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Ein Buch über die Zwischenräume des Herzens, des Lebens und des Glaubens. Jene Grenzbereiche und Grauzonen zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Idealbild und echtem Leben. Sie tun sich auf zwischen unserer Zuversicht und unseren Zweifeln, zwischen dem Wunsch zu vergeben und dem Impuls nach Vergeltung, zwischen Gott und den eigenen Götzen, zwischen dem Streben danach, eine möglichst gute Mutter, Kollegin, Ehefrau, Chefin, Tochter und Freundin zu sein, und dem wahren Leben. Jene Räume zwischen der tiefen Sehnsucht, ein ordentliches Christen- und Menschenleben zu führen, und dem, was das eigene Herz vermag. Authentisch, ehrlich und Mut machend erkundet Sandra Geissler diese Zwischenräume, Grauzonen und Grenzbereiche und stellt fest: Wir müssen genau dort unseren Platz finden und lernen, die Spannung nicht nur auszuhalten, sondern gut und erfüllt mit ihr zu leben. Und wir können anfangen, die eigenen ungeliebten Grenzen als Chancen zu erkennen. Leichter gesagt, als getan. Genau darum drehen sich die inspirierenden "Zwischengedanken" in diesem Buch.
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Seitenzahl: 172
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
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© 2024 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen Vluyn
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Miriam Gamper-Brühl, Essen, www.3kreativ.de unter Verwendung der Bildern von stock.adobe.com: Shutterstock/marukopum (Hintergrund), Shutterstock/DODOMO (Gesichter)
Lektorat: Anja Lerz, Moers
DTP: Burkhard Lieverkus, Wuppertal
Verwendete Schriften: Scala Pro, Scala Sans, Summer Festival
eBook: PPP Pre Print Partner GmbH & Co. KG, Köln, www.ppp.eu
ISBN 978-3-7615-6974-0 Print
ISBN 978-3-7615-6975-7 E-Book
www.neukirchener-verlage.de
1. Zwischen Wollen und Können
An einem kalten, trüben Herbsttag stand ich zum ersten Mal in einem Haus, das offensichtlich schon ein wenig in die Jahre gekommen war. In meinem Arm lag ein kleines Babymädchen und an der Hand hielt ich unseren zweijährigen Sohn, neben mir mein Mann. Vom ersten Moment an wusste ich, dass dies unser neues Zuhause werden sollte. Es war eine dieser tiefen, inneren Gewissheiten, die man nur ganz selten verspürt, die aber keine Widerrede dulden. Hier war der Ort, an dem unsere kleine Familie ankommen und Heimat finden sollte. Auch wenn die abgelaufenen Böden, die dunklen Holzdecken und angeknacksten Fliesenspiegel in Beige auf den ersten Blick nicht eben ansprechend wirkten. Diese Familie brauchte dringend einen guten Ort zum Wachsen und Werden, denn die letzten Jahre waren sehr turbulent und herausfordernd gewesen. Einen Ort, um sich daheim zu fühlen, um zur Ruhe zu kommen und einen neuen Anfang zu wagen. Wir machten uns an die Arbeit und aus dem alten 80er-Jahre-Haus ein Zuhause. So ein neuer Anfang in neuen vier Wänden ist eine großartige Gelegenheit, zu gestalten, zu planen und umzusetzen, was zu dir und den deinen passt. Gleich, ob du ein altes Haus in ein neues Daheim umwandelst, selbst ein ganz neues baust oder eine Mietwohnung frisch beziehst, jetzt ist die Gelegenheit, alles so einzurichten, wie du es brauchst und haben möchtest. Bestimmt gibt es jede Menge Vorstellungen und Bilder, wie dieses Daheim künftig aussehen soll. Was brauchst du, damit