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Der Traum von Kalifornien, vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten und vom American Way Of Life, das sind Dinge, die Cornel Reschke schon lange in seinem Herzen herumgetragen hatte. Einmal mit dem Auto oder dem Motorrad durch den Westen der USA cruisen, grandiose Landschaften, endlose Weite und faszinierende Momente erleben. Als die Umstände günstig zusammenfielen, machte der Autor den Traum dieser ersten Reise in die USA wahr und plante mit einfachsten Mitteln und schmalem Budget. Herausgekommen ist eine Reiseerzählung eines ganz persönlichen Abenteuers mit tollen Eindrücken, atemberaubenden Landschaften, vielen Höhepunkten, aber auch einigen Widrigkeiten, die es zu bewältigen galt.
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Seitenzahl: 378
Veröffentlichungsjahr: 2020
Prolog
Tag 1: Anreise und Flug nach Las Vegas
Tag 2: Las Vegas Hoover Damm Bullhead City
Tag 3: Bullhead City Grand Canyon
Tag 4: Grand Canyon Kingman
Tag 5: Kingman Barstow
Tag 6: Barstow Lake Isabella Buttonwillow
Tag 7: Buttonwillow Highway 1 Pfeiffer Big Sur State Park
Tag 8: Pfeiffer Big Sur State Park Monterey Santa Cruz
Tag 9: Santa Cruz San Francisco
Tag 10: San Francisco
Tag 11: San Francisco Fresno
Tag 12: Fresno Lone Pine
Tag 14: Lone Pine Shoshone
Tag 15: Shoshone Las Vegas
Tag 16: Las Vegas Frankfurt
Tag 17: Frankfurt nach Hause
Epilog
Ein Traum! Nicht mehr aber auch nicht weniger war es und das schon sehr lange. Mit einem Motorrad oder dem Mietwagen einmal an der kalifornischen Küste entlang cruisen, San Francisco besuchen, die Weiten des Westens der USA spüren und erfahren, das geisterte schon seit mehr als einer Dekade in meinem Kopf herum.
Das Bücherregal wuchs über die Jahre um zahlreiche Bildbände, Erlebnisberichte, Reiseführer und Ratgeber und bestätigte mich in dem Wunsch, viele sehenswerte und faszinierende Plätze zu besuchen. Immer wieder mal erfolgte abends auf dem Sofa der Griff zum Laptop oder Handy und diverse Seiten wurden durchsucht nach günstigen Flügen, Pauschalreisen, Motelkosten oder den Tarifen für einen Leihwagen oder ein Leihmotorrad. Aber genauso oft nahmen meine gedanklichen Pläne dann neue Wendungen und andere Prioritäten traten in mein Leben, manchmal gewünscht aber eben manchmal auch unerwünscht. Letztlich kam dann auch noch der Punkt des Geldes hinzu, denn erste Schätzungen ließen erahnen, dass ein Budget von mindestens 2500 Euro für so eine Reise aufzubringen sein würde. Zu viel, viel zu viel, um es mal eben zwischendurch abzuzwacken.
Vor gut einem Dutzend Jahren erst war das Haus gebaut, immer und überall gab es gewiss noch kleine Baustellen oder auch schon wieder die ersten Renovierungs- oder Verschönerungsarbeiten im Lauf der Zeit. Auch die Familie erhob natürlich ihren zu Recht gestellten Anspruch, die Urlaubszeit mit mir gemeinsam verbringen zu wollen und ein Roadtrip war nicht mit der familiären Vorstellung von "Urlaub" zu vereinbaren. So träumte ich den Traum immer wieder vor mir her, auf unbestimmte Zeit verschoben, aber irgendwann würde es soweit sein, so lautete mein eigener Trost. Irgendwann…
Ein Silberstreif am Horizont brachte dann den entscheidenden Punkt, denn ein Sparvertrag wurde fällig. Er verhieß keine Reichtümer, aber er ließ meinen Traum einer solchen Reise zumindest finanziell in greifbare Nähe rücken, da dann eine solche Summe übrig sein könnte. Damit fiel schon mal eine riesengroße Hürde. Im Oktober 2018 würde dieser Geldsegen sein und so reifte letztlich damit die Chance auf Realisierung.
Der Familienurlaub stand im Frühjahr 2018 an, auch hier ergab sich eine günstige Gelegenheit für eine Kreuzfahrt zum Schnäppchenpreis im Verhältnis zu den regulären Kosten, die so ein Trip mit einem Riesenschiff durch das türkisblaue Wasser der Karibik sonst abverlangt. Diese Reise reduzierte für das Jahr zwar meine verbliebenen Urlaubstage, aber "mein" Abenteuer, so stand fest, sollte stattfinden und das nach Möglichkeit auch noch in 2018.
All die Jahre der gedanklichen Vorarbeit, des Anlesens von Informationen und Sprachtraining erlangten nun Aussicht auf ihren praktischen Einsatz und schon war sie auf einmal da, die Angst vor der eigenen Courage.
Willst du wirklich allein in ein Land, in dem du noch nie warst, nur ausgerüstet mit Navi, Handy, Kreditkarte und Leihwagen und dann zwei Wochen dort "überleben"?
An vieles hatte ich gedacht, aber entscheidender für den Verlauf waren oft die Dinge, an die man eben nicht gedacht hatte. Hier fehlten mir schlicht Erfahrungen und so stellte sich das Grummeln in der Bauchgegend ein, mit dem ich ein beklemmendes Gefühl bekam. Scheiterte mein Traum etwa schlussendlich an mir selbst?
Nun, liebe Leserin, lieber Leser, Sie halten das Buch dieser Reise in der Hand, sodass letztlich die Reise nicht gescheitert ist, aber prägende Momente voller Sorge und unguten Gefühlen waren es doch, auch das soll nicht unerwähnt bleiben. Ein Traum hat eben auch immer ein paar kleine Schattenseiten, aber – so viel darf vorab verraten werden – es sollte wirklich bei wenig Schatten bleiben.
Kommen Sie also mit, durchlesen und durchleben Sie meinen Traum mit mir von
1 Zelt, 2 Wochen, 3 tausend Kilometern.
Ich saß in meiner Zweierreihe im Flieger Richtung Las Vegas, die Reiseflughöhe war erreicht und das Display in der Rückenlehne vor mir wechselte in stetem Rhythmus die Anzeigen: Distanz zum Ziel, verbleibende Flugzeit und eine Karte mit dem Flugverlauf.
Meine Augen sahen es, aber wirklich glauben konnte ich es eigentlich nicht. Tatsächlich saß ich in der zwölften Reihe am Gang, hatte die Füße ausgestreckt und flog westwärts gen Las Vegas. Mit der linken Hand zwickte ich mich einmal in die eigene Haut und spürte den Schmerz, also musste es wohl wahr sein: Ich war auf dem Weg in die USA und würde endlich viele Orte sehen, die ich immer wieder mit meinen Fingern in den Bildbänden durchgeblättert hatte.
