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Jedes Opfer hat eine Botschaft: "Nur er weiß warum" In einem Bach, unterhalb des Stadtparks wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Grausam zugerichtet und mit einer Botschaft. Der Kommissarin Anita Keller und ihrem Team, die von dem Fund zutiefst geschockt sind, läuft jedoch die Zeit davon, denn zwei weitere Frauen wurden bereits entführt. Sind sie ebenfalls bei diesem Täter? Wohl ja, wobei eine der Frauen nicht in das Täterprofil zu scheinen passt. Genau diese kann weitere Entführungen und Morde zwar nicht verhindern, aber sie selbst ist der größte Fehler, den der Täter gemacht hat, denn mit ihrem Mut und ihrem psychologischen Wissen, bringt sie seinen Plan ins Wanken.
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Seitenzahl: 386
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Glaube an deinen Mut
und deinen Fähigkeiten,
um aus den Fängen
des Bösen zu entkommen.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Das Wasser eines kleinen Baches, entsprungen aus einer Quelle mitten im Wald, läuft in Richtung der noch schlafenden Stadt.
Durch die letzten tagelangen Regenfälle ist der Pegel gestiegen, wie auch die Strömung sich ungewöhnlich für den eigentlich geringen Wasserlauf erhöht hat.
Ein paar Fische huschen hin und her, aber sie werden durch etwas verschreckt. Hastig verstecken sie sich unter Steinen oder zwischen den üppig wachsenden Pflanzen.
Langsam stapft jemand mit Gummistiefeln mitten im Bach durch das Wasser Richtung Stadt. Man hört nur ein Klatschen, wenn einer der Stiefel den nächsten Schritt macht und die Wasseroberfläche durchbricht.
Ringsum im Wald ist es still geworden. Die Tiere sind verstummt oder haben sich wie die Fische ängstlich versteckt.
Einige hundert Meter mag der große kräftige Mann schon durch das Wasser gegangen sein, als er endlich den Ort für günstig empfindet.
Die Last, die er auf seinen Schultern trägt, scheint ihm gegenüber winzig. Aber so ist es nicht. Es ist eine junge Frau, die er fast behutsam am Ufer des Baches drapiert. Er platziert sie zwischen Steinen, damit sie nicht weggespült werden kann, und das Wasser wird seine Spuren, falls er welche hinterlassen hat, trotzdem wegwaschen und wenn nicht, dann ist es eben so. Sie werden nichts haben mit dem sie es vergleichen können.
Er hat bis hier alles getan, dass keine Spuren von ihm gefunden werden, wodurch sie herausfinden könnten, wo er lebt. Das ist das wichtigste, alles andere ist ihm grundsätzlich egal, denn sie werden ihn nicht finden, dafür hat er längst gesorgt, schon vor Jahren. Bei diesem Gedanken grinst er vor sich hin und wendet sich seinem Opfer zu.
Er streicht der Frau das nasse Haar aus dem einst wunderschönen Gesicht, öffnet ihren Mund leicht, was durch die einsetzende Leichenstarre kaum noch möglich ist, und schiebt ihr einen Zettel in die Mundhöhle. Er soll keinesfalls feucht oder gar vom Wasser weggespült werden.
Eine Botschaft an die von ihm gehasste Menschheit, die er schon lange den Rücken gekehrt hat.
Fast vorsichtig zupft er an den Resten ihrer Kleidung, aber das Wasser legt sie in Sekunden wieder anders an den leblosen Körper. Letztendlich belässt er es dabei, sonst vergeht zu viel Zeit und die hat er nicht. Ein letzter Blick und dann macht er sich auf den Weg zurück. Genauso wie er gekommen ist, durch das Wasser gegen den Strom, zurück in seine verworrene Welt.
Auf dem Rückweg zu seinem Wagen bemerkt er, dass es schon wieder hell wird. Durch die vielen Wolken ist die Sonne nicht zu sehen und es beginnt zu regnen. Ihm macht das nichts aus, weil er gleich da ist und wenn genügend Regen fällt, wird es auch die letzten Spuren, die er vielleicht im Wald hinterlassen hat, verwischen. Der Pick-up steht nicht auf dem Parkplatz oberhalb des schön gestalteten Stadtparks, sondern auf einem Waldweg etwas versteckt. So weit entfernt, dass man ihn von den angelegten Wegen des Parks nicht sehen kann. Er kennt sich hier sehr gut aus und weiß genau, wo er jemanden über den Weg laufen könnte.
Gerade als er einsteigen will, lässt ihn ein gleichmäßiges Knirschen, was von Turnschuhen verursacht wird, die den Schotterweg berühren, aufhorchen. Eigentlich wollte er heute nicht mehr jagen und vor allem nicht hier. Er versucht, keine Verbindungen herzustellen und dazu gehört auch den Anfang und das Ende nicht an demselben Ort zu legen. Die junge Frau, die da unten am Bach liegt, kommt aus einem kleinen Dorf auf der anderen Seite des Waldes. Und wenn er jetzt eine von hier mitnimmt, muss er sich einen neuen Ablageort suchen. Aber darüber kann er sich später Gedanken machen, denn momentan steigt seine perfide Vorfreude fast ins Unermessliche. Er kann nicht anders, beugt sich ins Auto und greift nach dem Propofol, was in seinem Handschuhfach liegt. Er steckt es in die Jackentasche, huscht lautlos über den Parkplatz und versteckt sich ein einen der Büsche, die zwischen dem Weg und dem angrenzenden Wald angelegt wurden, auf die Lauer.
Ein Schatten läuft an ihm vorbei und er betrachtet sein nächstes Opfer sehr genau. Dieses Mal jedoch, hat die Joggerin eine Kapuze auf, da es begonnen hat stärker zu regnen. Er erkennt somit nicht viel von ihr, und er erhofft sich trotzdem, eine junge Frau nach seinen bestimmten Vorlieben vor sich zu haben.
Sie läuft wie jeden Tag diese Strecke als Ausgleich zu ihrem Studium. Es ist nicht nur der sportliche Aspekt dahinter, sondern auch Freiheit und die Einsamkeit morgens hier im Park, wobei sie den Kopf für das anstehende Lernpensum frei bekommt.
Sein Körper ist angespannt und er macht sich fertig, um den richtigen Moment nicht zu verpassen, als sie langsamer wird. Gleichzeitig zieht sie das zarte weiße Kabel aus dem Ohr, womit sie Musik gehört hat, und hält nun ein Handy vor das Gesicht. Sie telefoniert, aber das Gespräch interessiert ihm nicht, ganz im Gegenteil, es lenkt sie ab. Der Zeitpunkt ist da und sollte er jetzt Geräusche machen, wird sie diese zu spät wahrnehmen.
Und so ist es auch. Fast lautlos fällt ihr Handy zu Boden und es soll das Einzige sein, was man von ihr finden wird, denn andere Spuren hinterlässt er nicht. Zumindest versucht er es.