du dich wohl und geborgen fühlst, welche Farben an den Wänden, welche Möbel in den Zimmern, welche Böden in den Räumen? Falls die Bilder in deinem Kopf nicht ausreichen, kannst du dir ohne Mühe zahllose neue Inspirationen herbeiholen: Öffne nur Pinterest, Instagram oder den Möbelhauskatalog. In meinem Kopf stapelten sich damals die Idealbilder eines perfekten Zuhauses, gespeist aus Hochglanzmagazinen, Neubaugebieten und den Einrichtungsvorschlägen großer Möbelhäuser. Dem Himmel sei Dank gab es kein Internet in der heutigen Form, denn es hätte meine Hirnkapazitäten auf jeden Fall zum Überhitzen gebracht. Schon so hätte ich diese Mauern mit Leichtigkeit gleich mehrere Male einrichten und immer neu gestalten können. Italienische Wandfarben, Echtholzböden, spanische Fliesenspiegel und eine Küche aus honigfarbenem Kirschholz. Oder doch lieber den gepflegten skandinavischen Landhauslook? Der Charme eines englischen Cottage in Rheinhessen? An Ideen und Idealvorstellungen mangelte es mir wahrlich nicht. Entscheidungshilfe nahte auf sehr pragmatische Weise. Es fehlte uns schlicht an Geld, an Kraft und an Zeit für alle hochtrabenden Spielarten der Innenarchitektur. Seufzend nahm ich Abschied von der Idee durchgestylter Innenräume, schlug die glänzenden Kataloge zu und das echte Leben auf. Es galt nicht, die Seiten eines Hochglanzmagazins zu gestalten, sondern ein echtes Daheim mit realen Mitteln und Möglichkeiten. Wir sollten keinen Architekturpreis gewinnen, sondern Geborgenheit und Seelenfrieden. Im Laufe der Jahre ist dieses alte Haus geworden, wozu es gedacht war und ist: ein wirkliches Zuhause, ein Zufluchts- und Ruheort. Es scheint nie fertig werden zu wollen, immer gibt es etwas zu tun und zu gestalten. Jahr um Jahr gehen wir neue Projekte an und freuen uns, wenn sie gelingen und es wieder ein wenig schöner geworden ist. Unser Haus ist ein Spiegel der Menschen, die in ihm leben. Es verändert sich und seine Gestalt ebenso, wie seine Bewohner es tun. Seine Räume und Wände erzählen die kleinen und großen Geschichten des Lebens, immer noch Raufaser statt Textiltapete. Ein Unikat, ein Original, unbezahlbar und für diese Familie der schönste Ort auf Erden. Ein Ort, weit, weit weg von allen Interior- und Design-Ambitionen, von Echtholzböden, Farbkonzepten und glänzenden Idealbildern.
Mein Seelenleben gleicht diesem Haus. Seit ich denken kann, versuche ich, es zu gestalten, einzurichten und zu einem schönen Zuhause zu machen für alle, die darin wohnen, nicht zuletzt für mich selbst, für meinen Frieden und für ein gutes Leben. In meinem Kopf stapeln sich glänzende Idealbilder. Sie speisen sich aus längst vergangenen Tagen, in denen mir beigebracht wurde, wie ein gutes, braves Kind ist, wie es zu sein hat und wie sich zu verhalten. Ein anständiges Kind, aus dem schließlich ein anständiger Erwachsener wird. Diese Idealbilder nähren sich aus den Geboten und Anweisungen, die mein Glaube im Gepäck hat, damit ein gutes Christenleben gelingen kann, den biblischen und den kirchlichen. Sie werden gefüttert durch mein Heute, durch die Medien, die ich konsumiere, durch meine Umwelt, in der viele genaue Vorstellungen davon zu haben scheinen, was zu einem geglückten Leben dazugehört, durch die Werte und Meinungen, die ich für wahr erachte. Die meisten dieser Idealbilder halte ich für absolut erstrebenswert, sie entsprechen