10 Tage Angst - Angela Zimmermann - E-Book

10 Tage Angst E-Book

Angela Zimmermann

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Beschreibung

Sunny verschwindet spurlos und keiner ahnt, dass die Verbindung zu ihrer Freundin Ella der Grund dafür ist. Der Entführer ist besessen von seinem Plan und beginnt ein makaberes Spiel mit den beiden Frauen. Von seiner Vergangenheit getrieben, die ihm fast das Leben gekostet hat, lüftet er nicht nur das Geheimnis der beiden Frauen, sondern will sie genau deswegen vernichten. Sunny macht sich jedoch einen vermeintlichen Feind zum Freund und hofft inständig auf dessen Hilfe. Ella versucht indes mit ihrem besten Freund Sten, diesem Spiel zu widerstehen und zu trotzen. Sie wollen Sunny finden, haben jedoch nur 10 Tage Zeit.

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Seitenzahl: 414

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsverzeichnis

Ella

Sunny

Ella

Sunny

Ella

Chris

Ella

Sunny

Chris

Ella

Sunny

Ella

Sunny

Chris

Ella

Sunny

Ella

Sunny

Ella

Chris

Ella

Chris

Ella

Sunny

Marcel

Sunny

Ella

Sunny

Ella + Sunny

Ella

Ella ist noch nicht richtig wach und bekommt das Klingeln an der Tür nur wie durch einen Schleier mit. Sie zieht sich die Decke über den Kopf, aber es nützt nichts. Es hört nicht auf, und so kommt sie nicht drumherum aufzustehen.

Wer ist denn heute früh so zeitig an ihrer Tür? Ein Blick auf den Wecker zeigt ihr jedoch, dass es bereits nach zehn Uhr ist. So spät ist sie schon lange nicht mehr aufgestanden. Wäre ihr Schlafzimmerfenster zur anderen Seite des Hauses hinaus, hätte sie wohl die Sonne längst wach gekitzelt. Das hat sie aber noch nie gestört, ganz im Gegenteil. Der kleine Balkon am Schlafzimmer zeigt in den Innenhof, wo abends kein Straßenlärm ist und man die untergehende Sonne genießen kann.

Langsam schiebt sie die Beine aus dem Bett und steht auf. Sie zieht sich den Morgenmantel über und fährt in ihre Hauspantoffeln. In den viel zu großen Schuhen, die sie aber unbedingt haben wollte, auch wenn es sie nicht in ihrer Größe gab, schlürft sie durch das Wohnzimmer in den Flur. Immer noch vollkommen verschlafen zieht sie ihre Beine schlurfend über das Laminat.

Ein kurzer Blick durch den Spion in der Tür und sie öffnet diese.

„Wo hast du deinen Schlüssel?“, fragt sie schläfrig und geht mit gesenktem Kopf einfach in die Küche.

Hinter ihr betritt Sten die Wohnung und er ist es gewohnt nicht gleich begrüßt zu werden. Er übergeht die Frage, weil er ihn wieder einmal vergessen hat, und folgt Ella. Gelassen beobachtet er sie, an dem Türrahmen gelehnt, wie sie die Kaffeemaschine mit Pulver und Wasser befüllt und dann anmacht.

„Bekomme ich auch einen?“, fragt er und erhascht jetzt doch ein zartes Lächeln von Ella.

„Na klar, hast ja auch Brötchen mitgebracht“, antwortet Ella, nachdem sie den frischen Bäckerduft wahrgenommen hat.

„Du siehst aber noch ganz schön müde aus“, foppt Sten sie, der sich mittlerweile hingesetzt hat.

„Du musst ja auch nicht so zeitig zu mir kommen“, kontert Ella und stellt zwei Teller, Tassen, Sahne und Zucker auf den Tisch.

„Aber hallo, es ist schon nach zehn“, sagt Sten und fährt mit seinen Fingern über Ellas kurzen blonden Haarschopf. Sie stehen in alle Richtungen von Kopf ab und Sten muss sich das Lachen verkneifen.

„Weg“, zischt Ella und schlägt gegen seine Hand. Sie mag es nicht, wenn er das macht, aber er tut es immer wieder sowie er die Gelegenheit dazu bekommt.

„Es ist wohl gestern spät geworden?“, lenkt Sten auf ein anderes Thema.

„Nein, eigentlich nicht“, kommt von Ella, die den Kaffee in die Tassen gießt und sich jetzt mit an den Tisch setzt. „Ich war um 22 Uhr zu Hause. Wir sind diesmal eher nach Hause, denn Sunny hat heute doch Frühschicht“, fügt sie noch hinzu.

„Da hast du zwölf Stunden geschlafen“, sagt er und kann offensichtlich nicht verstehen, wie man so lange schläft und dann immer noch todmüde ist, zumindest so aussieht.

„Ich bin erst gegen zwei ins Bett. Ich hatte noch ein paar Ideen und die musste ich zu Papier bringen“, verteidigt sich Ella und Sten nickt ihr nur still zu.

Ella ist Designerin für Damenmode und arbeitet zu Hause. So kann sie sich die Zeit einteilen, wie sie möchte. Und wenn dann eine Idee kommt, ist es egal, wie spät es ist. Sie entwirft Kleider, Anzüge und Blusen für die gehobene Preisklasse und sehr anspruchsvollen Frauen.

Sie arbeitet mit einer Agentur zusammen, die Ellas Entwürfe in echte Stücke aus Stoff und Tüll verwandelt und sie über ein Onlinegeschäft vermarktet. Bis jetzt ist es sehr gut gelaufen und mit der Beteiligung am Verkauf kann Ella gut leben. Es gab sogar schon Zeiten, wo Ella der Nachfrage nach neuen Modellen gar nicht hinterherkam. Aber es macht ihr Spaß und so kommt es dann auch mal vor, dass sie sich die ganze Nacht um die Ohren schlägt, nur um die Ideen auf Papier festzuhalten.

„Und was willst du eigentlich so zeitig bei mir?“, fragt Ella nach ein paar Minuten, in denen sie das frische Brötchen mit Honig gegessen hat.

„Du hattest vor mit mir heute einkaufen zu gehen“, kommt verständnislos von Sten, nachdem er den letzten Bissen von seinem Marmeladenbrötchen hinuntergeschluckt hat.

„Wollte ich das wirklich?“ Ella grinst Sten an, hat aber wahrscheinlich doch vergessen, dass sie ihm das versprochen hat.

„Ich brauche eine neue Couch und du wolltest mit mir in ein Möbelgeschäft. Ich vertraue deinem guten Geschmack“, schmeichelt er Ella und sie schenkt ihm dieses Mal ein verschmitztes Lächeln.

„Schon gut, ich muss mich nur etwas zurechtmachen.“

„Okay, ich lese inzwischen“, erwidert Sten und greift nach der Tageszeitung, die er vorhin mit hochgebracht hat. Er weiß, dass es sich nur noch um Stunden handeln kann.

„Ich beeile mich, versprochen“, sagt Ella, denn sie hat die versteckte Botschaft schon verstanden. „Räumst du bitte den Tisch ab?“, fragt sie und ist gleichzeitig auf den Weg ins Bad. Dort schaut sie erst einmal in den Spiegel und in ihre immer noch verschlafenen Augen. Sie wäscht ihr Gesicht mit kaltem Wasser und rubbelt es sich ab. Dann ein wenig Schminke, um die Augenringe wenigstens etwas verschwinden zu lassen. Ihre kurzen blonden Haare sind schnell gekämmt und mit ein wenig Gel in Form gebracht. Jetzt schaut sie sich zufrieden im Spiegel an. Aber sie schüttelt den Kopf, denn nicht nur, dass sie die Verabredung mit Sten vergessen hat, auch ihre Lust auf diesen Einkaufsbummel lässt zu wünschen übrig. Sie hat es jedoch versprochen und daran hält sie sich.

