Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Stella ist mit Visionen aufgewachsen und hat gelernt damit umzugehen. Doch ein Traum von einem Haus verändert ihr Leben. Wie durch eine unsichtbare Hand wurde sie dahin geführt und hat es am Ende zusammen mit ihrem Mann gekauft. Dieses Haus verbirgt jedoch Geheimnisse und sie merken schnell, dass sie nicht allein sind. Schon viele Jahre lebt dort ein Engel und er legt Stella eine große Last auf die Schultern. Kann Stella dem Engel, der das Haus seit langer Zeit behütet, helfen? Wer ist dieser Engel und was hat er mit dem Leben von Stella zu tun? Bekommt sie all ihre Fragen beantwortet? Besteht sie die Herausforderung und gibt es eine Möglichkeit, den Engel wirklich zu erlösen?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 326
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Angela Zimmermann
Erlös mich,
wenn du kannst
Roman
Engel sind unsere ständigen Gäste,
also lasst die Tür zu eurem Herzen
stets offen.
Ich steige aus dem Auto und spüre, wie sich ein zufriedenes Lächeln über mein Gesicht ausbreitet. Ich schaue an dem Haus vor mir hinauf und bin glücklich, endlich hier zu sein. Es ist zwar klein, aber sehr schön und am Rande einer Stadt gelegen. Eine kleinere Kreisstadt, die wir bis jetzt nicht einmal kannten, aber wo es alles geben soll, was man zum Leben braucht und so genau richtig für mich und meinen Mann Manuel ist.
Seit unserer Hochzeit vor zwei Jahren sind wir auf der Suche nach einem Haus. Wir wollten eigentlich das vertraute Heim, eine Wohnung in der Stadt, wo ich aufgewachsen bin, nicht verlassen. Aber dann sah ich diesen Flyer, der eines Tages in unserem Briefkasten lag und es war um mich geschehen. Ich habe sehr lange von genau diesem Haus geträumt, es jedoch immer als belanglos abgetan. Jetzt sah ich es auf einem Stück Papier und verliebte mich noch mehr, als wie es sich schon im Traum angefühlt hatte. Einen Zusammenhang schob ich beiseite, stattdessen zog es mich vom ersten Augenblick magisch an.
Unsere Immobilienmaklerin mit der wir schon länger nach einem passenden Haus gesucht haben bestritt jedoch, dass wir den Flyer von ihr bekommen haben, was mir am Ende ebenso vollkommen egal war. Dass es etwas mit meinen Träumen zu tun hatte, kam mir auch da nicht in den Sinn. Die Maklerin kümmerte sich sofort darum, dass wir uns das Haus ansehen durften. Zudem wickelte sie den Verkauf ab, obwohl sie es hätte nicht machen müssen und es auch nicht bei ihr gelistet war. Die Gemeinde war froh, endlich jemanden für das jahrelang leerstehende Haus gefunden zu haben und dankte ausdrücklich unserer Maklerin für ihre Bemühungen. Warum es so lange leer stand, konnte oder wollte uns keiner sagen. Es ist mir unbegreiflich, aber ich kümmerte mich nicht weiter darum und außerdem sollte ich es ja anscheinend auch bald erfahren.
Vor einem halben Jahr haben wir es dann endlich gekauft, waren jedoch seitdem nur zwei Mal hier. Einmal, um es uns anzuschauen und den Kaufvertrag zu unterschreiben und das zweite Mal, um die Firmen für die Renovierung einzuweisen. Sehr viel war eigentlich nicht zu machen, aber frische Farbe sollte dann doch an die Wände. Das Haus war in einem auffallenden guten Zustand, obwohl es angeblich über zwanzig Jahre unbewohnt gewesen sein soll, was ich irgendwie nicht glauben wollte.
Wir haben uns entschieden die Möbel, die im Haus waren, zu behalten. Sie waren ordentlich in Tücher eingehüllt und die Küche war ebenfalls vollkommen in Ordnung. Ich könnte mir vorstellen, dass die Vorbesitzer das alles selbst nicht lange genutzt haben und mitgenommen wurde auch nichts. Das Einzige, was wir von uns mitbringen, ist das Schlafzimmer. Das haben wir erst vor kurzem gekauft und ich wollte es unbedingt mitnehmen. Ein Verkauf kam für mich nicht in Frage. Das alte Bett und die Schränke haben die Handwerker entsorgt, so wurde uns die Arbeit abgenommen. Heute muss jedoch unseres aufgebaut werden und deshalb sind zwei Freunde von uns als Unterstützung mitgekommen.
„Schatz, bist du dort angewachsen?“, ruft mir Manuel zu und reißt mich aus meinen Gedanken.
„Ich komme ja schon“, antworte ich ihn und löse widerwillig den Blick, der an dem Haus geheftet ist.
Ich nehme noch meine Tasche aus dem Auto und gehe die kleine gepflasterte Auffahrt hinauf. Bevor ich die drei Stufen zur Eingangstür empor gehe, schweift mein Blick durch den winzigen Blumengarten vor dem Haus. Wir haben einen Gärtner beauftragt, wenigstens die Ansicht, von der Straße aus, in Ordnung zu bringen. Er hat wirklich gute Arbeit geleistet. Es sind verschiedene Blumenarten, die alle in wunderschönen Farben blühen. Zusätzlich hat er einen Weg aus unterschiedlich großen Feldsteinen angelegt, der zu einer Gartenbank führt, die zwischen den Blumen direkt unter einem Fenster platziert ist. Da kann man sich abends ausruhen und hat einen freien und überragenden Blick auf die Stadt, die uns hier förmlich zu Füßen liegt.
Das Haus ist ganz am Ende in dieser Siedlung und steht auf einer kleinen Anhöhe. Ich kann immer noch nicht glauben, dass es keiner haben wollte. Und jetzt gehört es uns. Die Maklerin, die sich umgehört hat, so gut es ihr möglich war, konnte uns auch nicht sagen, warum die Situation so ist. Manuel meinte, dass hier vielleicht etwas passiert ist, aber ich wollte darüber einfach nicht spekulieren. Er hat manchmal viel Fantasie. Ebenso kann ich mir nicht vorstellen, dass so ein schönes Haus böse Geheimnisse haben soll.
„Entschuldigung“, sagt Nico, einer unserer Freunde, der mich im Vorbeigehen anrempelt.