Mit einem Ruck wird sie von den Beinen gerissen und nach hinten geschleudert. Sie landet fast in Lichtgeschwindigkeit auf dem Waldboden, weg vom Schotterweg, um jeden Hinweis auf ihn zu vermeiden. Sie liegt auf dem Bauch und er drückt ihr Gesicht in das nasse Moos unter ihr.
Ihr Herz springt ihr fast aus der Brust und sie bekommt kaum noch Luft.
„Kein Wort, sonst bleibst du gleich hier“, hört sie leise durch den Stoff der Kapuze, die sie immer noch über dem Kopf hat, an ihrem Ohr.
Sie kann sich mit der Last auf dem Rücken nicht bewegen, geschweige auf ihn reagieren. Nur ein leises Knurren vermag sie von sich zu geben.
Der Griff lockert sich und sofort schnappt sie gierig nach Luft. Viel kommt nicht in ihren Lungen an, weil er immer noch auf ihr sitzt, aber es reicht zu, dass sie nicht das Bewusstsein verliert. Langsam weicht der Druck auf ihrem Rücken und gleichzeitig werden ihre Hände gefesselt. Von der Angst wie gelähmt lässt sie es über sich ergehen. Sie kann keinen klaren Gedanken fassen, ist einfach nur froh, noch zu leben. Aber soll sie sich darüber freuen? Was wird er mit ihr machen? Vielleicht wäre es doch besser, tot zu sein.
Ihre Suche nach einem Ausweg wird unterbrochen, denn er hebt sie aus und drückt ihr gleichzeitig ein Tuch ins Gesicht. Im nächsten Moment wird alles schwarz um sie herum und sie fällt nun doch in Ohnmacht. Sie kippt nach vorn, berührt jedoch den Boden nicht mehr. Ohne jegliche Anstrengung steht er auf und schwingt die junge Frau über seine Schulter.
Das Gefühl, diese Last zu tragen, hatte er gerade mal vor einer halben Stunde. Aber diesmal muss er nur zurück über den Parkplatz. Er schaut sich noch einmal um, bevor er die Büsche verlässt, und horcht in die Stille. Er ist allein mit seiner Beute, dessen ist er sich sicher.
Eigentlich wollte er schon längst auf den Weg zu seinem abgeschiedenen Anwesen sein, aber diese Gelegenheit konnte er sich einfach nicht entgehen lassen.
Mit einem Grinsen legt er die Frau auf die Ladefläche des Pick-ups. Inzwischen schüttet es wie aus Eimern und so kann er sich an den Anblick seines Opfers erst zu Hause ergötzen. Die Kapuze ist tief in ihr Gesicht gezogen und klebt von der Nässe auf ihrer Haut. Er erkennt nur die Nasenspitze und ihren leicht geöffneten Mund. Trotzdem reißt er ein Stück von dem Klebeband, was immer auf der Ladefläche liegt, ab und drückt es ihr noch schnell auf den Mund. Dann wirft er eine Decke über sie, als hätte er gerade ein Tier erlegt, steigt ein und startet den Wagen.
Langsam schiebt sie ihre Beine aus dem Bett, nachdem sie den nervigen und immer wieder klingelten Wecker, ganz abgestellt hat. Es ist noch dunkel draußen und nicht nur deswegen fällt es ihr schwer aufzustehen.
Heute ist ihr erster Arbeitstag nach 3 Wochen Urlaub. Den hatte sie sich verdient, da sie über ein Jahr lang kaum einmal drei Tage am Stück frei gehabt hat.
Sie schlürft nur mit einem Slip bekleidet ins Bad und nach einer ausgiebigen Dusche, die sie richtig munter gemacht hat, schaut sie ihr Gesicht im Spiegel an. Das sieht wirklich erholt aus. Die Sonne im Süden hat ihr auch etwas Bräune geschenkt. Die Ruhe hatte sie bitter nötig, da sie in der Kleinstadt Krambach stets den Kopf für alles, was auf ihrem Revier passiert, hinhalten muss. Sie hat mehrere Kollegen und ein prima ausgestattetes Polizeirevier und das besser als manch eine andere größere Stadt, aber sie ist nun mal die Chefin und es ist erforderlich, dass sie die Übersicht behält.
Zufrieden über sich und jetzt doch mit einer gewissen Vorfreude auf ihre Arbeit und den Kollegen, schlüpft sie in eine neue Jeans. Die hat sie sich im Urlaub geleistet und müsste eigentlich eine Nummer größer sein, aber sie muss passen. Sie macht paar Kniebeuge und kommt sich gleichzeitig albern vor, weil sie das immer als Teenie gemacht hat, funktionieren tut es jedoch auch heute. Ein legeres T-Shirt rundet den Look ab. Ihre Dienstkleidung hat sie auf dem Revier, wie auch ihre Kollegen und diese zieht sie erst vor Ort an.
Sie hat noch eine halbe Stunde Zeit, bevor sie los muss, und so durchquert sie ihr kleines Zuhause.
Kurz darauf sitzt sie in ihrer winzigen offenen Küche und nippt an ihrem Kaffee, dessen Duft die komplette Wohnung erfüllt hat. Sie ist wirklich klein und sie weiß, dass sie sich schon lange etwas anderes leisten könnte, aber warum. Sie ist sowieso den ganzen Tag auf Arbeit. Sie liebt ihren Beruf und da sie für ihn alles gibt, ist sie ebenso allein. Deshalb hat sie keine Zeit für eine Familie, nicht einmal sich auf Partnersuche zu begeben, aber sie vermisst es auch nicht, zumindest jetzt noch nicht, obwohl es für Mitte dreißig angebracht wäre. Momentan ist sie glücklich mit ihrem Leben, so wie es ist, und ein Mann hat es nie lange bei ihr ausgehalten, denn ihr unterschiedliches Kommen und Gehen ist auch nicht förderlich für eine Beziehung. So hat sie sich stets auf ihren Beruf konzentriert und es gerade deswegen bis zur Oberkommissarin Anita Keller geschafft.
Darum ist es auch nicht erstaunlich, dass sie sich nach drei Wochen allein im Ausland, auf ihre Leute und die Arbeit freut.
Sie hofft, dass sie in der Zeit einiges erreicht haben. Sie hat Aufgaben verteilt, obwohl eigentlich gar nicht viel los war. Auch nur deswegen konnte sie endlich einmal in Urlaub fahren und ihn genießen.
Ein paar Einbrüche in Gartenlauben am Stadtrand warteten darauf, aufgeklärt zu werden. Am Ende waren es mehr Sachschäden an den Lauben, als geraubt wurde. Trotzdem konnten sie bis jetzt niemanden dafür verantwortlich machen.
Stefan und Lutz, ihre zwei Kollegen hat sie deswegen beauftragt, im Netz nach den gestohlenen Sachen zu suchen. Vielleicht versuchten die Täter, sie zu verkaufen. Diese Aktivitäten dann zu verfolgen und die Tücken des Internets zu erkennen und zu umgehen, darauf sind sie spezialisiert. Lutz ist zwar mehr im Labor als Forensiker tätig, aber wenn kein Fall anliegt, unterstützt er Stefan.