Nach fünfzehn Minuten ist Ella fertig und Sten fast mit der Zeitung durch. Gemeinsam machen sie sich endlich auf den Weg.

Es hat schon eine Weile gedauert, bis sie etwas Passendes gefunden haben. Ella macht mehrere Bilder und schickt sie dann Sunny auf das Handy. Sie möchte auch ihre Meinung haben, denn sie ist nicht gewillt das allein zu entscheiden. Sten kann das überhaupt nicht und hätte wohl die erste Couch genommen, an der sie vorbeigekommen sind. Ungeduldig wartet Ella auf eine Antwort, Sunny meldet sich jedoch nicht. Sie versucht sie anzurufen, aber sie nimmt den Anruf ebenfalls nicht entgegen.

„Wo ist sie denn?“, entfährt es Ella genervt und wählt nochmals die Nummer von Sunny.

„Vielleicht ist sie noch einkaufen“, redet Sten beruhigend auf sie ein.

„Ja, könnte sein. Aber mir wenigstens kurz schreiben ist doch drin“, entgegnet Ella und ruft nun schon zum vierten Mal an.

„Wir schaffen das auch ohne sie“, lächelt er und setzt sich auf die Couch, die ihm am besten gefällt.

„Die?“, fragt Ella entsetzt, denn das ist ganz und gar nicht ihr Geschmack und von ihr hat sie auch kein Foto gemacht.

„Die finde ich echt toll“, antwortet Sten und lässt sich nochmals darauf fallen, um wahrscheinlich die Federung zu prüfen. Sein Grinsen zeigt, dass er absolut zufrieden ist.

„Die ist aber wesentlich teurer, gegenüber den anderen“, flüstert Ella, als sie sich neben ihn setzt.

„Ella, du weißt, dass ich gut verdiene. Die kann ich mir echt leisten“, scherzt Sten und zieht sie in seine Arme.

Das macht er immer wieder mal, obwohl er weiß, dass es Ella nicht gefällt und so in der Öffentlichkeit erst recht nicht. Er versucht, ständig in ihrer Nähe zu sein, und dass er heute allein mit ihr hier ist, freut ihn am meisten. Er hat das absichtlich auf den Tag gelegt, weil er wusste, dass Sunny arbeiten ist. Er mag Sunny ebenfalls, und die beiden sind ja auch fast immer zusammen anzutreffen, Ella hat es ihm jedoch angetan. Er versucht, schon lange ihr Herz zu gewinnen, aber sie weist ihn stets wieder ab. Er gibt jedoch nicht auf. Irgendwann wird sie einsehen, dass er der Richtige für sie ist und dann wird er wohl der glücklichste Mann auf der Welt sein.

„Gut, lass uns eine Verkäuferin holen“, sagt Ella und windet sich aus den Armen von Sten.

Sie schaut sich um und keine Minute später sitzen sie schon an einen Verkaufstisch. Die junge Frau macht die Papiere fertig und Sten muss nur noch eine kleine Anzahlung tätigen. Die Couch kommt in einer Woche, was erstaunlich schnell geht und so hat er gerade noch Zeit, die Alte aus seinem Wohnzimmer zu räumen.

Ella schaut währenddessen wieder auf das Handy, aber Sunny hat sich noch immer nicht gemeldet.

„In einer Stunde kommt sie doch zu dir. Mach dir keine Sorgen. Wer weiß wo sie ist“, lächelt Sten Ella an, aber er erreicht sie nicht damit. Ella ist wirklich besorgt, denn so hat sich Sunny noch nie verhalten. Sie schreibt sonst immer eine kurze Nachricht oder ruft zurück. Heute bleibt aber beides aus und sie kann nur hoffen, dass sie wie abgemacht um 16.00 Uhr zu ihr kommt.

Sten versucht alles, um Ella abzulenken, aber es funktioniert nichts. Sie will einfach nur noch nach Hause und sehen, ob Sunny vielleicht schon da ist. So bringt er die fast abwesende und in ihren Gedanken gefangene Ella zurück in ihre Wohnung.

Es ist fast 17.00 Uhr und Ella kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Sunny ist immer noch nicht da und auf ihre unzähligen Nachrichten, die sie ihr geschrieben hat, kam nicht eine Antwort. Auch die fast zwanzig Anrufe liefen ins Leere. Wo ist sie nur? Ist ihr was passiert? Vielleicht ist ihr etwas dazwischen gekommen? Nein! Da hätte sie sich auf alle Fälle gemeldet.

Verzweifelt ruft sie Sten an, denn er behält meist den Überblick oder findet sogar eine Lösung. Auch nur seine beruhigenden Worte, die er immer auf Lager hat, würden ihr jetzt guttun.

Keine fünf Minuten später klingelt es an der Tür und Ella fährt erschrocken zusammen. Gerade hatte sie wieder den Telefonhörer am Ohr und hört Sunnys Mailbox ihr Sprüchlein aufsagen. Genervt drückt sie es aus und öffnet Sten die Tür. Ohne Vorwarnung fällt Ella ihm um den Hals und dann laufen auch schon die Tränen über ihr Gesicht. Er bleibt still und stützt Ella, die in ihrer Verzweiflung gefangen ist.

„Alles gut“, beginnt er und führt sie ins Wohnzimmer. Zusammen setzen sie sich auf die Couch und dann wischt Sten ihr die Tränen von den Wangen. „Ella, ihr ist schon nichts passiert“, sagt er, um sie zu beruhigen, aber auch er weiß, dass da etwas nicht stimmt. Die beiden wissen immer, ja immer, wo die andere ist oder was sie gerade macht. Sie sind praktisch wie Zwillinge, die alles gemeinsam machen und teilen. Da passt manchmal sogar er selbst nicht dazwischen.

„Wo kann sie nur sein?“, schluchzt Ella leise vor sich hin.

„Hast du eigentlich schon im Krankenhaus angerufen? Vielleicht haben sie einen Notfall und Sunny muss ein paar Stunden länger arbeiten“, platzt Sten heraus und Ellas Augen füllen sich voller Hoffnung. Sie hätte sich aber auch da bei ihr gemeldet. Den Gedanken schaltet sie jedoch aus und greift wieder nach ihrem Handy.

„Hallo, hier ist Ella. Kann ich Sunny sprechen?“, meldet sie sich schnell und übergeht die Frage, ob Sunny überhaupt noch da ist.

„Hallo Ella, hier ist Sabine. Ist Sunny nicht bei dir?“, wird die Gegenfrage gestellt und Ella würde wohl umkippen, wenn sie nicht schon sitzen würde.

„Wieso bei mir?“, kommt leise und nachdenklich von Ella.

„Sunny war heute gar nicht auf Arbeit. Ich habe versucht sie zu erreichen, aber sie ist nicht an ihr Handy gegangen. Normalerweise meldet sie sich, wenn sie nicht arbeiten kommen kann. Leider hatte ich deine Nummer nicht. Weißt du, wo sie ist?“, erklärt Sabine und löst so ein riesiges Gefühlschaos in Ella aus.

„Ich kann sie auch nicht erreichen“, japst Ella nach Luft. Irgendetwas schnürt ihr die Kehle zu. Es ist wahrscheinlich die Angst, die in ihr hoch kriecht. Angst um Sunny. Angst um ihre beste Freundin. Angst um ...!

