Raumschiff Rubikon Großband 9 - Vier Romane der Weltraumserie - Manfred Weinland - E-Book

Raumschiff Rubikon Großband 9 - Vier Romane der Weltraumserie E-Book

Manfred Weinland

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Beschreibung

Raumschiff Rubikon Großband 9 - Vier Romane der Weltraumserie von Über diesen Band: Dieses Buch enthält folgende SF-Abenteuer: Manfred Weinland: Die Zeitmission Manfred Weinland: Alte Erde, neue ERde Manfred Weinland: Das Zentrale Element Manfred Weinland: Die Ewige Kette Der Krieg zwischen den organischen und anorganischen raumfahrenden Völkern konnte im letzten Moment abgewendet werden. Die Menschen jedoch sind nach wie vor fremdbestimmt und als die Erinjij gefürchtet, die sich in ihren Expansionsbestrebungen von nichts und niemandem aufhalten lassen. Abseits aller schwelenden Konflikte kommt es im Zentrum der Milchstraße zu einer von niemand vorhergesehenen, folgenschweren Begegnung. Eine unbekannte Macht hat sich dort etabliert. Schnell zeichnet sich ab, dass es sich um keinen "normalen" Gegner handelt. Die Bedrohung richtet sich nicht nur gegen die heimatliche Galaxie, sondern könnte das Ende allen Lebens bedeuten.

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Raumschiff Rubikon Großband 9 - Vier Romane der Weltraumserie

Manfred Weinland

Published by BEKKERpublishing, 2020.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Raumschiff Rubikon Großband 9 - Vier Romane der Weltraumserie

Raumschiff Rubikon 33 Die Zeitmission

Raumschiff Rubikon 34 Alte Erde, neue Erde

Raumschiff Rubikon 35 Das Zentrale Element

Raumschiff Rubikon 36 Die Ewige Kette

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Raumschiff Rubikon Großband 9 - Vier Romane der Weltraumserie

von Manfred Weinland

Über diesen Band:

Dieses Buch enthält folgende SF-Abenteuer:

Manfred Weinland: Die Zeitmission

Manfred Weinland: Alte Erde, neue ERde

Manfred Weinland: Das Zentrale Element

Manfred Weinland: Die Ewige Kette

––––––––

Der Krieg zwischen den organischen und anorganischen raumfahrenden Völkern konnte im letzten Moment abgewendet werden. Die Menschen jedoch sind nach wie vor fremdbestimmt und als die Erinjij gefürchtet, die sich in ihren Expansionsbestrebungen von nichts und niemandem aufhalten lassen. Abseits aller schwelenden Konflikte kommt es im Zentrum der Milchstraße zu einer von niemand vorhergesehenen, folgenschweren Begegnung.

Eine unbekannte Macht hat sich dort etabliert. Schnell zeichnet sich ab, dass es sich um keinen "normalen" Gegner handelt. Die Bedrohung richtet sich nicht nur gegen die heimatliche Galaxie, sondern könnte das Ende allen Lebens bedeuten.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

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© Roman by Author / COVER Dieter Rottermund

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Raumschiff Rubikon 33 Die Zeitmission

Manfred Weinland

Raumschiff Rubikon 33 Die Zeitmission

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Table of Contents

UPDATE ME

Raumschiff Rubikon 33 Die Zeitmission

Manfred Weinland

––––––––

Am Morgen einer neuen Zeit.

Der Krieg zwischen den organischen und anorganischen raumfahrenden Völkern konnte im letzten Moment abgewendet werden. Die Menschen jedoch sind nach wie vor fremdbestimmt und als die Erinjij gefürchtet, die sich in ihren Expansionsbestrebungen von nichts und niemandem aufhalten lassen.

Abseits aller schwelenden Konflikte kommt es im Zentrum der Milchstraße zu einer von niemand vorhergesehenen, folgenschweren Begegnung.

Eine unbekannte Macht hat sich dort etabliert. Schnell zeichnet sich ab, dass es sich um keinen "normalen" Gegner handelt. Die Bedrohung richtet sich nicht nur gegen die heimatliche Galaxie, sondern könnte das Ende allen Lebens bedeuten.

––––––––

Die Geschichte des Kosmos, so scheint es, muss neu geschrieben werden ...

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfredbooks und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Nach Motiven von Pixabay, Adelind, Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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Prolog

––––––––

Zehntausend Ringschiffe auf dem Weg nach Eleyson!

„ Das sind ungefähr halb so viele, wie die Auruunen aufgeboten haben, als sie das Angksystem überrannten – unterstützt von der zehnfachen Zahl an Kriegsschiffen ihrer Verbündeten, den Treymor zum Beispiel“, sagte Commander John Cloud und blickte in das, was die Holosäule vom trüben Äther jenseits der Schiffswandungen wiedergab. Die RUBIKON bewegte sich mit maximal halber Lichtgeschwindigkeit, mehr war für sie innerhalb der Anomalie kaum erzielbar, es sei denn, sie wäre transitiert. Aber diese Möglichkeit wollte Cloud nur sehr dosiert einsetzen.

Das Zentrum der geschrumpften Galaxie lag laut Sternenkarte und anderer Parameter, die Artovayn von der Parallelen Seite mitgebracht hatte, um ein zielgerichtetes Navigieren überhaupt erst zu ermöglichen, noch eine halbe Tagesreise entfernt.

Die Auruunenringe schienen von den physikalischen Verhältnissen innerhalb des Ätherraums weit weniger beeinträchtigt zu werden als das Rochenschiff, in dem foronische Technik mit bractonischer – gleichbedeutend mit ganfscher – gekreuzt worden war. Doch selbst die mitunter an Magie erinnernde Hightech der Ganf schien von dem, was von den Auruunen in dieser Hinsicht aufgeboten werden konnte, weit in den Schatten gestellt zu werden.

Ein einziges Ringschiff, mit dem Cloud es im Dunkelwolkenversteck der Abrogaren zu tun bekommen hatte, wäre beinahe nicht nur ihnen, sondern sämtlichen dort ansässigen Geschöpfen zum Verhängnis geworden. Durch die Aktivierung der stärksten Waffe überhaupt, die die RUBIKON an Bord hatte, war nicht nur das Feindschiff zerstört worden, sondern auch Phaeno in den Untergang gerissen worden.

Und nun: zehntausend Ringe, nicht nur ein einzelner, die unterwegs waren, um...

... um was zu tun?

Cloud tippte auf das Abrogaren-Versteck in Eleyson, ohne dafür aber stichhaltige Beweise zu haben. Es war ein Bauchgefühl, weil es sich in sein Gedächtnis gebrannt hatte, mit welcher Macht ein einzelnes Ringschiff versucht hatte, sich über Phaeno zu materialisieren. Im Abrogaren-Versteck. Und dass es der ultimativen Waffe der RUBIKON bedurft hatte, dieses eine Ringschiff zu besiegen.

Und jetzt: zehntausend dieser Kampfklasse?

Ihm graute bei der bloßen Vorstellung, wer diese geballte Kriegsgewalt zu spüren bekommen sollte. Auch wenn es doch nicht die Abrogaren waren, irgendjemand würde damit wahrscheinlich von der Bühne des Lebens gefegt werden.

„ Sollen wir ihnen nicht doch folgen?“, fragte Scobee, die blasser als sonst wirkte.

Die gesichtete Armada hatte auch bei ihr bleibenden Eindruck hinterlassen.

„ Nein“, bekräftigte er seine bereits getroffene und verkündete Entscheidung. „Wir haben Najnovoor mit dem erklärten Ziel verlassen, nun endlich ins Zentrum Scharans vorzustoßen. Von dort kam auch die Flotte. Wenn sich irgendwo ein Hebel ansetzen lässt, um die Tyrannen zu Fall zu bringen, dann dort. Aber zuerst müssen wir wissen, was genau dort auf uns wartet und vor sich geht!“

Scobee schürzte die Lippen. „Du entscheidest.“

Cloud gab nicht zu erkennen, wie sehr er diesen Satz hasste.

Im Allgemeinen fielen Entscheidungen auf der Basis langer gemeinsamer Diskussionen.

Aber es gab auch Situationen, in denen er offen auf sein Recht als Kommandant dieses Schiffes pochte.

Freundschaft hin oder her.

Er war überzeugt von dem, was er als aktuellen Befehl ausgegeben hatte.

Das Zentrum – dort und sonst nirgends lag ein Geheimnis verborgen, das in seiner Größe und Bedeutung all die vielen „Nebengeheimnisse“ der Auruunen überstrahlte.

Und ich will endlich wissen, was es ist!

Ich WILL.

13 Milliarden Lichtjahre entfernt von zuhaus „arbeitete“ sich die RUBIKON näher und näher an dieses Rätsel heran...

1.

––––––––

Jiim suchte Rat bei Jelto, der sich, wie eigentlich fast immer, in seinem hydroponischen Garten aufhielt.

„ Sieh nicht so schwarz, mein geflügelter Freund!“ Die schockgrünen Augen des Florenhüters machten keinen Hehl aus der Zuneigung, die Jelto für den Nargen empfand, der auf eine wechselvolle Geschichte zurückblicken konnte – wie eigentlich jeder Mannschaftsangehörige der RUBIKON. Zumindest, was die Stammcrew betraf. Sie alle hatten Krisen durchlaufen und Herausforderungen bewältigen müssen, ehe an Bord des Rochenraumers endlich so etwas wie Kontinuität und Stabilität in ihr Leben getreten war.

Jelto selbst bildete da keine Ausnahme. Aber an seine Tage in den Wäldern von Beijing dachte er nur noch selten – und wenn, dann ungern – zurück.