Erst jetzt, stolze elf Kilometer über dem Boden, fiel die Anspannung der letzten Zeit ein wenig von mir ab, denn insbesondere die letzten Tage vor der Reise glichen mehr einem Durcheinander, als einem ein Dutzend Jahre lang ersonnenen Traumurlaub, und so ging die letzten 72 Stunden alles ziemlich hoppla hopp. Das Besorgen von Dingen wie Sonnenmilch, Koffergurt, Umhängetasche, Wanderschuhen und mehr war natürlich lange geplant, aber insbesondere wegen vieler anderer Termine und der täglichen Arbeit mussten wenige Stunden nach Feierabend reichen, alles zu erledigen, was zu einem recht stressigen Unterfangen ausartete.
Immerhin stand meine Reiseroute etwa vier Wochen vor Abflug fest. Las Vegas war dabei Start- und Endpunkt und dazwischen wollten Grand Canyon, Route 66, Westküste, San Francisco und Death Valley besichtigt werden und die wesentlichen Campingplätze und Motels waren so gebucht, dass sich verträgliche Tagesetappen zwischen 150 und 350 Kilometern ergaben. Die Bestätigungen dafür waren alle angekommen, ebenso die Bescheinigung für den Mietwagen, ESTA für die Einreise und mein neuer Pass. Das Handy-Navi war mit frischem Kartenmaterial für die USA bestückt und ein normales Handy sowie ein Ersatzhandy wanderten ebenfalls mit ins Gepäck, sicher ist sicher natürlich auch noch ein Satz Karten für die bereiste Gegend. Und somit konnte eigentlich nicht mehr viel schief gehen. Und doch war es eine Reise in eine bis dahin noch nicht persönlich erlebte Welt, die meine Nerven in Aufruhr versetzte. Eine Nervosität, die immerhin langsam und stückweise einer freudigen Erwartung wich.
Neben mir saß ein freundlicher Mitt-Zwanziger und wir kamen schnell ins Gespräch. Meine Idee und das Realisieren meines Traums fand er großartig und wollte mehr darüber wissen, was ich sehen wollte und was ich geplant hatte. Ich erzählte viel und gern, denn eins war auch klar: Nähere Gesellschaft war in den nächsten zwei Wochen eher Mangelware für mich. Und so teilte ich mit ihm Details zu meinen Überlegungen und meiner akribischen Vorarbeit. Praktischerweise stellte sich heraus, dass er Halb-Amerikaner und schon öfter "drüben" war, da bot sich ihm gleich die Gelegenheit, ein bisschen aus dem Nähkästchen zu plaudern und ich konnte Dinge fragen, auf die ich bisher keine zufriedenstellenden Antworten erhalten hatte. Zum Beispiel die Tankmöglichkeiten und deren Abwicklung beim Mietwagen hatten mich beschäftigt mit ausgiebiger Recherche. Bereitwillig erteilte er mir Auskunft dazu und er ermutigte mich. Das sei mit Sicherheit keine Schwierigkeit, da die freundlichen Amerikaner sehr hilfsbereit seien und ein simpler fragender Blick war genug, um angesprochen zu werden. Wieder ein wenig Balsam auf meine immer noch angespannten Nerven.
Die Kabinenbesatzung polterte derweil in unsere Unterhaltung mit dem Mittagessen. Eine überschaubare, aber leckere und vor allem warme Kleinigkeit mit Dessert und Getränken kam gerade recht, steckte mir doch die Anreise noch ziemlich in den Knochen.
Geplant war eigentlich, dass meine Frau mich zum Frankfurter Flughafen bringen sollte. Zwar hätten wir morgens gegen vier Uhr früh losfahren müssen, aber das war durchaus im Bereich des Machbaren. Genau damit begann die erste Herausforderung, denn besagte private Termine durchkreuzten dieses Vorhaben und so musste meine Frau mit meiner Tochter bereits einen Tag vor meiner Abreise zu einem Termin in Süddeutschland. Also blieb nur die kurzfristig anberaumte Anreise mit der Bahn.
Mein freundlicher Nachbar von zu Hause brachte mich zum nahegelegenen Bahnhof, von dem aus ich mit einer Bimmelbahn den ICE in Richtung Frankfurt mit Umstieg in Köln erreichen wollte. So stand ich dann gegen 18 Uhr auf dem Bahnsteig der benachbarten Kleinstadt und wartete auf die Regionalbahn, die auch pünktlich erschien, lud Koffer und Rucksack ein und wusste, dass ich bei regulärem Reiseverlauf kurz vor zwei Uhr nachts am Flughafen in Frankfurt eintraf. Doch die Dinge laufen selten nach Plan, erst recht nicht dann, wenn man fest damit rechnet. So klappte der Umstieg in den ICE noch reibungslos und pünktlich, aber die Ankunft in Köln verzögerte sich erheblich, der Folgezug Richtung Flughafen war damit unerreichbar. Nun war die zeitliche Spanne zu Boarding und Abflug so groß gewählt, dass die Verspätungen meine Reise nicht gefährdeten, dennoch war es nervig, da ich eigentlich am Flughafen noch mit einer Mütze voll Schlaf gerechnet hatte.
Letztlich hatte nicht nur der ICE Verspätung, sondern auch der IC, der mich zum Zielpunkt brachte, womit ich insgesamt gut zwei Stunden später dort eintraf als geplant. Einziger Trost: In etwa zweieinhalb Stunden öffnete bereits der Checkin und damit brauchte ich mir nicht noch die halbe Nacht um die Ohren hauen. Nach einem unruhigen Nickerchen stand ich gegen kurz nach sechs am Schalter und nach nicht mal zehn Minuten war der Koffer auf dem Weg in den Untergrund und dann – hoffentlich – im Flugzeug, die Boardingkarte mit einem Wunschplatz am Gang war ausgestellt. Noch drei Stunden Zeit für die Security bis zum Boarding, also ausreichend, damit ich nach der Sicherheitskontrolle den Zeitschriftenladen unsicher machen, ein wenig lesen und einen Happen Frühstück zu mir nehmen konnte.
Genau bei diesem Frühstück in einer namhaften Kette, die eher für Hamburger und Fritten bekannt war, saß ich nun mit leckerem Kaffee und einem Rührei-Brötchen am Fenster und ersann die Dinge, die ich in den nächsten zwei Wochen wohl erlebte, als eine quäkende Stimme aus dem Lautsprecher den letzten Aufruf für meinen Flug ausrief. Panikartig entsorgte ich mein Frühstückstablett, schnappte mir Rucksack und verbliebenen Kaffee und hetzte zum Abflug-Gate, dessen Position ich vorher bei einem Rundgang schon sicherheitshalber ausgekundschaftet hatte. Bei dieser Hetzaktion war ich nicht alleine, denn offenbar waren auch andere Frühstücksgäste sehr überrascht vom letzten Aufruf und strömten mit mir in Richtung Abflug. Dort wurden die Boardingkarten und die Pässe noch einmal gecheckt und dann saßen wir eng eingepfercht in einem abgetrennten Bereich und warteten. Und warteten. Und warteten. Weit vor der üblichen Zeit für das Boarding war der letzte Aufruf offenbar zeitlich falsch abgesetzt worden. Immerhin begann dann nach knapp einer Stunde tatsächlich das Besteigen des Flugzeugs. Der eigene Platz war schnell gefunden, Rucksack verstaut, Sitzgurt angelegt, der Abflug konnte kommen.