„Wenn du etwas erfährst, dann gebe uns bitte Bescheid“, sagt Sabine und weil sie keine weitere Antwort bekommt, legt sie wieder auf.

Ella kann nicht mehr darauf reagieren. Sie zittert am ganzen Körper, die Stimme ist weg und die Tränen laufen, wie ein Wasserfall über ihr Gesicht.

„Sie wissen auch nicht, wo Sunny ist“, stellt Sten fest und Ella stimmt nur still zu.

Er nimmt sie in den Arm und beginnt zu überlegen.

Es ist nicht das Ding von Sunny, ohne ein Wort zu verschwinden. Das sagt er jedoch Ella nicht, damit sie sich nicht noch mehr aufgeregt und außerdem weiß sie das ja selbst. Aber was ist, wenn ihr zu Hause etwas passiert ist? Wenn das Handy nicht in Reichweite liegt und sie sich deswegen nicht melden kann. Oder hatte sie einen Unfall?

„Vielleicht hatte Sunny einen Unfall und kann sich deshalb nicht melden“, spricht er sehr vorsichtig, denn er vermag die Reaktion von Ella nicht einzuschätzen. So eine Ausnahmesituation hat es noch nie gegeben.

„Dann wäre sie doch im Krankenhaus und Sabine hätte das gewusst“, entgegnet Ella überzeugt und Sten kann nur mit den Schultern zucken.

„Was ist wenn ihr etwas in ihrer Wohnung passiert ist?“, wagt er die nächste Frage und Ella steht mit einem Ruck auf den Beinen.

„Dann sollten wir mal nachschauen“, platzt sie heraus und sucht im selben Moment nach ihrer Tasche. Sten sieht nur zu, wie sie ihr Handy hinein wirft, sich einen Pullover über den Kopf streift und im gleichen Atemzug auch schon die Schuhe anzieht.

„Kommst du?“, fragt sie nur einen Augenschlag später an der Tür wartend.

„Ja, ja“, entfährt Sten, der wieder einmal die Frauen nicht versteht. So schnell ist es doch nicht möglich, umzuschalten.

„Was brauchst du denn so lange“, kommt aufgeregt von Ella, zieht ihn nach draußen und schließt die Tür ab.

Sten kann nur noch mit dem Kopf schütteln und läuft Ella hinterher, die anscheinend einen Sprint eingelegt hat. Er hat eine Hoffnung in ihr geweckt, die ihr wahrhaftig Flügel verleiht.

Sunny wohnt gerade einmal fünf Minuten zu Fuß von Ella entfernt, aber Sten kommt es vor, höchstens nur wenige Sekunden gebraucht zu haben.

Völlig außer Puste und nach Luft schnappend, nimmt Sten die letzten zwei Stufen und steht nun hinter Ella, die gerade die Wohnungstür von Sunny aufschließt. Fast ungebremst, wie auf dem gesamten Weg bis hier her, stürmt sie in die Wohnung. Er schließt die Tür und hört Ella lautstark nach Sunny rufen. Ein kurzer Blick in die kleine Küche und schon steht sie mitten im Wohnzimmer. Hektisch schaut sie sich um, aber es ist alles wie immer. Ordentlich und aufgeräumt, wie man es von Sunny kennt. Nur sie selbst ist nicht da.

„Schaust du mal ins Schlafzimmer?“, fragt Sten mit pfeifender Stimme von der Anstrengung.

„Mach du mal“, sagt Ella und lässt sich jetzt auch entkräftet in einen Sessel fallen.

„Aber wenn sie da nackt ...“, stottert Sten und fängt ein verschmitztes, jedoch leicht erzwungenes Lächeln von Ella ein.

„Sag bloß, du hast noch keine nackte Frau gesehen?“, hänselt sie ihn, aber erhebt sich jetzt doch, um selbst nachzuschauen. Sten kann ihr nur leicht beschämt hinterherschauen, denn irgendwie hat sie schon den Nagel auf den Kopf getroffen. Ella ist die erste und einzige Frau, in die er sich verguckt hat. Also null Erfahrung. Aber das muss sie nicht wissen.

Ella betritt das Zimmer, was genauso ordentlich ist, wie die anderen. Zum Schluss hält sie den Kopf kurz in das Bad, Sunny könnte ja auch in der Dusche ausgerutscht sein. Aber sämtliche Räume sind leer. Langsam geht sie alles noch einmal akribisch ab und stellt fest, dass die Handtasche von Sunny nicht da ist. Wieso sollte sie denn auch ohne sie die Wohnung verlassen? Dann kommt Ella noch ein Gedanke und sie läuft abermals ins Bad. Ein Blick in die Wäschetruhe zeigt ihr, dass sie anscheinend nach ihren gestrigen Abend nicht einmal zu Hause gewesen ist. Sie zieht jeden Tag neue Sachen an, und außerdem würde sie niemals so ein gutes Oberteil auf Arbeit tragen. Also wo ist es? In der Truhe jedenfalls nicht. Wieder im Schrank? Niemals, sie hat eindeutig geschwitzt und würde es deshalb kein zweites Mal anziehen. Trotzdem läuft sie hinüber in das Schlafzimmer und durchsucht den großen Wäscheschrank. Sten folgt ihr und beobachtet sie mit weit aufgerissenen Augen.

„Was suchst du?“, fragt er aber dann doch, denn er kann nicht nachvollziehen, was Ella da tut.

„Sie war gar nicht zu Hause“, flüstert sie, als könnte sie jemand belauschen.

„Wie kommst du denn darauf?“, will Sten etwas unverständlich wissen.

„Ihre Sachen von gestern Abend sind nicht da.“

„Was willst du damit sagen?“

„Sie zieht nichts zwei Mal an, ohne es zu waschen“, schüttelt Ella den Kopf und stellt wieder einmal fest, dass Sten die Frauen einfach nicht kennt.

„Wenn du das sagst. Und was machen wir jetzt?“, fragt er und kann Ella immer noch nicht richtig folgen.

„Sie war nach unserem Billardabend gar nicht hier und ist irgendwann in der Nacht verschwunden“, schluchzt sie, denn schon machen sich abermals Tränen auf den Weg in ihre Augen.

„Komm, wir gehen wieder zu dir“, murmelt Sten in die Haare von Ella, denn ihr Kopf liegt auf seiner Brust. Er hält sie fest und wartet auf eine Reaktion. Hier können sie nichts mehr tun, das ist beiden klar.

Nach ein paar Minuten löst sich Ella aus den Armen von Sten, wischt sich das Gesicht trocken und dann verlassen sie wieder die Wohnung. Diesmal laufen sie langsam und ziemlich nachdenklich zurück. Sie reden nicht ein Wort und jeder ist in seinen Gedanken gefangen. Aber beide fragen sich ständig, wo Sunny ist?

Sie finden keine Antwort darauf und sind am überlegen, wer ihnen jetzt helfen könnte.

Bei Ella angekommen, packt sie plötzlich die Angst. Sie kann sich kaum wieder beruhigen und auch der Tee, den Sten ihr gemacht hat, hilft nicht.

„Wir sollten zur Polizei gehen“, sagt sie mit zitternder Stimme.

„Wie kommst du denn jetzt darauf?“ Sten schaut sie fassungslos an, für ihn ist es lange noch nicht so ernst, um die Polizei einzuschalten.

„Was, wenn sie entführt wurde?“, platzt Ella das heraus, was sich Sten nicht einmal vorstellen wollte.