Seine Leidenschaft galt seit jeher den Pflanzen; das war ihm quasi in die Gene gelegt. Aber damals auf der Erde unter der Master-Tyrannei war seine Gabe missbraucht worden. Im Grunde war er nichts anderes als der willfährige Helfer eines Terrorregimes gewesen, der darauf zu achten hatte, dass seine „Kinder“ spurten. Seine Zöglinge, die den breiten Vegetationsstreifen um das Getto bildeten, in dem missliebige Personen fernab der großen Metrops ihr Dasein fristen mussten, weil sie in den Augen der außerirdischen Unterdrücker eine Gefahr für deren Machterhalt darstellten.

Wie real diese Gefahr letztlich tatsächlich auch gewesen sein mochte, sie rechtfertigte nach Jeltos Überzeugung nicht, was diesen Menschen angetan worden war. Die Keelon hatten sie aus der Gesellschaft förmlich herausgeschnitten und auf ein Terrain verbannt, wie es tückischer und gefährlicher kaum vorstellbar war.

Aber all das hatte er erst viel später erfahren und in seiner ganzen Tragik überblicken können. Nach seiner Begegnung mit John Cloud und Scobee, den Menschen aus der Vergangenheit. Dem Schicksal hatte es gefallen, sie aus ihrer eigenen Epoche in die von Jelto zu spülen. Und nur diesem Umstand hatte der Florenhüter es zu verdanken, dass er inzwischen ein Leben in Freiheit führte, das ihn selbst nicht länger nur an einen Fleck band, sondern ihm die Türen zu unglaublichen Plätzen des Universums geöffnet hatte. Die Bedrohungen, die er dabei gemeinsam mit der restlichen Crew hatte meistern müssen, waren all das wert gewesen, was seinen Status als Individuum heute ausmachte.

Die wichtigste persönliche Veränderung aber war und blieb: Er hatte Freunde gewonnen – nicht nur Menschen, auch Extraterrestrier –, mit denen er sich austauschen konnte. Und die seinen Rat schätzten. Seine Fähigkeit, zuhören zu können.

So wie Jiim gerade.

„ Nicht schwarz sehen? Du hast leicht reden. Der Junge macht mir ja nicht zum ersten Mal Kummer. Und glaub mir, allmählich entwickelt man als Orham einen sechsten Sinn dafür, wenn etwas im Busch ist.“

Jelto musste unwillkürlich lächeln, versuchte aber, es nicht nach außen dringen zu lassen, um Jiim nicht noch mehr zu verunsichern. Dieses „nach innen Lächeln“ war eine Spezialität von ihm geworden, und im aktuellen Fall bezog es sich auf die Selbstverständlichkeit, mit der sein nargischer Freund irdische Redensarten benutzen gelernt hatte.

Redensarten, die selbst Jelto erstmals aus dem Mund der „Alteingesessenen“ gehört und dann für sich übernommen hatte. Das 21. Jahrhundert, aus dem John, Scobee und Jarvis stammten, musste ein insgesamt bunter und lebensfroher Zeitabschnitt gewesen sein – zumindest bis zum Tag der Keelon-Invasion, dem Tag, als die Äskulapraumer der Eroberer über allen damaligen Hauptstädten aus dem Himmel herabgeschwebt waren und die totale Kontrolle übernommen hatten. Im Laufe der folgenden zwei Jahrhunderte, die der Commander und seine Gefährten aus jener Zeit aufgrund temporärer Manipulationen „übersprungen“ hatten, war das Gesicht der Erde einem radikalen Wandel unterzogen und die Erdbevölkerung durch Ausleseprozesse erschreckend dezimiert worden.

„ Wenn es um dieselbe Sache geht, mit der du erst letztens bei mir warst: Ich dachte, das hätte sich geklärt. Sagtest du nicht, die Sache mit dem Avatar, dessen Ursprung zunächst nicht zu Yael zurückzuverfolgen war, wäre beigelegt? Dieser Gloride... wie heißt er doch gleich?“

„ Artovayn.“

Jelto nickte. „Ja, dieser Artovayn war doch auf der Parallelen Seite, wo auch Yael schon war, bei den dortigen Ganf. Diesmal schonten sie deinen Spross und bedienten sich des Gloriden, um Instruktionen – oder Tipps, wie sie es wohl nennen –, auf diese Seite zu schleusen. Und das ist doch nur zu begrüßen. Sie halten sich an ihr Versprechen, Yael nicht mehr für ihre Zwecke einzuspannen und ihm die Gelegenheit zu geben, wenigstens einigermaßen normal heranzuwachsen. – Oder tun sie das etwa doch nicht? Geht es darum? Wurden sie wieder aktiv?“

Jiim seufzte herzergreifend. „Wenn ich das nur wüsste.“

Jelto nickte ihm zu und führte sie zu der Ruhebank am Fuße des kleinen Hügels, auf dem sich der Vaschganenbaum erhob, in dessen Geäst sich Alcazar häuslich eingerichtet hatte.

Jiim warf suchende Blicke hinauf, bevor er sich setzte, was gar nicht so einfach war, da er auch noch seine Flügel „unterbringen“ musste.

Jelto sagte: „Er ist hinter den Blättern nicht zu sehen, ebenso wenig wie sein Wohngespinst, das er hoch oben in der Krone verankert hat. Aber er wird uns auch nicht stören. Er respektiert die Privatsphäre anderer und hat ein unglaubliches Gespür dafür, wenn Besucher unter sich bleiben wollen – so wie wir beide gerade, habe ich recht?“

Jiim entspannte sich leicht. „Ich habe nichts gegen den Abrogaren.“

Jelto lächelte milde. „Ich weiß. Und er weiß es auch.“

Damit schien es endgültig gut zu sein.

Zumindest, was dieses Thema anging.

„ Also?“, fragte Jelto. „Was ist vorgefallen?“

„ Vorgefallen in dem Sinne nichts.“ Jiims Augen wirkten so traurig wie selten zuvor. „Aber wie du schon sagtest: Auch ich dachte, nach der Avatar-Auflösung und Artovayns Erklärungen, was es damit auf sich hatte, würde Yael wieder zur Ruhe kommen. Zuvor hatten ihn ja Albträume geplagt, ich hatte davon erzählt.“

„ Die Ganf benutzten ohne sein Wissen seine Fähigkeit des Avatar-Zaubers – so nennt ihr es, oder? –, um Artovayn zu sich zu rufen. An diesen ominösen Ort, den niemand sich so recht vorstellen kann und wohin sie sich offenbar während des Falls des Angksystems gerettet haben – eine ‚Seite‘ oder Zone der RUBIKON, die auf normalem Wege nicht zu betreten und auch auf keinen Grundrissplänen verzeichnet ist. Eine Art metaphysische Sphäre, die nur unter ganz besonderen Bedingungen erreicht werden kann.“

Jiims Flügel zuckten kurz, als wollten sie seine Hilflosigkeit unterstreichen, was diese Dinge anging. „Darüber weiß ich nichts. Yael erzählt ungern von ‚drüben‘, habe ich den Eindruck. Ich habe ein paarmal versucht, etwas darüber zu erfahren, was nicht allgemein bekannt ist – aber er blockt völlig ab.“

„ Immer noch? Auch nachdem ihm die Ganf quasi die ‚Absolution‘ erteilt und gelobt haben, seine Hilfe künftig nur noch in Ausnahmefällen einzufordern?“

Jiim seufzte. „Du siehst ja, wie dehnbar dieses Versprechen ist. Auch wenn sie ihn nicht erneut selbst zu sich gerufen haben, so wurde er doch mehr oder weniger wieder von ihnen missbraucht.“

„ Um den Gloriden zu ihnen zu befördern.“

Jiim nickte. „Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll.“

Jelto blickte ihn fragend an. „Was genau ist denn das aktuelle Problem? Wenn ich dich recht verstehe, bist du der Ansicht, sein Leiden habe auch nach Abschluss der Aktion mit dem ungewollt erzeugten Avatar nicht aufgehört. Aber inwiefern? Wie äußert sich das? Und – ganz wichtig – weiß der Commander davon?“

„ Wenn es so einfach wäre.“

„ Ist es das nicht?“

„ Nein! John will ich aus dem Spiel lassen.“

„ Warum?“

„ Weil ich mir schon denken kann, was er sagt.“

„ Dass du dir unnötig Sorgen machst.“

„ Zum Beispiel.“

„ Du könntest ihn trotzdem bitten, Sesha einen aktuellen Diagnosescan durchführen zu lassen. Er würde sicher nicht ablehnen.“

Jiim nickte. „Aber Yael würde ablehnen. Und dann hätte ich das, was ich vermeiden will.“

„ Dir seinen Zorn zugezogen?“

„ Er ist hypersensibel.“

„ Von wem er das wohl hat?“ Jelto zwinkerte ihm zu.

„ Nimm mich ernst.“

„ Das tue ich. Aber wenn du Sorge um seine Psyche hast, musst du etwas unternehmen. Du weißt, dass ich den Kleinen mag. Es wäre schrecklich, wenn –“

Jiim fiel ihm ins Wort. „Was denkst du, was es für mich erst wäre! Aber ich habe gerade erst wieder ein Vertrauensverhältnis zu ihm aufgebaut. Über seinen Kopf hinweg kann und werde ich nichts veranlassen, das ihn gegen mich aufbringen könnte. Du hast keine Kinder, du kannst das vielleicht nicht verstehen, aber...“

Jelto ließ ihn nicht ausreden. „Keine Kinder aus Fleisch und Blut, da magst du recht haben.“ Er machte eine ausholende Geste, die den Garten umschloss. „Aber das alles hier sind irgendwo meine Kinder – bis auf den hier vielleicht, der ein bisschen zu alt ist, um mein Kind sein zu können.“

Er zeigte mit dem Daumen hinter sich zu dem Vaschganenbaum, den sie bereits in hohem Alter von seinem Venlog-Standort hierher an Bord verpflanzt hatten. Der Vaschgane war das einzige intelligente Pflanzenwesen, das sich zurzeit auf der RUBIKON aufhielt. Das andere, Cy, war unter tragischen Umständen umgekommen, lebte aber in der Erinnerung seiner vielen Freunde fort. Im Gegensatz zu dem Vaschganen war Cy mobil gewesen. Und um einiges kleiner, was seiner Mobilität zugutegekommen war.