„Was ist denn mit dir los?“, fragt Manuel fast gleichzeitig und steht jetzt ganz nah vor mir.
„Ich habe mir nur den Garten angeschaut“, antworte ich ihn etwas mürrisch, denn ich will mich nicht hetzen lassen.
„Drinnen ist alles sehr schön geworden, Schatz. Gehe hinein und schaue dir das an“, lächelt Manuel mich an und hat mein Murren einfach überhört.
Ich lächele zurück und gehe die Stufen hinauf. Kurz darauf trete ich durch die Haustür in den Flur. Der war vorher schon groß und der neue Anstrich mit weißer Farbe macht ihn noch gewaltiger. Ich laufe weiter und stehe nun in unserer Küche. Vor Erstaunen steht mein Mund offen und ich bin einfach nur sprachlos. Zusätzlich zu der Malerfirma und den Gärtner haben wir eine Reinigungsfirma beauftragt, alle Möbel wieder auf Hochglanz zu bringen. Und das haben sie. Ich mag eigentlich keine hellen Küchenmöbel, aber diese ist wunderschön geworden. Das Weiß der Schränke lässt den Raum freundlicher wirken und die zarte grüne Farbe an den Wänden passt wahrhaftig gut dazu. Die Küche ist mit allem ausgestattet, was man sich denken kann. Einige Geräte waren noch da und andere haben wir einbauen lassen. Das wurde von uns nur telefonisch organisiert und ich hatte schon etwas Angst, dass das schiefgeht, aber das Ergebnis überrascht mich vollkommen. Alles Geld, was wir hier hineingesteckt haben, hat sich absolut gelohnt. Als Nächstes schaue ich mir das Wohnzimmer an und habe da ebenfalls nichts auszusetzen. Die Couchgarnitur haben sie gereinigt und schaut wirklich wie neu aus. Die Wohnwand und der schöne Tisch haben weder einen Kratzer, noch sieht man ihnen an, wie lange sie hier gestanden haben. Manuel war dagegen, dass wir alles behalten, aber ich wollte diese Möbel nicht hergeben. Warum konnte ich nicht sagen, jedoch habe ich gleich im ersten Moment eine angenehme Verbindung zu ihnen aufgebaut. Und jetzt bin ich einfach nur froh, mich in dieser Sache gegenüber meinem Mann durchgesetzt zu haben.
„Wir bauen dann gleich das Schlafzimmer auf“, kommt leise von Manuel, der hinter mir steht und ganz vorsichtig die Arme um meinen Körper legt, damit ich mich wahrscheinlich nicht erschrecke. Ich lasse meinen Kopf auf seine Schulter fallen und spüre, dass er sich genauso wohl fühlt wie ich.
„Wir sind angekommen. Meinst du nicht auch?“, wende ich mich Manuel zu und schaue in sein zufrieden strahlendes Gesicht.
„Ja, Schatz, das sind wir“, antwortet er, senkt sich zu mir herunter und gibt mir einen zärtlichen Kuss.
„Wo sollen denn all die Kisten hin?“ Nico steht auf einmal neben uns und grinst uns breit an.
Am liebsten würde ich ihn davonjagen, aber lasse Manuel los, denn schon heute Abend werden wir die Möglichkeit haben, da weiter zu machen, wo uns Nico jetzt gestört hat.
„Auf den Kisten steht doch drauf, wohin sie sollen“, sage ich forsch, mit in den Hüften gestemmten Händen.
„Schon gut. Ich wollte euch nicht stören, aber wir sollten etwas schneller machen, sonst müsst ihr heute auf dem Fußboden schlafen“, erwidert Nico, schaut auf die Kiste und verschwindet mit ihr in die Küche.
Manuel schüttelt nur mit dem Kopf und folgt nach einem weiteren Kuss Nico, der schon wieder an uns in Richtung Auto vorbeiläuft. Es sind nicht viele Kisten, die sie noch herein räumen müssen, denn wir haben bisher in einer sehr kleinen Wohnung gelebt.
Um den Männern nicht im Wege zu stehen, gehe ich in die Küche und beginne dort die erste Kiste zu leeren. In der zweiten stoße ich auf die Kaffeedose und befülle sofort eine Maschine damit. Während der Kaffee durchläuft, verschwindet das Geschirr in den Schränken. Nach ein paar Minuten stehe ich mit einer Tasse heißen Kaffee an der Terrassentür. Ich öffne sie und trete hinaus. Mein Blick fliegt über den großen Garten, der sich vor mir erstreckt. Hier wurde noch nichts gemacht, denn das wollen wir selbst in die Hand nehmen. Und erst, wenn wir eingezogen sind. Bei dem, was ich aber hier erblicke, scheine ich mich wohl geirrt zu haben, es schnell allein schaffen zu können. Was meine Augen sehen, macht mir irgendwie Angst. Das Gras ist so hoch, dass es sogar einen Rasenmäher schwerfallen wird, durchzukommen. Dann stehen Bäume da, die wohl kaum noch Früchte tragen werden. Da sollten vermutlich einige gefällt werden. Auch die Terrasse, auf der ich mich momentan befinde, muss neu gemacht werden. Die Sandsteine, die hier verlegt wurden, sind das ganze Gegenteil von gleichmäßig. Ich glaube hier stände kein Tisch gerade. Etwas enttäuscht darüber, den Garten und die Terrasse nicht gleich benutzen zu können, wie ich es mir vorgestellt habe, gehe ich zurück in das Haus.
„Wo hast du denn dein Arbeitszimmer?“, fragt Tim, ein weiterer Freund von Manuel, der mitten im Wohnzimmer steht und krampfhaft eine Kiste hält.
„Komm mit, ich zeige es dir“, zwinkere ich ihm zu und wir gehen gemeinsam in das Obergeschoss.
Hier ist das Schlafzimmer, ein Badezimmer, ein Gästezimmer und mein Arbeitszimmer. Das ist eigentlich als Kinderzimmer geplant, aber dafür hat es noch etwas Zeit. Alle Türen stehen offen und es sind schon jede Menge Kisten in den Zimmern verteilt, bis auf die Letzte.