„Und wenn sie zu ihren Eltern aufs Land ist. Vielleicht brauchen sie Hilfe“, hält er dagegen und versucht Ella auf andere Gedanken, als eine Entführung zu bringen.

„Da hätte sie mir Bescheid gesagt. Und außerdem sich auf Arbeit abgemeldet“, entgegnet Ella und Sten muss sich eingestehen, dass sie wieder einmal recht hat.

„Lass uns bis morgen warten“, widerspricht er ihr trotzdem.

„Sie könnten aber die ganze Nacht schon nach ihr suchen“, bettelt Ella fast.

„Sie werden es nicht. Bei Erwachsenen ist das nicht so einfach, eine Vermisstenanzeige zu machen und damit sofort eine Suche auszulösen“, sagt Sten ziemlich leise, um Ella nicht noch mehr aufzuregen.

„Wieso denn?“, bekommt sie nur heraus.

„Sie ist volljährig und kann hingehen, wo sie will. Wenn die Polizei keine Hinweise auf eine Straftat hat, werden sie nur nach dem Aufenthaltsort suchen. Und das werden sie bei Sunny nicht gleich tun.“

„Und wenn sie in Gefahr ist?“

„Wir können das aber nicht von uns aus sagen, weil wir es doch nicht wissen“, versucht er Ella zu erklären.

„Dann kann uns die Polizei gar nicht helfen?“, schluchzt sie.

„Weißt du was?“, beginnt Sten erneut und er greift nach ihren Händen. „Ich bleibe heute Nacht bei dir und morgen früh, wenn wir immer noch nichts von Sunny gehört haben, gehen wir zusammen zur Polizei.“

„Ich rufe nur noch mal schnell Sunnys Mutter an“, erwidert Ella und atmet mehrmals tief durch.

„Es wäre vielleicht besser, sie nicht anzurufen“, widerspricht Sten schon wieder, denn langsam ist auch er sich sicher, dass Sunny nicht einfach irgendwohin gegangen ist, ohne Bescheid zu sagen.

„Warum nicht?“

„Sunny ist garantiert nicht dort und du würdest ihre Mutter in Angst und Schrecken versetzen. Es würde bestimmt keine zwei Stunden dauern und sie wäre hier. Du kannst sie anrufen, wenn wir morgen bei der Polizei waren. Am Ende machen die das sowieso.“

„Okay, dann warten wir bis morgen“, sagt Ella und schluckt ihren Schmerz hinunter. Zumindest versucht sie es.

Wie soll sie nur die Nacht überstehen? Wie wird wohl Sunny die Nacht überstehen und vor allem wo?

Die Fragen tanzen in ihrem Kopf herum und verursachen jetzt auch noch Kopfschmerzen. Nachdem sie eine Tablette genommen hat, holt sie Bettzeug für Sten, der es sich auf der Couch gemütlich macht und legt sich dann selbst ins Bett, aber an schlafen ist gar nicht zu denken.

Alles Mögliche geht Ella durch den Kopf, eines ist jedoch absolut sicher, Sunny würde nicht einfach gehen, ohne ihr etwas zu sagen. Ella ist es unbegreiflich, wie sie verschwinden konnte. Wo ist sie nur? Sie zerbricht fast an den Gedanken, Sunny vielleicht nie wieder zu sehen.

Sie kennen sich seit der Schulzeit und sind schon gemeinsam durch viele Höhen und Tiefen gegangen. Sie fühlten sich nicht nur als Freundinnen, nein, sie waren wie Schwestern. Durch die Berufslehren wurden sie eine Zeit lang getrennt, aber das Band war immer zu spüren. Seit zwei Jahren sind sie wieder zusammen und das intensiver, als je zuvor. Ab dem Tag, wo Sunny wieder zurückkam, entdeckten sie, dass da mehr ist, nicht nur die Freundschaft. Jede hat für sich Erfahrungen mit Männern gemacht, aber es war für beide nicht befriedigend. Sunny lebte sogar mit einem Mann zusammen, Ella dagegen konnte nie eine tiefgreifende Verbindung aufbauen. Beiden fehlte etwas, um von Liebe zu reden oder sich überhaupt komplett auf einen Mann einzulassen, so wie Ella. Jetzt ist es jedoch anders. Sie sahen sich wieder und lernten sich auf einer ganz anderen Ebene neu kennen. Sie verliebten sich und fanden endlich das, was sie jahrelang gesucht haben. Ja, sie sind zusammen und das nennt man wohl lesbisch. Bis heute haben sie es verschwiegen. Gegenüber ihren Eltern, wie ebenfalls keine seiner Freunde darüber Bescheid wissen. Sten weiß genauso nichts davon und so muss es auch bleiben. Sie möchten es so lange wie es geht geheim halten, dass haben sie sich geschworen. Sie haben keine Lust auf Anfeindungen und Unverständnis. Sie wollen einfach ihre Liebe genießen und leben. Aber das alles hat nichts mit der momentanen Situation zu tun. Nein?

Ella überlegt, ob irgendjemand etwas von ihrer Beziehung wissen könnte. Sie kommt zu dem Schluss, dass das nicht möglich ist. Sie sind doch extra nicht zusammengezogen und jede hat ihre eigene Wohnung. Es kann keiner wissen! Daran klammert sich Ella und vermag sich einfach nicht vorstellen, dass Sunny entführt wurde, zumindest nicht wegen ihrer Beziehung.

Leise weint sie sich über all die Fragen und den Ängsten dann doch in einen unruhigen Schlaf. Nach ein paar Stunden weckt sie wieder auf und ist erstaunt, dass sie nicht einmal von Sunny geträumt hat. Ist das ein gutes oder schlechtes Zeichen? Ella sitzt im Bett und findet darauf keine Antworten. Automatisch greift sie zum Handy und ruft die ihr zu bekannte und vertraute Nummer an. Es klingelt, aber es nimmt niemand ab. Hört es Sunny nicht? Schläft sie vielleicht? Es ist noch dunkel draußen und der Wecker zeigt Ella, dass es gerade mal 5.00 Uhr morgens ist. Oder kann sie nicht ran gehen? Aber warum denn nicht? Ist sie irgendwo gefangen? Aber ein Entführer hätte ihr doch das Handy weggenommen und vor allem abgeschaltet.

Wie auf Kommando ruft Ella noch einmal an und nun ist es, genau nach diesem Gedanken, plötzlich ausgeschaltet. Was soll das denn jetzt? Hat Sunny es ausgemacht? Will sie nicht mit ihr reden? Oder hat es jemand anders? Augenblicklich steigt wieder Panik in Ella hoch und sie springt aus dem Bett.

„Ich kann Sunny nicht mehr anrufen“, schreit sie fast und rüttelt Sten an den Schultern.

„Was?“, fährt er erschrocken hoch und weiß im Moment gar nicht, wo er ist.

„Das Handy von Sunny ist aus“, jammert Ella und setzt sich fast auf die Beine von Sten, die er gerade noch wegziehen kann.

„Ella, beruhige dich“, fordert er und setzt sich auf. „Wir machen uns erst mal einen Kaffee und dabei können wir überlegen, was wir als Nächstes tun“, redet er weiter und nickt Ella aufmunternd zu.

Sie steht auf und geht in die Küche. Wie in Trance und immer einen Blick auf ihr Handy, es könnte ja auch sein, dass Sunny zurückruft, macht sie die Kaffeemaschine fertig und legt ein paar Aufbackbrötchen in den Backofen. Sie hat zwar keinen Hunger, der ist ihr schon lange vergangen, aber sie ist ja nicht allein, und Sten möchte bestimmt etwas essen.