meinem Menschenbild, meinen persönlichen Überzeugungen, meinem Wunsch, ja meiner tiefen Sehnsucht, ein wertvoller und guter Mensch zu sein. Mit ihnen verbindet sich gleichsam der Wunsch nach einem gelingenden Leben, mit anderen, mit mir selbst und dem Gott, an den ich glaube. Letzterem scheint das gelingende, gute Leben seiner Menschenkinder ebenfalls ein wichtiges Anliegen zu sein, wohl wissend, dass es da auch ein paar sehr menschliche Begrenzungen zu berücksichtigen gibt. Er selbst hat uns mit den Zehn Geboten eine kompakte Einrichtungsanleitung für unser Seelenhaus geschenkt. Nur zehn. Eine recht überschaubare Anzahl, wenn man es recht bedenkt. Und schließlich Jesus, der mit seinem Leben, seinem Reden und Handeln die Maßgaben für ein gutes Leben schlechthin mitbrachte, ich kann mir keine bessere vorstellen. Ich halte sie sogar für so überzeugend und wertvoll, dass ich sie unbedingt umsetzen möchte. Mein Seelenhaus möchte ich damit einrichten, eine Grundausstattung des Lebens und des Handelns, wie ich sie mir für mich und für alle Menschen wünsche. Dazu gehört beispielsweise, dass ich in allen Situationen meines Lebens, besonders aber den herausfordernden, fest auf meinen Gott vertrauen und ihn zum Orientierungspunkt meines Handelns machen soll und will.
Natürlich bin ich auch der festen Überzeugung, dass eine Haltung des Vergebens und der Gnade unerlässlich für den eigenen und den Seelenfrieden meiner Mitmenschen ist. Von Herzen gerne möchte ich geben, schenken und gönnen können. Selbstredend braucht jedes Menschenleben ausreichend Ruheräume, Pausen, um auf das Wesentliche zu schauen, wenn es wissen soll, was wahrhaft von Bedeutung ist und was wertloser Tand, der ungebührlich nach Aufmerksamkeit schreit. Das Annehmen der eigenen Umstände, das Loslassen überhöhter Ansprüche und Erwartungen ist äußerst hilfreich, wenn man in Balance bleiben will.
Gar keinen Zweifel habe ich an der Liebe als Grundnahrungsmittel jeden Herzens und der Wahrhaftigkeit, um sich und anderen nicht die Luft abzuschnüren und aufrecht durch das Leben zu gehen. Wie du siehst, habe ich sehr genaue Vorstellungen darüber, wie ein gutes, gelingendes Leben eingerichtet sein sollte. Ich habe nicht nur genaue Vorstellungen, sondern auch die allerbesten Absichten, diese jeden Tag umzusetzen. Vielleicht teilst du die ein oder andere mit mir.
Meine Idealbilder eines guten Lebens sind wie das Idealbild eines Hauses, wunderschön hergerichtet, blitzsauber, einladend, gemütlich und offen für alle, die an der Türe klopfen. Seelenhäuser und ein echtes Zuhause haben eines gemeinsam: Das Idealbild ist schön anzusehen, doch es wird selten Wirklichkeit. Zumindest aber wohnen keine realen, lebendigen Menschen darin, die atmen und essen, das Klo benutzen und auf dem Sofa liegen. Wir leben beständig in einem Spannungsfeld zwischen unseren Vorstellungen, unserem Wollen, unseren Bildern und dem echten Leben, gelebt von echten Menschen und ihren echten Grenzen. In einem belebten Haus, sei es noch so schön und geräumig, sammelt sich irgendwann Staub in den Ritzen, werden die Spiegel fleckig, die Wände speckig und die Mülleimer voll. In einem sterilen Haus dagegen kann und will keiner leben. So schön es auf den ersten Blick auch wirken mag, es wäre doch sehr ungemütlich, anstrengend und seelenlos. Ganz ähnlich ergeht es mir mit meinem normalen Menschenherzen.