Tim stellt diese mitten in den Raum und ist kurz darauf wieder auf den Weg nach unten. Ich schaue mich erst einmal um und überlege, wie ich mein Arbeitsdomizil einräumen sollte. Schnell ist eine Entscheidung getroffen, den Tisch vor das Fenster zu stellen. Da habe ich während der Arbeit einen wunderschönen Ausblick auf die kleine Stadt. Ich kann von hier aus sogar den Markt mit der großen Kirche sehen.
So eine Aussicht wird mich bestimmt auch inspirieren. Ich bin Schmuckdesignerin und verkaufe meine Sachen meist über das Internet. Ich lasse bei der Arbeit meiner Fantasie freien Lauf und die Verkaufszahlen zeigen mir jedes Mal, dass ich mit den Ideen nicht falschliege. Ich habe mich daran gewöhnt, zu Hause zu arbeiten und mir die Zeit so einteilen zu können, wie ich möchte. Manuel ist dagegen Lehrer und liebt es, ständig unter Menschen zu sein. Er hat auch schon eine Stelle hier an der Schule. In zwei Wochen sind die Ferien zu Ende und er kann sofort anfangen. Bereits in den nächsten Tagen beginnen die Schulvorbereitungen, bei denen er dabei sein muss. Also bleibt uns kaum eine Woche, um uns hier richtig einzurichten. Geschweige den Garten auf Vordermann zu bringen. Aber wir werden es schon schaffen. Zuerst sollte im Haus alles fertig werden, dann kann ich mich wieder voll meiner Arbeit widmen und so nebenbei werde ich wohl doch noch einmal einen Gärtner zurate ziehen.
Hinter mir höre ich gequälte Stimmen, die mich aus den Gedanken holen und ich schaue genüsslich zu, wie drei kräftige Männer, die sonst mit ihren Muskeln prahlen, versuchen unser schweres Bett in das Obergeschoss zu bekommen. Ich muss mir ein Lachen verkneifen, denn ich möchte ihren Stolz nicht verletzen. Das machen sie schon selbst. Nach weiteren zehn Minuten und ständigen Absetzen steht das Bett an seinen vorgesehenen Platz und alle drei fallen erschöpft daneben nieder.
„Ich hole euch erst einmal ein Bier. Ich glaube, das habt ihr euch verdient“, will ich sie aufmuntern, denn auch der Schrank muss ebenso nach oben. Da gibt es jedoch einen Vorteil, der ist in Einzelteile zerlegt.
„Eine gute Idee, mein Schatz“, höre ich noch von Manuel, während ich schon die Treppe hinunterlaufe.
Wie erwartet, befinden sich die Flaschen nicht mehr in dem Korb, den ich auf die Spüle gestellt habe, sondern im Kühlschrank. Ich nehme drei heraus und bringe sie den Männern, die inzwischen auf der Terrasse stehen und sich genauso ungläubig den Garten ansehen wie ich vorhin. Aber wie schon gesagt, der muss noch etwas warten.
Ich lasse die Jungs allein und ziehe mich zurück in die Küche. Hier wartet genug Arbeit auf mich und damit will ich auch schnellstens fertig werden, denn ich möchte heute noch mit dem Einräumen meines Arbeitszimmers beginnen. Morgen sollte ich zumindest wieder im Netz sein, wenn es auch nur kurz sein wird, um die aktuellen Aufträge und Bestellungen zu überprüfen. Wir benötigen jetzt wirklich jeden Cent und wenn keine Werbung für die Produkte gemacht wird, verkaufe ich am Ende nichts.
Nach einer halben Stunde falte ich den letzten Karton von der Küche zusammen und bringe ihn wieder zum Auto. Das hat sich ja schon fast geleert. Nur noch ein paar Dekorationssachen und Pflanzen sind auf dem kleinen Laster. Ich quäle mich hinauf und hole meine Stehlampe aus der Ecke heraus. Ich ziehe sie bis an den Rand und springe wieder hinunter. Bevor ich sie herunterziehen kann, steht Manuel neben mir und reicht sie mir mit einem Lächeln. Ein Kinderspiel für ihn und ich bedanke mich mit einem Küsschen. Schnell laufe ich mit der Lampe zurück in das Haus und platziere sie neben der Couch. Jetzt doch etwas erschöpft lasse ich mich auch gleich auf sie fallen und spüre, wie meine Augenlider immer schwerer werden. Ich ergebe mich dem Müdigkeitsgefühl und schlummere ein.
Ich weiß nicht wie lange ich geschlafen habe, werde jedoch unsanft von einem lauten Poltern geweckt. Augenblicklich sitze ich aufrecht und lausche in das Haus hinein. Aber es bleibt noch einen Moment still.
„Du hast meinen Fuß gerade so um einen Zentimeter verfehlt“, brummt Tim.
„Tut mir leid“, entschuldigt sich Manuel schnaufend.
Ich laufe die Treppe hinauf und stehe jetzt im Schlafzimmer, wo die drei mit dem Kleiderschrank kämpfen. Also Kraft haben sie zwar, aber Möbelbauer könnten sie wohl nie werden. Mit verschränkten Armen postiere ich mich am Türrahmen und schaue zu, wie sie versuchen, die Türen in die dafür vorgesehenen Schienen einzuhängen. Es dauert ein paar Minuten, aber sie schaffen es. Sichtlich geschafft stehen sie da und klopfen sich gegenseitig auf die Schultern. Ich denke mir meinen Teil und widme mich umgehend den großen Plastiktüten. Darin sind unsere Zudecken und Kissen und ich beginne sofort alles herzurichten, damit wir schon heute in dem Bett schlafen können. Die Männer lassen mich allein zurück und räumen die letzten Sachen ins Haus. Eine halbe Stunde später verabschieden wir Tim und Nico und schließen die Tür unseres Heimes, das erste Mal von innen. Im selben Moment nimmt mich Manuel auf den Arm und läuft mit mir ins Wohnzimmer. Zusammen fallen wir lachend und glücklich auf die Couch und vergessen für einige Sekunden alles um uns herum.