Er hat sich inzwischen an den kleinen Tisch in der Küche gesetzt und Ella sieht ihm an, wie er angestrengt überlegt. Seine Stirn liegt in Falten und er schüttelt immer wieder mit dem Kopf.

„Was überlegst du?“, fragt sie und setzt sich zu ihm.

„Was habt ihr Freitag Abend genau gemacht? War Sunny noch mit hier?“, formuliert er vorsichtig seine Fragen.

„Wir waren wie immer freitags in der Bar, vorne an der Ecke“, antwortet Ella und ihre Gedanken drehen sich plötzlich darum, ob er von ihrer Beziehung etwas mitbekommen hat. Egal, das würde jetzt auch nichts ändern, oder? Sten wäre bestimmt beleidigt, weil sie ihm es verheimlicht haben, außerdem steht er auf sie und das weiß sie ganz genau.

„Wann seid ihr gegangen?“, will Sten weiter wissen.

„Wir haben eine Runde Billard gespielt und ein Glas Wein getrunken. Gegen zehn sind wir los, weil Sunny Frühschicht hatte“, sagt Ella und überlegt, ob da nicht doch etwas gewesen ist. Aber alles war wie immer, wie jeden Freitag.

„Also war sie gar nicht mit hier?“, hakt Sten nach und Ella schüttelt nur mit dem Kopf. „Hast du sie später noch mal angerufen?“ Er lässt nicht locker, er will alles wissen.

„Nein, sie wollte doch gleich ins Bett. Und ich habe bis nach Mitternacht gearbeitet. Außerdem rufe ich sie nie noch mal an, warum denn auch.“

„Vielleicht ist sie gar nicht zu Hause angekommen“, denkt Sten laut.

„Das habe ich gestern doch schon gesagt. Denkst du jetzt ebenso, dass sie entführt wurde?“

„Aber warum?“, kommt die Gegenfrage von ihm.

„Das kann ich dir nicht sagen, aber deswegen war in ihrer Wohnung alles in Ordnung. Und ihre Tasche war ja auch nicht da“, schlussfolgert Ella und sieht die aufgeräumte und unberührte Wohnung praktisch vor ihren Augen.

„Eben“, meint Sten nur kurz, der versucht seine Gedanken zu sortieren.

„Und was jetzt?“

„Jetzt frühstücken wir und dann gehen wir noch mal in Sunnys Wohnung.“

„Was soll das denn bringen?“

„Vielleicht ist sie wieder da.“

„Glaubst du das wirklich?“, fragt Ella und muss schlucken, denn plötzlich machen sich erneut Tränen auf den Weg. Wie schön wäre es, wenn sie da ist. Aber dann hätte sie sich garantiert gemeldet. Sie ist weg und sie müssen sie finden, ansonsten geht Ella an dem Verlust ihrer Liebe zugrunde.

„Nein, eigentlich nicht“, gibt Sten ehrlich zu und steht auf. Er drückt Ella einen Kuss auf die Stirn, in der Absicht, dass sie sich wieder fängt, und dann gießt er den Kaffee in die Tassen.

Sie frühstücken in absoluter Stille und die bringt beide dazu, sich immer wieder Fragen zu stellen, die stetig mehr werden. Keiner will wahrscheinlich das Wort Entführung noch einmal in den Mund nehmen, obwohl die Tatsache, dass es so ist, nicht mehr abzuwenden scheint.

Sunny

Langsam kommt Sunny zu sich und ihre Augen brennen von dem grellen Licht. Sie schaut sich hektisch um und Panik steigt in ihr hoch. Sie kann sich kaum rühren und versucht, mit der geringen Beweglichkeit, an sich hinunterzuschauen. Aber das gelingt ihr nicht ganz, nur so viel nimmt sie wahr, sie ist stehend an irgendetwas mit Händen und Füßen gefesselt. Sogar am Hals ist sie festgebunden. Und dann macht ihr etwas noch mehr Angst, sie hat Wäsche an, die ganz sicher nicht ihr gehört. Es ist ein BH und ein knappes Höschen, beides aus feinster schwarzer Spitze.

Wieso hat sie Dessous an? Und wer hat sie ihr angezogen? Die Frage erledigt sich in dem Moment, wo die Tür aufgeht und ein großer kräftiger Mann hereintritt. Sie trifft ein flüchtiger Blick von ihm und der sagt ihr sofort, dass sie in Schwierigkeiten steckt.

Weil sie in ihrer momentanen Lage sowieso nicht viel unternehmen kann, lässt sie ihre Augen erst einmal etwas ruhiger, aber immer noch mit Angst erfüllt, durch den Raum schweifen. Sie muss in einem Keller sein, denn es gibt keine Fenster und die Wände wirken kalt und sind nicht verputzt.

Rechts von ihr erkennt sie mehrere Computer. Warum braucht man denn gleich so viele und auch noch dazu im Keller? Sie denkt nicht länger darüber nach und schaut weiter. Links ist eine Tür und daneben führt eine Treppe hinauf. Dort ist wohl der Weg in die Freiheit, der für sie jedoch unerreichbar ist, zumindest im jetzigen Moment. Dann geht ihr Blick gerade aus und da ist eine Werkbank, an der gesamten Wandfläche. Auf ihr sind unzählige Geräte und Werkzeuge verteilt. An dieser ist der Kerl gelehnt und beobachtet sie mit einem hämischen Gesichtsausdruck. Sunny wird es heiß und kalt zugleich. Irgendwie sieht er sehr gut aus und seine stahlblauen Augen würden wohl so mancher Frau den Kopf verdrehen. Aber nicht ihr. Sie hat sich der Männerwelt abgewandt. Und dann beginnt sie zu zittern, denn ihr wird klar, dass, wenn er sich nicht hinter einer Maske versteckt, heißt das für sie, dass sie hier wahrscheinlich nicht mehr lebend herauskommt.

Welcher Entführer würde sein Opfer gehen lassen und dann nur noch darauf warten, dass sie ihn festnehmen, weil sie der Polizei ein hundertprozentiges Phantombild gegeben hat. Und das wäre es, denn das Gesicht würde sie niemals mehr vergessen, es hat sich längst in ihr Gehirn gebrannt.

Sunny versucht, ruhig zu atmen und das nur durch die Nase, denn in ihrem Mund hat sie irgendeinen Ball, wodurch sie auch keinen Ton von sich geben kann. Ängstlich sind ihre Augen auf ihn gerichtet und beobachten ihn ganz genau. Trotz der Angst brennt sich weiterhin jede Einzelheit, jede Bewegung von ihm sowie die schnell wechselnde Mimik, was anscheinend ein Spiel von ihm ist, augenblicklich in ihr Gehirn. Wer weiß, wofür sie es einmal gebrauchen kann. Er dagegen verschränkt seine starken Arme vor seiner nackten braungebrannten Brust und scheint den Anblick von Sunny, wahrscheinlich auch ihre Angst, einfach nur zu genießen.

Schon beim Fesseln, was ihm keinerlei Schwierigkeiten bereitete, obwohl Sunny ohne Bewusstsein war, hat er sich außerordentlich Mühe gegeben. Kabelbinder kamen für ihn nicht infrage, das war ihm viel zu einfach. Ob das jedoch seinem Opfer imponierte, sei dahin gestellt.