Während seine Gedanken kurz zu dem Aurigen abschweiften, wurde Jelto bewusst, dass er den blättrigen Gefährten vermisste; sie hatten tiefschürfende Gespräche miteinander geführt. Und nicht selten hatte Jelto den Aurigen in sein Aurenlicht gebadet, was dieser als Hochgenuss empfunden hatte.

„ Entschuldige. Ich wollte dir nicht zu nahe treten.“

Jelto winkte ab. „Außerdem habe ich Aylea. Sie ist quasi adoptiert.“ Er grinste.

„ Kommt sie immer noch bei dir vorbei? Ich habe sie lange nicht gesehen.“

„ Wenn du mich so fragst: Nein. Es ist auch schon eine ganze Weile her, dass ich sie gesehen habe. Früher kam sie oft. Meist in Gesellschaft von Winoa.“

„ Die jetzt offenbar andere Gesellschaft bevorzugt.“ Jiim nickte.

„ Du meinst Yael.“

Jiim nickte abermals.

„ Stört dich, dass sie zusammen sind? Hand aufs Herz, alter Freund.“

„ Nun, anfangs fand ich es ein wenig... wie soll ich sagen... befremdlich. Nicht, weil ich das Angkmädchen nicht mag. Aber mein Yael ist kein Angk. Und wie du weißt, sind wir auch nicht so von der Natur ausgestattet, dass wir Geschlechtspartner brauchen, um –“

„ Ich glaube“, sagte Jelto, „das wissen die beiden mindestens so gut wie du und ich. Trotzdem scheint ihre Liebe Wege gefunden zu haben. Mich freut das.“

Jiim bekundete seine Übereinstimmung. „Ich sagte ‚anfangs‘. Winoa war Yael seither schon so oft Beistand, dass ich sie längst ins Herz geschlossen habe. Wenn es für sie und ihn keine unüberwindbaren Hürden gibt, meinen Segen haben sie.“

„ Das ist die rechte Einstellung! Und falls Yael tatsächlich immer noch etwas quält, solltest du darauf vertrauen, dass jemand, der ihm so nahe steht wie Winoa – in gewisser Weise sogar noch näher als du –, sicher aus ihm herauskitzelt, was es sein könnte.“

„ Du meinst, ich sollte mich mit Winoa verbünden?“

Jelto wirkte entsetzt. „Bei Prosper Mérimées Barthaar! Nein! Alles, nur das nicht! Du sollst sie, verdammt noch mal, ganz in Ruhe lassen, sonst machst du alles nur noch schlimmer! Tu, was du am schlechtesten kannst: Halte dich zurück.“

„ Und das soll der Rat eines Freundes sein?“

„ Das ist der beste Rat, den ein Freund dir geben kann.“

Als Jelto und Jiim wenig später ihre Plätze auf der Bank verließen, raschelte es über ihnen in den Blättern des Vaschganen.

Aber keiner von ihnen nahm davon Notiz.

Alcazar verließ den hydroponischen Garten in einem unbemerkten Moment, um lästige Fragen nach dem Wohin zu umgehen.

Es war die erste Solo-Erkundung des Schiffes durch den Abrogaren überhaupt. John Cloud hatte ihm den Status eines normalen Besatzungsmitglieds verliehen, das sich absolut frei an Bord bewegen konnte. Ausgenutzt hatte er das bislang noch nie.

Jetzt schien ihm der Moment gekommen, das zu ändern.

Seine Absichten waren absolut lauter – die Frage war nur, ob sie auch so verstanden werden würden.

„ Künstliche Intelligenz Sesha, ich benötige deine Hilfe“, sagte er, als er eine Gangbiegung zwischen sich und den Eingang zu Jeltos grünem Reich gebracht hatte, in dem Alcazar sich nach wie vor wie ein Gast fühlte, dem Aufenthaltsrecht eingeräumt worden war. Wirklich heimisch fühlte er sich auf der RUBIKON noch nicht, wofür aber die RUBIKON nichts konnte. Er vermisste seine Heimat, auch wenn man ihn dort wie einen Schwerverbrecher behandelt und in die Verbannung geschickt hatte. John Cloud hatte ihm Asyl auf seinem Schiff gewährt.

Asyl.

In seinen schwärzesten Momenten hätte er sich nicht träumen lassen, dass es einmal so weit kommen könnte. Und alles nur, weil er zu vertrauensselig war. Weil er einem Mitglied der RUBIKON-Crew dabei geholfen hatte, die Weltennetz -Kopie für seine Zwecke zu benutzen – woraus letztlich die völlige Vernichtung Phaenos resultierte. Nur so war zu verhindern gewesen, dass die Tyrannen, die jenseits der Dunkelwolke ganz Eleyson unterworfen hatten, über die anderen Welten des geheimen Abrogaren-Reiches herfielen.

Die Erinnerung an die Geschehnisse, die ihn hierher gebracht hatten, verursachten Alcazar ein Brennen in allen Körperbereichen; auch die Kopfpartie mit den Perlenaugen, die ihre Blicke den Korridor entlangschickten, blieb davon nicht verschont. Migräneartiger Schmerz durchpulste sein Gehirn, und es kam zu leichten Ausfallerscheinungen, die zwei seiner acht Extremitäten zum Stolpern brachten. Ohnehin bevorzugte er die Fortbewegungsart, die sein Volk seit Anbeginn seiner Entstehung perfektioniert hatte: immer den Faden entlang!

Aber das wäre in dieser Umgebung zu aufwändig und nicht praktikabel gewesen. Deshalb huschte er mehr oder weniger elegant auf den Spitzen seiner variablen Gliedmaßen dahin, die wahlweise als Beine mit Fußenden oder Arme mit Händen dienten. Die Sinneshaare, die seinen Körper bedeckten, sträubten sich unter jedem Luftzug, der fremde Düfte oder Geräusche zu ihm trug.

Alcazar stand immer noch unter Schock.

Hatte er wirklich um einen Faden den Untergang seines ohnehin schon gebeutelten Volkes verschuldet?

Die Abrogaren nannten sich seit ihrem Untertauchen in der Dunkelwolke „die Getilgten“ – weil das Erscheinen und die rigorose Machtübernahme der Auruunen unzählige Völker völlig ausradiert hatten und die Abrogaren beinahe ausgerottet hätten. Ein kläglicher Rest hatte sich den Nachstellungen entziehen und in die Wolke retten können. Die Auruunen hatten sich bald darauf am Ziel geglaubt und Eleyson den Stempel absoluter Kontrolle aufgedrückt. Dazu gehörte, dass sie es keiner anderen Zivilisation gestatteten, noch eine Raumfahrt zu betreiben, die diesen Namen verdiente. Auf jegliche Hochtechnik hatten die Tyrannen das Monopol. Und nur unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen betrieben die Abrogaren ihre Vorstöße in die Galaxie weiterhin.

Erst mit dem Auftauchen der RUBIKON war diese Gratwanderung gescheitert. Wobei Alcazar auch der Besatzung des Schiffes keine Schuld zuweisen wollte. Sie waren von einem Abrogaren-Kommandanten namens Scutor in die Dunkelwolke gelotst worden. Dabei waren sie auf das bestgehütete Geheimnis der Arachniden gestoßen: die Weltennetz -Kopie, mit deren Erforschung sie gehofft hatten, das Regime der Auruunen ins Wanken bringen zu können. Vielleicht wäre dies eines Tages gelungen. Doch noch vor der Ankunft der RUBIKON war die Menschenfrau Assur auf Phaeno erschienen – das kopierte Weltennetz schien sie ausgespuckt zu haben. Unter welchen Umständen, war zunächst ein Rätsel gewesen. Alcazar hatte sich in gewisser Weise mit Assur angefreundet, so weit stimmten die Vorwürfe, die das Tribunal ihm gemacht hatte. Aber er hatte keinen Verrat an seinem Volk begangen, geschweige denn es sabotiert!

Lieber wäre er gestorben, als das zu tun.

Assur war über das Avatar-System auf Phaeno verschwunden, ohne dass Alcazar es hatte verhindern können – wobei er sich nicht sicher war, ob er es getan hätte, wenn er dazu in der Lage gewesen wäre.

Im Zuge dieser Benutzung des galaxienübergreifenden Transportsystems der Auruunen waren die Tyrannen auf die unrechtmäßig erstellte Kopie aufmerksam geworden. Eines der gefürchteten Ringschiffe der Eroberer hatte versucht, über Phaeno zu materialisieren. Ihm wären höchstwahrscheinlich noch weitere gefolgt. In der Aufarbeitung der Geschehnisse hatte es niemanden gegeben, der daran auch nur den geringsten Zweifel hegte.

Die über Phaeno stationierten Wachforts waren nicht im Stande gewesen, das aufgetauchte Ringschiff aufzuhalten. Im letzten Moment hatte es jedoch die RUBIKON unter John Cloud geschafft, wenngleich sie dafür die entsetzlichste Waffe hatte einsetzen müssen, deren Wirkung Alcazar – und auch jeder andere lebende Abrogare – jemals erlebt hatte.