Ich liege regungslos in meinem Bett und starre an die weiße Decke. Die Sonne ist schon aufgegangen, aber wir müssen nicht aufstehen. Heute ist Ausschlafen angesagt und so lasse ich Manuel noch schlummern. Sein leiser und gleichmäßiger Atem ist für mich beruhigend. Ich denke derweil daran, was heute alles nötig ist gemacht zu werden. Es sind noch einige Kartons auszupacken und mein Arbeitszimmer ist auch noch nicht fertig eingeräumt. Gestern Abend sind wir nicht mehr dazu gekommen. Es war sehr spät geworden und wir waren einfach nur zu müde. Also sind wir ins Bett gegangen und sofort eingeschlafen. Leider habe ich nichts geträumt und bin etwas enttäuscht darüber. Immerhin soll das in Erfüllung gehen, wenn man die erste Nacht in einem neuen Heim schläft. Aber was würde es ändern? Ich bin überglücklich, dieses Haus endlich mein Eigen nennen zu dürfen.
„Hast du gut geschlafen?“, fragt Manuel, der seine Augen noch nicht richtig auf bekommt, dreht sich zu mir und legt seinen Arm auf meinen Bauch. Ein wunderschönes Gefühl von Vertrautheit macht sich in mir breit, die Wärme seiner Haut auf meiner zu spüren.
„Ja, wie ein Murmeltier“, lächele ich ihn an.
„Hast du was geträumt?“
„Nein, leider nicht“, sage ich mit einem traurigen Unterton.
„Vielleicht ist es auch besser so.“ Manuel zieht seinen Arm zurück, setzt sich etwas auf und sieht mich von der Seite an.
„Es könnte doch sein, dass das hier alles aufhört“, meine ich leise, obwohl ich sofort merke, wie falsch die Worte klingen.
„Du hast von diesem Haus ständig geträumt und nun ist es unser. Ich denke, es ist ein Puzzlestück in deinem Leben.“ Manuel sagt es sehr nachdenklich und ich kann ihn innerlich nur zustimmen.
„Was sollte das Haus zu meiner Veranlagung beitragen?“, frage ich immer noch so leise, dass man vermuten könnte, ich will nicht, dass es jemand hört, obwohl wir allein sind. Ich denke es zumindest.
„Das kann ich dir nicht sagen. Ich bin fast davon überzeugt, dass deine Visionen und Träume zusammenhängen.“ Manuel wird nun auch merklich leiser. Aber warum, vermag keiner von uns beiden zu sagen.
Er beugt sich zu mir herunter, haucht einen Kuss auf meine Stirn und steht auf. Er dreht sich noch einmal zu mir um, bevor er das Zimmer verlässt und sein Blick sagt mir, dass er genau weiß, dass es nicht vorbei ist.
Ich lasse meinen Kopf in das Kissen fallen und mit geschlossenen Augen haben die Gedanken, wie auf Abruf, freien Lauf.
Ich habe eine Gabe, wenn man das so nennen kann, mit der ich schon seit meinem zehnten Lebensjahr versuche zu leben. Es sind Visionen von bevorstehenden Unfällen und bis heute ist niemand in der Lage mir zu sagen, warum gerade ich diese Bestimmung habe.
Sie kommen am Tag sowie in der Nacht, aber ich bin dabei immer munter. Also Träume sind es wirklich nicht und sie sind so real, als wäre ich stets mitten drin und würde sie direkt mit erleben. Es begann wie gesagt, als ich zehn Jahre alt war. Sie kamen in der Schule und der Freizeit und ich hatte nie irgendeine Vorwarnung. Sie überfielen mich und ich war immer für mehrere Sekunden abwesend und nicht ansprechbar. Es beginnt mit einem Dröhnen im Kopf, dann kommen unbeschreibliche Kopfschmerzen dazu, danach erscheinen Lichtblitze vor meinen Augen und zum Schluss sah oder sehe ich Unfälle und Verletzte, auch tote Menschen waren schon dabei. Am Anfang verstand ich überhaupt nicht damit umzugehen. Ich war jedes Mal vollkommen durcheinander. Erst mit der Zeit begann ich zu begreifen und realisierte, was da mit mir passiert.
Irgendwann kam ich einmal aus der Schule und da lag eine Zeitung bei uns zu Hause auf dem Tisch. Mir stockte der Atem, denn ich sah genau das, was ich am Tag vorher als Vision gesehen habe. Die Bilder schockierten mich fast noch mehr als das dazu Geschriebene. Ab diesem Moment stöberte ich jedes Mal nach einer Vision in Zeitungen, versuchte im Fernseher etwas zu erfahren und belauschte die Gespräche meiner Eltern. Wie sie ja mal so sind, halten sie solche schrecklichen Nachrichten möglichst von ihren Kindern fern.
Mit der Zeit machte es mir immer mehr Angst und ich sprach mit meiner Mutter darüber. Ich nahm allen Mut zusammen und habe mich ihr anvertraut, stieß aber nicht gerade auf Verständnis. Im Gegenteil, sie organisierte sofort eine Therapeutin. Diese unternahm alle möglichen Tests mit mir und am Ende hatte auch sie keine Erklärungen für die Vorfälle, wie sie die Visionen nannte. Es wurde sogar eine Computertomographie von meinem Kopf gemacht, um einen Tumor auszuschließen. Letztendlich wusste kein einziger von den Experten, was in meinem Kopf abgeht. Organisch war aber zum Glück alles in Ordnung, was mir jedoch nicht weiter half.
Von da an sprach ich mit niemandem mehr darüber, sondern verschloss mich und zog mich immer mehr in meine unnatürliche Welt zurück. Ich versuchte, für die Bilder einer Vision, nicht sofort nach Beweisen zu suchen, dass ich richtig lag, aber es gelang mir kaum bis nie. Meine Schuldgefühle stiegen fast ins Unermessliche, weil ich den Betroffenen nicht geholfen habe.
In der Schule war ich indessen schon längst ohne Freunde. Sie dachten, ich wäre verrückt. Ich habe kaum noch etwas mit meinen Schulkameradinnen unternommen, weil ich immer damit rechnen musste, dass ich durch eine Vision kurz wegtreten würde. Die anderen nannten es Anfälle und hatten am Ende mehr Angst davor als ich selbst. Sie verstanden es nicht, damit umzugehen und mir zu helfen, war ja ihrerseits kaum möglich.
Ich habe gelitten und an meinem Leben gezweifelt. Warum wurde mir so eine Last auferlegt? Ich wollte ein ganz normales Kind sein wie alle anderen, aber so wurde ich ungewollt zum Außenseiter. Zum Einzelgänger. Ein bemitleidenswertes Mädchen. Ein Kind was ständig neben sich stand und krank zu scheinen schien. Was natürlich nicht so war, aber das konnte keiner wissen und meine Eltern wollten auch nichts anderes glauben oder akzeptieren. Therapien, ja das war das Ziel. Nur ich allein wusste, dass sie nie helfen würden.
