Dem Himmel verbunden - Angela Zimmermann - E-Book

Dem Himmel verbunden E-Book

Angela Zimmermann

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Beschreibung

Amy wird von einem Blitz getroffen, sie war jedoch bei dem Unglück nicht allein. Sie nahm den unbekannten jungen Mann mit auf den Weg zurück ins Leben. Das sollte ein Fehler sein, da er nicht von derselben Seite des Himmels beschützt wird. Beiden wird deshalb eine Strafe auferlegt. Es ist ein Mal auf der rechten Hand, was sie bei der kleinsten Berührung zusammen in den Tod reißt. Durch dieses Mal wird zwischen ihnen eine tiefe Liebe erzeugt und sie bemühen sich, ihr zu widerstehen. Aber sie erhalten auch durch den Zugang zum Himmel übersinnliche Fähigkeiten und die Gabe, mit ihren Schutzengeln zu reden. Als ihre Freundin ebenfalls zum Ziel der dunklen Seite wird, versuchen sie alle gemeinsam gegen das Böse zu kämpfen. Ihre Begabungen und der Beistand ihrer Engel sind dabei eine große Hilfe. Aber schaffen sie es, das drohende Unheil zu verhindern?

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Seitenzahl: 335

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Jeder von uns hat einen

Schutzengel.

Er ist stets an deiner Seite,

er begleitet und beschützt dich.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 1

Das letzte Kind wurde vor 10 Minuten aus unserer Einrichtung abgeholt und bevor ich in den Feierabend starten kann, habe ich noch einiges zu erledigen.

Ich laufe durch alle Räume des Kindergartens und schaue, ob die Fenster geschlossen sind. Ich bin heute allein hier im Haus und darf nichts übersehen.

Dann sammele ich in meinem Gruppenzimmer die verteilten Spielsachen ein und räume sie in die dafür vorgesehenen Körbe. Diese stelle ich in das große Regal und hebe die kleinen Stühle auf die Tische. Das mache ich, damit die Reinigungskraft, die morgens noch vor uns da ist, etwas Zeit einspart. Es ist eine ganz liebe Person und wenn es uns möglich ist, greifen wir ihr gern unter die Arme.

Ich schaue mich noch einmal um und nehme meine Tasche. So wie ich mit Freude zum Schichtbeginn den Kindergarten betrete, so froh bin ich, einen verdienten Feierabend zu genießen.

Zurzeit ist es sehr heiß und wir haben seit 2 Wochen fast täglich mehr als 30 Grad. So habe ich die letzten Tage jeden Abend auf meiner Terrasse verbracht, bei einem kalten Getränk und guter Musik.

Ich bin Single, aber momentan kann ich mir nichts anderes vorstellen. Die Kinder, die ich täglich betreue, füllen meine Leben vollkommen aus. Für diesen Beruf habe ich mich entschieden, weil ich Kinder über alles mag. Mit ihnen zu spielen und vieles beizubringen habe ich mir zur Aufgabe gemacht.

Mit den Gedanken an wieder einen schönen Abend, schließe ich die Haupttür, nachdem ich die Alarmanlage scharf geschaltet habe.

Weil ich die letzten zwei Stunden allein mit den Kindern war, hatte ich keine Zeit, aus einen der vielen Fenster zu schauen. Jetzt stehe ich auf dem Spielplatz vor dem Kindergarten, wo wir heute gerade mal eine Stunde mit den ihnen waren, weil es wieder zu heiß geworden ist. Zum Schutz der Kinder entschieden wir uns die Zeit in den klimatisierten Räumen zu verbringen.

Nun geht mein Blick hinauf zum Himmel und mir schwant Übles.

Eine fast schwarze Wolkenwand kommt genau aus der Richtung, wo der Heimweg entlang führt.

Warum bin ich nicht mit dem Auto gefahren? Gerade heute bin ich gelaufen und nun das nahende Unwetter.

Ungefähr fünfzehn Minuten brauche ich bis nach Hause, vielleicht zwölf, wenn ich mich beeile. Oder noch weniger, dann muss ich aber durch den Park laufen. Ungünstig bei den vielen hohen Bäumen. Man bekommt das doch schon als Kind gesagt, dass die Blitze gerade da einschlagen können und wir predigen es heute selbst den Kleinen.

Gefährlich? Wenn ich schnell genug bin, könnte ich es schaffen und höre nicht auf meine innere Stimme, die augenscheinlich etwas dagegen hat. Ich verbanne sie ganz nach hinten in den Kopf, entscheide mich für den Park und laufe los. Wenige Minuten später bekomme ich schon die ersten Tropfen ab. Einen Schirm habe ich natürlich nicht, warum auch, es hat tagelang nicht geregnet. Er liegt in meinem Auto, wo man ihn am wenigsten braucht.

Ich würde mir am liebsten in den Hintern beißen. Warum bin ich heute früh nur auf Arbeit gelaufen.

Ganz einfach. Es war zu heiß und ich bin zeitig aufgestanden. Die Hitze und der Schweiß auf meinem Körper haben mich aus dem Bett getrieben. Ich hatte so viel Zeit wie lange nicht mehr. Eine wohltuende Dusche und ich fühlte mich wie ein neuer Mensch. Mit einer Tasse Kaffee und einem Croissant habe ich den Sonnenaufgang auf meiner Terrasse genossen. Die klare Morgenluft und das Zwitschern der Vögel nehme ich ansonsten gar nicht wahr. Aufstehen, kurzes Frühstück und mit dem Auto auf Arbeit. So sieht es eigentlich tagtäglich aus.

Heute wurde mir klar, was ich so alles verpasse. Wie den kleinen Spatz, der anscheinend so hungrig war, dass er ganz nahe an meinen Füßen ein paar Krümel von dem Croissant aufpickte.