Ihre Kollegin Kerstin sollte indes, die sichergestellten und von Lutz analysierten DNA-Spuren und Fingerabdrücke mit der Datenbank abgleichen. Mehr scheint wirklich nicht passiert zu sein, ansonsten hätte man sie garantiert aus dem Urlaub geholt.
Aber die Stille wird abrupt von dem Läuten des Telefons zerrissen, als hätte sie es heraufbeschworen.
Etwas genervt, dass sie nicht warten, bis sie auf dem Revier erscheint, nimmt sie den Hörer ab.
„Könnt ihr es nicht abwarten bis ich da bin?“, fragt sie gerade heraus, denn die Nummer zeigt ihr, dass Kerstin am Telefon sein muss.
„Wieso fängst du auch mitten in der Woche an zu arbeiten“, lacht Kerstin, aber es erstirbt im nächsten Moment schon wieder.
„Da ist sie wenigstens nicht so lang“, erwidert Anita, obwohl sie längst gemerkt hat, dass irgendetwas nicht stimmt. Auch das hat sie in den ganzen Jahren gelernt, nicht nur in den Gesichtern und den Bewegungen eines Menschen zu lesen, sondern ebenso genau hinzuhören. Eine Stimme kann manchmal mehr verraten, als man denkt.
„Diese scheint jedoch sehr lang zu werden“, sagt Kerstin leiser.
„Was ist los?“, will Anita sofort wissen, denn Kerstin ist sonst immer fröhlich und ihre gedämpfte und zurückhaltende Stimme setzt sie in Alarmbereitschaft.
„Kommst du bitte an den oberen Teil des Parks, wo der Wald beginnt? Ich warte da auf dem Parkplatz auf dich“, bekommt sie nur zur Antwort.
„Ich bin sofort da.“ Anita beendet das Gespräch und springt auf, obwohl sie nichts Genaues erfahren hat. Ihr Gespür sagt ihr aber, dass etwas Schlimmes passiert sein muss.
Schnell schüttet sie den Rest Kaffee in sich hinein, ohne ihn zu schmecken und keine Minute später sitzt sie schon in ihrem Auto. Dann fährt sie, vielleicht auch etwas zu rasant, an den Rand der Stadt. Der Park wurde vor Jahren angelegt und liegt zwischen der Stadt und dem angrenzenden Wald. Dies war einst ein Stück totes wie auch unansehnliches Land. Heute ist es ein Ruhepol für die Einwohner.
Die Wege sind gute Joggingstrecken, und der große Spielplatz am unteren Rand des Parks zieht stets Familien an. Jetzt ist es jedoch zu früh und die meisten Kinder müssen in die Schule oder Kita gehen.
Anita biegt auf den Parkplatz ein und stellt ihren Wagen neben dem von Kerstin ab. Diese läuft aufgeregt hin und her und schaut in ein Auto, das sich anscheinend in der Frühe hierher verirrt hat. Der Besitzer ist nicht zu sehen, auch sonst niemand wie schon vermutet. Sie notiert sich trotzdem das KFZ Kennzeichen, um später den Halter abfragen zu können. Ob er hiermit etwas zu tun hat, oder einfach nur joggen ist, wird sich herausstellen.
„Wir müssen zu dem Bach hinunterlaufen. Ich habe vergessen, es dir zu sagen“, meint Kerstin und schaut beschämt auf Anitas Pumps hinunter.
„Kein Problem“, bekommt sie als Antwort und Anita öffnet mit einem Lächeln ihren Kofferraum. Darin befindet sich alles was eine Ermittlerin so im Außendienst benötigt. Festes Schuhwerk und sogar Gummistiefel, wie auch Regensachen und ein kleiner Koffer mit Utensilien zum sichern von Beweismitteln.
„Na du bist ja ausgerüstet“, kichert Kerstin neben Anita, die sich Turnschuhe überstreift. Es hat aufgehört, zu regnen, und es ist schwer begehbares Gelände, deshalb keine Gummistiefel.
„Kann losgehen. Wo müssen wir hin und was ist eigentlich passiert?“, fragt Anita wieder ernst und schließt ihr Auto ab.
„Da unten am Bach liegt eine Frauenleiche. Wir kommen nicht umhin, da hinunterzuklettern“, entgegnet Kerstin und steht bereits am Rand des Schotterweges.
„Hat schon jemand nach Spuren gesucht? Nicht das wir alles konterminieren“, schaut Anita aufmerksam den Hang hinunter.
„Stefan hat längst alles untersucht und fotografiert, jedoch leider nichts gefunden. Er vermutet, dass der Täter durch das Wasser hierhergekommen ist“, erklärt Kerstin.
„Wir stellen keine Vermutungen an“, wird Anita ernst. „Lass uns hinunter zu Andrea gehen“, legt sie nach und macht sich an den Abstieg. Andrea ist eine weitere Frau in ihrem Team, die Pathologin, die schon begonnen hat, die Tote äußerlich zu untersuchen.
„Hier jemanden herunterzubringen ohne Spuren zu hinterlassen ist unmöglich“, sagt Kerstin, als sie unten ankommen sind und letztendlich neben Andrea stehen.
„Stimmt“, kommt nur kurz von Anita, die noch einmal nach oben schaut. „Wurde sie hier umgebracht?“, wendet sie sich nur Sekunden später an Andrea.
„Nein, sie wurde hier nur abgelegt“, antwortet Andrea und wirft einen kurzen Blick unter das zerrissene T-Shirt der Toten. „Sie hat verschiedene Totenflecke, was heißt, dass sie erst in einer anderen Position eine Weile gelegen hat“, ergänzt sie und schaut Anita von unten heraus an.
„Todesursache und Zeitpunkt?“, fragt Anita kurz.
„Sie hat so viele Verletzungen, aber wahrscheinlich wurde sie erdrosselt. Genaueres kann ich dir erst sagen, wenn sie auf meinem Tisch liegt, genauso wann sie gestorben ist“, zuckt Andrea mit den Schultern und deckt bis zum Eintreffen der Leute des Bestattungsunternehmens, die kaum erkennbare junge Frau mit einem weißen Tuch ab.
„Ist Lutz auch schon da?“, will Anita wissen.
„Er sucht den Bachlauf ab. Und das könnte eine Weile dauern, es sind mehr als 800 Meter bis zur Quelle“, antwortet Stefan, der zu den Frauen gestoßen ist.
„Und in Richtung Stadt?“, schaut Anita dem fließenden Wasser hinterher.
„Nach der kleinen Biegung kommen schon die ersten Häuser. Ich glaube kaum, dass er aus dieser Richtung gekommen ist. Aber ich laufe es gern ab“, bemerkt Stefan und nach einem kurzen Blickkontakt mit Anita, will er sich sofort daran machen, denn ihre Augen sagen ihm alles.
„Prima, dann sehen wir uns allesamt im Revier“, kommt von Anita und sie macht sich daran, den Hang wieder nach oben zu klettern.