Meine Mutter drang darauf, dass ich ständig Medikamente einnehme, die die Therapeutin mir trotz keiner genauen Diagnose verschrieben hat. Aber als ich mitbekam, dass sie ebenfalls nicht halfen, denn den Unfällen war es egal, was ich schluckte, nahm ich sie nicht mehr. Ich ließ sie unbemerkt verschwinden und ab da ging es mir wesentlich besser. Ich war nicht ständig müde und der Appetit kehrte auch zurück. In der Schule sagte ich dann jedes Mal, es wäre Migräne. Somit konnte ich wenigstens etwas ruhiger leben und musste mich nicht immer wieder rechtfertigen. Ich kann auch nicht sagen, was sich die Lehrer dabei dachten, sie schickten mich einfach nach Hause, wahrscheinlich weil sie mit diesem Problem nichts zu tun haben wollten.
Mit 14 Jahren änderte sich die Lage. Ich hatte in der Nacht eine Vision von einem Busunglück, wobei viele Kinder in Gefahr waren. So ging ich an diesem Morgen nicht in die Schule, sondern zu meiner Therapeutin. Ich hatte zu viel Angst um die Kinder und wollte unbedingt, dass ihnen jemand hilft.
Sie nahm sich Zeit für mich, aber sie schenkte mir auch diesmal keinen Glauben. Sie gab mir etwas zur Beruhigung und forderte mich auf, sofort wieder nach Hause zu gehen. Dort kam ich gerade noch bis zu meinem Bett, fiel ohne mir die Sachen auszuziehen hinein und schlief im selben Moment tief ein. Es war ein richtig gutes Gefühl, alles einfach hinter mir zu lassen. Ich vergaß sogar die Kinder, die sich in großer Gefahr befanden.
Stunden später schüttelte mich meine Mutter unsanft wach. Total verschlafen wusste ich erst gar nicht, wo ich bin. Sie zerrte mich, egal ob ich über meine eigenen Füße stolpere, hinunter in das Wohnzimmer. Dort saß die Therapeutin und ich war augenblicklich putzmunter. Mit Tränen in den Augen erzählte sie mir, dass vor drei Stunden ein Bus, voll besetzt mit Kindern zwischen acht und zehn Jahren, einen Unfall hatte. Zwei Kinder sind dabei gestorben. Sie verlangte von mir, dass ich genau erzähle, was ich in der Vision gesehen habe. Mit etwas Unmut tat ich was sie von mir verlangte und es stellte sich heraus, dass das, was ich in den Bildern wahrgenommen habe, wirklich so passiert ist. Bei einzelnen Details zuckte sie zusammen, weil sie kaum zu ertragen waren. Ich habe es aber so gesehen. Und ich hoffte, dass sie es endlich einsahen und mich verstanden, was ich jedes Mal durchlebte.
Die Therapeutin sprach offen mit mir und sagte, dass sie mit dieser Situation nicht umgehen könnte. Sie unterbreitete mir einen Vorschlag, mit dem ich mich zunächst anfreunden musste. Sie kannte eine Frau, die über solche Dinge anders denkt und mir wahrscheinlich helfen konnte. Alles sträubte sich in mir und ich war zuerst dagegen, noch jemanden einzuweihen, aber es war der richtige Weg. Es war ab da mein Weg, den ich auch notfalls allein gehen wollte. Meine Mutter war wie von mir erwartet skeptisch, weil sie nicht hören wollte, was die Leute am Ende über uns tuscheln. Mir war das egal, ich hatte keine andere Wahl. Ich hatte entschieden, mit dieser Frau zu reden und ich ließ mich nicht davon abhalten. Hier ging es schließlich allein um mich, um mein Leben und nicht das meiner Eltern. Ich wollte nicht mehr für irre oder gestört gehalten werden.
Amara war eine Frau Mitte vierzig. Rotes, leuchtendes Haar fiel ihr leicht über die Schultern und ein paar Sommersprossen zierten ihre feinen Gesichtszüge. Schon bei der ersten Begegnung mit ihr, spürte ich, wie sich alle Anspannungen in mir lösten und sich ein sanftes Band zwischen uns spannte, was mir die Sicherheit gab, ihr vollkommen vertrauen zu können. So eine Erfahrung hatte ich noch nie gemacht, nicht einmal bei meinen Eltern.
Als ich das erste Mal bei ihr war, begriff ich sofort, dass sie anders war, ja ganz anders, als all die Menschen, Ärzte und Therapeuten, die ich kennengelernt habe und die mit meiner Situation betraut waren. Ihr Haus sah von außen wie jedes normale aus, aber sowie ich über die Schwelle trat, kam ich in eine komplett andere Welt.
Es war von Wärme und seichtem Kerzenlicht erfüllt und in ihrem Arbeitszimmer gab es so viele Dinge, die auf eine oder gar mehrere Gaben hinwiesen. Ich sah mich um und entdeckte die verschiedensten Sachen. Tarotkarten, verschiedene Pendel, eine Glaskugel, Astrologiekarten und Bilder aller Mondphasen. Viele Leute haben mir gegenüber mit vorgehaltener Hand erwähnt, dass sie eine Hexe wäre, aber ich wusste es sofort besser. Das hat nichts mit Hexerei zu tun, sondern eher mit einem freien Geist, der für alles offen ist. Dass sie sehr spirituell ist, kann ich nicht leugnen, aber ich habe sie als Beraterin in meinem durcheinander gekommenen Leben gelassen.
Sie hörte mir zu und verstand alle meine Probleme. Wir erarbeiteten zusammen einen Plan, wie ich mit den Visionen, was sie mir als meine ganz persönliche Gabe erklärte, umgehen muss. Dass ich mit dieser Gabe selbst spirituell bin, brachte mich schließlich zum Lächeln.
So sollte ich sie immer informieren, wenn ich eine Vision hatte, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit. Gemeinsam versuchten wir dann, die Unfälle zu verhindern, zumindest deren Ablauf zu beeinflussen war unser Ziel. Letztendlich lernte ich so viel, dass mein Leben dadurch immer besser wurde. Der Nachteil war jedoch, je mehr Menschen wir geholfen haben, umso intensiver schlugen die Visionen ein und die Anzahl der Leute, die davon wussten, stieg unaufhörlich an.