In die Erwartung des baldigen Losrollens zur Startbahn platzte dann plötzlich die laute Stille des Flugzeugs, das keinen Mucks mehr von sich gab und dessen Lichter den Dienst quittiert hatten. Was genau passiert war, blieb zunächst unklar, aber die Stimmen um uns herum verstummten oder wurden zu einem Flüstern heruntergedimmt, weil allen bewusst war, dass ein Flugzeug in dieser Situation immer irgendwelche Geräusche machte. Zumindest die Lüftung oder Klimaanlage, aber Fehlanzeige. Dann kratzte der Kabinenlautsprecher los und vorne aus dem Cockpit kam die Information, dass die APU des Flugzeugs unerwartet ihre Arbeit eingestellt hatte. Nun verstand ich nicht allzu viel von Flugzeugen und vom Fliegen, aber dieses Aggregat, soviel wusste ich, versorgte als Hilfstriebwerk die Maschine am Boden mit Strom. Und genau dieses Teil war nun ausgefallen. Der Einsatz des Technikers hierfür verzögerte den Abflug mindestens eine halbe Stunde, eher mehr. Ob dann der Slot für unseren Flug noch frei war, das blieb abzuwarten.
Im Kopf kalkulierte ich meine Zeitplanung durch, denn die Rezeption des ersten Campingplatzes war sicher nicht auf ewig besetzt. Dieser Gedanke war mir bereits bei meiner ursprünglichen Planung gekommen. Danach wollte ich nämlich nach der Landung und diversen Besorgungen noch eine Fahrstrecke von über 170 km hinter mich bringen bis zum ersten Campground. Ein Vorhaben, das ich genau wegen dieser Unwägbarkeiten aber gecancelt und den ersten Schlafplatz direkt im östlichen Teil von Las Vegas gebucht hatte. Eine Entscheidung, die meine Nerven doch erheblich beruhigte.
Die APU wurde letztlich vom Techniker wieder neu hochgefahren und versah ihre Arbeit, der Slot indes war weg und so verzögerte sich der Start gegenüber der geplanten Zeit um insgesamt eineinhalb Stunden. In der zeitlichen Abfolge meines Anreisetages war noch etwas Reserve, also alles gut, aber viel mehr durfte jetzt nicht schief gehen. Unterwegs trat der Pilot, so versprach er, ein wenig mehr aufs "Gas", womit wir einen Teil der Verspätung aufholen wollten.
Die Zeit im Flugzeug wurde mir überhaupt nicht lang, der Nachbar war eine kurzweilige Quelle der Unterhaltung, ein interessanter Film stand im freien Videobereich zur Verfügung und Sudoku, ein E-Book und ein paar Runden Schlaf füllten den Rest bis zum Einleiten des Sinkflugs.
Die Skyline von Las Vegas erhob sich aus der leicht dunstigen Sandlandschaft, dessen flirrende Hitze die Luft zum Schimmern brachte. Gebäude, die ich sonst nur aus dem Fernsehen oder Reiseführern kannte, zogen in erschreckend geringer Entfernung rechts am Fenster vorbei, als das Flugzeug in heftige Scherwinde geriet und absackte. Der Magen klebte gefühlt unter meinem Kinn, einige panische Laute von Passagieren mit Flugangst durchdrangen die Kabine. Dieser "Spaß" wiederholte sich noch zwei Mal, dann setzte der Pilot mit einem sehr vernehmlichen und deutlichen Satz auf, damit auch der letzte Fluggast keinen Zweifel mehr daran zu haben brauchte, dass wir jetzt tatsächlich wieder festen Boden unter den Füßen – oder besser Rädern – hatten. Der anschließende Applaus gestaltete sich verständlicherweise sehr verhalten, aber immerhin waren wir sicher und mit insgesamt nur noch einer Stunde Verspätung in Las Vegas gelandet. Die Durchsage der Flugbegleiterin ertönte aus der Abdeckung über den Köpfen und nach dem Aussteigen sollte die Temperatur locker über der 30-Grad-Marke liegen.
Ich verknotete die Jacke aus dem Fach über mir um die Hüften, der Pullover wanderte in den Rucksack und dann verabschiedete ich mich von meinem Nachbarn, nachdem wir zur Sicherheit unsere Handynummern ausgetauscht hatten, und so schob sich die Masse von Personen voller Vorfreude auf ihren Urlaubsort durch die Gänge in Richtung der Ausgänge. Obwohl der "Finger", der am Flugzeug angedockt war, klimatisiert wurde, ließ sich die Wärme draußen erahnen und wenn beim Immigration Officer und dem Zoll alles klar ging, wovon ich einfach ausgehen wollte, dann stand dem Beginn meines Urlaubs nichts mehr im Weg.
Die Gänge zogen sich um Kurven, Treppen runter, durch Türen, bis ich dann in einer langen, S-förmigen Schlange in der Halle stand, die die Schalter des Immigration Office beinhaltete. Langsam, aber stetig bewegte sich die Reihe an Menschen und schlängelte sich an den Pfosten entlang, die zusammen mit Gurten das Labyrinth bildeten, an dessen Ende eine resolute, aber nicht unfreundliche Dame Nummern ansagte, zu welchem Schalter der nächste Einreisende zu gehen hatte.
Vor mir war noch ein Damen-Paar, Mutter und Tochter offensichtlich, und schneller als erwartet, war ich an der Reihe. Hand auflegen auf den Fingerabdruckscanner, danach Daumen drauf. Sichtkontrolle von Pass und ESTA, Abgleich mit dem Konterfei. Der Herr hinter dem Counter, etwas über 50, typischer Biker, guckte eher unbeteiligt, aber nicht böse und fragte nach Dauer und Zweck des Aufenthalts, einem Rückflugticket und meiner Planung für die Zwischenzeit. Als ich ihm kurz und knapp ein paar Stationen meines Roadtrips mit dem Leihwagen und Zelt erzählte, nickte er, lächelte mich an und meinte "Beautiful trip. Take care. Goodbye". Ich bekam meinen Pass und ein Zolldokument in die Hand gedrückt und das war schon der Immigration Officer, von deren Spezies ich im Internet die reinsten Horrorgeschichten gelesen hatte.
Es wurde berichtet, dass alles kontrolliert, die Unterlagen akribisch inspiziert und sämtliche Sachen gefilzt wurden, was zu arg langen Wartezeiten führte. Nichts dergleichen. Freundlich, nett, leicht distanziert, aber schnell, professionell und organisiert war der Vorgang, das letzte mögliche Hindernis für meinen Urlaub war genommen. Für den Zoll mussten sich alle, die vom Immigration Office kamen, noch in einer elend langen Schlange anstellen, aber die Abfertigung ging recht schnell und bestand letztlich nur aus einem Blick auf den Zettel, mit dem man die zollpflichtigen Sachen zu erklären hatte. Dann stand das Gepäckband als nächste Station auf dem Plan.