Zudem flog mein Blick über den Garten, der nicht zu groß ist und darüber bin ich froh, denn ich habe wenig Zeit mich darum zu kümmern. Die Rosen blühen in voller Pracht und an den Hortensien sind so viele Blütenbälle, dass man sie kaum noch zählen kann. All das habe ich meinen Eltern zu verdanken. Plötzlich kamen Gedanken in mir hoch und mein Herz wurde schwer und ich musste an das Unglück vor zwölf Monaten denken. Da sind sie durch einen Autounfall viel zu früh gestorben. Ich habe das hübsche und sehr gepflegte Haus geerbt und bin nach zehn Jahren wieder in mein ehemaliges Heim eingezogen. Zwischendurch hatte ich eine kleine Wohnung, nur ein paar Straßen weiter.

Ich sollte wohl öfter an ihnen gedenken. Wie schnell ist das Jahr vergangen und der Alltag hat mich wie gehabt in sich gefangen. Viel Arbeit kann von dem Schmerz ablenken, aber irgendwie öffnet sich immer wieder mal das tiefe Loch und du drohst abermals einzustürzen. Meine Freundin Thea ist bis heute stets diejenige gewesen, die mir zurück auf die Beine geholfen hat. Wir haben uns im Kindergarten kennengelernt und in den letzten acht Jahre sind wir zu besten Freundinnen geworden.

Heute früh war ich gehalten allein klarzukommen. Thea hat Frühschicht und somit ist sie schon auf Arbeit.

Die angenehme Morgenfrische brachte mich letztendlich dazu, das Auto stehen zu lassen. Zu einem konnte ich den Kopf freibekommen, die Gedanken an meine Eltern wieder in den Erinnerungen ablegen und zudem hatte ich keine Einkäufe zu erledigen.

Ein unbehagliches Gefühl und ein quietschendes Geräusch holt mich zurück in die Gegenwart. Der Weg ist inzwischen schon mit Wasserlachen übersät und ich selbst bin bis auf die Haut durchnässt. Die Sandalen fühlen sich aufgequollen an und es drückt bei jedem Schritt Wasser durch meine Zehen. Ich bleibe stehen und ziehe sie kurzer Hand aus. Die kleinen Kieselsteine unter den Fußsohlen piksen zwar etwas, aber ich habe es nicht mehr weit. Die Bäume lichten sich schon und ich erkenne die Laternenlichter von der Straße, auf die ich zulaufe.

Ein Blitz zuckt in den immer dunkler werdenden Wolken und ich werde automatisch schneller, ohne auf meine Füße zu achten.

Aber ich werde abgelenkt, denn es kommt mir jemand entgegen. Ein junger Mann, den Kopf eingezogen, als würde das gegen den immer stärker werdenden Regen helfen und ebenso durchnässt wie ich, jedoch läuft er wesentlich langsamer.

Fast auf gleicher Höhe, hebt er seinen Kopf an und unsere Blicke treffen sich. Er lächelt mich verschmitzt an und ich kann mir denken warum. Seine Augen schweifen kurz über meinen ganzen Körper. Das T-Shirt klebt an meiner Haut und zeigt wahrscheinlich alles, was sonst verborgen ist. Ich mach mir darüber keine weiteren Gedanken, denn ich bin an seinen leuchtenden Augen gefesselt. Für einen Moment bleibt die Zeit stehen und es sind nur noch zwei Schritte, bis wir aneinander vorbeigehen.

Dann nur noch einer und ich werde ihn vielleicht nie wiedersehen. Soll ich ihn ansprechen? Nein, er ist sicher vergeben. So ein wunderschönes Exemplar von einem Mann ist bestimmt nicht mehr zu haben. Am Ende mach ich mich nur lächerlich, aber faszinierend ist der Typ schon. Außerdem sollte ich mich sputen, denn die Temperatur ist schnell gesunken und ich fange an zu zittern.

Weiter komme ich jedoch mit meinen Gedanken nicht. Ich höre plötzlich ein Knistern in der Luft und ehe ich überlegen kann, woher es kommt, folgt ein lauter Knall.

Ich nehme noch wahr, dass wir beide uns direkt gegenüberstehen, als es mir die Füße unter dem Körper wegreißt. Wie ich falle, merke ich nicht mehr, denn es ist nur noch schwarz um mich herum und eine unheimliche und angstmachende Stille hüllt mich ein.

Langsam spüre ich meinen Körper wieder. Die Augen kann ich nicht öffnen, die Lider sind zu schwer, aber die Finger lassen sich minimal bewegen. Ich bemühe mich, die Kontrolle über meinen Körper zurückzugewinnen, jedoch bleibt es vorerst ein Versuch.

„Hallo Süße. Hörst du mich?“, fragt jemand und ich erkenne sofort die Stimme meiner besten Freundin Thea.

Ich hebe die Hand leicht an, um ihr zu zeigen, dass ich sie wahrgenommen habe. Mehr ist nicht möglich, ich habe einfach keine Kraft.

„Es wird alles wieder gut“, redet sie sanft weiter und löst unendlich viele Fragen in mir aus.

Was wird wieder gut? Wo bin ich? Was ist passiert? Und warum kann ich mich kaum bewegen? Ein weiterer Versuch, nochmals meine Augen zu öffnen, klappt diesmal, wenn auch nur ein wenig. Über mir erkenne ich eine weiße Decke und nach einigen Sekunden drehe ich ein winziges Stück, weil es mir unheimlich schwerfällt, meinen Kopf zur Seite. Alles scheint irgendwie steril. Wo bin ich nur?

Ich versuche, zur anderen Seite zu schauen, und sehe Thea. Ganz starr liege ich da, mein Körper fühlt sich wie ein Stein an. Neben mir sitzt Thea und ihr Blick sieht besorgt aus. Langsam wird mir klar, wo ich anscheinend bin.

Warum bin ich im Krankenhaus? Was ist passiert? Hatte ich einen Unfall?

Ich suche in meinem Kopf nach Antworten, aber da ist alles durcheinander, was mir sofort Angst macht. Ich sehe Fetzen von Bildern, die ich nicht richtig zu deuten vermag. Kann mir Thea helfen?

„Wo bin ich?“, frage ich mit einer Stimme, die nicht meine sein kann. Sie klingt kratzig und ganz leise.

„Du bist im Krankenhaus. Du ...“, antwortet Thea, aber weiter kommt sie nicht.

