mich nur an meine Beobachtungen, meine Erfahrungen, meinen Blickwinkel. Mit den Erinnerungen kreiere ich eine neue, meine Wirklichkeit. Und trotzdem bleibt das Bemühen, möglichst objektiv, möglichst genau den Gegenstand zu beschreiben, das Ereignis, welches ich aus der Vergangenheit in die Gegenwart holen will. Ich erinnere mich an eine Auseinandersetzung zwischen meiner Mutter und ihrer Schwester über ein Ereignis aus ihrer Vergangenheit. Sie hatten durchaus unterschiedliche Erinnerungen. Das Argument „Ich war da ja dabei“ wurde sofort widerlegt mit dem Ausruf: „Ich ja genauso!“
Obwohl das so ist, dass wir uns unterschiedlich erinnern, stelle ich mein Dreiheiligen vor. Ruinen und Wiederaufbau sind Tatsachen, die diesen Stadtteil besonders geprägt haben. Es ist die Geschichte von konstanter Veränderung und trotzdem heimatlichen Gefühlen.
Und dabei ist nicht einmal ganz klar, wie die Grenzen von Dreiheiligen verlaufen. Da ist die Katastralgemeinde, die die Grenze entlang der Viaduktbögen zieht, aber im pfarrlichen Bereich, da geht es durch den Viadukt hindurch, so weit z. B. die Dreiheiligenstraße reicht, da wird die Kapuzinergasse auch nicht getrennt, nur weil ein Viadukt darüber hinwegführt. Dreiheiliger, Dreiheiligerin zu sein, das hat weniger mit Grenzen zu tun als mit dem Gefühl der Zugehörigkeit. Da bin ich eben zu Hause, da kenne ich Menschen, da treffe ich Freunde.
„Im Pfarrsaal von Dreiheiligen bieten sie einen Workshop an, der auch dich interessieren könnte. Willst du mit mir hingehen?“
„Ja, schon, aber wo ist Dreiheiligen?“, fragt mich eine Freundin. „Wie komme ich dorthin?“
Ja, wie erkläre ich Dreiheiligen, den Stadtteil, mit dem mich so viel verbindet, in dem ich aufgewachsen bin? Irgendwie ist es ein Wurmfortsatz der Innenstadt, heutzutage deutlich abgetrennt durch den Bahnviadukt und eingezwängt zwischen Bahn und Sill.
Dreiheiligen ist die alte Kohlstatt, das mittelalterliche Gewerbegebiet der aufstrebenden Stadt Innsbruck, da, wo die Köhler für Energie sorgten, wo der so viel gerühmte und zitierte Kaiser Maximilian seine Kanonen gießen oder zumindest aufstellen ließ und sie dann im dort aufgebauten Zeughaus lagerte. Da waren Handwerksbetriebe tätig, die ihre Energie aus den diversen von der Sill abgezweigten Kanälen bezogen, da wurde später das Pestlazarett gebaut, als im frühen 17. Jahrhundert die Pest in Innsbruck wütete. Und als diese besiegt war, da bauten die dankbaren Innsbrucker eine Kirche, die den drei Pestheiligen Sebastian, Pirmin und Rochus geweiht wurde – eben den drei Heiligen, die der Kirche und dann in Folge auch dem umgebenden Gebiet den Namen gaben.
„Und warum sind dann vier Heilige vorne am Mosaik abgebildet?“, fragt mich, nicht unverständlich, meine Freundin.
Man wollte den Heiligen Alexius aus der nahen Siebenkapellenkirche nicht einfach ausquartieren, als diese Kirche geschlossen wurde, und so wurde der Heilige einfach in die Gruppe der drei integriert und steht friedlich seit 200 Jahren als Vierter im Bunde, bereit, seine schützende Hand über diesen Stadtteil auszustrecken.
So ist eben Dreiheiligen, etwas unlogisch, etwas inhomogen, aber immer bereit, Neues zu integrieren. Ein Stadtteil im Zentrum, im Herzen von Innsbruck, aber doch etwas verlassen und ausgegrenzt – zumindest, was die Anbindung an Öffis betrifft. Ein Stadtteil, der im 19. Jahrhundert als Siedlungsgebiet für die bessere Gesellschaft entdeckt wurde, was die vielen schönen Häuser der Gründerzeit bis heute bezeugen, und der trotzdem die Kohlstatt blieb. Dreiheiligen – das ist eine Erfahrung, ein Abenteuer für Generationen.