Zum Beispiel habe ich in einem Kindergarten die Kleinen beschützt, die sonst von einem Klettergerüst gefallen wären, wie auch einen Familienvater, der übermüdet ins Auto steigen wollte.
Am Anfang war es schwierig, die Feuerwehr und Polizei einzuweihen und zum Einsatz zu bewegen. Aber die Feuerwehrleute wunderten sich mit der Zeit immer weniger darüber, dass ich anrief und sie irgendwohin schickte, obwohl sie gar keinen Alarm bekommen hatten. Ich war stolz auf mich selbst und den Menschen zu helfen, erfüllte endlich den Sinn meines Lebens. Ich wurde immer bekannter und viele schauten mich nicht mehr skeptisch und als Sonderling an, sondern waren sehr oft nur noch dankbar. Dass ich mit Amara zusammenarbeitete, störte plötzlich niemanden mehr. Auch ihr Ansehen ist seitdem gestiegen, was sie natürlich ebenso genoss.
Meine Eltern bewunderten mich ebenfalls, konnten mir aber nicht sagen, warum ich diese Gabe habe und woher sie gekommen ist. In ihrer Familie ist so etwas jedenfalls noch nie passiert.
Ich forschte auch nicht weiter nach und war froh darüber, dass meine Eltern ab jetzt immer hinter mir standen. Sie werden wahrscheinlich nie richtig begreifen, was ich da tu, aber ihre Liebe zu mir ist ungebrochen und der Stolz auf das, was ich bewirken konnte, überwog.
Also lebte ich mit diesen Visionen, beendete die Schule und aus der Liebe zu Gold und Schmuck wurde mein Beruf. So wurde ich Schmuckdesignerin. Vor fünf Jahren lernte ich dann Manuel kennen und lieben. Kurz nach unserer Hochzeit und der Zeit, in der wir angefangen haben die Zukunft zu planen, kam dieser Traum in mein Leben. Die Visionen wurden immer weniger und die letzten Jahre hatte ich gar keine mehr, der Traum von diesem Haus jedoch wurde umso intensiver. Er war so lebendig und ich streifte in ihm durch den Garten und dem Gebäude, als würde ich es schon ewig kennen und darin wohnen. Ich machte es praktisch zu meinen, ohne zu wissen, ob es das Haus überhaupt gibt.
Nun habe ich die erste Nacht hier verbracht und hoffe, dass die Visionen nicht wieder zunehmen. Sollte es so kommen, habe ich eine noch schwerere Aufgabe, nämlich den Leuten hier beizubringen, was mit mir los ist. Ich bin die fremde und neu Zugezogene und die Aufklärung über meine Gabe stelle ich mir als sehr schwierig vor. Ich kann aber nur abwarten, was auf mich zukommt, denn verhindern werde ich es nicht können.
Nur ein Gedanke kommt mir noch. Was würde Amara dazu sagen, dass wir jetzt hier wohnen? Ich habe über drei Jahre nur wenig mit ihr gesprochen und wenn, dann auch nur telefonisch. Also sollte ich sie anrufen, denn sie ist eine sehr gute Freundin für mich geworden. Warum der Kontakt fast abgebrochen ist, weiß ich nicht so recht. Anscheinend lag es daran, dass ich mein Leben mit Manuel gefunden habe sowie keine Visionen mehr hatte. Aber wie ich erfahren sollte, hat sie stets über mich Bescheid gewusst und meine Wege unsichtbar verfolgt. Ich brauchte mir also deswegen keine Vorwürfe zu machen.
Jetzt schiebe ich all diese Gedanken erst einmal beiseite, schwenke meine Beine endlich aus dem Bett und stehe auf. Nur mit dem Morgenmantel bekleidet gehe ich in die Küche hinunter und bleibe erstaunt in der Tür stehen. Der Tisch ist schon gedeckt und es liegt der Duft von frischem Kaffee in der Luft. Aber wo ist Manuel? Ich schaue ins Wohnzimmer und da kommt er gerade zur Terrassentür herein. Mit einem bunten Strauß von Wiesenblumen schwebt er an mir vorbei. Lächelnd sehe ich ihm nach und weiß, dass nur diese Blumen unseren Garten hinterm Haus schmücken, etwas anderes hat momentan noch keine Chance zu blühen. Aber so schlecht sind sie gar nicht, ganz im Gegenteil, so ein wilder Garten hat auch was für sich. Kurz darauf stellt er sie, in einer passenden Vase, auf den Frühstückstisch und es ist wirklich ein schöner Anblick. Ich setze mich aber noch nicht, sondern suche nach meinem Handy. Ich finde es auf dem Couchtisch und wähle sofort die Nummer von Amara.
„Hallo, Stella, alles in Ordnung?“, fragt sie so schnell, dass einen schwindelig werden kann.
„Hallo, Amara. Es ist alles Okay. Ich wollte dir nur sagen, dass wir jetzt in unserem neuen Haus wohnen“, sage ich und lächele Manuel verlegen an, der neben mir steht und aufmunternd nickt.
„Das weiß ich doch schon längst, meine Süße. Ich wünsche euch alles Gute im neuen Heim“, höre ich Amara am anderen Ende kichern.
„Ja, wie soll es anders sein“, kommt nur kurz von mir. Den Anruf hätte ich mir echt sparen können.
„Hast du etwas geträumt in der ersten Nacht?“, fragt Amara überraschend und mein Lächeln verschwindet für einen Moment.
„Nein“, piepse ich, denn ich weiß, dass das in ihren Augen garantiert etwas zu sagen hat.
„Gut so. Es beginnt ein vollkommen neuer Abschnitt für dich oder besser gesagt für euch. Dein Unterbewusstsein wird selbst noch nicht wissen, wie es weiter geht“, erklärt sie mir einfühlsam.
„Und das ist gut?“, frage ich zögerlich.
„Frage, ob ich mit dem Puzzlestück recht habe“, flüstert Manuel mir ins Ohr.
„Ja, er hat recht“, antwortet sie, bevor ich sie stellen kann. „Das Puzzle ist fast fertig. Es gibt nur noch wenige Teile und die wirst du bald finden. Oder sie finden dich“, lacht Amara.