Im Vorfeld hatte ich darüber gelesen, dass sich manche auf dem Flughafen regelrecht verliefen, orientierungslos nach Hilfe riefen und letztlich nur durch Glück mit all ihren Sachen am Ziel ankamen. Das konnte ich wirklich nicht bestätigen, denn gegenüber Deutschland sind die Amerikaner offenbar wahre Meister in der Beschilderung von Wegen und Richtungen. Eine Sache, die ich auch später noch im Straßenverkehr wiederholt feststellen sollte. Da könnte sich mancher Stadt- und Schilderplaner bei uns mal ein paar dicke Scheiben von abschneiden.
Mein Koffer erblickte nach einigen Umdrehungen des Gepäckbandes dann auch wieder das Tageslicht, er war heile und mit dem Koffergurt nach wie vor verschlossen und so schnappte ich mir das rund 23 kg schwere Gepäckstück, wuchtete es auf seine Rollen und folge der Beschilderung für den Shuttle-Bus zum Rental-Car-Center. Praktischerweise hatte man am McCarran International, so die offizielle Bezeichnung des Flughafens, ein separates Gebäude eigens für die Leihwagenfirmen in die Nähe der Ankunftsterminals gesetzt und – noch praktischer – an einen Busservice gedacht, der den Transport kostenlos dorthin übernahm. So trat ich den Schildern folgend aus der Tür und eine angenehm trockene Hitze mit weit über 30 Grad empfing mich. Die Sonne brannte vom blauen Himmel und vorbei an den Betongebäuden der Flughafenperipherie konnte ich die eine oder andere Palme erblicken.
Früher hatte ich mir ausgemalt, dass ich beim ersten Betreten amerikanischen Bodens auf die Knie sank und dem Fußboden papstgleich einen Kuss entgegen hauchte, wenn dann mein Traum endlich in Erfüllung gegangen war. Seltsamerweise kam mir diese Wendung nun total absurd und deplatziert vor, sodass ich ohne Probleme darauf verzichtete und stattdessen einmal einen tiefen Atemzug nahm, die Atmosphäre in mich aufsog.
Auch hier konnte ich der Beschilderung entnehmen, dass der Shuttle-Service zum Rental-Car-Center in regelmäßigen Abständen kam, allerdings ohne Uhrzeiten. Vielmehr war dies um den Hinweis ergänzt, beim Warten länger als zehn Minuten eine bestimmte Rufnummer zu wählen. Damit wurde die Zeit sicher nicht zu lang und tatsächlich trudelte nach wenigen Minuten ein Bus ein mit der unübersehbaren Beschriftung zum Mietwagenzentrum. Der Busdriver, ein sehr freundlicher Herr fortgeschrittenen Alters, nahm mir sowie anderen Mitreisenden die Koffer ab und verstaute sie in einer Ausbuchtung des Mittelgangs in einem eigens dafür eingebauten Regal. Dann begann auch schon die kurze Fahrt.
Fröhliches Schnattern in zahlreichen Sprachen umfing mich und bestätigte meinen Anflug von Urlaubsgefühlen, auch wenn bis zur wirklichen Entspannung heute auf dem ersten Campingplatz noch etliches zu erledigen war. Immerhin lag ich trotz Verspätung des Condors noch recht gut in der Zeit, noch nicht ahnend, dass das nicht so bleiben sollte. Wenige Minuten später lud der Busfahrer seine Fracht samt Gepäck am Ziel aus. Seltsamerweise war ich der Einzige, der dem Fahrer für seinen Dienst eine Dollarnote in die Hand drückte, wofür er sich sichtlich erfreut mit einem Lächeln und einem breiten, in Alabama-Dialekt gestreckten, "Thank you" bedankte. Nach dem Verlassen des klimatisierten Busses empfing mich die trockene Wärme wieder, die mich in den nächsten Tagen begleitete.
In Blickrichtung des Flughafens war geschäftiges Treiben auf dem Flugfeld zu erkennen und beinahe minütlich starteten oder landeten Flieger von Fluggesellschaften aus allen Teilen der Welt. Der McCarran International liegt im Vorort Paradise der Stadt Las Vegas und steht auf Platz acht der größten Flughäfen der USA mit knapp 50 Millionen Fluggästen pro Jahr. Er liegt im Staat Nevada und der ist weithin bekannt für sein legalisiertes Glücksspiel. So stehen bereits am Flughafen die ersten einarmigen Banditen, auch Slotmachines genannt, und warten auf die Glücksuchenden, die ihre Münzen in den Einwurfschlitzen, den Slots, versenken in der Hoffnung auf den großen Gewinn, den Jackpot. Eine weitere Besonderheit des Airports ist seine Nähe zum sogenannten Strip, der Vergnügungsmeile und dem unbestreitbaren Zentrum der Stadt, in der sich ein Casino an das nächste reiht.
Mein Interesse galt erst mal meinem Mietwagen und so wandte ich mich dem Eingang des Centers zu. Direkt unten rechts im Eingangsbereich des großzügigen und – natürlich – klimatisierten Gebäudes fand sich die Autovermietung von Hertz, dem Partner der Reservierung, die ich über den deutschen ADAC vorgenommen hatte.
Leider waren meine Versuche im Vorfeld der Reise recht unzufrieden verlaufen, den reservierten Mietwagen hinsichtlich des Vorhandenseins eines Limiters bzw. Tempomaten überprüfen zu lassen. Die Anrufe direkt beim ADAC während der Reisevorbereitungen wurden mit dem Hinweis beendet, dass man dazu von Deutschland aus nichts verbindlich sagen oder festlegen könne, daher sollte ich mich direkt an die Vermietstelle in den USA wenden.
Gesagt, getan, wählte ich damals etwas aufgeregt die Nummer von Hertz am McCarran in Las Vegas. Die Verständigung klappte besser als erwartet, aber mit der vom ADAC übermittelten Buchungsnummer wurde kein entsprechender Vorgang gefunden. Nochmal Rückfrage beim ADAC. Aha, die Daten im Detail würden erst wenige Tage vor Reiseantritt übermittelt. Nächster Anruf dann in Las Vegas 72 Stunden vor meinem Abflug, die Buchung konnte jetzt auch bestätigt werden, ob aber "der" Mietwagen über diese Ausstattung verfügt, konnte man mir seinerzeit nicht sagen.
So stand ich dann mit diesem vagen Sachstand, meinem Voucher und der Hoffnung auf ein angemessenes Fahrzeug in der Schlange von knapp einem Dutzend Mietwageninteressenten. Meine Zeitplanung war bis hierher immer noch im grünen Bereich, es war Ortszeit ca. halb zwei nachmittags und in wenigen Minuten sollte ich wohl an der Reihe sein. Dachte ich… Tatsächlich zogen sich die Wartelinie und das Procedere der jeweiligen Kunden vor mir bedenklich in die Länge. Fast eine Stunde dauerte die Warterei, dann endlich war ich an der Reihe. Immerhin war alles soweit vorbereitet, ein paar Unterschriften, eine kurze Info vom freundlichen Mitarbeiter mit kleiner Wegbeschreibung und dem Hinweis "Schlüssel steckt" und "Have a safe trip". Danke. Ab durch die Tür zum Mietwagenbereich der Klasse zwei, ich könne mir dort ein Fahrzeug aus der entsprechenden Kategorie aussuchen, das einen Tempomaten hat, soweit die Auskunft.