Ein lebendiges Herz kennt die Zwischenräume und Grauzonen, die Kisten, die sich im Seelenkeller stapeln, mit allem, was zu klein, zu eng, zu überfordernd geworden ist. Die lästigen Krümel unliebsamer Gefühle, Spinnweben der Angst in den Herzenswinkeln und das ein oder andere, was unter den Teppich gekehrt wurde. Gerne hätten wir es stets hübsch aufgeräumt, Gott und Menschen gefällig und außerdem präsentabel.
Wohnung und Leben müssen wir aber mit dem einrichten und gestalten, was wir haben, was uns möglich ist und wie es zu uns passt. Deshalb sieht die Wirklichkeit anders und sehr menschlich aus. Immer und immer wieder muss ich die Idealbilder zur Seite legen und mein echtes Leben, mit seinen echten Möglichkeiten, seinen Verletzungen und Begrenzungen in den Blick nehmen und gestalten, mit dem, was mir zur Verfügung steht. Ich habe die besten Absichten, aber ich habe auch ein bockiges Herz. Dieses Herz kennt Zweifel und Neid, reagiert manchmal lieblos und nachtragend, lässt sich gerne mal blenden und weiß sehr wohl, wie man Wahrheit gekonnt uminterpretiert. Wie also richtet man sein Seelenhaus ein, wenn das Budget begrenzt ist? Was anfangen mit göttlichen und christlichen Einrichtungstipps, wenn die Umsetzung an den menschlichen Gegebenheiten scheitert? Wie baut man eine Brücke, wenn der Graben zwischen Wollen und Können unüberwindbar scheint?
Zu jedem Leben gehört das Dazwischen, der Grenzbereich zwischen Wollen und Wirklichkeit, zwischen Idealbild und dem echten Leben, zwischen bester Absicht und bockigem Herz, auch wenn ich für meinen Teil es gerne anders hätte. Ich weiß nicht, welche Werte und Gebote für dein gutes Leben maßgeblich und bestimmend sind, an welchen du dir immer wieder die Zähne ausbeißt, weil sie im tatsächlichen Leben kaum umsetzbar sind. Ich möchte dich mitnehmen in mein Dazwischen und mein Versuchen, mich genau dort einzurichten, alltagstauglich und doch nie fertig. Im Dazwischen müssen wir unseren Platz finden und lernen, die Spannung nicht nur auszuhalten, sondern gut mit ihr zu leben.
2. Zwischen Zuversicht und Zweifel
Vor unserem Haus steht ein großer Kirschbaum. Trete ich in unserem Badezimmer ans Fenster, schaue ich mitten hinein in seine Krone aus Ästen und Zweigen. Sie erzählt mir jeden Tag vom Lauf der Jahreszeiten, ob es bald Frühling werden will, oder der Herbstwind rüttelt, kleine Geschichten von Licht und Schatten, vom Werden und Vergehen. Jeden Morgen trete ich als erstes an dieses Fenster, öffne es weit und schaue auf den Baum, der besser ist als jeder Kalender. Im Frühjahr schmückt er sich mit einem Blütenkleid, das jede Braut vor Neid erblassen lassen würde. Hunderte von Knospen springen auf und leuchten zwischen zartem Frühlingsgrün. Im Juni hängen die Zweige voller süßer Kirschen zwischen den dichten, nun dunkelgrünen Blättern, ein einziges Festbankett für Spatzen und Amseln. Auch unsere Kinder und Nachbarskinder sitzen hoch oben im Kirschen-Blättermeer und lassen ihre Ernte direkt in die Münder wandern. Der Baum erinnert uns daran, großzügig zu sein und seine Früchte zu verschenken, weshalb wir sie überall mit hinschleppen, in Schüsseln und Körben, zu stellen auf Buffets, auf Lehrerpulte und vor die Haustüren der Nachbarn. Wenn die Blätter aus der Krone fallen, fröstle ich frühmorgens an meinem Fenster und heiße den Herbst willkommen. Kurze Zeit später ragen nur noch kahle Äste und Zweige in den Himmel, pechschwarz gezeichnet im Nachtblau eines Wintermorgens. Der