Q-Waffe , nannten die Besucher die unbändigen Kräfte, die aus der Schwanzspitze ihres wie ein Unterwasserwesen geformten Raumschiffs hervorgebrochen waren; Kräfte von solcher Urgewalt, dass auf begrenztem Raum selbst die „Wände“ des physikalischen Raumes niedergerissen wurden. Fremde Dimensionen und Kontinuen hatten sich geöffnet – und nicht nur das Ringschiff der Auruunen verschlungen, sondern auch den Wissenschaftsplaneten Phaeno mit allem und jedem, was sich zu dem Zeitpunkt darauf oder in zu großer Nähe befunden hatte.

Alcazar hielt kurz inne, um den Schwindel vorbeigehen zu lassen, der ihn befiel, wenn er an das dachte, was die Q-Waffe angerichtet hatte. Der Dimensionsriss war kurz darauf offenbar von den Selbstheilungskräften des Kosmos wieder geschlossen worden. Phaeno und den Schutz, den die Abrogaren bis dato in ihrem Versteck genossen hatten, brachte das jedoch nicht wieder zurück.

Seit jener Stunde war der Rat der Arachniden in ständiger Alarmbereitschaft, genau wie sämtliche Raumschiff-Einheiten und getarnten Stützpunkte außerhalb der Wolke.

Ratsherr Emmeriz, der letztlich auch für Alcazars Verurteilung votiert hatte, hatte es auf den Punkt gebracht, als er erklärte, dass das Erscheinen des Auruunenrings über Phaeno wahrscheinlich die Stunde eingeläutet hatte, von der ab die Tyrannen von Eleyson nun definitiv wussten, dass die „Getilgten“ wider Erwarten doch noch existierten.

Und dass sie alles daran setzen würden, dies zu ändern.

Falls dies jemals geschah, war Alcazar fest entschlossen, auch seinem Leben ein Ende zu setzen.

Wenn die Schuldgefühle ihn jetzt schon schier erdrückten, wie hätte er dann das ertragen sollen?

„ Welche Art von Hilfe?“

Die Frage der kybernetischen Bordinstanz riss Alcazar aus seinen schwermütigen Gedanken.

Er schilderte der KI seine Absicht – und sie leitete ihn sicher an sein Ziel.

Das Haus war still wie selten. Yael hörte und fühlte Winoas Atem. Sie lag eng an ihn geschmiegt da und schien zu schlafen, während er... wach lag.

Wieder einmal.

Seit dem Avatar-Zwischenfall hatte er kein einziges Mal mehr durchgeschlafen, ganz gleich, ob hier im Angkdorf oder in der Baumhütte von Pseudokalser. Es war, als hätte er Angst, dass sich der Zwischenfall wiederholte. Dass er erneut einen Avatar „produzierte“, ohne es eigentlich zu wollen – einen Avatar oder... Schlimmeres.

Dass sich hinter solchen Ängsten keine Logik verbarg, war ihm selbst klar. Aber sein Unterbewusstsein schien Argumenten der Vernunft weitgehend unzugänglich.

Er hatte schon bessere Zeiten durchlebt.

Hör auf, dich in Selbstmitleid zu suhlen. Kapier endlich, wie privilegiert du bist. Niemand hat auch nur annähernd ein solches Potenzial wie du. Und niemand...

Er sog Winoas Duft ein.

... hat auch nur annähernd eine so bezaubernde Freundin!

Das waren die Fakten.

Trotzdem war Yael auch nach den Ereignissen um den Ruf der Ganf, die Artovayn zu sich zitiert hatten, von einer Unruhe erfasst, wie selten zuvor.

Er wusste, dass er das auch ausstrahlte. Und dass Leute, die ihm nahestanden, gar nicht umhin konnten, es zu bemerken.

Und sich Sorgen zu machen.

Er wünschte, er hätte es ändern können.

Er wünschte, er hätte selbst gewusst, was mit ihm los war.

Es läutete.

Yael zuckte zusammen. Winoa regte sich in seinen Armen. Ihre Lider flatterten, aber statt wach zu werden, maunzte sie nur wie ein satt-zufriedenes Kätzchen, das sich in seinem Korb eingerollt hatte, und drehte sich zur anderen Seite.

Aber der Summer gab nicht auf. Als er das zweite Mal erklang, richtete Winoa sich fast simultan zu Yael im Bett auf. Es kam höchst selten vor, dass sie Besuch hatten. Rotak vielleicht...

„ Haus?“, wandte sich Winoa noch ganz schläfrig an den Mechanismus, der die Bedingungen innerhalb der Räumlichkeiten steuerte und sämtliche vorhandenen Gerätschaften überwachte. „Wer ist das? Holo!“

Schräg vor ihnen entstand in der Luft ein Hologramm, das ein Wesen abbildete, wie es Yaels Kenntnis zufolge nur einmal an Bord vorkam.

„ Das muss dieser Arachnide sein – Alcazar!“

„ Der bei Jelto lebt?“ Winoa zog beide Brauen als Ausdruck ihrer Verwunderung hoch. „Was sollte er von uns wollen?“

„ Es gäbe eine Möglichkeit, das zu erfahren“, erwiderte Yael mit einer Lockerheit, die so bemüht klang, dass es Winoa in jeder anderen Situation aufgefallen wäre.

So aber nickte sie nur, stand mit geschmeidigen Bewegungen auf und verschwand in der Hygienezelle. „Dann erledige du das mal – und sei ein guter Gastgeber. Ich komme dann dazu.“

Alcazar wartete stoisch, bis eine Reaktion auf seinen Kontaktversuch erfolgte. Als die Tür des Gebäudes, zu dem Sesha ihn gelotst hatte, aufging, war er erleichtert, denjenigen zu sehen, zu dem es ihn mit Macht gedrängt hatte.

Der freundlichen Begrüßung folgte das Betreten des Quartiers, dessen stilvolle Architektur sich harmonisch in das Gesamtbild des „Dorfes“ einfügte. Alcazar war von der Originalität der Angk-Unterkünfte mindestens so angetan wie von der geflügelten Gattung, der sich „Narge“ nannte. Seines Wissens gab es zwei Exemplare an Bord – immerhin eins mehr als Abrogaren.

Das klang nach einem kleinen Unterschied, war aber ein großer.

Alcazar folgte Yael in einen Raum mit Sitzgelegenheiten, die weder dem Nargen noch einem Arachniden maßgeschneidert waren.

„ Wäre es in Ordnung, wenn ich mir...“ Er zögerte.

„ Sprich nur“, ermunterte ihn Yael. „Hast du einen bestimmten Wunsch?“

Alcazar zeigte auf die Sitzmöbel, und Yael verstand.

„ Oh“, machte er und überlegte merklich angestrengt, wie er Alcazars Anforderungen an eine passende Ergonomie erfüllen konnte.

„ Wenn du mir erlauben würdest“, sagte der Abrogare, „einen Faden zu fixieren.“ Er zeigte zur Decke. „Irgendwo da oben...“

„ Einen Faden?“

Der Narge war so irritiert, dass ihm jemand anders mit der Antwort zuvorkam. „Aber ja!“, rief eine Stimme hinter ihm.

Ein weiblicher Mensch geriet in Alcazars Blickfeld.

„ Fühl dich wie zu Hause!“

Statt einer verbalen Erwiderung schoss Alcazar einen dicken Faden zur Decke und hängte sich daran auf. Dann wartete er, bis Yael (mit verständlicher Mühe) und der weibliche Mensch (ohne jegliche Schwierigkeit) auf einem breiten Sitzmöbel nebeneinander Platz genommen hatten.

„ Was können wir für dich tun, Alcazar?“, fragte Yael. „Oder ist das einfach nur ein Besuch, damit wir uns näher kennenlernen? Falls dem so ist: Du beschämst uns. Eigentlich wäre es an denjenigen der Besatzung, die schon viel länger an Bord sind als du, dich willkommen zu heißen.“

„ Darum geht es nicht“, stellte der Abrogare klar.

„ Nein? Worum dann?“

„ Ich habe ein Gespräch belauscht.“

„ Belauscht?“ Sofort gingen seine beiden Gegenüber emotional auf Distanz.

„ Vielleicht ist das nicht ganz richtig formuliert. Ich will es so sagen: Ich wurde ungewollt Zeuge eines Gesprächs. Im hydroponischen Garten.“

„ Wessen Gespräch?“

„ Jelto und Jiim unterhielten sich unmittelbar bei dem Baum, in dem ich wohne.“

Der Vorbehalt war wieder aus Yaels Stimme gewichen, als er sagte: „Mein Orham und Jelto kennen sich gut. Sie sind befreundet. Wenn sie reden, ist das nichts Ungewöhnliches.“

Zwischen den Sätzen hörte Alcazar heraus, dass Yael gar nicht wissen wollte , worum es bei dem Gespräch gegangen war – so als ahnte er, dass es mit ihm zu tun haben könnte.

Aber Alcazar war aus keinem anderen Grund gekommen, als es zur Sprache zu bringen.

Er berichtete, was ihm zu Ohren gekommen war.

Während Yael sich sichtlich versteifte und in Abwehrhaltung ging, schien der weibliche Mensch Alcazars Vorstoß aufgeschlossener gegenüberzustehen.

„ Er macht sich zu Recht Sorgen“, sagte sie. „Und ich tu es auch. Mein Freund hier...“, sie legte den Arm hinter den Rücken des Nargen und strich über dessen Kleidung, „... ist so anhaltend gestresst, wie ich es noch nie bei ihm erlebt habe. Und er weigert sich strikt, sich untersuchen zu lassen. Dabei verwaltet Sesha mittlerweile eine solche Menge medizinischer Daten über ihn, dass es wahrscheinlich ein Leichtes wäre, ihm zu helfen.“

„ Wahrscheinlich“, sagte Alcazar in einem Ton, der zumindest einem Abrogaren verraten hätte, dass er davon keinesfalls überzeugt war.

