Zwischen Licht und Dunkelheit - Hagen Thiele - E-Book

Zwischen Licht und Dunkelheit E-Book

Hagen Thiele

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Beschreibung

Der Fresser DE VEC 074 409 wurde in eine dunkle Welt geboren, in der es nur ein Gebot gibt: Wer sich fett frisst, führt ein frommes Leben und wird von den Göttern ins Paradies geführt. Den Kranken, Schwachen und Dürren droht hingegen die Verdammnis. Er hinterfragt dieses Prinzip, was regelmäßig zu Konflikten mit seinem jüngeren Bruder und seiner Mutter führt, die als Priesterin das Wort der Götter predigt. Die belastende Situation spitzt sich zu, als die erhabenen Wesen das Lichtportal ein weiteres Mal öffnen, um die Auserwählten an ihrer Seite zu begrüßen. Unter ihnen befinden sich auch DE VEC 074 409 und seine Familie. Sie ahnen nicht, dass ihre Schöpfer ganz andere Pläne verfolgen. Mit dem Kauf des Buchs unterstützen Sie einen guten Zweck. 10 Prozent aller Einnahmen gehen an den Verein "Schweinefreunde", der mehrere Lebenshöfe unterhält und die negative Wahrnehmung von Schweinen durch Aufklärungsarbeit verbessern möchte.

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Seitenzahl: 372

Veröffentlichungsjahr: 2022

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You will not feast with the gods, They will feast upon your corpse.

Utter Silence

Inhalt

Ein alter Traum

Das Mal der Götter

Zweifel

Die Reise ins Paradies

Im Lichte der Erkenntnis

Otger

Aline

Die neue Welt

Vorboten

Der Plan der Götter

Ein neues Leben

Otger schöpft Verdacht

Der Angriff

Verschwörung

Im Osten

Auf der Flucht

Im Exil

Der Sturm

Eine letzte Reise

Dominum terrae

Nachwort

Glossar

Ein alter Traum

Das helle Götterlicht vertrieb die Dunkelheit und er sah seine kleine Welt so deutlich wie noch nie zuvor. Bisher hatte er seine Mutter und Geschwister nur als undeutliche Umrisse wahrgenommen und sich vor allem ihre Wärme und ihren Geruch eingeprägt. Dieses neue Licht war einerseits wunderschön, doch andererseits weckte es auch die Angst in ihm. Seine Brüder und Schwestern teilten seine Sorgen offenbar nicht. Zwar entfuhr ihren Kehlen ein aufgebrachtes Grunzen, aber in diesen Lauten lag keinerlei Angst. Vielmehr wohnte ihnen die allergrößte Freude inne.

Das Licht kam näher, huschte als schmaler Kegel hierhin und dorthin, offenbarte die anderen Fresser und deren Kinder hinter den Metallstangen. Längst hatte sich die Aufregung auch auf sie übertragen. Die Älteren sagten, es sei immer eine große Gnade, wenn die Götter ihnen die Ehre erwiesen. Nun erkannte er, dass dem Licht zwei der erhabenen Wesen folgten. Stolz und ohne Eile schritten sie auf ihren zwei Beinen die Reihen ab. Eines hielt direkt auf ihn und seine Geschwister zu.

Dann war da nur noch das Licht. Es war so hell, ja beinahe gleißend, dass er die Augen zusammenkneifen musste. Zu stark war seine Angst, von dem göttlichen Schein geblendet zu werden. Mächtig erklang die Stimme des Gottes und sprach in den alten Worten, die kein Fresser verstand. Er schmiegte sich enger an seine Brüder und Schwestern, suchte deren Nähe und Wärme, sehnte sich nach Geborgenheit im Angesicht der Allmacht. Seine Geschwister strebten jedoch dem Licht entgegen, mieden die Nähe, die er sich so sehr wünschte.

Ein lautes Quieken erklang. Dennoch traute er sich kaum, die Augen zu öffnen, und hob seine Lider nur langsam. Das Licht war noch da, strahlte ihn aber nicht mehr direkt an, sodass er mehr erkennen konnte. Die Gottheit hatte eine seiner Schwestern emporgehoben und drückte sie an sich. Seine übrigen Geschwister zappelten aufgeregt, ihre Rüssel und Ohren zuckten. Sie wollten ebenfalls auserwählt werden.

Allerdings fiel das Augenmerk der Gottheit nicht auf sie. Nein, er war es, nach dem diese die Hand ausstreckte. Als würde Eis durch seine Adern fließen, wurde ihm schlagartig kalt und er erstarrte, obwohl er fliehen wollte. Aber wo sollte er sich auch verstecken? Seine Welt bestand doch bloß aus dieser kleinen Fläche, diesem winzigen Stück Boden inmitten immerwährender Dunkelheit, eingezäunt von Metallstangen. Als der Gott ihn schließlich im Nacken packte, glaubte er, der Moment seines Todes wäre gekommen. Sie hatten ihn in diese Welt gebracht, was sollte sie davon abhalten, ihn auch wieder daraus zu entfernen?

Das mächtige Wesen hob ihn zu sich hoch, nahe an sein Gesicht heran. Die dunklen Augen, im Zwielicht glichen sie zwei Kohlestücken, betrachteten ihn durchdringend. Obwohl die Götter ein so fremdartiges Antlitz besaßen, erkannte er den missfälligen Ausdruck auf den erhabenen Zügen. Bei dem Gedanken, der Aufrechtgeher könnte voller Zorn sein, raste sein Herz wie verrückt und seine Blase drohte zu versagen.

Er riss den Kopf herum, um seine Mutter womöglich ein allerletztes Mal zu sehen. Sie lag dort auf dem Boden, erschöpft und ausgelaugt, und konnte die Augen kaum offenhalten. Er wollte nach ihr rufen, doch im selben Moment wandte sich die Gottheit ab und trug ihn gemeinsam mit seiner Schwester davon.

Ihr Weg führte sie vorbei an den Schlafbuchten, in denen weitere Fresser ruhten oder ihnen nachblickten. Der andere Gott gesellte sich an ihre Seite und schritt gleichauf mit ihnen durch die Schwärze. Auch er trug Kinder in seiner rechten Armbeuge, mit der Linken sandte er das Licht voraus, um ihnen einen Pfad zu weisen. Der helle Kegel fiel schließlich auf ein gewaltiges Portal, so groß und trotzig erschien es ihm, dass er erst jetzt die Macht der Götter begriff. Sie mussten wahrhaft allmächtig sein, wenn sie imstande waren, diese Durchgänge nach ihrem Willen zu öffnen und zu schließen.

Eine neue Welle der Angst durchfuhr ihn. Obwohl er erst wenige Rationen lang auf dieser Welt lebte, kannte er die alten Sagen. Es hieß, die frommen Fresser würden damit belohnt, dass die Götter sie durch das Lichtportal führten und einluden, an ihrer Seite zu schmausen. Doch ebenso gab es das Schattenportal, jenen Durchgang zu einem Ort, der schlimmer als die immerwährende Dunkelheit war. Wer dieses Portal durchschritt, hatte sein Seelenheil verwirkt, denn er war in die Ungnade der Götter gefallen. Dieses Portal war den Frevlern, den Ketzern und den Mageren vorbehalten.