Weiche Lederriemen legte er Sunny an. Diese soll sie als Geschenk sehen, aber das tut sie natürlich nicht. Undankbares Ding! Bei dem Gedanken muss er lächeln und umso verdutzter schaut ihn Sunny an. Keiner weiß, was gerade der andere denkt und genau das macht ihm Spaß, aber Sunny immer mehr Angst und sie versucht, sich das nicht anmerken zu lassen.

Sein Blick fällt wieder auf die Riemchen. Schmuck sehen sie aus, mit den vielen Strasssteinchen. Nicht zu eng, aber so, dass sie sie nicht abstreifen kann. Die Arme sind waagerecht abgespreizt und die Handgelenke sind an den Querbalken befestigt. Dann noch ein schmaler Lederriemen um den Hals, der sieht jedoch eher nach einem Hundehalsband aus, mit den silbernen Metallspitzen. Der ist an der Säule hinter ihr festgemacht. Natürlich zieren auch ihre Füße solch zarten Riemchen. Im Ganzen ist Sunny an einem Kreuz gefangen, deren Herstellung für ihn das Einfachste war und daran ist sie ihrem Peiniger komplett ausgeliefert.

Seine Augen bleiben an ihrem Gesicht hängen. Da ist dieser Knebel, den er erst vor einigen Tagen gekauft hat. Nicht weil er das Schreien der Frauen nicht erhören könnte, ganz im Gegenteil, das wird seine größte Befriedigung sein, nein, er hat ihn einfach gereizt. Er ist etwas Besonderes. Ein Ball aus weichem Leder, der genau in ihren Mund passt. Es sieht gut aus, wie sich die vollen roten Lippen darum schmiegen. Irgendwie hat es schon etwas Sexuelles an sich, aber das ist nicht seine Absicht, zumindest noch nicht. Er hat etwas ganz anderes im Sinn, obwohl er bei Sunny schon auf diese Gedanken kommen könnte und bestimmt auch wird, aber er hat sich vorgenommen, solange wie möglich dagegenzuhalten. Er liebt dunkelhaarige Frauen und Sunny ist eine Schönheit. Vielleicht tut er sich nicht gerade einen Gefallen mit den Ketten, den Lederriemchen und den Dessous, die er ihr natürlich angezogen hat, aber er hat einen Plan und an den wird er sich halten. Alles zu seiner Zeit.

Er dreht Sunny den Rücken zu und greift nach einem großen Messer. Genüsslich und langsam fährt er mit dem Zeigefinger die scharfe Klinge entlang. Sie blitzt in dem grellen Neonlicht der Deckenlampe, das einzige Licht in diesem kleinen Keller.

Hinter ihm beginnt Sunny zu wimmern. Ihre Laute waren vor Stunden noch kräftig, woran sie sich jedoch nicht erinnern kann, weil sie immer wieder weggedämmert ist. Sie ist sich nicht sicher, aber da sie überhaupt nicht weiß, wie sie hier hergekommen ist, wird er ihr wohl etwas zur Betäubung gegeben haben. Sie vermutet irgendeine Droge, das ist jedoch nicht mehr wichtig, jetzt verlassen sie nämlich langsam ihre Kräfte.

Er muss sich beeilen, denn er will nicht, dass sie schon aufgibt. Sie soll doch alles mitbekommen, ansonsten macht es keinen Spaß.

Zu viele hat er schon verloren, bevor er fertig war. Womit? Das weiß nur er.

Diesmal hat er sich aber die Richtige ausgesucht. Er weiß es genau! Sie hat mehr Kraft und auch mehr Willen. Lange hat er sie beobachtet. Fast jede Minute und alle Einzelheiten der letzten Wochen hat er ausspioniert. Er war ihr immer ganz nahe, aber unerreichbar für ihn. Jetzt gehört sie jedoch ihm.

Wenn er nur wüsste, wie viel Willen Sunny wirklich hat. Sie wird kämpfen und es ihm schwer machen, auch wenn sie schon ahnt, dass sie eigentlich gegen ihm keine Chance hat.

Ganz langsam dreht er sich zu Sunny um und augenblicklich schweigt sie. Seine Augen fixieren sie und ihr kommt es vor, als würde er seine Vorgehensweise im Kopf ablaufen lassen.

Nur Sekunden später geht er einen Schritt auf sie zu, das Messer in der linken Hand, wo man ja Linkshänder für sehr intelligent hält, aber ob es auf ihn zutrifft, ist zu bezweifeln. Genüsslich lässt er das Messer, mit dem Zeigefinger der rechten Hand an der Messerspitze drehen und nimmt die immer größer werdende Angst von Sunny in sich auf, wie ein ausgehungerter wilder Wolf.

„Du hast einen ganzen Tag verpasst. Den wirst du heute nachholen müssen“, raunt er Sunny zu, aber sie kann damit nichts anfangen. Das scheinen ihm ihre Augen zu sagen, denn er spricht weiter. „Heute ist schon Sonntag, mein Schatz. Ich habe dich wohl mit einer zu hohen Dosis betäubt. Das tut mir echt leid, aber jetzt bist du ja endlich munter. Ach, und weil du so lange geschlafen hast, musste ich dich anziehen. Aber ich denke doch, dass sich das in den nächsten Tagen ändern wird.“

Sunny dreht sich fast der Magen um. Er hat sie wirklich angefasst. Und nicht nur das. Er hat sie ausgezogen und ihr diese Dessous übergestreift. Einen ganzen Tag war sie ihm ausgeliefert und sie hat nichts mitbekommen. Was hat er noch alles mit ihr angestellt? Sie will sich das gar nicht vorstellen. Allein bei dem Gedanken, wie seine Hände ihre zarte Haut berühren, bekommt sie Brechreiz. Diesen muss sie unterdrücken, denn sie weiß genau, wie schnell man an Erbrochenen ersticken kann, vor allem mit diesem Ball im Mund.

Er muss sie auf dem Weg nach Hause überfallen haben, aber sie kann sich an nichts mehr erinnern. Sie kann nur hoffen, dass das Betäubungsmittel keine weiteren Nachwirkungen hat. Obwohl, wenn sie noch einmal abdriftet, muss sie das hier nicht bei vollem Bewusstsein erleben. Aber wie lange wird das alles dauern? Was hat er vor. Umbringen anscheinend nicht, nachdem, was er gerade gesagt hat.

Ihre Gedanken werden abrupt unterbrochen, denn die blitzende Klinge des Messers ist ganz nah vor ihren Augen. Der Ekel, der in ihr hochgekommen ist, schlägt in panische Angst um.

Sie zerrt an den Lederbändern und sie reißen nun doch ihre zarte Haut an den Handgelenken und dem Hals auf. Vor Schmerz hält sie inne und scheint sich ihrem Schicksal zu ergeben, aber so ist es nicht. Sie will sich nur nicht selbst verletzen, denn das er es tun wird, ist ihr klar. Jede weitere Wunde kann ihre Kräfte mildern, die sie für das Überleben braucht. Wird sie das? Überleben? Sie will es zumindest versuchen, egal was es für einen Preis kosten könnte. Sie will leben, sie will hier raus und das hier soll nicht ihre letzte Station sein.