„Da habe ich noch etwas. Es wird nicht von der Toten sein, aber irgendwie ahne ich, dass es wichtig sein könnte.“ Mit diesen Worten hält Stefan ein Handy in einer Plastiktüte Anita vor die Nase. „Es lag oben auf dem Weg und ich habe natürlich auch alles fotografiert“, grinst er sie schief an.
„Ich nehme es mit, mal sehen ob wir herausbekommen, wem es gehört“, nimmt es Anita dankend an sich.
„Ihr wird es bestimmt nicht gehören. Kann mir kaum vorstellen, dass sie noch eines bei sich hatte. Sie muss nach den Hämatomen zu urteilen schon ein paar Tage in seiner Gewalt gewesen sein. Wäre es von ihr, dann hätte sie doch Hilfe rufen können“, mischt sich Andrea ein, während sie ihre Sachen zusammenpackt.
„Aber vielleicht dem Mörder“, bemerkt Kerstin leise.
„Ich denke nicht, dass er noch durch den Park spaziert ist. Er scheint durch das Wasser gegangen zu sein. Warum sollte er dann riskieren Spuren auf dem Weg zu hinterlassen?“, hält Stefan dagegen.
„Wir werden es herausfinden. Keiner kann momentan sagen, wie der Mörder tickt, oder was er alles getan hat“, sagt Anita ernst und macht sich nun endgültig auf den Weg nach oben.
Kerstin folgt ihr und Stefan stiefelt durch das Wasser in Richtung Stadt, um da ebenfalls alles abzusuchen. Andrea weist die Fahrer des Leichenwagens ein und deren Gesichtsausdruck spricht Bände. Wie sollen sie die junge Frau nur den Hang hinauf bekommen. Aber Andrea lässt sich nicht beirren, denn sie ist sich sicher, dass sie es schaffen werden. Am Ende gehen auch sie durch das Wasser in Richtung Quelle und finden eine bessere und passende Stelle, um auf den Parkplatz zu gelangen.
Danach geht es zurück auf das Revier und dort muss sofort mit den Ermittlungen begonnen werden. Jeder gibt sein Bestes, auf seinem Gebiet und am Ende arbeiten alle zusammen. Nur gemeinsam können sie den brutalen Mord an der noch nicht identifizierten Frau aufklären.
Der Pick-up fährt durch ein Tor, was sich hinter ihm von allein wieder schließt. Es ist schon hell geworden und er muss sich beeilen, das Auto in der anliegenden Scheune zu verstecken und die Frau ins Haus zu bringen. Er weiß nicht wie lange die Betäubung anhält und er will vermeiden, dass sie hier draußen aufweckt. Wenn sie schreien würde, was möglich wäre, denn das Klebeband ist wahrscheinlich durch die Nässe von ihrem Mund abgefallen, könnte es passieren, dass seine abgerichteten Hunde sofort auf sie losgehen würden. Sie gehorchen ihm zwar, aber er will kein Risiko eingehen.
Er zieht die Frau von der Ladefläche und dabei rutscht ihr die Kapuze vom Kopf. Er hält erschrocken inne und starrt sie an. Das kann doch jetzt nicht wahr sein. Er hat einen Fehler gemacht. Sie ist brünett. Er will aber nur blonde Frauen. Sollte er sie am besten gleich umbringen?
Er entscheidet sich dagegen sie zu töten und bringt sie widerwillig ins Haus. Er setzt sie auf einen Stuhl und schaut sie sich in Ruhe genau an. Sie ist hübsch, sehr hübsch. Er streicht ihr die immer noch nassen Haare zurecht und sein Herz beginnt zu springen. Diese junge Frau ist wohl der größte Fehler, den er je begehen konnte. Was soll er jetzt machen?
Er lebt mit seinem Sohn hier allein und will ihn mit den Frauen etwas auflockern. Jonas ist nach dem Tod der Mutter in ein tiefes Loch gefallen und hat sich komplett zurückgezogen. Er, Rolf sein Vater, möchte ihm doch nur helfen, aber er lehnt die Frauen ab, die er ihm bringt. Ob er diese auch ablehnt? Rolf ist auf Blondinen fixiert. Warum? Seine Frau Michell, die er bis heute abgöttisch liebt, war brünett und diesen Typ Frauen würde er nie zu nahe treten. Er kann es einfach nicht. Seine guten wie auch schlechten Erinnerungen hindern ihn daran. Und nun das. Er hat nicht aufgepasst und um sie zurückzubringen ist es auch zu spät. Er ist sich sicher, dass der ganze Park voller Polizei sein wird. Ihm bleibt nichts weiter übrig, er muss sie behalten, aber anders als die blonden Frauen.
Er klebt ihr erneut den Mund zu, schwingt sie nochmals auf die Schulter und betritt widerwillig das Zimmer von Jonas. Das hat er stets verhindert, aber diese Frau zwingt ihn dazu.
Jonas sitzt vor seinem Fernseher und lässt sich von den Nachrichten berieseln, wobei man sicher sein kann, dass davon nichts bei ihm ankommt. Er dreht sich kaum spürbar zur Seite und beobachtet, fast schon angewidert, seinen Vater. Rolf setzt die Frau auf den Stuhl und bindet sie fest. Ihr Kopf liegt auf ihrer Brust und beide können nicht sagen, ob sie von all dem etwas mitbekommt.
Unvermittelt springt Jonas auf und stürmt an seinem Vater vorbei aus dem Zimmer.
„Wo willst du hin?“, folgt ihn Rolf, der ihm nacheilt und froh ist, den Raum genauso schnell verlassen zu können.
„Was soll das? Wo hast du sie her?“, faucht Jonas seinen Vater an und der ist erstaunt, da es lange her ist, dass er einmal so aus sich herausgekommen ist, geschweige denn überhaupt mit ihm geredet hat.
„Mir ist ein Fehler passiert“, murmelt Rolf.
„Ein Fehler?“, kreischt Jonas fast.
„Sie hatte eine Kapuze auf, da konnte ich nicht sehen, dass sie nicht blond ist“, verteidigt sich Rolf.
„Das ist vollkommen egal. Du solltest aufhören. Und nun sie“, schmettert Jonas ihm an den Kopf.
„Erstens habe ich noch gar nicht richtig angefangen und zweitens gehst du jetzt da hinein und widersprichst mir nicht mehr. Ich hoffe, diesmal machst du etwas daraus, denn ich kann sie nicht gebrauchen“, tritt Rolf Jonas resolut entgegen und seine Stimme ändert sich. Sie klingt plötzlich düster und gefährlich. Jonas schaut ihn augenblicklich wieder eingeschüchtert an und scheint der Aufforderung schnellstens Folge zu leisten, denn er kennt ihn und will seinen Aggressionen aus dem Weg gehen.
Diese Worte hört Laura, die junge Frau, die eben festgestellt hat, dass sie an einen Stuhl gefesselt ist und ihr wird sofort klar, dass sie entführt wurde.