Kein Fresser hatte bisher mit ihm darüber gesprochen, wo sich welches der beiden Portale befand. Was war, wenn die Götter ihn zu den Frevlern brachten? Doch welche Vergehen sollte er schon begangen haben? Es konnte nur das Lichtportal sein. Er hatte immer voller Eifer von der Milch seiner Mutter getrunken und schließlich auch voller Hingabe die Kost der Götter gefressen. Es gab keinen Grund, ihn an den dunklen Ort zu bringen.

Trotz all seiner Bemühungen ließ die Panik nicht von ihm ab, als der Gott zu seiner Rechten vor das Portal trat und es mühelos zur Seite schob. Sie passierten den Durchgang und kurz erhellte das Götterlicht die mächtigen Mauern zu beiden Seiten. An ihnen klebte eine dunkle Flüssigkeit, die in einem matten Rot schimmerte. Es ging alles so schnell, dass er nicht mehr erkannte.

Wo ist das Licht? Die Frage hallte spöttisch in seinem Denken nach. Hier, jenseits der ihm bekannten Welt, war es genauso dunkel wie auf der irdischen Seite des Portals. Aber sie mussten ihn durch das Lichtportal gebracht haben, er hatte doch immer … Seine Überlegungen rissen jäh ab, als die Gottheit ihn gemeinsam mit seiner Schwester niedersetzte.

Die Götter sprachen miteinander und er nutzte die Zeit, um sich umzuschauen. Auch hier formten Gitterstäbe eine Barriere, sodass er und seine Schwester nicht davonlaufen konnten. Weitere junge Fresser, die sich in den Schatten versteckt gehalten hatten, stürmten aus der Schwärze hervor, um die Neuankömmlinge zu begrüßen. Nur war diese Zusammenkunft keinesfalls von Freude gezeichnet. Sie schwiegen, doch reichten ihre Blicke aus, damit er alle Hoffnung fahren ließ: Ihre Augen waren vor Furcht weit aufgerissen und das nackte Grauen zeichnete sich auf ihren Gesichtern ab.

Die Luft roch nach Angst und Ausscheidungen. Zwischen diesem strengen Gestank reizte noch ein anderer Geruch seine Nase. Er war metallisch und bitter, aber gleichzeitig von einer Süße überlagert, die ihn anwiderte und würgen ließ.

Er schluckte und tapste unsicher auf die Gruppe zu.

Noch bevor er die anderen erreicht hatte, stoben diese panisch auseinander, als eine der Gottheiten sich über die Gitterstäbe beugte. Ihre Mühen waren vergebens. Das höhere Wesen sandte sein Licht voraus, packte den erstbesten jungen Fresser und hob ihn an der Hautfalte des Nackens langsam nach oben. Der Aufrechtgeher schüttelte sein Haupt und wandte sich ab. Sie gingen hinüber in eine der Ecken. Die Götter sprachen erneut und ein Lachen erklang. Daraufhin zerschnitt ein lautes Zischen die Luft, verursacht durch eine schnelle Bewegung. Er sah nicht, was genau geschah. Zu schlecht war die Sicht, zu schnell ging alles vonstatten. Nach dem Zischen erklang ein dumpfer Aufprall, auf den ein grelles, aber kraftloses Quieken folgte. Der Gott gab in seiner fremden Sprache einige abgehackte Laute von sich. Wieder folgte ein dumpfes Geräusch. Jetzt quiekte der junge Fresser nicht mehr.

Sie haben mich durch das Schattenportal gebracht, dachte er und spürte, wie der warme Urin seine Hinterbeine hinunterlief, bevor er durch den Spaltenboden tröpfelte. Eine Bewegung ließ ihn zusammenzucken. Nun beugte sich auch der andere Gott vor und streckte seinen Arm aus. Er schlug geistesgegenwärtig einen Haken, sein Herz pochte schneller als je zuvor in seinem kurzen Leben. Doch schon schlossen sich die Finger dieser gewaltigen Hand um seinen Nacken und hoben ihn mit Leichtigkeit in die Luft. Der Aufrechtgeher wandte sich ab und ging mit ihm hinüber in die Ecke, aus der eben der Todesschrei erklungen war.

Sein Blick irrte hilfesuchend umher, obwohl er wusste, dass es keinen Beistand gab. Nichts konnte die Allmacht der Götter brechen. Für einen kurzen Moment streifte ein großer Bottich sein Sichtfeld. Ungeachtet der schlechten Lichtverhältnisse entdeckte er die kleinen Beinchen sowie zwei Rüssel, die aus dem Inneren herausragten. Die Haut, einst musste sie so rosig wie seine eigene gewesen sein, hatte eine gräulich-blaue Färbung angenommen und Fliegen tummelten sich auf dem leblosen Fleisch. Der süße Geruch, der ihm bei seiner Ankunft den Atem verschlagen hatte, stach ihm wieder in die Nase. Es war der Geruch des Todes.

Der Griff um seinen Nacken wurde fester, die mächtigen Finger drückten erbarmungslos zu. Er versuchte sich zu befreien, trat aus und schmiss den Kopf hin und her. Die Gottheit schien es nicht einmal zu bemerken. Vor ihnen verlief eine Wand quer durch das Dämmerlicht. Sie war wie alles hier dunkelgrau, nur hier und da unterbrachen dunkle Flecken, die mal größer und mal kleiner waren, die makellose Fläche. Er wusste, was diese Verfärbungen verursacht hatte. Auf dem Boden, achtlos zurückgelassen, lag ein Kadaver. Das musste der junge Fresser sein, der eben erst in seiner Todesangst geschrien hatte.

Die Gottheit packte seine Beine und ließ ihn im nächsten Moment mit dem Kopf nach unten baumeln. Er wimmerte. Das unfehlbare Wesen holte mit seinem Arm aus. Wie ein Geschoss wurde er jäh nach vorne geschleudert, unaufhaltsam auf die Wand zu, die seinen Leib zerschmettern würde.

DE VEC 074 409 riss die Augen auf, doch die Welt blieb dunkel. Sein Herz raste, der Körper zitterte. Ich habe so gehofft, diesen Traum nicht noch einmal durchleben zu müssen, dachte er und zwang sich zur Ruhe. Sein Atem gehorchte ihm nicht und er japste weiter nach Luft. Eigentlich dürfte ich gar nicht hier sein. Eigentlich wollten sie meinem Leben ein Ende setzen. Ich bin nicht auserwählt. Ich bin verflucht.