Sie wird aus ihren Gedanken gerissen, als er das Messer an ihrem Hals entlanggleiten lässt, aber ohne die kleinste Wunde zu verursachen. Er beobachtet sie ganz genau, als die Klinge über ihr Gesicht streift. Instinktiv hält Sunny die Luft an, um den Schmerz zu verarbeiten, jedoch ist auch diesmal nicht der geringste Ritz zu sehen. Nun zieht er einen Hocker heran und stellt ihn genau unter Sunnys ausgestreckten rechten Arm. Darauf steht eine kleine Schüssel und jetzt ist das Messer direkt darüber. Sunny sieht alles im Augenwinkel und kann sich nicht vorstellen, was er damit bezweckt. Aber sie soll es gleich erfahren, denn er setzt das Messer an und schneidet in Sunnys Fleisch. Nicht zu tief, aber genau so, dass aus der Wunde Blut tropft. Die Schüssel fängt jeden Einzelnen auf und Sunny kann mit dem Anblick gut umgehen, jedoch nicht mit dem plötzlichen Schmerz.

Ein Schrei bleibt ihr im Hals stecken, der Lederball verhindert, dass er herauskommt. Ihr wird schwarz vor Augen, die sie jedoch nicht schließen kann. Erst jetzt bemerkt sie, dass er ihr die Lider an den Augenbrauen festgeklebt hat. Deshalb hat sie die ganze Zeit, mit weit aufgerissenen Augen, alles in sich aufgesaugt. Sie soll alles sehen, aber ihr Unterbewusstsein verhindert es. Ganz sacht fällt sie in die Dunkelheit der Ohnmacht. Es ist wohl das Beste, was ihr in diesen Augenblick passieren kann, denn sie ist sich nicht sicher, dass es das Einzige ist, was er mit ihr anstellen wird.

In dem Moment, wo ihr Kopf nach vorne fällt, dreht er sich wütend um und wirft das Messer gegen die Wand. Hat er wieder eine schwache Frau erwischt? Sollen nicht Frauen Schmerzen besser ertragen können, als Männer? Oder ist sie von dem Betäubungsmittel noch zu beeinträchtigt? Egal, es ist nicht so gelaufen, wie er es sich vorgestellt hat, und das ärgert ihn zutiefst.

Laut knurrend und mit wutverzerrtem Gesicht geht er die Treppe hinauf und verlässt den Keller. Er lässt Sunny allein, was sie aber nicht mitbekommt, denn sie ist immer noch in ihrer Ohnmacht gefangen. Und das Blut tropft stetig in die kleine Schüssel!

Ella

Ella steht vor dem Haus, in dem Sunny ihre Wohnung hat. Ihr steigen Tränen in die Augen, aus Verzweiflung und Angst, Sunny vielleicht nicht wiederzusehen.

Sie waren gerade oben und die Vorahnung, dass Sunny nicht da ist, hat sich bestätigt.

„Komm steig ein, wir fahren jetzt zur Polizei“, fordert Sten Ella auf und schiebt sie sacht in Richtung seines Autos.

Ohne Widerrede steigt sie ein und Sten fädelt sich kurz darauf in den Verkehr ein. Es dauert keine fünf Minuten, in denen Ella nicht einen klaren Gedanken fassen kann und sie sind da. Sten parkt auf dem Parkplatz für Besucher der Polizeistation ein und muss Ella praktisch aus dem Auto herausziehen.

„Was ist los? Du wolltest doch schon gestern hier her.“ Sten klingt plötzlich ziemlich genervt.

„Ich weiß. Ich komme doch schon“, sagt sie, steigt aus, gibt der Autotür einen Stoß, sodass sie zufällt, und läuft mit gesenktem Blick hinter Sten her.

Sie betreten das Gebäude und finden sich gleichzeitig in einer großen Eingangshalle wieder. Sten sucht nach einer Person, an der sie sich richten können. Es laufen einige Polizisten umher, aber sie scheinen alle irgendwie beschäftigt. Dann entdeckt er weiter hinten eine Theke und da sitzt, über irgendwelche Unterlagen gebeugt, ein Polizist. Sten greift nach Ellas Arm, die gedankenversunken neben ihm steht und zieht sie einfach mit sich. Erst als sie bei dem Polizisten sind, kommt sie wieder zu sich und schon machen sich abermals Tränen auf den Weg. Langsam und lautlos laufen sie ihr über die Wangen und damit erweckt sie schnell das Interesse des Beamten.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragt er und springt von seinem Stuhl auf. Seine Augen sind an Ella geheftet und Sten scheint er überhaupt nicht wahrzunehmen.

„Wir wollen eine Freundin als vermisst melden“, kommt ernst von Sten und jetzt schaut der Polizist auch ihn an.

„Wie lange ist sie denn schon weg?“, will der Polizist wissen.

„Seit Freitagabend, oder Sonnabend früh“, seufzt Ella und atmet nun tief durch.

„Genauer wissen Sie es nicht?“, schüttelt der Polizist mit seinem Kopf.

„Wir überwachen unsere Freunde nicht die ganze Nacht“, entfährt Sten, denn er ist der Meinung, dass sie es ihm schon gesagt hätten, wenn sie es genauer wüssten.

„Schon gut“, beschwichtigt der Polizist und redet auch gleich weiter. „Wir nehmen Vermisstenanzeigen erst auf, wenn wir sicher sind, dass eine Straftat vorliegt, oder zumindest zwei Tage vergangen sind.“

„Sie ist weg und ich kann sie nicht erreichen. Das macht Sunny nicht. Sie sagt mir immer, wohin sie geht“, schluchzt Ella, denn sie hat Angst, hier am Ende keine Hilfe zu bekommen.

„Vielleicht hat sie es dieses Mal nicht getan. Sie ist doch bestimmt volljährig und da kann sie sich aufhalten, wo sie will“, hält der Polizist dagegen und Sten kann es nicht glauben, dass er denkt, wir wollten ihm einen Bären aufbinden.

„Es ist wirklich ernst. Sie hätte gestern arbeiten gehen müssen, aber auch da war sie nicht. Und sie hat sich auch nicht im Krankenhaus abgemeldet“, sagt Sten etwas lauter.

„Im Krankenhaus?“, fragt der Polizist und zieht eine Augenbraue hoch.

„Sunny ist Krankenschwester“, kommt unverständlich von Ella.

„Ach, so meinen Sie das“, versucht der Polizist verlegen zu lächeln.

„Was ist nun? Suchen sie jetzt nach Sunny?“ Sten versucht, ruhig zu bleiben, aber seine Stimme fängt vor Wut schon an zu flattern.

„Eins nach dem anderen“, kommt gelassen von dem Polizisten und dann dreht er sich um. Nur Sekunden später legt er ein Formular auf die Theke und einen Stift dazu. „Bitte füllen Sie das erst einmal aus.“

„Aber Sunny ist verschwunden“, murmelt Ella und schluckt die nächsten Tränen tapfer weg.

Dann beginnt Ella den Fragebogen auszufüllen, denn der Blick des Polizisten sagt ihr, dass ohne dieses Formular erst recht nichts weiter passiert. Es geht ihr schnell von der Hand, weil sie jedes Detail von Sunnys Leben kennt. Nach nicht einmal zwei Minuten schiebt sie es wieder dem Beamten zu, der nicht schlecht staunt.

„Okay. Sie ist also wie vermutet volljährig“, brummelt der Polizist, als er das Blatt überfliegt.

„Was denn sonst. Wenn wir nach einem Kind suchen würden, hätten wir das gesagt. Aber da würde es wohl auch schneller gehen“, fährt Sten den Mann gestresst an.

„Nicht so!“, sagt der Polizist, der sich durch den Tonfall angegriffen fühlt. „Vielleicht kommt sie auch in ein paar Tagen wieder“, schmettert er nun auch etwas genervt Sten an den Kopf. Zwischen den beiden beginnt die Luft zu knistern und ihre gegenseitigen Blicke sprechen Bände.