Ein Pärchen, Touristen aus Kanada, enterte dann aber gerade vor mir das letzte Fahrzeug aus der Klasse zwei, gähnende Leere und kein weiteres Fahrzeug in dieser Kategorie. Natürlich in dem Moment weit und breit kein Mitarbeiter. So trollte ich mich zum Checkout, dem kleinen Häuschen mit der Schranke, das man beim Verlassen des Parkbereichs passieren musste. Der Mitarbeiter warf einen kurzen Blick auf mein Voucher und die Unterlagen. "No problem", ich solle mir ein Auto aus einer Klasse besser aussuchen.
Also zurück und das erstbeste Auto in weiß angesteuert, da ich ob der Sonne und Hitze vermutete, dass dies die bessere Wahl gegenüber schwarz oder dunkel war. Eigentlich hatte ich gedacht, stilecht mit einem Chevy oder Dodge durch die USA zu cruisen, aber nun wurde es eine Limousine eines koreanischen Herstellers, immerhin mit Tempomat und sehr geräumig.
Ich verstaute meine Sachen im Kofferraum, sortierte meine diversen Handys und stöpselte Kabel und Halter an, damit ich das Navi in Betrieb nehmen konnte. Vorsorglich hatte ich alle Punkte der Reise bereits mit Adressen komplett als Favoriten eingespeichert und so konnte es losgehen. Mein erstes Ziel sollte der Walmart in einigen Meilen Entfernung sein, um dort die bestellten Sachen abzuholen und ein paar Lebensmittel und Getränke einzukaufen.
Der Check an der Schranke war freundlich, eine kurze Notiz mit dem Austausch des Meilen-Standes am Tacho und die Formalitäten waren erledigt. Ich fragte den netten Herrn noch nach einem guten Country-Sender und sein Gesicht strahlte, als er mir ein paar Frequenzen entgegenwarf, für die ich mich bedankte und den Parkbereich verließ. Die betonierte Überdachung endete und so hatte ich erwartet, dass es los ging, doch das Navi teilte mir plötzlich mit, das Ziel könne nicht gefunden werden. Also Blinker rechts und erst mal einfach abgebogen, vielleicht musste das Gerät noch die Position über die Satelliten korrekt feststellen. Noch zweimal rechts ab und dann stand ich in einer Zufahrt für Lieferanten, ohne jemanden zu stören. Mein euphorisches Gefühl, endlich unterwegs zu sein, stellte sich noch nicht wirklich ein, vielmehr war die Sorge um die Navigation gerade in den Vordergrund getreten. Ich inspizierte mein Windows-Handy mit der Navi-Software, aber es bestand keine Chance. Die Kartendaten, die ich offline in Deutschland darauf geladen hatte, waren weg, die Speicherkarte an sich wurde erkannt, aber sie war leer! Darauf, die Daten doppelt auf interne und externe SD-Karte herunterzuladen, war ich vor der Abreise nicht gekommen. Nun gut, also Plan B und das eigens hierfür angeschaffte Handy rausgeholt, das eine US-taugliche und internetfähige SIM-Karte besaß, die auch aktiviert war. Alles hätte funktionieren dürfen, aber Google Maps spielte trotzdem nicht mit mir und blaffte mich an, dass die Navigation schlicht nicht möglich sei, obwohl ich es in Deutschland mit dem WLAN ausprobiert hatte. Offenbar wurden auch die Ausschnitte, die ich offline über das Kartenprogramm bereitgestellt hatte, nicht akzeptiert.
Ja verflixt, hatte sich alles gegen mich verschworen? Kartenmaterial hatte ich zwar auch in Papier dabei, aber nur in Form der größeren Straßen als Landkarte und keinesfalls einen Stadtplan. Also fuhr ich einmal um den Block zurück zum Eingang des Rental-Car-Centers, denn dort hatte ich ein Schild für kostenloses WLAN gesehen. So konnte ich dort die Karten einfach nochmal herunterladen. Das Lenkrad drehte ich nach rechts in eine der Parkbuchten für Besucher und versuchte, ob das Netz bis hier draußen reichte. Glück gehabt, so dachte ich zumindest, das tat es. Leider war keine Verbindung mit dem Dienst herstellbar und die Karten ließen sich nicht auf das Handy bekommen. Guter Rat war jetzt teuer. Etwa hundert Meter entfernt sah ich einen Parkplatzwächter des Centers, steuerte aus meiner Parklücke raus und hielt auf ihn zu. Die rechte Scheibe senkte sich und ich fragte ihn, wie ich zum gewünschten Walmart käme. "Well, that’s easy to find…" konnte ich mir noch merken, dann aber brach ein Schwall aus "right" und "left" aus ihm heraus, für den ich mich nur noch artig bedanken konnte. Der Motor in der rechten Tür kurbelte die Scheibe hoch und sperrte die heiße Luft zugunsten der gekühlten aus der Klimaanlage wieder aus.
Immerhin blieb mir jetzt noch Plan C. Dazu hatte ich mein deutsches Handy mit einer Software samt offline-Karten vom Westen der USA ausgestattet, wenngleich diese Software nur Straßen, aber keine Hausnummern kannte. Die Adresse des Walmart, in dem meine aus Deutschland aufgegebene Bestellung über ein Zelt, eine selbstaufblasende Isomatte und einen Campingkocher auf mich zur Abholung wartete, hatte ich und so half mir das Handy, zumindest die richtige Straße zu finden. Unglücklicherweise waren die Roads, Drives, Boulevards und Highways in den USA mit deutlich mehr Hausnummern beseelt, als das in Deutschland der Fall war. Dennoch fand ich die Filiale nach einigem Hin und Her und bog in einen der großzügigen Parkplätze ein, stellte den Motor ab und kramte Handys und Portemonnaie zusammen.
Ich betrat das klimakühle und Supermarkt-typische Ambiente des Geschäfts und wurde von einem Mitarbeiter am Eingang freundlich begrüßt, der mir auch gleich Auskunft darüber gab, wo sich der sogenannte pick-up-point befand, an dem man bestellte Waren abholte. Seiner Beschreibung folgend fand ich alles Mögliche, aber nicht besagten Punkt. Immerhin führte mich mein Weg so einmal durch annähernd die ganze Filiale und mein Einkaufswagen füllte sich langsam mit den nötigen Dingen der täglichen Verpflegung, die ich mir auf einen Notizzettel geschrieben hatte. Getränke, Brot, Belag, Knabbersachen für zwischendurch und ein paar Süßigkeiten sollten mich über die nächsten Tage hinreichend verpflegen.