Ich kam als Dreijährige 1949 nach Dreiheiligen – und zwar in jene Wohnung, in der schon mein Vater aufgewachsen war. Das Gebäude in der Jahnstraße 25 war eines jener Häuser, die in der Gründerzeit errichtet wurden. Das bedeutete schöne, hohe Räumlichkeiten, unebene Böden, kaum gerade Winkel und primär auch ohne Bad. Aber schon der Großvater ließ vor dem Ersten Weltkrieg ein Bad einbauen mit einer schönen gusseisernen Badewanne, die natürlich emailliert war, und einem Boiler, der mit Holz beheizt werden musste, um warmes Wasser zu bekommen. Nach dem Tod der Großmutter kamen wir dorthin, heraus aus einer engen Wohnung in der Altstadt.
Diese Wohnung in der Jahnstraße 25 wurde hundert Jahre von meiner Familie bewohnt. Meine Großeltern fanden hier ihr Zuhause. Mein Großvater war Offizier bei den Kaiserjägern. Damals bedeutete das, dass man ein standesgemäßes Leben führen musste, andernfalls durfte ein Offizier beispielsweise nicht heiraten. Ein standesgemäßes Leben führen hieß, man brauchte zumindest ein Dienstmädchen und einen Offiziersburschen. Das war vom einfachen Sold eines Offiziers nicht machbar und so war es wichtig, dass entweder eigenes Vermögen vorhanden war – was beim Großvater nicht der Fall war – oder die Frau das Geld mitbrachte. Da war es schon gut, dass er bei seiner Frau nicht nur Liebe, sondern auch Geld fand. Sie war eines von acht Kindern und entstammte einer Familie, die in Niederbayern eine Brauerei betrieb. So wuchs mein Vater in dieser Wohnung auf, betreut vom besagten Dienstmädchen und auch einem Burschen, und er erinnerte sich, dass ihn dieser mit der Rodel durch die Straßen Dreiheiligens gezogen hatte. Vor den Fenstern der Wohnung, Richtung Kapuzinergasse, floss damals noch ein Sillkanal und da passierte es schon, dass man beim Ausbeuteln von Decken oder einer Tischdecke manchmal Sachen in den Kanal schüttelte, die dort nichts zu suchen hatten. Nach dem Ersten Weltkrieg war es aus mit der Offizierslaufbahn und damit aus für den Burschen. Aber das Dienstmädchen konnte bleiben. Dieses hätte auch auf die Kinder im Haus schauen sollen, was nicht immer leicht war und mitunter die Familie in helle Aufregung versetzte: Mein Vater erzählte, dass er sich einmal als kleines Kind unter einen Tisch gelegt hatte und dort eingeschlafen war. Im selben Zimmer war auch das Fenster zum Kanal offen. Als die Mutter kam, den Buben zu holen, und ihn nicht fand, begann eine hektische Suche. Inzwischen war mein Vater aufgewacht und blieb unter dem Tisch liegen, weil es für ihn lustig war, dass alle nach ihm suchten. Als sie dann noch in banger Erwartung aus dem Fenster schauten, ob er womöglich gar in den Kanal gefallen sei, da musste er laut lachen und wurde so auch endlich gefunden.
In eine Wohnung einziehen, wo schon die Eltern und Großeltern einiges erlebten, das heißt auch, ihre Geschichten zu erben, sie besser zu verstehen. So war es jedenfalls für mich in der Jahnstraße. Als ich auszog, meine eigene Familie in einem anderen Stadtteil hatte, da kamen wir alle meistens einmal in der Woche in die Jahnstraße zu den Eltern auf Besuch und die Familie blieb der Wohnung und auch dem Stadtteil verbunden. Und nicht nur Kinder und Schwiegerkinder kamen gern, auch die Enkel. Die Wohnung in der Jahnstraße war ein offener Ort, wo sich immer viele Leute trafen, aus dem In- und Ausland. Meine Eltern waren immer großzügige Gastgeber und ließen alle Menschen sich willkommen fühlen in dieser Wohnung.