nächste Frühling ist unendlich weit weg. Es scheint kaum vorstellbar, dass der Baum überhaupt je wieder sein Hochzeitskleid anziehen wird. Am vierten Dezember, dem Barbaratag, besuche ich den Kirschbaum. Ich gehe nicht allein, denn ich bin kleingewachsen und reiche nicht bis an die Zweige heran. Aber ich finde immer jemanden, der mit mir geht und mir ein paar Äste schneidet. Ich trage sie ins Haus, stelle sie in einen Krug mit lauwarmem Wasser und schmücke die Zweige mit etwas Christbaumschmuck, denn noch sehen sie wirklich nicht sehr vielversprechend aus. Und doch bin ich zuversichtlich. Der Brauch besagt, dass am Barbaratag geschnittene Zweige blühen werden. Sie werden blühen, obwohl es Winter ist, obwohl der Frühling unfassbar weit weg scheint und die Tage in Dunkelheit ertrinken. Sie sollen blühen, wenn es Weihnachten wird. Weihnachten, dieses Hoffnungsfest, das das Licht zurückbringen will in unsere Herzen und unsere Leben.
Am vierten Dezember eines jeden Jahres bin ich voller Zuversicht und Hoffnung, dass meine kahlen Zweige Blüten tragen werden, auch wenn sie in keiner Weise danach aussehen. Kaum zwei Wochen später keimen erste Zweifel in mir, während ich das Wasser wechsle und grünen Schmodder von den Enden der Äste spüle. Nichts hat sich getan, gar nichts, nicht das winzigste kleine Knöspchen will sich erahnen lassen. Wandert dann der Adventskranz nach draußen und dafür der Christbaum ins Haus, beäuge ich missmutig meinen Krug. Da baumeln immer noch Herzen und Sterne von immer noch kahlen Zweigen. Längst ist mir die Zuversicht und jegliches Vertrauen abhandengekommen. Sie haben kleinlaut den höhnisch grinsenden Zweifeln das Feld überlassen. Dieses Jahr wird es nichts mit blühenden Zweigen im Krug, schade. Falls es überhaupt je funktioniert hat, war es wohl reiner Zufall. Irgendwie trostlos, so nichtblühende Barbarazweige, als wollten sie die alten Hoffnungsgeschichten und jeglichen daraus erwachsenden Optimismus an der Nase herumführen. Der Christbaum funkelt und strahlt, aber das Schweigen der Zweige wiegt dennoch schwer. Resigniert schiebe ich den Krug zur Seite und hake die leidige Sache ab.
Die Zweifel wohnen in meinem Leben und sind sehr zufrieden mit ihrem Dasein als unwillkommene Dauergäste, die niemand eingeladen hat. Mehlmotten gleich sitzen sie in allen Ritzen und warten geduldig auf günstige Witterung. Sobald sie eine passende Gelegenheit für gekommen halten, flattern sie los und fressen sich durch Herz und Hirn, ganz so wie ihre Kolleginnen aus der Ungezieferabteilung es mit gemahlenen Nüssen und Haferflocken handhaben. Manchmal kommen sie laut plärrend und mit großem Getöse, häufiger jedoch und sehr viel ausdauernder mit leise nagendem Nörgeln. Selbstzweifel sind besonders dreist und richten in kürzester Zeit ein heilloses Durcheinander an. „Du bist nicht genug. Du bist zu laut, zu leise, zu dick, zu dünn … Ist das eine Frisur oder willst du damit den Boden wischen? Du kannst nicht mitreden, hast den Anschluss verpasst, liest zu wenig, isst und liebst und streitest verkehrt. Du gibst dir nicht genug Mühe, andere schaffen das mit Leichtigkeit! Du hast nicht die richtigen Worte gefunden, lernst es einfach nicht, hast es wieder nicht hinbekommen und du bist definitiv eine schlechte Mutter, Freundin, Tochter, Ehefrau, ach, such es dir aus! Auf jeden Fall bist du mies darin. Wunderst du dich ernsthaft, dass dich keiner mag?“ So tuscheln und flüstern die nörgelnden Nager in Seele und Geist.