„Was ist geschehen?“, unterbreche ich sie im selben Atemzug, obwohl mir der Hals höllisch weh tut.

„Du hattest einen Unfall“, sagt sie und greift nach meiner Hand.

Unfall? Ich war doch gar nicht mit dem Auto unterwegs. Langsam kommen die Erinnerungen zurück. Der Park! Ich bin nach Hause gelaufen und da war das Gewitter. Und ... ich war nicht allein!

Hat er mir etwas angetan? Nein das glaube ich nicht. Er sah nett aus und sofort sehe ich die faszinierenden Augen wieder vor mir. Soll ich es Thea gegenüber erwähnen, oder sie nach ihm fragen? Erst einmal nicht, denn ich will endlich wissen, warum ich hier bin.

„Das Gewitter war sehr schlimm und da hat es dich, sagen wir mal, erwischt“, kommt zögernd von Thea und versucht meine nicht gestellte Frage, zu beantworten.

„Wie erwischt?“

„Dich hat ein Blitz getroffen“, erwidert sie und ich sehe Tränen in ihren Augen. Sie macht sich echt Sorgen und mir würde es wohl ebenso ergehen, wenn sie hier liegen würde.

Ich gehe nicht darauf ein, sondern schließe meine Augen und höre in mich hinein. Da war so ein merkwürdiges Knistern und dann der wahnsinnige laute Knall. Ich habe einen Blitzschlag überlebt? Er auch? Abermals taucht der Kerl in meinen Erinnerungen auf.

„Schatz du hast es überstanden. Und du wirst wieder gesund“, murmelt Thea, die inzwischen aufgestanden, meinen Kopf in ihren Händen hält und mir ein Küsschen auf die Stirn gibt.

„Und er?“, flüstere ich, kaum hörbar für mich selbst.

„Wer denn? Dich hat ein junges Pärchen gefunden, die in unmittelbarer Nähe waren. Mich hat man informiert, da wurdest du schon hier eingeliefert“, erklärt sie mir. „Warst du nicht allein?“, fragt sie aber dann doch noch und das ziemlich neugierig, denn sie zieht skeptisch eine Augenbraue hoch.

„Ja ... Nein ... Weiß nicht ...“, stottere ich, weil mich etwas ablenkt. Ich spüre einen stechenden Schmerz in meiner rechten Handfläche, der mir fast den Atem nimmt. Ich hebe die Hand hoch und sehe, dass sie dick verbunden ist.

„Was ist?“ Thea sieht mich aufgeregt an, denn den Schmerz kann sie mir im Gesicht ansehen.

„Was ist mit meiner Hand? Sie tut wahnsinnig weh“, japse ich nach jedem einzelnen Wort. Ich muss sie mir bei dem Sturz verletzt haben. Daran vermag ich mich jedoch nicht zu erinnern.

„Da hast du eine Verletzung. Das kann dir der Arzt besser erklären. Er hat nur erwähnt, dass das wohl die Austrittswunde des Blitzes ist. Soll ich ihn holen?“ Theas Schultern heben und senken sich, was mir zeigt, dass sie nichts Genaueres weiß, aber meine für mich gestellte Frage damit längst beantwortet hat.

„Nein, es geht schon“, kommt von mir, denn der Schmerz ist genauso schnell wieder verschwunden, wie er aufgetreten ist. Ich schau meine verbundene Hand an und kann das alles irgendwie nicht verstehen.

In diesem Moment öffnet sich die Tür. Ein großgewachsener Mann im weißen Kittel kommt schnellen Schrittes an mein Bett.

„Frau Wegener, wie geht es Ihnen?“, fragt er und greift nach meinem Handgelenk, um den Puls zu tasten.

„Na ja, was soll ich sagen“, antworte ich leise und kann es wirklich nicht beschreiben, wie ich momentan fühle.

„Haben Sie Schmerzen?“ Er sieht mich sehr aufmerksam an und dann schaut er auf den piepsenden Monitor neben mir, der mir erst jetzt auffällt.

„Meine Hand, aber das geht schon wieder“, antworte ich und schaue nochmals unverständlich auf den Verband.

„Das ist die Austrittswunde“, bestätigt er mir Theas Worte. „Sicherlich heilt das schnell ab. Was wir jedoch in Auge behalten müssen, ist ihr Herz.“

„Mein Herz? Ich war immer gesund“, entgegne ich ängstlich.

„Der Stromschlag hat es zum Stillstand gebracht und jetzt ist es erforderlich, alles dafür zu tun, dass es wieder in seinem gewohnten Takt schlägt“, lächelt er mich an, aber ich kann nur entsetzt zu Thea schauen.

„Sie haben es ihr nicht gesagt?“, fragt er sie, nachdem er meinen Blick gedeutet hat.

„Nein, ich wollte sie nicht überfordern“, erwidert Thea und schaut zu Boden.

„Schon gut, jetzt wissen Sie es ja“, wendet er sich wieder an mich.

„Ich verstehe nicht recht“, sage ich und schaue den Arzt fragend an.

„Sie hatten einen Herzstillstand. Aber nur wenige Sekunden, denn Ihre Helfer waren vor Ort und haben umgehend geholfen“, versucht der Arzt mir vorsichtig zu erklären.

„Sie haben mich wiederbelebt?“, frage ich direkt.

„Ja, so ist es. Sie haben ein zweites Leben geschenkt bekommen und auf das müssen wir jetzt richtig gut aufpassen.“

„Habe ich Spätfolgen zu erwarten?“

„Das kann ich Ihnen noch nicht sagen, aber Ihre Werte zeigen mir, dass alles wieder in seinen vorhergesehenen Bahnen läuft“, meint er und tätschelt meine Hand. Am liebsten würde ich sie ihm entziehen, aber ich habe irgendwie keine Kraft dazu. Egal, er wird sie sowieso gleich wieder loslassen.

„Sie sollten ein wenig schlafen, das ist momentan die beste Medizin“, lächelt er mich an und geht schon in Richtung Tür.