Wenn andere Familien einen Notfall hatten, wenn etwa deren Mutter erkrankt war, half meine Mutter, ohne lange zu zögern, und nahm gerne Kinder bei uns auf. So gab es immer viele Kinder bei uns und auch Schulfreundinnen und Freunde kamen gerne, um bei uns zu spielen, sich einfach wohl zu fühlen. Und als wir im Teenager-Alter waren, gab es regelmäßige Treffen mit vielen Gleichaltrigen. Da wurde gespielt, erzählt, diskutiert und auch viel gesungen. Mein Bruder komponierte immer wieder neue Lieder und wir alle waren dann eingeteilt, diese Lieder zu erlernen, aufzuführen. Selbstverständlich waren die damaligen Größen der Popmusik auch im Repertoire und wir waren perfekt in der vielstimmigen Wiedergabe von Beatles-Songs. Aber auch Lieder der Renaissance, des Frühbarocks – viele verschiedene Madrigale eben – wurden bei uns gerne gesungen. Diese musikalische Tradition wurde dann mit unseren Kindern weitergeführt. Meine Mutter forderte uns stets dazu auf mit dem wohlbekannten Stehsatz: „Singt was Schönes!“ So blieb Dreiheiligen auch ein Zuhause, als alle Kinder längst in andere Stadtteile gezogen waren. Nur meine Schwester mit ihrer Familie kam wieder nach Dreiheiligen zurück und hält so die Familientradition in diesem Stadtteil aufrecht.
Die Jahnstraße 25, ein Haus mit hundertjähriger Familiengeschichte. (© Foto: David Lederbauer)
Für einige ist der Sonntag der Tag des Herren, für mich war er immer der Tag der Oma. Während meiner gesamten Kindheit, aber später auch während der Jugendzeit, eigentlich überhaupt, bis meine Oma verstorben war, galt für mich: Sonntag ist Omatag. Genauso, wie es für andere einst „Mittwoch ist Substraltag“ oder gar „Wahltag ist Zahltag“ lautete – mit dem großen Unterschied, dass es für uns kein unglaubwürdiger Werbeslogan war. Wir hielten uns konsequent an dieses lieb gewonnene Ritual. Wobei mit „wir“ meine Schwestern und ich ebenso gemeint sind wie alle meine Cousins und Cousinen und wobei „Omatag“ natürlich zu kurz gegriffen ist, denn die ganze Familie besuchte nicht nur Oma, sondern auch den dazugehörigen Opa in Dreiheiligen. So war es, seitdem ich denken und mich erinnern kann. Jeden Sonntag kamen wir in das Haus in der Jahnstraße 25, in die geräumige Altbauwohnung im ersten Stock. Nicht, weil es über all die Jahre zur nicht mehr wegzudenkenden Gewohnheit geworden war, und schon gar nicht, weil wir mussten, sondern weil wir schlichtweg gerne kamen. Wir mochten unsere Oma und unseren Opa sehr, wir schätzten und achteten sie und umgekehrt war es genauso. Die Großeltern ließen die gesamte Großfamilie spüren, dass sie uns mochten, so, wie wir eben waren, jede Einzelne und jeden Einzelnen. Wir dankten es ihnen gewissermaßen, indem wir ihre Wohnung, die uns am Sonntagnachmittag immer offenstand, belebten. Sie wurde zum turbulenten Treffpunkt von Cousins und Cousinen, Onkeln und Tanten – 14 Personen stets unter der Schirmherrschaft von Oma und Opa. Die beiden saßen auf ihren seit gefühlt hundert Jahren angestammten Plätzen und beobachteten das Geschehen und das Treiben ihrer Enkelkinder oft aus dem Hintergrund. Der große thronartige Barockstuhl von Opa, der in der Ecke des Wohnzimmers neben dem alten Meller-Ofen und unter einem wuchtigen Ölgemälde aufgestellt war, verlieh dem Stammplatz die entsprechende Würde und Opa zusätzliches Ansehen. Von den Stammplätzen erhoben sich die beiden nur, um bei der Jause für Nachschub zu sorgen, um Tee oder Kaffee zu holen oder wenn es an der Wohnungstüre klingelte und sich dadurch weitere Sonntagsgäste ankündigten. Dann machten sich Oma oder Opa auf den