Unsicher schielte er hinüber zu seiner Mutter. Sie lag wie so oft direkt neben seinem Bruder. Beide schmiegten sich eng aneinander. Die massigen Körper schienen im Einklang zu sein, während sie im gleichen Takt atmeten. DE VEC 074 409 war erleichtert, dass beide fest schliefen. Es gab nur eines, was für ihn schlimmer war als dieser Traum: die religiösen Dispute mit seiner Mutter.

Sie hat mir nie geglaubt, ging es ihm durch den Kopf, als er sich an den Tag zurückerinnerte, an dem die Götter ihn durch das Schattenportal geführt hatten. Er war damals ein Neugeborenes gewesen, kaum ein paar Dutzend Rationen alt. Noch immer hatte er den Gestank in seiner Nase, noch immer hörte er die elendigen Todesschreie seiner Brüder und Schwestern, sah die fauligen Kadaver in dem Bottich vor sich, auf denen sich die Fliegen tummelten. Bis heute wusste er nicht, was sie dazu gebracht hatte, ihn nicht wie seine Geschwister zu erschlagen. Als er an der Reihe gewesen war, hatten ihn beide Götter eingehend betrachtet, sich miteinander – so vermutete er jedenfalls – beraten und ihn zurück zu seiner Mutter gebracht.

Die Priesterin DE VEC 074 275 hatte die Rückkehr ihres Sohnes aus der jenseitigen Welt für ein Zeichen gehalten. Fortan hatte sie ihr Fleisch und Blut als den Fresser bezeichnet, dem besondere Gnade zuteilgeworden sei. Er hatte sich hingegen keinesfalls so gefühlt, als wäre er begnadigt oder gar gesegnet worden. Wieder und wieder hatte er seiner Mutter davon berichtet, was er auf der anderen Seite des Schattenportals gesehen hatte, um sie vor den Göttern zu warnen. Doch waren seine Worte ohne Bedeutung für sie gewesen. Wer sind wir, dass wir die Entscheidungen der Götter infrage stellen? Für all ihr Handeln gibt es einen guten, einen wichtigen Grund, den wir Sterbliche nicht begreifen. Noch immer hallten ihre Worte in seinen Ohren nach.

»Wie enttäuschend es für dich sein muss, dass dein von den Göttern gesegneter Sohn so wenig Glauben aufbringen kann«, flüsterte er in die Dunkelheit und fixierte die schemenhaften Umrisse seiner Mutter und seines Bruders. Manchmal ertappte DE VEC 074 409 sich dabei, dass er ihnen Schlimmes wünschte. Heute war kein solcher Tag.

»War es wieder der böse Traum?«, zischte eine Stimme ihm ins Ohr. DE VEC 074 409 drehte seinen Kopf und schaute DE VEC 074 813 direkt ins Gesicht. Kummer lag auf den Zügen seines besten Freundes. »Ich bin schon etwas länger wach, aber wollte abwarten, ob du vielleicht von allein zur Ruhe kommst und dich wieder schlafen legst.«

DE VEC 074 409 schnitt eine Grimasse, obwohl er eigentlich hatte lächeln wollen. »Ja, wieder dieser Traum. Aber jetzt, wo ich wach bin, freue ich mich über etwas Gesellschaft.«

»Gesellschaft? Seit wann sind wir hier alleine?« DE VEC 074 813 reckte den Kopf und schwenkte seinen Rüssel in einem ausladenden Bogen durch die Luft. Die Botschaft war unmissverständlich: Sieh dich um, Hunderte Fresser schlafen hier in der Dunkelheit! Wie kannst du dich jemals allein fühlen?

»Alleine zu sein und sich einsam zu fühlen sind unterschiedliche Dinge«, antwortete DE VEC 074 409 zögerlich. Er war sich nicht sicher, ob er das Gespräch in diese Richtung lenken wollte.

»Ich finde, du suhlst dich manchmal in deinem Selbstmitleid, mein Freund.« DE VEC 074 813 erhob sich schwerfällig und unterdrückte ein Stöhnen. Obwohl der Schmerzenslaut kaum zu hören war, ließ er DE VEC 074 409 zusammenfahren.

»Ist es etwa schlimmer geworden?«

»Ich fürchte, dass sich die Wunde doch noch entzündet hat. Sie stinkt inzwischen furchtbar«, presste DE VEC 074 813 hervor, während er an die Frontseite ihrer Bucht ging. Es waren bloß wenige Schritte, doch sie fielen ihm schwer. Entkräftet lehnte er sich gegen die Gitterstäbe und deutete seinem Freund mit einem Nicken, näherzukommen.

Diese vollkommene Erschöpfung überraschte DE VEC 074 409 wenig. Er hatte die Verletzung im Zwielicht bereits einige Male genauer betrachtet. Es geschah oft, dass sich Fresser Wunden an den Gittern oder den Spaltenböden zuzogen, doch noch nie hatte er gesehen, dass es einen von ihnen derart übel erwischt hatte. Über den Bauch von DE VEC 074 813 zog sich auf einer halben Beinlänge eine offene Wunde. Das rohe Fleisch nässte vor sich hin und Fliegen nisteten zeitweise in der Verletzung. Er versuchte nicht weiter daran zu denken und erhob sich seinerseits, um die paar Schritte hinüber zum Rand der Bucht zu gehen.

»Warum hast du dich bis hierhin geschleppt? Man sieht dir die Schmerzen bei jeder Bewegung an«, tadelte DE VEC 074 409 seinen Freund.

»Zum einen wollte ich dir etwas zeigen, zum anderen tut es gut, die Wunde gelegentlich zu entlasten. Das Stehen schmerzt – oh, es schmerzt schrecklich! –, aber das Liegen ist noch viel schlimmer. Ich bin mir jedoch sicher, dass die Götter …«

»Die Götter scheren sich nicht um unser irdisches Leid! Gerade ich weiß es am allerbesten. Ich …«

»Du hast etwas Schreckliches erlebt, doch das macht dich blind für das Gute in dieser Welt.«

DE VEC 074 409 wollte protestieren und sog bereits die Luft für eine schneidende Erwiderung ein, als DE VEC 074 813 ihn mit der Schulter anrempelte.

»Jetzt hör mir zu! Ich wollte, dass du dich umsiehst. Hier in der Dunkelheit leben so viele von uns, dass wir es mit bloßem Auge kaum erfassen können, doch unsere Zählungen stimmen. Es sind annähernd hundert Buchten und in jeder Bucht lebt ein gutes Dutzend Fresser. Wir alle erhalten von den Göttern nahrhafte Kost, die uns fett und ihnen wohlgefällig werden lässt. Wenn wir krank sind, dann wirken sie mächtige Zauber, um uns zu heilen. Ich bin mir sicher, dass sie auch mich retten werden, sobald ich meine Leidesprüfung bestanden habe.«

DE VEC 074 409 schätzte seinen guten Freund wie sonst niemanden. Dennoch versetzten seine Worte ihm einen Stich und sorgten dafür, dass die alte Ohnmacht ihn erneut befiel.