Yael musterte ihn angespannt. „Und du bist nur gekommen, um mir mitzuteilen, dass mein Orham sich – wieder einmal, möchte ich betonen – um mich sorgt?“

Alcazar machte eine Geste der Verneinung, die der verbalen Unterstützung bedurfte. „Keineswegs. Ich bin gekommen, um dir Hilfe anzubieten. Meine Hilfe. Ich hatte Zeit, nachzudenken. Und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich, wenn ich ein echtes Mitglied der Gemeinschaft werden will, die dieses Schiff beherbergt, zuallererst unter Beweis stellen muss, dass ich nicht einfach nur anwesend sein will. Ich will meinen Teil zum Gemeinwohl beitragen. Das war auf der Welt, wo ich groß wurde, so, und das soll auch hier so sein. Wo ich lebe, will ich wirken, nicht nur sein.“

„ Das ist schön formuliert“, sagte der weibliche Mensch.

„ Es ist nicht von mir, sondern von einem der großen Philosophen meines Volkes.“

„ Du klingst traurig, wenn du das sagst. Vermisst du deine Heimat?“

Das war der Moment, in dem Alcazar den weiblichen Menschen zum ersten Mal richtig ansah.

„ Was wäre, wenn ich ja sagte?“, fragte Yael. „Worin würde deine... Hilfe bestehen?“ Er wiegte skeptisch den Kopf. „Du weißt fast nichts über mich und meine Spezies, woher solltest du auch. Aber ohne solches Wissen wirst du kaum in der Lage sein, mir –“

„ Es gibt Dinge, die müssen nicht erlernt werden. Geschult, ja. Aber nicht erlernt. Ich rede von natürlichen Gaben. Du besitzt sie, wie man hört, im Übermaß. Und sie lassen sich wahrscheinlich nicht einmal nur in Schubladen mit der Aufschrift ‚NATÜRLICH‘ einsortieren.“

„ Du hast auch eine Gabe?“ Plötzlich wirkte Yael viel interessierter, als noch einen Atemzug zuvor.

„ Keine besondere“, erwiderte Alcazar. „Jedenfalls unter Abrogaren nicht.“

„ Welche?“

„ Wir sind in der Lage, uns an andere Lebewesen anzudocken.“

„ Anzudocken?“

„ In sie zu tauchen.“

„ Du meinst: Telepathie. Ich wusste gar nicht, dass ihr –“

„ Keine Telepathie, nein. Es geht auf unsere archaischen Vorfahren zurück, und kein heutiger Abrogare weiß sicher, warum die Natur uns mit dieser Gabe beschenkte. Wahrscheinlich diente sie einst, als wir noch darauf angewiesen waren, Beute zu jagen und zu erlegen, dazu, Tiere, die unseren Anstrengungen zunächst entkamen, obwohl wir sie... nun, obwohl wir sie schon gebissen hatten... doch noch aufzuspüren.“

„ Ein Gift, das ihren Fluchtradius einschränkte?“

Alcazar verneinte. „Kein Gift – aber eine Substanz, über die wir unseren Geist in den Körper der Beute schicken konnten und sahen, fühlten, dachten, als wären wir sie – ohne dass gleichzeitig unser eigenes Ich ausgeblendet wurde. Und ohne dass der Gebissene unsere Präsenz überhaupt bemerkte.“

Sie starrten ihn beide zweifelnd an.

„ Ein Gift“, befand der weibliche Mensch, „wäre entschieden simpler, aber bestimmt ebenso effektiv gewesen.“

„ Manchmal geht die Natur verschlungene Pfade“, sagte Alcazar. „Sehe ich das richtig, dass ihr beiden... ein Paar seid?“

Die Gesichtshaut des Weibchens färbte sich rötlich. „J-ja.“

„ Das meinte ich, als ich sagte, dass die Natur nicht immer den wahrscheinlichsten oder naheliegenden Weg wählt.“

„ Habe ich das richtig verstanden?“, fragte Winoa. „Du willst Yael, um ihm zu helfen, beißen ?“ Sie brauchte ihren Freund nur anzusehen, um zu wissen, was er dazu meinte. „Ich fürchte, da beißt du auf Granit“, sagte sie. „und ganz ehrlich: Ich würde es auch als keinen guten Einstand für eine ausbaufähige Bekanntschaft betrachten.“

Der Abrogare ließ nicht locker. „Vielleicht habe ich es nicht klar genug formuliert: Die archaischen Zeiten sind längst überwunden. Mein Volk jagt heute nicht mehr, um sich zu ernähren. Wir sind... wie würdet ihr sagen? Nun, wir sind kultiviert. Ich wollte damit nur anbieten, dass ich Sesha bitten könnte, mithilfe eines Bots ein wenig von der Substanz, die mein Körper nach wie vor produziert, aus mir zu entnehmen und den Extrakt dann via schmerzfreie Injektion in Yaels Blutkreislauf zu befördern. Falls keine allergische Reaktion erfolgt – was man sicher im Vorfeld abklären kann –, wird die Substanz keinerlei merkliche Auswirkungen auf deine Befindlichkeit haben.“ Seine Perlenaugen ruhten jetzt nur auf Yael. „Du wirst gar nichts davon spüren. Ich allerdings...“

„ Du allerdings, Freund Spinne“, brach es aus Yael hervor, „wirst nach Lust und Laune in mir herumspazieren – metaphorisch ausgedrückt.“

Alcazar ließ sich an seinem Faden herab und landete auf dem Boden. Für einen Moment sah es so aus, als würde etwas von ihm auf den Faden überspringen; genau zu erkennen war es nicht. Aber nur wenige Augenblicke später war von dem Faden nichts mehr zu sehen, auch keine Überreste.

„ Wie... wie hast du das gemacht?“

Alcazar wandte sich bereits zum Ausgang. Statt zu antworten, sagte er: „Es tut mir leid, wenn ihr mein Angebot in den falschen Hals bekommen habt. Ich wollte Gutes tun, nicht schaden.“

Während Yael wie angewurzelt sitzen blieb, sprang Winoa auf und eilte dem Arachniden nach.

Sie brachte ihn zur Tür und trat mit ihm hinaus ins Kunstlicht, das eine Sonne im Zenit vorgaukelte. „Wir werden es uns überlegen, in Ordnung? Du musst verstehen, dass sich unsere Begeisterung in Grenzen hält. Vor allem Yael ist sehr auf Privatsphäre bedacht.“

„ Ich würde alles, was ich streife, während ich nach dem Missklang suche, der die Harmonie seines Seins beeinträchtigt, sofort nach meiner Rückkehr löschen.“

„ Das ginge so einfach?“

„ Es ist der einfachste Aspekt dieses Prozesses.“

„ Und du könntest versprechen, dass du, was du eventuell entdeckst, nur Yael – und mit seinem Einverständnis auch mir – berichtest?“

„ Wenn das sein Wunsch ist.“

Winoa zuckte mit den Schultern. „Wie ich schon sagte: Wir sprechen unter uns beiden darüber, und er wird es sich überlegen. Dürfen wir dich kontaktieren, wenn er seine Meinung doch noch ändert und einwilligt?“

„ Jederzeit. Ihr wisst, wo ich zu finden bin.“

Der Arachnide ging davon, verfolgt von Dutzenden Augenpaaren.

Die Bewohner des Dorfes wussten, wer er war. Aber kaum einer hatte ihn bislang leibhaftig zu Gesicht bekommen.

Winoa merkte, dass sie gern zu ihr herübergekommen wären und sich nach ihm erkundigt hätten. Aber danach stand ihr nicht der Sinn. Sie machte, dass sie wieder ins Haus kam, zurück zu Yael.

Sie brachte das Ansinnen des Besuchers an diesem Tag nicht wieder zur Sprache.

Und Yael tat es auch nicht.

Aber die Saat war gesät, das wusste er so gut wie sie.

Und irgendwann würde es sich nicht mehr vermeiden lassen, Alcazars Angebot zu diskutieren.

Abzuwägen, ob die mögliche Gefahr wirklich größer war als der mögliche Nutzen...

Jelto befand sich zufällig in der Nähe des Schotts, über das man in den hydroponischen Garten gelangte, als ihn das Öffnungsgeräusch aufblicken ließ.

Zu seinem Erstaunen sah er Alcazar hereinhuschen.

Nachdem er sich von seiner Überraschung erholt hatte, machte er den Arachniden auf sich aufmerksam und winkte ihn zu sich heran.

„ Alcazar! Ich hatte gar nicht bemerkt, dass du den Garten verlassen hast.“

„ Doch“, sagte der Abrogare.

„ Äh, ja, jetzt weiß ich das auch.“

„ Hätte ich mich bei dir abmelden müssen?“

Täuschte sich Jelto oder schwang in der Frage Angriffslust mit.

„ Nein, natürlich nicht. Von Müssen kann keine Rede sein“, beeilte er sich zu versichern, wodurch aber sein zunächst diffuses Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte, noch mehr Nahrung erhielt.

„ Gut“, sagte Alcazar und wollte seinen unterbrochenen Weg fortsetzen.

„ Warte! Ist etwas? Du benimmst dich seltsam. Ich will dir bestimmt nichts Böses, und so weit solltest du mich inzwischen kennen.“

Der Arachnide verharrte.