Selbstzweifel in ihre Schranken zu weisen, ist eine Lebensaufgabe mit wechselnden Erfolgsaussichten. Bisweilen gelingt es, sie resolut zur Ordnung zu rufen und dem Stimmengewirr in Kopf und Herz Einhalt zu gebieten. Doch in manchen Lebensphasen haben sie leichtes Spiel, werden munter immer mehr und machen meinem Vorrat an Zutrauen in meine Fähigkeiten, meinem Empfinden für den eigenen Wert und meinem Vertrauen in meine Liebenswürdigkeit eifrig den Garaus. Es sind meist genau die Momente im Leben, in denen man sowieso schon über die Gebühr strapaziert ist, einfach, weil gerade Pubertät oder Prüfungszeit, verändernde Lebensphase, Schlafmangel, Überarbeitung, Krankheit oder sonst irgendeine Krise ist.
Mir ist tatsächlich noch kein Mensch begegnet, der nicht hin und wieder von Selbstzweifeln heimgesucht wird; der eine mehr, der andere weniger. Sie steigen auf aus der Tiefe der Seele, deren essenzieller Bestandteil sie zu sein scheinen. Gegen ihr Auftauchen an der Oberfläche kann man nichts tun. Ich habe auch noch nie einen Menschen sagen hören, dass er schrecklich gerne mal wieder gründlich an sich selbst zweifeln würde, wohl aber schon viele, die sich ganz unfreiwillig damit herumschlagen mussten. Wie alle ungebetenen Gäste stehen auch Selbstzweifel gerne unangekündigt im Raum und nun liegt es an dir, was du mit dieser Plage anfängst. Es ist ihnen auch völlig gleich, ob ihre Existenz auch nur ansatzweise gerechtfertigt ist, denn mit einer objektiven Betrachtungsweise des Sachverhaltes halten sie sich gar nicht erst auf. Selbstzweifel lädst du dir nicht ein, die kommen einfach so und dieses Merkmal scheint eines der grundlegenden von Zweifeln zu sein.
Denn Zweifel sind eine Gattung mit vielen Unterarten. Ich kann ohne große Mühe nicht nur an mir selbst und kahlen Kirschzweigen, sondern an der ganzen Welt zweifeln und verzweifeln. Ich zweifle daran, dass immer alles ein gutes Ende nehmen wird, an besten Absichten und schönen Versprechen. Ich misstraue der Wettervorhersage und heiligen Eiden, dem Schulsystem und allzu schlüssigen Konzepten. Schnelle Lösungen lassen mich skeptisch werden und ich würde keinesfalls jedem unbesehen Leib und Leben, mein Herz und meine Geheimnisse anvertrauen. Zweifel und Misstrauen sind artverwandt und gehen Hand in Hand. Ich bin eine Zweiflerin und ich bin es nicht aus freiem Entschluss. Nichts weniger als das Leben selbst schleift den Menschen, vom ersten Atemzug bis zu seinem letzten. Es geht dabei nicht eben zimperlich vor, stellt manchen vor Gegebenheiten und Herausforderungen, die kaum zu bewältigen scheinen. Wenn du verlassen wurdest oder Gewalt erfahren hast, wenn Lieblosigkeit und Kälte deine Jahre prägten, wenn du womöglich ernste traumatische Erfahrungen verkraften musstest und den Verlust von Liebe und Geborgenheit, dann wirst du mit sehr großer Wahrscheinlichkeit dein Zelt unter den Zweiflern aufschlagen. Wer mag es dir verdenken? Selbst wenn das Leben bis hierher etwas freundlicher mit dir umgesprungen ist und die ganz großen Dramen ausgespart hat, konntest du bestimmt schon Bekanntschaft mit allen Arten von Bedenken und Befürchtungen machen.