Die übermannshohen Regale ließen schwerlich einen Blick zu, was sich im nächsten Gang befand und so dauerte die Suchaktion länger, als ich erwartet hatte, bis ich letztlich den Abholpunkt für meine Bestellung gefunden hatte. Dort ging dann alles ganz schnell. Die ausgedruckte Bestätigung, die ich aus Deutschland mitgebracht hatte, war schlicht unnötig, eine einfache Nennung meines Namens genügte. Zur Kontrolle sollte ich noch einmal sagen, was ich bestellt hatte und schon wanderten die drei Artikel über den Tresen mit einem Aufkleber versehen in meinem Einkaufswagen. Der Campingkocher war ein Modell, an das eine separate Gaskartusche angeschraubt werden musste, diese war im Internet aber nicht auffindbar, so hatte ich mich darauf verlassen, sie im Geschäft schon vorzufinden. Notfalls konnte ich einfach danach fragen. Das hätte ich dann auch getan, allerdings sah ich niemand vom Personal, der sich für den Bereich verantwortlich fühlte. Genau genommen gab es eigentlich überhaupt niemand, der auch nur ansatzweise nach Personal aussah. So vergingen weitere 15 Minuten und meine Nervosität stieg. Schließlich war es bereits fünf Uhr nachmittags und nach meiner Erinnerung hatte die Information des Campingplatzes nur bis 6 p.m. geöffnet, also 18 Uhr. Knappe Kiste, aber es sollte wohl reichen.
Letztlich fand ich dann die Kartusche für den Gaskocher an einer völlig anderen Stelle als erwartet und hastete mit dem Einkauf zur Kasse. Neben vielen für mich neuen Dingen in diesem Land wurde mir als weitere Neuerung der völlig sorglose Umgang mit Plastiktüten präsentiert. Im Schnitt nach etwa drei bis vier Artikeln wurde jeweils ein neues Behältnis begonnen. Ich verließ den Walmart neben meinen Campingutensilien mit der stattlichen Anzahl von sechs weiteren Tüten für Artikel, die man in eine oder bestenfalls zwei hätte locker verstauen können. Offenbar war hier aber eine Logik in der thematischen Trennung der Artikel, die ich nicht ohne Weiteres zu durchschauen in der Lage war.
Mit dem ersten Schritt aus dem Eingangsportal des Supermarktes heraus empfing mich wieder die unbändige Hitze, die auf dem riesigen, geteerten Parkplatzareal um ein Vielfaches heißer erschien. Fünf nach halb sechs, das könnte knapp werden, dachte ich und griff zu meinem amerikanischen Handy und wählte die Nummer des King's Row RV Park in Las Vegas, meinem ersten Übernachtungsstopp.
Meine anfängliche Planung vor vier Wochen sah ja vor, dass ich direkt von Las Vegas aus zum Campingplatz in Bullhead City fahren wollte. Diese Strecke hatte ich für den ersten Tag als noch gut fahrbar erachtet. Gott sei Dank hatte ich das noch geändert und die erste Nacht in Las Vegas auf dem Campground gebucht, der auch für die letzte Nacht vor dem Abflug mein Nachtlager werden sollte. Hierfür hatte ich den Aufenthalt am Grand Canyon von zwei auf eine Übernachtung gekürzt und den Termin in Bullhead City kurzerhand um einen Tag nach hinten verschoben. Jetzt merkte ich, diese Änderung war goldrichtig, denn weitere 110 Meilen hätte ich heute sicher nicht mehr geschafft.
Das Telefon klingelte und dann hob jemand ab. Puh, Glück gehabt, so mein erster Gedanke, der dann davon ernüchtert wurde, dass es sich um den Anrufbeantworter handelte: Das Office des Campgrounds war nur bis 5:30 p.m. besetzt, also seit rund fünf Minuten nicht mehr. Jetzt stieg der wirkliche Anflug von Panik in mir auf, weil ich nun nicht mehr wusste, ob ich auf dem Zeltplatz überhaupt übernachten konnte. Alternativ, so versuchte ich mich zu beruhigen, hatte das Auto genug Platz, um die Rückbank umzuklappen und in meinen Schlafsack zu schlüpfen. Für eine Nacht sollte das gehen. Zur Not hatte sicher auch eines der zahlreichen Motels der Stadt noch ein Zimmer frei, auch wenn dies bedeutete, ein paar Dollar extra zu berappen.
Das Navi sagte mir die richtige Straße an und so versuchte ich, den entsprechenden Schriftzug vom King's Row RV Park zu finden, was jedoch nicht gelang. Als ich die nächstbeste Hausnummer aufschnappte, die an einem Gebäude am Straßenrand in Messingziffern prangte, merkte ich, dass ich rund 3000 Nummern zu weit war, also U-Turn an der nächsten Kreuzung und zurück. Nach wenigen Meilen fand sich für mich dann auf der linken Seite ein gut sichtbarer, weit in den Himmel ragender Pfahl mit der passenden Leuchtreklame. Ich setzte den Blinker und bog von der sechsspurigen Straße ab, die um diese Zeit mäßig, aber stetig befahren war. Nun erreichte ich das Office des Campingplatzes und stieg aus in der Ungewissheit, ob ich hier heute nächtigen konnte. Aus einigen Metern Entfernung sah ich schon den großen Briefumschlag an der Tür, der tatsächlich mit einem Nagel in die Oberfläche eingehämmert wurde. Offenbar war dies eine gängige Praxis, denn die Tür sah aus wie der glücklose Versuch, jemandem Dartspielen beizubringen.
Auf dem Briefumschlag stand mit einem Filzschreiber in fetten Lettern "Redzschke" vermerkt und ich musste schmunzeln. Ich ging zur Tür, entfernte den Umschlag mit einem Ruck und öffnete ihn. Er enthielt einen freundlichen Begrüßungstext, eine amateurhafte, aber erkennbare Skizze über die Anordnung der Stellplätze und den markierten Rasenfleck, der mich nächtens beherbergte. Somit stieg ich mit neu gewonnenem Vertrauen ins Auto, um die rund 50 Meter zurückzulegen. Ich fand den Platz sofort, setze rückwärts in die betonierte Parkbucht, stellte den Motor ab und atmete erst einmal doppelt tief durch. Ich griff auf den Beifahrersitz und nahm meinen Teddy zur Hand, der mich seit der Abreise von zu Hause begleitete, drückte ihn und war froh, nicht alleine zu sein.
Der Kofferraumdeckel schwang auf. Ich nahm das Zelt raus, ein sogenanntes Popup-Zelt. Es sprang von selbst in seine endgültige Form, wenn man es aus seiner Hülle nahm und den Spannriemen darum entfernte. Noch etwas ungeübt hantierte ich damit und dann hüpfte es mitten in der Luft in seine Position und lag friedlich vor mir auf dem Rasen. Aus der Packung kramte ich einige der Zeltheringe und drückte sie tief in den Boden, damit das Zelt im Falle von Windstößen seinen Platz behielt. Ich schob die self-inflating mattress ins Innere und öffnete die Drehverschlüsse, so konnte die Struktur Luft ziehen und sich selbst aufblasen und entfalten. Nach und nach war mir klar, dass trotz der Widrigkeiten des ersten Tages nun alles doch noch gut wurde. Es schien so, als ob das eine Feuertaufe für meine durchaus ambitionierte Planung eines Urlaubs war, den ich so noch nie durchgeführt hatte.