„Das würde Sunny aber nie machen“, geht Ella dazwischen und auf die ganze Situation und die etwas lauter gewordene Diskussion, wird ein weiterer Polizist aufmerksam.

„Guten Morgen. Ich bin Herr Kerber. Kann ich denn weiterhelfen?“, stellt er sich vor und schiebt sich mit einem vielsagenden Blick zu seinem Kollegen, zwischen ihn und Sten. Somit kann er die aufgeheizte Stimmung abschwächen.

„Wir vermissen unsere Freundin“, antwortet Sten jetzt wieder mit einer etwas ruhigeren Stimme.

„Haben Sie denn ein Bild von der jungen Frau?“, fragt er höflich und zieht die Aufmerksamkeit von Ella und Sten auf sich. Der andere Polizist setzt sich wieder an seinen Schreibtisch und überlässt wahrscheinlich gern Herrn Kerber die Arbeit.

„Natürlich“, murmelt Ella und beginnt in ihrer Tasche zu suchen. Sie hat extra eines eingesteckt und reicht es letztendlich dem Polizisten, der neben ihr steht.

„Oh“, entweicht ihm und sein Blick zeigt allen, dass ihm der Anblick von Sunny anscheinend sehr gefällt. Aber das bringt uns Sunny nicht zurück. Er legt es zu dem Formular und spricht weiter. „Da steht auch die Adresse drauf, wo die junge Dame wohnt? Und eine Telefonnummer, wo wir Sie erreichen können?“, fragt er und zieht das Blatt Papier zu sich heran.

„Ich habe alles aufgeschrieben“, schüttelt Ella mit dem Kopf. „Aber sie ist nicht zu Hause und ich auf ihrem Handy ist sie nicht mehr erreichbar“, erklärt Ella noch einmal.

„Wann haben Sie sie denn das letzte Mal gesehen und wo?“, möchte der Polizist wissen und hat auch schon einen Kugelschreiber in der Hand.

„Freitag Abend, wir waren zusammen in einer Bar“, antwortet Ella und er schreibt es auf die Rückseite des Formulars.

„Wann haben Sie sich getrennt?“, kommt die nächste Frage, wie bei einem Automaten.

„So gegen 22 Uhr“, antwortet Ella und hofft, dass dieser Polizist endlich genug hat, um die Suche zu starten.

„Gut, dann werde ich mich um alles Weitere kümmern“, sagt Herr Kerber, steckt den Stift weg und versucht etwas zu lächeln, aber in dieser Situation kommt es nicht gerade gut an, weder bei Ella, noch bei Sten.

„Wie geht es denn weiter?“, fragt Sten und man sieht ihm an, dass er jeden Schritt genauestens wissen will.

„Ich werde als Erstes jemanden in die Wohnung schicken“, beginnt der Polizist.

„Da ist sie nicht“, fällt Ella ihm nochmals ins Wort. Hat er ihr denn nicht zugehört?

„Das kann schon sein, aber so können wir uns ein Bild von der jungen Frau machen und vielleicht auch Spuren finden und sicherstellen“, redet er ruhig weiter und nimmt es Ella nicht übel, ihn unterbrochen zu haben. „Wenn Sie vielleicht noch einen Schlüssel für uns hätten, da müssen wir die Tür nicht gewaltsam öffnen.“

„Sicher“, kommt sofort von Ella und sie macht Sunnys Schlüssel von ihrem Bund ab.

„Dann können wir aber nicht mehr in die Wohnung“, widerstrebt es Sten.

„Sie bekommen ihn heute Abend oder morgen schon wieder“, sagt Herr Kerber und nickt Ella dankend zu.

„Und was passiert dann?“, fragt sie, weil es ihr immer noch nicht reicht.

„Zusätzlich werden wir sie zur Fahndung ausschreiben und das Foto an alle Kollegen verteilen“, antwortet Herr Kerber immer noch ruhig.

„Ja, und dann?“ Ella kann die Ruhe nicht verstehen, mit der der Polizist das alles sagt, aber er kennt wohl zu Genüge solche Situationen und weiß genau, was zu machen ist.

„Dann müssen wir warten, ob sie von einem Kollegen gesehen wird oder ob sie am Ende von selbst wieder zurückkommt.“

„Sie denken auch, dass sie einfach nur einen Trip macht?“, fragt Sten und sieht den Polizisten nun genauso böse an, wie vorhin den anderen.

„Wenn wir Ergebnisse von der Spurenaufnahme haben, können wir auch genauer suchen. Aber leider haben wir bis jetzt noch nichts. Also bitte ich Sie, uns etwas Zeit zu geben. Wir werden Ihre Freundin bestimmt finden. Vielleicht nicht gleich heute, jedoch wird so eine hübsche Frau wohl nicht so einfach vom Erdball verschwinden“, versucht der Polizist die Stimmung etwas aufzuheitern, aber es klappt nicht.

Ella und Sten sind nicht davon überzeugt, was sie jedoch nicht sagen. Außerdem finden sie die Bemerkung, dass Sunny so hübsch ist und nicht einfach verschwinden kann, für unpassend. Wenn jemand Frauen hasst und sie entführen will, dann schaut er bestimmt nicht erst auf ihr Aussehen, außer er hat es nur auf sie abgesehen. Aber Sunny hat keine Feinde und Ella wüsste wirklich nicht, wer speziell sie entführen sollte.

„Sie rufen mich an, wenn Sie irgendetwas finden?“ Ella schaut den Polizisten an und muss sich an Sten festhalten, denn ihre Beine scheinen nachzugeben. Sunnys Verschwinden zehrt zu sehr an Ella und ihr Körper scheint schlapp zu machen. Sten bemerkt es sofort und stützt sie, so gut er kann. Auch Herrn Kerber bleibt es nicht verborgen und jetzt zeigt sich doch etwas Mitleid in seinem Gesicht.

„Bitte gehen Sie nach Hause. Vielleicht meldet sich Ihre Freundin bei Ihnen. Sie sollten da sein und uns, wenn es so sein wäre, informieren. Wir werden alles tun, um sie zu finden“, spricht er leise und besonnen, und so kommt es auch bei Ella an. Zumindest hofft sie, dass der Polizist das nicht nur zu ihrer Beruhigung sagt, sondern wirklich versucht, Sunny zu finden.

„Danke, wir werden uns melden, wenn sie wieder da sein sollte“, entgegnet Sten und nickt den beiden Polizisten zu. Mehr will er nicht sagen und jetzt muss er sich auch erst einmal um Ella kümmern. Sie ist kurz vor dem Zusammenbrechen und sollte schnellstens nach Hause. Er greift ihr unter die Arme und dann verlassen sie gemeinsam die Polizeistation.

Bei Ella muss er sie zwei Etagen nach oben tragen, denn sie kann inzwischen nicht mehr laufen. Ihre Kräfte sind endgültig verschwunden und ein Weinkrampf schüttelt sie. Mühsam schleppt er sich Stufe zu Stufe und seine Kräfte schwinden ebenfalls zunehmend.

Endlich in Ellas Wohnung, legt er sie in ihr Bett und macht ihr einen Tee. Sten hat schon oft bewiesen, dass er ein guter Hausmann wäre, aber für Ella ist das unwichtig. Er ist und bleibt ein Freund und ihre Liebe gehört Sunny.

Sten bleibt noch, bis Ella den Tee ausgetrunken hat und am Ende eingeschlafen ist. Mit der Gewissheit, dass sie ihn immer, ob Tag oder Nacht anrufen kann, hat sie die nötige Ruhe gefunden.