»Eine Prüfung, sagst du? Wenn du krank bist und sie dich heilen können, warum tun sie es nicht einfach? Warum müssen sie uns zunächst all dieses Leid als Prüfung aufbürden, um die Würdigen unter uns auszuwählen? Und sage mir jetzt bitte nicht, dass wir die Wege der Götter nicht zu hinterfragen haben! Das höre ich oft genug von meiner Mutter.«

DE VEC 074 813 gab einen nachdenklichen Ton von sich, während sein Gesicht einen kummervollen Ausdruck annahm. »Ich sehe es nicht so, dass wir ihre Taten nicht hinterfragen dürfen. Vielmehr glaube ich, wir können ihre Beweggründe nicht verstehen. Anhand welcher Kriterien sie wirklich entscheiden, wer durch sie wann eine Heilung oder einen Segen erfährt, das können wir doch gar nicht beurteilen.«

»Es gibt keine guten Gründe dafür, junge Fresser, die gerade einmal wenige Tage alt sind, zu erschlagen«, schnaubte DE VEC 074 409 zur Antwort.

Es herrschte einen Moment Stille, bevor DE VEC 074 813 begleitet von einem lang gezogenen Seufzen antwortete: »Weder stimme ich dir zu, noch lehne ich deine Haltung ab. Wir können es nun einmal nicht wissen. Du sagst, es gebe dafür keine guten Gründe. Überdenke deine Worte einmal genau! Sollte es dafür keine vernünftigen Gründe geben, wäre das nicht umso grausamer? Würde das nicht bedeuten, dass unsere Existenz ohne Sinn, ohne feste Regeln wäre? An diesem Punkt bietet uns allein der Glaube Halt in der Dunkelheit. Ich für meinen Teil glaube fest daran, dass all ihr Tun guten Gründen folgt, denn ich will in keiner Welt leben, in der unser Dasein keinem höheren Zweck dienlich ist. Also ja, ich glaube daran, dass sie uns Prüfungen unterziehen – mich und auch dich damals – und dass jene zweifellos ihre Berechtigung im großen Ganzen haben.«

Die Worte verklangen in der Dunkelheit. Nur die Atemgeräusche der anderen Fresser waren in der Stille zu hören. DE VEC 074 409 legte den Kopf schief und kniff die Augen zusammen. Es wäre so leicht, das alles zu glauben, aber er konnte es nicht. »Welche Prüfung sollten die Götter Neugeborenen auferlegen? Worin sollten Kinder sich beweisen müssen? Sie können doch noch gar keine Schuld auf sich geladen haben.«

Wieder folgte Stille. DE VEC 074 409 musterte seinen Freund. Diesem stand das Unwohlsein deutlich ins Gesicht geschrieben und er lächelte traurig. »Keine Schuld, die wir mit unserem begrenzten Wissen verstehen würden. Lass uns über etwas anderes reden. Eigentlich wollte ich dir etwas Frieden schenken, damit du noch ein wenig Schlaf findest.«

DE VEC 074 409 nickte und ließ den Blick durch die Dunkelheit schweifen, während DE VEC 074 813 das Gespräch auf andere Dinge lenkte. Nur langsam wurden den beiden Freunden die Lider und Zungen schwer, bevor endlich die Erschöpfung siegte und sie in einen traumlosen Schlaf niedersanken.

Das Mal der Götter

Laute Stimmen und genüssliches Schmatzen weckten DE VEC 074 409. Er brauchte einen Moment, um die Augen zu öffnen. Zu fest hatte er nach der langen Unterbrechung inmitten der Nacht geschlafen. Er fühlte sich erschöpft und eine bleierne Müdigkeit lähmte ihn. Draußen musste bereits die gelbe Blume erblüht sein, denn ein fahles Licht lag über allem. Es war aber keinesfalls kräftig genug, um die Welt zu erhellen und die immerwährende Dunkelheit vollständig zu besiegen. Wie ein drohendes Übel lauerte sie in den Ecken, warf lange Schatten und wartete geduldig darauf, dass ihre Zeit erneut kommen würde.

Die Götter müssen uns bereits die Morgenration dargebracht haben, dachte DE VEC 074 409 und schielte aus seiner liegenden Position zur Frontseite der Bucht, von wo aus Fresslaute erklangen. Dort hatten sich die übrigen Fresser zusammengerottet, um zu fressen und den Göttern damit wohlgefällig zu sein. Unter ihnen befanden sich auch seine Mutter und sein Bruder. Als Priesterin durfte sie direkt im Zentrum stehen und nach Belieben von der Götterkost zehren. Für die anderen Fresser war es hingegen ein täglicher Kampf, da die Futterrille keinesfalls ausreichend Platz für alle bot. Unter denen, die nicht an die Kost herankamen, befand sich auch sein Freund DE VEC 074 813. Er strengte sich nach Kräften an, um an den anderen Leibern vorbeizukommen, doch seine Wunde hinderte ihn. Immer wieder drängten die anderen Fresser ihn zur Seite.

DE VEC 074 7904 schüttelte die Müdigkeit ab. Kaum stand er auf seinen Beinen, trottete er schwungvoll auf seine Brüder und Schwestern zu, senkte den Kopf und hob diesen mit einem Ruck an, um die dicht gedrängten Körper beiseitezuschieben. Es gelang ihm, sich zur Futterrille durchzukämpfen. Dort stellte er ernüchtert fest, dass nur noch wenig Götterkost übrig war.

»Wer gibt sich denn auch mal die Ehre?«, fragte eine spöttische Stimme und klang dabei dumpf und undeutlich. DE VEC 074 409 drehte den Kopf. Seinem Bruder quoll die Götterkost aus dem Maul, so voll hatte er es sich gestopft. Ja selbst im Rüssel und in den Borsten klebten Rückstände des nahrhaften Breis. Mit vollem Maul fuhr er fort: »Mutter und ich waren sehr enttäuscht, dass du nicht etwas mehr Eifer an den Tag legst. Der feierliche Moment wird bald kommen und dann müssen wir allesamt aus unserer Sippe wohlgefällig für die Götter sein.«

Kurz gedachte DE VEC 074 409 seinen Traum als Erklärung für sein spätes Erwachen heranzuziehen, doch er entschied sich dagegen. Er wusste zu gut, wie sein Bruder darauf reagieren würde. Bis heute hatten weder er noch seine Mutter je gefragt, was aus der verlorenen Schwester geworden war, die damals gemeinsam mit DE VEC 074 409 von den Göttern durch das Schattenportal gebracht worden war.

Sein Bruder war das fromme Kind, das seine Mutter sich als Priesterin immer gewünscht hatte: ein gläubiger und fetter Eiferer, der nicht nur seine täglichen Rationen restlos auffraß, sondern auch darüber hinaus alles tat, um schneller an Masse zu gewinnen. Oft genug gingen manche Brüder und Schwestern leer aus, wenn DE VEC 074 411 sich ungezügelt seinem Hunger hingab.