„Darf ich noch etwas gegen die Schmerzen bekommen?“, halte ich ihn auf, der ist zwar nicht mehr schlimm, aber einschlafen werde ich damit nicht können.

„Die Oberschwester wird Ihnen noch eine Infusion geben. Ich sage ihr Bescheid“, nickt er mir zu und schon schließt sich die Tür hinter ihm.

„Ich werde dann auch gehen. Du brauchst deine Ruhe. Ich schaue morgen früh vor meiner Schicht noch mal bei dir rein“, sagt Thea, die sich bereits ihre Jacke überzieht.

„Das wäre lieb von dir“, antworte ich. Gleichzeitig sehe ich schon wieder seine Augen vor mir und ein wahnsinniger Schmerz durchfährt meine Hand. Schnell schiebe ich die Gedanken an ihn weg und er lässt nach. Wieso reagiere ich so? Immer wenn ich an den Unfall oder diesem Kerl denke, tut mir die Hand weh. Ich kann mir keinen Reim darauf machen, es ist einfach nur komisch. Aber ich habe schon wieder das Verlangen mit Thea darüber zu reden, jedoch hält mich irgendetwas davon ab. Sie möchte erst einmal nach Hause und ich muss dringend schlafen. Mein Körper verlangt danach und mir fallen fast die Augen zu.

„Bis Morgen meine Süße“, sagt Thea und reißt mich aus den aufkommenden Gedanken.

„Bis Morgen“, lächele ich sie an und nicke ihr zu, denn ich bin mir sicher, dass mir hier nichts passiert. Ich habe es überlebt und bin nun in guten Händen, die mir helfen wieder auf die Beine zu kommen. Genauso wie die Schwester, die gerade hereinkommt. Sie hat eine Infusion, die sie über mir aufhängt.

„Das wird Ihnen helfen etwas schlafen zu können“, zwinkert sie mir zu und schließt die Flüssigkeit an der Kanüle in meinem Arm an.

Thea ist inzwischen schon gegangen. Die Schwester richtet noch das Kopfkissen und dann bin ich allein. Die Ruhe ist fast erdrückend und ich höre mein Herz gleichmäßig in den Ohren schlagen. Meine Augen sind geschlossen und langsam schweife ich ab.

„Schlafe und du wirst sehen, was passiert ist. Lass dich einfach fallen, dir wird nichts geschehen. Ich werde stets an deiner Seite sein.“ Es ist eine liebliche Stimme, die an mein Ohr dringt. Bin ich noch wach, oder träume ich schon? Wer war das? Habe ich mir das eingebildet? Aber die Stimme kommt mir nicht bekannt vor. Die Fragen bleiben in der Luft und der Zeit hängen, und ich versuche einzuschlafen.

Kapitel 2

Es scheint mitten in der Nacht zu sein. Ich finde einfach keine Ruhe, wälze mich hin und her. Alles dreht sich in meinem Kopf und wenn ich die Augen schließe, flackern ständig unerklärliche Bilder auf. Ich vermag sie nicht zu deuten, aber ich bin sicher, dass sie mit mir zu tun haben.

„Ich kann dir helfen zu verstehen.“

Ich höre wieder diese zarte Stimme, die ich vor dem einschlafen wahrgenommen habe. Ich stütze mich auf die Ellenbogen, wobei ein stechender Schmerz durch meine Hand jagt. Dann schaue ich mich im Zimmer um, kann jedoch in der Dunkelheit nichts erfassen. Ich falle wieder zurück, da der Schmerz nicht nachlässt, und mache das Licht über meinen Kopf an. Aber auch dieses erleuchtet den Raum nicht ganz. Es ist gedämpft, damit man wohl den zweiten Patienten, der mit hier liegen würde, nicht zu sehr stört. Ich bin jedoch allein und das ist mir auch recht.

Meine Augen haben sich an das Schummerlicht gewöhnt und so kreist ein erneuter Blick durch das Zimmer. Er bleibt an etwas hängen, wo ich glaube, den Verstand zu verlieren, oder mir ist in den letzten Minuten was passiert und ich bin eigentlich gar nicht wach.

Bin ich noch am Leben? Ich reibe meine Augen, vielleicht stimmt mit denen etwas nicht, aber die Gestalt ist weiterhin da.

Mein Puls beginnt zu rasen und es drückt mir die Brust zusammen. Eine Hand von mir sucht nach der Bedienung für das Bett, ich wage nicht danach zu schauen, weil ich dieses Etwas nicht aus den Augen lassen möchte, obwohl es mir widerstrebt, daran zu glauben, was ich da sehe. Meine Finger ertasten den Schalter und das Kopfteil des Bettes bewegt sich langsam nach oben.

Jetzt erkenne ich es genau. Will mir der Kopf einen Streich spielen? Ich hole tief Luft und mein Mund öffnet sich, aber es kommt kein einziges Wort heraus. Mein Verstand setzt kurz aus und ich schließe die Augen, um es wegzudenken.

„Du brauchst keine Angst zu haben.“ Die Stimme dringt lieblich und beruhigend zu mir durch.

„Du bist nicht da. Ich sehe Gespenster“, sage ich in den Raum, ohne die Augen nur einen Spalt zu öffnen.

„Ich bin kein Geist. Ich bin dein Schutzengel und kann dir alle Fragen beantworten“, erwidert sie mir und ich lasse die gehörten Worte erst einmal sacken.

„Ein Engel?“, krächze ich nach wenigen Sekunden und schaue nun doch wieder zum Fenster, wo ein wunderschönes himmlisches Wesen erschienen ist. Sie strahlt dermaßen, dass es plötzlich um vieles heller im Zimmer geworden ist. Sie scheint die Sonne in sich zu tragen, die durch jede einzelne Feder ihrer Flügel zu entweichen versucht.

„Bin ich tot?“, frage ich weiter, ohne den Blick von diesem Geschöpf zu wenden. Ich bin mir dessen sicher, ansonsten wäre es mir doch nicht möglich sie zu sehen.

„Nein, bist du nicht. Durch deinen Unfall bist du jedoch jetzt anders, als die meisten Menschen“, versucht sie mir zu erklären und ich schüttele nur den Kopf.