Die Tür geht auf und Jonas tritt herein. Sehr laut fällt sie wieder ins Schloss und lässt sie ängstlich zusammenzucken. Erst jetzt als er sie richtig ansieht erstarrt er fast bei ihrem Anblick.
Laura schaut zu ihm auf und errechnet in Sekundenschnelle ihre Situation. Obwohl ihr Kopf schmerzt, arbeitet ihr Gehirn sofort und sie kommt zu dem Schluss, dass sie entweder von ihm nichts zu befürchten hat, denn er scheint psychisch krank zu sein. Seine Augen verraten ihr das. Oder sie ist in den nächsten Minuten nicht mehr am Leben. Gerade als nun doch Panik in ihr aufsteigt, wendet er seinen Blick von ihr ab und bewegt sich langsam um den Tisch herum. Er setzt sich ohne ein Wort ihr gegenüber auf einen Stuhl und fällt fast gleichzeitig in seine Welt. Er scheint vollkommen in seinen Gedanken gefangen zu sein. Ganz sacht und monoton wiegt er seinen Körper hin und her und vermittelt ihr dadurch eine gewisse Sicherheit, bei ihm momentan nicht in Gefahr zu sein. Er ist zu labil und scheint sich selbst nur geschützt zu fühlen, wenn er abtaucht und damit dieser Situation aus dem Weg geht.
Laura Gerold ist 25 Jahre alt und wohnt hier in der Stadt. Sie studiert seit mehreren Semestern Psychologie und das könnte ihr hier am Ende helfen. Dieser Mann, der ihr gegenüber sitzt und sie mutwillig zu ignorieren versucht, ist eher jünger als älter wie sie und ohne Zweifel nicht ihr Entführer. Das sagt ihr nicht der Zustand, in dem er sich befindet, sondern auch die Unterhaltung, die sie vor wenigen Minuten mitbekommen hat.
Sie weiß nicht, wie viel Zeit sie hat, und so bringt sie ihr Gehirn auf Hochtouren. Die Theorie des Studiums hat sie stets gut absolviert, aber das Praktikum, was sie erst vor wenigen Monaten bei einer Psychiaterin machen durfte, gab ihr die richtige Sichtweise, um mit psychisch kranken Menschen umzugehen. Sie versucht, alles abzurufen was sie bei der Ärztin gesehen, gelesen oder gehört hat. Ihr wurde erlaubt, bei vielen Sitzungen mit unterschiedlichen Krankheitsbildern teilzunehmen und in Krankenakten einzusehen, die sie wissensdurstig durchgearbeitet hat.
Dieser junge Mann ist nach ihren Einschätzungen verhaltensgestört oder hat autistische Züge. Das Wippen sagt ihr, dass er damit versucht, seinen Körper wieder zur Ruhe zu bringen. Als er sie vorhin angesehen hat, wurde in ihm etwas ausgelöst, was ihn förmlich in eine Starre gebracht hat. Was es ist, wird sie sicher noch erfahren, wenn er es zulässt und sie die Zeit dazu bekommt.
Während sie in ihrem Kopf alles zu sortieren versucht, beruhigt sie sich selber und wagt einen kurzen Rundumblick im Zimmer. Es ist ziemlich klein. In der Mitte befindet sich der Tisch, an dem sie sich gegenübersitzen. Rechts an der Wand hängt ein Fernseher, links steht eine Kommode. Hinter ihr ein Bett und eine weitere Tür. Diese ist ebenfalls geschlossen und somit kann sie nicht wissen, was dahinter ist. Nach vorn sind zwei Fenster, der Weg in die Freiheit? Daran vermag sie jetzt nicht zu denken, denn im Moment versucht sie ihn zu analysieren und vielleicht die Beziehung der beiden Männer zueinander zu erkennen. Sie vermutet, dass darin der Schlüssel liegt, wie sie hier wieder lebend herauskommen kann.
Gerade als sie sich den anderen Mann versucht vorzustellen, brüllt dieser das ganze Haus zusammen. Sie hört eine sehr tiefe und wütende Stimme. Es fliegen wahrscheinlich Gegenstände durch das zu ihnen angrenzende Zimmer und irgendwie kommt es ihr vor, als würde er jemanden anschreien. Ist da etwa noch ein weiterer Mann? Das wäre nicht gut für sie. Gegen zwei weitere hätte sie wohl nie eine Chance, auch wenn der junge Mann an ihrer Seite stehen würde. Und das sie vor ihm die wenigste Angst zu haben braucht, zeigt sich im selben Augenblick.
Mit einem Satz ist er auf den Beinen, um dem Tisch herum und steht neben ihr. Er hält einen Finger vor seinen Mund und schüttelt seinen Kopf.
„Sei bitte still, sonst bringt er dich um“, flüstert er fast ängstlicher, als sie es ist. Aber auf sich aufmerksam zu machen ist ja sowieso ziemlich eingeschränkt. Ihr Mund ist immer noch zugeklebt und zudem ist sie an dem Stuhl festgebunden.
Da war jedoch das Wort BITTE? Seit wann sagt ein Entführer Bitte. Nun ist sie sich ganz sicher, dass er nicht derjenige ist, der sie hierher verschleppt hat. Aber soll sie ihm vertrauen? Auch er könnte ihr irgendwann mit seiner offensichtlichen psychischen Erkrankung gefährlich werden. Und welche Störung hat der andere hinter der Tür? Der scheint ihr größeres Problem zu sein.
Sie schaut den jungen Mann an und sein Blick ist sehr eindringlich. Dann zeigt er auf das Klebeband auf ihrem Mund und will so still fragen, ob er es entfernen soll. Laura nickt zögerlich und schon nähert sich seine Hand ihrem Gesicht. Langsam, ganz langsam zieht er an dem Klebeband. Anscheinend will er ihr nicht weh tun, aber er verursacht genau das Gegenteil.
Laura hält still, wünscht sich, dass er doch einfach ziehen soll. Ein Ruck und es wäre ab, denn so tut es wahnsinnig weh. Ihr steigen Tränen in die Augen und er will schon die Hand wegziehen, als sie ihren Kopf ruckartig zur Seite dreht. Erschrocken und mit dem Klebeband an den Fingern weicht er nach hinten. Erst als Laura tief durchatmet, entspannt er sich wieder etwas. Nach einer ihr vorkommenden Ewigkeit löst er auch die Fesseln an den Füßen. Die an den Händen lässt er jedoch dran. Sie weiß zwar nicht warum, aber sie kann sich wenigstens ein bisschen bewegen. Andersherum wäre vielleicht in dieser Situation sinnvoller gewesen, aber soweit ist er anscheinend nicht fähig zu denken. Sie könnte jetzt weglaufen. Aber wohin? Sie sitzt immer noch in einer Falle.
Langsam bewegt er sich in die andere Ecke des Raumes. Nun hat er wieder den verwirrten Blick und anscheinend versucht er genug Abstand zu ihr zu bekommen. Laura senkt den Kopf und schaut ihn somit nicht mehr an, um ihn nicht zu provozieren. Im nächsten Moment klirrt etwas und sie schreckt hoch. Was es war, kann sie nicht sagen und sie ärgert sich, weggeschaut zu haben. Seine Hand liegt auf der Kommode, wo er wahrscheinlich etwas von ihr heruntergeworfen hat.