»Die Wege der Götter sind unergründlich. Wir sollten uns nicht anmaßen, ihr Wirken verstehen oder gar durch unser Dazutun lenken zu wollen«, erwiderte DE VEC 074 409 mit belehrender Stimme und bemerkte zufrieden, dass sein Bruder das Gesicht verzog. »Also, mein frommer Bruder, lass uns abwarten, wie sie sich entscheiden. Jetzt muss ich mich aber verabschieden. Ich habe nicht so recht Hunger und bin aus einem anderen Grund hier.«

Ungeachtet der verärgerten Laute, die sein Bruder ausstieß, wandte sich DE VEC 074 409 ab und hielt Ausschau nach DE VEC 074 813. Wie er befürchtet hatte, lag sein Freund inzwischen allein in einer Ecke auf der Seite, um die quälende Verletzung zu entlasten. »Komm her!«, rief er ihm zu. »Ich habe dir Platz gemacht, damit du fressen kannst.«

DE VEC 074 813 hob den Kopf und schaute ihn unschlüssig an. Die heilige Lehre sagte, dass allein jene den göttlichen Segen erfahren durften, die stark genug waren, um sich aus eigener Kraft an der Futterrille durchzusetzen. Einen Moment haderte er noch mit sich, dann erhob sich der Verletzte und stakste ungelenk auf ihn zu.

»Das ist nicht rechtens, das weißt du«, murmelte er, obwohl sich Dankbarkeit auf seinen Zügen abzeichnete.

»Wenn Freunde einander nicht helfen, dann kann dies auch nicht rechtens sein. Du kannst die Götterkost besser gebrauchen als ich. Sie wird dich sicherlich stärken! Vielleicht haben sie ja auch wieder etwas von ihren mächtigen Elixieren hinzugegeben? In einigen Buchten wütet seit Kurzem eine Krankheit. Es kommt ja oft genug vor, dass sie uns dann allen ihren Segen schenken!«

Gleichwohl erleichtert wie resigniert blickte DE VEC 074 813 ihn an, dann zwängte er sich durch die Leiber hindurch. DE VEC 074 409 war glücklich, dass sein Freund die gut gemeinte Geste akzeptierte. Es war nicht selbstverständlich, einen Platz an der Futterrille für andere Fresser freizumachen, vielmehr kam es einem Frevel gegen die Götter gleich.

DE VEC 074 409 zog sich in den hinteren Teil der Bucht zurück und legte sich auf die linke Seite, da er in der Nacht – das verrieten ihm die Schmerzen in der rechten Flanke – auf der anderen Seite geschlafen haben musste. Er wollte sich keinesfalls derart auf dem Spaltenboden wund liegen wie sein Freund.

Gedankenverloren ließ er den Blick schweifen. Wenn die gelbe Blume blühte, war die Welt in ein fahles, schwaches Licht gehüllt und offenbarte schier endlose Reihen mit weiteren Buchten. An klaren Tagen reichte die Sicht bis zu den vagen Umrissen der Portale: Rechts lag das Lichtportal, links das Schattenportal. Er vermied es, dorthin zu sehen, doch oft genug konnte er den Impuls nicht unterdrücken und dann starrte er wie unter Zwang langsam hinüber zu jenem Ort, an dem er fast sein Leben eingebüßt hätte. Noch immer verkrampfte sich sein Herz, wenn er den unheilvollen Durchgang betrachtete. Dabei lag das Ereignis bereits etliche Rationen zurück.

Er schloss die Augen und atmete tief ein. Es war vergangen. Ich bin nun hier und habe wie meine gesamte Sippe vor einigen Rationen das göttliche Mal empfangen. Ich muss lediglich wie die anderen Fresser daran glauben. Bald schon werden die Götter uns zu sich an einen besseren Ort und ins Licht holen.

Langsam fand er zur Ruhe und ließ seinen Blick weiterschweifen. In jeder Bucht bot sich ihm das gleiche Bild: Die Fresser versammelten sich um die Futterrille und empfingen die göttliche Kost. Erst wenn sie nicht mehr fressen konnten und ihnen der Brei aus dem Maul quoll, wandten sie sich ab und ließen die Kleinen und Mageren zum Zuge kommen. Von den Rationen blieb nie etwas übrig.

»Ich habe gehört, was du getan hast«, sagte DE VEC 074 275 mit schneidender Stimme. Dennoch lag in den Augen seiner Mutter ein kummervoller Ausdruck, als sie ihren Kopf sanft an seiner Flanke rieb und sich neben ihn auf den Boden legte.

»Er kann die Götterkost besser gebrauchen als ich. Seine Wunde sieht furchtbar aus«, gab DE VEC 074 409 knapp zur Antwort und mied den Blickkontakt. Er war sich nie sicher, ob er mit seiner Mutter oder der Priesterin sprach, die einen jeden Verstoß gegen die alten Lehren tadelte.

»Du weißt, dass es nicht in deiner Macht liegt, das Schicksal eines anderen Fressers zu beeinflussen. Dieses Recht obliegt allein den Göttern.«

»Ich weiß«, erwiderte er und schielte hinüber zur Futterrille. Dort trotteten einige Fresser missmutig davon. Anscheinend ging die erste Ration des Tages langsam zur Neige und sie hatten die Hoffnung aufgegeben, dass die Stärkeren etwas übrigließen. Ich habe richtig gehandelt, DE VEC 074 813 hätte sonst nichts abbekommen, ging es ihm durch den Kopf und Erleichterung machte sich in ihm breit.

Dieses Wissen gab ihm auch die Zuversicht, seiner Mutter in die Augen zu blicken. Sie waren inzwischen durch das Alter und das Leben in der immerwährenden Nacht getrübt. Die Aufrechtgeher hatten sie für eine wichtige Aufgabe auserwählt, die ihr viele Opfer abverlangt hatte. Seit nunmehr unzähligen Rationen wandelte sie schon in der diesseitigen Welt, um neuen Fressern im Namen der Götter das Leben zu schenken. Das war der Grund, weshalb sie trotz all ihrer Frömmigkeit noch nicht ins Paradies eingeladen worden war.

»Du weißt es und doch handelst du den göttlichen Gesetzen zuwider. Das macht dein Tun umso frevelhafter.« Sie seufzte und hob erneut die Stimme. »Doch obliegt es nicht mir, dein Handeln zu verurteilen. Du wurdest von ihnen als junger Fresser auserwählt und sie haben dich genauso mit ihrem heiligen Mal gezeichnet wie uns andere. Wer wäre ich, ihre Entscheidung zu hinterfragen? Ich bin nur ihre bescheidene Dienerin und erfülle im Diesseits den göttlichen Willen.«

DE VEC 074 409 atmete erleichtert auf. Er war die Konflikte mit seiner Mutter inzwischen mehr als leid. Immer wieder kreisten die Diskussionen um das gleiche Thema, die gleichen offenen Fragen, und sie kamen doch zu keinem Ergebnis. »Ich danke dir«, flüsterte er und ein bitteres Lächeln legte sich auf seine Maulwinkel.