Nach einer Weile sagte er: „Ich war im Angkdorf.“

„ Im Angkdorf? Schön. Aber hatte das einen besonderen Grund?“

„ Ich wollte helfen.“

„ Helfen ist immer gut. Wenn du mir helfen willst...“ Jelto zeigte auf das Beet, an dem er gerade arbeitete. „... nur zu. Ich freue mich.“

„ Ich rede nicht von körperlicher Arbeit.“

„ Oh, ich vergaß, du bist ja Kopfarbeiter. Wissenschaftler.“

„ Das war ich. Und um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich scheue körperliche Arbeit nicht. Nur im Moment bin ich dazu nicht aufgelegt. Mir geht zu vieles durch den Kopf.“

„ Gartenarbeit macht den Kopf frei.“

„ Wer sagt das?“

„ Ich weiß nicht.“ Jelto zuckte mit den Schultern. „Ich?“ Er seufzte und trat näher an Alcazar heran. „Was beschäftigt dich denn? Vielleicht kann ich helfen. Plagt dich das Heimweh?“

Wieder schwieg der Abrogare fast eine Minute, ehe er sagte: „Du hattest vor Kurzem Besuch.“

„ Ah, ich dachte, du hättest ein Schläfchen gehalten und uns gar nicht bemerkt.“ Er nickte. „Aber du hast recht, Jiim war hier. Er brauchte jemanden, dem er sein Herz ausschütten konnte.“

Alcazar hatte offenbar keine Mühe, die Bedeutung der Redensart zu verstehen.

„ Darum geht es“, sagte er.

„ Worum?“

„ Um die Sorge deines Freundes.“

Jelto holte tief Luft und verlangte dann: „Jetzt ist aber genug mit dem Gerede um den heißen Brei! Leg die Karten auf den Tisch, mein vielbeiniger Nachbar! Was ist los mit dir? Was hat dein Besuch des Angkdorfes mit Jiims Sorgen zu tun?“

Der Abrogare schien leicht auf seinen Extremitäten einzuknicken. Doch dann rang er sich ein „Ich wusste nicht, wie du es aufnehmen würdest – immerhin war euer Gespräch nicht für mich gedacht“ ab und schilderte Jelto, was er vorgehabt hatte.

Er endete damit, dass sein Hilfsangebot abgelehnt worden war.

„ Wundert mich nicht“, seufzte Jelto. „Und was das Gespräch auf der Bank angeht: Wenn wir gewollt hätten, dass du es nicht mitbekommst, hätten wir es nicht ausgerechnet dort geführt. Aber in einer Gemeinschaft ist es nun mal so: Man wird immer mal Zeuge von Äußerungen. Und manchmal klinkt man sich einfach in Gespräche ein und diskutiert mit denen, die es führen. Das stärkt den Zusammenhalt. Ich habe selten eine Abfuhr erlebt. Das nächste Mal kommst du einfach dazu und sagst deine Meinung. Ist das bei euch so viel anders?“

„ Bei uns ist es verpönt, sich in die Gespräche anderer einzumischen. Die Teilnahme ist nur nach Aufforderung gestattet.“

„ Ziemlich steifer Laden, wenn du mich fragst.“

Alcazar schwieg.

„ Und du wolltest tatsächlich in Yael kriechen – geistig, versteht sich –, um auszuloten, was mit ihm nicht stimmt, was ihn belastet?“

„ Inzwischen weiß ich auch, dass ich damit eine Grenze überschritten habe.“

„ Das will ich nicht einmal behaupten. Die Idee – wenn du über so eine Gabe verfügst; das wusste ich gar nicht – an sich war gut. Du musst vielleicht nur noch üben, nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Lass ihnen Zeit. Vielleicht kann Winoa den Sturkopf ja noch überzeugen, sich darauf einzulassen. Falls ja, werden sie auf dich zukommen.“

Noch lange, nachdem Alcazar wieder in den Vaschganenbaum zurückgekehrt war, dachte Jelto über das Outing des Arachniden nach.

Eine Gabe, wie er sie geschildert hatte, war Jelto neu, auch wenn sie auf den ersten Blick an Telepathie erinnerte.

Aber zwischen Gedankenlesen und der Verschmelzung mit einem fremden Gehirn mochten gewaltige Unterschiede liegen.

Er spielte kurz mit dem Gedanken, sich Alcazar als Versuchsobjekt anzutragen.

Dann ging es ihm aber wohl ähnlich wie Yael, und er fürchtete, der Abrogare könnte bei seinem Vorstoß Dinge entdecken, die Yael nicht nur selbst unbekannt waren, sondern die er auch gar nicht erfahren wollte.

„ Nein, nein. Man muss nicht immer alles wissen. Zu viel Wissen kann auch schaden...“

Zwei Tage später, die RUBIKON hatte den Orbit um die pilzüberzogene Welt, über die spekuliert wurde, ob die Auruunen ursprünglich von ihr stammen mochten, verlassen und nun endgültig Kurs auf das Zentrum der Scharan-Anomalie genommen, tauchten Winoa und Yael im Garten auf. Sie fragten Jelto nach Alcazar und ahnten nicht, dass er eingeweiht war. Er seinerseits hütete sich, es ihnen zu verraten.

Aber in der Folgezeit hatte er auffällig oft in nächster Nähe des Vaschganenbaumes zu tun.

In der folgenden Nacht wurde Jelto von einem so schaurigen Schrei geweckt, dass er sekundenlang wie gelähmt in seinem Bett liegen blieb und herauszufinden versuchte, ob der Schrei real oder Bestandteil eines ausklingenden Traumes gewesen war.

Obwohl es zu keiner Wiederholung kam, stand Jelto schließlich auf, zog sich etwas über und trat in die „Nacht“ hinaus, die sich über den hydroponischen Garten gesenkt hatte. Hier und da glomm es schwach in der Dunkelheit; bei Pflanzungen, die während der Nachtphase weiterhin ein spezielles Licht benötigten, um nicht einzugehen. Neben altirdischen Gewächsen tummelten sich in Jeltos Reich auch etliche von extrasolaren Welten, mittlerweile sogar welche, die in fremden Galaxien heimisch waren.

Obwohl er die Richtung, aus der der Schrei gekommen war, nicht genau eruieren konnte, richtete sich Jeltos Blick automatisch zu dem geschichtsträchtigsten Baum aus, quasi der Krönung der ganzen Anlage, der sich auf einem nahen Hügel erhob.

Wer außer Alcazar hätte nächtens im Garten überhaupt schreien können ?

Dass Jelto den Arachniden noch nie auch nur einen vergleichbaren Ton hatte ausstoßen hören, bedeutete nicht, dass der Abrogare dazu nicht fähig wäre.

„ Sesha?“ Leise nur rief Jelto nach der KI.

„ Womit kann ich dienen?“

„ Ich bin mir nicht sicher, ob ich es mir nur eingebildet habe, aber... geht es Alcazar gut? Du überwachst seine Vitalfunktionen doch ebenso permanent wie die aller anderen Besatzungsmitglieder?“

„ Ein Unterprogramm ist dafür zuständig.“

„ Und was sagt dieses Unterprogramm?“

„ Es misst einen hohen Erregungszustand an – aber keine Werte, die ein Eingreifen erforderlich machen würden. Es war eine einzelne Spitze, die jetzt wieder abflacht.“

„ Das bedeutet wohl, nicht ich, sondern Alcazar hat schlecht geträumt...“

„ Soll ich ihn ansprechen?“

„ Nein. Nein! Das übernehme ich. Nur etwas Licht bitte, damit ich unterwegs nicht vom Weg abkomme und Pflanzen verletze.“

„ Mein Unterprogramm wird sich –“

„ Danke!“

Jelto setzte sich in Bewegung.

Kurz zuvor

Abrogaren schliefen in einer Art Dämmerzustand. Die geringste Veränderung ihrer gewohnten Umgebung genügte, um sie daraus hervorzuholen.

Alcazar hatte eine Weile gebraucht, um in seinem Gespinst in der Krone des Vaschganen überhaupt Schlaf zu finden. Inzwischen gelang ihm das aber gut.

Entsprechend verwundert war er über die Störung, die ihn aufschrecken ließ – und deren Ursprung er nicht sofort lokalisieren konnte.

Stille. Nur das sachte Rascheln, das die versteckten Windgeneratoren verursachten.

Und – fast vollkommene Dunkelheit.

Fast.

In den archaischen Zeiten, die Alcazar Yael und Winoa gegenüber erwähnt hatte, hatte die Evolution die Abrogaren mit Wahrnehmungsorganen ausgestattet, die es erlaubten, sich sogar in tiefster Nacht noch zurechtzufinden. Nicht nur die feinen Sinneshärchen ermöglichten unter solchen Bedingungen eine Orientierung, sondern auch die Perlenaugen, die selbst winzigste Reste von Licht noch aufnehmen konnten, sodass das Gehirn im Stande war, grob strukturierte Bilder daraus zu formen.

Während die Augen ihre Aufgabe aufnahmen, verharrte Alcazar absolut regungslos in seinem Gespinst und öffnete sämtliche Antennen, über die er verfügte, um zu schauen, zu riechen und zu lauschen.

Das Resultat war enttäuschend: Einen Grund, warum er aus dem Dämmerzustand aufgeschreckt war, fand er nicht.

Bis –

– das Ruhegespinst sich erneut bewegte.

Bewegte im Sinne von veränderte .

Alcazar war irritiert. Zunächst glaubte er, der Wind wäre aufgefrischt und zerre an den Fäden, mit denen das Gebilde im Geäst verankert war. Doch rasch wurde ihm klar, dass die Veränderung von dem Geflecht aus Spinnfäden selbst ausging.

Er wollte es verlassen, um es von außen in Augenschein zu nehmen. Doch dafür war es zu spät. Ruckartig zogen die Fäden sich zusammen.

Alcazar war so verblüfft, dass er die Lage erst richtig einschätzte, als das von seiner körpereigenen Drüse produzierte Gebilde sich so eng wie ein Korsett um seinen Körper schmiegte und dabei nicht länger anfühlte, wie es normal gewesen wäre, sondern so, als hätte eine Transformation des Materials stattgefunden, die es jeglicher Flexibilität beraubt und dafür mit einer Härte ausgestattet hatte, die sich mit jedem Stahl hätte messen können.