Ich wickelte den Schlafsack aus, holte ein paar Sachen aus dem Kofferraum. Dann schloss ich das Auto ab, um zum Waschhaus zu gehen, nachdem ich aus dem Briefumschlag den Zettel mit der PIN für die dortigen Türen geangelt hatte. Es kostete eine stattliche Menge an Konzentration, mich darauf zu besinnen, wohin ich den Autoschlüssel tat und wo ich meine Sachen verstaute. Das Kofferraumschloss meines Leihwagens war nämlich eins von der Sorte, die zuschnappten und dann auch zublieben, ohne nochmals separat abzuschließen. Hätte ich also aus Versehen den Autoschlüssel im Kofferraum abgelegt und die Klappe geschlossen, wäre ein mittelschweres Problem entstanden. Aus diesen Vorüberlegungen heraus hatte ich in Deutschland bereits eine Umhängetasche gekauft, die sich eng an mich schmiegte und Raum für Handy, Schlüssel und Portemonnaie bot. Eine sehr gute Entscheidung, wie sich jetzt und auch später immer wieder herausstellte.
Das Waschhaus war etwas gewöhnungsbedürftig. Zum einen, weil es nur drei Duschkabinen für den gesamten Campingplatz enthielt, zum anderen, weil die Klimaanlage es gefühlt in eine Filiale des Nordpols verwandelte, was zu den immer noch üppigen 36 Grad Außentemperatur einen zu krassen Kontrast ergab. Ich sprang mit dem Handtuch und Ersatzwäsche bewaffnet fix unter die Dusche, immerhin war ich jetzt seit rund 48 Stunden auf den Beinen und ohne nennenswerten Schlaf. Warmes Wasser und Duschgel wuschen den Stress, die Strapazen der Reise und die zeitliche Bedrängnis, die ich empfunden hatte, wunderbar ab. Derart erfrischt schlenderte ich zurück zu meinem Zelt. Das vertraut klingende Zischen der geöffneten Bierdose ergänzte ein positives Ende eines sehr langen und anspruchsvollen Tages. Ich wählte mich in das WLAN des Platzes ein und schrieb jetzt eine etwas ausführlichere Nachricht nach Hause, wobei klar war, dass sie aufgrund der immerhin neun Stunden Zeitverschiebung in der tiefsten Nacht eintraf und sicher nicht vor dem Morgen gelesen wurde. Dennoch trug es zu meiner Beruhigung bei. Etwas zu essen zuzubereiten, danach stand mir nicht mehr der Sinn, also begnügte ich mich mit einem Nussriegel und der sich dem Ende neigenden Dose Bier. Anschließend kuschelte ich mich mit meinem Teddy erschöpft, aber doch irgendwie glücklich in den Schlafsack und zerrte den Zeltverschluss zu.
Wenige Minuten später legte ich meinen E-Book-Reader zur Seite, schloss die Augen und lauschte den ungewohnten Klängen um mich herum. Die etwa hundert Meter Luftlinie entfernte Hauptstraße verschmolz surrend zu einem gleichbleibenden Hintergrundgeräusch, nur einige übermäßig laute Fahrzeuge stachen aus der Einheit heraus. Meine Gedanken drehten sich um den ausgehenden Tag oder besser um beide Tage, die für mich zu einem zusammengeschrumpft waren. Die Tatsache, jetzt in Las Vegas zu sein, in Amerika, in dem Land, das so lange mein Traum war, schien mir sehr surreal und wie ein Traum. Immer wieder musste ich mir einreden, dass ich tatsächlich hier war, tatsächlich war ich in den USA. Ein Lächeln umspielte meine Lippen. Dann schlief ich ein.
Es konnte noch nicht Tag sein, dafür war es draußen zu dunkel. Dennoch war ich wach geworden, weil ich eine Unruhe verspürte. Zuerst schob ich den Zustand auf die Zeitverschiebung, war es doch zu Hause jetzt bereits Zeit zum Aufstehen. Aber dann merkte ich ein Rumoren im Bauch und es brodelte irgendwo in der Nähe der Gürtellinie. Ich schälte mich aus dem Schlafsack, schnappte mir die kleine Taschenlampe und die PIN für das Waschhaus und trollte mich aus dem Zelt auf den Weg zum etwa 50 Meter entfernten Sanitärbereich. Unterwegs merkte ich, dass mir wohl die Aufregung, die ungewohnte Ernährung und die Umstellung allgemein etwas zugesetzt hatten. So war ich froh, die Toilette zu erreichen. Es ging mir anschließend deutlich besser, auch wenn an Schlaf erst mal nicht zu denken war. Zu viel war passiert in den letzten 48 Stunden.
Ich nutzte die Gelegenheit, holte das Handy-Navi hervor und verband es mittels Passwortes aus dem Briefumschlag mit dem WLAN. Leider war die Verbindung am Zelt nicht stark genug und so krabbelte ich wieder heraus und ging in die Nähe des Office. Dort war das Netz hervorragend und der Download der offline-Kartendaten klappte in wenigen Minuten. Die ersten Fotos wanderten in den Status des Messengers und so langsam kamen auch Nerven, Bauch, Gedanken zur Ruhe. Die Uhr zeigte kurz nach Mitternacht und so war es mit den neun Stunden Verschiebung zu Hause jetzt locker Frühstückszeit.
Plötzlich pingte das Handy und eine Nachricht meiner Familie trudelte ein. Ein kurzer Austausch und jetzt war ich endgültig beruhigt. Zu Hause wusste man, dass ich gut angekommen war, das Navi war repariert und alles war bis hierhin nun doch gut gegangen. Es wurde Zeit, in den Schlafsack zu kriechen und eine gehörige Portion Schlaf zu fassen. So ging ich über den Schotter durch die sommerlich-warme Luft zurück zum Zelt, mummelte mich in den leichteren meiner beiden Schlafsäcke und drehte mich auf die Seite. Wenig später war ich eingeschlafen.
Die Helligkeit weckte mich am Morgen gegen halb acht, das weiße Dach des Zeltes ließ keinen Zweifel über den fortgeschrittenen Morgen aufkommen. So unternahm ich gar nicht erst den Versuch, mich noch einmal umzudrehen. Ich befreite mich aus der Schlaftüte, zog das Zelt auf und mich empfingen ein wolkenlos blauer Himmel, Sonne über dem Horizont und schon wieder sommerliche 28 Grad. Der Gaskocher sollte nun zum ersten Mal zum Einsatz kommen, also kramte ich die Kartusche, den Aufsatz und ein Feuerzeug raus und baute alles zusammen. Erstaunlicherweise konnte ich dem Ensemble bereits im ersten Anlauf eine kräftige blaue Flamme entlocken. Oben drauf kam der Becher mit Wasser aus meinem Vorrat und so wartete ich, bis das Sieden die Blasen über den Rand der Tasse beförderte. Ich stellte das Gas ab und füllte eine Portion Instant-Pulver in den Becher. Der Duft frischen Kaffees zog genussvoll in meine Nase, während ich das Brot und die Marmelade aus dem Kofferraum holte. Auf meinem Stück Rasen stand eine Sitzgruppe mit Tisch und zwei Bänken und so deckte ich für mein Frühstück. Ein Alu-Teller aus meinem mitgebrachten Travel-Set genügte neben einem Messer für ein einfaches, aber überaus schmackhaftes Mahl.