„Was passiert, wenn es fertig ist?“, will ich wissen und Unbehagen macht sich in meiner Magengegend breit.
„Dann weißt du, warum du die Visionen hattest und wo sie eigentlich hergekommen sind. Alles hat einen Grund, so auch alles, was du schon durchlebt hast. Lass es auf dich zukommen, du wirst es sowieso nicht ändern können. Du kannst jetzt eigentlich nur noch Antworten bekommen und die wünsche ich dir von ganzem Herzen“, sagt Amara und löst in mir eher ein Durcheinander aus, als das sie mich beruhigt und noch weniger meinen nervösen Magen.
„Ich werde die Augen offen halten“, murmele ich in den Hörer.
„Ach Mädchen, mach dich nicht verrückt. Du wirst nichts finden, es findet dich. Lebe einfach und genieße den schönen Sommer in eurem neuen Haus“, erwidert Amara und ich sehe sie vor mir, wie sie den Kopf darüber schüttelt, dass ich mir schon wieder Sorgen mache. Also sollte ich es auch sein lassen und einfach leben, wie sie es sagt.
„Vielen Dank, dass du Zeit für mich hattest. Ich werde deinen Rat befolgen“, lache ich nun auch, denn es hat wirklich keinen Sinn, sich den Kopf zu zermürben.
„Immer gerne. Du hast meine Nummer und ich bin stets für dich da. Ich wünsche euch einen schönen Sonntag. Tschau meine Lieben.“
Die letzten Worte von Amara treffen mich wie ein Schlag. Es ist Sonntag früh morgens und sie hat ohne zu zögern abgenommen. Man sollte an diesem Tag niemanden stören. Aber bei Amara ist es anders und das hat sie mir wieder einmal bewiesen. Menschen, die sie tief in ihr Herz geschlossen hat, für die ist sie immer da, egal wann.
Ich lege das Handy weg, atme tief durch und spüre, dass sich mein Magen wieder beruhigt und ich sogar Hunger habe. So folge ich Manuel in die Küche und nehme an den so hübsch geschmückten Tisch platz. Wie schön wäre es, jetzt auf der Terrasse in der Sonne zu sitzen, aber auch das wird eines Tages möglich sein. Jetzt genießen wir erst einmal in aller Ruhe das Frühstück und dann werde ich mich um mein Arbeitszimmer kümmern, ob es nun Sonntag ist oder nicht.
Eine Woche wohnen wir jetzt schon hier und haben uns langsam in dem neuen Heim eingelebt. Manuel hat sich die letzten sieben Tage um den Garten hinter dem Haus gekümmert. Jetzt sieht er ein wenig ordentlicher aus. Der Rasenmäher hat es in zwei Gängen doch geschafft, sich durch das hohe Gras zu kämpfen und dabei ist auch einiges zum Vorschein gekommen. Die Vorbesitzer haben wahrscheinlich Kinder gehabt, denn mein Mann hat Spielsachen gefunden, die auf kleinere Kinder hinweisen. Diese hat er in eine Kiste geräumt, die in den Keller gewandert ist. Ich selbst, hatte noch keine Zeit, es mir anzusehen, denn dieses alte Zeug zu behalten ist nicht in meinem Sinn. Aber ich werde irgendwann die notwendige Zeit dafür aufbringen, es auszusortieren und momentan stört es da unten im Keller niemanden.
Unsere Gartenmöbel, die wir von meinen Eltern zum Einzug geschenkt bekommen haben, stehen mittlerweile auf der Terrasse. Benutzt wurden sie jedoch noch nicht. Jeder hatte sich für die erste Woche Ziele gesetzt und sie auch fast alle erreicht. Dass wir uns dabei kaum gesehen haben, war vorprogrammiert. Wie gesagt hat Manuel im Garten gutzutun gehabt und ich habe die Sachen aus den restlichen Kartons ausgeräumt und an ihren neuen Standorten verteilt. Anschließend habe ich mich in mein Arbeitszimmer zurückgezogen. Da war ebenfalls noch einiges zu erledigen. Am Dienstag hatte ich dann die Zeit mich wieder meinen Schmuckstücken zu widmen, ebenso lief der Verkauf überraschend gut an.
So stehe ich jetzt mit einem Korb, wo mehrere Päckchen drin sind, die zur Post gebracht werden müssen, in der Küche und schreibe noch schnell einen Einkaufszettel. Es ist dringend Zeit, dass ich nicht nur den Kühlschrank auffülle.
Manuel ist heute Morgen sehr früh weg, er hat den ersten Arbeitstag an der Schule. Er wird in den Vorbereitungen für das neue Schuljahr von Anfang an mit einbezogen. Ihm war die Aufregung anzumerken, aber ich bin mir sicher, dass er das alles hervorragend meistern wird.
Ich dagegen habe einige Wege zu erledigen, wie Einwohnermeldeamt, das Auto ummelden und die Päckchen zur Post bringen. Da kam es mir ganz entgegen, dass gestern ein Prospekt von der Stadt in unserem Briefkasten war. Heute ist Markttag und so habe ich die Gelegenheit, mir das anzuschauen und vielleicht auch ein paar Leute kennenzulernen. Irgendwie freue ich mich darauf, einen Zugang zu den hier lebenden Menschen zu finden. Ich kann nur hoffen, dass mir nicht gerade heute Visionen in die Quere kommen, da ich ja schon Jahre keine mehr hatte, warum dann jetzt und hier.
Also packe ich alles zusammen und gehe los. Ich nehme nicht das Auto, denn laut des Infoblattes sollte es nicht zu weit sein. Während ich an den Häusern entlanggehe, sehe ich kaum eine Menschenseele. Sind alle schon auf dem Markt, oder ist es doch eine öde Stadt? Ich hatte mich vor dem Kauf ein wenig über das kleine Städtchen versucht zu erkundigen, habe jedoch kaum etwas erfahren. Wir wussten, dass es hier alles gibt, was man zum Leben braucht, aber ein besonderer Ruf eilt der Stadt keinesfalls voraus. Uns hat das nicht gestört, denn ich arbeite von zu Hause aus und finde die meisten Kunden sowieso über meinen Online-Shop. Manuel hat auf seine Bewerbung sofort die Stelle an der hiesigen Schule zugesprochen bekommen. Zur Zeit hat also jeder zu tun und wir brauchen momentan nicht viel mehr zum Leben. Wenn wir doch einmal ins Kino wollen oder vielleicht zum Tanzen in eine Disco, da können wir auch ein paar Kilometer mit dem Auto fahren.