Trotz dieser Härte hatte Alcazar das Gefühl, als würde der Kokon sich von Atemzug zu Atemzug enger zusammenziehen.

Die Widersprüchlichkeit beschäftigte ihn nur flüchtig. Dann spannte er alle Muskeln und Sehnen an und versuchte, den Panzer, der sich um ihn herum gebildet hatte, zu sprengen.

Aber je heftiger er gegen den Einschluss ankämpfte, desto mehr geriet er von allen Seiten unter Druck, und es war abzusehen, wann das pervertierte Gespinst ihn zerquetschen würde.

Er stellte seinen Widerstand ein. Aber auch Passivität war keine Lösung. Der Schrumpfprozess des Materials ging weiter. Fassungslos realisierte Alcazar, dass das eigentlich harmlose Gespinst zu einer Gefahr für Leib und Leben geworden war...

... was jeglicher Wahrscheinlichkeit entbehrte.

War sein Bewusstsein getrübt? Bildete er sich das Geschehen nur ein?

Aber der Schmerz war so real, wie Schmerz es nur sein konnte.

In seiner Verzweiflung stieß er einen gellenden Schrei aus.

Danach waren Kraft und Atem aufgebraucht.

Das Korsett ließ nicht zu, dass er neue Luft in seine Tracheen im Hinterleib saugen konnte.

Zu eng, zu unnachgiebig.

Alcazars Geist stürzte in bodenlose Tiefe.

„ Achtung: Konstatiere Statusveränderung. Vitalwerte nun doch besorgniserregend. Ich schicke Bots.“

Jelto schritt nicht länger nur zügig voran, er rannte . Fast außer Atem erreichte er die Spitze des Hügels, stützte sich gegen den rauen Stamm des Vaschganenbaumes und rief Alcazars Namen.

Eine Antwort erhielt er nicht.

„ Licht!“, verlangte er von der KI. „Sesha, wir brauchen Licht! So hell, dass es gerade noch vertretbar ist für Netzhäute und die empfindlichsten meiner Kinder!“

Grelle Strahlen durchstachen die Lücken zwischen den Blättern. Jelto konnte Teile des prallen Gespinstes schimmern sehen. Der Abrogare steckte zweifelsfrei darin.

„ Alcazar! Antworte!“

„ Er muss bewusstlos sein“, sagte Sesha.

Bots huschten heran. Jelto trat vom Baum weg und sah zu, wie die flinken metallischen Helfer mühelos den Stamm hochkrabbelten und seinem Blick entschwanden.

„ Was ist?“, drängte Jelto die KI. „Wie geht es Alcazar?“

„ Er ist bewusstlos“, wiederholte Sesha die bereits getroffene Feststellung.

„ Warum? Was ist passiert?“

„ Die Bots kümmern sich. Sie schneiden das Netz auf und lassen ihn dann zu Boden. Tritt beiseite... Noch weiter.“

Jelto gehorchte mechanisch.

Die Bots brauchten mehrere Minuten, bis sie den Arachniden im Gras unter dem Vaschganen abgelegt hatten. Kaum war er dort angekommen, begann er sich wieder zu regen.

Die Bots stoben davon.

„ He! Wartet! Sesha, sie können nicht –“

„ So ist es. Sie können nicht mehr für ihn tun. Er ist so weit wieder in Ordnung. Die Gründe für seine kurzzeitige Bewusstlosigkeit lassen sich von mir nicht erkennen.“

Alcazar richtete sich unbeholfen auf. Jelto glaubte, sich in den Perlenaugen spiegeln zu sehen.

„ Sesha, Licht wieder dimmen – aber auf Tagesniveau halten.“

Die Helligkeit verlor ihre blendende Kraft.

„ Jelto... Du hast mich gerettet! Ich danke dir, Freund!“

Jelto wiegelte ab. „Das meiste haben die Bots erledigt. Sesha. Aber so dramatisch war es ohnehin nicht, sagt die KI. Offenbar ein Schwächeanfall. Ich fürchte, sie haben dein Netz zerstört, in dem du geschlafen hast...“

„ Nicht dramatisch?“ Alcazar trippelte hin und her. „Ich wäre fast gestorben. Der Kokon... er hätte mich fast zerquetscht!“ Er wirkte aufgebracht und fassungslos zugleich. „Ich falle nicht von selbst in Ohnmacht. Das... das war ein Angriff!“

Jelto musterte ihn verstört. „Ein Angriff von wem? Von deinem Gespinst ?“ Spätestens jetzt wurde deutlich, dass der Zwischenfall zwei völlig konträre Bewertungen zur Folge hatte. „Sesha? Hörst du, was Alcazar sagt?“

„ Ich höre.“

„ Und? Was sagst du dazu?“

„ Es gibt keinerlei Hinweise auf einen Vorgang, wie der Abrogare ihn schildert. Er muss schlecht geträumt haben. Und die Aufregung mag ihn in die Ohnmacht getrieben haben.“

„ Dafür spräche der Schrei“, sagte Jelto vorsichtig. „Ich hörte dich schreien. Das könnte während des Traumes gewesen sein.“

„ Ich habe geschrien“, bestätigte Alcazar. „Daran erinnere ich mich sehr wohl. Aber ich habe in Todesangst geschrien. Als der Kokon sich enger und enger zusammenzog, mir die Luft abschnürte und sich anfühlte, als wäre jeder einzelne Faden ein Stahlseil!“

Jelto bemühte sich um Verständnis – für beide Seiten, Alcazar und Sesha.

„ Warte“, rief der Abrogare und bog eine seiner Extremitäten so, dass er auf andere Bereiche seines Körpers zeigte, an denen selbst für einen medizinischen Laien wie Jelto Verletzungen zu erkennen waren. „Das hier habe ich mir nicht selbst zugefügt – und wie auch?“

„ Sesha?“

„ Es sind Schrammen, die wahrscheinlich während des Transports passiert sind. Durch die Bots.“

„ Diese Künstliche Intelligenz sollte sich in Künstliche Ignoranz umbenennen!“, fauchte Alcazar. „Ich weiß, woher die Quetschungen stammen. Es ist, wie ich schon sagte: Ich wurde in meinem Gespinst attackiert...“

„ Von deinem Gespinst.“ Jelto nickte. „Merkst du nicht selbst, wie völlig absurd das klingt?“

„ Aber es war so.“

„ Wie sollte das zugegangen sein?“

„ Ich weiß es nicht !“ In Alcazars Enttäuschung, keinen Glauben zu finden, schien sich zunehmend Ärger zu mischen. „Ich wünschte, es gäbe einen Zeugen. Aber auf ‚Eure Ignoranz‘ kann ich offenbar nicht bauen, und sonst war niemand zur Stelle, der meine Darstellung bestätigen könnte.“

Jelto schüttelte den Kopf. „Das, mein gebeutelter Freund, kann man so nicht sagen.“

Der Abrogare wirkte verdutzt.

„ Mit etwas Glück gibt es einen Zeugen, der entweder deine oder Seshas Version bestätigt – aber wenn ich ihn frage, erwarte ich, dass du seine Aussage akzeptierst. Kann ich mich darauf verlassen?“

Alcazars Mandibeln bewegten sich, als würde er etwas zerkauen. „Erst will ich wissen, was von dem Zeugen zu halten ist. Von wem redest du also?“

Jelto zeigte auf den Baum, unter dessen ausladender Krone sie standen. „Von ihm. Er ist unbestechlich. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer.“

„ Der Vaschgane?“

Jelto nickte. „Ich hätte gleich drauf kommen können. Also?“

Alcazar zögerte kurz und schien zu überlegen, was genau er über die Pflanzenintelligenz des Planeten Venlog eigentlich wusste.

Offenbar gelangte er zu dem Schluss, dass er die Chance nutzen sollte.

„ Einverstanden. Ich weiß, dass du über deine Aura mit Pflanzen in Verbindung trittst. Vergeude keine Zeit. Fang sofort damit an!“

Jelto zündete das Aurenlicht ganz nah am Stamm des Vaschganen. Alcazar hatte sich ein Stück weit zurückgezogen, damit der Florenhüter frei von störenden Eindrücken aktiv werden konnte.

Es gelang mühelos, den Kontakt zu dem Altersweisen vom Planeten Venlog herzustellen. Jeltos Gedanken berührten den Geist des Gartenbewohners in unregelmäßigen Abständen. Es war eine Weile her, dass es zuletzt geschehen war, kurz nach Alcazars Ankunft an Bord, als Jelto sich von dem Baumwesen die Erlaubnis für den Abrogaren geholt hatte, in ihm zu nisten.

Der Vaschgane hatte damals in keiner Weise ablehnend reagiert, sondern sich scheinbar über die Gesellschaft gefreut. Jelto hoffte, dass sich daran in der Zwischenzeit nichts geändert hatte.

„ Entschuldige die Störung“, wandte er sich an den Vaschganen. „Ich hoffe, dir geht es gut und du hast dich an deinen Gast gewöhnt.“

„ Sein Sein inspiriert mich. Genau wie sein Tun.“

Der Vaschgane hatte bis zum heutigen Tag keinen Namen; er wollte es so. Jelto hatte keine Schwierigkeit, es zu akzeptieren. Ein Name hätte nichts geändert, und da es der einzige Venlog-Geborene an Bord war, spielte es wohl tatsächlich keine Rolle.

„ Das freut mich, das freut mich. Vielleicht hast du dann auch bemerkt, dass es ihm aktuell nicht gut ging. Er hatte Albträume und musste von mechanischen Helfern aus seinem Schlafgespinst geholt werden, weil er ohnmächtig geworden war.“

Der Baum schwieg.