Nur Minuten später schleicht er wieder um sie herum und als er genau hinter ihr steht, bleibt ihr Herz fast vor Angst stehen. Er ist aus ihrem Blickfeld und somit kann sie ihn nicht einschätzen. Aber es passiert nichts, er verlässt einfach wortlos den Raum.
„Was willst du? Wieder was nicht richtig?“, hört sie den anderen Mann fragen, kaum das sich die Tür geschlossen hat. Seine Stimme klingt nicht mehr so wütend wie vorhin, als er herumgeschrien hat, aber immer noch gefährlich.
„Was soll das? Bring sie zurück“, kommt zögerlich und so leise, dass sie es kaum versteht, von dem Jüngeren.
„Dir kann man nichts recht machen“, faucht der andere.
„Warum sie?“
„Ich habe es dir doch schon gesagt. Ich habe es nicht gesehen“, entschuldigt er sich nochmals.
„Sie kann nicht bleiben. Ich kann ...“
„Schluss“, brüllt der Ältere nun wieder. „Ich bin dein Vater und entscheide, was hier passiert. Du hast jetzt fünf Sekunden. Gehe da rein und kümmere dich um sie, oder ich werde es tun.“
„Bring sie einfach zurück“, bettelt er.
„Das kann ich nicht und das weißt du.“
„Sie wird schon nicht ...“, beginnt er erneut.
„Eins ...“
„Aber ...“
„Zwei ...“
Bevor die Drei kommt, steht er wieder bei Laura im Zimmer.
Er sieht sie nicht an, sondern geht zum Fenster und dreht ihr den Rücken zu.
Es zieht eine unheimliche Stille ein, aber die bringt sie dazu alles für sich zusammenzufassen. Er will sie nicht. Er hat sie aus Versehen mitgenommen. Er hat sie nicht erkannt. Was heißt das jetzt für sie? Wollte er eine andere Frau? Vielleicht eine Blonde oder Schwarze? Sie erinnert sich, dass sie die Kapuze aufhatte, da es geregnet hat. Womöglich eine Mollige? Nein, das hätte er gesehen. Sie kann nicht ahnen, wie nahe sie der Wahrheit ist.
Er will sie nicht zurückbringen, logisch. Er würde sich um sie kümmern. Dann lieber der junge Mann als der Alte. Vater und Sohn, so viel hat sie mitbekommen. Bei dem Vater würde sie bestimmt nicht überleben, das ist ihr mittlerweile klar. Ihr Schluss und abgestecktes Ziel ist, sich mit dem Sohn gutzustellen, dann hat sie vielleicht eine Chance. Wofür? Innerlich schüttelt sie über ihre Gedanken den Kopf. Sie vermag nicht abzuschätzen, wie viel Zeit ihr überhaupt bleibt.
Im Augenwinkel sieht sie, wie er sich umdreht und sie mit einem mitleidigen Blick anschaut. Sie bewegt die Lippen, es kommt jedoch kein Wort heraus, weil sie plötzlich überlegt, ob sie eigentlich reden darf.
„Was möchtest du?“, fragt er leise aber freundlich, denn er bemerkt, dass sie etwas auf dem Herzen hat.
„Wasser“, antwortet sie zögerlich.
Mit einem Nicken geht er in das andere angrenzende Zimmer und sie hört Wasser laufen. Sie würde gern wissen, was das für ein Raum ist, aber ihre Angst hält sie immer noch davon ab, sich umzudrehen. Somit wartet sie darauf, dass er wieder zu ihr kommt, und wagt es nicht, sich zu bewegen.
Anita betritt zusammen mit Kerstin das Büro und setzt sich sofort an den Computer.
„Was willst du machen? Wir müssen auf die Untersuchung von Andrea warten“, sagt Kerstin und schaltet ebenfalls ihren Computer an.
„Schauen, ob jemand in unserer Stadt vermisst wird. Würdest du das bitte übernehmen?“, antwortet Anita und ihr Blick fällt auf die Fotos der toten jungen Frau, die vor ihr liegen.
Kerstin ruft sofort die Seite mit den Vermisstenanzeigen auf.
„Wer macht so etwas?“, unterbricht Anita die Stille und schaut auf Grund der Bilder angewidert zu Kerstin.
„Ein Monster“, erwidert sie ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden.
„Schon etwas gefunden?“, will Anita wissen und schiebt die Fotos in die neu eröffnete Akte. Viele gibt es hier nicht auf dem Revier und solch eine hat es bisher nicht gegeben. Mit so einer Brutalität wurden sie und ihre Mitarbeiter noch nie konfrontiert.
„Ich glaube, ich habe da was vor zwei Tagen gelesen“, gibt Kerstin nachdenklich von sich, sucht intensiv weiter und Anita ist mit einem Satz bei ihr.
Vor ihnen erscheint ein Foto einer blonden jungen Frau, die seit drei Tagen verschwunden ist.
„Sie heißt Lara Lorenz, ist 21 Jahre alt und wohnt in einen der angrenzenden Dörfern, die zu Krambach gehören. Gemeldet wurde das von ihren Eltern. Sie hat wahrscheinlich noch bei ihnen gewohnt“, redet Kerstin weiter und druckt das Bild aus, während beide die aufgeführten Daten studieren.
„Sie könnte es wirklich sein. Warum hast du von der Vermisstenmeldung nichts gesagt?“, fragt Anita und versucht, Ähnlichkeiten zu der Toten zu finden. Aber das ist kaum möglich, denn ihr Gesicht wurde unfassbar zugerichtet, dass nur die blonden Haare als sicheres Merkmal gelten.
„Das ist alles als Info an die Streifenpolizisten gegangen. Die Ermittlungen lagen auf einem anderen Revier, da wo die Anzeige aufgegeben wurde. Die haben schon mit Verwandten und Freunden gesprochen, aber wie ich sehe, sind noch keine Ergebnisse eingegangen“, antwortet Kerstin und widmet sich weiter den Fakten, die bekannt sind. „Sie kommt aus Unterschonbach und war am Abend joggen. Ziemlich wenig was die wissen“, stellt sie fest und Anita, die zurück auf ihren Platz geht, nickt ihr nur still zu. Sie ist in Gedanken gefangen, wie sie am schnellsten den Mörder finden können. Eher vermochten sie nichts zu tun, auch wenn sie auf Arbeit gewesen wäre. Erst durch den Fund der Toten ist es auf ihrem Tisch gelandet.
„Moment mal, hier ist noch eine. Ebenfalls blond und Anfang zwanzig“, unterbricht Kerstin Anitas Gedanken.
„Wo kommt sie her?“, fragt Anita fast panisch, weil sie vermutet, dass die Fälle zusammenhängen.