„Wie anders?“, will ich nach einer kurzen Überlegung nun doch wissen.

„Der Blitz hat dich verändert. Und du wirst ab jetzt einige Fähigkeiten entwickeln.“

„Wie?“, hake ich nervös nach und bemerke gleichzeitig, dass meine Angst und Aufgeregtheit reiner Neugierde gewichen sind.

„Erstens kannst du mich sehen“, beginnt der Engel.

„Auch andere?“, unterbreche ich sie.

„Nein, nur mich, weil ich dein persönlicher Schutzengel bin“, bekomme ich die Antwort.

„Hat jeder einen?“

„Ja, natürlich.“

„Und können die anderen ihre auch sehen?“, frage ich weiter, als wäre es ein ganz normales Gespräch. Genauso scheint es und ich habe anscheinend glatt vergessen, wo ich bin und mit wem ich da überhaupt rede.

„Nein, oder nur ganz selten. Es muss schon etwas ungewöhnliches geschehen, damit man die Fähigkeit bekommt.“

„Bei mir war es also der Blitz“, erkenne ich schnell meine momentane Situation.

„Ja, so ist es und nicht nur das.“

Ich sinke zurück in mein Kissen und dann umgibt mich eine merkwürdige Stille. Die Bilder flackern plötzlich wieder auf und sind wie kleine Funken vor meinen Augen. Hat das auch damit zu tun? Kann der Engel mir das erklären?

Sie hat gesagt, sie würde mir all die Fragen beantworten. Was sehe ich da nur und wie kann das alles zusammenhängen?

„Amy, alles in Ordnung?“, unterbricht der Engel die Stille.

„Nein, eigentlich nicht. Ich habe diese Bilder und so viele Fragen“, sage ich ehrlich, denn mir ist klar, dass ich vor diesem Wesen nichts verbergen kann und auch nicht brauch. Wo diese Gewissheit herkommt, ist mir jedoch unklar.

„Alles zu seiner Zeit. Ich glaube, ich sollte mich erst einmal richtig vorstellen“, spricht sie und ihr sachter Flügelschlag drückt mich noch mehr in meine Kissen. „Ich bin Elea“, redet sie weiter und kommt mir ein paar Schritte näher.

Automatisch versuche ich auszuweichen, aber es ist mir nicht möglich. Ich liege beziehungsweise sitze in dem Krankenbett und mein Herz beginnt nun doch wieder zu stolpern.

„Elea“, wispere ich fast so leise, dass ich meine eigene Stimme kaum verstehe.

„So ist es. Und ich werde immer in deiner Nähe sein. Das war ich zwar schon stets, sonst würdest du ja nicht mehr leben, aber ab jetzt kannst du mich sehen. Bei uns werdet ihr Sehende genannt.“

„Du hast mir das Leben gerettet“, schlussfolgere ich.

„Dafür sind wir da.“

„Hatten meine Eltern auch Engel an ihrer Seite?“, frage ich, denn sie hat keiner gerettet.

„Ja, sicher“, kommt leise von Elea, als wollte sie gar nicht darauf antworten.

„Wo waren die Schutzengel meiner Eltern, als sie gebraucht wurden?“, bin ich nun direkt und schweife vom Thema ab.

„Das kann ich dir nicht sagen“, flüstert sie, schaut beschämt zu Boden und es schwingt irgendwie Angst in ihrer Stimme mit. Hat sie die Frage erahnt, auf die sie keine Antwort hat.

„Kannst du nicht, oder willst du es nicht?“, möchte ich unbedingt wissen und versuche, dass sich meine Wut nicht in der Stimme widerspiegelt.

„Ich habe leider keine Antwort für dich. Alle Menschen haben seinen Lebensweg und seine vorhergesehene Bestimmung. Wir müssen auf euch aufpassen, jeder einzeln für seinen Schützling. Aber manchmal schlägt das Schicksal schneller zu, als wir eingreifen können. Es tut mir leid, dass du deine Eltern so früh verloren hast, ich kann dir leider nicht sagen, wer dafür Schuld hat, denn es gibt keinen.“ Elea bemüht sich mir ehrlich zu antworten. Ich erkenne und verstehe ihre Worte, dass sie wirklich keinen Einfluss auf den Tod meiner Eltern hatte. Sie ist allein für mich da.

„Warum hast du mich dann nicht vor dem Blitz bewahrt“, frage ich deshalb und bin gleichzeitig hin und hergerissen, denn sie hätte mir das hier alles ersparen können. Ich lass das Thema über meine Eltern ruhen, weil es jetzt allein um mich geht, und ich lebe noch.

„Manchmal greifen wir erst im größten Notfall ein. Jeder Mensch muss auch Eigenverantwortung haben und ebenso Erfahrungen damit machen, dass nicht alles wie am Schnürchen läuft“, erwidert sie wieder ernst und dreht sich zum Fenster. Nun sehe ich ihre prachtvollen Flügel und für einen Moment verschlägt es mir die Sprache. Sind alle Engel so schön? Werde ich vielleicht auch einmal so ein Engel werden? Aber doch jetzt noch nicht!

„Ich bin fast gestorben“, meine ich, schiebe den letzten Gedanken weg und verschränke die Arme vor der Brust wie ein beleidigtes Kind. Ich warte nur darauf, dass sie sich mir wieder zuwendet.

„Das warst du auch“, schmettert sie mir entgegen und ich kann sie nur noch anstarren.

„Was?“ Ich kann es nicht glauben und sitze wieder kerzengerade im Bett.

„Die Bilder, die du siehst, gehören zu deinem Nahtoderlebnis“, sagt sie nun wieder sanfter.

„Aber die sind so unwirklich und alles ist durcheinander. Ich finde keinen Sinn darin“, seufze ich und habe das Wort Nahtoderlebnis glatt überhört.

„Ich kann dir helfen, alles richtig zu sehen“, schlägt mir Elea vor.