„ Die Sache ist die, wenn ich es dir erklären darf...“ Und Jelto schilderte dem Baumwesen, so gut er es vermochte, das Problem, das aufgetaucht war – die Diskrepanz zwischen Seshas und Alcazars Version.

Die Reaktion des Vaschganen entsprach nicht im Mindesten dem, was Jelto erwartet hatte.

Er vergewisserte sich mehrmals, nichts missverstanden zu haben.

Dann verabschiedete er sich und ließ seine Aura erlöschen.

„ Wir haben ein Problem“, wandte sich Jelto an Alcazar. „Jetzt haben wir ein echtes Problem.“

„ Er leugnet meine Darstellung ebenso wie diese ignorante KI“, machte Alcazar seiner Ahnung Luft.

Jelto schüttelte den Kopf. „Im Gegenteil. Er bestätigt genau das, was du uns erzählt hast.“

Der Abrogare entspannte sich sicht- und hörbar. Seinen Tracheen entwich stoßartig Luft. „Ich bin erleichtert. Ich zweifelte schon an mir selbst.“ Er schob sich ganz nah an den Stamm des Baumes und strich mit dem Leib an der Rinde entlang, als wollte er sich kratzen.

Jelto durchschaute das Verhalten jedoch als zärtliche Geste, als Ausdruck von Dankbarkeit.

Der Abrogare wandte sich wieder Jelto zu. „Darf ich fragen, wie er es erlebte?“

„ Es deckt sich weitestgehend mit deiner Schilderung. Seine Sinnesknospen registrierten etwas Fremdes, das im Geäst über dich herfiel. Er wollte helfen, war aber nicht dazu im Stande.“

„ Mein Netz hat sich verwandelt und mich zu zerquetschen versucht!“

„ Nicht ganz.“

„ Nicht ganz?“

„ Dem Vaschganen zufolge war es nicht das Netz, sondern etwas, das sich zwischen die Fäden und dich schob – und sich dann wie ein zweites Gespinst um dich legte.“

„ Das... das ist Unsinn.“

„ Und das aus deinem Mund.“

„ Es ist Unsinn! Was sollte mein Gespinst imitieren und dann über mich herfallen?“

Jelto nickte. „Ja. Genau das ist die Frage. Die Frage, der wir dringend nachgehen müssen . Ich werde John informieren. Er wird entscheiden, was zu tun ist. Ob eine Quarantäne über den Garten verhängt werden muss.“

„ Eine Quarantäne?“

„ Irgendetwas könnte eingeschleppt worden sein. Von wem oder wo auch immer. Es ist real. Es hat dich angegriffen. Und wird dich vielleicht wieder angreifen. Oder irgendjemanden sonst, der nichtsahnend den Garten betritt!“

Cloud hörte sich an, was Jelto vorzubringen hatte. Der Florenhüter neigte weder zu Übertreibungen noch zu Hirngespinsten. Entsprechend ernst nahm er, was er über den Vorfall im hydroponischen Garten erfuhr. Dass das Baumwesen von Venlog – oder Diversity , „Vielfalt“, wie die Crew den Planeten getauft hatte – Alcazars Version mit Nachdruck bestätigt hatte, war die Aussage eines weiteren vollwertigen Mitglieds ihrer Gemeinschaft. Die Immobilität des Vaschganen änderte nichts an seiner Intelligenz; Cloud beneidete Jelto um dessen Fähigkeit, mit dem Pflanzengeschöpf in Verbindung zu treten.

„ Was schlägst du vor? Soll ich dein Reich vorübergehend dichtmachen?“ Er nickte ihm zu. „Du weißt, was das bedeuten würde, und ich rechne es dir hoch an, dass du dennoch nicht den Weg zu mir gescheut hast.“

„ Ich werde jede Entscheidung akzeptieren. Aber sie zu treffen, liegt bei dir, Commander.“

Cloud spielte die verschiedenen Möglichkeiten im Geiste durch. Schließlich sagte er: „Es ist nicht gesagt, dass sich das Etwas, das für die Attacke verantwortlich ist, noch immer im Garten aufhält. So wenig wir es davor bemerkten, wie es hineingeriet, so wenig hätten wir offenbar auch bemerkt, wenn es ihn wieder verlässt. Selbst Sesha scheint damit seine Probleme zu haben. Das ist einerseits bedenklich, andererseits bestärkt es mich aber darin, auf eine Quarantäneverhängung für den Garten zu verzichten – vorerst zumindest. Stattdessen wird stiller Alarm für das ganze Schiff ausgelöst. Das bedeutet erhöhte Wachsamkeit für alle und alles, Sesha inbegriffen.“ Er sah Jelto fragend an. „Zufrieden?“

Der Florenhüter nickte. „Eine weise Entscheidung, die von großer Weitsicht zeugt.“

„ Ja, ja. Hast du eigentlich schon mal über Bienen nachgedacht?“

„ Bienen?“

„ Lebendige Bienen. Das Problem ist, woher nehmen. Aber wenn es klappen würde, könntest mir damit zukünftig echten Honig um den Bart schmieren – wenn du verstehst, was ich damit sagen will...“

„ Wann willst du es ihm eigentlich sagen?“

„ Wem sollte ich was sagen?“

„ Alcazar. Die Ringarmada. Sollte er nicht wissen, dass seine Heimat möglicherweise vor dem Untergang steht?“ Scobee klang wie sein personifiziertes schlechtes Gewissen.

Cloud schloss kurz die Augen. Manchmal wünschte er sich ein Mauseloch, um sich darin vor seiner Verantwortung verkriechen zu können.

„ Du musst es ihm sagen“, drängte Scobee.

„ Ausgerechnet jetzt? Du hast doch gehört, was los war. Der Abrogare braucht jetzt Ermutigung, keine niederschmetternden Prognosen. Außerdem wissen wir nicht, wohin die Armada unterwegs ist. Die Dunkelwolke ist nur ein mögliches Ziel.“

„ Das naheliegendste“, ließ Scobee nicht locker. „In der Milchstraße beispielsweise macht eine so große Flotte doch gar keinen Sinn, nachdem wir miterleben mussten, dass der einzige nennenswerte Gegner der Auruunen, der uns bekannt ist, bereits unter die Räder kam. Nach dem Fall des Angksystems dürfte dort kaum Bedarf für eine solch konzentrierte Machtdarbietung sein.“

Cloud suchte nach Gegenargumenten, aber Scobees Einwand war nicht so einfach zu entkräften. „Was wissen wir schon über die Milchstraßensituation? Möglicherweise hatten die Ganf ja Vorkehrungen getroffen, die mit ihrem Fall erst Wirkung entfalteten.“

„ Was meinst du damit?“

„ Theoretisch könnten sie in den dreihunderttausend Jahren seit ihrer Flucht in die Milchstraße dort Kriegswerften auf mannigfachen Welten errichtet haben – für den Fall, dass der Feind sie findet und den Wall um das Angksystem knackt.“

„ Das ist Unsinn.“

„ Warum?“

„ Weil sie dieses Potenzial, so es vorhanden wäre, ganz gewiss schon zum Einsatz gebracht hätten, bevor die Protoplasmatische Wolke, ihr Schutz, zusammenbrach. Hätten sie über eigene Flottenkontingente außerhalb des Systems verfügen können, wären diese schon vorher gegen die Belagerer vorgegangen. Gib zu, dass das logisch klingt!“

Er gab sich geschlagen. „Schon möglich.“

„ Dann tu es. Sprich mit ihm. Er wird es uns ewig vorwerfen, wenn wir zu lange damit hinter dem Berg halten!“

„ Aber es wird nichts an der Tatsache ändern, dass wir aktuell nicht im Stande sind, unseren Verdacht zu überprüfen. Die Ungewissheit wird ihn auffressen.“

„ Du unterschätzt ihn. Alcazar muss vor dem uns noch unbekannten Aggressor an Bord beschützt werden – aber nicht vor der Wahrheit. Lass es dir durch den Kopf gehen. Bitte.“

„ Okay. Ich denk drüber nach.“

„ Ernsthaft!“

„ Ja, ernsthaft.“

Cloud hatte sich Scobees „Gardinenpredigt“ hinter die Ohren geschrieben. Er wusste selbst, dass der Abrogare das Recht auf Wahrheit hatte. Aber manchmal war das Leben in der Praxis nicht halb so simpel wie in theoretischen Erwägungen. Das fing schon bei dem allzu dehnbaren Begriff „Wahrheit“ an. Wenn Cloud im Laufe seiner Odyssee durch Zeit und Raum eines gelernt hatte, dann, dass es die einzig selig machende Wahrheit nicht gab; sie wurde immer von subjektiven Erwägungen getrübt und verfälscht. Ein und dasselbe Ereignis würde bei einer Befragung von Personen, die ihm unmittelbar beigewohnt hatten, immer in Nuancen – wenn nicht gar in eklatanten Punkten – verschieden beschrieben werden. Das Ereignis, von einer absolut objektiven und neutralen Instanz dokumentiert, würde niemals mit der Beschreibung eines Geschöpfs identisch sein, das bei seiner Einschätzung sowohl auf Erfahrungswerte zurückgriff als auch nach den Parametern urteilte, die sein Leben auch im Allgemeinen bestimmten. Dabei spielte der Charakter eines Zeugen eine ebenso große Rolle wie sein Gedächtnisinhalt, seine körperliche und geistige Verfassung zum Zeitpunkt des Geschehens, seine Gefühle, die Sympathien, die er eventuell für jemanden oder etwas hegte, was damit in einer Beziehung stand, und... und... und...

Nein, die Wahrheit gab es nicht, definitiv!

Trotzdem musste auch der Verdacht genügen, dass ein elementarer Bestandteil im Leben eines Besatzungsmitglieds möglicherweise für immer zerstört wurde.