„Auch aus der Gegend, aus Schonbach. Nur ein paar Kilometer entfernt und beide Orte grenzen an den Wald, wo sie anscheinend joggen waren. Sie heißt Marie Kobel und ist 23 Jahre alt“, antwortet Kerstin, während sie aufmerksam die Details durchgeht.
„Wie lange wird sie schon vermisst?“, hakt Anita genervt nach, weil ihr die Infos zu langsam kommen.
„Seit gestern Abend“, kontert Kerstin kurz.
„Dann war die Tote drei Tage in seiner Gewalt“, denkt Anita laut.
Beide waren in dem Wald unterwegs, der zwischen der Stadt und den Dörfern liegt, und das zeigt ihr ein Muster auf. Sie wurden abends beim Joggen entführt und es wurde jedes Mal ausgeschlossen, dass sie einfach weggelaufen sind. Ist hier ein Serientäter am Werk?
„Habt ihr von beiden vermissten Frauen gewusst?“, fragt Anita und schaut über dem Tisch hinweg Kerstin schief an.
„Von der Ersten ja, aber von der Zweiten wusste ich bis jetzt nichts. Wie auch, war ja erst gestern Abend“, zuckt Kerstin mit den Schultern und sieht überrascht aus.
„Warum habt ihr mich nicht angerufen?“, klingt Anita ärgerlich.
„Es war nur eine kurze Aufforderung, dass wir die Augen offen halten sollten. Zudem laufen die Ermittlungen auf dem Revier, wo die Anzeige liegt, und das habe ich doch eben schon gesagt“, antwortet Kerstin nun auch etwas genervt. „Außerdem hattest du Urlaub“, legt sie noch nach.
„Es werden Frauen entführt“, sagt Anita wütend und wirft beim hastigen Aufstehen fast ihren Stuhl um. „Und wem gehört das Handy? War das etwa schon die Nächste und diesmal direkt vor unserer Nase?“, kommt von Anita, die auf das auf dem Weg gefundene Handy anspielt und schaut Kerstin fassungslos an, die ihre Gedanken offenbar lesen kann.
„Er legt eine ab und nimmt die Nächste mit“, nuschelt Kerstin in sich hinein.
„Nicht ganz. Dann müssten wir schon die zweite Tote haben. Oder die Erste hat er wo anders entsorgt. Außerdem wissen wir nicht, ob es gestern Abend oder gegebenenfalls heute früh passiert ist.“ Anitas Kopf brummt.
„Sie sah nicht aus, als ob sie die ganze Nacht dort gelegen hat, aber das kann uns ja Andrea sagen,“ erwidert Kerstin und Anita rollt nur mit den Augen und als sie nach dem Hörer greifen will, um das andere Revier anzurufen und nachzufragen, ob eine tote Frau gefunden wurde, klingelt es.
Erschrocken nimmt sie den Hörer ab. „Andrea hast du was?“, fragt sie sofort, weil sie die Nummer der Pathologie auf der Anzeige sieht.
„Du solltest mal runterkommen“, bekommt sie zu hören und fast gleichzeitig ist die Verbindung unterbrochen. Anita kennt das, denn Andrea macht nicht viele Worte und Antworten gibt sie selten am Telefon.
„Okay und wie gehen wir jetzt vor?“, fragt Kerstin zögerlich.
„Ich schaue, was mir Andrea zu sagen hat und welche von den beiden Frauen unten bei ihr liegt“, entgegnet Anita und wedelt mit den Fotos durch die Luft.
„Und das Handy?“, steht plötzlich Stefan im Zimmer.
„Hast du schon etwas herausbekommen?“, will Anita wissen, die auf den Sprung ist.
„Lutz ist gerade dabei zu schauen, ob Fingerabdrücke drauf sind und dann hoffen wir mal, dass etwas zu finden ist. Es war zum Glück nicht ausgeschaltet, dadurch ist aber der Akku leer“, antwortet Stefan und versucht, einen Blick auf die Fotos in Anitas Hand zu erhaschen.
„Hoffen wir mal, dass es nicht schon der dritten Frau gehört“, platzt Anita heraus und verlässt hastig das Zimmer.
Kerstin und Stefan bleiben zurück und jeder versucht, seiner Arbeit nachzugehen. Beide setzen sich an die Berichte zu dem Auffindungsort der Leiche und beginnen mit der Suche nach Beweisen und Spuren in der Umgebung, die vielleicht auf anderen Revieren gemeldet wurden.
Anita macht sich auf den Weg in den Keller des Hauses, wo sich die Pathologie befindet, ein Raum, an dem mehrere Kühlkammern grenzen. Sie sind eher selten belegt und Andrea muss meistens nur angeordnete Obduktionen durchführen, damit festgestellt werden kann, ob es ein natürlicher Tod war. Und das traf bis heute fast immer zu. Diese kommen gewöhnlich morgens an und werden am gleichen Tag wieder abgeholt.
Anita öffnet die Tür, hinter der Andrea arbeitet und in diesem Raum befindet sich alles, was sie zu einer Obduktion benötigt.
Mitten darin steht ein Seziertisch, auf dem die junge Frau liegt, die sich noch vor einer Stunde im Bach befunden hat.
Andrea hat gerade erst angefangen, aber schon einen wichtigen Hinweis gefunden.
Sie hält Anita einen Zettel entgegen, den sie vorsichtig in eine Folienhülle verpackt hat. „Der war in ihrem Mund, als würde sie direkt mit uns kommunizieren wollen“, sagt Andrea und schüttelt ein wenig mit dem Kopf.
Anita greift danach und liest die Worte laut vor: „Nur er weiß warum.“
„Das ist immer so, dass allein der Mörder weiß, warum er das getan hat“, redet Andrea weiter und scheint den Zettel nicht als hinweisend zu sehen.
„Wir werden es herausfinden“, sagt Anita sicher und wedelt mit dem Zettel in der Luft herum.
„Und wie?“, fragt Andrea skeptisch.
„Fingerabdrücke und Schriftprobe zum Beispiel“, erwidert Anita.
„Du hast aber keine Gegenproben und zudem sind die Fingerabdrücke bestimmt durch das Wasser und dem Speichel zerstört“, entgegnet Andrea.
„Wir werden sehen und jedenfalls alles versuchen. Aber jetzt müssen wir erst einmal herausfinden, welche der beiden Frauen diese hier ist“, winkt Anita etwas genervt ab.
„Zwei?“, fragt Andrea erschrocken.
„Es gibt zwei Vermisste, eine jedoch erst seit gestern Abend“, bekommt sie die Antwort, wobei Anita gleich weiter redet. „Hast du vielleicht schon eine Todesursache?“
„Sie wurde übel zugerichtet, aber ihre Augen zeigen mir, dass sie erdrosselt wurde. Sie hat Strangulationsmerkmale am Hals sowie Stauungsblutungen in den Augen. Von was die Verletzungen kommen, die über das ganze Gesicht verteilt sind, kann ich dir erst etwas später sagen, ich habe gerade angefangen“, erklärt Andrea und Anita versteht, dass sie jetzt gehen sollte.