Da mein Auto über keine Kühlmöglichkeit verfügte, musste ich meine Mahlzeiten am Zelt mit Brot und Brötchen und ungekühlten Dingen gestalten. Gerade aber diese puristische Art und Weise der Beschränkung auf das Nötigste hatte eine enorme Faszination und entfachte ein Gefühl von Freiheit. Dem Kaffee folgte ein weiterer und mir wurde bewusst, dass ich Urlaub hatte und meine Tagesstrecke bis Bullhead City nicht mal 110 Meilen betrug. Diese Distanz war in rund zwei Stunden zu bewältigen, damit war keine Eile angesagt. Ich beschloss, noch einmal das Duschhaus zu besuchen, nahm das Geschirr gleich zum Spülen mit und erfrischte mich für den Tag. Das Zusammenräumen des Zeltinhalts ging schnell, einzig das Falten des Zeltes verlangte mehr Augenmerk, als ich erwartet hatte. Wie auch immer ich die Stangen bog und drückte, es ergab sich nicht das kompakte Packmaß vom Ursprungszustand. Ich verschob den Gedanken daran auf später, als mir auch die bebilderte Anleitung auf der Verpackung keinen Geistesblitz zündete. Immerhin ließ es sich auf ungefähr den doppelten Durchmesser intuitiv zusammenbiegen, ohne dass etwas kaputtging oder knirschte. So landete das Zelt im Rund zusammengetüftelt und nur vom Spanngummi gehalten im Kofferraum. Am Nachmittag kam es dann wieder zum Einsatz in Arizona.
Die Zeiger der Uhr schoben sich auf halb zehn zu und so führte mein Weg erst mal ans Office, um ein paar Nachrichten auszutauschen. Dabei schaute ich gleich nach, ab wann ich auschecken konnte. Dave erschien mit seinem Golf-Wägelchen und wir kamen ins Gespräch. Ich erzählte ihm von den Schwierigkeiten mit dem WLAN am Zelt und er klärte mich darüber auf, dass es hier mehrere WLAN-Netze gab, deren kryptische Bezeichnung ich aber auf dem Passwortzettel nicht wiedergefunden hatte. Nach der Einweisung in die verschiedenen WLAN-Hotspots shuttelte er mich mit seinem Elektromobil zum Zelt und wünschte mir eine gute Reise. Nicht ganz ohne Neid, wie er wehmütig hinzufügte.
Dave, so erfuhr ich, machte nicht etwa Urlaub auf diesem Platz, sondern lebte hier dauerhaft in einem RV, einem Recreation Vehicle. Vergleichbares kannte man in Deutschland unter dem Begriff Wohnmobil, nur eben in XXL, wie alles hier. Seine Firma hatte vor einigen Jahren dicht gemacht und der Arbeitsplatz war ersatzlos weggefallen. Eine soziale Absicherung bei Arbeitslosigkeit wie in Deutschland hatte er nicht und so konnte Dave die Raten für sein Haus nicht mehr bezahlen. Die Immobilie und auch sein Auto musste er schweren Herzens verkaufen, seine Frau hatte ihn verlassen und den gemeinsamen Hund mitgenommen. Ein schmerzlicher Unterton klang in seiner Stimme mit, aber nicht der Abschied von seiner Partnerin war ihm schwergefallen, sondern der von seinem geliebten Vierbeiner. Für meine Weiterreise gab er mir insbesondere zum Death Valley noch ein paar Tipps, für die ich mich bedankte und zum Abschied seine kräftige Pranke schüttelte.
Das Rasenstück war gecheckt, alle Utensilien eingeräumt, das Navi startklar und damit konnte ich zum Office rüberfahren und mich verabschieden. Die Platzmiete beglich ich in bar mit den mir ungewohnten Banknoten und ich versicherte mich der Buchung, wenn ich das nächste Mal hier vorbeikam. "See you later and have a safe trip" warf mir die freundliche ältere Dame hinter dem Rezeptionsfenster zu und dann begab ich mich ins Auto, den weiteren Ablauf des Tages planend. Für eine direkte Fahrt zum nächsten Ziel war es eindeutig zu früh. Also kramte ich in der Erinnerung an diverse Reiseberichte, Bildbände und Landkarten, welche interessanten Punkte in Richtung Südosten erreichbar waren. Lake Mead und der Hoover Damm standen da ganz klar auf der Prioritätenliste und so tippte ich kurzerhand den berühmten Staudamm als Ziel ein. Vorher allerdings stand noch einmal Walmart auf dem Plan, denn beim Zelt hatte sich der Reißverschluss als widerspenstig und womöglich defekt erwiesen, mit etwas Glück sollte also Ersatz zu beschaffen sein. Aber weder der nächstliegende, noch ein weiterer Walmart hatten das Zelt oder ein ähnliches vorrätig und so blieb mir nur, mein Schlafgehäuse erst einmal weiter zu benutzen. Die freundliche Bedienung am Counter offerierte mir die Möglichkeit, das Zelt online zu bestellen für die nächste Filiale, die in Bakersfield erreichbar war, drei Nächte musste der Reißverschluss eben einfach halten. Zwar war das ein gewisses Risiko, aber welche Alternative hatte ich? Ich nahm den Reklamationsschein und mein Zelt und setzte mich ins Auto, ab gen Osten. Die Ausfallstraßen führten rasch aus der Stadt, die Entfernung zum Hoover Damm betrug nicht mal eine Stunde.
Die urbane Umgebung wurde schlagartig weniger und nach ein paar Kurven war vom städtischen Bild nichts mehr übrig. Schroffe Felsen und sandfarbene Ebene zogen sich rechts und links der Straße und es gab sich hügeliger. Ein nettes Auf und Ab wechselte und drückte mich mit jeder Meile weiter in das Gefühl, ein Abenteuer zu bestreiten, was es für mich ja auch war. Nach einer langgezogenen Linkskurve öffnete sich eine Weite, die am Ende mit einer in der Hitze flirrenden Wasserfläche abschloss, der Lake Mead war in Sicht. An seinem südwestlichen Ende wartete dann der Staudamm auf mich, aus dem der Colorado River weiterfloss. An dieser Stelle stellte ich wieder einmal fest, wie simpel und unmissverständlich die Straßen- und Schilderbeschriftung hier funktionierte und so hätte ich im Moment das Navi, das jetzt mit den neuen Kartendaten zuverlässig arbeitete, überhaupt nicht gebraucht. Die kurvige Zufahrt folgte mit zunehmenden Geschwindigkeitsbeschränkungen und reichlich Verkehr dem natürlichen Verlauf der Landschaft. Und dann unversehens war ich drauf und fuhr über die Dammkrone. Der Blick aus meinen Autofenstern fiel allerdings überschaubar aus. Zum einen, weil die Wände im Verhältnis zum Auto recht hoch waren und zum anderen, weil wegen der Verkehrsdichte mein Blick auf die Straße gehörte. Nach dem Passieren des Bauwerks empfing mich eine ausgezeichnete touristische Infrastruktur mit Parkplätzen und Fußgängerwegen.