Seine Mutter gab einen verärgerten Laut von sich. »Wenn du mir dankst, dann hast du nichts verstanden. Ich beschwöre dich, reiß dich zusammen! Es stehen nur noch wenige Rationen bevor und wir werden ins Paradies geführt. Verspiele durch dein unverschämtes Handeln nicht ihren Segen. Du stürzt uns andere bloß mit ins Verderben.«

Trotz ihres vom Alter und der Aufzucht so vieler Fresser gebeugten Körpers richtete sie sich ruckartig auf. »Ich werde nun etwas ruhen und meine Gedanken ordnen. Die kommende Mittrationsmesse ist von besonderer Bedeutung für uns alle. Ich werde in mich horchen, um den Willen der Götter zu empfangen, damit ich meine Aufgabe als ihr Sprachrohr in dieser Welt erfüllen kann.«

Wortlos ging sie davon und gesellte sich zu einer Gruppe Fresser, die sich Leib an Leib niedergelegt hatten, um gemeinsam zu beten. DE VEC 074 409 schaute mit einer Mischung aus Abscheu und Neid zu ihnen hinüber. Er konnte nicht verstehen, dass viele der anderen den tristen Wechsel aus Fressen und Schlafen so selbstverständlich hinnahmen. Manches Mal kochte in ihm das heimliche Verlangen hoch, diese Gitterstäbe zu überwinden und allein, ohne göttliche Führung, auf das Lichtportal zuzulaufen und …

Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als sich DE VEC 074 813 zu ihm gesellte. »Ich danke dir, mein Freund. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so einen großen Teil einer Ration für mich hatte.«

»Du musst mir dafür nicht danken. Die Rationen sind doch eigentlich groß genug für uns alle. Wir könnten sie anhand der Bedürfnisse eines jeden gerecht aufteilen.«

DE VEC 074 813 gab ein leises Lachen von sich. »Ich fürchte, der Priesterin hat dein heutiges Handeln schon nicht gefallen. Würde sie von diesen Gedanken erfahren, wäre sie vermutlich außer sich.«

Unauffällig schielte DE VEC 074 409 hinüber zum Lichtportal. Wenn sie wüsste, welche Gedanken mich noch plagen.

Ein kratzendes Geräusch zog die Aufmerksamkeit der beiden Freunde auf sich. Es war ein neuer Fresser, der mit seinen Klauen immer wieder über den Spaltenboden scharrte. Die Götter hatten ihn erst vor wenigen Rationen aus einer anderen Bucht zu ihnen gebracht. Bisher waren sie ihm aus dem Weg gegangen, da solche Umquartierungen niemals einen guten Anlass hatten. Zudem wies der Neuankömmling an den Ohren und auch an seinem gestutzten Schwanz mehrere tiefe Bisswunden auf, die kaum verheilt waren. Die naheliegendste Erklärung war, dass er seine ehemalige Buchtsippe gegen sich aufgebracht hatte.

Das Scharren wurde lauter, als der Neue seine Klauen immer hektischer gegen den Boden schlug. DE VEC 074 409 spähte hinüber zu seiner Mutter und den anderen frommen Fressern, die in ihre Meditation vertieft waren. Würde das störende Geräusch nicht bald enden, so würde die Priesterin sicherlich ihre Stellung nutzen, damit ihre Gemeinde den fremden Fresser zur Räson brachte.

»Mein Freund, lass das. Die Geräusche stören die Ruhe unserer Geistlichen«, zischte DE VEC 074 813 unvermittelt und kam ihm damit zuvor. »Warum tust du das überhaupt?«

Die Frage hatte sich DE VEC 074 409 auch bereits gestellt, aber das Verhalten darauf geschoben, dass der Neue in einer anderen Bucht aufgewachsen war. Wer konnte schon sagen, was dort normal war? Womöglich war das Scharren aber auch der Grund für die Gewalt, die er erlitten hatte.

Der Fremde schaute zu den beiden hinüber. Seine Augen waren weit aufgerissen, das Maul leicht geöffnet und die Lippen zitterten. Nur zögerlich setzte er zu einer Antwort an. »Ich weiß es … nicht. Ich tue es einfach. I… ich … ich … muss es tun. Es f… fühlt sich richtig an. Wenn ich … mich beherrschen möchte, dann f… fühlt es sich schrecklich an. Es … es ist ein Zwang.«

»Zwang hin oder her, mein neuer Freund, du störst damit uns andere. Lass es sein!« DE VEC 074 813 hatte seine Stimme gehoben. DE VEC 074 409 kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er eine friedliebende Seele besaß. Nie würde er anderen seinen Willen aufzwingen. Ein erneuter Blick hinüber zu seiner Mutter und ihrem Gefolge bestätigte seine Vermutung: Längst waren die Frommen auf das Fehlverhalten des Neuankömmlings aufmerksam geworden und beobachteten ihn abschätzig. DE VEC 074 813 versuchte wohl, ihn vor ihrem Groll zu bewahren.

»I… Ich … kann es aber nicht lassen«, sagte der Fremde mit zitternden Vorderbeinen. »K… könnt ihr das denn nicht v… v… verstehen?«

Nun mischte sich DE VEC 074 409 in das Gespräch ein, da er inzwischen Angst hatte, die Situation könnte eskalieren. Er selbst war Nutznießer seiner Abstammung und deswegen vor vielerlei Repressalien gefeit, doch bei einem Fremden, noch dazu einem, der offensichtlich schon seine Buchtsippe gegen sich aufgebracht hatte, würden sie keine Gnade kennen. »Ich kann sehr wohl verstehen, dass du diesen Drang hast. Das Leben hier ist voller Schrecken, doch du musst damit aufhören! Es wird sonst alles noch schlimmer.«

Der Fremde zog die Maulwinkel so weit nach oben, wie es nur irgend möglich war, bevor er zu allem Überfluss in ein hysterisches Gelächter ausbrach. Voller Schrecken sah DE VEC 074 409, dass die Gefolgschaft seiner Mutter unruhig wurde. Die ersten Fresser – unter ihnen befand sich auch sein jüngerer Bruder DE VEC 074 411 – waren bereits aufgestanden und hatten die Köpfe bedrohlich zur Seite geneigt.

»Nicht so laut.« DE VEC 074 409 resignierte. Seine Worte zeigten keinerlei Wirkung.