Jede Erfahrung von Schmerz, von Enttäuschung und Scheitern nährt und stärkt die Zweifel. Als Menschen, die unter Menschen leben, werden wir letztlich alle irgendwann mit solchen Erfahrungen konfrontiert, denn schließlich besteht die Menschheit nicht aus Robotern.
Es ist erwiesenermaßen nicht gerade einfach, miteinander den Planeten, ein Land, ein Dorf oder auch nur ein Haus zu teilen, geschweige denn Meinungen, Verschiedenheiten, Brot und das letzte Stück Kuchen. Wo Menschen miteinander Leben teilen, da menschelt es, bleiben Kränkungen und Enttäuschungen und somit auch Zweifel aneinander und am Miteinander nicht aus. Auch die äußeren Umstände haben es der Menschheit von Anbeginn der Zeit nicht eben leicht gemacht, voller Zuversicht und ohne jedes Misstrauen Höhle, Hütte und Burg zu verlassen. Wie vielen Naturkatastrophen, Pandemien, Kriegen, Hungersnöten, harten Wintern und Säbelzahntigern sah sich der Mensch schon ausgesetzt? Ohne Skepsis und Zweifel, ohne Misstrauen und Vorsicht wäre das Überleben kaum möglich gewesen. Und so ist es, als wäre dem Menschen das misstrauische Zweifeln über all die Jahrtausende in seine DNA eingewoben worden, tief verflochten mit den Erfahrungen von Generationen und deren Kampf ums Überleben.
So gesehen bin ich, mit all meinen Zweifeln, all meiner Skepsis und all meinem Misstrauen den Menschen, der Welt und dem Leben gegenüber, nichts weniger als ein vollwertiges Mitglied der Menschheitsfamilie.
Auch wenn ich weiß, dass Zweifeln eine zutiefst menschliche und nicht selten auch eine lebensbewahrende Eigenschaft ist, so wiegen manche Bedenken doch schwerer als andere. Mit handelsüblichen Selbstzweifeln und misstrauischer Skepsis gegenüber den Gegebenheiten der Welt kann ich umgehen, den Ton leiser drehen, das Ungeziefer aus meinem Kopf verbannen. Sie stellen die Grundlage meines Seins nicht auf den Kopf und infrage, sie machen mir nur das Leben schwer. Schließlich sind manche Zweifel auch schlicht richtig und gut.
Es ist nichts Falsches an einem aufmerksamen Geist, der dich zum kritischen Hinterfragen anhält und verstehen will, warum die Dinge so und nicht anders gehen, ob etwas tatsächlich ist oder nur so scheint. Ich möchte weder in den kleinen Alltagsfragen noch in den großen Fragen des Lebens meinen Verstand ausschalten, wozu habe ich ihn schließlich? Doch wenn die Zweifel überhandnehmen, dann können sie wirklich zur Plage werden.
Wer beständig an sich, der Liebe und seinen Mitmenschen zweifelt, verzweifelt irgendwann. Dann wird das eigene Leben blockiert und das der Nächsten gleich dazu. Bei solch einem Kahlfraß kann nichts mehr zum Blühen kommen und jede Knospe wird erst misstrauisch beäugt und dann aufgefressen. Würden Zweifel mein Leben in dieser Art ernsthaft beeinträchtigen, dann kann ich mir Hilfe suchen. Man findet sie in Ratgebern und schlauen Podcasts, nötigenfalls in einer Therapie, die mich dabei unterstützt, mit mir und der Welt neu Freundschaft zu schließen. Wenn es dir so ergeht, dann zögere nicht, genau solche Hilfe in Anspruch zu nehmen.