Weg durch den schier endlos scheinenden Gang, um die Gäste in Empfang zu nehmen. Ich erinnere mich gut an dieses Ankommen bei Oma und Opa. An das Parken des Autos vor dem großen Haus, auf dessen Mauer ein mächtiges Wappen aufgemalt war, an den metallenen Stiefelknecht links am Absatz vor der schweren Eingangstüre, an den aus massivem, glattem Holz geschnitzten Handlauf und an die Türe hinter der Türe – wenn man einige Treppen hinaufgestiegen war, musste man nämlich durch eine Doppelschwingtüre, an der eindrucksvolle goldfarbene Griffe aufblitzten. Wenn man durch diese Schwingtüre hindurch war, hörte man meist schon das lebhafte Geschehen, das aus der offenen Wohnungstüre der Großeltern einen Stock höher drang, oder man hörte gleich Oma oder Opa, die einem vom ersten Stock aus eine Begrüßung zuriefen. Ich erinnere mich dunkel an ein altes Foto, das beinahe so alt sein muss wie ich. Auf diesem ist zu sehen, wie meine Großmutter vor ihrer Türe in die Knie geht und geduldig wartet, bis ich, der ich gerade das Gehen halbwegs erlernt hatte, mich langsam Stufe für Stufe die alten Steintreppen wankend nach oben gekämpft habe, um mich dort freudestrahlend in die Arme zu nehmen. Aber nicht nur das Haus in der Jahnstraße an sich und dessen Eingangsbereich wirkten auf mich als Kind viel städtischer und älter als alles, was ich von unserem Zuhause in Amras kannte, sondern ganz besonders die Wohnung meiner Großeltern. Alles war hier neu für mich – eben nicht im Sinn von „neu“, sondern im Sinn von „anders“. Bereits an der Wohnungstüre fiel einem im unteren Drittel – genau auf Kinderaugenhöhe – ein etwa 20 Zentimeter breiter Schlitz auf, der von einer Messingklappe verdeckt war. Obwohl ich bald wusste, dass diese Vorrichtung eigentlich dazu da war, dass der Postbote hier Briefe hindurchwerfen konnte, klapperte ich lieber aus purer Lust am verspielten Lärmen damit herum und klemmte mir dabei nicht selten den einen oder anderen Finger ein. Wenn ich dann die Wohnung betrat, war alles anders als bei uns zu Hause. Durch die rund dreieinhalb Meter hohen Räume wirkte die verwinkelte Vier-Zimmer-Wohnung vergleichsweise riesig. Für jeden, der hereinkam, ergab der erste Eindruck wohl eine bunte Mischung aus sehr alten Möbeln, vielen Perserteppichen, Keramiktellern an allen möglichen Wänden und noch viel mehr Büchern in riesigen Regalen in allen Ecken, Winkeln und Räumen.
Blumen für die Oma. Zwischen Keramiktellern und alter Pendeluhr. (© Foto: Monika Fabjan)
Diese Mischung machte sprachlos und mich faszinierte sie seit jeher. Bei genauerem Hinsehen wirkte vieles sogar wie in einem Museum. Gleich wenn man durch die Wohnungstür eintrat, stand rechts eine massive jahrhundertealte, schwere Truhe, deren Füße geschnitzten Bärentatzen glichen, und an der Wand hingen eine alte Reitgerte und – obwohl meine Großeltern die friedvollsten und friedfertigsten Menschen waren, die ich kannte – eine lange Pistole vermutlich aus dem 17. Jahrhundert, so wie ich sie zuvor nur am dicken Gürtel von Räuber Hotzenplotz gesehen hatte. Darüber das erste große Bücherregal, gefüllt mit Büchern über Kunst und Architektur, etwa über die Kirchenbauten in Frankreich. Die museale Anmutung der Wohnung kam nicht von ungefähr: Zum einen war die Wohnung wirklich alt und von Anbeginn im Besitz meiner Vorfahren, so hatte bereits mein Urgroßvater hier gelebt. Insofern war die Wohnung tatsächlich mit mittlerweile sehr alten Möbeln ausgestattet. Zum anderen sammelte meine Oma mit Leidenschaft. Nicht nur die üblichen Briefmarken – die auch –, sondern vor allem sehr persönliche