„Und wann ist sie gestorben?“, fragt Anita und will damit einen Zusammenhang zu der zweiten Entführten finden.
„Nach dem Todesflecken und der Körpertemperatur zu urteilen, abzüglich der Wassertemperatur, die natürlich darauf Einfluss hat, ist sie zwischen vier und fünf Uhr heute Morgen gestorben“, erläutert Andrea.
„Das passt nicht“, zweifelt Anita.
„Wieso soll es passen?“
„Gestern Abend die zweite Entführung und heute Morgen hat er die erste ermordet?“, stellt Anita die Frage, aber Andrea kommt nicht recht mit.
„Dachtest du, der bringt eine um und holt sich dann die Nächste?“
„So ungefähr.“
„Ich denke, falls es derselbe ist und auf blonde Frauen steht, dann nimmt er sie sich, wenn sie ihm über den Weg laufen. Worauf er eben zwei gleichzeitig hat. Dieses junge Ding war zumindest nicht nur eine Nacht bei ihm.“
„Vielleicht steckt auch was ganz anderes dahinter, aber so können wir fast sicher sein, dass es die erste entführte Frau ist“, überlegt Anita laut.
„Ihr werdet das alles aufklären und ich werde euch, so gut ich kann helfen“, entgegnet Andrea und hofft, noch einiges Wichtiges an der Leiche zu finden.
„Ich möchte, dass du jeden Zentimeter an der Frau untersuchst“, fordert Anita, während sie die Bilder neben das fast nicht mehr zu erkennende Gesicht hält. Sie versucht, es mit den Fotos zu vergleichen, aber es sind wirklich nur die blonden Haare, die ihr bestätigt, dass es eines der Mädchen sein muss. Dazu sehen sie sich auch ziemlich ähnlich, was das Beuteschema des Täters aufzeigt.
„Das werde ich, du kennst mich ja“, antwortet Andrea, nimmt den forschen Ton von ihr hin, denn sie kennt Anita und ihr Auftreten, wenn sie angespannt ist. Deshalb macht sie sich sofort und ohne weitere Fragen an die Untersuchung.
Anita nickt ihr zu und bedankt sich still für die an sie gerichtete Botschaft aus ihrem Mund. Dann schließt sie auch schon die Tür und lässt Andrea ihre Arbeit machen. Je schneller sie Hinweise findet, umso intensiver können sie nach dem Mörder suchen.
Der junge Mann stellt ein Glas Wasser vor Laura auf den Tisch und macht Anstalten sich wieder zu setzen.
„Wie soll ich denn Trinken?“, fragt sie leise und gibt ihm mit einer Kopfbewegung zu verstehen, dass sie die Fesseln an ihren Händen meint. Wären sie vor dem Körper gefesselt, könnte sie das Glas anheben, aber sie sind auf dem Rücken zusammengebunden.
Er löst sie, ohne ein Wort und wahrscheinlich auch ohne Angst, sie könnte aufspringen und weglaufen, denn das hätte sie schon längst versucht.
Das wird sie auch nicht, weil sie begriffen hat, dass sie in diesem Raum zurzeit am sichersten ist. Sein Vater kann ihr gefährlich werden, aber der befindet sich nebenan und es ist da drüben still geworden.
Laura greift nach dem Glas und lässt etwas Wasser durch ihre ausgetrocknete Kehle laufen, immer den Blick auf den jungen Mann gerichtet.
Dieser will um den Tisch gehen, bleibt jedoch abrupt stehen und starrt auf das, was er vorhin heruntergeworfen hat und ihm nun zu Füßen liegt. Die Farbe weicht aus seinem Gesicht und er schluckt sichtlich schwer. Was liegt da unten? Sie hat nur das Klirren gehört und vermutet, dass es ein gerahmtes Foto war. Aber warum bringt es ihn so aus der Fassung? Sie muss warten, um zu erfahren wer oder was darauf zu sehen ist. Momentan kann sie ihn nur beobachten und ihr Wissen dazu nutzen, ihn einzuschätzen.
Nach einer Minute setzt er sich ihr gegenüber und fällt fast gleichzeitig in einen Zustand, der Bände spricht. Ihm ist das nicht bewusst, aber Laura spielt seine seelische Verfassung in die Hände.
Sie nimmt sich Zeit, die sie ja anscheinend hat, und sieht ihn genau an. Er bemerkt es nicht, ist in seiner Welt gefangen, in welcher auch immer.
Seine Augen sind eingefallen, die Haut ist blass und er wirkt etwas abgemagert. Bekommt er zu wenig von seinem Vater zu essen, oder hat er selbst keinen Drang nach Nahrung. Bei einer psychischen Störung ist das absolut denkbar.
Sein Kopf ist komplett rasiert und ein leichter Bartwuchs ist zu erkennen. Laura schätzt ihn auf Anfang zwanzig und sein Erscheinungsbild wirkt fast wie bei einem Gefangenen. Ist er ebenso wie sie hier eingesperrt? Nein, sie denkt, dass er sich eher selbst hier in diesen Räumen verkriecht. Muss er sich vor seinem Vater schützen? Alles Fragen, die sie jetzt noch nicht beantwortet bekommt.
Vielleicht ist es auch nur pflegeleicht für ihn, aber am Ende benötigt er Zeit für die Körperpflege. Die nimmt er sich jedoch wahrscheinlich nicht immer und das würde auf wechselnde Phasen seines Zustandes hindeuten. Tage, die zwischen Depression und Normalzustand wechseln.
In diesem Moment zeigt er, einer Depression nahe zu sein, denn er ist total abwesend. Sein Körper schaukelt leicht vor und zurück und seine Augen hat er geschlossen. Er scheint nicht mehr wahrzunehmen, dass er nicht allein ist.
Ist das ihre Chance? Könnte sie jetzt fliehen?
Ein lauter Knall und ein wütendes Schnaufen aus dem Nebenzimmer zerschlägt all ihre Hoffnung. Gleichzeitig schreckt der junge Mann hoch und schaut Laura verwirrt an.
Seine Hände massieren seine Schläfen, dann sein Genick und wieder bleibt am Ende seine Aufmerksamkeit an dem auf dem Boden liegenden Gegenstand hängen.
Er reist seinen Blick davon ab und nun fixiert er Laura. Ihr wird leicht übel, denn seine wirren Augen scheinen sie zu durchbohren. Wird ihr Wissen ausreichen, um ihn von sich fernzuhalten oder zu ihren Verbündeten zu machen? Sie weiß es nicht und kann momentan nur abwarten, was als Nächstes passiert.
„Wie heißt du?“, flüstert er und beugt sich über den Tisch zu ihr.
„Laura“, antwortet sie ebenso leise. Sie wundert sich nicht, dass er versucht, Geräusche zu verhindern. Er will damit bestimmt vermeiden, dass sein Vater zu ihnen kommt.
„Versuche einfach, dieses Zimmer nicht zu verlassen“, spricht er kaum hörbar weiter und Laura nickt ihm stumm zu.