„Wie? Kannst du meine Erinnerungen ordnen? Da müsstest du in meinen Kopf“, antworte ich mit einem zögerlichen Schulterzucken, denn ich vermag es nicht einzuschätzen, zu was sie wirklich im Stande ist.

„So ungefähr. Aber du musst keine Angst haben, ich werde dir nicht schaden. Ich rege nur deine unterdrückten Gedanken an. Schließe einfach die Augen und du selbst wirst dich durch deine Erinnerungen führen“, sagt Elea so zart und lieblich, dass meine Augen von ganz allein zufallen.

Ich schaue zu den dunkel drohenden Wolken hinauf, dann wieder in die schönen leuchtenden Augen des Mannes, der mir praktisch gegenüber steht. Wir sind beide pitschnass und jedem huscht ein Lächeln über das Gesicht. Aber plötzlich knallt es, mir zieht es die Füße weg und alles ist schwarz vor den Augen.

Dann höre ich wie aus weiter Ferne eine Stimme. Eine männliche.

„Komm, lass uns gehen. Das Licht ist so unbeschreiblich.“

Ich schaue an meinem Körper hinunter und kann mir nicht erklären, warum die Füße die Erde nicht berühren. Ich schwebe. Wie kann das sein? Ich drehe mich um und sehe mich selbst am Boden liegen. Der junge Mann, den ich eben noch gegenüberstand, liegt neben meinem Körper.

Ich habe keine Angst und auch keinerlei Schmerzen, sondern beobachte, was um mich herum passiert. Ein junges Pärchen kommt angelaufen und kurz darauf kniet der Mann neben meinem Körper und die Frau beugt sich über meine Bekanntschaft, die ich nicht schließen konnte. Der Mann hat sein Telefon zwischen Kopf und Schulter geklemmt und telefoniert hektisch. Nebenbei beginnt er eine Herzdruckmassage.

Indes höre ich wieder diese Stimme und blicke mich danach um. Ein paar Meter von mir entfernt ist dieser Mann, dessen Körper neben meinem am Boden liegt.

„Komm, lass uns hinübergehen“, lächelt er mich an und winkt mir zu.

In dem Moment verstehe ich nicht, was er damit meint, aber dann sehe ich das Licht, vor dem er schwebt. Mich zieht es nicht sonderlich an, weil er es fast gänzlich verdeckt. Mein Kopf dreht sich hin und her. Zwischen zwei Situationen, die ich beide nicht einzuschätzen vermag. Auf der einen Seite kämpft jemand um mein Leben, indem er versucht, mich wiederzubeleben und auf der anderen reicht mir jemand die Hand und fordert mich auf, diese Welt zu verlassen.

Erst als die Krankenwagen kommen, entscheide ich, die Chance zu leben anzunehmen. In diesem Moment erscheint ein wunderschöner weißer Engel neben mir.

„Du solltest noch nicht gehen. Dein Leben hat doch erst begonnen“, sagt sie und schiebt sich zwischen mir und dem jungen Mann, der anscheinend von dem hellen Licht angezogen wird.

„Aber was ist mit ihm?“, frage ich und versuche einen Blick von ihm zu erhaschen.

„Er muss es für sich entscheiden“, antwortet mir der Engel mit ernster Stimme.

Das lass ich jedoch nicht gelten. Der Blitz hat uns beide erwischt und irgendwie vereint und so sollten wir auch den gleichen Weg gehen, egal in welche Richtung. Ich schwebe an dem Engel vorbei, zu ihm hinüber und ergreife seine Hand, die er mir immer noch reicht.

„Lass uns leben“, fordere ich ihn auf.

„Warum, das Licht ist so wunderschön“, erwidert er mir und hält den Zug, den ich ausübe standhaft entgegen.

„Das Leben auch“, bleibe ich hart.

Beide versuchen wir unser Gegenüber auf seine Seite zu ziehen. Ich spreche ihn nochmals an und er wendet sich für einen Augenblick von dem Lichtschein ab. Irgendwie habe ich ihn mit einem weiteren Zug dazu gebracht, sich dem Licht vollkommen abzuwenden und mir zu folgen. Gemeinsam schweben wir dem Krankenwagen entgegen.

„Das war bestimmt ein Fehler“, flüstert mir der Engel ins Ohr. „Aber es ist zu spät. Wir müssen das Beste daraus machen“, legt sie noch nach und breitet nun ihre Flügel schützend um uns beide, damit das Licht uns nicht mehr beeinflussen kann.

Ich öffne die Augen und bin immer noch in meinem Krankenbett. Die ganze Zeit habe ich mich nicht ein Stück bewegt, sondern das alles nur geträumt. Der Engel schaut mich mitfühlend an und schon liegen mir die Fragen auf der Zunge.

„Heute nicht mehr“, hebt sie sacht ihre Hand und bringt mich dazu, die ungesagten Worte für mich zu behalten. „Du solltest schlafen. Dein Körper braucht die Ruhe, um zu heilen. Ich werde dir alles erklären, wenn die Zeit dazu gekommen ist“, redet sie weiter und ich werde gleichzeitig so müde, dass ich die Fragen wirklich vergesse. Langsam wird mir klar, was sie für einen Einfluss auf mich und meinem Körper hat.

Kapitel 3

„Guten Morgen, Frau Wegener. Ihr Frühstück“, höre ich eine Krankenschwester sagen und drehe meinen Kopf zu ihr.

Ich bin schon eine Weile munter und gehe immer wieder das Geschehene von gestern Abend durch. Ein Engel, ein Nahtoderlebnis und der junge Mann, von dem ich nicht einmal den Namen kenne. Soll ich das alles glauben, oder war es nur ein Traum? Nein, das war es nicht. Den Engel habe ich nicht geträumt. Er hat wahrhaftig hier im Zimmer gestanden und mit mir geredet.

„Haben Sie noch Schmerzen?“, unterbricht die Schwester meine Gedankengänge.

„Nein, es ist alles gut“, antworte ich und bin mir gleichzeitig nicht sicher, ob es wirklich so ist. Vielleicht stimmt etwas mit meinem Kopf nicht.