Erinnerungsstücke: die vor Jahrzehnten abgeschnittenen, einst langen Haare, Reisesouvenirs in diversen Ordnern – von der Rechnung der Brasserie Lipp über das Zugticket nach Wien bis hin zum Metro-Ticket aus Moskau. Oma sammelte aber eben auch Dinge, die die Wohnung verzierten, schmückten, ihr einen ganz eigenen Charakter verliehen. Da waren die erwähnten Perserteppiche, aber auch Keramikteller aus aller Welt, aus all den vielen Ländern, die meine Großeltern bereist hatten, die in allen Größen vor allem die Küchenwände dekorierten. Im Wohnzimmer hingen gerahmte uralte Landkarten an den Wänden, in einem Regal waren Zinnteller und Bierkrüge aus dem 16. Jahrhundert auf- und ausgestellt, im langen Gang im Eingangsbereich hing eine Vitrine, in der meine Oma Miniaturpuppen aus aller Herren Länder versammelt hatte, im sogenannten Oma-Zimmer wiederum stand auf einem Regal eine ganze Sippe an Babuschkas in Reih und Glied. Die Ansammlungen diverser Gegenstände waren so unterschiedlich, so vielfältig, dass es für ein kleines Kind – auch dank vieler geheimnisvoller Einzelstücke – in jedem Eck der Wohnung etwas zu bestaunen gab: orientalische Mörser, ein russischer Samowar, eine goldähnliche Tisch-Kehrschaufel aus dem Osmanischen Reich, ein persischer Krug und asiatische Vasen. Und dann war da ein Gerät, dessen ureigenen Klang ich nie vergessen werde. Eine riesige antike Standuhr im Wohnzimmer schlug regelmäßig, ihr Pendel schwang unaufhörlich rhythmisch und sie ließ uns Kinder aufgrund ihres überaus imposanten Formats überhaupt erst märchenhaft erahnen, wie sich eines der sieben Geißlein vor dem bösen Wolf verstecken hatte können. Neben dem Wohnzimmer befand sich ein fast gleich großer Raum, den die Großeltern „Salon“ nannten und der mit Biedermeier-Möbeln eingerichtet war. In diesem Raum versammelten wir uns alle Jahre wieder am 26. Dezember und nirgendwo kam mir ein Christbaum in einer Wohnung größer vor als hier. Weil die volle Raumhöhe genutzt wurde, musste Opa zum Anzünden, aber auch Auslöschen der Kerzen wie ein Mesner in der Kirche zu einem Stock greifen, auf dem mit einem Draht eine Anzünderkerze sowie ein metallenes Hütchen zum Abtöten der Flamme montiert waren. Auch im Salon stand eine Vitrine, in der meine Oma diverse Sammel-Exponate ausstellte. Anders als etwa im Puppenschrank war hier kein durchgängiges Thema zu erkennen. Die Gegenstände schienen zwar mustergültig angeordnet und auch abgestaubt, aber dennoch ein wilder Mix aus Kraut und Rüben zu sein, wobei man hier natürlich keine Flora zu sehen bekam, sehr wohl aber Vertreter aus dem Fauna-Bereich: Zwischen italienischen Gläsern und Perlenketten entdeckte ich bereits als Kind nicht nur einen Seestern und ein kleines Seepferdchen, sondern sogar ein Mini-Krokodil, das mich jahrelang in seinen Bann zog. Das sicher jahrzehntealte Baby-Reptil war sichtlich ausgestopft – der Bauch war zugenäht –, es hatte dunkle Glasaugen, stand aufrecht wie ein Mensch und auch sonst hatte man versucht, diesem Tier den Anstrich des Homo sapiens zu verleihen: Das Krokodil trug einen Hut, einen Regenschirm – wie man den im Regenwald offenbar so braucht – und ganz businesslike einen Aktenkoffer. Unter uns Enkelkindern wuchsen mit der Zeit zwar kritische Geister heran, die sich mitunter auch für Tierschutz einsetzten. Das kleine Krokodil, von dem nicht klar wurde, woher es eigentlich stammte, ob es etwa schon durch die Urgroßeltern Einzug in die großelterliche Wohnung gefunden hatte, blieb aber unangefochten auf seinem Platz stehen und wurde insgeheim immer noch bewundert.