Nach fast einer halben Stunde, also doch etwas weiter, als ich gedacht habe, komme ich auf dem Markt an. Ich laufe an den Ständen vorbei, wo frisches Gemüse, Pflanzen von einem Gärtner, Backwaren und Fleischerzeugnisse angeboten werden. Dazwischen stehen noch drei Wagen die Speisen zum Mitnehmen anbieten, aber es fehlen die Leute. Es ist kaum jemand hier und so ziehe ich fast alle Blicke der Verkäufer auf mich. Ich bin die Neue, die Fremde und sie beobachten mich mit neugierigen Augen. Sie folgen mir, bis ich die Gelegenheit bekomme, im Rathaus verschwinden zu können. So unwohl habe ich mich lange nicht mehr gefühlt. Ich bin nicht einmal dazu gekommen, etwas auf dem Markt zu kaufen und die rechte Lust darauf ist mir sehr schnell vergangen. Ich werde jetzt die Formalitäten erledigen, zum Glück ist das alles hier im Gebäude und dann auf dem kürzesten Weg wieder nach Hause gehen. Einkaufen werde ich heute Nachmittag. Am Stadtrand ist ein Discounter, wo ich bestimmt nicht so auffalle und angestarrt werde. Die wenigen Kilometer nehme ich gern auf mich.
Aus dem Rathaus heraus, biege ich in eine andere Richtung, um nicht noch einmal über den Markt laufen zu müssen. Zwei Nebenstraßen entlang komme ich auch wieder auf die Hauptstraße. Ich staune nicht schlecht, denn mein Weg führt mich an mehreren kleinen Läden vorbei. Schreibwaren, Buchhandel, Spielzeugladen sowie eine Bäckerei und eine Fleischerei. Hier fühle ich mich eindeutig wohler und am liebsten würde ich jetzt in den Buchladen gehen. In den Büchern stöbern und vielleicht etwas finden, wo man sich hinein vertiefen kann, aber ich habe leider wenig Zeit. Zu Hause wartet meine Arbeit darauf, erledigt zu werden. Nach dem Kauf des Hauses und dem Umzug brauchen wir jetzt jeden Cent.
So gehe ich schweren Herzens weiter und hole als erstes ein frisch gebackenes Brot und im nächsten Moment stehe ich in der Fleischerei. Der Geruch von leckerer Wurst steigt mir in die Nase und das Wasser läuft mir förmlich im Mund zusammen. Die Verkäuferin ist sehr freundlich und bedient mich ohne eines neugierigen Blickes. Das sie anscheinend in ihren eigenen Gedanken gefangen ist, fällt mir nicht auf.
Ich kaufe nicht so viel, eigentlich nur einzelne Proben, da wir erst einmal sehen müssen, ob es uns schmeckt. Man kann ja nicht nur nach dem Geruch gehen, obwohl der wirklich lecker ist. Ich lege das Geld in die kleine Schale, die auf der Theke steht und dann nehme ich die Tüte, die die Verkäuferin mir herüber reicht. Dabei berühren sich eher flüchtig unsere Hände und sofort durchfährt mich ein Schlag. Wie vom Blitz getroffen taumele ich nach hinten und stechende Schmerzen explodieren regelrecht in meinem Kopf.
Eine Vision! Jetzt und hier? Ich hatte schon ewig keine mehr und dachte, ich könnte hier endlich ruhiger leben. Mit den Gedanken stolpere ich an den Stehtisch, der in der Ecke des Ladens steht und kann mich gerade noch festhalten. In der Sekunde kommen die Blitze, die ich nur zu gut kenne und kurz darauf sehe ich die Bilder. Ich höre die Frauen hinter mir tuscheln, aber ich schließe die Augen und widme mich allein den Bildern, um vielleicht helfen zu können, obwohl ich hier noch fremd bin.
Ich sehe zwei Männer, die mit einer Kuh kämpfen. Sie versuchen, diese auf einen Anhänger zu ziehen, jedoch stemmt sich das Tier so sehr dagegen, dass sie kaum etwas ausrichten können. Dann geht der eine nach hinten und legt seine Hände auf das Hinterteil der Kuh und versucht sie mit aller Kraft auf den Wagen zu schieben. Aber auch das klappt nicht. Gerade als er zur Seite treten will, holt das Tier aus und tritt mit den Hinterbeinen dem Mann voll gegen den Oberkörper. Dieser fliegt nach hinten und bleibt regungslos an der Mauer des Stalles liegen. Der andere lässt erschrocken die Kuh los, die natürlich ihre Chance nutzt und schnellstens auf die Weide zu den weiteren Tieren zurückläuft. Er unternimmt nichts dagegen, sondern rennt zu dem verletzten Mann und beugt sich zu seinem Kollegen hinunter. Er rüttelt ihn, aber es kommt kein Lebenszeichen mehr von ihm. Ich sehe, wie das Blut aus einem Mundwinkel läuft und ich bin mir sofort sicher, dass er tot ist.
In diesem Moment spüre ich eine Hand auf meiner Schulter und öffne erschrocken wieder die Augen.
„Junge Frau, alles in Ordnung?“, fragt mich die Verkäuferin und stellt mir gleichzeitig ein Glas Wasser auf den Tisch.
„Ja, Danke. Es geht schon wieder“, antworte ich leise, denn die Kopfschmerzen sind noch nicht ganz verschwunden.
„Trinken Sie einen Schluck Wasser. Das tut Ihnen bestimmt gut“, redet sie höflich weiter.
„Danke“, nicke ich ihr zu und sie geht wieder hinter ihre Theke, um ihrer Arbeit nachzugehen.
Das kühle Wasser läuft durch meine Kehle und überraschend schnell verschwinden die letzten Schmerzen.
Jetzt kann ich wieder klar denken und überlege, wie ich das dieser Frau sagen soll. Es ist bestimmt ihr Mann, denn die Berührung unserer Hände hat diese Vision ausgelöst. Normalerweise kommen sie stets ohne Kontakt zu den Betroffenen. Ich habe sie weder gesehen noch gekannt. Das hier ist also etwas ganz anderes, was mich mehr als nervös macht.