Während ich den Gedanken nachhänge, entfernt die Schwester den Verband an meiner Hand. Ich schaue nicht hin, wer weiß, was ich zu sehen bekäme.

„Nanu“, kommt erstaunt von ihr und zwingt mich dazu, nun doch hinzusehen.

Ich habe eine tiefe Fleischwunde oder viel Blut erwartet, aber da ist nichts. Es sieht aus wie eine dunkelrote Narbe.

„Das ist aber schnell verheilt“, lächelt sie mich an. „Ich sage es dem Arzt, lege jedoch trotzdem einen neuen Verband an. Es sollte immer noch geschützt werden, da die verbrannte Haut sehr empfindlich ist“, legt sie nach und schon ist die Wunde wieder verdeckt.

„Okay, darf ich das zu Hause selbst machen oder muss ich da ständig zu meinem Hausarzt?“, frage ich und beobachte genau, wie sie den Verband anlegt, ohne das ich das Geringste spüre.

„Das dürfen Sie selbstverständlich selbst machen. Vielleicht noch ein paar Tage“, nickt die Schwester mir zu.

„Bleibt das eine Narbe?“, will ich noch wissen.

„Das kann ich nicht sagen. Aber ich gebe Ihnen eine Salbe mit, die macht die Narbe weicher, damit es nicht in der Hand spannt“, sagt sie und schreibt es gleichzeitig in die Akte, die an dem Fußende des Bettes hängt.

„Danke“, sage ich leise.

„Sie sollten etwas essen. In einer halben Stunde kommt noch einmal der Arzt zu Ihnen“, fordert sie mich auf und schiebt das Tablett zu mir herüber.

„Darf ich nach Hause?“, möchte ich wissen, denn ausruhen kann ich mich bei dem schönen Wetter auch auf meiner Terrasse.

„Das entscheidet der Arzt“, zuckt sie nur mit den Schultern und schon bin ich wieder allein.

Ich schaue mir das Frühstück an, denn der Hunger hält sich in Grenzen. Das frische Brötchen und die leckere Marmelade stimmen mich jedoch um. Nur eines fehlt. Ich scheine hier keinen Kaffee zu bekommen, vor mir steht nämlich eine Tasse Kamillentee. Das ist nun gar nicht mein Ding, aber ich zwinge mich dazu, ihn zu trinken. Anscheinend darf ich im Moment keinen Kaffee zu mir nehmen, ich hänge ja auch noch an den ständig piependen Geräten.

Kurz nachdem ich fertig bin, kommt der Arzt wie angekündigt zur Visite.

„Guten Morgen, haben Sie sich ausreichend ausgeruht?“, fragt er und schaut sich die Werte auf den Monitoren an.

„Ja, ich habe gut geschlafen“, antworte ich und lache innerlich, denn was würde er sagen, wenn ich ihm von dem Engel erzähle. Nein, es ist mein persönlicher Engel und ihn kann ja auch niemand anders sehen. Am Ende komme ich auf eine spezielle Station, wo man mir bestimmt den Engel ausreden würde und nicht nach Hause.

„Prima. Ihre Wunde an der Hand ist schon gut verheilt“, nickt er mir fast unbemerkt zu. „Und die Werte, die ich hier sehe, sind auch in Ordnung. Wenn Sie möchten, können sie nach Hause, aber bitte in Begleitung“, redet er weiter und schreibt ebenfalls etwas in die Akte, die er nun unter seinem Arm klemmt. Dann legt er noch eine kleine Tube auf den Nachtschrank, was wohl die Salbe ist.

„Sicher, meine Freundin kommt gleich“, entgegne ich zufrieden, aber eine Frage brennt mir unter den Nägeln.

„In Ordnung, ich schreibe noch einen Brief für Ihren Hausarzt und wenn der fertig ist, dürfen Sie gehen“, nickt der Arzt mir zu und will das Zimmer schon wieder verlassen.

„Herr Doktor“, beginne ich und setze mich aufrecht hin. „Ist denn der junge Mann, der mit mir zusammen von dem Blitz getroffen wurde auch hier im Krankenhaus?“, stelle ich die Frage, die mich die ganze Zeit beschäftigt hat.

„Das darf ich Ihnen aus Datenschutz leider nicht sagen“, schmunzelt der Arzt mich an.

„Schade“, unterdrücke ich meine Enttäuschung.

„Aber vielleicht treffen Sie ja jemanden hier auf der Station oder unten im Park, wenn sie nach Hause gehen, der ebenso einen Verband an der rechten Hand hat wie Sie“, sagt er und mit einem verschmitzten Lächeln verlässt er mein Zimmer.

Wie soll ich das denn wieder verstehen? Er hat die gleiche Wunde wie ich? Der Blitz ist bei ihm genauso durch den Körper gegangen wie bei mir? Wie ist das möglich? Oder steckt etwas anderes dahinter? Könnte das Elea wissen? Wo ist sie eigentlich? Hat sie nicht gesagt, dass sie immer an meiner Seite ist? Gerade will ich nach ihr rufen, da öffnet sich wieder die Zimmertür.

„Darf ich?“, fragt Thea und schaut vorsichtig um die Ecke.

„Ja klar. Ich warte schon auf dich, denn ich kann nach Hause“, freue ich mich, sie zu sehen.

„Das ist ja prima. Na dann los“, kommt sie hereingestürmt und legt frische Sachen auf mein Bett.

„Ich muss noch auf den Brief vom Arzt warten“, bremse ich sie und schaue mir an, was sie mitgebracht hat. „Wo sind denn die Sachen, die ich anhatte?“, rede ich weiter.

„Die sind nicht mehr hier“, zuckt Thea mit den Schultern.

„Wieso denn nicht?“, verstehe ich die Antwort nicht.

„Die haben dein T-Shirt zerschnitten und die Hose war auch total verschmutzt. Ich habe die Sachen mitgenommen und dir etwas Frisches mitgebracht. Die sind zwar von mir, aber bis nach Hause sollte das doch in Ordnung gehen“, erklärt mir Thea und ich stelle mir vor, wie ich fast nackt hierher gebracht wurde.