Kinder-Faszination Krokodil. (© Foto: David Lederbauer)
So üppig die größeren Zimmer der Wohnung dekoriert waren, so karg waren im Grunde die Küche und das Bad ausgestattet. Das Bad selbst war eigentlich gar kein Zimmer, sondern ein Durchgang, in dem ein Waschbecken montiert und eine Badewanne aufgestellt waren. Lange Zeit hatte es hier kein Warmwasser gegeben, bis mein Urgroßvater es schließlich in die Wohnung leiten ließ. Auch die Küche war aus technischer Perspektive alles andere als modern – selbst für damalige Verhältnisse. Bis an ihr Lebensende wuschen meine Großeltern das Geschirr in einer kleinen Spüle mit der Hand, Herd und Rohr liefen mit Gas und wurden seit der Nachkriegszeit kaum erneuert, ebenso wenig wie eine noch ältere Küchenanrichte. Es war also nicht so, dass eine mit Souvenirs angereicherte Wohnung auch Reichtum widerspiegelte. Nein, meine Großeltern lebten bescheiden, etwas anderes hätte ihnen auch ihr starker Glaube gar nicht erlaubt. Sie besuchten regelmäßig die Messe in der Pfarrkirche von Dreiheiligen und in der örtlichen Pfarrgemeinde kannte sie jeder. Auch in der Kirche selbst hatten die beiden ihren Stammplatz: links, in jener Bankreihe, die wegen der Seitentüre in unmittelbarer Nähe etwas Abstand zur Vorderreihe ließ und somit mehr Fußfreiheit gewährte. Manchmal durften meine Schwestern und ich Oma und Opa in die Kirche begleiten. Bereits auf dem Weg dorthin, zunächst durch die Jahnstraße und dann durch die Dreiheiligenstraße, konnte es vorkommen, dass meine Großeltern einen ihrer unzähligen Bekannten trafen. Dann lüftete mein Opa zum Gruß vornehm seinen Hut. Eine Geste, die ich nicht vergessen werde, obwohl ich sie seit seinem Tod bei anderen so gut wie nie mehr gesehen habe. An eine weitere Begebenheit könnte ich mich heute hingegen nicht mehr so genau erinnern, gäbe es da nicht Fotos. Nach der Palmsonntagsprozession stehe ich mit einem kleinen Palmbuschen und noch kleineren Brezen in der Hand mit Oma und Opa neben der Kirche und später vor dem großen dunklen Kreuz des geruhsamen Jahnparks. Auf dem Kopf trage ich eine karierte Schildkappe.
„Behütet“ mit den Großeltern vor der Kirche in Dreiheiligen. (© Foto: Privat)
Beim Messebesuch knapp zuvor hatte Oma beim Betreten der Kirche noch recht streng darauf hingewiesen, dass ich die Mütze abnehmen müsse. Ich habe dann gefragt, warum sie ihren Hut aufbehalten darf. Seitdem weiß ich’s und ich habe gelernt: Mütze runter in der Kirche! Und fang besser nie in der Kirche mit Oma zum Diskutieren an. Oma war nie unangenehm streng, sondern immer großmütig, aber manchmal energisch vehement. Vor allem liebte sie ihre Familie. Das wurde auch durch die vielen Fotos deutlich, die in so gut wie jedem Zimmer gerahmt aufgestellt oder aufgehängt waren: Gruppenfotos, Schnappschüsse in Wechselrahmen und Porträts von sämtlichen Familienmitgliedern, den lebenden und den toten. Hinzu kamen Kinderzeichnungen aller Enkel, mit denen die Innentüren ihres Kleiderschranks regelrecht tapeziert waren. Denn Oma sammelte alles, was nur irgendwie mit der Familie zu tun hatte: Jede kleine Erwähnung eines Familienmitglieds in der Tageszeitung oder auch nur im Bezirksblatt machte sie stolz. Dann wurde der Artikel ausgeschnitten und in Ordnern sorgfältig eingeklebt und datiert: die Enkelin in Polizeiuniform, die Verleihung des Goldenen Ehrenkreuzes der Republik an die Tochter, die Kritik eines Chorkonzerts samt Foto, auf dem Sohn und Schwiegertochter zu sehen waren. Mich hätte es nicht gewundert, wenn sie auch die Zeitungsankündigung ihres Schwiegersohnes, eines Arztes, ausgeschnitten hätte, dass seine Ordination von Soundsovieltem bis Soundsovieltem wegen Urlaubs geschlossen bleibt, die Vertretung übernimmt Doktor Soundso.