Noch immer viel zu laut Stimme stammelte der Fremde weiter. »Ich weiß, dass ich es b... besser lassen sollte. Ich k… kann es aber nicht.« Nervös zuckten seine Augen zwischen den Freunden hin und her. »Ich konnte es auch in m… meiner Bucht nicht. Sie haben mich ge… gewarnt, ja, oft haben sie mich gewarnt! Immerzu ha… haben sie mich gewarnt! Doch ich musste scharren. Ich … ich wäre ja woanders hingegangen, aber das geht ja nicht. K… kein Fresser k… kann … doch woanders hingehen.«

»Die Götter werden uns ins Paradies geleiten, an einen hellen Ort, einen Ort mit genügend Platz für uns alle«, warf DE VEC 074 813 eilig ein. »Dafür müssen wir jedoch ein gottgefälliges Leben in dieser Welt führen. Also beherrsche dich und …«

Wieder brach der Fremde in lautes Lachen aus. »Für mich gibt es kein P… Paradies mehr. Meine Sippe, … sie hat … sie hat mir das göt… göttliche Mal aus dem Ohr herausgerissen. Wenn die Götter kommen, um uns ins Licht zu führen, so werden sie m… mich nicht finden. Ich bin dazu verdammt, auf immer in der D… Dunkelheit zu verweilen.« Das Lachen ging in ein Kichern über, das wiederum in kummervollen Klagelauten mündete. »Vielleicht führen sie mich, d… diese Schande, auch d… durch das Sch… Schattenportal«, presste er kurzatmig hervor.

DE VEC 074 409 hatte sich bereits gefragt, wieso ein so wohlgenährter Fresser kein Götterzeichen trug. Nun kannte er die bittere Erklärung. Sollte der Fremde jedoch weiter Lärm veranstalten, würde er noch weit mehr einbüßen. Er trat näher an den Neuen heran, der mittlerweile schluchzte.

»Hör mir jetzt zu! Wenn du nicht sofort still bist, werden sie dafür sorgen, dass du Ruhe gibst. Du bist hier in der Bucht der Priesterin. Sie duldet keine Störung, während sie sich auf die Mittrationsmesse vorbereitet. Vor allem nicht, so kurz bevor sich das Lichtportal erneut öffnen soll. Ich bitte dich, sei einfach ruhig!« DE VEC 074 409 sah an dem in Ungnade gefallenen Fresser vorbei zum mächtigen Lichtportal. Ja, er konnte verstehen, dass der Fremde ein solch starkes Drängen verspürte und weder wusste, woher es stammte, noch, wie es sich bändigen ließ.

»Ich w… weiß, dass du es nur gut meinst«, hauchte der Ungezeichnete, während sein Gesicht zu einer leidvollen Maske wurde. Die weit aufgerissenen Augen waren ein stummes Flehen nach Hilfe. Schließlich zerbrach der schwache Funken Hoffnung, der in den Iriden gestrahlt hatte, als der Rest seiner Selbstbeherrschung schwand. Begleitet von großem Jammern und Wehklagen scharrte er erneut. Wieder und wieder. Immer schneller, immer lauter.

Hinter dem Fremden nahm DE VEC 074 409 eine rasche Bewegung wahr. Er wollte einen Warnruf ausstoßen, doch es war bereits zu spät. Gemeinsam mit DE VEC 074 813 musste er hilflos mitansehen, wie der Fremde durch die Luft gewirbelt wurde, als ein gewaltiger Körper gegen ihn prallte. DE VEC 074 411 zögerte nicht und rannte erneut auf den am Boden liegenden Fresser zu. DE VEC 074 409 schrie, um seinen wütenden Bruder zu bremsen, doch dieser war ganz von Sinnen. Mit ungezügeltem Zorn ging er auf den Fremden los, der sich vor Schmerzen krümmte und ein hohes Wimmern von sich gab. Ohne jede Rücksicht rammte DE VEC 074 411 dem Wehrlosen seinen massigen Schädel in den ungeschützten Bauch.

»Hör sofort auf!«, schrie DE VEC 074 409 und ging einige Schritte auf seinen Bruder zu, der lauernd um sein Opfer herumschlich. Dieses japste verzweifelt nach Luft.

DE VEC 074 411 senkte den Kopf, um sich auf eine neue Attacke vorzubereiten. »Dich werde ich lehren …«

»Hör auf, du bringst ihn noch um!« DE VEC 074 409 war fassungslos. So grausam konnte sein frommer Bruder nicht sein.

»Es wäre wohl weder für uns noch für die Götter ein allzu großer Verlust«, flüsterte die Priesterin tonlos. DE VEC 074 409 wandte den Kopf von dem grausigen Schauspiel ab und erblickte seine Mutter, die etwa eine Schrittlänge hinter ihm stand. Ein kalter, ja beinahe boshafter Ausdruck lag auf ihrem Gesicht und ließ ihn erschaudern.

Dann entspannten sich ihre Züge und sie sprach ein Machtwort: »Mein guter Sohn, ich kann deine Wut verstehen! Dennoch ist nicht der passende Moment, um Blut zu vergießen. Wir haben das göttliche Mal empfangen und unsere Reise ins Paradies steht kurz bevor. Es wäre nicht rechtens, dieses freudige Ereignis mit einem Akt der Gewalt zu überschatten. Lass den Neuen dort liegen! Er wird seine Lektion sicherlich gelernt haben und unsere Gebete künftig nicht mehr stören. Ist es nicht so, Fremder?«

Sie trat näher an den Verletzten heran, der immer noch abgehackt um Atem rang. »Hast du deine Lektion gelernt?«, wiederholte die Priesterin drohend. Die Luft schien zu knistern. DE VEC 074 409 schaute sich um. In den anderen Buchten drängten sich die Fresser zusammen, um Zeuge dieser Machtdemonstration zu werden. »Ich werde nicht abermals fragen!«

Dem Verletzten entfuhr ein bellender Husten, bevor er Blut ausspie. »Ich habe verstanden«, drangen die Worte schwach und undeutlich zwischen seinen rot gefärbten Lippen hervor.

Die Priesterin summte zustimmend, bevor sie kehrtmachte und zu den anderen Betenden zurückkehrte, in deren Mitte sie sich niederlegte. DE VEC 074 409 sah seiner Mutter nachdenklich hinterher, sodass ihn der Rempler seines Bruders, der nun ebenfalls zurück zum Gebetszirkel ging, vollkommen unerwartet traf. Für einen Wimpernschlag kreuzten sich ihre Blicke. Wilde Raserei und noch etwas weitaus Bedrohlicheres loderten in den Augen von DE VEC 074 411.

Ich darf das nicht wortlos hinnehmen. Ja, der Fremde hätte sich beherrschen müssen, doch Unrecht mit Unrecht zu vergelten, ist immer falsch. Kurz entfachten diese Gedanken in DE VEC 074 409 einen ihm bisher unbekannten Mut. Dennoch wusste er, sollte er sich seinem Bruder stellen, so wäre dies ein ungleicher Kampf, ein Kampf, den er verlieren würde. DE VEC 074 411 schien zu ahnen, worüber er nachdachte, und gab ein höhnisches Grunzen von sich. Die Botschaft war unmissverständlich: Versuch es! Versuch es und ich werde dir alle Knochen im Leib brechen.

DE VEC 074 409 schaute zu Boden und nahm ein letztes amüsiertes Lachen wahr, bevor sein Bruder ihn links liegen ließ.