„Natürlich ist das Okay. Und du hast doch genauso hübsche Sachen wie ich. Wird gar nicht auffallen, dass es nicht meine sind“, antworte ich und schiebe die Gedanken an die Sanitäter weg, die mich nackt gesehen haben. Das machen sie ständig und sie wollen nur Leben retten, da werden sie wohl kaum auf die Figur der Patienten achten. Und wenn doch, brauche ich mich ja nicht zu schämen.

Die Schwester bringt mir den Entlassungsbrief und ich bin froh, das Krankenhaus so schnell wieder verlassen zu können. Zudem noch eine Tüte mit Verbandsmaterial. Ich soll täglich den Verband an meiner Hand wechseln. Gestern habe ich nicht hingeschaut, deswegen heute genau aufgepasst, denn morgen muss ich es allein hinbekommen. Egal, ich werde es schaffen, aber jetzt will ich erst einmal hier raus.

Thea hilft mir beim Anziehen, da meine Kräfte noch zu wünschen übrig lassen. Ich versuche einfach aus dem Bett springen, aber kaum stehe ich, wird mir schwindelig und muss mich auf die Bettkante setzen. Thea schüttelt nur mit dem Kopf und stülpt mir eine Hose über die Füße. Ich rutsche vorsichtig zurück auf meine Beine und ziehe sie hoch. Dann noch das T-Shirt und nun sitze ich schon wieder, denn jede Bewegung strengt mich an. Das ist für mich ungewohnt, da ich eigentlich sportlich bin, aber die Energie, die durch meinen Körper gejagt wurde, hat offensichtlich seine Spuren hinterlassen. Es ist erforderlich, alles langsam zu machen und mich anscheinend mit mehreren Therapien zurück in mein Leben zu kämpfen.

Geht es dem jungen Mann auch so? Hat er ebenfalls die Beschwerden wie ich? Er sah sehr durchtrainiert aus. Hat der Blitz bei ihm das Gleiche ausgelöst wie bei mir?

Ich schüttele den Kopf, um die Gedanken an ihn wieder loszuwerden. Aber es klappt nicht so, wie ich es will. Ich bekomme seine leuchtenden Augen nicht aus meinen Erinnerungen. Die haben sich förmlich eingebrannt.

„Amy, alles Okay?“, fragt mich Thea und ich bemerke, dass ich mit geschlossen Augen vor dem Bett stehe, total in mich versunken.

„Ja“, antworte ich erschrocken und sehe, wie Thea mich anstarrt. Die Neugierde springt direkt aus ihrer Miene.

„Was hast du gerade gedacht?“, lächelt sie und ich bin mir sicher, dass sie es schon längst weiß, zumindest ahnt.

„Ich muss noch etwas erledigen, bevor wir gehen können“, wiegele ich ab und nehme meine Tasche, wo ich nur mit einem Handgriff die Salbe in ihr verschwinden lasse. „Kommst du?“, frage ich und Thea folgt mir mit einem tiefen Seufzer auf den Gang hinaus.

Ich schaue mich kurz um. Das sind so viele Zimmer, wie soll ich ihn da finden? Sollte ich die Schwester nach ihm fragen? Vielleicht ist sie offener als der Arzt?

„Was suchst du?“ Thea beobachtet mich aufmerksam und hat sich zudem untergehakt und gibt mir damit etwas mehr Halt. Meine Beine sind weiterhin wackelig, aber das interessiert mich momentan nicht.

„Ich möchte noch einmal mit der Schwester reden“, sage ich und ziehe Thea hinter mir her. Doch kurz bevor wir am Schwesternzimmer ankommen, sehe ich, wie der rätselhafte Kerl mit einem anderen Mann um die Ecke abbiegt. Ein Schild zeigt mir, dass es dort zu den Fahrstühlen geht. Er ist also auch entlassen worden und will gerade verschwinden. Aus dem Krankenhaus und vielleicht aus meinem Leben. Alles sträubt sich in mir, denn ich muss ihn erst kennenlernen, ehe er einfach so geht. Ich kann nicht sagen warum, irgendetwas zieht mich jedoch in seine Nähe.

„Komm, wir fahren mit dem Fahrstuhl“, fordere ich Thea auf, aber ihr lachen sagt mir, dass sie die beiden auch gesehen und meine Absichten durchschaut hat.

Kaum das wir um die Ecke sind, bleibe ich abrupt stehen und Thea schaut mich abermals fassungslos an. Am Ende das Ganges, genau vor dem Fahrstuhl sehe nicht nur die beiden Männer, nein, neben ihnen ist ein schwarzer Engel erschienen.

Er ist so groß und schön, dass es mir die Sprache verschlägt. Ich schaue ihn fasziniert an, kann mich jedoch nicht einen Zentimeter bewegen. Ganz langsam kommt er in meine Richtung und jetzt ergreift mich die Angst. Die Faszination schlägt in Panik um und ich weiß nicht warum. Sanft schwingen seine Flügel, aber mit jedem Meter, den er sich mir nähert, schnürt es mir mehr die Kehle zu. Ich bin kurz davor in Ohnmacht zu fallen, als plötzlich Elea zwischen uns steht und mich vor ihm abschirmt.

„Lass sie in Ruhe“, zischt Elea den schwarzen Engel an und schwingt provokatorisch mit ihren Flügeln.

„Du wirst ihr nicht ewig helfen können“, schwebt eine dunkle und gefährlich klingende Stimme zu uns herüber.

Ich versuche, an Elea vorbeizuschauen, aber ihre ausgebreiteten Flügel lassen es nicht zu.

Ein weißer und ein schwarzer Engel. Sie scheinen sich zu kennen und ich glaubte immer, so etwas gibt es nicht. Jetzt sind gleich zwei hier, aber ich spüre die Gefahr, die von ihnen und ihrem Zwist ausgeht.

„Amy?“ Thea zieht an meinem Arm und versucht, mich aus der Starre zu reißen. Sie hat nichts von alle dem mitbekommen. Kann die Engel nicht sehen und das, was eben passiert ist, hat sich für mich wie Minuten angefühlt, waren aber nur Sekunden.