»Wieso hast du nicht gehört? Wieso hast du …« DE VEC 074 813 hatte sich dem Fremden zugewandt und schaute ihn fassungslos an.

»Ich k… konnte nicht anders«, erwiderte der Gefragte leise und betonte so lediglich das, was sie bereits wussten. Er klang gequält. »Ich kann n… nirgendwo hin, aber … i… ich muss scharren. Ich w… werde w… wieder scharren. Mögen die Götter … doch E… Erbarmen mit … m… mir haben!« Schließlich weinte er.

DE VEC 074 813 hatte offenbar genug gehört. Ungelenk, da seine Wunde ihm immer noch arg zu schaffen machte, kam er auf DE VEC 074 409 zu. »Er ist vollkommen verrückt. Wenn er so weitermacht, werden sie ihn töten, ehe wir unseren Weg ins Paradies antreten.«

DE VEC 074 409 lag eine spitze Antwort auf der Zunge. Allein die Vorstellung, dass seine Sippe nach dem Mord an einem fremden Fresser weiterhin ins Paradies geführt werden könnte, bereitete ihm Übelkeit.

»Wir kennen uns schon zu lange.« Im Flüsterton schob DE VEC 074 813 hinterher: »Ich kann dir deine blasphemischen Gedanken am Rüssel ablesen.«

Einen Moment starrten sich die beiden Freunde ernst an, dann stahl sich wie auf ein geheimes Zeichen hin ein breites Lächeln auf ihre Gesichter. »Was würde ich nur ohne dich tun?« DE VEC 074 409 seufzte.

Die Worte waren seinem Freund wohl unangenehm. Er gab ein missfälliges Grunzen von sich. An seinem Lächeln änderte sich allerdings trotz dieser Protestbekundung nichts.

»Komm, lass uns dort hinten in die Ecke gehen und noch etwas dösen. Die Wartezeit mit Schlafen zu verbringen, ist wohl die beste Lösung. Morgen werden wir unsere Kraft bitter nötig haben, um die Erwartungen der Götter zu erfüllen«, sagte DE VEC 074 813 und deutete mit seinem Kopf zum Ende der Bucht. DE VEC 074 409 folgte ihm wortlos und stellte erleichtert fest, dass sie damit in der Nähe des Verletzten ruhten. Dieser hatte sich dem ersten Anschein nach beruhigt und war vor Erschöpfung in einen leichten Schlaf gefallen.

DE VEC 074 409 legte sich zu seinem Freund, der eine seitliche Position eingenommen hatte. Immerhin sieht die Verletzung am Bauch etwas besser aus, dachte er und linste aus den Augenwinkeln hinüber zu dem Fremden. Wie schwer dessen Verletzungen waren, ließ sich noch nicht sagen. Zwar behandelten die Götter Bisswunden, die Fresser sich im Streit zufügten, oder heilten ihre Krankheiten, doch Prellungen und Brüche schienen sie entweder nicht zu bemerken oder aber einfach nicht heilen zu wollen.

Er schloss die Augen und versuchte, die Auseinandersetzung zu vergessen. Allerdings ließen sich die Bilder nicht so leicht vertreiben. Er stöhnte. Fast beneidete er DE VEC 074 813, der seinem lauten Schnarchen nach zu urteilen bereits schlief. Denn Schlaf brachte Vergessen.

Stattdessen stahl sich das Bild des Lichtportals in seine Gedanken. Was wohl auf der anderen Seite auf ihn warten würde? Wie sah eine Welt voller Licht aus? Wie roch die Luft dort draußen in der hellen Weite? Gab es dort das gleiche Wasser und die gleiche nahrhafte Kost oder würden ihm gar noch bessere Speisen den Gaumen verwöhnen? Er hoffte es. Daran glauben, dass er all das erleben würde, konnte er allerdings nicht.

DE VEC 074 409 schreckte hoch. Etwas hatte ihn in die Seite gestoßen. Langsam wurde ihm bewusst, dass er irgendwann eingeschlafen sein musste. »Komm schon, wach auf! Die Mittrationsmesse beginnt gleich«, wisperte ihm DE VEC 074 813 ins Ohr, während er seine müden Augen öffnete.

Die gelbe Blume war vollständig erblüht und das Zwielicht so hell, wie es nur werden konnte. Widerwillig erhob sich DE VEC 074 409 und folgte seinem Freund, der zur Frontseite der Bucht eilte. Dort hatte sich bereits eine dichte Traube aus Fressern um die Priesterin geschart.

Von dem Fremden fehlte jede Spur. Allerdings lag er auch nicht mehr an jener Stelle, an der er zuletzt vor Erschöpfung eingeschlafen war. DE VEC 074 813 hatte wohl erkannt, worüber er nachdachte, und deutete mit seinem Kopf hinüber in den hintersten Winkel der Bucht. Dort hatte sich der Verletzte mit Blickrichtung zur Wand zusammengekauert. Sein Atem war schwach, aber stetig.

Er scheint friedlich zu ruhen, dachte DE VEC 074 409 erleichtert und wandte sich ab, um an der Messe teilzunehmen. Da er viel zu spät war und sich am äußeren Rand der Frommen niederlassen musste, fixierte seine Mutter ihn mit finsterer Miene. Seinen Bruder entdeckte er wenig überraschend direkt in der ersten Reihe. Dessen gewaltiger Schädel war in Ehrfurcht und Demut gen Boden geneigt.

»Höret nun das Wort der Götter und freuet euch, denn sie haben uns einmal mehr einen großen Segen zuteilwerden lassen!«, intonierte die Priesterin in einem ehrfürchtigen Singsang. Danach wandte sie sich ab und richtete ihren Blick hinaus in das Dämmerlicht, um die anderen Gläubigen anzusprechen. »Viele von uns haben das göttliche Mal erhalten und sind damit auserwählt worden! Euch allen, die diese Gnade erfahren haben, möchte ich sagen, dass dies ein Moment allergrößter Freude ist – auch wenn es einen Abschied von Freunden und Familie bedeuten wird!«

Sie machte eine Pause und ließ ihre Worte einen Moment nachklingen. DE VEC 074 409 wusste, dass seine Mutter es verstand, die Gläubigen in ihren Bann zu ziehen. Möglichst unauffällig sah er sich um und entdeckte Dutzende von Fressern, die ehrfürchtig zur Priesterin aufsahen. Es war so still, dass nicht einmal ein Atemgeräusch zu hören war. Die Welt schien sich auf diesen einen Augenblick zu konzentrieren.

Schließlich fuhr die Priesterin fort: »All jenen, die diese Gnade nicht erfahren haben, sei gesagt, dass sie stark im Glauben bleiben müssen. Nutzet jeden Umlauf der gelben Blume, um ein gottgefälliges und frommes, ja fettes Leben zu führen! Wer viel und gut frisst, der wird auch schneller an der Seite der Götter schmausen.«